Endnote

Thank you Jane, for letting me grow, for making me laugh so hard, for setting me free and keeping me close.

Mein Vater verliert seinen Pass. Wir suchen alle. Die liebe C. verzweifelt. Dann findet sich der Pass doch noch an. Mein Vater schwört er werde den Pass hüten wie seinen Augapfel. Zwei Minuten später suchen wir seinen Pass erneut. Die liebe C. versucht sich an Klebeflüchen. Eine kleine Königinnichte heult. Sie darf ihr blinkendes Zauberschwert, das gern bei Gelegenheit laut los scheppert nicht mit zur Urkundenverleihung nehmen. Meine Schwester bleibt unerbittlich. Die kleine Königin verflucht uns alle. Die Mali-Tant ruft an: „Geh Mädi, wenn du eh kos Kleid von Chanel host, denn kennst eh gleich nackert gehen.“ Ich weigere mich nackt meine Dissertationsurkunde in Empfang zu nehmen. Die Mali-Tant schnaubt empört. Mein Vater verliert die Einladungskarten für den Saalzutritt. Die liebe C. steht kurz vor der Verwandlung in eine Würgeschlange. Schwesterchen schüttelt den Kopf: „Ich habe sie ihm doch nur für zwei Minuten gegeben.“ Bébé No. 5 gluckst fröhlich vor sich hin. Im Kinderwagen finden sich gut angekaute Karten. Ich rase zur Universitätsverwaltung. Der Drucker gluckst nicht ganz herzig wie das fünfte Nichtenkind, aber dann sind doch alle Karten wieder da. Die liebe C. verweigert meinem Vater das Besehen der Karte. Ich wickle mich in eine Robe ein. Mein Neffe lacht: „Haus Slytherin“, sagt er und kringelt sich. Ich stecke ihm die Zunge heraus. Meine Schwester macht: „tsk, tsk, tsk“. Die liebe C. legt mir die Kette meiner Großmutter um den Hals. Ich muss schlucken. Die kleine Königin zieht die Kette eng um meinen Hals zusammen: „Zauberschwert murmelt“ sie finster. Ich schüttle den Kopf. Wutgeheul. Nichte No.3 ist verschwunden. Sie findet sich auf meinem Baum wieder an. Mein Vater ist sich nicht sicher, was er noch alles verloren hat. Mein Schwager konfisziert ein magisches Schwert.  Mein Neffe johlt: „Slytherin.“ Die liebe C. sucht meinen Vater. Mein Vater will nicht gefunden werden. Er hat eine alt Inschrift entdeckt und macht Notizen. Meine Telefon zeigt 15 verpasste Anrufe an. Es ist die Nummer der Mali-Tant. Das Telefon trifft das gleiche Schicksal wie das röhrende Zauberschwert aus Plastik. Dann scheucht mich eine Universitätsangestellte in einen langen Flur. Namenslisten. Ölbilder. Ui. Strenge Gesichter und ein Kugelschreiber mit Schluckauf. Alphabetischer Ordnungssinn. Wäre ich doch noch mal ins Bad gelaufen, denke ich mir. Zu spät. Die Robe ist schwer und schief. Läuft da nicht gerade Draco Malfoy vorbei? Habe ich die Robe richtig herum an? Na ja. „Können Sie mir mit der Fliege helfen?“, fragt mich ein Mann. Ich nicke. Kehlkopfgewürge. „Atmen Sie“, sage ich. Er lacht. Schon wieder wird durchgezählt. Wir stehen in einem weißgekalkten Flur. ALPHABETISCH GEORDNET. „Keiner tanzt aus der Reihe.“ Wir warten. Worauf? Eine Katze schleicht über den Flur. Sie sieht aus wie die vergrätzte Mali-Tant und die verärgerte Könginnennichte in Einem. Einatmen. Ausatmen. 2 Sekunden lang fällt mir der Titel meiner Doktorarbeit nicht mehr ein. Weiche Knie. Immer noch warten. Vielleicht kommt doch gleich einen strenge Headmistress? Der Mann mit der Fliege macht Kniebeugen. Egal, Hauptsache alphabetisch. Plötzlich liegt eine Hand auf meiner Schulter. Ganz unalphabetisch. Die Hand gehört der besten Chefin der Welt. Die Schulter gehört zu mir: „You’ve got notions!“, sagt sie, sagt diesen so irischen Satz, sagt ihn mir der Fremden und dann sehen wir uns an und das Lachen, mit dem Alles begann, vor ein paar Jahren, legt sich uns in die Arme. Damals stand ich auf von meinem Schreibtisch, um nachzusehen, wem dieses Lachen gehörte und dann stand sie da, ich tat so als hätte ich weder ihr Lachen gehört noch nach ihrem Lachen gesucht, aber schon hatte sie mich angesteckt und auch jetzt in der ernsten Stille des Flures da stehen wir und alles wird leicht, das Lachen hüpft zwischen uns hin und her, fährt ihr und mir durch die Haare und durch alle Jahreszeiten, dieses Lachen kommt mit Aplomb und einem Liederbuch, dreht eins, zwei, drei Pirouetten läuft die Treppe hinunter in den Saal hinein und ich die ich so fremd bin, auch zwischen Robe und Würde halte mich an diesem, ihrem, unserem Lachen fest, wie an einem Geländer, einer Überlandbrücke und dann, ganz am Ende lasse ich los.

