Unruhige Nächte

Verrätselte Träume.

Das ist nicht neu.

Was dann ist diese Unruhe?, frage ich mich, spät in der Nacht.

Es ist kalt draussen, sagen meine Füsse.

Die Fenster sind bodentief.

Schiebt man das Fenster auf, steht man in Garten.

27 Steinplatten und dann das Gras.

Die Steinplatten sind uneben.

Lange schon hat der Löwenzahn sich unter die Steine geschoben.

Längst hat der Moos sich über die Steinge gelegt.

Die Steine beschweren sich nicht.

Auch meine Fussohlen finden das Moos.

Im Dunkeln aber ist der Garten unruhig wie ich in der Nacht.

Die Kastanie so ist mir atmet schwerer als sonst an der Gartenmauer. Schüttelt unruhig die Äste, die Palme, die mir bis knapp unter das Kinn reicht, raschelt so überdeutlich und laut, dass ich vermute auch sie habe etwas verloren, was sie nun nicht mehr finde. Aber auch ich kann der Palme nicht beim Suchen helfen und auch die Kastanie nicht beruhigen, denn ihre Unruhe ist doch auch meine Unruhe.

Die blauen Lilien, die tagsüber immer Königin spielen, auch sie stecken die Köpfe zusammen, wer weiss schon vielleicht streiten sie nur in der Nacht, um dann doch am nächsten Morgen still und graziös in den Tag zu sehen. Die Lilien in der Nacht aber haben etws vor jenen Schauspielern, die alle fürchten, weil man weiss, dass sie noch vor der Generalprobe mit Gläsern oder auch Haarbürsten werfen. Die Unruhe der Lilien wiegt schwer in der Nacht.

In der Mitte des Gartens ist ein Bassin.

Das Bassin gehört den Fröschen. Eine grosse Familie. Generationenübergreifendes Wohnen. Grossmutter Kröte zum Beispiel ist eine Respektsperson. Sonnt sie sich und verzehrt leicht geröstete Fliegen am späten Nachmittag halten die Kinder, Enkelkinder und auch die Urenkelfröschlein Abstand. Grossmutter Kröte hat zu viel von der Welt im Allgemeinen und von den Störchen im Besonderen gesehen. Grossmutter Kröte ist zu alt, um den Sonnenstunden noch zu viel Bedeutung beizumessen.

Vielleicht aber sitzt sie auch in der Nacht noch einmal am steinernen Rand und sieht in das dunklke Wasser hinunter. Was sehen wir schon nachts im Spiegel, ausser der Unruhe wieder und wieder? Vielleicht sieht unsere Vergangenheit ja noch einmal zurück, unscharf und stückweise nur, aber wen hat das schon abgehalten wieder und wieder einen Blick zu versuchen. Vielleicht aber schläft Grossmutter Kröte auch lange schon und misst den Spiegelbildern wie auch den Nächten keine Bedeutung mehr zu.

Aber das glaube ich nicht.

Als ich am Bassin stehe, aber zieht nur der Wind, Kreis eüber die Wasseroberfläche. Ich sehe nicht in die dunkle Tiefe, die Nacht ist doch tief genug.

Aber die Unruhe, die Unruhe bleibt mir, auch als ich auf den Mauersims, und dann auf den Dachsims steige und schliesslich auf dem Dach sitze, näher an der Nacht und weiter entfernt vom steinernen Bassin.

Eine Katze klettert auf einen Schornstein hinauf. Die Unruhe der Katzen ist noch einmal eine ganz andere Unruhe als die der Kastanien, der Lilien, der Palmen, der Kröten und mir.

Für einen Moment verharrt die Katze auf dem Schornstein, aber vielelicht habe ich zweimal zu lange geblinzelt, denn als ich wieder zum Schornstein herübersehe, ist die Katze schon wieder verschwunden. Die Unruhe der Katzen ist stärker als eine Wimpernlänge.

Die Nacht ist kalt.

Aber die Unruhe ist immer noch kälter.

Hinter dem Garten beginnt ein Park.

Hinter dem Park endet die Stadt.

Hinter der Stadt beginnt das Meer.

Aber selbst auf den Zehenspitzen kann ich das Meer nicht sehen.

Das Meer muss man sich leisten können. Ich kann es nicht.

Ich bin müde, aber nicht von der Nacht, ich bin müde von all der Unruhe.

Ich kann mich nicht erinnern an eine Zeit vor der Unruhe.

Wie kommen Leute zu einem ruhigen Leben und einem Haus am Meer?

Einmal habe ich ein Haus am Meer gemietet.

Aber es hat nicht gereicht.

Es reicht für kaum noch einen hier in Irland.

Dafür reicht es dem Minister für Housing.

Was soll das Gerede nach einer Wohnung. Er hat eine Idee. Er nennt es Co-Housing. Er findet Menschern brauchen nichts weiter als eine zigarettenschachtelgrosse Kiste mit einem Klappbett und einem Stuhl. Fünf Stockwerke hat seine Idee. Auf 40 Menschen soll eine Küche kommen. Für 1300 Euro im Monat ist man dabei. Der Minister ist stolz auf seine Idee. Er versteht nicht, warum seine Pläne auf Protest stossen. Es ist so ein guter Plan. Warum sind die Menschen so undankbar.

Ich sitze auf dem Dach eines Hauses in dem wir zu siebent leben. Der Minister findet, wo sieben leben können auch siebenundzwanzig leben.

Im Park hinter dem Haus schlafen Menschen in Zelten.

Der Minister for Housing schläft sicher gut.

Aber die Unruhe, meine alte Unruhe ist zurück oder war nie weg und auf dme Dach legt sie ihre Wange an meine, und zieht mich hoch.

Mir ist schwindelig als ich zurück ins Haus gehe.

Ich trinke ein Glas Wasser in der Küche.

Der treue, alte Hund schläft.

Die Katze ist fast ganz im Ärmel meiner Strickjacke verschwunden.

Ich schliesse das Fenster.

