Sonntag

🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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FrĂŒh am Morgen hat das Gras nasse FĂŒĂŸe.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die BĂ€ume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit SchuhgrĂ¶ĂŸe 36 und mir mit SchuhgrĂ¶ĂŸe 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die BĂ€ume. In die BĂ€ume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne WettbĂŒro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das FrĂ€ulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hÀtten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte fĂŒr einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kÀmpfe mit den biestigen KirschbaumÀsten.

Die Vögel brĂŒllen SchlachtgesĂ€nge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen ObszönitÀten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine FĂŒĂŸe wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den FĂŒĂŸen und finde die Leiter nicht.

Zum GlĂŒck ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „SĂŒĂŸe, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttÀuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzĂ€hlt sie der lieben C. vom RĂŒcken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine WaschschĂŒssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde spĂ€ter weiß ich auch alles vom RĂŒcken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genĂ€ht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen fĂŒr Quelle und Neckermann nĂ€hten.

Sie sagt: Wir FlĂŒchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als FlĂŒchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fÀhrt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rĂŒhre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen fĂŒr den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die GĂ€ste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wĂ€re Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lÀsst es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der HĂ€ngematte zurĂŒck und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker getrĂ€umt, den ich ĂŒberall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein KĂ€sebrot.

Wir liegen im Gras und erzÀhlen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der BÀume und dem flackernden Sonnenlicht erzÀhlt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist mĂŒde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium fĂŒr Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der ZugfĂŒhrer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus fĂŒr den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glĂŒcklich.

In der S-Bahn sitzen zwei MĂ€dchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hĂ€lt voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurĂŒck.

FĂŒr eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.

Manchmal hat man zwischen zwei Terminen noch Zeit. Zu wenig Zeit, noch einmal in den Vorort im Berliner SĂŒdwesten zu fahren und zu viel Zeit um schon am verabredeten Ort zu sein. So ging es mir anderntags. Ich stand auf einmal unversehens auf einer fĂŒrchterlich öden Berliner Straße. Nagelstudios, eine Aral-Tankstelle, eine Anwaltskanzlei fĂŒr Familienrecht mit verstaubten TeddybĂ€ren im Fenster. WohnhĂ€user, auf der Straße rauschender Autoverkehr. Eine Seniorenresidenz. Vor dem Eingang rauchen die Pfleger und die Bewohner. Kein CafĂ©, außer einer Bar, die ist geschlossen. An der Ecke aber ist ein tĂŒrkischer Imbiss. Istanbul-Grill, geöffnet ab 9.30 Uhr. Es war elf Uhr.

„Ayran und einen Pfefferminztee, bitte“ sage ich. Der Mann hinter dem Tresen nickt. „FĂŒr hier?“. „FĂŒr hier“ sage ich und setze mich in eine Ecke, in die ein bisschen Sonne fĂ€llt. Ein Fernseher ĂŒber der Theke. Die SĂ€ngerin singt von der Liebe. Bilder von Beirut. Der Mann, der Ayran und Tee bringt, seufzt. Beirut?, frage ich. „Ja“, sagt er. „Rabat?“, fragt er mich. „Fast“, sage ich. Aber die gleiche Sprache sprechen wir doch. „Istanbul-Grill?“, frage ich. „Vor zwei Jahren ist der Inhaber zurĂŒck in die TĂŒrkei. Izmir. Ruhestand. Istanbul liegt am Meer. Beirut liegt auch am Meer. Das passt schon. Ich lache. Er lacht. Ein offenes Lachen. „Schon lange in Berlin?“, fragt er mich. Ich schĂŒttle den Kopf. „Nur noch gelegenheitshalber.“ Der Mann nickt. Wir sprechen ĂŒber Beirut, Berlin, Hundescheiße auf dem Gehweg, den langen Winter, den besten Wochenmarkt und er sagt: Karim. Ich sage: Read On.

Dann muss der Mann zurĂŒck hinter die Theke. Eine Gruppe von Bauarbeitern kommt in den Istanbul-Grill. Es sind Polen. Der Ă€lteste der Bauarbeiter hat schon graue Haare und einen Stoppelbart, der JĂŒngste sieht aus, als wĂ€re er gestern noch in der Schule gewesen. Vielleicht ist das so. FĂŒnf Döner-Teller mit allem. Das mĂŒssen sie nicht sagen. Sie setzen sich hin. Der Mann hinter der Theke begrĂŒĂŸt die MĂ€nner mit Namen. Schön dich zu sehen: Piotr, Pavel, Matheusz,Jakub,Radek.

Sie nicken und vor dem Döner-Teller kommt eine Suppe. Der Mann hinter der Theke, fragt nach der Baustelle und dem RĂŒcken des Ă€ltesten Mannes der Runde. „Schwer heben, nicht gut“ sagt er. Die Bauarbeiter sagen: Ja, aber immer alles schnell, schnell.“ Alle seufzen und dann essen sie.

„Sie sind wie Familie“, sagt Karim hinter der Theke zu mir und bringt noch einen Tee.

Erst dann fÀllt mir auf, dass der Istanbul-Grill viel mehr Besucher hat als ich erst dachte.

Am Tisch mir gegenĂŒber hĂ€lt sich ein Mann an einem Bierglas fest. Er trĂ€gt eine speckige Lederweste und zu seinen FĂŒĂŸen stehen vier PlastiktĂŒten. UngekĂ€mmtes Haar, eine alte Baseballkappe vor ihm auf dem Tisch. Seine Turnschuhe haben keine SchnĂŒrsenkel mehr, sondern sind mit Paketklebeband zusammengehalten. Er bekommt auch eine Suppe wie die Bauarbeiter. Er sitzt tiefgebeugt ĂŒber der Suppe und schlĂŒrft. Statt einer Serviette behilft er sich mit dem Ärmel. Der Mann wĂ€re in keinem Restaurant, keinem CafĂ© willkommen, fĂŒr MĂ€nner wie ihn gibt es die Bahnhofsmission, wir wollen lieber nicht neben ihnen sitzen und dann gibt es denn Grill-Istanbul. Ein Bier, welches der Mann in 5 Cent StĂŒcken bezahlt und eine Suppe, die auf keiner Rechnung auftaucht. Der Karim, der macht ne richtig gute Suppe wie bei Muttern ruft der Mann.

Hinter dem Mann mit der Suppe sitzt eine grell geschminkte Frau, sie trinkt Kaffee und liest in der Hörzu. Sie sieht immer wieder auf ein Telefon vor ihr auf dem Tisch. Aber das Telefon klingelt nicht. Schließlich wĂ€hlt sie eine Nummer und dann ruft sie dreimal: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sie stopft die Hörzu in die Tasche und Karim sagt: „Stress zu Hause?“ Die Frau nickt. „Große Scheiße“ sagt sie. Der Bert ist mit den ganzen Möbeln einfach weg. Dann geht sie geschlagen nach draußen.

Karim rÀumt die Kaffeetasse ab.

