Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Sonntag

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🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Sonntag

Am Ende der Woche ist es endlich einmal still. Am Ende der Woche sitze ich mit dem Rücken zu einer richtigen Wand. Die Wand ist aus roten Backsteinen und gehört zum Garten meiner Großmutter. Irgendwo im Hau liegt mein Telefon, aber ich höre nicht hin, die liebe C. und der Tierarzt spazieren ohne mich los und mein Vater ist ohnehin aushäusig. Alles ist still und die Wand schweigt ohnehin. Nur der Flieder, der weiße, der blaue, der dunkellila Flieder rauscht über mir und irgendwo besprechen sich die Krähen. Einen Moment lang, denke ich über die Krähen nach und was Sie wohl wissen über uns und die Dinge der Welt, aber dann schlafe ich ein in der Stille unter dem blauen Himmel und gut verborgen in der Fliederhecke. So viel Flieder.

Irgendwann später wache ich auf, vielleicht weil Herr Zingarelli etwas über den Marktlatz ruft, vielleicht weil die Amsel ein Liebeslied singt, vielleicht weil der Wind mich hinter den Ohren kitzelt, vielleicht weil eine Katze durch den Garten schleicht, vielleicht auch einfach so. Noch immer ist alles himmelblau und ich bleibe liegen. Eine Hummel tanzt einen langsamen Walzer, die Schwalbenfamilie streitet wie ich vermute über Dekorationsfragen beim Nestbau unter dem Dachfirst, eine Schnecke kehrt vom Kirchgang zurück, auf einem alten Schornstein zwei Häuser weiter, zupft sich ein Storch sich sein Gefieder zurecht und unverändert krächzen die Krähen, wie ich glaube fordern sie ein Herrengedeck in der Schenke „Zum kühlen Grunde“, die betreibt Familie Kröte schon in dritter Generation. An mir dort hinten im Gras, hinter dem Fliederbusch stören sie sich nicht. Menschen im Fliederrausch sind keine Gegner, die Katze schon.

Später noch bückt sich die liebe C. unter dem Fliederbusch. Der Tierarzt dreht auf der Schaukel Kreise, die liebe C. aber singt mir vom „Weißen Flieder“ vor. „Den ganzen Winter über, vergesse ich wie schön Du singst“, sage ich ihr und die liebe C. lächelt verlegen. Im Winter singt die liebe C. nie, sie summt nur an Shabbat, aber wenn der Flieder blüht dann singt sie wieder, singt bis die Blätter im Herbst zu Boden fallen, aber jetzt sind die Blätter, jung und zart und wunderschön. Der Tierarzt schaukelt mit weiten Armen, die Schaukel knirscht und zerrt an den Seilen, hoch und höher und schwerelos. Vielleicht ist j selbst der Tierarzt an einem solchen himmelblauen Nachmittag für eine Sekunde wirklich frei.

Noch später, Tee im Gras und Erdbeerkuchen, dann die Zeitung, ein Buch, wieder ruft Herr Zingarelli, Reisegruppen wollen Eis und Frau Zingarelli schleppt die schweren Kübel von der Kühlung zu ihm herüber. Herr Zingarelli singt nun auch. Die Reisegruppe aber lehnt sich an die andere Seite der Gartenmauer, nichts ahnen die Besucher aus Baden oder Riesa, dass hinter dem Fliederbusch, dessen obere Zweige sie fotografieren, jemand liegt, mit geschlossenem Augen und Buch auf der Brust, dass hinter der Mauer Krähen trinken, Amseln träumen und die Hummeln Wiener Walzertanzen. Sie wissen nichts von zwei paar langen Tierarztfüßen, über die in 3,2, 1 Sekunden eine graue Katze stolpert und auch nichts von dem Krötenpaar, die gemächlich und gediegen Krüge zu den schwarzen Krähen schieben.

Auf der anderen Seite der Mauer, sagt ein Günther zu einer Erika: Na wir haben unseren Flieder ja vor vielen Jahren schon runtergeholzt.
War der Hella nichts mehr, sie wollte nen Zen-Garten. Alles Ton in Ton. Siebenmal hat der Laster Kies gefahren und dann nur noch die Koniferen und den ganzen Kies in so Kreisen, weißte wie ich meine, Erika? E
rika sagt: Die haben hier sogar Joghurt im Eis. Das ist ganz was Dolles.
Günther sagt: Joghurt ist auch weiß, das ist auch richtig für einen Zen-Garten.“ Erika findet: Du musst dir nen Bambus hinmachen in deinen Garten. Das ist auch so zen und so.
Günther weiß: So ein Bambus wächst wie Unkraut und dann die Blätter auf den Kieselsteinen, nee, das ist nichts.
Erika schweigt.
Günther seufzt: So viel Kies und der abgeholzte Flieder. Ist schon schade drum.
Erika sagt: Günther, Du musst jetzt abschließen mit der Sache mit Hella. Sind doch jetzt schon vier Jahre wo sie rübergemacht ist in Westen.
Günther aber ist in Gedanken: Sogar den Teich hat ich ihr gemacht wie im Zen. Nur Koi-Fische, teuer sind die gewesen. Auch weiß wie der Kies. Geharkt hab ich ihr den Kies und dann war sie doch weg. Ich sage dir Erika, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.
Erika sagt: Mensch Günther, die Erika wollte schon in der Schule, was Bessres sein. Du musst jetzt mal nach vorne sehen. Wenigstens haste jetzt keine Arbeit mehr mit den blöden Garten.
Jeden Morgen, harke ich den Kies, sagt Günther. Sonst ist des auch nichts.
Erika sagt: Mensch Günther, was machen wir denn nun mit so nem Trauerkloß wie Dir?
Günther weiß es doch auch nichts.
Nicht ma Nummer hat se mir hinterlassen, die Hella. Ich kann se ja nicht ma mehr fragen ob sie es gut hat, bei ihrem Neuen und ob der auch so zen ist.
Erika sagt: Es ist schade mit dem Flieder, aber die Hella der würde ich keine Träne nachweinen.
Günther seufzt: Davon verstehste nichts Erika.
Aber dann ruft die Stadtführerin und Erika hat ihr Eis erst halb fertig und Günther hatte Stracciatella wie immer.

Dann bin ich wieder allein mit dem Flieder, dem Tierarzt, der lieben C. den Amseln und Schwalben, dem himmelblauen Flieder und dem stillen Nachmittag unten im Garten an der roten Backsteinmauer, am Rande des Marktplatzes einer kleinen Stadt.

Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

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In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.

Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

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„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.

Sonntag

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Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.