12 Bilder, ein Tag. Irland Ausgabe

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

View this post on Instagram

Zugausblick. #1v12 #12von12 #morningcommute

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Meine Tage beginnen alle mit einer Zugfahrt. Seitdem ich in Irland lebe, pendle ich und ich tue es nicht gern. Die Züge sind unpünktlich, alt und abgeranzt. In all den Jahren habe ich noch nicht einen neuen Zug gesehen. Verspätungen sind die Norm, Fahrplanwechsel passieren einfach und die Idee, dass man bei Verspätungen eine Entschädigung bekäme ist der irischen Bahn vollständig fremd. Wer so dumm ist zu pendeln, der ist selber schuld, so ihr Motto und nein, ich pendle wirklich nicht gern.

Die Mondsteinscheibenfabrik am Morgen. Wie wohl jede Fabrik ist auch diese Fabrik eigentlich ein Roman. Ich wäre nicht verwundert, käme eines Morgens auch Thomas Buddenbrook mit mir zur Tür herein.

View this post on Instagram

Eisiger Blick. #3v12 #12von12 #polarbears #theymadeitsofar

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

In der Kantine sind die Eisbären los. Sie machen ziemlich ernste Gesichter, das mag an der weiten Reise liegen, aber man erzählt sich, dass sie Nachts, heimlich Wasserball spielen und an gefrorenen Lachswürfeln lutschen. Die Eisbären also sind voller Ernst und Würde und auch wir gehen alle ein bisschen aufrechter. Niemand will der Erste sein, den ein mächtiger Prankenschlag trifft.

Den lieben langen Tag also tue ich lauter Dinge, von denen hier nicht berichtet werden kann. Aber berichtet werden kann von meiner grossen Liebe zu Snickers Riegeln, die mich regelmässig davor bewahren den Geduldsfaden mit der Auszubildenden zu verlieren. Snickers und der Weltfrieden it’s a thing!

View this post on Instagram

Letztes Licht. #5v12 #12von12 #blauestunde

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Die Fabrik liegt in einer Landschaft, die eigentlich ein Märchenwald sein müsste. Vielelicht schleicht ja doch ein Zauberer in einem himmelblauen Mantel durch die Wiesen und Felder, lehnt sich an einen Baum und liest Benn-Gedichte, die doch viel zu viele Rosen haben.

View this post on Instagram

Die Welt mit Kinderblick. #6v12 #12von12 #augenblick

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Auf dem Heimweg er erhöhe ich auf Bus und Bahn. Im Bus sitzt ein kleines Mädchen vor mir. sie dreht sich um und sagt: „Willst du meine Freundin sein?“ Ich will natürlich unbedingt ihre Freundin sein. Sie malt mit der Fingerspitze lauter Figuren an die beschlagene Fensterscheibe und ich male mit. Immer wieder sehe ich unendlich gern dabei zu wie Kinder unsere Welt besehen. Wir winken uns zum Abschied lange zu. So macht man das unter Freunden.

View this post on Instagram

Blick ins Glück. #7v12 #12von12 #swimming

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Mittwochabende sind Schwimmbadabende. Ein Schwimmbad ist ja auch ein kleines Meer, wenn auch eher eins aus Menschen, denn aus Schaum und Salz und kaltem Wind. Das Menschenmeer riecht nach den Parfümgeschenken vieler Schwiegermütter aus dem vergangenen Jahr, die jetzt doch wenigstens einmal probiert werden müssen, denn bald gibt es eine Flasche in teurem Papier. Ich schwimme jeden Tag. An den ungeraden Tagen drei Kilometer und an den geraden Tagen fünf. Manchmal tue ich so als ein gerader, eigentlich ein ungerader Tag und manchmal so als ein ungerader ein gerader Tag. So ist das mit mir.

Es gibt Menschen, die sehen nach dem Sport aus als seien sie geradewegs eine Schwester der schaumgeborenen Aphrodite. Ich leider nicht. Ich sehe aus als sei ich gerade noch einmal dem Nöck entkommen, wenn ich mich aus dem Wasser hieve. Mein Haar ist struppig und ich schniefe wie ein Walross. Ich wünschte das wäre anders, aber es ist eben genau so.

