Wie der Oktober riecht

Der Oktober riecht nach verbrannter Milch früh am Morgen. Nach feuchter Erde und der letzten gelben Rosenblüte riecht der Oktober. Schon zerfaellt die Bluete, eine letzte Hand voll Rosenduft.Nach Kürbis im Ofen und Rosmarin aus der alten, rostigen Dose links im letzten Regal.
Nach nassen Socken riecht der Oktober und feuchten Bettlaken draussen im Hof auf der gelben Waescheleine, die auch nach einem langen Nachmittag nicht trocken wird. Der Oktober riecht nach Quitten, schwer und süss sind die Quitten, weich ist ihr Flaum gegen meine Wangen. Der Oktober riecht nach Rotweinkuchen, den meine Schwester so liebt und den ich ihr immer backe, aber nie probiere. Schwesterchen macht omm-nomm-omm.

Der Oktober riecht nach Torf und nassem Laub, seltener nach Sonnenflecken und oft nach den Orangenschalen, die die M. in den Küchenofen wirft. „Oh wie das knallt“, sagt sie und erschauert. Die Orangenschalen knistern. Der Oktober riecht nach einem frischen Bücherstapel und der Wärmflasche in meinem Bett. Immer an den Füssen. Meine Füsse sind immer kalt. Aber im Oktober sind sie immer noch etwas kälter als ohnehin. Der Oktober reicht nach Birnenkompott. Meine Grossmutter weckte Jahr für Jahre viele Gläser ein. Ich mag Kompott nur selten, zu klebrig, zu süss und zu modrig ist mir der Saft. Aber meine Grossmuter habe ich geliebt und so wecke ich doch Jahr für Jahr Äpfel und Birnen ein. Die D. freut sich doch immer so und ich kann dann ohne schlechtes Gewissen Apfelgelee einkochen. Der Oktober riecht nach aufgeschobenen Dingen aus dem März, nach schlechtem Gewissen ohne ersichtlichen Grund, der Oktober riecht nach einem Konzert mit einer schlecht gestimmten Geige und einem Kinofilm in dem der Held, die Helden schon wieder nicht küsst, sondern mit ihrer Schwester nach Nizza reist, nur um dort unglücklich zu versterben.

Der Oktober riecht nach Andersen Mächen und warmen Apfelkuchen. Der Oktober riecht nach Kamillentee und dem ersten argen Schnupfen. Hatschi. Der Oktober riecht nach dem Heckenschnitt und schalem Bier auf dem Tisch einer Kneipe. Der Oktober riecht nach Kerzen und fuenfstimmigen Nichtengesang. Der Oktober riecht nach Briefpapier und Spaghetti mit Chili und Parmesan. Der Oktober riecht nach Uff und Ach und verraetselten Träumen. Der Oktober riecht nach Arbeit und noch mehr Arbeit und ach, das muss ja auch noch werden.
Der Oktober riecht nach frischem Brot und Brot, das man nicht essen kann. Der Oktober riecht Walnusseis. Der Oktober riecht nach der missgestimmten Katze, die vergeblich versucht mit der Pfote an eine Spinne aus ihrem Netz zu angeln. Wenn die Katze missguenstig ist, haben wir alle etwas davon. Nur die Spinne lacht und hangelt sich weiter nach oben.

Der Oktober riecht nach Kefir aus dem Glas und zu frühem Aufstehen, nach kaltem Atem im Badezimmer und Pfefferminzzahnpaste. Der Oktober riecht nach Samtjacketts und jenem Mann auf dem Bahnsteig der mit seiner Zigarre blaue Wolken in den stillen Morgen bläst.
Der Oktober riecht nach dem billigen Weinbrand der Trinker. Sie merken den Winter viel frueher als wir. Der Oktober riecht nach Furcht in allen Lebenslagen und ein bisschen nach Wehmut, denn dieser Sommer war lang wie blau. Nach Heimweh riecht der Oktober, denn im Oktober reisen viele Klassen nach Irland. Ein Junge schluchzt in das Fell eines alten Plüschdrachen und seine Freunde sagen: „Bruda, wir rufen deine Mami gleich noch mal an.“ Der Oktober riecht nach Stahlwolle und den Geheimnissen eines Werkzeugskoffers. Der Werkzeugkoffer gehört dem Heizungsinstallateur. Der Installateur knurrt über Ventile und kratzt sich mit einem Zimmermannsbleistift hinter dem Ohr. Das wort Zimmermannsbleistift wollte ich schon immer einmal schreiben, manchmal kommt sie dann doch die richtige Gelegenheit. Der Oktober riecht nach heisser Zitrone und wässrigem Porridge.
Der Oktober riecht nach Ariel 3 in 1, denn ich wasche doch noch einmal die hellblaue Steppdecke bevor der Winter wirklich kommt.