Aber die Unruhe, die Unruhe schiebt sich schmal wie ein Schatten mit mir ins Zimmer hinein.

Stilles Licht

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Sehr wenig Worte übrig.

Eigentlich gar keine Worte übrig.

Es ist keine Zeit für Worte.

Keine Zeit für grosse Worte und auch alle kleinen Worte helfen nicht weiter.

Wenn einer nicht mehr zurückkommt, gibt es keine Worte mehr.

Wenn ein Freund nicht mehr zurück kommt, helfen keine Worte mehr weiter.

Ich weiss nicht wann die Worte hier wiederkommen.

Heute ganz bestimmt nicht.

Morgen auch nicht.

Vielleicht übermogen, aber vielleicht auch nicht.

Gerade sind meine Hände kalt.

Am Samstag haben Jane und ich und viele andere Lichter angezündet.

Mel hat das Licht gezeichnet, auf das wir hoffen.

Vielelicht hofft auch das Licht.

So viel Licht.

Vielleicht reicht das Licht bis in die Berge, das Schnee und das Eis.

Meine Hände sind kalt.

Ein Freund fehlt.

Wie kommt das Licht ins Dunkle?

Ich weiss fast nichts über das Licht.

Ich brauche mehr Kerzen sage ich an der Kasse.

Wir zünden alle Kerzen an.

Vielleicht reicht das Licht immer weiter.

Vielleicht weiß das Licht mehr als wir.

Vielleicht.

Bohrender Schmerz

Am Anfang sagt sie, seien es einfach nur Zahnschmerzen gewesen. Gedacht habe sie sich nichts weiter dabei, denn es sei ihr natürlich klar gewesen, dass so ein Implantat ein grosser Eingriff sei.

Dass der Zahnarzt so geschwitzt habe, hätte sie zwar gewundert, denn es sei kein warmer Tag gewesen. Aber sie habe sich auch geschämt dem Zahnarzt sein Schwitzen so nachteilig auszulegen. Es sei doch auch ein anstrengender Beruf fremden Menschen in die Mundhöhle zu greifen.

Sie habe also die Augen geschlossen und an etwas ganz anderes gedacht.

Vielleicht hätte sie das nicht tun dürfen, denn vielleicht hätte sie dann doch bemerkt, dass der Zahnarzt da schon in helle Panik geraten war.

Als sie aufstand, wackelten ihr die Knie, aber das passiere ihr öfter, denn ihr Blutdruck sei schon immer sehr niedrig gewesen.

Der Zahnarzt habe sich die Stirn mit einem blauen Vliestuch abgewischt und gehustet.

Schmerzmittel und Ruhe, sagte er und sie nickte.

Aber schon dort in der Praxis, in dem ungeheuer hellen Sprechzimmer habe sie sich des Gefühls nicht erwehren können, dass der auf die Implantschraube aufgesetzte Zahn nicht dort sass, wo der alte Zahn war, sondern mitten auf ihrer Zunge.

Eine Art Backstein im Mund, so sei es ihr vorgekommen.

Der Zahnarzt aber sei zufrieden gewesen.

Sie werden schon sehen, habe er gesagt.

Sie habe sich hingelegt daheim.

Der R. habe ihr Eisbeutel gebracht und sie habe zwei Schmerztabletten genommen.

Den R. habe sie noch sagen hören, dass er sie wecken würde mit einem Teller Suppe-später dann.

Aber ihr habe sich allein bei der Erwähnung des Wortes Suppe schon der Magen umgedreht.

Geschlafen habe sie dennoch nicht.

Ein bohrender Schmerz habe in ihrer Wange gewütet.

Trotz des Eises.

Sie sagt, es war ihr als hätte jemand mit einer eisernen Zange kleine Kristallsplitter aus ihrem Zahnfleisch gezogen.

Dann hätte sie sich übergeben.

Der R. habe ihr die Haare aus dem Gesicht gehalten und zu ihr gesagt: Liebes Dir läuft Blut aus dem Mund.

Aber sie habe das nicht geglaubt.

Dann habe sie aber auch das Blut gesehen.

Ihr sei schwindelig geworden.

Der R. habe den Zahnarzt angerufen.

Das ist doch nicht normal, habe er gesagt. Das ist doch nicht normal.

Der Zahnarzt aber habe gesagt, sie müsse sich einfach an das Implantat gewöhnen. Ob sie immer so weinerlich sei?, habe er den R. gefragt.

Frauen seien ja heute derartig verwöhnt.

Er habe laut gelacht.

Der R. habe geschrien, dass es nicht normal sei aus dem Mund zu bluten.

Aber der Zahnarzt habe einfach aufgelegt.

Der R. habe sie hinüber in ihr Bett getragen.

Da habe sie schon nicht mehr sprechen können.

Der R. sei in die Apotheke gegangen, um herauszufinden, wo ein Notzahnarzt sei.

Sie sei froh gewesen, als er weg war, denn ihr sei klar gewesen, dass sie es nicht mehr irgendwohin schaffe.

Sie sei auf allen Vieren in ihr Arbeitszimmer gekrochen und habe nach ihrer Ateliertasche gesucht.

Zum Glück sei ein kleiner Meissel in der Tasche gewesen.

Schon damals an der Kunstakademie habe sie der Professor oft gelobt, für ihre so präzise Technik, anders als viele Männer habe sie nie zu grob mit dem Material hantiert.

Daran habe sie denken müssen mit diesem würgendem Schmerz in der Wange.

Sie habe den kleinsten Meissel genommen und sei in den Flur gerobbt. Aufstehen habe sie da schon nicht mehr können.

Aber im Flur sei der tiefe Bodenspiegel und dann habe sie mit allerletzter Kraft, den aufgesetzten Zahn wieder herausgebrochen.

Dann aber hätte es wieder angefangen zu bluten.

Wahrscheinlich hat sie mit dem Meissel auch das umliegende Zahnfleisch verletzt.

Dann sei ihr schwarz geworden vor Augen.