Alles kann ein Lachen ändern.

Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt neben mir auf dem Baum.

Kahl ist der Baum jetzt im November.

Der Baum legt sich vielleicht die Arme um die Schulter gegen den Wind und den Frost.

Der Wind ist schon da, der Frost kommt noch, sagt die Frau im Radio.

Die Frau im Radio ist die erste Stimme, die ich höre am Morgen. Kurz nach fünf Uhr ist es dann.

Die Stimme der Frau aus dem Radio ist die Stimme der Silberpappel.

In einem dunklen Studio sitzt die Frau aus dem Radio

und

Dunkel ist es auch in meinem Zimmer.

Ich nehme die Bluse vom Bügel und die Frau im Radio dreht die Seite mit den Nachrichten um.

Vielleicht sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel neben ihr auf einem Ast und hört ihr zu.

Dann verschwindet ihre Stimme. Musik im Radio und ich stelle das Radio aus, suche nach dem Schal

Oder vergesse wonach ich suche.

Ob der kahle Baum wohl seine Blätter vermisst, frage ich mich viele Stunden später, da sehe ich aus

dem Fenster, zum ersten Mal, obwohl das nicht stimmen kann, denn ich sehe oft aus dem Fenster.

Aber nicht immer sehe ich den ausgezogenen Baum.

Ich sehe den Baum und sehe ihn nicht, das ist die Scham über die warme Jacke, das pinke Tuch, die dicken Socken, die festen Stiefel. Timberland steht auf dem Hacken und ich frage mich, ob die Schuhe, die ich trage nicht einmal Holzfällerschuhe waren.

Vor mir steht der entblösste Baum.

Entblössen ist ein furchtbares, deutsches Wort.

Meine Grossmutter und ich, wir hatten eine Liste schrecklicher Wörter.

Meine Grossmuter sagte zu ihren Patienten niemals: „Entblössen sie sich doch bitte.“

Meine Grossmuter sass stundenlang unter alten Bäumen und schwieg.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiche ich dem Baum aus.

Ich sehe Strommasten und Felder, grau, braun, metallisch-grau.

Nebelfetzen.

Oder sind es nicht doch Hochspannungsleitungen?

Ich bin zu müde um wirklich nachzusehen.

Die Frau im Radio irrt sich nicht.

Ich sehe die Fabrik.

Schnell wende ich die Augen ab.

Dann ertappe ich mich doch dabei wieder nach dem Baum zu suchen.

Alt ist der Baum, seine Jahre wiegen schwerer als meine Jahre.

Ein kleiner, schwarzer Vogel sitzt auf einem Ast.

Neben mir auf dem Baum sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel.

Ein Augenzwinkern.

Seine Augen,

meine Augen?

Der Baum schweigt.

Der Wind lehnt sich gegen den Baum.

Ein grosser Baum und ein kleiner, schwarzer Vogel.

Der Baum gewinnt.

Noch.

Der kleine, schwarze Vogel liest dem Baum vielelicht den Wetterbericht vor.

Vielleicht weiss der Vogel etwas über die Frau im Radio.

Vielleicht singen sie dieselben Lieder bevor sie ein dunkles Studio faehrt.

Eine Lampe klickt. An und aus.

Dann die Stille.

Ihre Stille, meine Stille, die Stille des kleinen, schwarzen Vogels neben mir im Baum. Der Baum selbst

schweigt ja auch.

Treffen sich zwei oder drei oder vier, so fangen oft Witze an.

Ich kann fast nie darüber lachen.

Treffen sich zwei, drei oder vier schweigen fünf.

Hier vor und hinter dem Fenster schweigen wir lieber.

Recht hat der Baum und Recht hat auch der Vogel, ihre Geheimnisse gehen mich nichts an.

Auch nicht die Lieder der Frau aus dem Radio früh am Morgen.

Der Wind kommt zurück.

Immer kommt der Wind zurück.

Der Baum und der kleine, schwarze Vogel gehören zusammen.

Ich bleibe hinter dme grossen Fenster aus Glas.

Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.

Aber schon ist der Vogel verschwunden, der Nebel schliesslich kommt dme Baum zu Hilfe,ein perlgrauer Schal um die Schultern des Baumes. Ein Schal mit langer Geschichte. Der Nebel schreibt seine Geschichten auf feines Seidenpapier, eine Handschrift aus Perlenketten, sagten die Lehrer damals in der Schule zum Nebel. Der Nebel nickt unbeirrt. Der Schal aus Nebel ist grösser als der Baum.

