Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

Pariser Szenen: Ankunft

„Paris“, sage ich. Der Tierarzt seufzt tief. „Paris ist nicht Deutschland“, sagt er. Ich sage besser nichts. „Aber, sage ich wir fahren mit dem Zug und Du wirst so viel von Deutschland sehen als wanderten wir eine Woche durch den Harz. Der Tierarzt, meine liebe C. und ich wir packen also, ich backe einen Reisekuchen ( ein Reisekuchen ist ja essentiell für Unternehmungen wie diese, denn ich erinnere mich immer jener Nacht in der Bahnreisenden über Weihnachten im Schneesturm im ICE ausharren mussten und aus Verzweiflung über die Gesamtsituation, die mitgebrachten Stollen aufaßen. Meine liebe C. macht ihre hervorragenden Reisebrote, und natürlich liegt obenauf im luggage holdall des Tierarztes eine Flasche Sanddornsaft. Der Schaffner pfeift und wir fahren los. Ich wippe mit den Füßen, denn ich bin schrecklich gern in Paris und mit den Mitreisenden bin ich noch viel lieber in Paris und außerdem hat die Mali-Tant sich einverstanden erklärt, in Strasbourg zuzusteigen und die Mali-Tant liebe ich sehr. Lang ist die Zugfahrt und ich stelle mir vor, dass wir endlich Zeit haben für einen ausführlichen Schwatz. Irische Philosophen in Frankreich zum Beispiel. Die Sache mit dem Weltfrieden ist ja auch noch immer ungeklärt, wie macht man die perfekte Sauce Hollandaise und wer ist eigentlich dieser Herr Lindner. Erwartungsvoll sehe ich also die Reisegemeinschaft an. Der Tierarzt klebt mit der Nase am Fenster: „Oh sie mal Mädchen: ein deutscher Baum, ein deutsches Haus, eine deutsche Tankstelle, ein deutscher Baumarkt, eine deutsche Eiche, oh, oh,oh, ein deutscher Spatz. Ich seufze tief. Der Tierarzt kramt den Fotoapparat aus dem luggage holdall und am Ende der Reise werden wir 2000 Bilder verwischter Bäume, Häuser und Tankstellen haben und vor allem verwischte: Hundeopos, Katzenhintern und Kuhallerwerteste. Meine Versuche den Tierarzt von der Fensterscheibe wegzubekommen, verlaufen ins Leere: „Du siehst doch ich bin beschäftigt“, zischt er ohne auch nur eine einzige Wimper in meine Richtung zu drehen. Dann höre ich vom Tierarzt nur noch Click, Click, Click. In Frankfurt allerdings- wir müssen- umsteigen, springt der Tierarzt kurz über den Bahnhof und murmelt:“Frankfurter Luft“ und die „Alte deutsche Messestadt.“ Mir aber liegt vor allem daran den TGV zu erreichen und so ziehe ich den widerstrebenden Tierarzt hinter mir her.
Aber auch meine liebe C. will von einem Tratsch nichts wissen. Kurz nach dem wir abfahren, zieht sie einen Stapel Dokumente aus der Handtasche. Endlich Zeit etwas zu tun, verkündet sie strahlend und dann klappt sie ihr Notebook auf, nimmt ihre oh so ordentlichen Notizhefte zur Hand und vertieft sich in die Endfassung eines Aufsatzes zur Behandlung fortgeschrittener Diabetes II bei Risikopatienten in einer Allgemeinarztpraxis. Die liebe C., die ein systematischer, wie gründlicher Mensch ist, hakt Listen ab, prüft Bildmaterial dreifach, kontrolliert ihre Hervorhebungen dreifach und versinkt nach wenigen Minuten in eine Sphäre arbeitsamer Stille und wird in dieser bis Paris verharren. „Was schon in Frankfurt?“ sagt sie, als ich sie vorsichtig an unseren Umstieg erinnere: „es passt gerade gar nicht.“ „Wären wir nur in Deutschland geblieben“, pflichtet der Tierarzt ihr bei. Ich beschließe einmal „Kälberinternate“ zu googlen.

