Am Ende, der Anfang. Wie der Tierarzt und ich uns kennen lernten.

Am Ende,keine Abschiedsworte, sondern lieber die Geschichte vom Anfang. 

Ganz neu war ich im Dorf und kannte noch niemanden außer der Katze. Die Katze aber hatte kein großes Interesse daran mich kennenzulernen. Den Priester kannte ich noch nicht, der weilte in der Sommerfrische und so war ich so allein wie selten.

Niemand aber der neu ins Dorf zieht, kann den Laden der Frau des Krämers verfehlen, denn die Frau des Krämers handelt nicht nur mit Scones und irischer Butter, sondern ist Bürgermeisterin, aber auch inoffizielle Polizeikommissarin des Dorfes und als ich eines Tages in ihrem Laden nach braunem Zucker kramte- was diese Ausländer alles essen-, beugte sie sich über die Ladentheke uns fragte:

„Fräulein Read On, kennen Sie denn schon unseren Tierarzt?“

„Nein, sagte ich, das Vergnügen hatte ich noch nicht. Haben sie braunen Zucker?“

Meine Frage ignorierte die Frau des Krämers.

„Meine Tochter und er sind schon fast verlobt“, sagte sie.

„Wie verlobt man sich denn fast Frau des Krämers?“

Die Frau des Krämers starrte mich an. „Sie stellen wirklich sehr komische Fragen.“ Aber dann beugte sie sich weit über die Ladentheke vor und sagte: „Er wird der erste Studierte in der Familie sein, Augen wie Paul Newman, wenn er sich drei Tage nicht rasiert, ich sage ihnen da macht mein Herz auch noch mal boom, boom und dann erst seine Hände. Sie wissen ja was man über Tierärzte sagt. Die Frau des Krämers zog eine Augenbraue hoch: „Ich nehme an, sie haben niemanden?“

Ich starrte die Frau des Krämers an, schüttelte den Kopf und verließ den Laden sehr schnell.

Braunen Zucker hatte ich nicht bekommen.

„Das habe ich mir gleich gedacht“, rief die Frau des Krämers.

Zwei Wochen vergingen und die Milch war aus.

Vor dem Laden der Frau des Krämers parkte ein klappriger Volvo.

Die Frau des Krämers kicherte.

Ihre Tochter war krebsrot im Gesicht.

Als ich den Laden betrat, drehte sich ein Mann zu mir um.

„Das ist die Ausländerin“ quiekte die Frau des Krämers noch immer atemlos.

„Fräulein Read On“, sagte ich. Und Sie sind?“

„Das ist unser Tierarzt“, krähten die Damen Krämer.

Der Mann vor mir streckte die Hand aus.

„Oh“, sagte ich, Sie sind der Beinahe-Verlobte.“

Der Mann vor mir ließ die Hand fallen und sah mich an.

Einfach so.

Plötzlich und ganz unverhofft sagte er:

„Shitzerhozen“

„Was?“, fragte ich ihn verblüfft.

„Shitzerhozen“

Ich schüttelte den Kopf und ging vorsichtig einen Schritt zurück.

Vielleicht sprechen die Tierärzte in Irland Schafisch?

„Die Frau des Krämers sagte sie sprächen Deutsch.“

Ich nickte.

Aber warum kennen sie dann „Shitzerhozen“ nicht?

Hören Sie Tierarzt, ich weiß nicht was sie da sagen, aber Deutsch ist das nicht.

Der Mann schüttelte seine Haare.

Fielen da hinter der Theke Tochter und Mutter Krämer etwa in Ohnmacht?

„Ich werde ja wohl wissen, ob ich Deutsch spreche.“

„Ich werde wohl doch noch hören, ob Sie Quatsch reden.“

Es gibt kein Wort namens Shitzerhozen.

Der Tierarzt fand ich, hatte auf einmal ein Gesicht wie ein sturer Esel

„Ich werde es ihnen beweisen.“

„Na los“, sagte ich, dann beweisen Sie mir das mal.“

„Okay“, sagte der Tierarzt und zog mich aus dem Laden heraus.

„Ich hatte eine Brieffreundin in der DDR. Erdmute. Holy moly what a name. Erdmute. Der Tierarzt lutschte den Namen wie einen Bonbon. Diese Deutschen. Wunderbar. Wir schrieben uns, was man sich eben so schreibt. Sie liebte Kühe wie ich.

Ich starrte die Hände des Tierarztes an.

„Wie sehr lieben Sie denn Kühe?“

„Oh so very, very much“, sagte der Tierarzt und ich trat einen Schritt zurück.

„Irgendwann schickten wir uns Bilder.“

„Will ich das wirklich hören?“

„Oh unbedingt.“

Sie schickte mir ein Bild von sich im Kindergarten. Oh sweet, little Erdmute.

Ich schickte ihr ein Bild von mir. In der Badewanne.

( Was ist nur los hier mit diesen Leuten, fragte ich mich?

Sie schickte mir einen Brief und schrieb: DU BIST SUESSER KLEINER SHITZERHOZEN.

Ich starrte den Tierarzt mit offenem Mund an, er zuckte mit den Schultern und lächelte.

Seit wann haben Tierärzte Grübchen?

