Bohrender Schmerz

Am Anfang sagt sie, seien es einfach nur Zahnschmerzen gewesen. Gedacht habe sie sich nichts weiter dabei, denn es sei ihr natürlich klar gewesen, dass so ein Implantat ein grosser Eingriff sei.

Dass der Zahnarzt so geschwitzt habe, hätte sie zwar gewundert, denn es sei kein warmer Tag gewesen. Aber sie habe sich auch geschämt dem Zahnarzt sein Schwitzen so nachteilig auszulegen. Es sei doch auch ein anstrengender Beruf fremden Menschen in die Mundhöhle zu greifen.

Sie habe also die Augen geschlossen und an etwas ganz anderes gedacht.

Vielleicht hätte sie das nicht tun dürfen, denn vielleicht hätte sie dann doch bemerkt, dass der Zahnarzt da schon in helle Panik geraten war.

Als sie aufstand, wackelten ihr die Knie, aber das passiere ihr öfter, denn ihr Blutdruck sei schon immer sehr niedrig gewesen.

Der Zahnarzt habe sich die Stirn mit einem blauen Vliestuch abgewischt und gehustet.

Schmerzmittel und Ruhe, sagte er und sie nickte.

Aber schon dort in der Praxis, in dem ungeheuer hellen Sprechzimmer habe sie sich des Gefühls nicht erwehren können, dass der auf die Implantschraube aufgesetzte Zahn nicht dort sass, wo der alte Zahn war, sondern mitten auf ihrer Zunge.

Eine Art Backstein im Mund, so sei es ihr vorgekommen.

Der Zahnarzt aber sei zufrieden gewesen.

Sie werden schon sehen, habe er gesagt.

Sie habe sich hingelegt daheim.

Der R. habe ihr Eisbeutel gebracht und sie habe zwei Schmerztabletten genommen.

Den R. habe sie noch sagen hören, dass er sie wecken würde mit einem Teller Suppe-später dann.

Aber ihr habe sich allein bei der Erwähnung des Wortes Suppe schon der Magen umgedreht.

Geschlafen habe sie dennoch nicht.

Ein bohrender Schmerz habe in ihrer Wange gewütet.

Trotz des Eises.

Sie sagt, es war ihr als hätte jemand mit einer eisernen Zange kleine Kristallsplitter aus ihrem Zahnfleisch gezogen.

Dann hätte sie sich übergeben.

Der R. habe ihr die Haare aus dem Gesicht gehalten und zu ihr gesagt: Liebes Dir läuft Blut aus dem Mund.

Aber sie habe das nicht geglaubt.

Dann habe sie aber auch das Blut gesehen.

Ihr sei schwindelig geworden.

Der R. habe den Zahnarzt angerufen.

Das ist doch nicht normal, habe er gesagt. Das ist doch nicht normal.

Der Zahnarzt aber habe gesagt, sie müsse sich einfach an das Implantat gewöhnen. Ob sie immer so weinerlich sei?, habe er den R. gefragt.

Frauen seien ja heute derartig verwöhnt.

Er habe laut gelacht.

Der R. habe geschrien, dass es nicht normal sei aus dem Mund zu bluten.

Aber der Zahnarzt habe einfach aufgelegt.

Der R. habe sie hinüber in ihr Bett getragen.

Da habe sie schon nicht mehr sprechen können.

Der R. sei in die Apotheke gegangen, um herauszufinden, wo ein Notzahnarzt sei.

Sie sei froh gewesen, als er weg war, denn ihr sei klar gewesen, dass sie es nicht mehr irgendwohin schaffe.

Sie sei auf allen Vieren in ihr Arbeitszimmer gekrochen und habe nach ihrer Ateliertasche gesucht.

Zum Glück sei ein kleiner Meissel in der Tasche gewesen.

Schon damals an der Kunstakademie habe sie der Professor oft gelobt, für ihre so präzise Technik, anders als viele Männer habe sie nie zu grob mit dem Material hantiert.

Daran habe sie denken müssen mit diesem würgendem Schmerz in der Wange.

Sie habe den kleinsten Meissel genommen und sei in den Flur gerobbt. Aufstehen habe sie da schon nicht mehr können.

Aber im Flur sei der tiefe Bodenspiegel und dann habe sie mit allerletzter Kraft, den aufgesetzten Zahn wieder herausgebrochen.

Dann aber hätte es wieder angefangen zu bluten.

Wahrscheinlich hat sie mit dem Meissel auch das umliegende Zahnfleisch verletzt.

Dann sei ihr schwarz geworden vor Augen.

Aber sie sei so erleichtert gewesen, denn mit dem zerstörte Zahn habe der nervenzerfetzende Druck in ihrer Mundhöhle nachgelassen.

So habe sie der R. gefunden.

Der R. habe das ganze Blut gesehen und gedacht, das wäre das Ende.

Dann sei der Rettungswagen gekommen.

Aber sie habe das alles nicht mehr bemerkt.

Schliesslich sei sie in die Zahnklinik gekommen.

Der Zahnarzt dort sei ganz blass gewesen.

Es war ihr peinlich gwesen, wegen eines Zahnes mitten in der Nacht dort anzukommen.

Der R. habe sich geweigert sie allein im Behandlungszimmer zu lassen.

Das erinnere sie noch.

An was danach kam, daran habe sie keine Erinnerungen mehr.

Sei sei so erschöpft gewesen von den entsetzlichen Schmerzen.

Aber nach zwei Tagen habe sie einen Joghurt essen können.

Der R. hätte geweint.

Gestern hätte der Zahnarzt in der Zahnklinik zu ihr gesagt, dass das eingesetzte Implantat viel zu gross für ihren Kiefer gewesen sei. Ihr behandelnder Zahnarzt habe wohl die Laborbestellungen verwechselt. Eine Kante des neuen Zahns habe sich so tief in ihr Zahnfleisch gebohrt, dass und dann brach der Zahnarzt ab.

Die Nähte müsste sie noch für ein paar Tage drinbehalten, sagt er ihr.

Ob es sie zu arg drücken würde.

Aber sie habe nur den Kopf geschüttelt.

Alles prima, habe sie gesagt.

Fast hätte sie den Zahnarzt umarmt.

Wenn alles verheilt ist, sagte er, dann können wir gemeinsam überlegen, was am besten ist.

Sie habe genickt.

Sie habe sich entschuldigt mit einem Strauss Tulpen.

All das Blut.

Der Teppich im Flur sei ruiniert.

Sie habe sich bei R. entschuldigt.

Sie habe angeboten die Reinigungskosten für den Teppich zu übernehmen.

Sie seien doch gerade erst zusammengezogen.

Aber der R. habe sie umarmt.

Seine Wangen seien ganz nass gewesen.

Solche Angst habe der R. gehabt.

Auch dafür, sagt sie habe sie sich sehr geschämt.