Die Fahrt aber verbringe ich still und über ein Buch gebeugt. Dann und wann verzehre ich ein Stück Reisekuchen und kaue missmutig auf einem Käsebrot. „Banausen“ murmele ich finster, und setze alle Hoffnungen auf die Mali-Tant. Und wirklich die Mali-Tant, steht in Strasbourg am Bahnsteig und schimpft über Österreich. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Kaum sitzt die Mali-Tant aber und legt ihren Hut ab, greift sie in ihre gewaltige Handtasche und befördert ihr Strickzeug hervor. „Der Tierarzt,“ sagt sie hat sich ja einen Norwegerpullover bei mir gewünscht!“ „So, so“, murmle ich finster, denn ich besitze keinen Norwegerpullover von der Mali-Tant. „Ja, der arme Bub“, sagt die Mali-Tant und dann liegt das wollene Ungetüm auf dem Tisch. „Geh Mädi, ich muss mi scho halt konzentrieren“, sagt sie, hält mir Wollfäden hin, die ich ihr anzureichen habe und für die nächsten zwei Stunden murmelt sie nichts anderes als: „zwei links, zwei quer und Kruzifix, wos fia a Sauerei.“ Der Tierarzt indes ist hinter der Grenze eingeschlafen. Es gibt ja für ihn auch nichts mehr zu sehen. Nur einmal erwacht er als der Schaffer sagt man möge auf seine Wertsachen achtgeben. „Es seien Diebe an Bord.“ Da erhebt der Tierarzt das Haupt wie einstmals Medusa und knurrt: „Diese Franzosen.“ Die liebe C. tippt und die Mali-Tant strickt. In Paris angekommen, winke ich ein Taxi herbei, der Taxifahrer sieht aus wie in Deutschland, Philosophieprofessoren und ich sehe meine Chance gekommen, denn der Mann spricht nicht nur Französisch, sondern das gleiche Arabisch wie ich. Keiner der Mitreisenden aber spricht Arabisch. Der Taxifahrer und ich schwatzen über: Macron, die geplante Reform des Gesundheitswesens, das Wetter, die beste Art Huhn im Tontopf zuzubereiten, die Probleme der banlieues und die schwierigen Antworten darauf. Hinten im Fond sagt der Tierarzt:

„Ich glaube Sie erzählt über die vielen verwackelten Hundepopos auf den Bildern.“

„Ich fürchte sie beklagt sich über die Hingabe zur Wissenschaft und den elenden Aufsatz“, sagt die liebe C.“

Die Mali-Tant sagt: „Eh Mädi, aba bitteschön tu mi net verkaufen in a Karawanserei, ich moch di halt auch so eana Pullover.“

„Ist alles in Ordnung bei den Damen und dem dünnen Schatten auf der Rückbank?“, fragt der Taxifahrer. „Welche Rückbank?“, denke ich, aber ich sage: „In allerbester Ordnung.“

Die Schaffnerin.