Links von der Theke wo Börek mit Hack und Spinat und KĂ€se und kleingeschnittenes GemĂŒse liegt, da sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 40. In einer Tasche hat er Hemden aus der Reinigung, 10 Hemde fĂŒr 12 Euro oder so. Vielleicht hat er seinen Job verloren, dann die Frau, dann vielleicht das Haus, vielleicht hat er nur noch ein bedsit, keine richtige Wohnung mehr. Die Kinder schĂ€men sich. Er ist einen Döner, hastig und hungrig, vielleicht ist das die warme Mahlzeit am Tag.

Dann kommen zwei MĂ€nner und zwei Frauen aus dem Seniorenheim in den Istanbul-Grill. Einen der MĂ€nner habe ich rauchen sehen vor der TĂŒr. Er hat eine Sauerstoffflasche dabei, er hustet, ein angestrengtes Husten, ein Husten der schlimmer wird, aber der Mann strahlt. „Hallo Karim“. Karim kommt und sagt: Hallo Heinz.“ Die zwei MĂ€nner und zwei Frauen setzen sich an ihren Tisch. Karim bringt Bier, Kaffee und Saft. Prosit, ruft Heinz und dann bringt Karim ein Brettspiel: Mensch Ärgere Dich nicht und schon wĂŒrfeln Heinz und seine Freunde und fĂŒr einen Moment ist die Seniorenresidenz gegenĂŒber ganz weit weg, ist der Istanbul-Grill ein Restaurant mit Meerblick und Zeitvertreib. Zwei MĂ€dchen kommen herein. MĂ€dchen, die Jacqueline und Tiffany heißen und eine Handvoll Kleingeld haben. „Reicht das fĂŒr zwei Eis?“

Ihre Mutter raucht vor der TĂŒr.

Die MĂ€dchen bekommen Eiscreme, aber gleichzeitig Nachhilfe in Mathematik, WertschĂ€tzung und dieses Strahlen, das Karim hat fĂŒr die Menschen, die im Feuilleton gesellschaftliche Verlierer oder TransferempfĂ€nger heißen.

Der Istanbul-Grill ist ein GemĂ€lde von Otto Dix. Hier setzen die Trinker, die Obdachlosen, die noch nicht ganz Obdachlosen, die Gelegenheitsarbeiter, die Zugehfrauen zwischen zwei Wohnungen, die Bauarbeiter, die Menschen, die nicht weiter wissen, denen die Tage zu lang sind, die aufgegeben haben, die Alten zu denen vielleicht an Weihnachten noch einmal Besuch kommt, aber sonst nicht mehr. Hier sitzen die Anderen. Der Istanbul-Grill und es gibt viele von ihnen, ist Sozialamt, erste Hilfe, Familienersatz, ist WĂ€rme und nicht nur die wĂ€rmende Suppe. Der Istanbul-Grill holt Leute von der Straße, fragt nicht, verachtet nicht, schenkt Tee nach. Im Istanbul-Grill kann man anschreiben und man kann seine PlastiktĂŒten spĂ€ter abholen und dann liegt ganz oben ein Döner mit allem in Silberpapier. Der Istanbul-Grill ist Heimat, Wohnzimmer, der letzte Anker und die stete Vergewisserung: „Hallo, gut dich zu sehen.“ Das hören die GĂ€ste sonst wohl schon seit Jahren nicht mehr.

Dann aber muss ich gehen. „Danke, sage ich und Karim sagt: „Ich hoffe man sieht sich wieder.“ Ich nicke. Danke, sage ich noch einmal und ich denke, es wĂ€re doch an der Zeit öfter Danke zu sagen, dafĂŒr, dass so viele, die wir vergessen im Grill Istanbul willkommen und aufgehoben sind. Ihre Geschichten, die von Karim aus Beirut, dem Inhaber des Istanbul-Grills werden nicht erzĂ€hlt, oder nur sehr selten, wenn wir darĂŒber sprechen, was Deutschland prĂ€gt, aber ohne sie, ohne ihre FĂ€higkeit den Menschen die es am nötigsten haben, die Hand hinzuhalten, wĂ€re Deutschland ein viel, viel Ă€rmeres Land.

Karim bringt mir Baklava.

Ich will Trinkgeld geben.

Aber Karim hat das Wort auf Deutsch noch nie gehört.

Wir streiten natĂŒrlich darum, ob er es annehmen will.

FĂŒr den nĂ€chsten Gast, sage ich schließlich.

Wir lachen.

Salam aleikum, Karim.

Der Karim ist ein Mensch, sagte der Mann mit dem Bierglas und der Suppe und den vielen PlastiktĂŒten. Ein richtiger Mensch.

Edit, 27.05. 2018: Der Istanbul- Grill ist dabei keine Ausnahme. Die wunderbare Kiki hat hier auch so eine eindrucksvolle, und mich sehr bewegende Geschichte ĂŒber das Mensch-Sein aufgeschrieben.

Kurze Notiz

Die gar nicht mehr so neue, aber auch von mir munter ignorierte Datenschutzverordnung wird auch fĂŒr dieses Blog seine Schatten voraus und auch hier wird sich dieses oder jenes Ă€ndern. Alle Like, Share und Irgendetwas Buttons werden zu diesem Behufe abgestellt. Ich wĂŒrde die Kommentarfunktion gern behalten, man wird sehen wie das gehen kann. Angeblich bereit WordPress selbst auch Dinge vor, aber bekanntlich kann man nicht vorsichtig genug sein und so erschrecken Sie bitte nicht, Ă€ndert sich etwas,es wird sich schon ausgehen. So oder so.

Es dankt fĂŒr Ihr VerstĂ€ndnis und Ihre Geduld,

Immer Ihr,

FrÀulein Read On

FĂŒnf Minuten oder lieber keine Werbepause

Ich Ă€rgere mich bekanntlich nur sehr selten, und noch viel seltener Ă€rgere ich mich ĂŒber Internetdiskussionen. Ich habe ein Kalb in den Flegeljahren, eine Auszubildende, die mich in den Wahnsinn treibt und noch dazu sehr, sehr niedrigen Blutdruck. Außerdem habe ich nie Zeit. Bin ich zwar Ă€ußerlich eine Shetlandpony, dass stets eilig irgendwohin rast, so beharre ich darauf, dass ich das Herz eines Faultiers habe. Ich interessiere mich fast nie fĂŒr Aufreger und in den langen Jahren radikalen Außenseiterseins habe ich gelernt, dass diejenigen, die am lautesten quieken, nie etwas zu sagen haben. Ich habe es mir gut gemerkt und dann und wann, gerade wenn ich mich ohnehin schon maßlos ĂŒber die Auszubildende errege, reicht der Rauch aus den Ohren doch noch fĂŒr fĂŒnf Minuten Verwunderung. Über das Thema selbst: Bloggen und Werbung ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem und natĂŒrlich sage ich jetzt doch etwas.