„Sehen Sie Shitzerhozen gibt es doch.“

Dann aber fiel der Groschen.

„Tierarzt, sage ich, ihre Erdmute fand Sie seien ein süßer, kleiner Hosenscheißer, ein Bub, der noch seine Windeln braucht.

Aber der Tierarzt lächelte noch immer ein wenig mitleidig zu mir herüber.

„Shitzerhozen“, sagte er, sie verstehen es einfach nicht. Aber Erdmute oh my, what a girl. Ihre Eltern hatten viele Kühe. Oh these Germans

Dann drehte er sich um und ging zu seinem Auto herüber.

„Good luck here, Fräulein Read On who pretends to know German.

„Man sieht sich, Fast-Verlobter-Hosenscheißer“, rief ich ihm hinterher.

Er winkte.

Die Frau des Krämers sagte: „Fräulein Read On, der Mann ist mehr als eine Nummer zu groß für Sie.“

Drei Wochen später hielt zum ersten Mal ein klappriger Volvo im Oberland.

Du wirst mir fehlen Niall, du, das Licht und auch die Schatten.  7 Tage hält man im Judentum Shiva, für sieben Tage bleibt es hier ganz still, vielleicht auch noch ein bisschen länger, es werden schon nicht gleich sieben Jahre werden. Ich danke ihnen allen für ihr große Anteilnahme, für ihre Lieder und für ihr Licht,dass all die Schatten so viel kleiner machte. Baruch Dayan Emet.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

Sonntag

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.

Manchmal hat man zwischen zwei Terminen noch Zeit. Zu wenig Zeit, noch einmal in den Vorort im Berliner Südwesten zu fahren und zu viel Zeit um schon am verabredeten Ort zu sein. So ging es mir anderntags. Ich stand auf einmal unversehens auf einer fürchterlich öden Berliner Straße. Nagelstudios, eine Aral-Tankstelle, eine Anwaltskanzlei für Familienrecht mit verstaubten Teddybären im Fenster. Wohnhäuser, auf der Straße rauschender Autoverkehr. Eine Seniorenresidenz. Vor dem Eingang rauchen die Pfleger und die Bewohner. Kein Café, außer einer Bar, die ist geschlossen. An der Ecke aber ist ein türkischer Imbiss. Istanbul-Grill, geöffnet ab 9.30 Uhr. Es war elf Uhr.

„Ayran und einen Pfefferminztee, bitte“ sage ich. Der Mann hinter dem Tresen nickt. „Für hier?“. „Für hier“ sage ich und setze mich in eine Ecke, in die ein bisschen Sonne fällt. Ein Fernseher über der Theke. Die Sängerin singt von der Liebe. Bilder von Beirut. Der Mann, der Ayran und Tee bringt, seufzt. Beirut?, frage ich. „Ja“, sagt er. „Rabat?“, fragt er mich. „Fast“, sage ich. Aber die gleiche Sprache sprechen wir doch. „Istanbul-Grill?“, frage ich. „Vor zwei Jahren ist der Inhaber zurück in die Türkei. Izmir. Ruhestand. Istanbul liegt am Meer. Beirut liegt auch am Meer. Das passt schon. Ich lache. Er lacht. Ein offenes Lachen. „Schon lange in Berlin?“, fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. „Nur noch gelegenheitshalber.“ Der Mann nickt. Wir sprechen über Beirut, Berlin, Hundescheiße auf dem Gehweg, den langen Winter, den besten Wochenmarkt und er sagt: Karim. Ich sage: Read On.

Dann muss der Mann zurück hinter die Theke. Eine Gruppe von Bauarbeitern kommt in den Istanbul-Grill. Es sind Polen. Der älteste der Bauarbeiter hat schon graue Haare und einen Stoppelbart, der Jüngste sieht aus, als wäre er gestern noch in der Schule gewesen. Vielleicht ist das so. Fünf Döner-Teller mit allem. Das müssen sie nicht sagen. Sie setzen sich hin. Der Mann hinter der Theke begrüßt die Männer mit Namen. Schön dich zu sehen: Piotr, Pavel, Matheusz,Jakub,Radek.

Sie nicken und vor dem Döner-Teller kommt eine Suppe. Der Mann hinter der Theke, fragt nach der Baustelle und dem Rücken des ältesten Mannes der Runde. „Schwer heben, nicht gut“ sagt er. Die Bauarbeiter sagen: Ja, aber immer alles schnell, schnell.“ Alle seufzen und dann essen sie.

„Sie sind wie Familie“, sagt Karim hinter der Theke zu mir und bringt noch einen Tee.

Erst dann fällt mir auf, dass der Istanbul-Grill viel mehr Besucher hat als ich erst dachte.

Am Tisch mir gegenüber hält sich ein Mann an einem Bierglas fest. Er trägt eine speckige Lederweste und zu seinen Füßen stehen vier Plastiktüten. Ungekämmtes Haar, eine alte Baseballkappe vor ihm auf dem Tisch. Seine Turnschuhe haben keine Schnürsenkel mehr, sondern sind mit Paketklebeband zusammengehalten. Er bekommt auch eine Suppe wie die Bauarbeiter. Er sitzt tiefgebeugt über der Suppe und schlürft. Statt einer Serviette behilft er sich mit dem Ärmel. Der Mann wäre in keinem Restaurant, keinem Café willkommen, für Männer wie ihn gibt es die Bahnhofsmission, wir wollen lieber nicht neben ihnen sitzen und dann gibt es denn Grill-Istanbul. Ein Bier, welches der Mann in 5 Cent Stücken bezahlt und eine Suppe, die auf keiner Rechnung auftaucht. Der Karim, der macht ne richtig gute Suppe wie bei Muttern ruft der Mann.

