Sonntag

Der tierärztliche Neffe schluchzt.

Er schluchzt trotz der heissen Waffeln auf dem Tisch dick mit Puderzucker bestreut und er schluchzt auch dann noch als ich Schokoladenstreusel und Kirschen in der blauen Schüssel mit den weissen Punkten dazu stelle. Schokoladenstreusel und Kirschkompott liebt der tierärztliche Neffe nämlich noch mehr als den dicken Puderzucker.

Aber heute helfen die Waffeln nicht.

Meine Trostversuche laufen ins Leere.

Selbst die Katze, die auf eine Waffel spekuliert, verzieht sich in ein anderes Zimmer, denn ihr sind überbordende Gefühlsäusserungen, die sich um etwas anderes als ihren Anteil an der morgendlichen Milch drehen, fremd.

Dafür kommt der Hund in die Küche getappt und der untröstliche Neffe springt auf und schlingt die Arme um den Hund, der Hund hält Pfoten und Fell hin und der Neffe schluchzt ins Hundefell. Der treue, alte Hund seufzt und der Neffe weint.

Die T. steht in der Küchentür und wispert: „Ein Unfall? Eine schlechte Schulnote? Probleme daheim?“

Ich schüttele den Kopf und flüstere: „Leinster ist Toulouse im Rugby unterlegen.“

Oje.

Oje.

Aber verloren ist das Spiel eben doch. 20: 10.

Irgendwann aber bekommt der Neffe einen Schluckauf, ich reiche Taschentücher und ein kaltes Handtuch.

Der Hund hat nasses Fell.

Dann doch Waffeln und Huhn für den grossen Tröster Hund.

Mit Extra Kirschen und Streuseln flüstert der Neffe.

Ich nicke.

Klar doch.

„Ob die Rugby-Spieler wohl auch ein Trostfrühstück bekommen?“, fragt er mich.

Ich bejahe das ganz unbedingt.

Die Katze späht durch die Küchentür.

Die Erleichterung ist ihr anzusehen.

Natürlich ahnt sie etwas vom Hund und Huhn und ich beeile mich auch ihr ein Tellerchen zu richten.

Ein Fräulein kann am Morgen nicht nur Katastrophe um Katastrophe ertragen.

Der Waffelberg schrumpft, der Hund schläft und die Katze beginnt einen meiner Schuh zu malträtieren. Alles wie immer also.

Ich sehe zum Neffen herüber.

„Komm, sage ich die Nachbarn haben uns eingeladen zum Trampolin springen, wenn wir nur hoch genug hüpfen, dann fällt die Traurigkeit wieder heraus!“

Der Neffe nickt und dann springen wir hinauf und hinab bis der Neffe schliesslich ermattet auf dem Rücken liegen bleibt und ich seine Nasenspitze mit einem Löwenzahnblatt kitzle.

Dieser alte Trick funktioniert auch bei Mannschaftssportschmerzen noch immer gut.

Der Neffe kichert nämlich.

So ein Glück.

Ich kichere mit und irgendwo mit den Wolken verschwindet die grosse Traurigekit über das verlorene Spiel.

Noch einmal Glück gehabt.

Später am Nachmittag bringe ich den tierärztlichen Neffen zu einem Kindergeburtstag.

Don’t mention the rugby, sagen die anderen Frauen und Männer die Kinder bringen.

Ich verhalte mich still.

So ein Glück für mich dieses Kind, so ein Glück.

Am Abend gehe ich zu einer Tanzaufführung.

Es ist erstaunlich wie sich das Publikum zwischen Konzerthaus und Performancetheater unterscheidet.

Im Konzerthaus sitzen ältere Damen mit Strickpullundern und vielen Erinnerungen an Schulorchester und vielleicht einmal auch an einen begabten, jungen Geiger aus Budapest, der für ein paar Wochen in Tipperary mit seinem Kammerorchester probte, sie trinken Tee vor dem Konzert, sie sind enthusiastische Zuhhörerinnen, muss jemand husten, so findet sich in ihren Taschen gewiss ein Brustbonbon.