Ich lese keine Werbung und mir ist ganz gleich, wie sie daherkommt, ob als Wischzettel im Briefkasten oder als Blogbeitrag. Ich sehe kein Verkaufsfernsehen und klicke auf keine Werbelinks. Gegen die aggressive Dauerbeschallung hat der liebe G*tt Adblocker erfunden und am Briefkasten klebt ein Pickerl: „Bitte keine Werbung.“ Ich weiß, wir leben in Zeiten in denen Menschen vor dem notebook sitzen und ihre DM EinkĂ€ufe auspacken und auf dem zwei Stunden Flug von Dublin nach Berlin soll ich ParfĂŒm, Herrenuhren und Sonnencreme kaufen und am besten passend zahlen.

Nichts davon tue ich und ich bin noch viel altmodischer als Sie bis dato ohnehin glauben. Ich glaube es gibt ein Recht darauf, nicht immer und nicht ĂŒberall und nicht ausschließlich als Kunden wahrgenommen zu werden- auch nicht als Potenzielle. Sie, die Sie aus verschiedenen GrĂŒnden dieses Blog anklicken, sind nicht meine Kunden, sie sind Leser.
Um noch viel altmodischer zu werden. Ich glaube und tue dies aus tiefstem Herzen: Jedes Gemeinwesen braucht Leser. Leser sind so kostbar wie das weiße Dromedar. Leser wie Sie alle es sind, kommen mit ihrer Neugier, ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihrer Einzigkeit, ihrer Hingabe, ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrer Angst zum Text, zu vielen Texten, zu Romanen, Novellen, zu Blogtexten wie es sie hier gibt. Der Leser liest, macht sich Gedanken, kichert, schĂŒttelt den Kopf, raucht eine Zigarette, schreibt einen wĂŒtenden Brief, seufzt und niest und wundert sich wie ein FrĂ€ulein sich von einem KĂ€lbchen narren lĂ€sst. Es ist das Wunder des Lesens, der Verstehens, des Nicht-Begreifen Könnens, des fragenden, zweifelnden Lesen, des Falten und Mitnehmen eines Wortes, eines halben Satzes, eines ganzen Gedankens. Der Leser ist ein ernster Mensch, der Leser weiß etwas, sucht etwas, der Leser denkt nach. Rodins Denker ist ein Leser gewesen, der Leser ist kein Kunde, dem ich im Vorbeigehen noch PlastikschĂŒsseln, eine Fernsehzeitung, WaschnĂŒsse und Erdbeerkakao aufschwatze, tue ich das, suche ich keine Leser sondern Kunden mit vorgeformten Erwartungshalten, die nicht fĂŒr einen Text kommen, sondern weil sie etwas brauchen oder etwas brauchen sollen.

Das ist ein diametraler Unterschied und hĂ€tte Thomas Mann jedem Zauberberg ein paar Herrenunterhosen beigelegt, wĂ€re er eben VerkĂ€ufer von Unterhosen mit Text gewesen. Der Leser ist eine andere Kategorie als der KĂ€ufer und ich finde es sehr schade, wie wenig WertschĂ€tzung der Leser hat. Es wird dann sehr oft und sehr empört darauf verwiesen, dass die Werbetexte doch mit reinem Herzen und viel Blut geschrieben sei und dass der Leser doch ruhig mal auf das flackernde Werbedings klicken möge, dass sei er doch schuldig und die das schreiben, meinen das auch ernst. Mag sein, diese Blogger wissen etwas ĂŒber den Kunden, aber ĂŒber das Lesen wissen sie nichts. Nichts ĂŒber die Beziehung zwischen Text und Leser, die lĂ€nger hĂ€lt als jede Matratze, die Erinnerungen macht und Raum gibt, wie lange man braucht bis man einen Text wirklich begreift und oft tut man es nie und kehrt zurĂŒck und erinnert sich doch- an Haarseife, Handtaschen, und Schuhe ohne Boden erinnert man sich nicht und auch an sie wird man sich nicht erinnern, hat der Kunde, den sie Leser nennen genug, oder braucht etwas anderes,schon kehrt er ihnen in den RĂŒcken.

Aber was ich ihnen ĂŒbel nehme, ist das sie mit ihrem Gerede von den so schön geschriebenen Verkaufsgeschichten, so tun als nĂ€hmen sie die Geschichten ernst, als vertrauten sie auf die Geschichte, auf die Worte, als seien sie involviert, aber wie die Landliebe Familie und die Persil-Mutter sind sie keine ErzĂ€hler, sondern VerkĂ€ufer und immer ein bisschen lachen muss ich ĂŒber das gekrĂ€nkt vorgetragene: „Aber ich schreib doch nur, was mir gefĂ€llt.“ Der Selbstbetrug der Werbung ist wirklich nicht zu unterschĂ€tzen und dann ist Tchibo ein super Ort und die Fabriken in Indien kennt eh keiner und beim Agenturtreffen sind auch alle nett und als die Matratze aufhörte zu miefen, schlief man wirklich gut und ĂŒberhaupt man will nur das Beste und wirbt gern mit Begriffen wie: natĂŒrlich, handgemacht und authentisch. Weniger gern und auch hier ist Landliebe Vorbild spricht man ĂŒber Kilopreise, Produktionsbedingungen und Vergleichsangebote und weil man doch auch eine Geschichte erzĂ€hlt, drĂŒckt das Gewissen noch weniger.

Das können Sie machen und meine Stimme hat kein Gewicht in diesen Fragen, aber ihre Texte, die sind nicht anders als das Wochenprospekt von real mit Hack im Angebot, auch wenn sie das nicht glauben wollen, denn sie zucken mit den Achseln und finden man könne ohnehin alles kaufen und wer nicht mit den Wölfen heult, der wird gefressen und sie glauben daran und lachen empört, aber dann sind die fĂŒnf Minuten schon um und ich will wirklich nichts kaufen und auch keine Geschichten darĂŒber lesen, warum ich es sollte.

Glauben Sie mir, das Teuerste was ich habe sind meine Leser.

Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemĂŒht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafĂŒr, uns schĂŒtzend vor jĂŒdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder JĂŒdisches Leben gehört selbstverstĂ€ndlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fĂŒhlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr TrĂ€ger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser SĂ€tze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes fĂŒr falsch, fĂŒr ermĂŒdend und fĂŒr die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung fĂŒr jĂŒdisches Leben ĂŒbernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafĂŒr, dass es jĂŒdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurĂŒckkehrten in das Land der TĂ€ter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die TĂ€ter grĂŒĂŸten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafĂŒr, dass es wieder jĂŒdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begrĂŒndeten. Die Verantwortung fĂŒr jĂŒdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurĂŒckkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung fĂŒr jĂŒdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzĂ€hlen und streiten ĂŒber Jaakob und Jospeh und im FrĂŒhjahr auch immer wieder darĂŒber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung fĂŒr jĂŒdisches Leben in Deutschland ĂŒbernehmen alle Eltern jĂŒdischer Kinder, die ihre Kinder in den jĂŒdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der TĂŒr stehen muss, weil das die deutsche RealitĂ€t ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafĂŒr, dass es jĂŒdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzĂ€hlen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen GeschĂ€ftspartner GrĂŒn auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den GrĂŒn auch?“

Die Verantwortung dafĂŒr, dass es noch immer jĂŒdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir ĂŒbernehmen die Verantwortung fĂŒr die Trauer, die immer da ist, fĂŒr die Wut, die TrĂ€nen, fĂŒr die GroßmĂŒtter, die mit dem KleiderbĂŒgel auf sich einschlagen und fĂŒr die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung ĂŒbernommen fĂŒr Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjĂ€hrig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer MĂŒtter fĂŒr ihn. Wir, nicht sie ĂŒbernehmen die Verantwortung fĂŒr uns.