Der kleine schwarze Vogel ist auf und davon.

Die Frau im Radio sieht vielleicht aus dem Fenster in einen anderen Baum.

Ich sehe den Nebel und keinen Baum und keinen kleinen, schwarzen  Vogel mehr.

Wie der November riecht

Der November riecht nach nach langen Regentagen, nassen Schuh und einer vermoderten Holzplanke in einer Senke. Der November riecht nach Fisch mit weisser Sosse und nach der ersten Mandarine. Ganz vorsichtig fällt die Schale der Mandarine in meine Hand. Noch einmal rieche ich den Sommer. Einen staubigen Marktplatz in Andalusien vielleicht und eine Frau, die aus einer Holzkiste Orangen verkauft, und jede Einzelne in feines, knisterndes Seidenpapier einwickelt. Der Saft der Mandarine tropft mir auf die Hand. Der November riecht nach Maronen in Zeitungspapier eingewickelt und Hirschhornsalz. Der November riecht nach einer knarrenden Schublade, die selten nur geoeffnet wird, zu viele Erinnerungen liegen im November. Nach einer Kellertreppe und frischem, weissem Kalk riecht der November, nach Pfefferminzpastillen und Anisbonbons in einem Tweed-Jackett riecht der November. Nach einem Kuchen mit einundvierzig Kerzen und Schokoladenglasur riecht der November, so eine grosse Schwester habe ich. Aber meine Schwester am Telefon lacht, sie findet sie sei noch immer Peter Pan.
Am Telefon singe ich ihr ein Lied und höre ihr zu, wie sie die Kerzen auspustet.

Der November riecht nach Gemüsesuppe, nach Pastinaken und natürlich nach meinem Erzfeind Sellerie. Der November riecht nach frischgestrichener Wand und feuchter Erde, um die Rosen herum im kleinen Garten von M. Der November riecht Dieselmotoren an einem Kai im Westen von Irland, nach harter Arbeit und schwieligen Händen eines Fischers und seinem Netz. Kaum habe ich ihn gesehen im Nebel, der über dem Hafen liegt. Er schweigt und ich schweige. Im November hat die Stille, die hoeheren Rechte. Der November riecht nach Schuhputzcreme und Lederfett, nach dem dicken Daunenbett, das liegt in der Kommode neben dem Lavendel aus, aber vom Lavendel rieche ich im November nichts. Nach Efeu riecht der November und kalten Kirchen in denen ein Chor übt, viele Stunden lang. Am Ende der Probe haben die Sänger rote Wangen und haken sich unter den Armen ein, so als trüge die Musik sie witer durch den stillen Abend.

Der November riecht nach Temperaursturz und klammen Pyjamabeinen am Abend. Die Wäsche trocknet auch nach einem ganzen Tag auf der Leine kaum. Der November riecht nach der Müdigkeit der Sonne und der Schlaflosigkeit des Mondes, nach verblichenen Liebesbriefen und unbezahlten Rechnungen riecht der November und nach verschimmeltem Brot im weissen Kasten. Der November riecht nach Stachelbeeren im Glas und tropfendem Honig, von der Messerspitze hinunter auf einen Wecken. Der November riecht nach Kutscherhaus und Laterne. Lady Chatterly müsste ich einmal wieder lesen, denke ich mir, aber das Buch liegt irgendwo anders, aber nicht neben mir. Nach Stew auf dem Ofen am Sonntagabend riecht der November, noch immer nach Werther’s Echten in der schwarzen Handtasche meiner Grossmutter, die heute meine Handtasche ist. Das letzte Konzert mit ihr fiel auf einen Novembertag. Werther’s Echte lutsche ich nie und habe sie doch immer in der Tasche.

Der November riecht nach Massnahmenpaketen und Chlor im Schwimmbad, nach Salbei für den ersten Husten, der muss natürlich auf einen Freitag im November fallen. Der November riecht nach dem Unerfüllten, dem zu sehr gewünschten und immer, immer dem Unerreichten. Der November riecht nach mit Zeitungspapier ausgestopften Schuhen und nach feuchten Schaf überall. Der November riecht nach leeren Betten, nach dünner Milch und den mürben Äpfeln oben auf dem Boden. Es reicht noch einmal für einen Apfelkuchen mit warmer Sahne und die Katze schnurrt eine ganze, halbe Stunde lang. Der November riecht nach dem verbrannten Daumen am heissen Backblech. Au weh. Der November riecht nach tropfenden Tannen und Brandy, ein Mann zerdrückt mit seiner Hand den Stiel des bauchigen Glases. Es gibt nichts, was nicht passiert im November, denke ich mir.

Der November riecht nach dünnem Eis.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Die Strasse nach Westen.

Das Auto ist silber und schwer. „Wirklich?“, frage ich. Der verehrte Herr Direktor nickt.„Es ist nur ein Auto“, sagt er achselzuckend. Ich zucke zusammen und fahre dann doch. Leise ist das Auto, anders als der alte Volvo holpert er nicht, knirscht nicht, das Direktorenauto gleitet still durch den Morgen.