Der Tierarzt und ich küssen die liebe C. und laufen zum Bahnhof. Nach Berlin zurück fahren wir nicht mit dem ICE, sondern mit der Bimmbelbahn, die aus mir völlig unverständlichen Gründen Regionalexpress heißt. Ich sehe in die Zeitung, der Tierarzt sieht aus dem Fenster und streicht abwesend über mein Knie. ( Der Tierarzt lange erprobt an Kuhknien und Schafsknöcheln macht seine Sache sehr gut. )
Die Schaffnerin kommt durch den Wagen: „Hallöchen“ ruft sie „die Fahrscheine bitte.“ Ich reiche die Fahrscheine zu ihr herüber, übereinstimmend beklagen wir den Regen und der Tierarzt übt mit ihr die richtige Aussprache eines trällernden, kurzen und affirmativen „Hallöchens.“ Dann rollt der Zug weiter, durch Dörfer und kleine Städte, Männer in Arbeitshosen steigen zu, alte Frauen mit Einkaufstaschen auf Rädern auf dem Weg in die größere Stadt, junge Mütter, die selbst noch Kindergesichter haben, zerren ihre Wagen in den Zug und sehen den Tierarzt überrascht an, als er ihnen zur Hand geht. Es sind Frauen, die das Wort Zugewandheit vielleicht einmal gehört, nie aber erlebt haben.
Schließlich steigt auch ein Grüppchen junger Männer – ich glaube aus Eritrea- in den Zug. Ob sie nun Flüchtlinge sind, oder schon länger in einer der vielen, kleinen Städte im Umkreis der großen Stadt Berlin ansässig sind, weiß ich nicht. Ihnen folgt ein weiteres Brandenburger Männergrüppchen, fast identisch gekleidet: weiße Turnschuhe und bonbonfarbene Trainingsanzüge aus seltsam seidigen Material. Wie die jungen Männer aus Eritrea tragen sie Schirmmützen mit den immer gleichen absurden Botschaften: „F*CK ALL“ oder so. Zusätzlich schleppen sie Sportbeutel, so groß wie kleine Reisetaschen mit sich herum. Wieder rollt der Zug an, ich lese dem Tierarzt vor, dass in einer anderen Stadt zehn Jahre alte Bonbons und wurmzerfressene Schokolade von den Karnevalswagen geworfen wurde und ungläubig sahen die Kinder, wie ihre Kamellebeute in den Müll wanderte. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Dit is Berlin“ sagt er und sagt es als sänge er ein gälisches Klagelied. Dabei ist Berlin diesmal die Unschuld selbst. Wieder geht die Schaffnerin mit ihrem „Hallöchen“ durch den Zug. Der Tierarzt zwinkert ihr zu.
Dann sagt sie zu den jungen Männern aus Eritrea „ Die Fahrscheine bitte!“, drei der fünf Männer haben keinen Fahrschein. Ob Sie keinen Fahrschein haben, weil der Automat nicht ging, sie kein Münzgeld haben, oder eben weil die 4,70 Euro Fahrtpreis für etwas anderes eingeplant waren, weiß ich nicht. Bekanntlich treffen Menschen ökonomische Entscheidungen nicht nach rationalen Gesichtspunkten, wäre das der Fall, es gäbe keine Fernreisen auf Kredit. Die Schaffnerin jedenfalls befragt die jungen Männer nach ihrem Zielort und tippt auf dem Gerät herum, und macht ein strenges Gesicht. Sie sagt:“Für alle gilt: erst Fahrkarte, dann Zugfahrt.“ Sie sagt es als jemand der den lieben langen Tag mit diesem Problem befasst ist. Sie sagt es so wie der F. „erst Anamnesebogen-dann OP.“ Die jungen Männer nicken ziemlich peinlich berührt. Währenddessen aber erheben sich die jungen Männer von der Sitzreihe gegenüber und beginnen ziemlich lautstark zu schimpfen: „Was’n Scheiß ey, raus aus’m Zug mit denen, aber dalli- dalli. Alles Schmarotzer ey, kann doch wohl nicht sein“, dann folgt eine Flut von Schimpfwörtern, die können Sie sich gut selbst vorstellen, und münden in dem Schlussatz, „dass die dort, die Männer aus Eritrea also „noch die Fahrkarte in den Arsch geschoben bekommen.“ Dies ist nun faktisch falsch, denn die Schaffnerin tippt ja emsig auf das Gerät. Der Mann jedenfalls der am lautesten Schimpfwörter spie, richtet sich nun auf und bläkt: „Die Jesetzeslage sacht 200 Euro also sofort her damit.“ Das wiederum empört nun die fünf jungen Männer, die ihrerseits deutsche Versatzstücke mit Schimpfwortresten auf die gegenüberliegende Wagonseite schmettern. Unf auf einmal riecht der Wagon nach Eskalation, nach Revolte und geballten Fäusten. Da richtet sich die Schaffnerin plötzlich auf. Sie stemmt die Hände in die Hüften und stampft einmal mit dem rechten Fuß auf den Boden, so stark, dass ein Fahrrad gar in Schräglage gerät. „Schluss jetzt“ donnert sie und stampft noch einmal nachdrücklich mit dem Fuß auf. „Dit is hier ja wie Kinnerjeburtstag“ sagt sie und fügt hinzu: oder noch schlimmer.“ Der Schreihhals will noch einmal ansetzen, aber die Schaffnerin wirft ihm einen Blick zu, der alle weiteren Nachfragen obsolet macht. Ein junger Mann aus der Gruppe der Eritreer will nun seinerseits nachlegen und auch der junge Mann von der Sitzreihe gegenüber schnaubt als sei er halb Stier, halb Mensch und die Schaffnerin, legt das Gerät aus der Hand, legt den Zeigefinger vor die Lippen und macht: „Shhhhh“ und dann noch einmal „Shhhhh….Shhhhh.“Dieses „Shhhh“ nämlich ist das universale Geräusch, dass alle Mütter auf der ganzen Welt miteinander verbindet und dieses „Shhhhh“ das im ALDI von Berlin-Pankow und dem Fünfjährigen, der sich vor dem Schokoladenregal wälzt, wirkt, entfaltet die gleiche Kraft ganz sicher auch in Asmara und auch hier und heute im Zugwagon der Bimmbelbahn, fährt den jungen Männern das „shhhhh“ in die Glieder. Der Schreihhals nämlich fällt auf den Sitz zurück und schaut auf den Boden und auch der Mann aus Eritrea schaut bedropst auf seine Schuhe hinunter.Sie sehen exakt so aus, wie meine Nichten und Neffen, wenn meine Schwester für Mäßigung im Krisengebiet Kinderzimmer sorgt.Die Schaffnerin schüttelt den Kopf: „Man ey,“ sagt sie dit kann doch nich euer Ernst sein, wa!“
Dann sind die Fahrkarten ausgedruckt und sie dreht sich herüber zu den Jungs aus Brandenburg: „Fahrkarten bitte“, sagt sie in ihrem ganz, eigenen singenden Tonfall.
Nur zwei der Männer haben eine gültigen Fahrschein. Sie sagt: „Erst Fahrkarte- dann Zugfahrt.“ Dann tippt sie wieder in ihr Gerät, die Männer Brandenburger wie Eritreer sehen schweigend zu Boden. Wir nehmen unsere Jacken vom Haken und der Tierarzt strahlt die Schaffnerin an wie sonst nur die schönsten Lämmer eines Wurfs und trilliert: „Hallöchen“ und die Schaffnerin wird ein kleines bisschen rot. Dann muss sie weiter, wir steigen aus und sie ist schon im nächsten Wagon angelangt: „Hallöchen, hören wie sie „ die Fahrkarten bitte.“