Wir lieben sie mit den AlptrĂ€umen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten HĂŒhnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend ĂŒber das Jude-Sein oder ĂŒber die Energiewende oder die schreckliche AffĂ€re zwischen Tani und Levi in MĂŒnchen. Wir als Schwestern, BrĂŒder, wir als EhemĂ€nner und Geliebte, wir ĂŒbernehmen die Verantwortung dafĂŒr auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jĂŒdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklĂ€ren und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was fĂŒr sie Antisemitismus ist, aber fĂŒr uns Teil unseres Alltags und dann ĂŒbernehmen wir die Verantwortung fĂŒr ein GesprĂ€ch mit dem Klassenlehrer fĂŒr einen Schulwechsel, fĂŒr die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklĂ€ren, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklĂ€ren. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fĂŒhle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, fĂŒr die Geschichten, die wir heute schreiben, fĂŒr die MĂŒhsal, fĂŒr die Verletzungen, fĂŒr die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung fĂŒr das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jĂŒdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und spĂ€ter auch ich, ein jĂŒdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und fĂŒr viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung fĂŒr das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder sĂ€kulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene ĂŒbernommen, die zurĂŒckkamen, die immer noch da sind und die zurĂŒckkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jĂŒdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran Ă€ndert auch die Existenz einer Gesellschaft fĂŒr christlich-jĂŒdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun fĂŒr die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blĂŒht, sondern ĂŒberhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der fĂŒr Juden Verantwortung ĂŒbernimmt doch lieber zehn Euro gĂ€be fĂŒr Initiativen, die mit jungen MĂ€nnern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut lĂ€uft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte HĂ€nde kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wĂ€re auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gĂ€be und einen Sandsack fĂŒr den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die MĂ€dchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen FĂŒĂŸen, dann wĂ€re es an der Zeit fĂŒr all die Verantwortung zu ĂŒbernehmen fĂŒr die keiner da ist. Die AufklĂ€rungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen MĂ€nnern gefĂŒhrt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr AufklĂ€rungssprechstunden, Malkurse, mehr mĂ€nnliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung ĂŒbernehmen fĂŒr jĂŒdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Goldene Bananen

Liebes Internet, liebe Freunde, verehrte Feinde,

heute Abend legt Berlin sich ein goldenes MĂ€ntelchen um und verleiht die goldenen Blogger. Ich habe noch nicht einmal auf dem Jahrmarkt eine Papierrose gewonnen und dafĂŒr habe ich schon SchlĂŒssel verloren, von denen man gar nicht wusste, dass es sie eigentlich gibt. Ich bin und bleibe auch heute Abend das seltsame und reichlich katastrophale FrĂ€ulein Read On. Aber ich freue mich, wenn Sie mir winken und winke zurĂŒck. Die mit der Banane, die bin ich und wenn Sie die Banane nicht sehen, aber dafĂŒr ein Shetlandpony, dann bin das auch ich.

Zusehen kann man hier ab 19 Uhr kontinentaler Zeit. ( KÀlbchen, Hund, Katze und Tierarzt, bitte ab 6 Uhr einfinden!)
Wer gewinnt weiß keiner, aber verlassen Sie sich drauf, verlieren kann ich wie kein Zweiter. Abstimmen kann man wohl hier wohl hier und nominiert ist das seltsame FrĂ€ulein Read On fĂŒr diesen fĂŒr diesen Text und fĂŒr dieses Blog als solches. Sprich, Sie alle, die dieses Blog mit Leben fĂŒllen, sind heute nominiert und ich freue mich sehr, dass Sie alle hier sind.

Mehr Bananen und immer mehr Liebe und von Herzen Dank dafĂŒr, dass Sie hier sind. Sie sind aus gold und ich Immer Ihr

FrÀulein Read On

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Dunkle Briefe

Dies ihr ist ein kleines und persönliches Blog. Dieses Blog will niemanden etwas verkaufen, es hat keine politische Agenda, es gehört keiner Partei an, kein Verlag schreibt diesem Blog etwas vor, keine Agentur bewirbt hier Saftkartons, Knöpfe oder Kaugummis mit Einhorngeschmack.
Dieses Blog gibt es weil ich meist ziemlich spĂ€t am Abend ein Word-Dokument auf einem alten Notebook tippe, dann gĂ€hne, mir die ZĂ€hne putze und ins Bett gehe. Ich sollte natĂŒrlich die Kommata ĂŒberprĂŒfen oder die Rechtschreibung oder endlich anfangen AbsĂ€tze in die Texte einzubauen. Aber fast immer bin ich schon zu mĂŒde. Dieses Blog hat keinen Redaktionsplan. Manchmal hat dieses Blog einen gelben Klebzettel: „KĂ€lbchen wieder sehr frech“, Schwesterchen-Maske-Hochzeit D., aber dann schreibe ich doch wieder etwas ganz anderes auf. Dieses Blog will nichts, ich sehe alle halbe Jahre in die Statistik und habe anderntags die Zahlen schon wieder vergessen. Sie, die Sie hier lesen sind eingeladen zum Lesen, zum Lachen und Weinen, Sie können sich hier Ă€rgern oder freuen. Sie können sagen: „Oh, dieses FrĂ€ulein Read On wieder“, Sie können den Text ausdrucken und die Kommafehler korrigieren oder aus den Texten ein Papierboot falten. Wenn es ihnen hier nicht gefĂ€llt, das Internet ist ein großer Ort, sie können lange AufsĂ€tze ĂŒber die Kanari-Zucht oder Maschinenbau lesen. Ich habe nachgesehen: dieses Blog hat seit seinem Beginn genau 5,878 Kommentare erhalten ( Danke fĂŒr jeden Einzelnen ), 23 Kommentare habe ich nicht freigeschaltet.