Ich denke an die Barke, die schwarze Gondel in der Gustav von Aschenbach durch die Kanäle von Venedig gleitet. „Habe ich sie nicht gut gefahren?“, fragt der Gondelier, der vielleicht jemand ganz anders ist den Fremden mit seinen Koffern. Aber ich frage nicht, der Direktor telefoniert und ich fahre auf der langen Strasse nach Westen, schon liegt Dublin hinter uns, eine Autobahn wie sie es viele gibt. Thomas Mann geht mir im Rueckspiegel verloren. Sie machen ihr Literaturgesicht, sagt der Direktor. Ich nicke. „Der Tod in Venedig sage ich, eine Wasserstrasse 19xx, vor dem ersten grossen Krieg.“ Er nickt und schweigt. Seine Zitate sind aus Veep einer Serie, die ich googlen musste und meine Sätze sind aus dem vorherigen Jahrhundert. Das ist die Entfernung aus der wir sprechen, vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen, auch hier auf der Strasse nach Westen.

Obama Plaza heisst die Raststätte an der wir halten. Obama hat natürlich einen irischen Verwandten und jetzt auch eine Raststätte. Fotos kann man dort sehen, die Statue aber von ihm und Michelle ist nicht zu sehen. Vielleicht wird sie grundgereinigt oder winterfest lasiert, wer das weiss schon genau. Wir trinken Kaffee und bewundern die Raststättendamen, die fuer die LKW-Fahrer, Familienersatz sind und natuerlich finden sie auch fuer ein schluchzendes Kind ein roten Luftballon. Es riecht nach Kaffee, Fluessigseife, nach Bratfett und langen Touren. Ein Trikot an der Wand. Rot-weiss und Obama. Ein riesiges Bild an einer Stele: Obama steigt aus dem Helikopter, irisches Wetter. Der Präsident strahlt, der nächste LKW-Fahrer kommt und die Raststättendamen rufen: John, nearly there, nearly there. Was fuer ein Satz. Wir fahren weiter, die Berge zu unserer linken sind eine Regenwolke, graue Schatten vor uns und neben uns. Wir streiten uns ueber die Frage, aus welcher Entfernung man wohl das Meer riechen kann. Dann der erste Ort unserer Reise. Ein Strassendorf mehr, ein Postamt ( geschlossen), ein Pub ( offen), die Polizei (offen). „Ein Polizist“, sage ich, quietschende Reifen. Vielleicht lacht der Herr Direktor. Der Polizist hat Zeit. Seine Wegbeschreibung ist die Chronik des Ortes, wir finden die Veranstaltung dennoch. Ein Direktorenvortrag und viele Gespräche später wieder die Strasse, weiter nach Westen.

„Fräulein Read On“ sagt der Direktor, denken sie es wäre moeglich an einem Pub zu halten. Ich nicke. Zwei Countryhotels, einen Gastropub und drei Doerfer weiter halte ich an. Jim O’Hara, ein rotes, verwittertes Schild, verschmierte Fensterscheiben, der Wirt steht in der Tuer und schreit zum Fleischer herueber. „Ich wusste, dass Sie hier anhalten, ich wusste es.“ „Bier oder kein Bier, Herr Direktor, das ist hier die Frage.“ Der Wirt starrt uns an. Zwei lachende Fremde. Ein Pint für den Herrn, ein Wasser mit Sprudel für mich. Der Wirt starrt noch strenger auf usn herab. Er schüttelt den Kopf. Fremde, was soll man da anders erwarten. Das Mobiliar ist alt und verwittert. Stühle aus altem, verwitterten Holz, Tische mit Wachsflecken und eingeritzten Strichen lang schon vergangener Kartenpartien. Im Pub neben uns der Doktor nach den Hausbesuchen, die Trinker des Ortes und in ihrer Mitte eine Frau mit wasserstoffblonden, herausgewachsenen Haaren und langen Fingernägeln. Sie erzählt von ihrem Sohn, der anderswo Geld macht und sich nicht mehr um seine Mutter schert und die Trinker trinken. Sie heben ihre Gläser und so beginnt ein Abend, dem viele andere Folgen. Der Direktor wird seine Krawatte los und die Frau mit den Haaren, die so verdächtig einem Waschbären ähnelt, wirft mir verächtliche Blicke zu. Aber hier bei Jim O’Hara sind alle Fremde. Der Wirt trinkt einen klaren Schnaps. Wir sehen aus dem Fenster. Noch 50 Kilometer. Die Dorfjugend kommentiert das silberne, schwere Auto auf der Strasse. „ So wollte ich nie werden“, sagt er. „So sind Sie nicht“, sage ich. Die Dame fährt, sagt er zu den Jugendlichen auf der Strasse. Das Auto schweigt, silbern und schwer.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Woanders ist es auch schön

Was in der Praxis einleuchtend klingt, ist in der Theorie meist kompliziert. Frollein Polly hat sich einmal genauer angesehen, warum das Containern, also das Mitnehmen von Lebensmitteln aus Supermarktmülltonnen komplexer ist, als es zunächst scheint. Wie so oft ist es kompliziert. Die allgegenwärtige Lebensmittelverschwendung bleibt dennoch eine zentrale Frage, für die es Antworten braucht.