Draussen braust der Sturm. Die beste Aussicht haben die Heiligen. Aber ihnen weht auch Wind ins Gesicht und ich bin mir sicher alle Heiligen haben einen fiesen Schnupfen. Hatschi!

Irgendwann muss der Mensch ja auch etwas anderes essen als Snickers-Riegel.

View this post on Instagram

Blick ins Buch. #11v12 #12von12 #nowreading

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Was schon so spät? Ian McEwan hat eine Oper geschrieben und ich summe ein bisschen vor mich hin.
Nicht im Bild, der schnarchende Hund, die schnurchelnde Katze und der hustende Wind vor dem Fenster.

View this post on Instagram

Gute Nacht. Das Licht ist aus. #12von12 #12v12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Jetzt aber Licht aus. Die Glühbirne mag auch schon nicht mehr.
Augen zu und Miau!

 

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Mit der Dämmerung aufgestanden, die Katze zur Tür hereingelassen, den Hund zur Tür herausgelassen, dem Tierarzt, Tee gereicht und bis zum Flughafen rekapituliert was ich über die Appenzeller Bauernkriege weiß und versucht mir Rosseau und die Insel der Seligen zu vergegenwärtigen. Gestört werden meine Bemühungen durch den Tierarzt, der mir aufträgt mich mit den Schweizer Kälbern, ihren Gewohnheiten und Eigenarten vertraut zu machen und möglicherweise eine Brieffreundschaft für Kälbchen herauszuholen. Ich versuche den Tierarzt davon zu überzeugen, dass am Ufer der Limmat keine Kälber mehr weiden, but to no avail.

„Bis heute Nacht“, ruft der Tierarzt und schiebt mir schweizerisch akkurat Küsse in die Kleidertaschen.

„Bis heute Nacht, wenn alles klappt“, rufe ich, denn der Tag hat es in sich und Küsse stecke ich dem Tierarzt in den Pullover.

Dann eile ich in den Flughafen und nach Pass, Bordkarte, Laptop, Schuhe okay, lese ich in der Irish Times und dann hebt das Flugzeug ab.

Zwei Stunden später, recke und strecke ich mich, stecke das Buch in die Tasche und bin in der Schweiz.

Zürich hat Sonnenschein.

In der Navette zum Flughafenterminal schollert auf einmal Jodelmusik, Choralähnliches und Kuhglockengeläut, alle Welt erschrickt. Aber es ist nur eine Werbeaktion von Yours. Switzerland.

Dann viele Treppen hinauf und hinunter und mit der S-Bahn Numero 16 zum Hauptbahnhof. Glücklich, wer nur einen Schnappsack hat und sitzen kann, der Rest der Reisenden verteidigt die Koffer und belauert andere Reisende mit großem Misstrauen.

Auf dem Sitz liegt so eine Umsonstzeitschrift und da ich natürlich ganz im Sinne des Tierarztes nachsehe, ob nicht doch ein Kälbchen Heinrich oder eine Kuh Margarethe inseriert: Interessen: Heuwirtschaft, Butterblumensmoothies und Dart nur ernsthafte Zuschriften bitte, aber leider habe ich kein Glück.

Dafür hat die Zeitschrift „20 Minuten“ eine Rubrik Doktor Sex und als Aufklärungssprechstundenverantwortliche lerne ich ja immer gern dazu. Abgesehen von der Antwort auf die Frage- staune ich wirklich sehr darüber, dass es noch Zeitschriften jenseits der Praline oder anderer Magazine gibt-, die aber vielleicht doch eine andere Leserschaft ansprechen als den Schweizer Pendler, ein Bild auswählen, dass eine junge Frau zeigt, der man von hinten unter die Unterwäsche fotografiert und die halb auf einem Mann liegt.

Und mir ist da ganz egal, ob man da ein Standbild aus American Pie ausgeschnitten haben. Das Bild ist in dem Zusammenhang völlig unangemessen. Ich finde das nämlich ziemlich bedenklich, dass man eine Aufklärungskolumne hat, die Sexualität als schlechten Pornofilm abbildet und dabei etwas außer Acht lässt, was essentiell ist: gegenseitigen Respekt, angemessene Abbildung  und das Vermeiden tatschigen Voyeurismus‘. Also liebe Schweizer vielleicht überlegen sie ja noch mal in der Redaktion ob es nicht angemessenere Bilder gibt und wenn Sie gerade so zusammensitzen: Slut Shaming ist jeder Aufklärung entgegengesetzt und its not funny either. Weil ich gerade dabei bin und guter Rat nicht immer teuer ist: Es gibt nichts Dümmeres und Peinlicheres als Aufklärung durch dümmliche Witze und Pornobildchen zu verballhornen, es verhindert nämlich etwas Wunderbares: Vor allem jungen Menschen den Zugang zu Intimität zu vermitteln. Dass das sich hier noch in einem Zusammenhang abspielt, in dem es Minderjährige Beteiligte geht, macht es schlechter nicht besser. IMG-6370.jpg