Aber sie sei so erleichtert gewesen, denn mit dem zerstörte Zahn habe der nervenzerfetzende Druck in ihrer Mundhöhle nachgelassen.

So habe sie der R. gefunden.

Der R. habe das ganze Blut gesehen und gedacht, das wäre das Ende.

Dann sei der Rettungswagen gekommen.

Aber sie habe das alles nicht mehr bemerkt.

Schliesslich sei sie in die Zahnklinik gekommen.

Der Zahnarzt dort sei ganz blass gewesen.

Es war ihr peinlich gwesen, wegen eines Zahnes mitten in der Nacht dort anzukommen.

Der R. habe sich geweigert sie allein im Behandlungszimmer zu lassen.

Das erinnere sie noch.

An was danach kam, daran habe sie keine Erinnerungen mehr.

Sei sei so erschöpft gewesen von den entsetzlichen Schmerzen.

Aber nach zwei Tagen habe sie einen Joghurt essen können.

Der R. hätte geweint.

Gestern hätte der Zahnarzt in der Zahnklinik zu ihr gesagt, dass das eingesetzte Implantat viel zu gross für ihren Kiefer gewesen sei. Ihr behandelnder Zahnarzt habe wohl die Laborbestellungen verwechselt. Eine Kante des neuen Zahns habe sich so tief in ihr Zahnfleisch gebohrt, dass und dann brach der Zahnarzt ab.

Die Nähte müsste sie noch für ein paar Tage drinbehalten, sagt er ihr.

Ob es sie zu arg drücken würde.

Aber sie habe nur den Kopf geschüttelt.

Alles prima, habe sie gesagt.

Fast hätte sie den Zahnarzt umarmt.

Wenn alles verheilt ist, sagte er, dann können wir gemeinsam überlegen, was am besten ist.

Sie habe genickt.

Sie habe sich entschuldigt mit einem Strauss Tulpen.

All das Blut.

Der Teppich im Flur sei ruiniert.

Sie habe sich bei R. entschuldigt.

Sie habe angeboten die Reinigungskosten für den Teppich zu übernehmen.

Sie seien doch gerade erst zusammengezogen.

Aber der R. habe sie umarmt.

Seine Wangen seien ganz nass gewesen.

Solche Angst habe der R. gehabt.

Auch dafür, sagt sie habe sie sich sehr geschämt.

Umleitung-Ein Jahr später…

Ein kurzer Hinweis in eigener Sache. Vor genau einem Jahr ist dieses Blog im Zuge der Anpassung an die datenschutzrechtlichen Neuerungen kurz DSGVO auf diese Seite hier umgezogen. Das alte Blog endete mit dem Hinweis auf diese Webaddresse. Die nicht DSGVO konforme Seite habe ich stillgelegt. Ein Jahr lange habe ich für eine Umleitung bezahlt, diese Bezahlung habe ich jetzt eingestellt, denn ein Jahr sollte ausreichen, um diesen Wechsel mitzuvollziehen. Das dachte ich jedenfalls, aber nun ein Jahr später erreichen mich Bitten um Zugriff auf die stillgelegte Seite und wütende Emails mit dem Vorwurf ich würde geheime Seiten für ausgewählte Leser betreiben. Dem ist nicht so. Die einzig von mir betriebene Seite ist seit Mai 2018 diese: https://readonmydear.com/

Wenn Sie hier mitlesen möchten, müssen Sie diese Adresse aufsuchen. Eine andere gibt es nicht. Bitte bringen Sie keine Verschwörungstheorien in Umlauf und bitte sehen Sie vom Zugriff auf eine stillgelegte Seite ab.

Sie können hier erwarten, dass kein Missbrauch mit Ihren Daten geschieht und Sie werbefreien Zugriff auf dieses Blog erhalten, im Gegenzug kann ich erwarten, dass auch Sie, so sie hier vorbeisehen mögen, ihre Webaddresse aktualiseren.

Es dankt immer Ihr Fräulein Read On

Sonntag

Der tierärztliche Neffe schluchzt.

Er schluchzt trotz der heissen Waffeln auf dem Tisch dick mit Puderzucker bestreut und er schluchzt auch dann noch als ich Schokoladenstreusel und Kirschen in der blauen Schüssel mit den weissen Punkten dazu stelle. Schokoladenstreusel und Kirschkompott liebt der tierärztliche Neffe nämlich noch mehr als den dicken Puderzucker.

Aber heute helfen die Waffeln nicht.

Meine Trostversuche laufen ins Leere.

Selbst die Katze, die auf eine Waffel spekuliert, verzieht sich in ein anderes Zimmer, denn ihr sind überbordende Gefühlsäusserungen, die sich um etwas anderes als ihren Anteil an der morgendlichen Milch drehen, fremd.

Dafür kommt der Hund in die Küche getappt und der untröstliche Neffe springt auf und schlingt die Arme um den Hund, der Hund hält Pfoten und Fell hin und der Neffe schluchzt ins Hundefell. Der treue, alte Hund seufzt und der Neffe weint.

Die T. steht in der Küchentür und wispert: „Ein Unfall? Eine schlechte Schulnote? Probleme daheim?“

Ich schüttele den Kopf und flüstere: „Leinster ist Toulouse im Rugby unterlegen.“

Oje.

Oje.

Aber verloren ist das Spiel eben doch. 20: 10.

Irgendwann aber bekommt der Neffe einen Schluckauf, ich reiche Taschentücher und ein kaltes Handtuch.

Der Hund hat nasses Fell.

Dann doch Waffeln und Huhn für den grossen Tröster Hund.

Mit Extra Kirschen und Streuseln flüstert der Neffe.

Ich nicke.

Klar doch.

„Ob die Rugby-Spieler wohl auch ein Trostfrühstück bekommen?“, fragt er mich.

Ich bejahe das ganz unbedingt.

Die Katze späht durch die Küchentür.

Die Erleichterung ist ihr anzusehen.

Natürlich ahnt sie etwas vom Hund und Huhn und ich beeile mich auch ihr ein Tellerchen zu richten.