Der Grund ist einfach: es sind Morddrohungen und ein langer Brief einer Organisation, die sich Schwarze Sonne nennt. Ich schĂ€tze alle, die hier kommentieren sehr. Viele Kommentare erlauben neue Blickwinkel, machen mich lachen und ĂŒber viele Kommentare denke ich lange nach. Nicht immer schaffe ich es allen zu antworten. Das Ă€rgert mich, manchmal kommen sie miteinander ins GesprĂ€ch, das freut mich besonders. Wenn einer von Ihnen lange nicht kommentiert, dann mache ich mir- denn ich kann nicht anders- Sorgen, aber niemals kĂ€me ich auf die Idee, die Email-Adressen, die Sie hier angeben, aufzuspĂŒren, nachzuprĂŒfen oder das zu tun, was man auf gut Deutsch als zu nahe treten bezeichnet. Das Blog gehört seinen Lesern, es verĂ€ndert sich mit ihnen wĂ€chst, verwĂ€chst, schlĂ€ngelt sich in eine andere Richtung, wie auch mein Leben, denn dies ist ja noch immer ein persönlicher Blog sich verĂ€ndert mit den Jahren. Es oszilliert zwischen LĂ€ndern und Menschen, packt aus, zieht um, kauft ein paar neue Schuh, die Haare werden lĂ€nger oder kĂŒrzer, nur die Abneigung gegen Sellerie wird wohl immer bleiben. Ich erzĂ€hle hier persönliche Geschichten, das ist ein Risiko, denn wer Persönliches preisgibt ist angreifbar, muss sich anfragen lassen, riskiert sogar, dass der Verein der Selleriefreunde, Protestnoten schreibt, FrĂ€ulein Read On ist nicht mein Passfoto, aber im Spiegelbild wĂŒrden wir uns immer erkennen, das FrĂ€ulein und ich. Nicht zuletzt, weil wir immer ein StĂŒck Nussschokolade in der Rocktasche tragen.

Die Geschichten, die Sie hier lesen können, aber nicht lesen mĂŒssen, sind meine persönliche Sicht auf die Welt, manchmal ein Ausschnitt, manchmal ein Versuch Gedanken zu ordnen, aber das was dieses Blog wirklich ist, ist der Versuch das GesprĂ€ch mit meiner Großmutter nicht abreißen zu lassen, denn Deutsch ist meine Großmuttersprache. Vier Jahre lang habe ich so geschrieben und heute erreichte mich dieser Brief. Der Brief kommt, aber wer weiß das schon von einer Frau, die im Brustton der Überzeugung befindet, hier wĂŒrde gelogen, das sich die Balken biegen und sie wĂŒrde mich nun enttarnen- zu meinem eigenen Schutz wohlgemerkt, denn Indien, die AufklĂ€runsgsprechstunde, die jĂŒdische Großmutter sei alles LĂŒge, nichts als LĂŒge, und sie die edle Rittern und Retterin auf hohem Schimmel, besorgt um die Wahrheit selbst. Deswegen hĂ€tte sie diesen Blog auch gleich bei den „Goldenen Bloggern“ als nicht authentisch gemeldet und wĂŒnsche mir, denn die Dame ist von großzĂŒgiger Gesinnung: „Alles Gute.“

So sitzt man dann da mit dem Schreiben der LĂŒgnerin, die einen selber LĂŒgnerin heißt und das ist das perfide an den LĂŒgnern in allen Formen und Farben: ihr schleichendes Gift, ihre stolz vorgetragenen Behauptungen, ihre Schamlosigkeit ĂŒber ein fremdes Leben herzufallen, sich als Retter der Wahrheit zu inszenieren, denn die LĂŒgner wissen schon was sie tun und wissen auch: immer bliebt irgendetwas kleben. Perfide ErzĂ€hlfiguren beschwört sie da herauf: den Deutschen, der vom Jude-Sein trĂ€umt, die Rassistin, die arabische MĂ€nner untenrum erzieht, die eiskalte Geschichtenklauerin, die psychisch gestörte Bloggerin, der man doch helfen mĂŒsste und sich selbst inszeniert sie als „Schlimmeres“ Verhindern, eine beliebte, eine bequeme Figur und fĂŒhlt sich sich sicher stolz und stark, hier so erfolgreich als Detektivin tĂ€tig geworden zu sein und ein kleines Blog enttarnt zu haben, um sich nun selbst wichtig zu machen und groß zu tun. LĂŒgner aber haben ein schlechtes GedĂ€chtnis, denn ich habe natĂŒrlich einen Kommentar von ihr veröffentlicht.

Der LĂŒgner hat kein GedĂ€chtnis und auch kein Gewissen, fĂŒr ihn gelten keine Grenzen, er schnĂŒffelt und stöbert, er fragt nicht, er platzt hinein, er macht auch wohlmeinend und ist doch bösartig, er ist sĂŒĂŸlich und klebrig aber niemals offen. Der LĂŒgner ist hochmĂŒtig, sieht sich der Kritik enthoben und klopft sich noch auf die Schultern, der LĂŒgner zweifelt nicht, er liebt GerĂŒchte und hat sich eingeschlossen in einem Zimmer, in dem nur er selbst sich Antworten auf falsche Fragen gibt.

Wer sich dann fragt, warum das Internet kein Ort mehr ist, um persönliche Geschichten zu erzĂ€hlen, um zu erinnern, um zwecklos ein Thema anzustoßen, um zu plaudern, um Leser auf einen Tee zu bitten, um ohne langes Zögern die eigene Adresse herauszugeben, um manchmal Bilder und manchmal Töne hier hineinzulegen, der findet dann hier die Antwort. Weil die Angriffe, die Verschwörungstheorien, die Verleumdungen und das GeschmĂ€he nicht lĂ€nger mehr nur professionelle Journalisten trifft, oder große VerlagshĂ€user, sondern ein kleines, privates Blog mit Geschichten, die eben auch mein Leben sind. Das Leben anderer Menschen anzugreifen, zu verhöhnen und zu verleumden, ist nĂ€mlich keine Spielerei, kein TĂ€ndeln und die jĂŒdische Erfahrung sagt: die LĂŒge und die Verleumdung ist niemals Spaß, sondern immer bitterer Ernst.

Wie man angesichts solcher Briefe weiterschreibt, das ist wie so vieles, eine schwierige und keineswegs leicht zu beantwortende Frage.

Da die Dame- so Sie denn eine ist- bitter beklagt, dass Ihre mich entlarvenden und bloßstellenden, kritischen Kommentare nicht freigeschaltet sind, so sei dieser ihr Brief hier unverĂ€ndert abgebildet.

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Mutter Indien

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Frau Rajasthani hat jetzt Whatsapp. Das heißt um 3.45 irischer Zeit scheppert mein Telefon, ich fahre hoch, wische auf dem treuen, alten iphone herum und sehe schlaftrunken in die Gesichter der versammelten Familie Rajasthani. Alle sind in orange-grĂŒn-weiß gekleidet und machen festliche Gesichter. Dann schreien Sie: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON! Ich versuche noch meine Haare aus dem Kopfkissen heraus zuheddern und vor allem an meine Brille zu gelangen, denn so sehe ich nur verschwommene Schatten. Herr Rajasthani hat in der Zwischenzeit aber schon den Fernseher angedreht und in ohrenbetĂ€ubender LautstĂ€rke schallt aus Delhi: Vande Mataram ins Schlafzimmer herĂŒber und wieder schreit Familie Rajasthani geschlossen: „HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON. Auch der Tierarzt, dessen Schlaf durch wenig zu erschĂŒttern ist, fĂ€hrt aus den Federn und weil Familie Rajasthani gerade in Schwung ist, tönt es: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBER TIERARZT, alles unterlegt mit Fernsehgesang. RADHE-RADHE, sage ich und habe endlich die Brille auf. Schlaft weiter ihr Lieben ruft Frau Rajasthani und ihre Schwiegermutter schwenkt ein indisches PapierfĂ€hnchen. „Ich rufe nachher an“, sage ich und falle zurĂŒck ins Kissen. Der Tierarzt sagt: MĂ€dchen, was war das fĂŒr ein Gesang im Hause deiner verehrten Rajasthanis?
Oh, Tierarzt sage ich, dass Vande Mataram ist eines der zentralen Lieder der indischen UnabhÀngigkeitsbewegung und war unter den Briten verboten, eigentlich aber ist es ein Loblied auf Bahat Mater, auf Mutter Indien.
Der Tierarzt so viel Patriotismus um 3. 45 Uhr nicht gewohnt, sieht mich verwundert an und ich singe natĂŒrlich inbrĂŒnstig, wenn auch a-capalla das Vande Mataram fĂŒr ihn. Tierarzt und Hund starren mich an. Dann falle ich zurĂŒck ins Kissen.