1968 ist mit Aufbruch, Muff unter den Talaren und Musik aus England längst eigener Mythos geworden. 1968 aber hat Erika Runge, Menschen im Ruhrgebiet nach ihrer Lebenswirklichkeit befragt. Diese Bottrop Protokolle kann kann man hier nachhören. Das sollten Sie unbedingt tun. Man wünschte sich es gäbe mehr solcher Reporterinnen wie Erika Runge auch heute wieder 2018.

Erkennen Sie sich wieder?

Was für eine Frau. Was für ein Leben.

Die wunderbar-kluge Odenwälderin schreibt einen Brief. Es geht um Milchkannen, aber eigentlich geht es um die Frage, wer eigentlich mit der Zukunft gemeint ist und wer nicht.

Frau Kaltmamsell macht sich Gedanken um Schnäppchen und das Kaufen an sich. Das ist man dann schnell wieder bei den Fragen von Brauchen, Wollen und Verschwendung. Ich habe schon seit Jahren kein Amazon Konto mehr. Es fehlt mir nicht, aber was mir auffällt ist, dass es augenscheinlich keine Alternativen mehr gibt. Das kann niemals die Antwort sein.

Niamh Regan ist eine Sängerin, der man stundenlang, immer wieder neu zuhören möchte.

Wurst. Ein Stück in vier Akten.

Die Szene:

Ein Büroflur früh am Morgen.

Gedimmtes Licht.

Schreibtische.

An einem Schreibtisch sitzt ein Fräulein und tippt.

Man hört das Klackern der Tastatur

Neben ihr steht eine Teetasse. Auf der Teetasse singt ein Mumin.

Mitwirkende:

Die Auszubildende (A)

Ein Student der Elektrotechnik (E)

Der verehrte Herr Direktor (VHD)

Der Betriebsarzt (B)

Fräulein Read On (R)

Sekretärin (S)

  1. Akt

R. tippt emsig, dann und wann nippt sie am Tee, sie seufzt aber eher behaglich als angestrengt, dann und wann konsultiert sie das Oxford Dictionary aus Prinzip übrigens. So vergeht Zeit. Plötzlich fährt R. wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl hoch. Sie sieht die S. mit einer Tasse dampfenden Kaffees herbeieilen.

R: S. haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (überlegen): Freilich!

R: S., wo haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (sehr überleben): Na in der Kantine. Sie frühstückt dort mit einem Studenten der Elektrotechnik-lange Pause- während unsereins kaum Zeit für einen heißen Kaffee hat. Früher als ich Auszubildende war, da haben wir gar nicht hochgeschaut, sondern getippt bis uns die Daumen brannten. Da haben wir Strichlisten geführt über Toilettenbesuche. Ach, es war herrlich. Diese Kämpfe.

(Die S. erschauert wohlig). Dann wendet sie sich ab.

R: Leises Fluchen. Warum zum Eulenbrausen frühstückt die Auszubildende so lang? Ich hatte doch gesagt: Punkt 9 Uhr gilt es zurück zu sein. Beim heiligen Geierjungen, jetzt muss ich ihr nachrennen. Fünf Minuten hat sie noch, Scheibenkleister natürlich lärmt jetzt das Telefon.

(Regiehinweis: Hier können zeittypische Flüche verwendet werden. )

R: „Aber sicher verehrter Herr Direktor, die Auszubildende freut sich doch schon sehr, wie sagen Sie, eine Viertelstunde früher? Kein Problem gern! Auf später. Merci bien. Thank you very much. Indeed, the weather.

Auf einmal Tumult. Schluchzen. Weinkrampf.

Die Tür öffnet sich.

Die Auszubildende tritt ein, sie geht gekrümmt, wie unter starken Leibesschmerzen.

R: „Was ist ihnen geschehen A.?

A.: Jammervolles Geschrei.

R. beugt sich zur A. herunter. Die Nase der A. kommt ihr merkwürdig geschwollen vor.

R: Was ist mit ihrer Nase? Die ist so geschwollen. Sind Sie gegen eine Tür gelaufen?

A: Schluchzen.

R: Lassen Sie mich doch mal sehen.

A: Neeeeeeeein

R: Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mich sehen lassen. A. bitte atmen sie ruhig ein und aus.

R (plötzlich laut und heftig): A. Sie haben ein Würstchen im Nasenloch stecken!

(Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht um ein Wiener Würstchen, sondern um ein irisches Frühstückswürstchen- genannt rasher-handelt, daumenlang und daumenbreit.

