Ein Satz mit X…

Vor ein paar Wochen lag eine Einladung im Briefkasten. Schweres Papier, goldener Rand. Adressiert an den Tierarzt und so legte ich die Einladung auf den tierärztlichen Stapel und vergaß den Brief sofort. Am Abend aber, ich versuchte die Katze davon abzuhalten, die Keksdose durch Herumkullern auf den Dielen zu öffnen, fragte der Tierarzt: „Mädchen willst Du an einem Sonntag im Juni zu einer Taufe nach Westcork fahren?“

„Tierarzt“, sagte ich, „ wenn es Dir ein Herzenswunsch ist, fahre ich mit Dir zu einer Taufe nach Westcork.“

Der Tierarzt aber schüttelte, vergnügt den Kopf, denn der Tierarzt teilt nicht nur Freud und Leid mit einem seltsamen Fräulein,sondern weiß inzwischen auch, wie ein Nein klingt.

Mein Verhältnis zu Taufen ist nämlich ein angespanntes, wenn auch nicht nicht aus religiösen Bedenken, allein der komischen Note wegen, die mir bei der letzten besuchten Taufe so sonderbar auffiel, denn da rief der Vater des Täuflings schon vor der Kirche: „Die Geschenke können jetzt abgegeben werden.“ Ich hatte mir die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zwar immer ganz anders vorgestellt, aber was weiß schon einfacher Jude von solchen Dingen?

„Wunderbar“, sagt der Tierarzt ob meiner Antwort. „Er habe die Mutter des Täuflings nie sonderlich gemocht, sie habe in der Anatomieklausur schamlos bei im abgeschrieben und als es die Klausur zurückgab ,ihn noch ob eines Fehlers beschimpft.

„Nebelkrähe“, sage ich.

Damit ist das Thema erst einmal beschlossen und der Umschlag wandert auf einen dritten Stapel von Dingen, die es zu erledigen gilt, wenn es regnet oder alle Fenster geputzt sind.

Dies war gestern Abend der Fall.

„Heavens“, sagte der Tierarzt,wir haben noch gar nicht die Taufe abgesagt.“

Gesagt, getan“, sage ich und hole eine Karte mit goldenen Luftballons- durchaus ein himmlisches Segnungsmotiv- aus der Kartenkiste.

Der Tierarzt faltet einen Schwan aus einem Geldschein.

Ich nehme den guten Füller zur Hand und schreibe.

Liebe Eltern, liebe und dann stocke ich und sehe zum Tierarzt auf.

„Wie ist der Name des Kindes?“

Der Tierarzt dreht die Karte in den Händen umher.

„Mädchen“, sagt er, der Name kommt mir ganz komisch vor, hier steht Irene Xanthippe.“

„Tierarzt, sage ich, Du bist müde und wer müde ist, sieht schlecht und wer schlecht sieht, der liest absurde Namen vor. Niemand nennt sein Kind Irene Xanthippe.“

Außerdem ist der Name schon ein Widerspruch an sich. Irene ist der Name einer Friedensgöttin, während Xanthippen noch den besten Frieden zu zernörgeln wüssten. Keine auch noch seltsamen Eltern würden aus ihrem Kind doch einen lebenden Widerspruch machen, sage ich und mache Licht an.

Der Tierarzt murrt: „Hier steht Irene Xanthippe“.

„Gib her“, schnaufe ich und sehe auf die Karte aus schwerem Papier. „Habe ich mich nicht über Jahre mit Handschriften aus dem 17. Jahrhundert herumgequält, um jetzt an einer Taufkarte zu scheitern?“

Die Einladung ist gedruckt, aber den Namen des Kindes haben die Eltern handschriftlich hinzugefügt.

„Von wegen Irene“, sage ich triumphierend. „Da steht India.“

„India?“ murmelt der Tierarzt.

