Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Wie man Erdbeeren essen muss.

Die ersten Erdbeeren aber muss man bei Sonnenaufgang essen, kühl muss das Gras noch sein unter den Füßen und man pflückt sich eine Hand voll nur ab. Die ersten Erdbeeren im Mund müssen sandig sein und rau auf der Zunge liegen und erst dann schmeckt die süße und die Feuchte der Nacht. So muss man die ersten Erdbeeren essen.

Später dann, die Sonne steht hoch schon am Himmel, da läuft man wieder in den Garten herunter. Die Erdbeeren leuchten rot und man hält eine Schüssel in den Händen. Die Schüssel kann aus alter, weißer Emaille sein oder aus schweren Steingut, aber keine Plastikschüssel ist gut genug für die Erdbeeren. Dann streift man sich die Schuh von den Füßen und steigt vorsichtig ins Erdbeerfeld und vorsichtiger noch streift man die Erdbeeren von den Stielen, um sie in die Schüssel zu legen. Auf keinen Fall aber wirft man die Erdbeeren mit einem dunklen Plonk! In die Schüssel. Man soll großzügig im Leben und das gilt auch für das mühsam gejätete Erdbeerfeld hinten im Garten. Niemals pflückt man alle Erdbeeren ab, sondern man lässt dem Igel, ein paar Erdbeeren zum Dessert, denn auch der Igel liebt den Sommer sehr. Die alte Freundin Wildtaube und auch den Amseln und Staren soll man den Sommer versüßen. Nur ob auch die Kröte dann und wann zum Erdbeerfeld hüpft, das weiß ich nicht.

Hat man eine Schüssel voll mit Erdbeeren, hält man das Gesicht in die duftende Pracht. Atmet die schwere Süße, den Sonnenschein und das Versprechen ein und wieder aus, das in den Erdbeeren liegt. Niemals darf man die Erdbeeren in Wasser ertränken, sondern vorsichtig nur spült man sie ab und dann kommen Menschen auf seltsame Ideen, denn sie wissen nicht wie man Erdbeeren ist. Wissen nicht, dass man Erdbeeren nicht zuckern, nicht mit Balsamico-Essig beschämen oder in Sahne ertränken muss. Erdbeeren ißt man mit beiden Händen, vorsichtig legt man sich die Erdbeere zwischen die Lippen, tastet mit der Zungenspitze an den Rändern der Erdbeere entlang, zerbeißt sie nicht wie ein Stück zähes Fleischman, sondern drückt langsam fast ganz ohne Zähne die Erdbeere im Mund zusammen, bis einem der Saft der Erdbeere in den Mund und dann über das Kinn läuft, langsam kaut man die Erdbeere bis man ihre Schärfe schmeckt und nicht nur die Süße.

Harmlos ist die Erdbeere nicht, sondern die Erdbeere ist verräterischer noch als Lippenstiftspuren auf weißen Hemde, Erdbeeren nämlich bleiben noch lange im Mund, haften im Mundwinkel, schieben sich unter das Zahnfleisch, locken Zungen, Münder, Herzen zu sich hinein. Es gilt sich vorzusehen, denn wer der Erdbeere und ihrer schweren Süßigkeit erst einmal verfällt, der ist verloren, nicht zuletzt ging Gustav von Aschenbach auch an den überreifen Früchten zu Grunde.

Vorsichtig also muss man sein bei der Wahl derjenigen, mit denen man sich Erdbeeren teilt, von deren Lippen man Erdbeeren pflückt und noch vorsichtiger gilt es abzuwägen wem man Erdbeersaft aus den Mundwinkeln leckt. Denn dazu sind Erdbeeren da. Selbst die Erdbeeren eingeweckt im Regal im Keller wissen noch etwas von den unendlichen Sommern und der Liebe mit ihrem scharfen Schwert.

Fernhalten aber und da kann kein Zweifel bestehen, muss man sich von denjenigen, die mit dem Messer Erdbeeren grob zerhacken oder in einen Schnellmixer tun, um dann Proteinpulver auf die Erdbeeren zu gießen und diese Mischung dann in Plastikflaschen in ein Fitnessstudio zu tragen. Erdbeeren vergeben so etwas nicht. Es gilt bei der Partnerwahl vorsichtig zu überprüfen, wie das Verhältnis des Verlobten oder auch nur des Juni-Geliebten zu den Erdbeeren ist.

Abzuraten ist von jenen, die eine Erdbeere grob und in einem Stück verschlingen. Niemals wird aus ihnen ein tastender Küsser, sondern immer werden ihre Hände zu schnell unter Blusen und Rocksäume fahren. Obacht ist auch vor jenen angebracht, die mit triumphierendem Blick behaupten, Erdbeeren seien eigentlich Nüsse. Grobheiten werden ja nicht davon besser, dass man sie laut herausblökt. Mit einem solchen Partner, werden sie niemals einen großen Sommer, dafür aber viele, kleine Misslichkeiten erleben. Unerfreulich sind auch diejenigen, die einen duftenden Teller voller Erdbeeren mit Kopfschütteln betrachten und sagen: „Ist das alles zum Dessert?“ Noch schlimmer, sagt man seien jene Barbaren die Erdbeeren zusammen mit klebrigen Marshmallows grillen. Auch hier droht ihnen Ungemach, Menschen nämlich die das Einfache nicht schätzen, werden niemals ein Geheimnis erkennen oder auch nur die angedeutete Geste eines überschlagenen Knies zu würdigen wissen. Nur die wenigsten wissen mit einer Erdbeere umzugehen, zu viele sind vorschnell, grob oder schlichtweg nicht in der Lage im richtigen Moment mit dem Zeigefinger an einem Kinn entlangzufahren, bevor die Seidenbluse Schaden nimmt.