Hinter dem Mann mit der Suppe sitzt eine grell geschminkte Frau, sie trinkt Kaffee und liest in der Hörzu. Sie sieht immer wieder auf ein Telefon vor ihr auf dem Tisch. Aber das Telefon klingelt nicht. Schließlich wählt sie eine Nummer und dann ruft sie dreimal: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sie stopft die Hörzu in die Tasche und Karim sagt: „Stress zu Hause?“ Die Frau nickt. „Große Scheiße“ sagt sie. Der Bert ist mit den ganzen Möbeln einfach weg. Dann geht sie geschlagen nach draußen.

Karim räumt die Kaffeetasse ab.

Links von der Theke wo Börek mit Hack und Spinat und Käse und kleingeschnittenes Gemüse liegt, da sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 40. In einer Tasche hat er Hemden aus der Reinigung, 10 Hemde für 12 Euro oder so. Vielleicht hat er seinen Job verloren, dann die Frau, dann vielleicht das Haus, vielleicht hat er nur noch ein bedsit, keine richtige Wohnung mehr. Die Kinder schämen sich. Er ist einen Döner, hastig und hungrig, vielleicht ist das die warme Mahlzeit am Tag.

Dann kommen zwei Männer und zwei Frauen aus dem Seniorenheim in den Istanbul-Grill. Einen der Männer habe ich rauchen sehen vor der Tür. Er hat eine Sauerstoffflasche dabei, er hustet, ein angestrengtes Husten, ein Husten der schlimmer wird, aber der Mann strahlt. „Hallo Karim“. Karim kommt und sagt: Hallo Heinz.“ Die zwei Männer und zwei Frauen setzen sich an ihren Tisch. Karim bringt Bier, Kaffee und Saft. Prosit, ruft Heinz und dann bringt Karim ein Brettspiel: Mensch Ärgere Dich nicht und schon würfeln Heinz und seine Freunde und für einen Moment ist die Seniorenresidenz gegenüber ganz weit weg, ist der Istanbul-Grill ein Restaurant mit Meerblick und Zeitvertreib. Zwei Mädchen kommen herein. Mädchen, die Jacqueline und Tiffany heißen und eine Handvoll Kleingeld haben. „Reicht das für zwei Eis?“

Ihre Mutter raucht vor der Tür.

Die Mädchen bekommen Eiscreme, aber gleichzeitig Nachhilfe in Mathematik, Wertschätzung und dieses Strahlen, das Karim hat für die Menschen, die im Feuilleton gesellschaftliche Verlierer oder Transferempfänger heißen.

Der Istanbul-Grill ist ein Gemälde von Otto Dix. Hier setzen die Trinker, die Obdachlosen, die noch nicht ganz Obdachlosen, die Gelegenheitsarbeiter, die Zugehfrauen zwischen zwei Wohnungen, die Bauarbeiter, die Menschen, die nicht weiter wissen, denen die Tage zu lang sind, die aufgegeben haben, die Alten zu denen vielleicht an Weihnachten noch einmal Besuch kommt, aber sonst nicht mehr. Hier sitzen die Anderen. Der Istanbul-Grill und es gibt viele von ihnen, ist Sozialamt, erste Hilfe, Familienersatz, ist Wärme und nicht nur die wärmende Suppe. Der Istanbul-Grill holt Leute von der Straße, fragt nicht, verachtet nicht, schenkt Tee nach. Im Istanbul-Grill kann man anschreiben und man kann seine Plastiktüten später abholen und dann liegt ganz oben ein Döner mit allem in Silberpapier. Der Istanbul-Grill ist Heimat, Wohnzimmer, der letzte Anker und die stete Vergewisserung: „Hallo, gut dich zu sehen.“ Das hören die Gäste sonst wohl schon seit Jahren nicht mehr.

Dann aber muss ich gehen. „Danke, sage ich und Karim sagt: „Ich hoffe man sieht sich wieder.“ Ich nicke. Danke, sage ich noch einmal und ich denke, es wäre doch an der Zeit öfter Danke zu sagen, dafür, dass so viele, die wir vergessen im Grill Istanbul willkommen und aufgehoben sind. Ihre Geschichten, die von Karim aus Beirut, dem Inhaber des Istanbul-Grills werden nicht erzählt, oder nur sehr selten, wenn wir darüber sprechen, was Deutschland prägt, aber ohne sie, ohne ihre Fähigkeit den Menschen die es am nötigsten haben, die Hand hinzuhalten, wäre Deutschland ein viel, viel ärmeres Land.

Karim bringt mir Baklava.

Ich will Trinkgeld geben.

Aber Karim hat das Wort auf Deutsch noch nie gehört.

Wir streiten natürlich darum, ob er es annehmen will.

