Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.

Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissenAn jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Der Tag ist noch müder als der alte, treue Hund und ich.

Der Hund sieht mich zweifelnd an.

„Doch“, sage ich, heute wird ein schöner Tag.

Der Hund gähnt.

„Du wirst schon sehen“, sage ich.

Der Hund seufzt so wie Kinder seufzen bevor sie zu ihren Eltern sagen: „Immer muss ich machen, was ihr wollt. Nie darf ich.“

Der Fußweg ist dreckig.

Bierdosen, Zigarettenkippen, eine Schüssel mit Biomüll, ein zerrissenes Handtuch, ein alter Schuh, ausgespeibter Kaugummi. Tüten in denen einmal fettiges Hähnchen gewesen sein mag. Alles ist voller Müll. So viel geben die Menschen auf sich, aber auf das wo sie leben geben sie nichts.

Der treue, alte Hund und ich gehen auf der Straße. Scherben sind nicht gut für Hundepfoten.

Langsam gehen die Straßenlaternen aus. Eine nach der Anderen.

Wie schade das doch ist, denke ich, dass es keine Nachtwächter mehr gibt, die singend durch die Straßen ziehen.

Der treue, alte Hund und ich nehmen den ersten Zug nach Howth.

Wir sind ganz allein. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Müde ist der Hund, nicht morgenmüde, sondern müde an sich.

Der Hund ist alt.

Der Zug rattert durch die Vorstädte und kurz bevor der Zug zum letzten Mal anhält, wecke ich den treuen, alten Hund.

Dann wandern wir durch das noch schlafende Städtchen. Noch schlafen auch die Touristen.

Der treue, alte Hund kennt den Weg. So oft sind wir ihn schon gegangen, den Cliff Path über Howth. So gehen wir langsam die Klippen hinauf, mild ist der Morgen, manchmal im Januar tut Irland so als läge unsere Insel am Golf von Neapel und nicht an der irischen See und dem Atlantik. Im August käme Irland niemals auf die Idee uns den Süden vorzugaukeln, aber manchmal im Januar krempelt der Wind sich die Hemdsärmel auf und erzählt uns von einer Liebe im Süden.

So oft sind der Hund, der Tierarzt und ich hier gegangen. Wieder und wieder. Der Tierarzt mochte am Liebsten im Gehen reden, und so liefen wir weiter und weiter auch dann noch als der Tierarzt eigentlich gar nicht mehr gehen konnte. Hier zwischen dem Ginster und den schroffen Felsen zur Linken liegen so viele Gespräche von uns. Angefangene und Abgebrochene. Aber jetzt fassen meine Hände ins Leere und der Ginster, die Felsen und auch das Meer schweigen.

Der Hund seufzt.

Ich seufze.

Schweigend gehen wir die alten Wege entlang.

Ganz oben, noch vor dem Leuchtturm kämmt sich die Sonne das goldene Haar. Die Sonne ist großzügig heute, mir legt sie eine goldene Hand auf den Arm und auch dem Hund schenkt sie goldenen Glanz.

Heute wird ein schöner Tag, sage ich noch einmal und diesmal gähnt der Hund nicht.

Wir steigen zum Leuchtturm hinunter und ruhen uns in der Mitte der Sonne und im Ginster aus.

Ganz blau ist das Meer, ganz mild wie der Morgen ist das Meer.

Dann gehen wir zurück auf den Pfad und zurück in den Ort. Inzwischen kommen uns Sportler und Wanderer mit guten Vorsätzen. Die Sportler haben wenig Geduld mit den guten Vorsätzen und die guten Vorsätze sitzen bald am Wegesrand.

Auf dem letzten Kilometer wird der Hund so müde, dass er nicht mehr gehen mag.

Ich schleppe den Hund zur Bahn zurück.

Die Leute sehen mich seltsam an.

Vielleicht denke ich, lieben sie niemanden der müde Füße hat.

Der Hund kriecht in mich hinein.