Weiter und weiter

Der ICE fällt aus. Aber ich kann nicht zwei Stunden auf den nächsten Zug warten, denn morgen fliege ich nach Madrid und bis auf einen Stapel Bücher ist noch nichts von den Dingen gerichtet, die man vor einer Reise so richten muss. Zehn Minuten später also sitze ich in der Regionalbahn. Mit mir reist eine Gruppe Pfadfinder. Sie singen, nein sie grölen, aber das Lied kann ich nicht herausbekommen, obwohl sie kein Ende finden wollen, aber das Ännchen auf Tharau war es nicht. Aber was weiß ich schon über das Liedgut der Pfadfinder? Das Land fliegt vorbei, draußen vorm Fenster, auf den Feldern wird Stroh zu gewaltigen Ballen gebunden. Aber längst schon hat das nichts mehr Van Gogh’s Bildern zu tun. Kein Schnitter geht mehr über das Weizenfeld mit Sense und Holzpantinen, sondern schwere Maschinen bewegen sich langsam und brüllend über die Äcker inmitten einer Woge aus Staub. Nur von Ferne sieht man manchmal einen Kirchturm am Horizont. Aber auch er ist protestantisch- nüchtern und immer aus rotem Backstein gemacht. Hier herrscht kein Überschwang, kein verspielter Barock, keine dicken Putten blasen die Posaune, sondern eine schwere Glocke nur zählt die Stunden. Öfter noch aber als ein Kirchtum ziehen die Windräder an uns vorbei, weit werfen sie Schatten und wie verloren wirkt die braune Mühle am Wegesrand, deren Flügel schon lange nicht mehr funktionsfähig sind. Es gibt auch keine Müller mehr, die mit weißen Säcken auf dem Rücken nach dem Stand des Windes sehen. Sie sind Märchenfiguren geworden und auch die Fenster der Mühle sind eingeschlagen. Die Pfadfinder indes schlingen Burger aus braunen Papiertüten und das ganze Abteil ist getränkt vom fettigen Dunst, der sich wie ein feiner Schleier über alles und alle legt. Grob erscheinen mir ihre Gesichter und naturverbunden wäre nicht das erste Wort, das mir zu ihnen einfiele, würde ich gefragt. Wie so viele, die sich im Dienst einer höheren Sache wähnen, sind sie polterig und laut. Immer ist es als verteidigten sie durch Geplärr eine Lebensform, die ja nicht gerade per se für sich besticht. Ich zumindest habe nie Gefallen an halbverkohlten Würsten über dem Lagerfeuer und Regengüssen unter Plastikplanen gefunden, aber hier gibt man sich hart und verwegen und wischt sich die fettigen Finger an der Kluft ab. Inzwischen sind die Felder, Wald geworden. Kiefern und noch mehr Kiefern im märkischen Sand. Ein Wald denke ich ganz ohne Geheimnis, sondern preußisch-streng wie die ganze Region. Dann aber doch die Sonne und weiches, dunkelgrünes Moos neben hellen Birken und ich wünschte der Zug hielte an und ich streifte mir die Sandalen von den Füßen, legte mich in den warmen Wind und schlösse die Augen. Aber vorbei sind wir schon, schneller und schneller, schon hält der Zug zum letzten Mal vor dem großen Berlin. Vier Trinker sitzen auf einer Holzbank vor einem halbverfallenen Bahnhofshaus, sie alle tragen die identischen Trainingshosen, die gleichen Schlappen und sie alle trinken Sternburger Bier. Dann aber fährt der Zug schon weiter, ich falte die Zeitung und greife nach den Aktenbergen, denn schneller als der Zug fährt, läuft mir die Zeit voran. Die Pfadfinder spielen Karten und stimmen ein neues Lied an.

