Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Mit der Dämmerung aufgestanden, die Katze zur Tür hereingelassen, den Hund zur Tür herausgelassen, dem Tierarzt, Tee gereicht und bis zum Flughafen rekapituliert was ich über die Appenzeller Bauernkriege weiß und versucht mir Rosseau und die Insel der Seligen zu vergegenwärtigen. Gestört werden meine Bemühungen durch den Tierarzt, der mir aufträgt mich mit den Schweizer Kälbern, ihren Gewohnheiten und Eigenarten vertraut zu machen und möglicherweise eine Brieffreundschaft für Kälbchen herauszuholen. Ich versuche den Tierarzt davon zu überzeugen, dass am Ufer der Limmat keine Kälber mehr weiden, but to no avail.

„Bis heute Nacht“, ruft der Tierarzt und schiebt mir schweizerisch akkurat Küsse in die Kleidertaschen.

„Bis heute Nacht, wenn alles klappt“, rufe ich, denn der Tag hat es in sich und Küsse stecke ich dem Tierarzt in den Pullover.

Dann eile ich in den Flughafen und nach Pass, Bordkarte, Laptop, Schuhe okay, lese ich in der Irish Times und dann hebt das Flugzeug ab.

Zwei Stunden später, recke und strecke ich mich, stecke das Buch in die Tasche und bin in der Schweiz.

Zürich hat Sonnenschein.

In der Navette zum Flughafenterminal schollert auf einmal Jodelmusik, Choralähnliches und Kuhglockengeläut, alle Welt erschrickt. Aber es ist nur eine Werbeaktion von Yours. Switzerland.

Dann viele Treppen hinauf und hinunter und mit der S-Bahn Numero 16 zum Hauptbahnhof. Glücklich, wer nur einen Schnappsack hat und sitzen kann, der Rest der Reisenden verteidigt die Koffer und belauert andere Reisende mit großem Misstrauen.

Auf dem Sitz liegt so eine Umsonstzeitschrift und da ich natürlich ganz im Sinne des Tierarztes nachsehe, ob nicht doch ein Kälbchen Heinrich oder eine Kuh Margarethe inseriert: Interessen: Heuwirtschaft, Butterblumensmoothies und Dart nur ernsthafte Zuschriften bitte, aber leider habe ich kein Glück.

Dafür hat die Zeitschrift „20 Minuten“ eine Rubrik Doktor Sex und als Aufklärungssprechstundenverantwortliche lerne ich ja immer gern dazu. Abgesehen von der Antwort auf die Frage- staune ich wirklich sehr darüber, dass es noch Zeitschriften jenseits der Praline oder anderer Magazine gibt-, die aber vielleicht doch eine andere Leserschaft ansprechen als den Schweizer Pendler, ein Bild auswählen, dass eine junge Frau zeigt, der man von hinten unter die Unterwäsche fotografiert und die halb auf einem Mann liegt.

Und mir ist da ganz egal, ob man da ein Standbild aus American Pie ausgeschnitten haben. Das Bild ist in dem Zusammenhang völlig unangemessen. Ich finde das nämlich ziemlich bedenklich, dass man eine Aufklärungskolumne hat, die Sexualität als schlechten Pornofilm abbildet und dabei etwas außer Acht lässt, was essentiell ist: gegenseitigen Respekt, angemessene Abbildung  und das Vermeiden tatschigen Voyeurismus‘. Also liebe Schweizer vielleicht überlegen sie ja noch mal in der Redaktion ob es nicht angemessenere Bilder gibt und wenn Sie gerade so zusammensitzen: Slut Shaming ist jeder Aufklärung entgegengesetzt und its not funny either. Weil ich gerade dabei bin und guter Rat nicht immer teuer ist: Es gibt nichts Dümmeres und Peinlicheres als Aufklärung durch dümmliche Witze und Pornobildchen zu verballhornen, es verhindert nämlich etwas Wunderbares: Vor allem jungen Menschen den Zugang zu Intimität zu vermitteln. Dass das sich hier noch in einem Zusammenhang abspielt, in dem es Minderjährige Beteiligte geht, macht es schlechter nicht besser. IMG-6370.jpg

Wie immer, wenn ich in der Schweiz bin, bewundere ich die Stille im Zug, auf den Straßen, im Café, eine Frau löffelt seelenruhig und völlig hingegeben ihren Capuccino wie ein Süppchen.

Stellen Sie sich das mal in Berlin vor!