Als ich aufstehe, schlĂ€ft der Tierarzt selig weiter, und nur der Hund schlappt mir hinterher. In der KĂŒche rufe ich Frau Rajasthani zurĂŒck. „Read On, sagt sie, ich glaube der Tierarzt ist Punjabi. Das Haar!!!“ Nur Punjabis haben solches Haar. „Frau Rajasthani, sage ich, der Tierarzt aus dem County Kerry und so irisch, wie Gandhi-ji niemals indisch war.“ Frau Rajasthani klingt nicht ĂŒberzeugt. Sie seufzt: „Wir mĂŒssen zum Schulspiel.“ Am UnabhĂ€ngigkeitstag, der in Indien zwar Feiertag ist, veranstalten die Schulen TheaterstĂŒcke, die den glorreichen Kampf gegen die EnglĂ€nder nachahmen, alle schwitzen und schwenken PapierfĂ€hnchen und der Direktor hĂ€lt eine Rede. Sohn Rajasthani spielt einen englischen Offizier und zeigt mir stolz die blaue Spielzeugpistole. „He drives me crazy with that blasted gun“ schreit Frau Rajasthani. „Wer spielt Gandhi-ji, frage ich?“ Frau Rajasthani knurrt böse: der Franzose. Ich muss kichern. „Der Direktor dieser Bandit, schnauft sie weiter, ist in die Französischlehrerin verliebt und schanzt dem Sohn, natĂŒrlich Gandhi-ji zu. Ich muss lauter kichern. Der Direktor der Schule nĂ€mlich ist ein Mann mit betelschwarzen ZĂ€hnen und einem Talent zu ĂŒberlangen Reden ĂŒber die sĂŒĂŸe Pflicht zum Tod fĂŒr das Vaterland und dass ihn nun die Französischlehrerin aus Annecy um den Verstand bringt, ist eine zu schöne Vorstellung. „SĂŒĂŸe, sagt Frau Rajasthani, dank Dir hat Töchterchen den Essaypreis gewonnen.“ Ich muss sehr lachen, denn jedes Jahr schreiben Tochter Rajasthani ein Essay ĂŒber „I am proud to be an Indian“, und immer gewinnt Töchterchen Rajasthani und der Direktor liest den Text vor und Frau Rajasthani und Töchterchen Rajasthani husten in ihre TaschentĂŒcher, denn es ist doch zu komisch, dass ein heimatloser Jude ĂŒber die Verpflichtung zu den Werten Gandhi-ji’s schreibt und der Narendra Modi-Direktor- Patriot ĂŒber die Sanskrit Zitate stolpert. „Ich muss laufen“, sage ich und werfe KĂŒsse ins Telefon. „Radhe-Radhe ruft Frau Rajasthani.

Dem Tierarzt stelle ich Porridge mit Zimt, Heidelbeeren und Orangenfilets hin. Der Tee kommt auf das Stövchen, neben dem Tee steht eine große Flasche Heidelbeer-Joghurt Smoothie als Mitgebsel fĂŒr den tierĂ€rztlichen Tag und neben dem Smoothie steht ein Glas Sanddornsaft. Ein bisschen verstimmt richtet das FrĂ€ulein diese Dinge, denn gestern trank der Tierarzt weder Tee noch aß er den Porridge, der Smoothie blieb unberĂŒhrt und am Sanddornsaft ward nur genippt. Das alles erfreut das FrĂŒhstĂŒcksfrĂ€ulein nicht und noch weniger gern lĂ€sst sich das FrĂ€ulein als „verstockter Essenserpresser von gnadenloser HĂ€rte“ beschimpfen. So greift das FrĂ€ulein also zu Zettel und Stift und schreibt: „The best way to find yourself ist to have brekafast first.“ ( Read Ons Interpretation der berĂŒhmten Worte Gandhi-jis. Dann verlasse ich das Haus und fĂŒr viele Stunden denke ich an andere Dinge als an Gandhi-ji und den indischen UnabhĂ€ngigkeitstag.

Aber dann denke ich doch an A. Frau Rajasthani hat ja jetzt Whatsapp und schickt mir erst ein Bild des Direktors, dann dreißig Modi-Karikaturen und dann ein Video von A. A. spricht ĂŒber die TrĂ€nen der Soldaten und Fahnen. A. bleibt meine große Wunde. A. mit dem ich nĂ€chtelang stritt und jahrelang verging kein Tag an dem ich nicht mit A. sprach. A., der mir nicht auswich, auch nicht wenn wir uns ĂŒber die HĂ€userdĂ€cher hinweg stritten, ĂŒber Indien und ĂŒber das Indien Narendra Modis. Wir waren im Slum immer Kino und die Leute wetteten wer wohl wo nachgeben wĂŒrde und irgendwann lachten wir und A. kĂŒsste mich oder ich kĂŒsste A. und dann kĂŒsste A. mich nicht mehr, sprach nicht mehr mit mir, und die letzte Email habe ich nicht zu Ende lesen können. A. glaubte, dass Indien starke Soldaten brauche und ich glaube, dass Indien starke Frauen braucht. A. glaubte an die Fahne in der Hand der Soldaten und ich sagte: „ich habe Soldaten nach ihrer Mutter schreien hören.“ A. verschloss sich die Ohren.
Ich starre auf A.’s Gesicht und noch immer möchte ich A. sagen, dass Bahat Mater und auch Narendra Modi ihn nicht lieben. Aber ich habe dich geliebt, möchte ich sagen, ich habe dich geliebt A., aber dann lege ich das Telefon aus der Hand.