„Bist Du Dir sicher?“

Ich sehe wieder auf die Karte, je länger ich auf die Karte sehe, desto unsicherer werde ich. Vielleicht auch Indigo, murmele ich.

Schwieriger aber noch ist der zweite Name auf der Karte.

„Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Xenophilia“, buchstabiere ich.

„Ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

Das scheint noch absurder zu sein als Xanthippe.

„Xiphantia“ wagt der Tierarzt einen neuen Versuch.

„Tierarzt“, schüttle ich den Kopf, da ist doch ein Mädchen und kein Saurier.

Ich hole die Lupe.

Der Tierarzt sagt: „Ich habe mal ein Rennpferd namens Xaphania behandelt.

„Weiß G*tt Tierarzt, aber hat deine Bekannte etwas das gleiche Rennpferd behandelt und ihm geschworen, wenn es seinen Huf hebt, dann benenne ich das Erstgeborene nach ihm?“

Der Tierarzt denkt nach und sagt: „Wohl eher nicht.“

Ich klamüsere indes noch immer mit der Lupe herum.

„India Xenobia“, sage ich.

Aber dann schwanke ich doch, denn schreibt man Xenobia nicht Zenobia, wenn man sein Kind schon nach der einstigen Königin Palmyras benennt?

„Vielleicht fahre ich fort, hat sie den Namen irgendwo falsch abgeschrieben, wie damals bei dir in der Anatomieklausur?“

„Wie bitte schreibt man einen Namen für das eigene Kind irgendwo falsch ab?“

„Tierarzt, sage ich, nichts einfacher als das. Das war in etwas so:

In die Praxis deiner Bekannten kam eines Nachmittags eine Frau mit einer Boa Constrictor namens Queen Z und nach abgeschlossener Behandlung, fragte sie die Besitzerin wofür das Z im Namen der guten Schlange denn stünde. Queen Zenobia verehrte Schlangen wie keine Zweite, erzählte stolz die Schlangenbesitzerin, die aber auch sehr heiser war, dann klingelte dreimal das Telefon, deine Bekannte hatte aber nur den ersten Strich vom Z gemacht, als sie sich erinnerte, doch den Schlangenamen aufzuschreiben, stand am Ende Xenobia auf dem Waschzettel.

„Mädchen“, lacht der Tierarzt. Niemand spaziert mit einer Würgeschlange umher.“

„Tierarzt“, sage ich, wir sprechen uns noch einmal, wenn du einige Jahre in Berlin gelebt hast.

Dann kehre ich seufzend zur Karte zurück.

„Da steht Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Tierarzt, sage ich, selbst wenn die ihr Kind Xanthippe genannt haben, können wir das niemals und zwar unter gar keinen Umständen auf die Karte schreiben.“

„Was schreiben wir dann?“

Ich hole Buntstifte und male neben: „Liebe Eltern“ einen gelben Kreis, tupfe Kulleraugen hinein, male, grüne, rote und lila Locken an den Babykopf und ein I und ein X zwischen das Gemalte.

Der Tierarzt, die Katze und der Hund starren auf das bunte Chaos.

Es gelingt mir nur sehr selten alle drei Hausgenossen zu beeindrucken, aber dann schreibe ich weiter: „bedauern wir sehr, nicht an der Taufe eures herzigen Kindes teilnehmen zu können.“

Später der Brief liegt auf dem Stapel: „Fertige Post“ und ich liege im Bett, „Weißt Du,sagt der Tierarzt und zieht sich ein Schlaf-T-Shirt über, ich bin wirklich froh, dass wir beide so einfache Namen haben.“

„Du Mädchen, ich Tierarzt, da kann wirklich nichts schief gehen.“

Hmmm, sage ich und der Tierarzt geht sich die Zähne putzen. Bevor er im Bad verschwindet, dreht er sich noch einmal um. „Mädchen, ich glaube wirklich, sie haben das Kind Irene Xanthippe genannt.“