Für den nächsten Gast, sage ich schließlich.

Wir lachen.

Salam aleikum, Karim.

Der Karim ist ein Mensch, sagte der Mann mit dem Bierglas und der Suppe und den vielen Plastiktüten. Ein richtiger Mensch.

Edit, 27.05. 2018: Der Istanbul- Grill ist dabei keine Ausnahme. Die wunderbare Kiki hat hier auch so eine eindrucksvolle, und mich sehr bewegende Geschichte über das Mensch-Sein aufgeschrieben.

Kurze Notiz

Die gar nicht mehr so neue, aber auch von mir munter ignorierte Datenschutzverordnung wird auch für dieses Blog seine Schatten voraus und auch hier wird sich dieses oder jenes ändern. Alle Like, Share und Irgendetwas Buttons werden zu diesem Behufe abgestellt. Ich würde die Kommentarfunktion gern behalten, man wird sehen wie das gehen kann. Angeblich bereit WordPress selbst auch Dinge vor, aber bekanntlich kann man nicht vorsichtig genug sein und so erschrecken Sie bitte nicht, ändert sich etwas,es wird sich schon ausgehen. So oder so.

Es dankt für Ihr Verständnis und Ihre Geduld,

Immer Ihr,

Fräulein Read On

Fünf Minuten oder lieber keine Werbepause

Ich ärgere mich bekanntlich nur sehr selten, und noch viel seltener ärgere ich mich über Internetdiskussionen. Ich habe ein Kalb in den Flegeljahren, eine Auszubildende, die mich in den Wahnsinn treibt und noch dazu sehr, sehr niedrigen Blutdruck. Außerdem habe ich nie Zeit. Bin ich zwar äußerlich eine Shetlandpony, dass stets eilig irgendwohin rast, so beharre ich darauf, dass ich das Herz eines Faultiers habe. Ich interessiere mich fast nie für Aufreger und in den langen Jahren radikalen Außenseiterseins habe ich gelernt, dass diejenigen, die am lautesten quieken, nie etwas zu sagen haben. Ich habe es mir gut gemerkt und dann und wann, gerade wenn ich mich ohnehin schon maßlos über die Auszubildende errege, reicht der Rauch aus den Ohren doch noch für fünf Minuten Verwunderung. Über das Thema selbst: Bloggen und Werbung ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem und natürlich sage ich jetzt doch etwas.

Ich lese keine Werbung und mir ist ganz gleich, wie sie daherkommt, ob als Wischzettel im Briefkasten oder als Blogbeitrag. Ich sehe kein Verkaufsfernsehen und klicke auf keine Werbelinks. Gegen die aggressive Dauerbeschallung hat der liebe G*tt Adblocker erfunden und am Briefkasten klebt ein Pickerl: „Bitte keine Werbung.“ Ich weiß, wir leben in Zeiten in denen Menschen vor dem notebook sitzen und ihre DM Einkäufe auspacken und auf dem zwei Stunden Flug von Dublin nach Berlin soll ich Parfüm, Herrenuhren und Sonnencreme kaufen und am besten passend zahlen.

Nichts davon tue ich und ich bin noch viel altmodischer als Sie bis dato ohnehin glauben. Ich glaube es gibt ein Recht darauf, nicht immer und nicht überall und nicht ausschließlich als Kunden wahrgenommen zu werden- auch nicht als Potenzielle. Sie, die Sie aus verschiedenen Gründen dieses Blog anklicken, sind nicht meine Kunden, sie sind Leser.
Um noch viel altmodischer zu werden. Ich glaube und tue dies aus tiefstem Herzen: Jedes Gemeinwesen braucht Leser. Leser sind so kostbar wie das weiße Dromedar. Leser wie Sie alle es sind, kommen mit ihrer Neugier, ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihrer Einzigkeit, ihrer Hingabe, ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrer Angst zum Text, zu vielen Texten, zu Romanen, Novellen, zu Blogtexten wie es sie hier gibt. Der Leser liest, macht sich Gedanken, kichert, schüttelt den Kopf, raucht eine Zigarette, schreibt einen wütenden Brief, seufzt und niest und wundert sich wie ein Fräulein sich von einem Kälbchen narren lässt. Es ist das Wunder des Lesens, der Verstehens, des Nicht-Begreifen Könnens, des fragenden, zweifelnden Lesen, des Falten und Mitnehmen eines Wortes, eines halben Satzes, eines ganzen Gedankens. Der Leser ist ein ernster Mensch, der Leser weiß etwas, sucht etwas, der Leser denkt nach. Rodins Denker ist ein Leser gewesen, der Leser ist kein Kunde, dem ich im Vorbeigehen noch Plastikschüsseln, eine Fernsehzeitung, Waschnüsse und Erdbeerkakao aufschwatze, tue ich das, suche ich keine Leser sondern Kunden mit vorgeformten Erwartungshalten, die nicht für einen Text kommen, sondern weil sie etwas brauchen oder etwas brauchen sollen.