Zwischen den Seiten

Jeden Abend wenn ich in den Zug steige, sehe ich die mir unbekannte Frau. Genau wie ich, steht sie im Mittelgang des Zuges der Dublin erst mit den Vororten und dann mit den weiter entfernt liegenden Dörfern und Städten verbindet. Voll ist der Zug, stickig und verbraucht ist die Luft schon beim Einstiegen. Die Lehrerinnen, Bankangestellten, die Mütter mit Kinderwagen, die Rentner und Bauarbeiter sie alle sehen müde aus und oft auch geschafft. Der Zug gleitet anders als ein ICEnicht lautlos durch die Landschaft, sondern rumpelt so vor sich hin und bleibt oft auf der Strecke länger stehen als an den eigentlichen Bahnhöfen. Die Züge und Gleise der Iarnród Éireann, der irischen Bahn sind veraltet und wie der gesamte öffentliche Sektor natürlich chronisch unterfinanziert. Wohl auch deswegen stehen die Frau und ich jeden Abend fast parallel zueinander im Mittelgang. Auffällig ist die Frau dabei nicht. Blass ist sie auf eine Weise, die man im 19. Jahrhundert anämisch genannt hätte, verbunden mit der Aufforderung doch auf ein paar Wochen einen Lungensanatorium aufzusuchen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Heute trug  die Frau einen schwarzen Rock aus einem mich irritierendem weil nicht zu identifizierendem schwarzen Stoff und ein blaues Shirt mit angedeutetem weißen Bubi-Kragen,fest geflochten sind ihre fast farblosen Haare und nur zwei kleine hellgrüne Ohrringe nehmen ihrem Gesicht die Strenge. Die Frau liest. Sie steht mit den Füßen ineinander verhakt an einen Sitz gelehnt und liest. Aber nein, sie liest nicht nur, sie ist versunken in eine andere Welt. Sie lächelt vorsichtig und fein, wenn vielleicht ein Liebesbrief endlich doch den richtigen Empfänger bekommt, ich habe sie aber auch schon missmutig auf die Unterlippe beissen sehen, wenn möglicherweise ein liebgewonnener Held etwas besonders Dummes gesagt haben mag, manchmal aber sehe ich sie tief seufzen, weil es doch anders gekommen ist, als sie es vielleicht erwartet hat. Genauso gut aber, habe ich die Frau schon kichern sehen als eine Geschichte wohl Fahrt aufnahm und sich auf einmal alles drehte. Manchmal aber blättert die Frau so hastig durch die Seiten, verschlucken sich ihre Augen fast an den Wörtern, so dringend und so ansichtig ihr Wunsch doch zu erfahren, wie es wohl weitergeht auf der nächsten und übernächsten Seite. Traurig blickte die Frau schon manches Mal ins Leere und packte das Buch in die schwarze Handtasche, die sie bei sich trägt, manchmal sieht sie beschwingt durch das schlierige Fenster bevor sie das Buch weglegt und aussteigt. Immer wieder während jeder Fahrt jedoch muss ich von meinem Buch aufsehen und sie ansehen. Fast schon ehrfürchtig staunend, sehe ich ihr Gesicht hinter dem Buch, das mitfühlt und mitleidet, das hofft und staunt und klagt , dem das Herz schwer wird und das Lachen in den Mundwinkeln zuckt, ihr Gesicht das ganz und gar mit den Figuren lebt, das sich aufhellt und verdunkelt mit den Seiten, das ganz und gar aufgeht im Lesen und ankommt in den Welt die hinter sechsundzwanzig Buchstaben liegt und in jedem Buch auf ein Neues beginnt. Wunderschön ist die Frau, die da mit mir im Mittelgang des Zuges steht, heute ganz staunend versunken in „My brilliant friend“ von Elena Ferrante, und seien Sie versichert, auch wenn sie nicht von Dublin aus weit in die Landschaft fahren, bestimmt gibt es auch in Ihren Zügen eine Leserin ganz unverkennbar wie sie.