Im Performancetheater aber sitzen die Ironiker der Stadt. Sie tragen Statementketten und trinken Weisswein mit Eiswürfeln. Sie haben alle unauffällig Jutebeutel mit amerikanischen Tanzfestivalaufdrucken dabei und sie lächeln mit kühler Überlegenheit über die Lage der Welt. Sie vergelichen Restaurants uns Affären. Abgelegte Liebhaber gewinnen nicht in ihren Gesprächen.

Aber das eigentlich Irritierende ist, dass sie lachen mitten in der Vorstellung, mitten in diesem Tanz, der nichts Leichtes hat, sondern sich mit der Frage befasst, wie viel Platz wir uns nehmen, dort wo wir leben. Ein Mann tanzt auf einem quadratischen Tisch, wärehnd die Hände der Anderen nach seinen Beinen fassen. Lange Minuten geht das so und das Lachen rollt druch den Saal. Das Lachen über den, der da entkommen will. Er entkommt nicht. Das Publikum lacht lauter. Vielleicht glauben ja ausgerechnet die Ironiker an die gerechte Strafe?

Ich gerne zum Tanz und ins Theater, aber gern bin ich nicht im Theater, denn ich fürchte mich vor dem schneidenden Lachen.

Vielleicht bin ich deshalb im Konzerthaus zu Hause.

Ich warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht.

Eine Gruppe Mädchen trifft auf eine Gruppe anderer Mädchen.

Fast zeitgleich bücken sich je ein Mädchen der beiden Gruppen nach etwas, das auf dem Boden liegt.

Beide wollen ihr Recht geltende machen.

Keine will das was sie aufheben jede an ihrer Seite preisgeben.

Schon kommen die Freundinnen hinzu.

Erst Geschrei, dann ein erster Rempler, dann Beschimpfungen, es fliegt ein Basecap, dann knallt eine Ohrfeige in ein Gesicht, zwei Mädchen ziehen einem dritten hart und schmerzhaft an den Haaren. Zwei umstehende Männer fangen an zu filmen, dann endlich gehe ich herüber zu den Mädchen. Ich sage so laut ich kann: STOP IT. THAT’S MINE. Dabei weiss ich noch immer gar nicht, um was die Mädchen sich eigentlich schlagen. Sie starren mich an. Ich bücke mich und in meinen Händen liegt einen abgebrochene Schnalle einer Louis Vuitton Tasche. „Die ist echt“ sagt eines der Mädchen, aber in ihrer Hand ist auch ein Büschel Haare. Lets fuck off, sagt die eine Gruppe zur anderen Gruppe und dann rennen die beiden Mädchengruppen in jeweils entgegengestezte Richtungen davon.

Ich werfe die Schnalle in den Papierkorb.

Dann kommt der Bus.

Zuhause wartet der Hund.

Langsam gehen wir hinunter zu den Kastanien.

Was für ein Tag, sage ich.

Der treue, alte Hund nickt

Ein letztes Hemd

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Ein Tischsteht ganz vorn in der Exam Hall und auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop.

Ein Stapel Bücher, das ist alles.

Die Exam Hall hat alte Bilder an den Wänden und schwere Kronleuchter an der Decke.

Die Stühle sind viel zu schmal und furchtbar unbequem.

Hier unter den schwren Leuchtern und den Ölbildern mit den so ernsten Gesichtern schreiben die Studenten ihre Prüfungen.

Hier habe auch ich eine Urkunde bekommen über einen Stapel viel zu langen Papiers.

Aber heute sind die Studenten schon lange gegangen und die Urkunden liegen wohl verwaltet in einer anderen Schublade.

Es ist schon jetzt zu warm im Raum.

Aber es ist auch ganz egal.

BHL nennen sie ihn in Frankreich.

Bernard Henri Lévy

Heute Abend aber ist er in Dublin.