A. verbirgt den Kopf in den Armen.

R: Wir müssen sofort zum Betriebsarzt, A. das Würstchen ist so tief in ihrer Nase, das bekomme ich so einfach nicht heraus.

A: Schluchzen

2.Akt

R: Guten Morgen, das ist ein Notfall. Die A. hat sich ein Würstchen in die Nase geschoben.

B: Ich habe ja schon viel gehört von Leuten wie ihnen, die sich mit den abstrusesten Ausreden vordrängeln, aber das geht wirklich zu weit. Das ist eine Schande!

R: HÖREN SIE, DIE A. HAT EIN WÜRSTCHEN IM NASENLOCH, DAS ZWEIMAL SO BREIT IST WIE SELBIGES, DAS MUSS ENTFERNT WERDEN, DAS WÜRSTCHEN AUS DER NASE, JETZT SOFORT.

A.:schluchzt.

B.sieht zur Auszubildenden herüber und sieht die angeschwollene Nase. Er macht einen Schritt nach vorn. Ich glaube das nicht, die Frau hat ja ein Würstchen in der Nase. Das ist ein Notfall, nun kommen sie schon, was stehen sie da noch wie angewurzelt herum, wollen sie warten bis aus dem Würstchen ein Schinken wird. Hahahahahaha. Wie sagt meine Frau immer: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.

R.: Auszubildende soll ich ihre Hand halten?

A.: Zustimmendes Nicken

B.: Ein Würstchen in der Nase. Da wird doch der Schinken in der Pfanne verrückt.

In der Tasche der R. klingelt ein Telefon. R. nimmt nicht ab.

Der B. extrahiert das Würstchen. Davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen.

Die Auszubildende bleibt zur Beobachtung hier.

3.Akt

R: sieht auf ihr Mobiltelefon. 15 Anrufe des verehrten Herrn Direktors. Sie tippt auf das Telefonsymbol.

VHD.: (rasend): FRÄULEIN READ ON, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL!FÜNFZEHN MAL WIE EIN HORNOCHSE HABE ICH GESTANDEN, WIE EIN HORNOCHSE VOR DEM TOR, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL, WO SIND DIE AUSZUBILDENDE UND SIE UND JETZT SAGEN SIE NICHT AUSSERIRIDISCHE HÄTTEN SIE ENTFÜHRT. SAGEN SIE NICHTS.

R: Ja, verehrter Herr Direktor

VHD.: Außerirdische haben Sie entführt?

R: Nein, Herr Direktor, keine Außeriridschen, ja zu sagen Sie jetzt nichts.

VHD: Sie werden doch schon wieder philosophisch.

R: Nein, Herr Direktor.

VHD.: (seufzt): Wo sind sie?

R.: Im Krankenflügel. Die Auszubildende ähm eh ähhhh ist von einer kleinen Unpässlichkeit befallen.

VHD.: Eine Unpässlichkeit? Spezifizieren Sie!

R.: Nun ja, verehrter Herr Direktor, also wie soll ich sagen, also, eine Unpässlichkeit dergestalt,dass….

VHD: Fräulein Read On Sie eiern herum!

R.(energisch): Eine Lebensmittelunverträglichkeit, Herr Direktor, die Auszubildende hat aehm ein Frühstückswürstchen nicht vertragen.

VHD.: Mir ist der Verzehr von Frühstückswürstchen ja von der Frau Gemahlin verboten worden. Ich sage nur Cholesterin.

R: Es ist ein Kreuz verehrter Herr Direktor!

VHD.: Lebensmittelunverträglichkeit sagten Sie?

R.: Besonders schwere Form, Schleimhäute, die Ärmste.

VHD.: Hm. Fräulein Read On, ich will es einmal dabei belassen. Der Termin ist verschoben, Freitag, 10 Uhr. Die Auszubildende soll Haferbrei essen!

R: Jawohl, verehrter Herr Direktor!

VHD.: FÜNFZEHN MAL, FRÄULEIN READ ON. FÜNFZEHN MAL.

4.Akt

Spätnachmittag. Krankenflügel.

R.mit einem Becher Tee in der Hand, setzt sich zur A. neben der A. sitzt der E.

R.: A. wie geht es ihnen?

A..: War ja alles nur halb so wild, Fräulein Read On!

R.: hustet

R.: Na dann erzählen sie mal wie ein Würstchen in ihr Nasenloch kam?

A.: Das war so voll wissenschaftlich, ein Experiment nämlich. Und überhaupt ist das alles Ihre Schuld Fräulein Read On!

R.: Wie kann ich daran Schuld haben, dass Sie sich ein Würstchen in die Nase schieben Auszubildende?

A.: Na Sie haben gesagt Neugierde sei die beste Lehrmeisterin.

E: nickt bekräftigend.

E: Die Sache mit der Erbse im Nasenloch ist ja zu einfach. Wir wollten einfach sehen, wie weit sich so ein Nasenloch dehnt.

R.: zählt still und in Gedanken bis dreißig.