As an exception in German:Nichts für mich.

Ich staune. Ich staune über die Wut allerorten. Ich sitze im Zug. Wütend wettert ein Mann gegen den Koffer, der sich nur schwer in ein Gepäckfach heben lässt. Es zetert seine Frau fortwährend über seine schwachen Arme und seinen so schlaffen Willen und als sie endlich, endlich sitzen, plärren sie gegen das Land durch das sie fahren und in dem sie nicht mehr ihre Meinung sagen dürften. Nein, sie merken nichts. Sie sind nur wütend, was weiß ich warum. Der Koffer, das Wetter, ein schmerzender Zeh, ich kann es nicht erklären. Ob sie selbst es erklären könnten,die wütenden Rentner in ihren beige-grauen Tchibojacken und mausbraunen Schuhen, ich bezweifele es sehr. Ich weiß nicht woher die Wut kommt. Mich ekelt ihre Wut fast so sehr wie ihre Leberwurstschnitten, in die sie ( Wut macht wohl hungrig ) herzhaft beißen, aber nie im Leben käme ich auf die Idee, ich legte nun meinerseits das Buch beiseite und schlüge ihnen die Schnitten aus der Hand, so wie die beiden befinden, man müsste denen-den Flüchtlingen also- das Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Warum man sich gegen das Lächeln anderer, mit Schlagkraft wenden muss: ich verstehe es nicht und dabei wird mir übel von der Leberwurst und der Wut. Vielleicht sind es die langen Ehejahre und die zerplatzten Träume. Aber wovon träumt man als Wütender eigentlich? Von einem beständig wachsenden Haufen ausgeschlagener Zähne, vielleicht? Aber vielleicht knirscht man auch nur noch mit den Zähnen. Man müsste sie alle hängen, kräht die Frau, die nun Apfelschnitze aus der Tupperbox zu ihrem Mann herüberreicht. Ihre Dauerwelle ist hart wie Beton und um ihren Mund liegt ein unangenehmer Zug.Ihr Mann spuckt Leberwurstbröckchen und nickt: „alles Schweine“, sagt er, als er wieder Luft bekommt. Warum ersticken Menschen eigentlich immer an Leberwurstbroten und nie, wirklich niemals an ihrer Wut? Alles verschluckt ihre Wut und warum sie sich die Welt, so kalt, so gewalttätig und so anders vorstellen als ich, bleibt mir ein Rätsel. Warum sie sich nichts an Freundlichkeit und einem offenen Herzen bewahrt haben, warum sie nur Parolen können und wahrscheinlich keine Gedichte, ich kann es kaum begreifen. Warum sie vom Krieg träumen und das Faustrecht als Ideal ihrer Wirklichkeit zum ersten Prinzip erheben, ich will in ihrer Welt niemals leben müssen, in der es immer nur Feinde, Blut und Eisen gibt und niemals ein leises Wort und eine Gedankenlänge voller Stille.

 

 

As an exception in German: Apple Hooray!