Ein schmaler Mann dort vorn, an dem Tisch mit den Büchern und dem Notebook.

Eine schwarze Hose und ein weisses Hemd. Seine Hemden sind schon seit Jahrzehnten viel zu weit offen.

Da sitzen wir und sehen ihn an.

Er ist fremd hier.

Hier in Irland gibt es keine Juden, die weisse Hemden tragen, eine Ehefrau und eine Geliebte haben und um zwanzig Uhr aufstehen und anfangen über Europa zu sprechen.

Ein Theaterstück.

Ein Mann spricht über Europa.

5 Akte hat das Stück.

Erst denke ich, dass Stück wäre ein Erinnerungsbogen.

Denn er verwandelt ja die Exam Hall in eine Hotelzimmer in Sarajevo. Damit beginnt sein Stück über Europa.

Mit dem Schweigen Europas über Sarajevo.

Er, der Jude hat das Nie Wieder, ohnehin nie ganz geglaubt. Aber nach Sarajevo ist es nur noch eine der vielen Worthülsen, die durch Europa fliegen. Ganz ohne irgendeine Konsequenz.

Sarajevo, da beginnt Europa.

Aber das Stück ist keine Erinnerung über die vielen europäische Erinnerungslücken.

Der Mann dort vorn am Tisch erzählt die Geschichten der jüdischen Kinder Europas.

Nein, nicht der von heute.

Er erzählt vom Jehuda ben Bezal’el Löw im Prag und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Auch ich in der vierten Reihe bin ja auf den Knien meiner Grossmutter mit den Geschichten vom Rabbi Löw aufgewachsen.

Und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Ich erkenne sie alle wieder, seine Geschichten dort vorn über Europa.

Den Mord an Sarah Halimi, den die französischen Behörden nur unwillig überhaupt einen antisemitischen Angriff nennen wollten.

Denn natürlich zählen wir noch immer unsere Toten.

Wir sind ja mit den Toten noch immer nicht fertig geworden.

Eine ganz europäische Geschichte also und die Gesichter neben mir sehen verwundert auf den schmalen Mann da vorn auf der Bühne, der sich selbst so verwundbar macht und in ihren Gesichtern liegt der europäische Zweifel, dass man das wirklich nicht bemerkt haben will.

Das ist was er erzählt an diesem Abend, das was wir vergessen.

Der Mann dort vorn am Tisch mit den Büchern spricht noch einmal von Zeus und der Prinzessin Europa, die eigentlich gar nicht so sehr aus Europa war, er erzählt sie noch einmal diese Geschichte die am Ende doch unklar bleibt, hat die Prinzessin denn eigentlich das Ufer wirklich erreicht? Hat nicht Zeus, der immer zu hastige Liebhaber sie nicht einfach zwischen den Inseln genommen. Er der G´tt ohne Rücksichtnahme

Er sagt fucked der Mann auf der Bühne, er weiss es ja auch nicht besser.

Die Männer auf den Ölbildern haben alle rote Wangen.

Er schüttelt den Kopf dort vorn am Tisch,steht ein Mann und spricht über Europa.

Er steht da, der Jude aus Frankreich und sagt: Irland und der irische Frieden, 25 Jahre immerhin, das sei der europäische Hoffnungsschimmer, vielleicht der Grösste, den Europa jemals hervorgebracht habe.

Brexit sei ein Schloss aus Sand, sagt er.

Der Mann dort vorn am Tisch aber holt Luft und dann liefert er die wohl zärtlichste Interpretation von Ulysses, die man sich nur denken kann. Leopold Bloom mit dem Mitteleuropa nach Irland kommt und Irland diese ferne Insel weit in die Mitte Europas rückt. Molly Malone, die ferne Verwandte der Prinzessin Europa, die Ulysses als Spaziergang durch europäische Traumwelten und europäische Euphorie.

Ulysses sagt er sei die eigentliche europäische Verfassung.