Ein Fräulein kann am Morgen nicht nur Katastrophe um Katastrophe ertragen.

Der Waffelberg schrumpft, der Hund schläft und die Katze beginnt einen meiner Schuh zu malträtieren. Alles wie immer also.

Ich sehe zum Neffen herüber.

„Komm, sage ich die Nachbarn haben uns eingeladen zum Trampolin springen, wenn wir nur hoch genug hüpfen, dann fällt die Traurigkeit wieder heraus!“

Der Neffe nickt und dann springen wir hinauf und hinab bis der Neffe schliesslich ermattet auf dem Rücken liegen bleibt und ich seine Nasenspitze mit einem Löwenzahnblatt kitzle.

Dieser alte Trick funktioniert auch bei Mannschaftssportschmerzen noch immer gut.

Der Neffe kichert nämlich.

So ein Glück.

Ich kichere mit und irgendwo mit den Wolken verschwindet die grosse Traurigekit über das verlorene Spiel.

Noch einmal Glück gehabt.

Später am Nachmittag bringe ich den tierärztlichen Neffen zu einem Kindergeburtstag.

Don’t mention the rugby, sagen die anderen Frauen und Männer die Kinder bringen.

Ich verhalte mich still.

So ein Glück für mich dieses Kind, so ein Glück.

Am Abend gehe ich zu einer Tanzaufführung.

Es ist erstaunlich wie sich das Publikum zwischen Konzerthaus und Performancetheater unterscheidet.

Im Konzerthaus sitzen ältere Damen mit Strickpullundern und vielen Erinnerungen an Schulorchester und vielleicht einmal auch an einen begabten, jungen Geiger aus Budapest, der für ein paar Wochen in Tipperary mit seinem Kammerorchester probte, sie trinken Tee vor dem Konzert, sie sind enthusiastische Zuhhörerinnen, muss jemand husten, so findet sich in ihren Taschen gewiss ein Brustbonbon.

Im Performancetheater aber sitzen die Ironiker der Stadt. Sie tragen Statementketten und trinken Weisswein mit Eiswürfeln. Sie haben alle unauffällig Jutebeutel mit amerikanischen Tanzfestivalaufdrucken dabei und sie lächeln mit kühler Überlegenheit über die Lage der Welt. Sie vergelichen Restaurants uns Affären. Abgelegte Liebhaber gewinnen nicht in ihren Gesprächen.

Aber das eigentlich Irritierende ist, dass sie lachen mitten in der Vorstellung, mitten in diesem Tanz, der nichts Leichtes hat, sondern sich mit der Frage befasst, wie viel Platz wir uns nehmen, dort wo wir leben. Ein Mann tanzt auf einem quadratischen Tisch, wärehnd die Hände der Anderen nach seinen Beinen fassen. Lange Minuten geht das so und das Lachen rollt druch den Saal. Das Lachen über den, der da entkommen will. Er entkommt nicht. Das Publikum lacht lauter. Vielleicht glauben ja ausgerechnet die Ironiker an die gerechte Strafe?

Ich gerne zum Tanz und ins Theater, aber gern bin ich nicht im Theater, denn ich fürchte mich vor dem schneidenden Lachen.

Vielleicht bin ich deshalb im Konzerthaus zu Hause.

Ich warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht.

Eine Gruppe Mädchen trifft auf eine Gruppe anderer Mädchen.

Fast zeitgleich bücken sich je ein Mädchen der beiden Gruppen nach etwas, das auf dem Boden liegt.

Beide wollen ihr Recht geltende machen.

Keine will das was sie aufheben jede an ihrer Seite preisgeben.

Schon kommen die Freundinnen hinzu.

Erst Geschrei, dann ein erster Rempler, dann Beschimpfungen, es fliegt ein Basecap, dann knallt eine Ohrfeige in ein Gesicht, zwei Mädchen ziehen einem dritten hart und schmerzhaft an den Haaren. Zwei umstehende Männer fangen an zu filmen, dann endlich gehe ich herüber zu den Mädchen. Ich sage so laut ich kann: STOP IT. THAT’S MINE. Dabei weiss ich noch immer gar nicht, um was die Mädchen sich eigentlich schlagen. Sie starren mich an. Ich bücke mich und in meinen Händen liegt einen abgebrochene Schnalle einer Louis Vuitton Tasche. „Die ist echt“ sagt eines der Mädchen, aber in ihrer Hand ist auch ein Büschel Haare. Lets fuck off, sagt die eine Gruppe zur anderen Gruppe und dann rennen die beiden Mädchengruppen in jeweils entgegengestezte Richtungen davon.

Ich werfe die Schnalle in den Papierkorb.

Dann kommt der Bus.

Zuhause wartet der Hund.

Langsam gehen wir hinunter zu den Kastanien.

Was für ein Tag, sage ich.

Der treue, alte Hund nickt

Woanders ist es auch schön

Drei Tage. Alle bösen Vorahnungen können einem den Schrecken über das was in der Türkei passiert nicht nehmen.

Es gibt so Geschichten, die liest man und dann kann man lange nicht mehr schlucken. Diese Geschichte über eine so zarte Freundschaft und ein so schreckliches Ende ist eine dieser Geschichten. Wann, nur wann, wird das Leben des Einzelnen mehr zählen als das Recht eine Waffe zu tragen?

Was für eine wunderbare Sammlung. Man bekommt sofort Reisefieber und will sich Bücher in beide Jackentaschen stopfen, um gleich loszuziehen.

Ich höre so selten Podacasts, aber dafür empfiehlt Herr Rau viele und sehr verschiedene Hörangebote.

Ich muss zugeben, ich könnte mir die Gepardenbilder von Herrn Jawl immer wieder ansehen.

Überhaupt gibt es Tierzuwachs in Groß-Bloggersdorf, denn in den Garten der formidablen Frau Mutti sind 9 Asylenten eingezogen.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Impfen hilft.

Jedes Leben ist ein Roman.