Der Oktober riecht nach den Buchsbaumhecken auf einem Friedhof nahe dem Meer.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Frau Wortschnittchens olfaktorische Impressionen kommen von der Suedhalbkugel

Bei Ijuno kommt der Oktoberduft aus Indien.

Loosy hält in Berlin die Nase in die Luft.

Kiki erinnert sich an den Geruch Ihrer Kindheit und auch Abwesenheit lässt sich erschnuppern.

28 thoughts on “Wie der Oktober riecht

  1. Irgendwann roch der Oktober nach Mottenkugeln, wenn die dicken Decken aus dem Bettkasten geholt wurden. Aber nun schon lange nicht mehr. Die Jogger riechen nach Duschgel, wenn sie vorbeirennen, bleibt ihre Spur in der Luft hängen. Der Jasmin hat wie immer weiße Blüten, und die duften nach Jasmin. Die Pilze duften nach Pilz und feuchter Erde, wenn man sie an die Nase hält. Das Schlafzimmer riecht der Oktober nach den Wollsocken, die ich neuerdings anziehe, unter den Turnschuhen. Besser, ich trage sie an die Luft. Der Oktober riecht nach Benzin im Parking des Supermarkts und nach Chlor und Ariel in der Abteilung für Haushaltswaren. Da fliehe ich lieber zur Obstabteilung, die riecht nach Äpfeln und Birnen, wie es sich für den Oktober gehört.

  2. Pingback: Oktobergerüche – ljuno…is for notes

  3. Der Okrober riecht nach Kastanienklackern und dem Rascheln der gelb-roten Blätter auf der Wiese, nach klarer, kalter Luft und dem Wollschal am Hals, nach warmem Pudding mit den letzten Pflaumen, die ich vom Boden lese unter dem Baum, der nun fallen wird. Er riecht nach Sonnenstrahlen, die direkt die Augen trefffen – so tief steht sie schon – beim Autofahren, nach den warmen Schuhen, die ausgepackt werden, nach frisch gewaschenen T-Shirts, die im Schrank nach hinten verschwinden und leise vor sich hin grummeln. Er riecht nach dem letzten Apfelmus, das schon fast kandiert, nach dem Eintopf und dem niedersächsischen Kindergericht, das nur meine Großmutter kannte. Er riecht nach Desinfektion und Angst. Und nach dem Orangerot des ersten Sonnenstreifens am Morgenhimmel und nach triefender Nässe. Er riecht nach Ende und Hoffnung, dieser Oktober.

  4. Der Oktober riecht nach kaltem Sand an der Nordsee, nach dem Sausen der Drachen im Wind.
    Nach Kürbis und Knoblauch aus dem Ofen und den trocknenden Kürbiskernen auf dem Holzofen.
    Der Oktober riecht nach den ersten Morgennebeln und endlich, endlich nach Regen, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang und immer noch nicht genug.
    Der Oktober riecht nach lange nicht genutzten Heizkörpern, das Knacken und Gluckern, nach dem Entlüftungswasser, nach dem ersten Feuer im Holzofen und heißem Tee und Eintopf.
    Er riecht nach nassem Laub, dem Abschiedsschnattern der Gänse, nach der letzten Sonnenmilch in diesem Jahr und der frischgewaschenen Winterjacke.
    Er riecht nach der Erkenntnis, dass das Jahr fast um ist, und all die guten Pläne nicht umgesetzt wurden, bis auf den einen, so großen, und nach der Hoffnung, daß alles, alles gut werden wird.

  5. Der Oktober riecht nach den Erfahrungen, die wir in unserem Leben in diesem Monat gemacht haben.

    Nach Bergluft, verbranntem Laub oder Smog aus Zweitaktmotoren, nach Kürbissuppe, Stockbrot am Lagerfeuer oder Bratwurst, nach Astern oder der wirklich letzten Gartenrose voll unvergleichlichen Dufts, nach vielem anderen mehr, und manchmal riecht er – wie jeder andere Monat auch – nach Krankenhaus und Desinfektionsmittel an den Händen.