Einen Moment lang zögert der Mann dort- ist das nicht genau diese Art der Anmassung, die den Juden Europas nie gut bekommen ist?

Aber er sagt es noch einmal. Fester diesmal. Ulysses ist die eigentliche europäische Verfassung.

Es gibt fast nichts schöneres als einen Leser, denke ich mir.

Ganz am Ende schon, der Mann auf der Bühne sieht müde aus nach fast zweieinhalb Stunden in einer fremden Sprache, da spielt er das Spiel, das alle jüdischen Kinder, auch die von heute kennen. Er setzt sich eine europäische Kommission zusammen in der Maud Gonne und Denis Diderot Minister sind, in dem Literatur Staatsraison wird, in dem das Minsiterium für Humor sich nur mit den ernsten Angelegenheiten befasst und in dem die Aussenseiter nicht am Rand des Tisches setzen.

Ich erinnere mich noch an die ungeheure Ernsthaftigkeit mit der meine Grossmutter dafür warb Heinrich Heine zum Finanzminister zu machen.

So viele Dinge, die der Mann dort vorn erzählt über europa lasse ich hier aus.

Die Leute in der stickigen Exam Hall lachen.

Aber es ist ihm ja ernst dem Mann auf der Bühne, der für zweieinhalb Stunden nach Europa sucht.

Am Ende dann Applaus für ihn den Fremden.

Merkwürdig ist das, denke ich, das noch immer ein Jude durch die Städte Europas reisen muss, um das Projekt Europa dann doch nicht verlorenb zu geben, dabei hat Europa niemals damit aufgehört seine Juden preiszugeben.

Aber er der Mann auf der Bühne, der mir später die Hand geben wird ( warm, aber mit eisigen Fingerspitzen), der gibt noch einmal sein letztes Hemd.

Wir sind noch immer hier, sagt er später, neben mir und ich nicke.

Merci, Monsieur.

Bon courage.

Bernard-Henry Lévy, Looking for Europe

 

Wurst. Ein Stück in vier Akten.

Die Szene:

Ein Büroflur früh am Morgen.

Gedimmtes Licht.

Schreibtische.

An einem Schreibtisch sitzt ein Fräulein und tippt.

Man hört das Klackern der Tastatur

Neben ihr steht eine Teetasse. Auf der Teetasse singt ein Mumin.

Mitwirkende:

Die Auszubildende (A)

Ein Student der Elektrotechnik (E)

Der verehrte Herr Direktor (VHD)

Der Betriebsarzt (B)

Fräulein Read On (R)

Sekretärin (S)

  1. Akt

R. tippt emsig, dann und wann nippt sie am Tee, sie seufzt aber eher behaglich als angestrengt, dann und wann konsultiert sie das Oxford Dictionary aus Prinzip übrigens. So vergeht Zeit. Plötzlich fährt R. wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl hoch. Sie sieht die S. mit einer Tasse dampfenden Kaffees herbeieilen.

R: S. haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (überlegen): Freilich!

R: S., wo haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (sehr überleben): Na in der Kantine. Sie frühstückt dort mit einem Studenten der Elektrotechnik-lange Pause- während unsereins kaum Zeit für einen heißen Kaffee hat. Früher als ich Auszubildende war, da haben wir gar nicht hochgeschaut, sondern getippt bis uns die Daumen brannten. Da haben wir Strichlisten geführt über Toilettenbesuche. Ach, es war herrlich. Diese Kämpfe.

(Die S. erschauert wohlig). Dann wendet sie sich ab.

R: Leises Fluchen. Warum zum Eulenbrausen frühstückt die Auszubildende so lang? Ich hatte doch gesagt: Punkt 9 Uhr gilt es zurück zu sein. Beim heiligen Geierjungen, jetzt muss ich ihr nachrennen. Fünf Minuten hat sie noch, Scheibenkleister natürlich lärmt jetzt das Telefon.