Zuhause ist außer Hund und Katze noch niemand da und ich krame im Schuhkarton, auf dem Bild auf dem ich suche, ist die Slumklinik noch ein Resopaltisch und das MĂ€dchen auf dem Bild, das bin wohl ich. Fremd bin ich mir geworden, wie ich da gegen eine Wand lehne und um mich herum stehen die Frauen und Kinder, deren Namen ich damals noch kaum kenne, ich kann zwei Wörter Hindi und auf dem Bild sehe ich aus, wie jemand der so schnell weglaufen will, wie er kann. Aber das MĂ€dchen da auf dem Bild ist geblieben und wer weiß vielleicht sitzt sie ja auch heute gar nicht vor dem Bett, sondern steigt mit den Rajasthanis hinauf aufs Dach und sieht den Kindern beim Drachen steigen zu. Danke Bahat Mater, flĂŒstert die Frau auf dem Fußboden, dass ich mit dir wachsen darf.“ Dann rapple ich mich hoch, und schneide Okkra. „Trinkst Du einen Chai?“ mit, frage ich den Tierarzt?“ Der Tierarzt nickt. „There is no god higher than chai“, sagt der Tierarzt und ich nicke. „Fast Gandhi-ji“ sagt er. „Mit Ingwer oder ohne, frage ich? „Lieber mit, sagt der Tierarzt“. „ Ich denke, vielleicht hat Frau Rajasthani doch Recht und der Tierarzt ist in Wirklichkeit Punjabi. Die Punjabis wollen immer Ingwer in den Tee. Radhe-Radhe.

Der Tierarzt, die Frau des KrÀmers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des KrĂ€mers. FrĂ€ulein Read On, ich dachte sie hĂ€tten den Tierarzt nun endgĂŒltig entfĂŒhrt.“ Die Frau des KrĂ€mers wirft mir einen Blick zu, der schon stĂ€rkere FrĂ€uleins aus den Schuhen geworfen hĂ€tte, aber die Frau des KrĂ€mers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brĂŒllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren SchlĂŒsseln suchten. Ich wĂŒnsche der Frau des KrĂ€mers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im GeschĂ€ft. Die Frau des KrĂ€mers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hĂ€tte sie eine Puderdose, jetzt kĂ€me sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr KĂ€lbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natĂŒrlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natĂŒrlich hat er den ganzen Nachmittag ( das FrĂ€ulein arbeitete ) mit KĂ€lbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzĂ€hlen Sie doch mal, sagt die Frau des KrĂ€mers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und RĂŒgen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des KrĂ€mers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des KrĂ€mers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fĂŒrchterlich gewesen sein, ĂŒberall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des KrĂ€mers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schĂŒttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des KrĂ€mers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers ĂŒber ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland mĂŒssen Sie wissen, sind alle SchĂ€fchenwolken und sehen Sie doch nur das MĂ€dchen ist ganz braun.“

Die Frau des KrĂ€mers rĂŒmpft ihre Nase. „Die BĂ€uerinnen waren frĂŒher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schĂŒttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des KrĂ€mers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schĂŒttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des KrĂ€mers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des KrĂ€mers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein StĂŒck Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des KrĂ€mers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krĂ€chzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fĂŒgt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel StĂŒck Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grĂŒne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer SanftmĂŒtigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des KrĂ€mers aber stĂ¶ĂŸt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des KrĂ€mers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des KrĂ€mers an, die ganz gegen ihren Willen natĂŒrlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen KrĂ€mer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt LĂ€cheln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst HĂŒhner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des KrĂ€mers aber hĂ€lt sich mit beiden HĂ€nden am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann Ă€fft sie ein klĂ€ffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-MĂ€dchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-MĂ€dchen-bittedankegerne-Bötchen-KĂ€lbchen-MĂ€dchen-Kreidefelsen-ihrMĂ€useEssenSchlafenBaden-Hier MĂ€dchen-Dort MĂ€dchen, KĂŒsschen-JonnyguterJunge-Halt-MĂ€dchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des KrĂ€mers ist indessen zu einer SalzsĂ€ule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist MĂ€dchensprache.“ Dann kĂŒsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fĂ€llt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des KrĂ€mers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fĂ€llt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des KrĂ€mers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld fĂŒhren will, erklĂ€rt der Tierarzt der Frau des KrĂ€mers, dass die Deutschen ihre Hunde in WĂ€gelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fĂ€hrt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fĂ€hrt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dĂŒnner und die Frau des KrĂ€mers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fĂ€hrt, wie auch die HĂŒhner, Schafe und KĂ€lber zwischen Dublin und Dingle, nur das FrĂ€ulein kramt nach Haferflocken und versĂ€umt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann LĂ€cheln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des KrĂ€mers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der KrĂ€mersfrau fĂŒr heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fĂ€hrt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy MĂ€dchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des KrĂ€mers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die HaustĂŒr im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

Die Sache mit den ZahnbĂŒrsten

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ZahnbĂŒrsten mit Kappen fĂŒr den Slum 

Neulich las ich einem jener Magazine in denen sehr gut aussehende Menschen davon berichten, wie Fehler sie zu stĂ€rkeren, besseren und immer erfolgreicheren Menschen gemacht hĂ€tten. Die Frauen, die da berichteten waren alle blond, trugen Perlenketten und sind heute CEO von irgendeiner Tech Company im Silicon Valley und die schlimmsten Fehler vermeidet wahrscheinlich ein Personal Assistant aus Harvard. Ich bin natĂŒrlich neidisch, denn ich bin nicht blond, Perlen sehen an mir selten gut aus und ich bin kein CEO von irgendwas, Fehler habe ich dafĂŒr schon so viel gemacht, dass selbst ein Harvard Graduate die Finger davon ließe und schöner, glĂŒcklicher und gelassener hat mich keiner der vielen Fehler gemacht. Angestrengt, und ausgelaugt haben mich die Fehler, die Fehler haben mich Ă€ngstlicher, verdrießlicher und verzagter gemacht, und oft war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Ich Versager, ich ewiger. Einer dieser Fehler war die Sache mit den ZahnbĂŒrsten.

Damals als der S. und ich die kleine Slumklinik in einem sehr großen Slum in Indien grĂŒndeten fiels uns auf, dass nahezu alle Kinder nur noch verfaulte ZĂ€hne im Mund hatten und wenn dann auch die bleibenden ZĂ€hne nur noch schwarze StĂŒmpfe waren, bekamen die Kinder, wenn sie GlĂŒck hatten eine Prothese, ein schauderhaftes, schweres Ding, das weder an den kindlichen Kiefer noch an die LebensrealitĂ€t der Kinder ( kein sauberes Wasser um die Prothese zu reinigen ) angepasst war. Wenn Sie Pech hatten, dann kauten sie eben auf verfaulten ZahnstĂŒmpfen. Der erste Fehler, den wir machten, war zu glauben, wir könnten die Kinder ohne die Eltern erreichen. Sprich, wir verteilten ZahnbĂŒrsten an die Kinder und erklĂ€rten wie man die ZĂ€hne putzt. Die Kinder waren stolz auf die in Cellophan eingeschweißten ZahnbĂŒrsten und wie Sonntagsschuhe bewahrten die Familien, die ZahnbĂŒrsten auf. ZĂ€hne geputzt wurden damit nicht. Nicht ein einziges Mal. Wir schlugen die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen. Dann wandten wir uns doch an die Eltern. In jeder einzelnen Sprechstunde fĂŒhrten wir vor, wie man sich die ZĂ€hne putzt. Die Eltern waren begeistert und nahmen die ZahnbĂŒrsten mit. Wir dachten, die Dinge wĂŒrden schon ihren Gang nehmen. Die Dinge bewegten sich nicht.