    Doch riecht er in den guten Jahren auch nach dem Schal, der einen selbst – oder einen geliebten Menschen – bis zum Frühling wärmt und schützt.

  6. Der Oktober riecht nach so vielen Laubdüften wie es Schattierungen auf dem Farbfächer des Baumarkts gibt. Pappellaub beginnt den Duftreigen, manchmal übt es heimlich schon seit August, damit es den ganz Oktober Duftkönig bleiben kann. Kastanien haben unter der Plage der Miniermotten oft schon nichts mehr übrig zum Mitduften. Der Ahorn und die Eichen sind die Chorsänger unter den Düften, reihen sich brav in den Gesamtduft ein. Die Platanen können nicht so recht mit, deshalb behaupten sie, dass ihnen am Duft eh nichts liegt und sie dafür die Könige des Raschelns sind. Walnusslaub ist für die saure Note zuständig, die sich nach einem Regenguss am besten entfaltet.

  7. Am Anfang riecht der Oktober noch nach September, aber wer früh aufsteht, riecht den November in ihm: Freundlich und bestimmt, keinesfalls drohend, aber mahnend. Der Oktober riecht nach den Pullovern und Jacken, die alle im Zimmer liegen und darauf warten, eingesetzt und ausgeführt zu werden – dünnen Jacken, mittleren Jacken, dicken Jacken. Der Oktober riecht nach abgestandener Luft, probeweise mal doch mit geschlossenem Fenster geschlafen, aber das geht eigentlich gar nicht. Die abgestandene Luft riecht warm und staubig, nach den vielen Pullovern im Zimmer, ein warmes Müffeln, dem nur Schuhcreme und Pfeifenrauch fehlen, um sich wie bei Sherlock Holmes und Doktor Watson zu fühlen. Da merkt man erst, wie frisch es draußen riecht, ein wenig nass, nach Laub und Erde. Der Oktober riecht schon nach Gebäck, aber noch nicht nach Tee ohne Milch. (Andere Monate riechen nach Tee mit Milch.) Der Oktober kitzelt beim Riechen schon etwas in der Nase, weil die Nase schon ein bisschen zumacht.

    • Das stimmt der Oktober ist ein Monat der den Jacken und Jankern gehört und wirklich meine Nase prickelt jetzt auch nach deinen wunderbaren Geruchseindrücken.

  8. Der Oktober riecht nach Kürbissuppe. Und nach Kartoffelsuppe mit Würstchen und Majoran. Er riecht nach Laubfeuer, seit ich auf dem Dorf wohne und dann schnupper ich immer in die Luft, weil ich diesen Geruch einfach mag. Dieser Oktober roch nach Sommer und Sonne, erst gegen Ende nach Regen, nassem Laub und der Wind, der die Blätter von den Bäumen fegt, riecht frisch und kalt nach gar nichts. Der Oktober duftet nach Kerzen am Abend und ein wenig stinkt er auch, wenn ich nach so langer Zeit zum ersten Mal die Heizung anschalte. Es wird nicht einfach warm, in den ersten zwei, drei Tagen müffelt es irgendwie. Der Oktober riecht nach Tee und Büchern, nach meiner gemütlichen Wolljacke und nach Acrylfarben, weil ich Weihnachtsgeschenke bastel. Und am 31. riecht er nach Marshmallows und Gummibärchen.

  9. Der Oktober riecht nach nasser Erde und feuchtem Laub. Er riecht an sonnigen Tagen wie ein Abgesang an den Sommer und an den ersten frostigen Tagen, wie ein Versprechen für einen schneereichen Winter. Abends riecht er im Wohnzimmer nach Kerzenduft, Pfefferminztee und Kürbismuffins. Das Schlafzimmer riecht nach frisch gewaschenen Winterjacken und dem Lavendelduft der aus der Kiste befreiten Mützen und Schals. Er riecht melanchoisch und läutet das Ende des Jahres ein. Ein leichter Hauch von vorweihnachtlicher Hektik liegt auch schon in der Luft und der Ehemann schwört, dass er deutlich bereits die Lebkuchen und die süßen Datteln riecht.