(Regiehinweis: Hier können zeittypische Flüche verwendet werden. )

R: „Aber sicher verehrter Herr Direktor, die Auszubildende freut sich doch schon sehr, wie sagen Sie, eine Viertelstunde früher? Kein Problem gern! Auf später. Merci bien. Thank you very much. Indeed, the weather.

Auf einmal Tumult. Schluchzen. Weinkrampf.

Die Tür öffnet sich.

Die Auszubildende tritt ein, sie geht gekrümmt, wie unter starken Leibesschmerzen.

R: „Was ist ihnen geschehen A.?

A.: Jammervolles Geschrei.

R. beugt sich zur A. herunter. Die Nase der A. kommt ihr merkwürdig geschwollen vor.

R: Was ist mit ihrer Nase? Die ist so geschwollen. Sind Sie gegen eine Tür gelaufen?

A: Schluchzen.

R: Lassen Sie mich doch mal sehen.

A: Neeeeeeeein

R: Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mich sehen lassen. A. bitte atmen sie ruhig ein und aus.

R (plötzlich laut und heftig): A. Sie haben ein Würstchen im Nasenloch stecken!

(Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht um ein Wiener Würstchen, sondern um ein irisches Frühstückswürstchen- genannt rasher-handelt, daumenlang und daumenbreit.

A. verbirgt den Kopf in den Armen.

R: Wir müssen sofort zum Betriebsarzt, A. das Würstchen ist so tief in ihrer Nase, das bekomme ich so einfach nicht heraus.

A: Schluchzen

2.Akt

R: Guten Morgen, das ist ein Notfall. Die A. hat sich ein Würstchen in die Nase geschoben.

B: Ich habe ja schon viel gehört von Leuten wie ihnen, die sich mit den abstrusesten Ausreden vordrängeln, aber das geht wirklich zu weit. Das ist eine Schande!

R: HÖREN SIE, DIE A. HAT EIN WÜRSTCHEN IM NASENLOCH, DAS ZWEIMAL SO BREIT IST WIE SELBIGES, DAS MUSS ENTFERNT WERDEN, DAS WÜRSTCHEN AUS DER NASE, JETZT SOFORT.

A.:schluchzt.

B.sieht zur Auszubildenden herüber und sieht die angeschwollene Nase. Er macht einen Schritt nach vorn. Ich glaube das nicht, die Frau hat ja ein Würstchen in der Nase. Das ist ein Notfall, nun kommen sie schon, was stehen sie da noch wie angewurzelt herum, wollen sie warten bis aus dem Würstchen ein Schinken wird. Hahahahahaha. Wie sagt meine Frau immer: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.

R.: Auszubildende soll ich ihre Hand halten?

A.: Zustimmendes Nicken

B.: Ein Würstchen in der Nase. Da wird doch der Schinken in der Pfanne verrückt.

In der Tasche der R. klingelt ein Telefon. R. nimmt nicht ab.

Der B. extrahiert das Würstchen. Davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen.

Die Auszubildende bleibt zur Beobachtung hier.

3.Akt

R: sieht auf ihr Mobiltelefon. 15 Anrufe des verehrten Herrn Direktors. Sie tippt auf das Telefonsymbol.

VHD.: (rasend): FRÄULEIN READ ON, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL!FÜNFZEHN MAL WIE EIN HORNOCHSE HABE ICH GESTANDEN, WIE EIN HORNOCHSE VOR DEM TOR, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL, WO SIND DIE AUSZUBILDENDE UND SIE UND JETZT SAGEN SIE NICHT AUSSERIRIDISCHE HÄTTEN SIE ENTFÜHRT. SAGEN SIE NICHTS.

R: Ja, verehrter Herr Direktor

VHD.: Außerirdische haben Sie entführt?

R: Nein, Herr Direktor, keine Außeriridschen, ja zu sagen Sie jetzt nichts.

VHD: Sie werden doch schon wieder philosophisch.

R: Nein, Herr Direktor.

VHD.: (seufzt): Wo sind sie?