E.: Die Auzubildende ist wirklich genial.

R.: achtundzwanzig, neunundzwanzig.

A. strahlt.

A.: Wir haben gewettet, der Student der Elektrotechnik hat gesagt, dass Würstchen würde nur bis in die Mitte der Nase passen. Aber ich habe an Sie gedacht., Fräulein Read On wie sie immer sagen, nicht so viel über Engagement rden, sondern einfach machen.

E.: Die Auszubildende ist mega! Einfach total fatal, was die so draufhat.

R.: schüttelt den Kopf. Wenn Sie gewettet haben, wie kommt es dann, das nur die Auszubildende ein Würstchen in der Nase hatte und nicht auch Sie, Student der Elektrotechnik?

E: Na, ich bin ja nicht doof. Was da alles passieren kann, wenn man sich ein Würstchen in die Nase stopft! Nee, nee, so was mache ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich habe nur so getan als würde ich das wirklich machen. Bin ja nicht doof.

A.: Jedenfalls habe ich die Wette gewonnen!

R: Was war denn der Wetteinsatz. 50 Euro und eine Woche Fahrdienst zur Mondsteinscheibenfabrik. Geilo!!

E: Wie ich soll jetzt wirklich 50 Euro bezahlen, nur weil die sich ein Würstchen in die Nase geschoben hat? Das ist ja voll der Betrug. 50 EURO!

R: Tja, verehrter Herr Student de Elektrotechnik, Wettschulden sind Ehrenschulden, wussten Sie das nicht?

A.: Ach, Fräulein Read On, wenn Sie nicht gesagt hätten, dass Neugierde einem verborgene Türen oeffnet, wäre ich ja niemals auf die Idee gekommen, mich einmal an der Wissenschaft zu versuchen!

R: Na dann will ich einmal froh sein, dass Sie nicht die Chemie als erste Wissenschaft für sich entdeckt haben.

A.Nein, Chemie lag mir schon in der Schule gar nicht.

Die A. Niest heftig.

Wurstbrocken explodieren im Raum. R.‘s Bluse ist nun mit Wurst gesprenkelt.

Die Tür geht auf. Der Arzt tritt herein.

Er sieht die Wurstexplosionsnachwirkungen.

B. Ach wie gut, es löst sich. Auszubildende, Sie werden in den kommenden Tagen ihre Nase regelmässig spülen müssen. Es ist ein Wunder, dass Sie noch mal so glimpflich davon gekommen sind.

A.: strahlt: Erst die Wissenschaft und dann ein Wunder.

R. und B. Schweigen. Der Student der Elektrotechnik raucht eine Zigarette vor dem Fenster. Ein Telefon klingelt.

Der Vorhang fällt.

Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Woanders ist es auch schön

Frau Novemberregen bestellt Getränke und telefoniert mit ihrem Vater.

Einhundert Jahre. Der erste Weltkrieg bleibt eine große Erschütterungserfahrung.

Nele hat Schmerzen.

In Moskau trägt frau Fuchs. ( Es ist ganz anders als sie denken.)

Gesichter des Exils.

Noch einmal100 Jahre. Das Frauenwahlrecht bleibt ein riesiger Meilenstein.

Eine Frau und das Meer.

Aislinn Logan singt und der November wiegt nicht mehr ganz so schwer.

Automatenwirtschaft

Es ist schon spät als ich im Supermarkt stehe. So spät schon wieder, draussen hat die Dunkelheit alles verschluckt.Die Müdigkeit hält uns alle fest bei den Händen. Ein Kind schreit der Bonbons wegen, laut und schrill schreit das Kind, seine Mutter hält sich für einen Moment die Hände über die Ohren, sie wirft Nudeln, eine Gurke und Cracker in den Einkaufskorb, dann fallen ihre Hände herunter, sie beugt sich zu dem schreienden Kind, das Kind schluchzt und beide Mutter und Kind suchen nach einer Atempause, aber das wird nicht verkauft in den Regalen.

Ein Mann sucht nach einer Flasche Wein, ein Etikett nach dem Anderen liest er sorgfältig, so als seien die Weinflaschen ein besondes gehaltvoller Zeitungsartikel,vielleicht sind sie es ja, aber seine Hände zittern beim Lesen, das Zittern der Trinker erkenne ich noch immer als sei es gestern gewesen. Der Supermarkt ist ein upscale Supermarkt, hier gibt es französischen Käse, deswegen bin ich hier. Ich kaufe Brot. Sourdough San Francisco steht auf der Packung, im Radio laufen Weihnachtslieder, ich lege Brie und Comte d‘ Chateau in den Einkaufswagen. „Das bist du nun?“, frage ich mein Spiegelbild, eine von jenen, die teuren Kaese kaufen und Weissbrot mit albernen Namen, weil dir nichts anderes einfällt gegen die Leere. Aber mein Spiegelbild antwortet nicht,es ist ja auch schon so spät.