  10. Der Oktober riecht nach feuchtem Putz, Kleister, neuer Tapete und Farbe im frisch renoviertem Flur. Nach modriger Erde und nassem Moos an den 12 dreckigen Katzen(füßen). Er riecht nach Rosenkohl und Bratkartoffeln mit Möhren, da es endlich kalt genug ist, richtig deftiges Essen zu genießen. Der Oktober duftet nach viel Staub und alten Büchern, weil der große Herbstputz gemacht werden will und ich viele Buchregale habe. Es riecht endlich, endlich nach Heizungsluft und Kerzenduft, weil es kalt und früh genug dunkel wird, um alle Kerzen bis zum frühen Schlafengehen anzuzünden – der schwarze Tee mit Orange und Marzipan verströmt dabei sein ganz eigenes Aroma, das ich nur in der dunklen Jahreszeit wirklich von Herzen liebe. Der erste echte Elisenlebkuchen mit Mandelsplittern schmeckt besonders gut dazu. Der Geruch von Dämonen und Geistern schwebt die letzte Oktoberwoche ohne Unterlass in der Luft und lässt mich ein paar mal die ganze Nacht bei eingeschaltetem Licht schlafen, obwohl ich diese Zeit im Jahr am mit meisten liebe und zwei Wochen lang fast jeden Tag Gruselgeschichten und Horrorfilme gesehen habe. All Hallow’s Eve riecht nach dem Bastelkleber für meine Geistermaske, schmeckt nach frischem Blut und Metall vom obligatorischen, aber jedes Mal unbeabsichtigten Schnitt in meinen Finger, nach Vanillekerzenduft und der vielen Schokolade, die ich dabei nasche. Der letzte Oktobertag riecht immer auch nach Abschied und einem unbestimmt wehmütigen Gefühl – aber auch nach leiser Vorfreude auf den nächsten Oktober mit seinen vertrauten Düften und willkommenen dünsteren Begleitern.

    • Ihr Oktober ist wirklich ganz besonders speziell und fürchterlich gern hätte ich jetzt auch eine Tasse Tee, die nach Orange und Marzipan duftet. Dankeschön

  11. Der Oktober riecht nach Laub harken und Garten winterfest machen.
    Nach WD40, Fahrrad checken und Lichter reparieren.
    Nach allen Sorten Tee. Nach Kürbissuppe und Kürbismarmelade und natürlich auch nach frischem Apfelkuchen.
    Und nach Start der Winter-Freibad-Saison im Dantebad mit schwimmen im Abend-Nebel, gerne auch bei leichtem Regen mit Niesel-Glitzer-Beleuchtung.
    Beim spazieren kann man das Laub fallen hören mit jedem Windstoß. Und das Spiel der Herbstfarben sehen und Schwammerl riechen.

    Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit.

  12. Pingback: Wie mein Oktober roch und schmeckte | la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

  13. So viele Gerüche in Ihrem Oktober. Ich wünschte, der letzte gehörte nicht dazu.

    Mein Oktober riecht in diesem Jahr nach Meer und Kiefernnadeln, nach Fischbrötchen, Waffeln und Eiscreme und nach Sommer. Manchmal aber, ganz früh morgens oder in der Nacht, auch schon ein kleines bisschen nach Frost, denn der Winter wartet schon, auch wenn der Oktober sich als Juni verkleidet hat.
    Nach Abschied riecht dieser Oktober, ein bisschen nach Ungewissheit, aber auch nach Neuanfang.
    Immer riecht der Oktober nach Geburtstagskuchen. Er riecht nach Tee und Kerzen, nach feuchtem Laub und der ersten staubigen Heizungsluft. Die Küche riecht im Oktober nach Butter und Mehl, nach Zimt, Banane und Kokos, aber auch nach Linsensuppe. Der Oktober riecht nach feuchter Wolle und duftendem Badewasser, nach Vergänglichkeit und Hoffnung.

  14. Der Geruch der Buxbaumhecke des Friedhofes am Meer.

    Mein Herz zuckt und ich schmecke meine Tränen. Wieder einmal. Manchmal ist man nah und es gibt kein Vergessen, obwohl man nicht gekannt hat.

  15. Pingback: Vollkornlektüre - MATHILDE MAG

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