Was man vielleicht mit bloßem Auge sehen kann.

Meine Schwester hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und schon seit vielen Jahren einen britischen Pass. Den Pass sieht man nicht gleich, aber ihre Augen sieht man sofort. Meine Schwester hat fünf Kinder, alle Kinder haben eine andere Augenfarbe, aber alle Kinder haben ein britischen Pass. Mein Schwager hat die Augen seiner jüngsten Tochter und seine Mutter sagt, die Familie sei in England schon seit dem großen Feuer von London. Meine Schwester spricht nicht nur Englisch mit ihren Kindern. Aber Deutsch spricht sie nicht mit ihnen. Für Himmelblau, Zuckerwatte und Wiesengrund bin ich zuständig. Die Kinder meiner Schwester haben eine englische Kindheit mit kratzigen Kniestrümpfen, Tea Biscuits und Hockey am Nachmittag.

Am Abend am Telefon sagt meine Schwester, die doch bei Nachrichten den Raum verlässt und unangenehme Dinge überhaupt nur im Vorübergehen bespricht: Alle sagen der Brexit kommt noch, aber ich frage mich, ob er nicht schon lange da ist und wir nur alle so tun als bemerkten wir ihn nicht.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. Meine Schwester sagt solche Sätze nicht. Aber ich sage: „Meinst Du?“ Meine Schwester und ich sprechen weder Deutsch noch Englisch am Telefon. Meine Schwester spricht ganz leise, so als wäre das Leise vielleicht doch nicht wahr.

Viele Jahre lang hat meine Schwester ein Frühstück an einer Schule vorbereitet für Kinder für die es selten Frühstück gab, aber das sollte dann nicht mehr sein. Eine andere Schule wollte gern, dass sie dort ein ähnliches Frühstück anbieten. Die Schulleiterin sagte: Bei ihr würde es meiner Schwester besser ergehen, denn an ihrer Schule sei man gegen den Brexit. Aber meine Schwester wollte kein Frühstück für oder wider den Brexit anbieten, sondern ein Frühstück für Kinder, die sonst eben eher selten eines bekommen. Aber die Zeiten waren nicht mehr so und meine Schwester, die Kinder liebt, macht kein Frühstück mehr. Aber seit zwei Jahren vermisst meine Schwester die vielen Kinder, die sich so auf sie freuten, wie sie sich auch auf sie.

Meine Schwester zuckt mit den Schultern befragte man sie nach ihrem Verhältnis zuEuropa oder zu England oder dem UK oder einer Stadt in der die liebe C. ihre Mutter wohnt. Meiner Schwester sind diese Fragen fremd, sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Sie sagt: „Hauptsache, wir beiden finden uns immer.“Dann muss auch ich lachen. Sie hat Recht. Meine Schwester und ich würden uns überall finden.

Aber auch das ist anders geworden. Eine ihrer Töchter kam nach Hause gelaufen, vor den Weihnachtsferien. „Warum weinst du?“, fragte meine Schwester ihre Tochter. „ Wenn wir zur lieben C. fahren wollen, müssen wir bald eine Strafe zahlen, und weil wir so viele sind, ist die Strafe ganz hoch, weil die Leute auf dem Kontinent alle Engländer hassen. Darum.“ Meine Nichte hörte nicht auf zu schluchzen und meine Schwester sagte, dass die anderen Kinder etwas missverstanden haben müssten. Aber sagt meine Schwester am Telefon so ganz sicher sei sich eben auch nicht.

Meine Schwester hat ein offenes Haus. Wie bei ihre Mutter, der lieben C., ist immer noch ein Platz Tisch frei, auch zwei oder drei. Manche Gäste bleiben zum Essen und andere bleiben ein halbes Jahr. So wachsen ihre fünf Kinder mit Märchen aus Nigeria, mit Geschichten aus Indien, mit Gewürzen aus Peru und Flüchen auf Farsi auf. Aber in den letzten zwei Jahren sagt meine Schwester, die keine Strichliste führt, sind die Gäste weniger geworden und die Gäste, die kommen sind leiser geworden und stehen lieber auf, wenn nicht nur meine Schwester am Tisch sitzt, sondern auch andere, die sie nicht kennen und ihr Telefon klingelt und eine Mutter aus Pakistan oder ein Bruder aus El Salvador ruft an. „Ihr müsst nicht“, sagt meine Schwester, aber die Gäste, die oft mehr Familie sind, stehen schon auf und nehmen erst auf dem Flur den Hörer ab.