Die ZahnbĂŒrsten waren Sonntagsschuhe: sorgsam gelagert und wann immer die Familien uns sahen oder wir Hausbesuche machten, fĂŒhrte man uns stolz die originalverpackten ZahnbĂŒrsten vor. Der S. und ich starrten verzweifelt an die Wand. Vor unseren Augen, vor Kartons voller ZahnbĂŒrsten, verfaulten also die ZĂ€hne der Kinder. Ich rief verzweifelt meine Großmutter an. Ich glaube 30 Sekunden fĂŒr 7 Euro ( 14 DM!!):“ZahnbĂŒrsten wie Sonntagschuhe“ rief ich und sie antwortete: „Mach aus Sonntagsschuhen alte Latschen.“ Der S. und ich sahen auf die Berge voller ZahnbĂŒrsten vor uns auf dem Tisch. Dann endlich verstanden wir was der Fehler war. Wir hatten nicht begriffen, dass man Sonntagsschuhe eben nicht im Alltag benutzt und dann begannen der S. und ich allerlei Dinge im Slum einzusammeln, die den Menschen vertraut waren, angebrochene KĂ€mme, Holzreste, all das was in Europa unter dem Wort MĂŒll gefasst wird, aber dort im Slum sind es gebrauchte und benutzte AlltagsgegenstĂ€nde. Am KĂŒchentisch von Frau Rajasthani sĂ€gten wir die nagelneuen ZahnbĂŒrsten entzwei bohren eine Schraube unter den ZahnbĂŒrstenkopf und schraubten und leimten die ZahnbĂŒrstenköpfe auf die Holzstiele und Plastikkammenden. Frau Rajasthani schlug die HĂ€nde ĂŒber den Kopf zusammen. Herr Rajasthani verzog das Gesicht und schĂ€mte sich der primitiven Armen im Slum. Aber vor allem schĂ€mten sich S. und ich, dass wir geglaubt hatten, es reiche schon etwas zu verteilen und schon sei alles erklĂ€rt. Immer erst, wenn etwas nicht funktioniert, realisiert man wie spezifisch Kulturtechniken einfach sind und wenn mir jemand ein Neem-Blatt hinhielte, wĂŒsste ich noch lange nicht, wie ich mir damit die ZĂ€hne reinigte. Wir verteilten diesmal an Eltern und Kinder, die umgerĂŒsteten ZahnbĂŒrsten, die jetzt nach Alltag und nicht mehr niegelnagelneu aussahen. Schließlich hatten wir auch verstanden, dass ZĂ€hne putzen nur mit sauberem Wasser Sinn macht und seitdem putzen die Kinder in der kleinen Klinik die ZĂ€hne. Wenn die ZahnbĂŒrsten dann lange genug in Gebrauch waren, begannen wir eine nach der anderen gegen die neuen ZahnbĂŒrsten aus den Kartons auszutauschen und schließlich wurden die ZahnbĂŒrsten so normal wie andere AlltagsgegenstĂ€nde im Slum.

Eines Tages, als ich frĂŒhmorgens in die Klinik kam, fiel mir auf, dass in den ZahnbĂŒrsten lauter, kleine schwarze Insekten saßen und das die ZahnbĂŒrsten alsbald nachdem sie in Benutzung waren, unschöne, braune Stockflecken bekamen, die keineswegs gut fĂŒr KindermĂŒnder sein konnten und wieder hatten wir einen Fehler gemacht, denn in einem ohnehin extrem humiden Klima, ZahnbĂŒrsten offen stehen zu lassen, ist dem Erhalt von ZahnbĂŒrsten kaum zutrĂ€glich. Aber unser Budget reichte und reicht nicht aus, um fĂŒr jedes der vielen Kinder, eine eigene Schachtel anzuschaffen. Wieder saßen wir mit ĂŒber dem Kopf zusammengeschlagenen Armen da und wussten nicht weiter. Über den vielen Fehlern, waren viele ZahnbĂŒrsten und mehrere Jahre ins Land gegangen, da putzte ich mir auf einer Flughafentoilette in Rom die ZĂ€hne und neben mir stand eine Frau, die ebenso ihrer ZĂ€hne polierte und die nachdem sie sich den Mund ausspĂŒlte, auf den Kopf ihrer ZahnbĂŒrste ein formidables PlastikkĂ€stchen schnappen ließ. Ich schluckte grĂŒnen Colgate Schaum herunter und die Frau schrieb mir auf, wo sie eine solche ZahnbĂŒrste erstanden hatte. Ich tanzte ĂŒber den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit. Seitdem also bestellen wir ZahnbĂŒrsten mit Plastikkappen und weil Kinder auch in einem Slum in Neu-Delhi genau so Dinge verlieren wie ihre Altersgenossen in Darmstadt oder Berlin, beauftragten wir eine Frau, die seitdem fĂŒr uns die Plastikkappen so an die ZahnbĂŒrsten anbringt, das sie nicht sogleich wieder verloren gehen. Seitdem putzen die Kinder im Slum morgens wie abends mal mehr oder weniger murrend, die ZĂ€hne. Seit Jahren schon haben die Kinder nicht mehr schwarze Löcher dort wo eigentlich ZĂ€hne sind und die Kinder können genauso herzhaft in einen Apfel beißen, wie anderswo.

Es hat fast drei Jahre gedauert, uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, wir haben uns so oft vor Eltern wie Kindern die ZĂ€hen geputzt, das uns vom Geruch von Zahnpasta fast ĂŒbel wurde und wir haben sehr viel Geld ( selbstverdient ) in verfaulende oder niemals verwendete ZahnbĂŒrsten gesteckt, bis wir verstanden hab wo der Fehler lag. Versager, ewiger dachte ich immer wenn ich vorfĂŒhrte, wie das geht mit der ZahnbĂŒrste und die ZahnbĂŒrsten, doch immer weiter nur Sonntagsschuhe blieben. Gelernt haben der S. und ich vor allem, das wir uns auch in der grĂ¶ĂŸten Verzweiflung nicht gegenseitig erwĂŒrgen wollen, sondern irgendwie gemeinsam weitermachen. Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht endlich einmal fertig seien mit unserer Slum-Klinik, dann schĂŒtteln wir den Kopf. „ Wir fangen gerade erst an, sagen wir dann, inklusive aller, unserer Fehler.“ Die Leute gehen dann lieber schnell weiter. Außerhalb des Silicon Valley’s nĂ€mlich sind Fehler nicht sexy, tragen keine Perlenketten und CEO wird man mit ZahnbĂŒrsten auch nicht.

DafĂŒr lĂ€cheln sehr viele Kinder, sehr breit, sehr frei und mit lauter , gesunden ZĂ€hnen im Mund.Ich Ă€rgere mich nur manchmal, an einem Sonntag im Mai zum Beispiel ĂŒber den Fehler mit den ZahnbĂŒrsten