Wie immer, wenn ich in der Schweiz bin, bewundere ich die Stille im Zug, auf den Straßen, im Café, eine Frau löffelt seelenruhig und völlig hingegeben ihren Capuccino wie ein Süppchen.

Stellen Sie sich das mal in Berlin vor!

Mich irritiert die Schweizer aber auch immer sehr, denn ich bin bekanntlich ein Mensch, der ständig stolpert, zu laut lacht, Chaos ist mein dritter Vorname und weiß G*tt was fehlt mir der indische Krach. Vor ein paar Jahren, da war ich schon einmal in Zürich, da wollte mir jemand an einer Tramhaltestelle die Handtasche entreißen, ich aber bekam das mit und schrie: „Hey, Sie verdammter Dieb, schämen Sie sich, was würde ihre Mutter sagen?“ So viel Krach ließ den Dieb erstarren und mir blieb die Tasche erhalten.

Mich auf dem Weg zur Universität nur zweimal verlaufen.

Verdrängt wie steil der Weg hinauf zur Universität ist.

In der Mensa der ETH sehr schlechten Kaffee und sehr viel blaue Rivella getrunken. Ich liebe Rivella.

In der Mensa der ETH kann man alles über Flechtfrisuren lernen, was man schon immer lernen wollte.

Ein Vorstellungsgespräch an der Universität Zürich.

Zitternde Knie und immer wieder die Frage, ob man das sagt, was man eigentlich sagen möchte, ob man den Anderen wirklich anspricht, ob man nicht doch in Phrasen zurückfällt oder ob sich vielleicht doch eventuell ein Gespräch entwickelt, was man fortsetzen will auch als gemeinsame Arbeit.

Einen Kaffee getrunken. Sonnenschein.

Ausschau gehalten nach Thomas Mann, der doch viel spazieren ging. Ihn wohl doch verpasst.

Manches bleibt bloße Möglichkeit.

Mit der Trambahn zum Flughafen zurück. Ist das nicht besonders schön? Meine alte Seele, die doch immer noch im 19. Jahrhundert lebt, quietscht in den Kurven.

Ein belegtes Brot gekauft und einen Grapefruitsaft dazu.

Weiteratmen.

Kein Kälbchen getroffen, einer Taube Krumen gestreut, nur einen einzigen Hund gesehen.

Im Flughafen passiert mir etwas was mir nicht mehr so oft passiert. Eine Frau dreht sich um zu mir und fragt mich: Ist das der BA-Flug nach London? „Oh ja“, sage ich und dann erzählen wir bis wir in London landen. Wie schön, dass ist das mir das doch wieder passiert, denke ich, dass mir jemand ihre Geschichte in die Hand legt und ich höre zu. Die Geschichte, die Telefonnummer und das Lächeln der Frau vorsichtig eingesteckt. Auf ein Wiedersehen hoffen.

In London gerannt und gerannt und Glück gehabt. Der Flug nach Dublin ist verspätet. Herzziehen nach meiner Schwester. Von London City Airport zu ihr sind nur 30 Minuten. Es ist schwer an meiner Schwester einfach vorbeizufahren. Es ist noch schwerer sie anzurufen und nicht hinüberzufahren.

Letztes Sonnenlicht über London.

Die Sonne tanzt über die Flugzeugflügel.

Ich denke an Ikarus, der es auch zu toll trieb. Vielleicht auch ich.

In Irland ist es dunkel.

Ich sage: „Oh Tierarzt, what a day.“

Der Tierarzt sagt: „Oh Mädchen what a day.“

Der Hund schläft schon, die Katze schlürft Milch, eine Tasse Tee vor dem offenen Fenster.

Ich gähne und die Nacht gähnt zurück.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.