R.: Im Krankenflügel. Die Auszubildende ähm eh ähhhh ist von einer kleinen Unpässlichkeit befallen.

VHD.: Eine Unpässlichkeit? Spezifizieren Sie!

R.: Nun ja, verehrter Herr Direktor, also wie soll ich sagen, also, eine Unpässlichkeit dergestalt,dass….

VHD: Fräulein Read On Sie eiern herum!

R.(energisch): Eine Lebensmittelunverträglichkeit, Herr Direktor, die Auszubildende hat aehm ein Frühstückswürstchen nicht vertragen.

VHD.: Mir ist der Verzehr von Frühstückswürstchen ja von der Frau Gemahlin verboten worden. Ich sage nur Cholesterin.

R: Es ist ein Kreuz verehrter Herr Direktor!

VHD.: Lebensmittelunverträglichkeit sagten Sie?

R.: Besonders schwere Form, Schleimhäute, die Ärmste.

VHD.: Hm. Fräulein Read On, ich will es einmal dabei belassen. Der Termin ist verschoben, Freitag, 10 Uhr. Die Auszubildende soll Haferbrei essen!

R: Jawohl, verehrter Herr Direktor!

VHD.: FÜNFZEHN MAL, FRÄULEIN READ ON. FÜNFZEHN MAL.

4.Akt

Spätnachmittag. Krankenflügel.

R.mit einem Becher Tee in der Hand, setzt sich zur A. neben der A. sitzt der E.

R.: A. wie geht es ihnen?

A..: War ja alles nur halb so wild, Fräulein Read On!

R.: hustet

R.: Na dann erzählen sie mal wie ein Würstchen in ihr Nasenloch kam?

A.: Das war so voll wissenschaftlich, ein Experiment nämlich. Und überhaupt ist das alles Ihre Schuld Fräulein Read On!

R.: Wie kann ich daran Schuld haben, dass Sie sich ein Würstchen in die Nase schieben Auszubildende?

A.: Na Sie haben gesagt Neugierde sei die beste Lehrmeisterin.

E: nickt bekräftigend.

E: Die Sache mit der Erbse im Nasenloch ist ja zu einfach. Wir wollten einfach sehen, wie weit sich so ein Nasenloch dehnt.

R.: zählt still und in Gedanken bis dreißig.

E.: Die Auzubildende ist wirklich genial.

R.: achtundzwanzig, neunundzwanzig.

A. strahlt.

A.: Wir haben gewettet, der Student der Elektrotechnik hat gesagt, dass Würstchen würde nur bis in die Mitte der Nase passen. Aber ich habe an Sie gedacht., Fräulein Read On wie sie immer sagen, nicht so viel über Engagement rden, sondern einfach machen.

E.: Die Auszubildende ist mega! Einfach total fatal, was die so draufhat.

R.: schüttelt den Kopf. Wenn Sie gewettet haben, wie kommt es dann, das nur die Auszubildende ein Würstchen in der Nase hatte und nicht auch Sie, Student der Elektrotechnik?

E: Na, ich bin ja nicht doof. Was da alles passieren kann, wenn man sich ein Würstchen in die Nase stopft! Nee, nee, so was mache ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich habe nur so getan als würde ich das wirklich machen. Bin ja nicht doof.

A.: Jedenfalls habe ich die Wette gewonnen!

R: Was war denn der Wetteinsatz. 50 Euro und eine Woche Fahrdienst zur Mondsteinscheibenfabrik. Geilo!!

E: Wie ich soll jetzt wirklich 50 Euro bezahlen, nur weil die sich ein Würstchen in die Nase geschoben hat? Das ist ja voll der Betrug. 50 EURO!

R: Tja, verehrter Herr Student de Elektrotechnik, Wettschulden sind Ehrenschulden, wussten Sie das nicht?

A.: Ach, Fräulein Read On, wenn Sie nicht gesagt hätten, dass Neugierde einem verborgene Türen oeffnet, wäre ich ja niemals auf die Idee gekommen, mich einmal an der Wissenschaft zu versuchen!