Am Sonntag Morgen sitze ich im Zug. Ich balanciere einen Korb voller Äpfel, einen Apfelkuchen, ein Buch, mein Telefon,  einen pink-grauen Wollschal und eine Tasche neben, auf und unter meinen Knien. Auf der ersten Stunde der Fahrt sitzen mir zwei Männer gegenüber, die sich gern mit mir unterhalten möchten, aber so recht kommen wir nicht zusammen, denn keine der Sprachen, die ich anbieten kann, sagt den beiden Männern etwas, und umgekehrt ist es genauso. ich bin darüber gar nicht sehr traurig, denn ich möchte mich nur sehr selten im Zug unterhalten, ich langweile mich sehr schnell und kann es nur schlecht verbergen und zu dem mag ich die Bücher auf meinen Knien meistens zu sehr, um sie einer Unterhaltung wegen zuzuklappen. Aber gerne biete ich den beiden Männern, Äpfel aus dem großen Korb an. Das klappt gut: Apple hooray, sagen die beiden Männer, ich nicke und lächele: oh ja, Apple hooray. Äpfel sind etwa wunderbares und Gartenäpfel, die obwohl sie in der kühlen Diele schon seit Monaten lagern sind etwa ganz besonders Herrliches. Ein Mädchen vom Sitz gegenüber macht große Augen und gerne hätte ich auch ihr einen Apfel gegeben, aber ihre Mutter sagt: iiieh und verzieht das Gesicht. Dann lese ich, die Männer unterhalten sich und irgendwann steigen sie aus, nicht ohne noch einmal in den Apfelkorb zu greifen: Apple Hooray, sagen sie und ich nicke und sie winken mir.