Die Schlange an der Kasse ist lang. Ganz vorn an der Kasse steht eine Frau deren Haare am Scheitel schon dünn sind, ein verwaschenes rot sehe ich von ganz hinten, aber so genau sehe ich nicht hin, denn meine Finger tippen auf dem iphone herum, Teresa May gibt eine Pressekonferenz, tapp, tapp machen meine Füsse, tapp, tapp, ungeduldig werden meine Füsse, es ist doch schon so spät, Minister treten zurück, die grosse Weltlage hier auf dem kleinen iphone, tapp, tapp, das Spiegelbild lacht mich aus, so wichtig auch du, ja, tapp, tapp, meine Füsse wollen weiter, die Frau vorn an der Kasse kann nicht bezahlen, drei Karten reicht sie dem Kassierer herüber keine der Karten funktioniert, sie verliert sich in Erklärungen, dann rennt sie aus dem Supermarkt heraus, zwei Tüten bleiben zurück, als ich es bemerke, Teresa May verteidigt ihrern Brexit-Plan, ist die Frau schon verschwunden. Da siehst du, so fällt die Welt dir vor die Füsse sagt mein Spiegelbild. Das iphone verschwindet in meiner Manteltasche. Der Kassierer sagt: „Aber ich kann doch nichts tun.“ Keiner antwortet.

Vor mir bezahlt der Mann seine Weinflaschen, drei Weinflaschen und ein Tetrapack Milch, er zahlt in Münzen. Seine Hände zittern jetzt stärker als vorhin am Regal. Die Münzen reichen, Glück gehabt, die Weinflaschen verschwinden in seinem schweren Mantel, die Milch nimmt er in die Hand.

Dann bin ich dran, Käse und Brot. Tapp, tapp machen meine Füsse, ich gebe dem Mann an der Kasse 50 Euro. Der Mann an der Kasse ist alt, nicht nur älter, der Mann an der Kasse sollte nicht mehr im Supermarkt arbeiten, denke ich, 39, 58 Euro bekomme ich zurück. Die Armut lehrt rechnen, ich kann nicht, nicht mit rechnen, die Jahre mit dem Marmeladenglas für das Monatsende vergisst man nie, der Kassierer gibt mir 25 Euro. Ich starre auf die zerknitterten Geldscheine in seiner Hand. Ich rechne hektisch nach, aber ich lande noch immer bei 39, 58 Euro, ich sage: „Entschuldigung, ich habe Ihnen 50 Euro gegeben.“ Der Kassierer sagt: „Oh mein G’tt, oh mein G’tt, ich habe mich geirrt, ich habe nicht gesehen, ich habe, ich es tut mir so leid, das ist mir so peinlich, was für ein Fehler, wenn sie sich beschweren wollen, ich.“ Ich sage: „Das kommt doch mal vor, es ist doch schon spät, bitte wirklich, nein ich möchte mich nicht beschweren. Der Mann hat rote Flecken auf den Wangen und hinter uns da ist die Schlange mit den Menschen, tapp, tapp. Der Kassierer hat rote Flecken auf den Wangen. „Wie ich mich so irren konnte, wie, dann bricht er ab.“ „Hatten Sie schon eine Pause?“, frage ich ihn. Er starrt mich an. „Ich glaube Sie brauchen eine Pause“, sage ich. „Ich brauche den Job wissen Sie sagt er, aber wenn Sie sich beschweren wollen.“ „Nein, sage ich, ich will mich nicht beschweren.“ Der Mann zählt mein Rückgeld zweimal nach. „Es muss gehen“, sagt er und fragt: „Brauchen Sie einen Beutel. Es tut mir so leid.“ „Nein, sage ich, nein.“

Dann kommt der nächste Kunde, tapp, tappen meine Füsse und ich sind auf und davon. Langsam laufe ich nach Hause, im Sommer, ich hatte es fest vergessen, da war ich in Berlin, die Milch war aus oder etwas anderes, ich weiss es nicht mehr, da war ich in einem jener Supermärkte in die ich sonst doch nicht gehe,ich weiss schon warum, der Marktleiter schrie: „Lange mache ich das nicht mehr mit, ihr seid alles Idioten, dann kommen hier die Automaten rein und ihr seid erledigt.“ Die Frau, die da stand weinte und sagte:“ Bitte, ich brauche diesen Job.“ Der Marktleiter verschwand irgendwohin und die Frau musste ja auch wieder an ihren Platz, Kasse drei oder sieben. Ich hatte die Geschichte fast vergessen, am Abend in einem anderen Supermarkt holte sie mich wieder ein.

Tapp, tapp, ich schliesse die Tür auf, Katze und Hund und die Leere, alles wie immer und die Geschichten tief vergraben im Beutel unter dem San Francisco Sourdough und dem teuren Käse. Ich esse nichts mehr, ich sehe aus dem Fenster, still ist es, ich ziehe die Knie hoch. „Ist es zu spät?“, frage ich mich, „Ist es nicht längst zu spät?“