Nur durch Zufall, sagt meine Schwester hat sie herausgefunden, dass ihre Kinder sind sie in der U-Bahn oder im Bus nur mehr Englisch sprechen, aber nicht mehr in der Sprache in den meine Schwester ihnen Mut macht für einen Test oder ein Lied singt einfach so. Weder meine Schwester noch mein Schwager hat den Kindern abgeraten auch eine andere Sprache für selbstverständlich zu Halten, aber ganz stillschweigend, tun sie es eben seit einigen Monaten und meine Schwester winkt lieber auf Englisch hinterher.

„Die Anni-Tant“ sagt meine Schwester „ist nicht mehr da.“Was meinst du mit die Anni-Tant ist nicht mehr da?“

Die Anni-Tant ist eines der mit dem Kindertransport aus Deutschland entkommenen jüdischen Mädchen und wie die Mali-Tant war auch die Anni eine Freundin meiner Großmutter. Ein ganzes Leben lang hat die Anni in Croydon gelebt in einem kleinen Reihenhaus. Sie war Lehrerin, die Anni-Tant und wann immer wir sie besuchten, zeigte sie ein kleines, braunes Lederalbum mit den Bildern ihrer Eltern. Die Eltern haben die Shoah nicht überlebt, sie lebten nur noch im kleinen braunen Lederalbum. Die Anni hat wie meine Schwester einen britischen Pass. „Damit es nie wieder Krieg gibt“, dafür hab ich abgestimmt hat die Anni gesagt in ihrem Wohnzimmer in dem es wie meine Nichten und meine Neffe sagten immer ein bisschen nach Deutschland riecht. Nach Alpenveilchen, Bohnerwachs und Werther’s Echten nämlich. Aber die Anni-Tant wohnt nicht mehr lange in Croydon, sondern zieht zu ihrem Sohn nach Israel. „Ich bin doch zu alt für noch einen Krieg und eine Flucht“ hat die Anni zu meiner Schwester gesagt. Meine Schwester sagte, dass es bestimmt keinen Krieg gebe und die Anni bestimmt nicht flüchten müsste. Aber die Anni hat den Kopf geschüttelt und zu meiner Schwester gesagt. „Du klingst wie mein Vater.“

Vielleicht wäre das Frühstück an der Schule ohnehin einmal eingestellt worden, vielleicht wäre die Anni der schmerzenden Knie wegen zu ihrem Sohn gezogen, vielleicht wachsen Kinder aus der Zweisprachigkeit einfach heraus und vielleicht kommen auch die Gäste wieder und spielen Tabla. Vielleicht ruft meine Schwester auch bald wieder an, um den bedauernswerten Zustand meines Unverheiratseins zu besprechen und fragt mich nach dem Stand der Welt. Vielleicht wird alles nicht so schlimm und vielleicht erinnern die Kinder sich in ein paar Jahren an nichts Anderes als eine englische Kindheit und die ungeliebten Kniestrümpfe. Vielleicht und vielleicht nie wieder.