Es kann gar nicht genug Blogs geben, die uns teilhaben lassen, wie viele Arten es gibt auf die Welt sehen.

Schaffen Sie es länger als zehn Sekunden nicht mit den Zehen zu wippen?

Ungehörtes. Marc-André Hamelin spielt Klavier an einem verregneten Donnerstag in Dublin.

Eigentlich sage ich mir, ist das Wetter doch viel zu schlecht, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich bin ich doch viel zu müde nach einem langen Tag in der Mondsteinscheibenfabrik, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich wollte ich doch einfach nur für eine Stunden in den Regen schauen und ist der Regen nicht auch Musik, und warum sollte ich das Regentropfenorchester versetzen nur um in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert?

Eigentlich sage ich mir, gehe ich doch nicht mehr zu Virtuosenkonzerten, denn immer lassen sie mich leer zurück.

Ich wollte schon damals als ich von Schumanns Fingerfoltermaschine las, ihm die Hand auf die Schultern legen und sagen: „Bitte nicht.“

Eigentlich sage ich mir, bevor ich dann doch auf die Website klicke, ist das Klavierkonzert doch bestimmt schon seit Wochen ausverkauft.

Aber das Klavierkonzert ist überhaupt nicht ausverkauft und mein Lieblingsplatz sieben Reihen links schräg vom Flügel entfernt ist auch noch frei, aber eigentlich ist der Donnerstag schon zu lang und die letzte Besprechung des Tages geht bis sechs Uhr.

Eigentlich kann ich auch morgen in das Symphoniekonzert gehen, sage ich mir.

Aber meine Füsse zucken doch immer wieder unter dem Schreibtisch und um 18. 25 Uhr stehe ich nicht am Bahnhof, sondern an der Bushaltetselle.

Noch im Bus sage ich mir, dass ich ja gar nicht am Konzerthaus aussteigen muss, sondern einfach bei der J. im Institut vorbeisehen kann. Am Donnerstag ist die J. ohnehin lang im Institut und ich sehe die J. doch so gern.

Aber ich steige nicht beim Institut aus, sondern 25 Minuten vor Konzertbeginn renne ich so schnell ich kann von der Bushaltestelle zum Konzerthaus, atemlos sage ich zur Schalterdame: „Gibt es noch eine Karte für Marc-André Hamelin gleich jetzt?

Sie nickt.

Ich sage: Er ist doch wirklich da?

Sie nickt noch einmal und ich erstehe eine Karte für meinen Lieblingsplatz. Sieben Reihen schräg links vom Flügel entfernt.

Er ist wirklich da.

Er kommt einfach links zur Tür herein, setzt sich an den Flügel und dann macht er etwas was Klaviervirtuosen niemals tun. Er beginnt den Abend mit einem Stück, das eigentlich nur ein Flüstern ist. Er spielt die Cipressi von Mario Castelnuovo-Tedesci. Hamelin am Flügel nickt uns zu, öffnet das Fesnter, schon sind wir nicht mehr in Dublin, schon stehen wir auf einem offenen Balkon eines ockergelben Hauses in der Toscana, schon werden wir still. Hören Sie wie die Zypresse wispern in der sterngen Hitze des Tages, fragt uns der Mann am Klavier, kommen sie, lassen sie uns hören, wie der Wind in die Zypressen fährt, kommen sie. Er der Virtuose macht das Gegenteil aller Virtuosen, er zeigt uns nicht was seine Finger können, er überschlägt sich nicht, konfrontiert uns nicht, er der Mann am Flügel zeigt sich verwundbar, zögert fast vor den Tasten als wolle er die Zypressen nicht unterbrechen. Er macht das, was Virtuosen nie tun, die doch auf Verführung bedacht sind und auf Überwältigung. Er aber fragt uns, könnt ihr sie hören die Zypressen, dicht aneinander gepresst an einer staubigen Strasse, hört ihr sie wirklich, fast unterbricht er sich, um uns zu fragen und wir sitzen mit ihm an der Strasse und hören die Zypressen. Er versteckt sich nicht hinter wahnsinnigen Klavierläufen, die doch allen Virtuosen zu Eigen sind, er zeigt uns jede einzelne Note. So unter den Zypressen fängt der Abend an.

Dann kommt der Schumann. Fantasie in C-Dur. Schumann, das haben wir alle gelernt, Schumann der Romantiker, Robert und Clara und immer im Eck der Schatten des Vaters und ja auch ihre erbarmungslose Kritik. Schumann, der ein Wunderkind war und es doch nie glaubte, Schumann der Geld sammelte mit seiner Fantasie in C- Dur und sie doch am Ende Liszt zu widmen, da war es wieder die Suche nach dem Genie. Diese Fanatsie ist dann doch auch ein so merkwürdiges Stück. Beethoven flirrt darin herum, Clara natürlich, immer Clara, aber es ist dann doch auch so unverkennbar Schumann darin. Wir hören ja nie nur Schumann, wenn wir Schumann hören, sondern immer hören wir all die Geschichten, die wir unweigerlich kennen. Es gibt für Pianisten eigentlich immer nur zwei Entscheidungen. Entweder sie wollen wie Schumann sein. Oder sie wollen alles sein nur nicht Schumann. Das hört man. Aber am Donnerstagabend hört man nichts von Beiden. Sondern wir dort im Saal, wir hören Marc-André Hamelin, der die so bequem gewordenen Schumann Pflaster abreisst. Einfach so. Er lässt sie nicht gelten. Er, dort am Flügel, er hört Schumann wirklich zu. Und sein Schumann ist klarer, heller, durchsichtiger und leiser, viel, viel leiser als der so schnell scheppernde Schumann für den sich Virtuosen so gern bewundern lassen. Aber hier hören wir einen Pianisten, der sich nicht zufrieden gibt mit dem was man weiss, hier sitzt jemand am Flügel, der uns zuruft, nun hören sie doch erst einmal zu und wir hören zum ersten Mal einen Schumann ohne den Druck Schumann zu sein. So hört man Schumann nicht, nie, so zwingt einen kein Pinaist zum hören und ich sitze dort in der siebenten Reihe links vom Flügel mit weichen Knien und Gänsehaut auf den Armen, weil ich zum ersten Mal Schumann höre.

