„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Ein Mann schreit schon im Flugzeug. „Diese Busfahrer!“ Die sollten nur abwarten bis er käme, er würde sich die Busfahrer schon vorknöpfen. Andere Seiten müsse man da aufziehen. Aber ganz andere. Diese Busfahrer sollten sich frisch machen. Erst streikten die Kinder und nun auch die Busfahrer.
Der Mann schreit immer lauter in sein Telefon und wischt sich mit der Hand über die zitternde Oberlippe. „Frau Annika“, schreit er weiter, denn er ist noch nicht fertig mit den Kindern, den Busfahrern und all den anderen, die nicht so wollen, wie er will, „Frau Annika, das sage ich Ihnen, mein Vater hat früher, das war natürlich alles noch vor der Pleite den Lehrjungen eine Backpfeife verpasst und sie die Werkstatt fegen lassen und das sind alles anständige Menschen geworden.“ Vatern hat ohnehin keine Unterschiede gemacht, wenn ich eine Abreibung verdiente, habe ich sie bekommen. Vor den Augen der Lehrjungen, Frau Annika und ich sage ihnen Vatern hat Recht gehabt und es ist eine Sauerei gewesen mit der Pleite und dann diese Busfahrer.“
Der Mann holt gerade noch einmal Luft, aber dann kommt die Stewardess und der Mann muss das Telefon weglegen. Zwei Minuten später schließt er die Augen. Wut ist anstrengend und die Erinnerungen an den Vater, die Werkstatt und die Schläge sind es wohl auch. In Tegel verliere ich den Mann aus den Augen. Erst in der Taxischlange sehe ich ihn wieder, da streitet er mit einem Taxifahrer über den anvisierten Fahrpreis: „35 Euro, das sind ja siebzig Mark!“ Aber für mehr Empörung fehlt mir die Zeit.

Es ist fast komisch, ausgerechnet wenn die Busfahrer streiken gibt es eine zuverlässigen Pendelshuttle zur nächsten U-Bahn Station, die U-Bahn kommt sofort, die S-Bahn folgt auf den Fuß. Eine Frau aber fragt mich, ob ich wüsste wann der Bus kommt. „Heute ist Streik, sage ich, noch bis 22 Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt sie und sieht verlegen weg. Die S-Bahn und die U-Bahn fährt aber trotzdem. Sie nickt. „S-Bahn und U-Bahn traut sie sich nicht“, erwidert sie. Sie fühle sich nicht gut dabei, wenn man gar nicht mehr sehen könne, ob so eine S-Bahn denn überhaupt noch von einem Menschen gefahren würde.“ Dann geht sie schnell weg und ich steige in die S-Bahn ein. Die Frau dreht sich noch zweimal um, und bleibt wieder an der Bushaltestelle stehen. Eine Erklärung ist eine Erklärung, aber die Angst der Anderen erreicht sie nie. Aus dem S-Bahnfenster heraus zählt ein kleines Mädchen die Autos. Für sie ist der Streik eine Mathematikaufgabe. „Wie viele Autos passen auf die Straße bis sie platzt?“, fragt sie ihre Mutter. Ihre Mutter schüttelt den Kopf. Das ist nur wegen des Streiks sagt sie und das Mädchen zählt weiter grüne, blaue, rote und silberne Autos. Sie hat viel zu tun. Viele Taxis stehen im Stau und in einem Taxi da schreit ein Mann bestimmt gerade den Taxifahrer oder Frau Annika an.

Im kleinen, verschlafenen südwestlichen Vorort der großen Stadt Berlin aber steht ein Bus und vor dem Bus steht ein Busfahrer und trinkt Kaffee aus einer gewaltigen grünen Thermoskanne. Die Passagiere bestaunen ihn sehr. „Ist doch Streik“, sagt ein Rentner mit Regenmantel und kariertem Schal. Aber der Busfahrer schüttelt den Kopf. „Wir sind doch längst outgesourct und gar nicht drin in die ihre feine Gewerkschaft. Ich wär ja och schon lange in Rente, aber der Sohn hat Schulden und Kinder, da mach ich eben noch Touren hier.“ Wollense denn mit?“ Aber der ältere Herr will nicht mit. „Söhne“, sagt er stattdessen, na das kenn ich auch. Erst hat mir der feine Herr Sohn die Autoschlüssel abgenommen und jetzt stöhnt er, wenn er mich fahren soll. Aber heute ist er dran. Da kommt mir nichts davor. Soll ja keiner sagen können, dass der Streik nicht auch einen Nutzen hat. Der Busfahrer und der ältere Herr nicken sich zu. Der Busfahrer schraubt die Thermoskanne zu, steigt in den Bus, dann hupt er dreimal und fährt davon. Aber da laufe ich schon die lange Straße herunter und winke dem Nachbarn zur Linken zu, der ruft über den Gartenzaun: „Fräulein Read On, sie machen ja immer Sachen, entweder Sturm oder Streik, wenn Sie kommen.“ Ich habe zur Ilse heute früh schon gesagt: „Na wenn das Fräulein nicht bald mal wieder hier auftaucht

„Man tut was man kann, werter Herr Nachbar“, rufe ich und krame nach dem Schlüsselbund.