Das ist ein diametraler Unterschied und hätte Thomas Mann jedem Zauberberg ein paar Herrenunterhosen beigelegt, wäre er eben Verkäufer von Unterhosen mit Text gewesen. Der Leser ist eine andere Kategorie als der Käufer und ich finde es sehr schade, wie wenig Wertschätzung der Leser hat. Es wird dann sehr oft und sehr empört darauf verwiesen, dass die Werbetexte doch mit reinem Herzen und viel Blut geschrieben sei und dass der Leser doch ruhig mal auf das flackernde Werbedings klicken möge, dass sei er doch schuldig und die das schreiben, meinen das auch ernst. Mag sein, diese Blogger wissen etwas über den Kunden, aber über das Lesen wissen sie nichts. Nichts über die Beziehung zwischen Text und Leser, die länger hält als jede Matratze, die Erinnerungen macht und Raum gibt, wie lange man braucht bis man einen Text wirklich begreift und oft tut man es nie und kehrt zurück und erinnert sich doch- an Haarseife, Handtaschen, und Schuhe ohne Boden erinnert man sich nicht und auch an sie wird man sich nicht erinnern, hat der Kunde, den sie Leser nennen genug, oder braucht etwas anderes,schon kehrt er ihnen in den Rücken.

Aber was ich ihnen übel nehme, ist das sie mit ihrem Gerede von den so schön geschriebenen Verkaufsgeschichten, so tun als nähmen sie die Geschichten ernst, als vertrauten sie auf die Geschichte, auf die Worte, als seien sie involviert, aber wie die Landliebe Familie und die Persil-Mutter sind sie keine Erzähler, sondern Verkäufer und immer ein bisschen lachen muss ich über das gekränkt vorgetragene: „Aber ich schreib doch nur, was mir gefällt.“ Der Selbstbetrug der Werbung ist wirklich nicht zu unterschätzen und dann ist Tchibo ein super Ort und die Fabriken in Indien kennt eh keiner und beim Agenturtreffen sind auch alle nett und als die Matratze aufhörte zu miefen, schlief man wirklich gut und überhaupt man will nur das Beste und wirbt gern mit Begriffen wie: natürlich, handgemacht und authentisch. Weniger gern und auch hier ist Landliebe Vorbild spricht man über Kilopreise, Produktionsbedingungen und Vergleichsangebote und weil man doch auch eine Geschichte erzählt, drückt das Gewissen noch weniger.

Das können Sie machen und meine Stimme hat kein Gewicht in diesen Fragen, aber ihre Texte, die sind nicht anders als das Wochenprospekt von real mit Hack im Angebot, auch wenn sie das nicht glauben wollen, denn sie zucken mit den Achseln und finden man könne ohnehin alles kaufen und wer nicht mit den Wölfen heult, der wird gefressen und sie glauben daran und lachen empört, aber dann sind die fünf Minuten schon um und ich will wirklich nichts kaufen und auch keine Geschichten darüber lesen, warum ich es sollte.

Glauben Sie mir, das Teuerste was ich habe sind meine Leser.

Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Goldene Bananen

Liebes Internet, liebe Freunde, verehrte Feinde,

heute Abend legt Berlin sich ein goldenes Mäntelchen um und verleiht die goldenen Blogger. Ich habe noch nicht einmal auf dem Jahrmarkt eine Papierrose gewonnen und dafür habe ich schon Schlüssel verloren, von denen man gar nicht wusste, dass es sie eigentlich gibt. Ich bin und bleibe auch heute Abend das seltsame und reichlich katastrophale Fräulein Read On. Aber ich freue mich, wenn Sie mir winken und winke zurück. Die mit der Banane, die bin ich und wenn Sie die Banane nicht sehen, aber dafür ein Shetlandpony, dann bin das auch ich.

Zusehen kann man hier ab 19 Uhr kontinentaler Zeit. ( Kälbchen, Hund, Katze und Tierarzt, bitte ab 6 Uhr einfinden!)
Wer gewinnt weiß keiner, aber verlassen Sie sich drauf, verlieren kann ich wie kein Zweiter. Abstimmen kann man wohl hier wohl hier und nominiert ist das seltsame Fräulein Read On für diesen für diesen Text und für dieses Blog als solches. Sprich, Sie alle, die dieses Blog mit Leben füllen, sind heute nominiert und ich freue mich sehr, dass Sie alle hier sind.

Mehr Bananen und immer mehr Liebe und von Herzen Dank dafür, dass Sie hier sind. Sie sind aus gold und ich Immer Ihr