„Für müde Pfoten muss man sich nicht schäme“, flüstere ich dem treuen, alten Hund ins Ohr.

Der Hund schläft auf der Rückfahrt. Ich sehe aus dem Fenster.

Zurück zu Hause schläft der Hund vor dem Kamin.

Die Katze poltergeistert herum.
Ich bringe die Decken in den Waschsalon. Dort drehen sich die Deckbetten für ein paar Stunden in einer riesigen Maschine.

Herr X. Besitzer des Waschsalons hat auch gute Vorsätze gefasst.

Dieses Jahr wird er seinen Schwager nicht wieder für vier Wochen beherbergen.

Noch wichtiger aber Herr X. macht ernst mit dem Verkauf nicht abgeholter Wäsche nach der festgesetzten Frist.

Herr X. sagt: „Sie sind meine Zeugin.“

Ich nicke ernst.

Herr X. ist beruhigt.

„Haben Sie auch Vorsätze gefasst, Fräulein Rad On?“

„Nein, sage ich, mir sind die Nachsätze lieber.“

Das leuchtet Herrn X. ein.

„Ihre Betten sind sicher“, sagt er.

Ich bin darum sehr froh.

Dann gehe ich einkaufen.

Im ersten Laden kaufe ich Käse.

Ich vergesse die Eier.

Im zweiten Laden kaufe ich Trauben, zwei Kaki, Rosmarin, Thymian, Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Milch, Reis, Joghurt, Nussschokolade, ein Netz Orangen und Entenbrust.

Ich vergesse die Eier.

Im dritten Laden stehe ich lange im Gang.

Ich überlege was fehlt?

Cottage Cheese? Clementinen? Griechischer Joghurt?

Kurz bevor ich den Laden verlasse, fällt es mir ein.

Ach, ja klar: Waschmittel.

Im vierten Laden dann: sechs braune Eier. Die organisch-glücklichen Hühner auf der Pappe grinsen hämisch.

Zuhause klingelt das Telefon.

Dann geht die Tür.

Der Nachbar hat sich ausgeschlossen.

Den Ersatzschlüssel findet die M. nicht.

Dafür habe ich ja das 15er Skalpell.

Der Nachbar ist erleichtert.

Er hat Reis auf dem Herd.

Ich blättere durch die Zeitung.

Im Radio spielt Yehudi Menuhin Geige.

Ich mache Ente mit Orangensauce für die M., den Hund und die Katze.

Die M. heizt den Kamin an.

Die Schokoladencreme brennt nicht an.

Die M., der Hund, die Katze und ich haben warme Füße und die M. dazu noch ein Glas Wein.

Die M. lächelt und erzählt von einem völlig missratenem Cassoulet, die Katze schnurrt und träumt vom Mäusefasching, der Hund liegt vor dem Feuer und seine Pfote deutet einen langsamen Walzer an.

Heute wird ein schöner Tag, das habe ich doch schließlich versprochen, ganz früh am Morgen, noch halb im Bett, neben mir die müde Nacht und ein Viertel Tag.

12 Bilder, ein Tag. Irland Ausgabe

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

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Zugausblick. #1v12 #12von12 #morningcommute

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Meine Tage beginnen alle mit einer Zugfahrt. Seitdem ich in Irland lebe, pendle ich und ich tue es nicht gern. Die Züge sind unpünktlich, alt und abgeranzt. In all den Jahren habe ich noch nicht einen neuen Zug gesehen. Verspätungen sind die Norm, Fahrplanwechsel passieren einfach und die Idee, dass man bei Verspätungen eine Entschädigung bekäme ist der irischen Bahn vollständig fremd. Wer so dumm ist zu pendeln, der ist selber schuld, so ihr Motto und nein, ich pendle wirklich nicht gern.

Die Mondsteinscheibenfabrik am Morgen. Wie wohl jede Fabrik ist auch diese Fabrik eigentlich ein Roman. Ich wäre nicht verwundert, käme eines Morgens auch Thomas Buddenbrook mit mir zur Tür herein.