R: Na dann will ich einmal froh sein, dass Sie nicht die Chemie als erste Wissenschaft für sich entdeckt haben.

A.Nein, Chemie lag mir schon in der Schule gar nicht.

Die A. Niest heftig.

Wurstbrocken explodieren im Raum. R.‘s Bluse ist nun mit Wurst gesprenkelt.

Die Tür geht auf. Der Arzt tritt herein.

Er sieht die Wurstexplosionsnachwirkungen.

B. Ach wie gut, es löst sich. Auszubildende, Sie werden in den kommenden Tagen ihre Nase regelmässig spülen müssen. Es ist ein Wunder, dass Sie noch mal so glimpflich davon gekommen sind.

A.: strahlt: Erst die Wissenschaft und dann ein Wunder.

R. und B. Schweigen. Der Student der Elektrotechnik raucht eine Zigarette vor dem Fenster. Ein Telefon klingelt.

Der Vorhang fällt.

Warten auf Godot

Wir warten. Wir warten auf Eisenbahnen, Anschlusszüge, auf Anrufe, Lebenszeichen, wie lange ich schon darauf warte noch einmal warme Hände zu bekommen, weiß ich nicht mehr. Wir warten auf die Zukunft, wir warten auf den letzten Bus, wir warten auf Freunde und Feinde, Sonnenuntergänge und darauf, dass das Warten doch endlich einmal zu Ende geht. Am Montag Abend sitzen der Tierarzt und ich im Theater und warten auf den Beginn des Theaterstücks. Sie ahnen es schon wir „Warten auf Godot.“ Noch aber summt das Theater, denn auch hier wird gewartet. Der Mann neben uns wartet auf Ellis, die bestimmt gleich kommt, eine Frau wartet auf ihre Schwiegermutter, der sie hektisch Nachrichten schreibt und wir alle zusammen warten, dass der Theatergong den Beginn des Stückes ankündigt. Ellis wird schließlich kommen und über den Tierarzt und mich hinweg erst in die Arme ihres Freundes und dann auf den Stuhl fliegen, die Schwiegermutter aber bleibt verschwunden. Aufseufzend lässt die Frau ihr Telefon in einen kleinen aparten Seidenbeutel verschwinden. Die Bühne ist leer. Nur ein vertrockneter Baum steht am linken Rand ein runder Stein, einem sehr großen Straußenei nicht unähnlich. Auf ihm sitzt mit Kinn in der Hand ein Schauspieler und rührt sich nicht. Er wartet. Wartet schon einmal vor. Wartet darauf, dass Telefon endlich aufhören zu klingeln, wartet sich schon einmal warm für das was da kommt. Gewartet wird in den nächsten zweieinhalb Stunden. Gewartet wird auf jenen mysteriösen Godot, von dem einige sagen, dass es ihn gäbe, von dem keiner genau weiß was er ist, und niemand mag zu sagen, wann er kommt. Die beiden Landstreicher über die wir nichts wissen, außer dass sie auf Godot warten und über die wir nicht viel erfahren außer, dass sie auf Godot warten, warten und es ist ein quälendes Warten. Ein nervenaufreibendes, frustrierendes Warten. Ein Warten, dass sich im Kreis dreht, ein Warten, dass in jede einzelne Pore kriecht, sich in die Füße, die Gesichter und Gedanken einnistet, um nicht mehr zu verschwinden. In Paris hat Samuel Beckett Godot geschrieben, lange schon weit weg von Irland, 1948 im grauen Nachkriegsparis, keine Landstraße in Donegal, auf Französisch nicht mehr auf Englisch aber doch dieses Stück hat ein irisches Echo nicht nur weil wir in Dublin und nicht in Narbonne im Theater sitzen. Hier ist es wieder das irische Warten, denn in Irland hat das Warten eine lange Tradition. Da warten die Beiden also, warten auf den, der nicht kommt, foppen sich, beklagen sich und die Welt, werden des Wartens überdrüssig, hungrig macht das Warten und müde, so müde ist Estragon und je müder Estragon wird, desto schneller