Fräulein Read On

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Dunkle Briefe

Dies ihr ist ein kleines und persönliches Blog. Dieses Blog will niemanden etwas verkaufen, es hat keine politische Agenda, es gehört keiner Partei an, kein Verlag schreibt diesem Blog etwas vor, keine Agentur bewirbt hier Saftkartons, Knöpfe oder Kaugummis mit Einhorngeschmack.
Dieses Blog gibt es weil ich meist ziemlich spät am Abend ein Word-Dokument auf einem alten Notebook tippe, dann gähne, mir die Zähne putze und ins Bett gehe. Ich sollte natürlich die Kommata überprüfen oder die Rechtschreibung oder endlich anfangen Absätze in die Texte einzubauen. Aber fast immer bin ich schon zu müde. Dieses Blog hat keinen Redaktionsplan. Manchmal hat dieses Blog einen gelben Klebzettel: „Kälbchen wieder sehr frech“, Schwesterchen-Maske-Hochzeit D., aber dann schreibe ich doch wieder etwas ganz anderes auf. Dieses Blog will nichts, ich sehe alle halbe Jahre in die Statistik und habe anderntags die Zahlen schon wieder vergessen. Sie, die Sie hier lesen sind eingeladen zum Lesen, zum Lachen und Weinen, Sie können sich hier ärgern oder freuen. Sie können sagen: „Oh, dieses Fräulein Read On wieder“, Sie können den Text ausdrucken und die Kommafehler korrigieren oder aus den Texten ein Papierboot falten. Wenn es ihnen hier nicht gefällt, das Internet ist ein großer Ort, sie können lange Aufsätze über die Kanari-Zucht oder Maschinenbau lesen. Ich habe nachgesehen: dieses Blog hat seit seinem Beginn genau 5,878 Kommentare erhalten ( Danke für jeden Einzelnen ), 23 Kommentare habe ich nicht freigeschaltet.

Der Grund ist einfach: es sind Morddrohungen und ein langer Brief einer Organisation, die sich Schwarze Sonne nennt. Ich schätze alle, die hier kommentieren sehr. Viele Kommentare erlauben neue Blickwinkel, machen mich lachen und über viele Kommentare denke ich lange nach. Nicht immer schaffe ich es allen zu antworten. Das ärgert mich, manchmal kommen sie miteinander ins Gespräch, das freut mich besonders. Wenn einer von Ihnen lange nicht kommentiert, dann mache ich mir- denn ich kann nicht anders- Sorgen, aber niemals käme ich auf die Idee, die Email-Adressen, die Sie hier angeben, aufzuspüren, nachzuprüfen oder das zu tun, was man auf gut Deutsch als zu nahe treten bezeichnet. Das Blog gehört seinen Lesern, es verändert sich mit ihnen wächst, verwächst, schlängelt sich in eine andere Richtung, wie auch mein Leben, denn dies ist ja noch immer ein persönlicher Blog sich verändert mit den Jahren. Es oszilliert zwischen Ländern und Menschen, packt aus, zieht um, kauft ein paar neue Schuh, die Haare werden länger oder kürzer, nur die Abneigung gegen Sellerie wird wohl immer bleiben. Ich erzähle hier persönliche Geschichten, das ist ein Risiko, denn wer Persönliches preisgibt ist angreifbar, muss sich anfragen lassen, riskiert sogar, dass der Verein der Selleriefreunde, Protestnoten schreibt, Fräulein Read On ist nicht mein Passfoto, aber im Spiegelbild würden wir uns immer erkennen, das Fräulein und ich. Nicht zuletzt, weil wir immer ein Stück Nussschokolade in der Rocktasche tragen.

Die Geschichten, die Sie hier lesen können, aber nicht lesen müssen, sind meine persönliche Sicht auf die Welt, manchmal ein Ausschnitt, manchmal ein Versuch Gedanken zu ordnen, aber das was dieses Blog wirklich ist, ist der Versuch das Gespräch mit meiner Großmutter nicht abreißen zu lassen, denn Deutsch ist meine Großmuttersprache. Vier Jahre lang habe ich so geschrieben und heute erreichte mich dieser Brief. Der Brief kommt, aber wer weiß das schon von einer Frau, die im Brustton der Überzeugung befindet, hier würde gelogen, das sich die Balken biegen und sie würde mich nun enttarnen- zu meinem eigenen Schutz wohlgemerkt, denn Indien, die Aufklärunsgsprechstunde, die jüdische Großmutter sei alles Lüge, nichts als Lüge, und sie die edle Rittern und Retterin auf hohem Schimmel, besorgt um die Wahrheit selbst. Deswegen hätte sie diesen Blog auch gleich bei den „Goldenen Bloggern“ als nicht authentisch gemeldet und wünsche mir, denn die Dame ist von großzügiger Gesinnung: „Alles Gute.“

So sitzt man dann da mit dem Schreiben der Lügnerin, die einen selber Lügnerin heißt und das ist das perfide an den Lügnern in allen Formen und Farben: ihr schleichendes Gift, ihre stolz vorgetragenen Behauptungen, ihre Schamlosigkeit über ein fremdes Leben herzufallen, sich als Retter der Wahrheit zu inszenieren, denn die Lügner wissen schon was sie tun und wissen auch: immer bliebt irgendetwas kleben. Perfide Erzählfiguren beschwört sie da herauf: den Deutschen, der vom Jude-Sein träumt, die Rassistin, die arabische Männer untenrum erzieht, die eiskalte Geschichtenklauerin, die psychisch gestörte Bloggerin, der man doch helfen müsste und sich selbst inszeniert sie als „Schlimmeres“ Verhindern, eine beliebte, eine bequeme Figur und fühlt sich sich sicher stolz und stark, hier so erfolgreich als Detektivin tätig geworden zu sein und ein kleines Blog enttarnt zu haben, um sich nun selbst wichtig zu machen und groß zu tun. Lügner aber haben ein schlechtes Gedächtnis, denn ich habe natürlich einen Kommentar von ihr veröffentlicht.