Abschied vom Institut

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Es gibt Gespräche, die vergisst man nie.
Dieses Gespräch vergesse ich nie.
„Ich möchte mit Ihnen arbeiten, könnten Sie sich vorstellen, das auch zu wollen?
So nah war ich noch nie an einem Heiratsantrag und nie wieder habe ich so schnell ja gesagt.Dabei war ich doch so fest entschlossen die Frau nicht zu mögen.
Ja. Ja. Ja.
Aus der Frau hinter dem Schreibtisch wurde die beste Chefin der Welt.
Aus der besten Chefin der Welt wurde eine Freundin.
Eine von den Freundinnen, die eine Hand über einem halten, auch über Kontinentalplatten hinweg.
Ich bin nicht gut darin im Freundin-Haben.
Ich bin auch keine gute Freundin.
Ich möchte dieses Freundin sein und haben.
An jenem Tag dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren: Vielleicht wird, wenn schon nichts wieder gut wird, doch wieder etwas besser.
Drei Jahre sind aus diesem Gespräch geworden.
Drei Jahre in denen ich immer mindestens einmal am Tag gelächelt habe.
Drei Jahre in dem ich jeden Tag auf ihr Lachen gewartet habe. Ohne ihr Lachen ist das Institut nicht vollständig.
Heute räume ich mein Büro aus.
Alle Kapitelversionen des Doktormonsters sind geschreddert.
Ordner aussortiert.
Zettelsammlungen aufgelöst.
Ich schreibe lauter Emails in denen steht: Danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ab…übernimmmt…Mit besten Wünschen. Yours truly.
Die Zimmerpalme hat sich vor Wochen schon beleidigt abgewandt.
Meine Ankündigung, dass sie nicht mit umzieht, nimmt sie mir persönlich übel.
„Es sollte eine Überraschung sein“, sage ich zu ihr, während ich mein Notizbuch, das steinschwere Oxford Dictionary, Post-Its, die Zigarrenkiste mit Büroklammern, Stifte, Tee und die Thermoskanne in die Keep-it Kiste lege.
„So?“, zischt die Zimmerpalme missmutig,
„Sie werte Frau Palme ziehen“ und die Blätter der Palme stellen sich argwöhnisch auf natürlich nicht zur Auszubildenden, jene hatte einmal in den Palmentopf geascht- sondern zum werten Fellow G., der ein ausgewiesener Palmenkenner, ein Connaisseur und Besitzer einer eigenen Büropalme ist.“ Ich sehe ungefähr so aus wie Mütter, die ihren Kinder am ersten Schultag versichern, dass sie bestimmt ganz viele neue Freunde finden, obwohl sie doch wissen, dass das alles so viel schwieriger wird, weil es immer einen gibt, der übrig bleibt.
Die Zimmerpalme starrt trotzig in die Ecke.
Es ist eine sehr gutaussehende Palme versichere ich ihr.
Sie knurrt etwas von inneren Werten.
Freitag sage ich, ziehen sie um.
Muss man nicht auch einmal Fakten schaffen?
Das Telefon klingelt.
Das ändert sich wohl nie, aber auch hier sind es letzte Gespräche.
Ja, bitte füllen Sie den Visumantrag vollständig aus.
Ein letztes Mal noch das große Sommerräumen.
Ein letztes Mal einem Fellow den Wunsch nach einem Bürobügelbrett abschlägig beschieden.
Eine Notiz: Linke Schublade klemmt. Der Hausmeister will sich kümmern.
Fräulein Read On, was ich hier schon alles repariert habe.
„Weiß Gtt Hausmeister, weiß Gtt.
Die Auszubildende schluchzt.
„Fräulein Read On, Sie dürfen uns nicht verlassen.“
„Auszubildende ich verlasse sie nicht, ich trete eine neue Stelle an.
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe ein Geschenk für Sie, stehe hier und habe das Institut nicht bei Nacht und Nebel verlassen und meine Email Adresse verbrannt.
Die Auszubildende schluchzt lauter.
Ein Fellow kommt vorbei.
„Hat die Auszubildende Schmerzen?“
„Phantomschmerzen!“
„Fräulein Read On, habe ich Ihnen eigentlich schon einmal erzählt wie ich in einem Institut in St Petersburg einmal ein Bein im Institutskühlschrank gefunden habe?“
„Wenn Sie wüssten, was ich schon alles im Instituskühlschrank gefunden habe!“
„Kaffee um halb drei?“
„Kaffee um halb drei.“
Außerdem haben sie keine Zeit zum Weinen. Sie müssen für die Prüfung lernen.
„Fräulein Read On Sie sind der grausamste Mensch, den ich je gekannt habe.
„Es ist mir eine Ehre.“
Dann sortiere ich weiter aus, der Papierschlucker hickst.Ich finde einen alten Osterhasen.
Es klopft an der Tür.
Meine Nachfolgerin sieht nervös ins Zimmer herein.
Haben Sie noch Fragen?
„Um Fräulein Read On, hier arbeiten ja nur Frauen.“
„Die Männer sind alle schwanger“, sage ich.
„Soll ich jetzt lachen?“
„Nachfolgerin, niemand lacht über meine Witze.“
„Sind Sie hier Männerfeinde?“
„Männerfeinde?“ Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich mich unglücklich verliebt habe.“
„Ist es ein Prinzip, dass hier nur Frauen arbeiten?“
„Es hat sich so ergeben.
Wir hatten aber schon Praktikanten, wir haben viele hervorragende Fellows, der Hausmeister ist ein wahrer Herr, aber das Institut selbst ist eben in Frauenhand. Aber machen Sie sich keine Sorgen, hier sind noch keine Männer weinend herausgelaufen.“
Sie nickt.
„Gut zu wissen.“
„Herzlich Willkommen“, sage ich.
„Herzlich willkommen an diesem wunderbaren, offenen, großartigen, wundersamen, verrückten, inspirierendem Ort. Es wird Ihnen gefallen. Hier wachsen Männer und Frauen, wenn auch nicht auf den Bäumen. Hier wächst man mit. Sie werden sich die Haare raufen, weglaufen wollen, wiederkommen, durchatmen, lachen, schreien und jeden Tag ein bisschen anders aus dem Institut gehen als Sie angekommen sind. Obwohl ich es weiß, wünsche ich es Ihnen. Herzlich willkommen im Institut. Schön, dass Sie da sind.
Ab Montag ist dies Ihr Büro.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.