Mich irritiert die Schweizer aber auch immer sehr, denn ich bin bekanntlich ein Mensch, der ständig stolpert, zu laut lacht, Chaos ist mein dritter Vorname und weiß G*tt was fehlt mir der indische Krach. Vor ein paar Jahren, da war ich schon einmal in Zürich, da wollte mir jemand an einer Tramhaltestelle die Handtasche entreißen, ich aber bekam das mit und schrie: „Hey, Sie verdammter Dieb, schämen Sie sich, was würde ihre Mutter sagen?“ So viel Krach ließ den Dieb erstarren und mir blieb die Tasche erhalten.

Mich auf dem Weg zur Universität nur zweimal verlaufen.

Verdrängt wie steil der Weg hinauf zur Universität ist.

In der Mensa der ETH sehr schlechten Kaffee und sehr viel blaue Rivella getrunken. Ich liebe Rivella.

In der Mensa der ETH kann man alles über Flechtfrisuren lernen, was man schon immer lernen wollte.

Ein Vorstellungsgespräch an der Universität Zürich.

Zitternde Knie und immer wieder die Frage, ob man das sagt, was man eigentlich sagen möchte, ob man den Anderen wirklich anspricht, ob man nicht doch in Phrasen zurückfällt oder ob sich vielleicht doch eventuell ein Gespräch entwickelt, was man fortsetzen will auch als gemeinsame Arbeit.

Einen Kaffee getrunken. Sonnenschein.

Ausschau gehalten nach Thomas Mann, der doch viel spazieren ging. Ihn wohl doch verpasst.

Manches bleibt bloße Möglichkeit.

Mit der Trambahn zum Flughafen zurück. Ist das nicht besonders schön? Meine alte Seele, die doch immer noch im 19. Jahrhundert lebt, quietscht in den Kurven.

Ein belegtes Brot gekauft und einen Grapefruitsaft dazu.

Weiteratmen.

Kein Kälbchen getroffen, einer Taube Krumen gestreut, nur einen einzigen Hund gesehen.

Im Flughafen passiert mir etwas was mir nicht mehr so oft passiert. Eine Frau dreht sich um zu mir und fragt mich: Ist das der BA-Flug nach London? „Oh ja“, sage ich und dann erzählen wir bis wir in London landen. Wie schön, dass ist das mir das doch wieder passiert, denke ich, dass mir jemand ihre Geschichte in die Hand legt und ich höre zu. Die Geschichte, die Telefonnummer und das Lächeln der Frau vorsichtig eingesteckt. Auf ein Wiedersehen hoffen.

In London gerannt und gerannt und Glück gehabt. Der Flug nach Dublin ist verspätet. Herzziehen nach meiner Schwester. Von London City Airport zu ihr sind nur 30 Minuten. Es ist schwer an meiner Schwester einfach vorbeizufahren. Es ist noch schwerer sie anzurufen und nicht hinüberzufahren.

Letztes Sonnenlicht über London.

Die Sonne tanzt über die Flugzeugflügel.

Ich denke an Ikarus, der es auch zu toll trieb. Vielleicht auch ich.

In Irland ist es dunkel.

Ich sage: „Oh Tierarzt, what a day.“

Der Tierarzt sagt: „Oh Mädchen what a day.“

Der Hund schläft schon, die Katze schlürft Milch, eine Tasse Tee vor dem offenen Fenster.

Ich gähne und die Nacht gähnt zurück.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch für die Katze, eine Schüssel Wasser für den Hund, drei Esslöffel Müsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, für den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schläft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der Tür, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nächsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon müder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen Zuckerwürfel. Der Zuckerwürfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. Müde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte Anzüge, verstohlenes Gähnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, Leinenmäntel, öfter noch aber Schal, Mütze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafür die Wange ans Fenstern und sieht uns müde Gestalten an. Bürogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten später Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wütender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnäckige Anruferin.

Später kommt die Auszubildende zur Tür herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den Mülleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir üben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. Früher habe ich oft versucht sie zu trösten, Taschentücher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlängertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts über andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir üben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fällt nichts ein wie ich das ändern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. Weinkrämpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lässt sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafür ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut für heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspätet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen Käse!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit für den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus über seinen Tag. Die Frau des Krämers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hätte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des Krämers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des Krämers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurück ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schläft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzählt mir etwas von einem Pelikan ohne Tränenflüssigkeit.

Ich erzähle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grünen Sofa und gehe mit Durs Grünbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs Grünbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein träumen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gähnt, da schläft die Katze schon.

Zähne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die Tür und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin für das Aufschließen des Tages verantwortlich, während nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den Schlüssel für die Nacht in die Kommode legt, gähnt und sagt: „Mädchen erzähl mir doch…“

Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

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In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.