redet Wladimir. So vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Wie schwer es ist zu warten, selbst in einem Theaterstück sieht man daran, dass jede Pointe, jeder gestoßene Zeh, jede Idee mit Gelächter und Gekicher vom Publikum bedacht wird, denn alles ist besser als das zähe Warten zu nah an sich herankommen zu lassen, denn wir alle, Sie und, der Tierarzt, ich und Ellis und die Schwiegermutter, die nicht kam, wir alle warten wohl auf unseren ganz eigenen Godot, der scheinbar manchmal näherkommt, nur um gleich darauf wieder in einer dunklen Seitengasse zu verschwinden. Ich habe niemals über Beckett lachen können und kann es bis heute nicht und auch hier in der Inszenierung der Druid Theatre aus Galway bleibt Samuel Beckett der Meister des Alptraumes. Dann nämlich wenn Pozzo und sein Diener Lucky auf die beiden Vagranten treffen, spätestens dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Der an einem dicken Seil hinter seinem Herrn hereinstolpernde Diener, der nicht mehr Mensch ist, sondern nur noch Objekt, der auf Peitschenknall, Getränke und Stuhl anreicht, und mit gebücktem Rücken auf den nächsten Angriff wartet, ist von solcher Schrecklichkeit, der man sich nicht entziehen kann und schon warten wir nicht mehr auf Godot, sondern darauf, dass diese Folter deren Zuschauer wir sind, doch endlich ein Ende nimmt. Wir müssen lange warten. Nein Beckett lässt niemanden entkommen und es kann nicht überraschen, dass er im grauen Jahr 1948 Niemanden fand, der das Stück auf die Bühne bringen wollte. So nah dran am Schrecken, den doch alle Welt vergessen wollte, unerbittlich zwingt Samuel Beckett noch heute, noch immer nach so vielen Jahren, die schnell Jahrzehnte wurden, zum Blick zurück. Das habt ihr getan, sagt Beckett, und wir ahnen es wohl, das ist der Mensch, das sind wir. Eine Bube kommt schließlich vorbei, aber auch seine Nachrichten bleiben vage und leer. Eine Nacht vergeht. Estragon will alles vergessen, Waldimir will sich an alles erinnern. Beide zwingt das Warten in die Knie, man kann über das Warten den Verstand verlieren und ob es dazu einen oder einhundert Tage braucht, wer weiß das schon zu sagen. Das Warten lässt sich nicht verkürzen kein Rätsel, keine Geschichten, kein Walzer verringert die quälende Ungewissheit, den Wunsch mit dem Warten doch einfach aufhören zu können, weiterzugehen, ein neues Land, ein neues Leben, den Namen Godot doch einfach vergessen, nichts davon ist wahr. Wir warten wie Estragon und Waldimir. Wir warten noch immer und immer weiter und während wir nach Taschen und Mänteln suchen, ruft eine Frau: „Warte doch.“

Kurz vor zwölf  Uhr sind wir zurück im Dorf. Nur bei der Frau des Krämers ist noch Licht und leise bewegt sich die Gardine hinter dem Fenster. Dass die Frau des Krämers wartet ist nicht neu, „vielleicht bist du ja Godot“, sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt lacht und lacht und lacht. „Komm Mädchen“ sagt er, „es ist schon spät.“

Waiting for Godot ( der Ausschnitt zeigt eine Freiluftaufführung in Irland ) aber das extrem reduzierte Bühnenbild funktioniert auch im Abbey Theatre Dublin, noch zu sehen ist das Stück noch bis zum 20. Mai 2017.
Die Druid Theatre Company macht großartige und sehr intensive Stücke, nicht nur in Irland, nicht nur Beckett, sondern wenn Sie ein wenig warten sicher auch auf einem Theaterfestival bei Ihnen. Ich lege es Ihnen heiß ans Herz.