Auf ihren Platz setzt sich ein älteres Ehepaar. Sie wollen das erfahre ich nach 30 Sekunden nach Oberstdorf zum Skiurlaub fahren. Ich nicke, denn ich habe ja noch immer das Buch auf den Knien und ich unterhalte mich nur sehr ungern mit Fremden, meistens langweilige ich mich und Ski fahren ist etwas was mich so interessiert wie Elektrotechnik im frühen 20. Jahrhundert. Der Mann deutet auf die beiden Männer, die mit den Äpfeln in der Tasche den Wagenstandsanzeiger studieren und sagt zu seiner Frau: Ich verstehe nicht, warum die hier herkommen, wenn die da in Pakistan solche Turnschuhe tragen und Äpfel haben sie auch noch gestohlen. Oh nein, sage ich, die Äpfel sind von mir und zeige auf den Korb zu meinen Füßen. Mögen sie einen? Der Mann sieht die Äpfel an und sagt: „die sind wohl selbst gemacht?“ Ich weiß nicht so genau wie sich manche Leute das Wachstum an Bäumen erklären, aber ich will es ihm nicht erklären. Deswegen sage ich:oh, Pakistan, woher wissen Sie das? Ich kenne zwar nicht alle Sprachen Pakistans, aber Urdu zum Beispiel hätte ich erkannt, Hindi spreche ich einigermaßen und auch Gujarati hätte ich zumindest zuordnen können. Aber der Mann sieht mich nur an und sagt: das sieht man doch. Ich sehe das nicht und da man vorsichtig sein soll mit herablassenden Bemerkungen, frage ich ob er oft in Pakistan sei? Irgendwo muss man sein Wissen doch herhaben und wenn es von den Straßen Islamabad’s kommt. Nee sagt der Mann, da wolle er auch nicht hin. Dann sage ich, könne ich ihm nicht recht geben. Der Verbleib der Äpfel sei schon geklärt, die Nationalität der Männer nicht, da ich Islamabad nicht gut genug kenne, könnte ich natürlich die Frage nach den Turnschuhen nicht abschließend verifizieren, aber da ich in der Region, Indien sei nun eben ein direkter Nachbar, oft sei, so könnte ich sagen, niemand trägt dort weiße Nike Schuhe. Die meisten Menschen, trügen Plastik Flip-Flops, ob sie auf dem Bau arbeiteten oder in der Fabrik, die zum Beispiel für Nike, Schuhe produziere. Dies sei oft fatal, denn die Chemikalien die für die Schuhe zum Einsatz kämen seien hochgiftig, vor allem der Kleber für die Sohlen, tropfte er auf die nackten Füße und Beine, erzeugten sie Verbrennungen und Verätzungen ganz ohne Feuer und Qualm. Die Männer und Frauen, die in den Fabriken arbeiteten verdienten  unter einem Euro am Tag, niemals kämen sie in die Verlegenheit ein Paar dieser Turnschuhe zu erwerben. Noch mehr Menschen vor allem auf dem Land gingen barfuß. Auch dies sei oft fatal, Schlangen im Gras und Dreck in offenen Wunden vertrage sich nur selten. Die mistgetragenen Schuhe zwischen Delhi und Islamabad aber seien Chappals, die einem ein Schuster an jeder Straßenecke aus Lederresten anfertige. Nicht nur die Armen imitierten sie aus Abfallresten, sondern jede indische und pakistanische Mittelklassefamilie lässt sich beim Schuster der meist schon seit Generationen die Chappals herstellt, dann und wann das abgetragene Paar ersetzen. Auch mein Paar ist vom Hausschuster der Rajasthani’s angefertigt und irgendwo in einem kleinen Laden in Old Delhi klebt mein Fuß im Schlappen zum Werbezweck in einer verräucherten Fensterecke. Die wirklich reichen Inder und wohl auch Pakistani laufen nicht zu Fuß, sie werden gefahren und tragen so weiß ich vom Hören sagen handgenähte Schuhe, kleiner italienischer oder englischer Manufakturen, niemals trügen sie einen Billigschuh der schon für 50 Euro zu bekommen sei. Vielleicht manchmal zu Hause um vor der Playstation herumzuhüpfen, aber als Distinktionsmerkmal, als westliches Statussymbol taugten Nike Sneaker nicht. Der reichste Inder mit dem ich einmal ausging und dem ich eine der schrägsten Nächte meines Lebens verdanke, trug goldene Schuhe mit seinen Initialen, Einzelanfertigung sagte er mir und war nur kurz beleidigt als ich lachte. Deswegen sage ich in Richtung des Mannes gewandt der mich ansieht als sei ich eine sehr, sehr seltsame Erscheinung, scheint es mir sehr verwunderlich warum ausgerechnet ein Paar Plastiktreter, die noch nicht einmal wärmen, wasserdurchlässig und schnell verschlissen sind, zu einem solchen Symbol werden konnten. Noch weniger aber erschließt sich mir der Neid auf solch ein Paar Schuhe, die ich nicht kaufe, denn die Kinder die sie herstellen liegen mir am Herzen. Die Plakate die der Freund des deutschen Exportweltmeisters, Narendra Modi, quer über die Stadt plakatierte um für Kinderarbeit zu werben, halte ich für eine der zynischsten Gewissenlosigkeiten west-östlicher Gier. Für die Schuhe, die man hier offensichtlich zwei Männern neidet, über die keiner von uns etwa weiß, außer das wir ihre Sprache nicht sprechen, bezahlen die Anderen, die sie produzieren einen hohen Preis. Keiner der indischen Fabrikarbeiterinnen oder Fabrikarbeiter, die barfuß zur Arbeit kommen aber haben in Deutschland ein Recht auf Asyl. Vielleicht sind die beiden Männer ja auch ganz anders als Sie offenbar denken mögen, gar keine Flüchtlinge, sondern Sales Agents für Nike, Adidas oder Co, die offenbar die einzigen, europäischen Werte die zählen, auch an den Füßen tragen.

Dann aber, das Buch ist längst zugeklappt, muss ich den Korb mit den Äpfeln, den Kuchen, Buch und Telefon, nicht zu vergessen, den grau-pinken Schal zwischen Knien und Armen jonglieren, denn am Bahnhof wartet schon die C. Aber eigentlich rede ich gar nicht gern mit Fremden im Zug, denn ich langweile mich wirklich furchtbar schnell, aber sollten sie einmal eine Frau sehen, die mit einem großen Korb Äpfel reist, dann bin das wahrscheinlich ich, wenn sie einen Apfel mögen, dann kommen sie gern zu mir und greifen in den Korb, auch wenn wir uns nicht kennen oder gar nicht verstehen: Apple Hooray, scheint mir ein mehr als brauchbarer Anfang.