Der Lügner hat kein Gedächtnis und auch kein Gewissen, für ihn gelten keine Grenzen, er schnüffelt und stöbert, er fragt nicht, er platzt hinein, er macht auch wohlmeinend und ist doch bösartig, er ist süßlich und klebrig aber niemals offen. Der Lügner ist hochmütig, sieht sich der Kritik enthoben und klopft sich noch auf die Schultern, der Lügner zweifelt nicht, er liebt Gerüchte und hat sich eingeschlossen in einem Zimmer, in dem nur er selbst sich Antworten auf falsche Fragen gibt.

Wer sich dann fragt, warum das Internet kein Ort mehr ist, um persönliche Geschichten zu erzählen, um zu erinnern, um zwecklos ein Thema anzustoßen, um zu plaudern, um Leser auf einen Tee zu bitten, um ohne langes Zögern die eigene Adresse herauszugeben, um manchmal Bilder und manchmal Töne hier hineinzulegen, der findet dann hier die Antwort. Weil die Angriffe, die Verschwörungstheorien, die Verleumdungen und das Geschmähe nicht länger mehr nur professionelle Journalisten trifft, oder große Verlagshäuser, sondern ein kleines, privates Blog mit Geschichten, die eben auch mein Leben sind. Das Leben anderer Menschen anzugreifen, zu verhöhnen und zu verleumden, ist nämlich keine Spielerei, kein Tändeln und die jüdische Erfahrung sagt: die Lüge und die Verleumdung ist niemals Spaß, sondern immer bitterer Ernst.

Wie man angesichts solcher Briefe weiterschreibt, das ist wie so vieles, eine schwierige und keineswegs leicht zu beantwortende Frage.

Da die Dame- so Sie denn eine ist- bitter beklagt, dass Ihre mich entlarvenden und bloßstellenden, kritischen Kommentare nicht freigeschaltet sind, so sei dieser ihr Brief hier unverändert abgebildet.

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Mutter Indien

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Frau Rajasthani hat jetzt Whatsapp. Das heißt um 3.45 irischer Zeit scheppert mein Telefon, ich fahre hoch, wische auf dem treuen, alten iphone herum und sehe schlaftrunken in die Gesichter der versammelten Familie Rajasthani. Alle sind in orange-grün-weiß gekleidet und machen festliche Gesichter. Dann schreien Sie: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON! Ich versuche noch meine Haare aus dem Kopfkissen heraus zuheddern und vor allem an meine Brille zu gelangen, denn so sehe ich nur verschwommene Schatten. Herr Rajasthani hat in der Zwischenzeit aber schon den Fernseher angedreht und in ohrenbetäubender Lautstärke schallt aus Delhi: Vande Mataram ins Schlafzimmer herüber und wieder schreit Familie Rajasthani geschlossen: „HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON. Auch der Tierarzt, dessen Schlaf durch wenig zu erschüttern ist, fährt aus den Federn und weil Familie Rajasthani gerade in Schwung ist, tönt es: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBER TIERARZT, alles unterlegt mit Fernsehgesang. RADHE-RADHE, sage ich und habe endlich die Brille auf. Schlaft weiter ihr Lieben ruft Frau Rajasthani und ihre Schwiegermutter schwenkt ein indisches Papierfähnchen. „Ich rufe nachher an“, sage ich und falle zurück ins Kissen. Der Tierarzt sagt: Mädchen, was war das für ein Gesang im Hause deiner verehrten Rajasthanis?
Oh, Tierarzt sage ich, dass Vande Mataram ist eines der zentralen Lieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung und war unter den Briten verboten, eigentlich aber ist es ein Loblied auf Bahat Mater, auf Mutter Indien.
Der Tierarzt so viel Patriotismus um 3. 45 Uhr nicht gewohnt, sieht mich verwundert an und ich singe natürlich inbrünstig, wenn auch a-capalla das Vande Mataram für ihn. Tierarzt und Hund starren mich an. Dann falle ich zurück ins Kissen.

Als ich aufstehe, schläft der Tierarzt selig weiter, und nur der Hund schlappt mir hinterher. In der Küche rufe ich Frau Rajasthani zurück. „Read On, sagt sie, ich glaube der Tierarzt ist Punjabi. Das Haar!!!“ Nur Punjabis haben solches Haar. „Frau Rajasthani, sage ich, der Tierarzt aus dem County Kerry und so irisch, wie Gandhi-ji niemals indisch war.“ Frau Rajasthani klingt nicht überzeugt. Sie seufzt: „Wir müssen zum Schulspiel.“ Am Unabhängigkeitstag, der in Indien zwar Feiertag ist, veranstalten die Schulen Theaterstücke, die den glorreichen Kampf gegen die Engländer nachahmen, alle schwitzen und schwenken Papierfähnchen und der Direktor hält eine Rede. Sohn Rajasthani spielt einen englischen Offizier und zeigt mir stolz die blaue Spielzeugpistole. „He drives me crazy with that blasted gun“ schreit Frau Rajasthani. „Wer spielt Gandhi-ji, frage ich?“ Frau Rajasthani knurrt böse: der Franzose. Ich muss kichern. „Der Direktor dieser Bandit, schnauft sie weiter, ist in die Französischlehrerin verliebt und schanzt dem Sohn, natürlich Gandhi-ji zu. Ich muss lauter kichern. Der Direktor der Schule nämlich ist ein Mann mit betelschwarzen Zähnen und einem Talent zu überlangen Reden über die süße Pflicht zum Tod für das Vaterland und dass ihn nun die Französischlehrerin aus Annecy um den Verstand bringt, ist eine zu schöne Vorstellung. „Süße, sagt Frau Rajasthani, dank Dir hat Töchterchen den Essaypreis gewonnen.“ Ich muss sehr lachen, denn jedes Jahr schreiben Tochter Rajasthani ein Essay über „I am proud to be an Indian“, und immer gewinnt Töchterchen Rajasthani und der Direktor liest den Text vor und Frau Rajasthani und Töchterchen Rajasthani husten in ihre Taschentücher, denn es ist doch zu komisch, dass ein heimatloser Jude über die Verpflichtung zu den Werten Gandhi-ji’s schreibt und der Narendra Modi-Direktor- Patriot über die Sanskrit Zitate stolpert. „Ich muss laufen“, sage ich und werfe Küsse ins Telefon. „Radhe-Radhe ruft Frau Rajasthani.