Ich kann nicht aufstehen in der Pause.

Ich kann nur sitzenbleiben uns auf den Flügel starren und höre noch immer die Fantasie in C-Dur von Robert Schumann.

Hamelin spielt Weissenberg und Trenet, die doch kein Virtuose an einem Konzertabend spielt,um den es um Hochkultur geht, aber er gibt für uns den Barpianisten, er spielt die traurigen Lieder für die, einsamen Frauen und die Trinker für die spielt er auch. Er spielt für den Portier, der allein mit einer Pudeldame in Brooklyn wohnt und er spielt für all die nach ihren Herzen in den Handtaschen oder den Gläsern mit Kristallrand suchen. Wir hören ihn suchen und ich wünschte jemand brächte auch ihm ein Glas Scotch. Ganz plötzlich verlässt er die Bar und kehrt zurück zu uns hier ins Konzerthaus nach Dublin.

Er spielt Faure nach der Pause, aber ich bin noch bei Schumann, noch immer kann ich nicht aufhören diesen Schumann, diesen völlig anderen Schumann zu hören.

Er spielt Chopin zum Abschluss, den ich nie mochte. Zu sehr hat auch mich Ljudmila Alexejewa mit seinen Etüden geplagt, diese Fingerübungen nach denen man die Händ ein Eiswasser tauchen muss, um sie wieder zu fühlen. Mir lag das Manierierte seiner Musik nie, aber wieder, wieder hören wir die Polonaise-Fantaisie nicht als stehtanz mit polnischem Nationalstolz, sondern als ein Sommerlied, einen Spaziergang, einen so leichten, so ungeheuer durchdachten Chopin, an dem nichts mehr staubt und der einen nicht sofort und unmittelbar an Prüfungsnachmittage in einem staubigen Kultursaal erinnert. So einen Chopin hören wir. Es ist ein Chopin der Zwischentöne.

Er spielt um gehört zu werden, denke ich, er spielt bis wir hören, er spielt bis uns das Herz bricht, weil wir schon so lange aufgehört haben hinzuhören.

Er spielt Rachmaninov als Zugabe, ein ironischer Diener vielleicht an die Virtuosen, bei denen der Flügel wackelt, hört sagt er vielleicht auch ihnen, hört doch erst einmal hin.

Noch lange später, ich bin schon im Bus nach Hause und später noch, mitten in der Nacht wache ich auf, weil ich noch immer seinen Schumann höre, da erschrecke ich mich, dass ich fast nicht zu einem Konzert gegangen wäre, an dem der vielleicht beste Pianist der Welt, sich als Virtuose des Hörens zeigt.

Hier können Sie hören, wie man Rachmaninov auch spielen kann.

Wie immer gilt Karte und Programmheft sind selbst bezahlt und niemand hat mich zum Aufschreiben dieser, meiner Konzerteindrücke aufgefordert. 

Über Flieder

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Fast hätte ich ihn doch übersehen den ersten Flieder mitten in der Hecke. Er versteckt sich gut der Flieder, hinter dem Grün und hinter den Wolken. Der Flieder steht mitten im Regen. Da stehen auch ich und der Hund. Fast hätten wir uns nicht getroffen der erste Flieder, er im blauen Hemd und ich im alten Wetterfleck, der alte Hund hat nasse Pfoten, der Flieder hat ein Hemd an aus hellblauer Seide und ich stehe schäbig zwischen den beiden, denn unten am Saum hat der Wetterfleck ein Loch. Den Flieder nun ausgerechnet so anzutreffen, ist nicht leicht. Immer schon zwar habe ich den Flieder, den Weißen, wie den Dunkelvioletten und auch den mit dem hellblauen Schimmer zwar sehr geliebt, aber immer ist es doch auch eine Liebe mit Sicherheitsabstand gewesen. Dem Flieder einfach so unter die Augen zu treten, das schaffe ich nicht. Der Abstand vom Flieder zu mir, ist der Abstand zu jenen Frauen deren Tanzkarte immer voll ist und deren Lachen so silbern, so hell ist, wie meines niemals war. Es sind die Frauen, die niemals über ihre eigenen Füsse fallen und immer eine passende Antwort haben.

Der Abstand von mir zum Flieder ist der Abstand zu einem Mann, den ich einmal in Rom an einer Straßenkreuzung traf. Er trug einen weissen Anzug. Nicht nur eine weisse Hose, oder ein weißes Hemd oder eine weiße Krawatte, sondern einen weißen Dreiteiler und natürlich einen weissen Hut. Wer kann schon einen weissen Hut tragen? Vielleicht hat dem Mann damals in Rom niemand gesagt, dass das niemand mehr kann nach Humphrey Bogart. Neben dem Mann stand ein cremefarbenes Cabriolet mit fauchendem Motor. Der Mann mit dem weissen Anzug sass auf dem Bordstein. Stellen sie sich das einmal vor. In Rom. In einem weissen Anzug. Auf einem Bordstein. Da kam ich mit einem alten Fahrrad und sagte: „Brauchen Sie Hilfe?“ Der weisse Mann aber sah mich nur flüchtig an, verwarf mich sofort, schüttelte nur ein wenig die Hand, wie man sich einer lästigen Fliege erwehrt, seine Augenlider blieben halb geschlossen, er wusste ja ohnehin es würde sich nicht lohnen sie zu öffnen. Ich fuhr davon und er blieb sitzen. So weit ist der Abstand vom Flieder zu mir, der Flieder sieht mich so an wie damals der Mann auf der Bordsteinkante, nämlich gar nicht, aber ich, die es doch besser wissen müsste, ich drehte mich um damals auf dem alten Fahrrad, ob er nicht doch, vielleicht nur für eine Viertelsekunde doch hinter mir hersehen würde, aber natürlich tat er das nicht. Dafür fuhr ich mir eine Acht in das Fahrrad. Das kommt davon. Der Flieder sieht genauso über mich hinweg, und ich sehe genauso sehnsüchtig zu ihm hinauf, wie ich damals so unbedingt den Mann auf dem Bordstein zwei Wimpernschläge abluchsen wollte. So weit ist der Abstand zwischen dem Flieder und mir.