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Eisiger Blick. #3v12 #12von12 #polarbears #theymadeitsofar

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In der Kantine sind die Eisbären los. Sie machen ziemlich ernste Gesichter, das mag an der weiten Reise liegen, aber man erzählt sich, dass sie Nachts, heimlich Wasserball spielen und an gefrorenen Lachswürfeln lutschen. Die Eisbären also sind voller Ernst und Würde und auch wir gehen alle ein bisschen aufrechter. Niemand will der Erste sein, den ein mächtiger Prankenschlag trifft.

Den lieben langen Tag also tue ich lauter Dinge, von denen hier nicht berichtet werden kann. Aber berichtet werden kann von meiner grossen Liebe zu Snickers Riegeln, die mich regelmässig davor bewahren den Geduldsfaden mit der Auszubildenden zu verlieren. Snickers und der Weltfrieden it’s a thing!

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Letztes Licht. #5v12 #12von12 #blauestunde

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Die Fabrik liegt in einer Landschaft, die eigentlich ein Märchenwald sein müsste. Vielelicht schleicht ja doch ein Zauberer in einem himmelblauen Mantel durch die Wiesen und Felder, lehnt sich an einen Baum und liest Benn-Gedichte, die doch viel zu viele Rosen haben.

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Die Welt mit Kinderblick. #6v12 #12von12 #augenblick

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Auf dem Heimweg er erhöhe ich auf Bus und Bahn. Im Bus sitzt ein kleines Mädchen vor mir. sie dreht sich um und sagt: „Willst du meine Freundin sein?“ Ich will natürlich unbedingt ihre Freundin sein. Sie malt mit der Fingerspitze lauter Figuren an die beschlagene Fensterscheibe und ich male mit. Immer wieder sehe ich unendlich gern dabei zu wie Kinder unsere Welt besehen. Wir winken uns zum Abschied lange zu. So macht man das unter Freunden.

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Blick ins Glück. #7v12 #12von12 #swimming

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Mittwochabende sind Schwimmbadabende. Ein Schwimmbad ist ja auch ein kleines Meer, wenn auch eher eins aus Menschen, denn aus Schaum und Salz und kaltem Wind. Das Menschenmeer riecht nach den Parfümgeschenken vieler Schwiegermütter aus dem vergangenen Jahr, die jetzt doch wenigstens einmal probiert werden müssen, denn bald gibt es eine Flasche in teurem Papier. Ich schwimme jeden Tag. An den ungeraden Tagen drei Kilometer und an den geraden Tagen fünf. Manchmal tue ich so als ein gerader, eigentlich ein ungerader Tag und manchmal so als ein ungerader ein gerader Tag. So ist das mit mir.

Es gibt Menschen, die sehen nach dem Sport aus als seien sie geradewegs eine Schwester der schaumgeborenen Aphrodite. Ich leider nicht. Ich sehe aus als sei ich gerade noch einmal dem Nöck entkommen, wenn ich mich aus dem Wasser hieve. Mein Haar ist struppig und ich schniefe wie ein Walross. Ich wünschte das wäre anders, aber es ist eben genau so.

Draussen braust der Sturm. Die beste Aussicht haben die Heiligen. Aber ihnen weht auch Wind ins Gesicht und ich bin mir sicher alle Heiligen haben einen fiesen Schnupfen. Hatschi!

Irgendwann muss der Mensch ja auch etwas anderes essen als Snickers-Riegel.

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Blick ins Buch. #11v12 #12von12 #nowreading

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Was schon so spät? Ian McEwan hat eine Oper geschrieben und ich summe ein bisschen vor mich hin.
Nicht im Bild, der schnarchende Hund, die schnurchelnde Katze und der hustende Wind vor dem Fenster.

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Gute Nacht. Das Licht ist aus. #12von12 #12v12

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Jetzt aber Licht aus. Die Glühbirne mag auch schon nicht mehr.
Augen zu und Miau!

 

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.