Dem Tierarzt stelle ich Porridge mit Zimt, Heidelbeeren und Orangenfilets hin. Der Tee kommt auf das Stövchen, neben dem Tee steht eine große Flasche Heidelbeer-Joghurt Smoothie als Mitgebsel für den tierärztlichen Tag und neben dem Smoothie steht ein Glas Sanddornsaft. Ein bisschen verstimmt richtet das Fräulein diese Dinge, denn gestern trank der Tierarzt weder Tee noch aß er den Porridge, der Smoothie blieb unberührt und am Sanddornsaft ward nur genippt. Das alles erfreut das Frühstücksfräulein nicht und noch weniger gern lässt sich das Fräulein als „verstockter Essenserpresser von gnadenloser Härte“ beschimpfen. So greift das Fräulein also zu Zettel und Stift und schreibt: „The best way to find yourself ist to have brekafast first.“ ( Read Ons Interpretation der berühmten Worte Gandhi-jis. Dann verlasse ich das Haus und für viele Stunden denke ich an andere Dinge als an Gandhi-ji und den indischen Unabhängigkeitstag.

Aber dann denke ich doch an A. Frau Rajasthani hat ja jetzt Whatsapp und schickt mir erst ein Bild des Direktors, dann dreißig Modi-Karikaturen und dann ein Video von A. A. spricht über die Tränen der Soldaten und Fahnen. A. bleibt meine große Wunde. A. mit dem ich nächtelang stritt und jahrelang verging kein Tag an dem ich nicht mit A. sprach. A., der mir nicht auswich, auch nicht wenn wir uns über die Häuserdächer hinweg stritten, über Indien und über das Indien Narendra Modis. Wir waren im Slum immer Kino und die Leute wetteten wer wohl wo nachgeben würde und irgendwann lachten wir und A. küsste mich oder ich küsste A. und dann küsste A. mich nicht mehr, sprach nicht mehr mit mir, und die letzte Email habe ich nicht zu Ende lesen können. A. glaubte, dass Indien starke Soldaten brauche und ich glaube, dass Indien starke Frauen braucht. A. glaubte an die Fahne in der Hand der Soldaten und ich sagte: „ich habe Soldaten nach ihrer Mutter schreien hören.“ A. verschloss sich die Ohren.
Ich starre auf A.’s Gesicht und noch immer möchte ich A. sagen, dass Bahat Mater und auch Narendra Modi ihn nicht lieben. Aber ich habe dich geliebt, möchte ich sagen, ich habe dich geliebt A., aber dann lege ich das Telefon aus der Hand.

Zuhause ist außer Hund und Katze noch niemand da und ich krame im Schuhkarton, auf dem Bild auf dem ich suche, ist die Slumklinik noch ein Resopaltisch und das Mädchen auf dem Bild, das bin wohl ich. Fremd bin ich mir geworden, wie ich da gegen eine Wand lehne und um mich herum stehen die Frauen und Kinder, deren Namen ich damals noch kaum kenne, ich kann zwei Wörter Hindi und auf dem Bild sehe ich aus, wie jemand der so schnell weglaufen will, wie er kann. Aber das Mädchen da auf dem Bild ist geblieben und wer weiß vielleicht sitzt sie ja auch heute gar nicht vor dem Bett, sondern steigt mit den Rajasthanis hinauf aufs Dach und sieht den Kindern beim Drachen steigen zu. Danke Bahat Mater, flüstert die Frau auf dem Fußboden, dass ich mit dir wachsen darf.“ Dann rapple ich mich hoch, und schneide Okkra. „Trinkst Du einen Chai?“ mit, frage ich den Tierarzt?“ Der Tierarzt nickt. „There is no god higher than chai“, sagt der Tierarzt und ich nicke. „Fast Gandhi-ji“ sagt er. „Mit Ingwer oder ohne, frage ich? „Lieber mit, sagt der Tierarzt“. „ Ich denke, vielleicht hat Frau Rajasthani doch Recht und der Tierarzt ist in Wirklichkeit Punjabi. Die Punjabis wollen immer Ingwer in den Tee. Radhe-Radhe.