Der Abstand zwischen dem Flieder und mir, das ist die halbgeöffnete Tür eines Hotelzimmers in Aix-en-Provence, im Bett schlief eine Frau bei weit geöffnetem Fenster und neben ihr stand ein Fliederstrauss, so üppig, so dicht, so schwer, das während sie schlief leise und zart schon die Blüten sich ihr in die Arme neigten. Neben dem Bett auf einem viel zu unbequemen Stuhl aber, um so auf ihm zu sitzen wie sie es tat sass eine Frau, die Knie bis zur Brust hochgezogen, eine Hand aber im Flieder und die andere Hand auf der Schulter der Geliebten, lass mich der Flieder deiner Träume sein, lag auf der Hand der Frau. Vielleicht hatten sie beide Ehemänner in Paris, aber vielleicht hatten sie sich gerade auch erst gefunden.Damals aber ging ich schnell weiter, denn der Abstand zwischen mir un dem fliedernen Zimmer ist immer mehr als nur eine halbgeöffnete Tür. Ich bin schon viele Jahre nicht mehr in Aix-en-Provence gewesen und wer weiss, ob nicht die beiden Frauen längst selbst einen Fliederbusch gepflanzt haben, irgendwo und ungestört. Der Flieder hier in der Hecke, schwer und tropfend vom dichten Regen schweigt sich auch darüber aus.

Erst später habe ich gedacht, dass Männer auch den Frauen, die sie lieben niemals solche Sträusse in die Arme legen, ich selbst habe einmal nur einem Mann einen Fliederstrauss geschenkt, ich bin mir sicher, dass kaum war ich aus den Augen, er den Flieder in einen Mülleimer stopfte, denn so liegen die Dinge mit dem Flieder und mir. Dicht steht der Flieder ganz am Rande der grossen Stadt Berlin und nur ausnahemseise schnitt ich mir ein paar Zweige ab für den Tisch oben im Haus, denn auch dort war das schwere Parfüm, immer ein Abstand, den ich doch nie überwinden konnte, denn die Frauen mit Perlenketten, schweren Parfüms und gebildetene Ehemännern lächeln über mich mit leichtem Spott. Besser Abstand zwischen mir und dem Flieder schaffen. Ich schneide ihn ab für Besuch und einmal auch für eine fremde Frau, die anders als ich die Liebe mit Flieder gut kannte und doch hat der Flieder wohl auch ihr gegenüber sein Versprechen nicht gehalten. Mir ist leichter und wehmütiger zugleich, verschenke ich den Flieder.

Diesmal wird der Flieder wohl ohne mich verblühen und hier in der Hecke im dichten Regen, da sehen der Flieder und ich uns nur wie ein mit den Jahren schon blind gewordener Spiegel. „Komm“, sage ich zum treuen alten Hund. Es hat aufgehört zu regnen und über dem Flieder da schimmert es Blau. Dann gehen wir heim, der Hund alt und ich älter, auch ich und doch am Ende bevor der Fluss wieder Strasse wird, da drehe ich mich noch einmal um wie damals in Rom, oder Aix-en-Provence oder anderswo und hoffe für eine Viertelsekunde er sähe mich doch. Vergeblich natürlich, der Flieder lässt sich nicht überreden, der Flieder hat viele Augen, nur keine Augen für mich.

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sehr früh ein Bananenbrot gebacken.

Die Katze, die sonst findet, es sei unter ihrer Würde so früh auch nur mit den Schnurrharren zu zucken, widerlegt mit einem Sprung vom Sessel auf die Arbeitsfläche die Schwerkraft.

Ich bin beeindruckt.

Die Katze ist wenig beeindruckt von meiner Verweigerung, Handgemenge, Verbannung vor die Küchentür, die Katze nimmt sich den Hund vor, der alte Hund seufzt.

Die T. und der J. sind auf eine Hochzeit geladen.

Die Meinungen über den Bräutigam sind geteilt.

„Aber nun ist es zu spät“, sagt die T.

Die T. streichelt die eingeschnappte Katze.

Die T. räuspert sich zweimal.

„Read On können wir dich um einen Gefallen bitten?“

Ich nicke.

Der Nachbar drei Häuser zur Linken fährt auch auf die Hochzeit.

Ich nicke noch immer.

„Kannst Du seine Hühner füttern.“

Ich nicke noch immer. Hühner schienen mir immer sehr annehmliche Tiere.

Vielleicht hätte ich misstrauisch werden müssen, als die T. sagte, dass die Hühner Preishühner seien.

Aber ich dachte nur, ob die Hühner wohl Eier aus Perlmutt oder mit grünen Sprenkeln legen.

Der Nachbar strahlt.

Die Hühner starren mich mit adliger Überlegenheit an.

Das Haus des Nachbarn ist voller Hühnerbilder und voller Hühnertrophäen.

Spätestens jetzt hätte ich fliehen mögen.

Der Nachbar nämlich spricht mit den gleichen glänzenden Augen über die Hühner, wie der Tierarzt von Kälbchen schwärmte.

Auch der Tierarzt fand Kälbchen sei nicht schlichtweg ungezogen, sondern hochbegabt und so erschaure ich als der Nachbar von den Führungsqualitäten eines Huhnes namens Johanna schwärmt. Johanna gurrt spöttisch nähere ich mich.

Der Nachbar aber strahlt wie der Honigkuchenpferde zwei.

Er sieht eine Verbindung.

Ich sehe neue Schrecken.

Er zeigt mir Futter und den Drahtpalast in dem die Hühner residieren.

Die Hühner müssen am Abend in den Stall, denn der Fuchs geht um.