Das Fräulein Read On ist missgestimmt

Die Busfahrer streiken. Das ist ihr gutes Recht. Der politische Wille, der so stark ist, wenn es um Vorteile für Konzerne geht, die keine Steuern zahlen, aber steuerfinanzierte Infrastruktur nutzen ist sehr, ist sehr schwach wenn es um die Rechte von Busfahrern, Krankenschwestern und Müllmännern geht. Sie zählen nicht und die Busfahrer fahren seit acht Jahren längere Schichten für den gleichen niedrigen Lohn. Alle Räder stehen still/ wenn Dein starker Arm es will. Die Platte auf dem Plattenspieler meines Großvaters knarzte, aber gemerkt habe ich es mir doch. Mein Großvater hatte eine Schwäche für Arbeiterlieder und vor allem für Hanns Eisler. Meine Großmutter sah beides nicht gern. Ich wippte auf seinen Knien. Das Dorf aber ist abgehängt. Der Tierarzt, der mich mit zur Bahn nehmen wollte, kommt nicht. Ich rufe ihn an. Er nimmt nicht ab. Die Uhr tickt schneller. Das Fahrrad hat einen Platten. Zweiter Versuch beim Tierarzt. Wieder nur Stille. Ich laufe los. Fünfeinhalb Kilometer sind es vom Dorf zur Bahnstation. Ich fluche, die Eichen halten sich die Ohren zu. Die Gräser am Wiesenrand zittern vor Furcht. Ich zähle mitleidlos alle Abendessen, gebackenen Kuchen ( 32!!), Hundebetreuungen und alle anderen Dinge auf, die mir der Tierarzt heute schuldig bleibt. Nie wieder schwöre ich mir, lade ich den Tierarzt auch nur auf ein Butterbrot ein. Ich bin so kleinmütig und hässlich wie es nur geht. Es geht sehr gut. Natürlich fährt der Zug mir vor der Nase weg. Die Milch im Kaffeebecher ist sauer geworden. Eine Distel hängt in meinen Haaren und lässt sich nur schwer entfernen. Ich verfluche auch sie. Im Zug gegenüber probiert eine Frau sehr ausgiebig den Gebrauch von Zahnseide aus. Das Buch welches ich gerade lese, liegt mir schwer  im Magen. Im Büro sind Bauarbeiter, die laut schmatzend Breakfast Rolls verzehren, der Geruch des Schinkens macht mir Übelkeit. Weiteratmen. Ich trinke grünen Tee, der mir viel bitterer als sonst vorkommt. Die B. versetzt mich. Ich esse bei eine rote Linsensuppe bei Blazing Salads, die wie flüssiger Ketchup schmeckt. Natürlich fische ich Selleriestücke aus der Suppe. Dieser alte Erzfeind musste mir natürlich heute auch noch begegnen. Schlimmes Heimweh nach Delhi. Jetzt bei Frau Rajasthani in der Küche sitzen und Paneer, scharfes Dhal und Naan Brot essen. Mir von Aunty über die Haare streichen lassen, bevor sie mir alles über die Nachbarn im zweiten Stock erzählt. Niemand kennt die Geheimnisse der Nachbarn so gut wie Aunty in Neu-Delhi und die Frau des Krämer’s im kleinen irischen Dorf. Der Apfel, den ich stattdessen esse, ist innen faul. Alle anderen Frauen, denen ich begegne sind wunderschön. Ich bin es nicht. Der Zug zurück ist zum Bersten gefüllt. Eine Ansammlung müder Pendlersardinen fährt durch den Regenschleier. Fünfeinhalb Kilometer laufe ich von der Bahnstation zurück in das Dorf. Das Wasser schwappt mir aus den Schuhen.

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Heimweg oder Ländliche Idylle Irlands

Von weitem sehe ich schon die Frau des Krämers winken: „Read on sagt sie, der Tierarzt hat diesen Blumenstrauß für Sie abgeben. Mit dem allerletzten Rest an Selbstbeherrschung, den ich aufbringen kann, nehme ich den Blumenstrauß nicht und pfeffere ihn auch nicht vor ihren Augen in den Mülleimer, sondern ich schüttle den Kopf und sage zuckersüß: „Nein, Frau des Krämers, der Strauß ist für sie und nicke bekräftigend. Dann, denn meine Beherrschung ist ein sehr dünner Faden, dann verlasse ich ihr Geschäft ohne mich auch nur einmal umzusehen und ignoriere ihr stetes Rufen sehr erfolgreich. Als ich die Tür aufschließe, werfe ich der Katze einen scharfen Blick zu, die Katze versteht sofort und springt vom Tisch. Natürlich hat sie die Reste des Pflaumenkuchens der abgedeckt auf der Fensterbank stand, gefressen. Aber ich sage nichts mehr, sondern huste missmutig in ihre Richtung. Dann endlich ziehe ich die nassen Schuhe aus. Das Klingeln des Telefons indes ignoriere ich geflissentlich.