Es gälte Johanna zu überzeugen, dann folgten die Anderen sowieso.

„Überzeugen?“, krächze ich.

Der Nachbar umarmt mich.

Der treue, alte Hund und ich gehen zum Fluss.

Die T., der J. und der Nachbar fahren zur Hochzeit.

Ich wasche Wäsche, falte Wäsche, bügle Wäsche, lese ein Buch, lasse es wieder, blättere in der Zeitung, sehe misstrauisch hinüber zur tickenden Uhr, friere ein bisschen, esse ein Honigbrot, schliesse die Augen, wasche all meine Tücher, verschneide die Stirnhaare des Hundes, höre eine Arie, richte eine Suppe und dann ist sie da die Dämmerung.

Ich stapfe hinüber zum Nachbarn.

Ich zähle die Hühner.

Vier Hühner scharren im Sand und picken vor sich hin.

Johanna scharrt nicht im Sand.

Johanna und drei Getreue sitzen auf dem siebten Ast eines Apfelbaumes des Drahtpalastes Glanz und Zierde.

Put. Put. Put. rufe ich.

Johanna grinst.

Kein Flügel rührt sich.

Ich rufe die liebe C. an.

Die liebe C. hat Hühnererfahrung.

„Wir haben mit kleinen vertrockneten Äpfeln auf die Hühnerkrallen gezielt“, sagt die liebe C.

„Was?“

„Hühner sind stur“, sagt die liebe C.

Das mit den Äpfel aber habe gut funktioniert. Bis Cousin G. ohne Hühnererfahrung nicht auf die Krallen sondern auf die Hühnerköpfe gezielt habe. Ihr Vater habe lange geweint.

Ich sehe das grässliche Bild: Nachbar mit toter Johanna im Arm.

Ich lege lieber auf.

Dann steige ich auf den Apfelbaum.

Johanna grinst.

Kein Flügel bewegt sich.

Nur ich habe ein Loch im T-Shirt.

Ich flehe.

Ich bitte.

Ich warne vor dem Fuchs.

Ich erinnere die Hühner an schlimmere Schicksale als die des Fuchses:

Mancher gibt sich viele Müh
Mit dem lieben Federvieh:
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen,
Zweitens, weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle.

Johanna legt den Kopf zur Seite und trippelt auf der Stelle.

Vielleicht ein erster wunder Punkt?

Ich bitte.

Ich flehe.

Dann singe ich die Moritat von Meckie Messer.

Ein Huhn flattert vom Baum herunter.

Oh der Blick Johannas!

Ich singe und singe und singe.

Ich nähere mich erneut dem Baum.

„Hör zu“ sage ich. „Johanna ich kann dich nicht ausstehen. Du mich auch nicht. Wir beide können jetzt in Würde in unser jeweiliges Haus gehen oder das alles wird hier unanständig und schmutzig.“

Dann flüstere ich etwas so Grässliches in Richtung Johanna, was ich hier aus Gründen der öffentlichen Ordnung nicht wiederholen kann, aber seien Sie gewiss, die Wendung Braten am Spiess fiel nicht nur einmal.

Johanna starrt mich hässlich an.

Natürlich kann sie nicht kampflos aufgeben.

Mit einem schrillen Pfiff segelt sie vom Baum herab und hackt nach meinem Arm, trifft aber meine Stirn.

Ohne sich noch einmal umzusehen, marschiert sie in Richtung Hühnerleiter.

Die Damen folgen auf ihr auf die Kralle.

Ich atme tief durch.

Meine Knie zittern.

Ich habe Stöckchen im Haar und eine Schramme an der Stirn. Aber das kenne ich schon von der Kälberweide.

Der treue, alte Hund sieht mich mitleidig an.

„Hühner im Stall“, schreibe ich T.

T. schickt Herzen.

Dann treffe ich die B.

Dublin hat kein Opernhaus, aber manchmal übertragen sie Opern aus der großen, weiten Welt hier im Kinosaal.

Heute gibt es Gounods Faust, diesen großen Schlager des 19. Jahrhunderts,

Der Kinosaal ist voll.

Der Kinosaal ist voll mit Damen um die 80.

Ich suche die B.

Vor mir unterhalten sich zwei ältere Damen mit Krokoprinthandtasche und Perlen über eine Seite die Baritonhunks oder so ähnlich heißt und die ganz genau das hält, was sie verspricht.

Die Damen lächeln verwegen.

Pardon, sage ich, denn ich erspähe endlich die B.

„In ihrem Alter hätte ich ja an der Garderobe auf Erwin Schrott gewartet“, sagt die ältere der beiden Damen.

Ich bin mir sicher, die Damen würde noch heute mit Veilchen in der Hand warten.

Aber ich falle neben der B. auf den letzten freien Platz.

Die B. starrt mich und das Pflaster auf meiner Stirn an.

Sie schüttelt den Kopf: „Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Woanders ist es auch schön

Waterloo auf dem Balkon.

Die Geschichte einer Fotografie.

Ganz unerwartete Einblicke in Möglichkeiten wie Technologie die Altenpflege verändern kann. Trotzdem scheint mir, dass Pflege zuerst einmal würdige Bedingungen für alle Pflegenden und Gepflegte schaffen muss.

Der 1. Mai in Chemnitz. Es sind genau diese Texte, die wir brauchen, um nicht nur mit den Schultern zu zucken.

Kennen Sie, sie auch diese Jetzt-ist-es-wieder-soweit-Momente?

Bibliotheken sind mein Springbrunnen.

Auf keinem Instagram Account schaue ich so gern vorbei wie bei Jean Jullien.

This Life. Dazu kann man übrigens sehr gern mit Zahnbürste und einem Hund durch das Badezimmer tanzen.Wer keinen Hund hat, der hat vielleicht einen gähnenden Mann oder ein Frau mit wilden Locken oder eine aufgeweckte Katze oder ein Kind mit Schokolade am Kinn. Aber das Tanzen, das klappt auf jeden Fall.