Am besten lassen sich Erdbeeren mit Kindern, Igeln und Wildtauben teilen.

Aber im Sommer empfiehlt es sich durchaus, einer Sommerbekanntschaft eine Erdbeere anzureichen und zu sehen, ob Zungenspitze und Erdbeersaft zusammenpassen. Ansonsten laufen sie lieber zurück in den Garten, pflücken sich eine Handvoll Erdbeeren und liegen halb in der Sonne, halb im Schatten und spüren der schweren Süße der roten Früchte nach.

Sonntag

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🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

Woanders ist es auch schön

Es gibt Diskussionen, die kann man sich in Paris nicht einmal vorstellen, aber in Berlin werden sie mit viel Verve geführt und Miz Kitty hat aufgeschrieben wie das ist mit dem Kaffee und den Berliner Cafés.

Seen machen Menschen.

Der Text will mir nicht aus dem Kopf gehen , ich weiß ich sage es immer wieder, aber man gar nicht genug aufeinander acht geben.

Manchmal ist ein seidener Faden der Anfang eines hoffentlich besseren Lebens.

Noch einmal ein Stück vom Sommer.

Ich mag Uwe Johnson und wenn ich im Moment nicht dazu komme seine Jahrestage weiterzulesen, so lege ich Ihnen doch dieses Blog heiß ans Herz.

Geben Sie sich einen Ruck, hauen Sie in die Tasten, befeuchten Sie die Pinsel, singen Sie Shantys, denn im September geht es mit Kiki ans Meer.

Hier sind all die Gründe versammelt, warum ich nirgendwo lieber Zug fahre als in Indien.

Stellen Sie sich einfach vor, wie das Fräulein bei diesem Lied vor Rührung in die Teetasse weint, der Hund stimmungsvoll dazu jault und der Tierarzt die Treppe hinuntereilt, um zu fragen: „Gehen die Sirenen?“ Die Katze verschläft natürlich wieder alles.

Die Sache mit Rosalie oder das Ende des Sommers.

Ich schneide Tomaten und dann klopft es gegen die Tür. Der Tierarzt verdreht die Augen: „Die Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers ist außer Atem und schreit: „Sie müssen kommen.“ Sofort. In ihrer Hand hält sie einen zerbrochenen Besenstiel. „Warum?“, fragt der Tierarzt. Die Frau des Krämers hechelt: „Streit. Feriengäste. Blut. Rosalie.“
Wir rennen der Frau des Krämers hinterher. Wie fast alle im Dorf beherbergen auch der Krämer und seine Frau Feriengäste. Die Jugendlichen machen einen Sprachkurs in Dublin und wenn sie keinen Sprachkurs in Dublin machen, dann sollen sie in Gastfamilien das Flair des irischen Lebens kennenlernen. Die Jugendlichen kommen aus den Dörfern Oberitaliens, aus spanischen Städten, die keiner kennt und aus Offenbach. Bei der Frau des Krämers wohnen also seit Mitte Juli Armando und Fernando und beim Hühnernachbarn in der Mansarde leben seit fast vier Wochen Timo und Enrico. Als wir den Dorfladen erreichen, fehlen Armando zwei Zähne, Fernando blutet aus der Schläfe, Timo hält sich die Rippen und Enrico hat ein blaues Auge. Der Krämer steht zitternd zwischen den jungen Herren und sagt: „Wie die Vandalen!“ Mit dem Besenstiel musste ich sie trennen.“ Die vier Jungen sehen vertrotzt auf den Boden. „Tierarzt sage ich: Fernando muss genäht werden und das blaue Auge muss sich auch gleich jemand ansehen.“ Der Tierarzt seufzt und nickt, dann sprintet er zurück ins Oberland und holt den treuen Volvo. Ein Junge nimmt neben dem Tierarzt Platz, während der andere in den Fond klettert. Ohne Sicherheitsabstand geht es nicht. Dann fahren der Tierarzt und die Buben ins Krankenhaus. Zurück bleiben Armando, Timo und ich. Trotz des Sprachkurses in Dublin nämlich hat die Frau des Krämers nicht herausfinden können, warum der Streit erst entbrannte und dann im Faustkampf endete.

„Timo, sage ich also mit bester Gouvernantenstimme, was ist denn passiert?“
Timo spuckt auf den Boden: „Wir sind stolze Offenbacher“, brüllt er und will Armando wieder an den Kragen. Aber dazwischen stehe ja ich. „Ruhig, ruhig“, sage ich.
Mein Spanisch ist non-existent, aber immer habe ich breites Südfranzösisch vorrätig und sehe fragend zu Armando herüber, der springt auf und hält mir sein Telefon entgegen: Rosalie! Mi corazón! Dann schlägt er sich mit der Hand auf die Brust etwa dort, wo er sein Herz vermutet.
Das Mädchen auf dem Bild hat große, geschminkte Augen und trägt einen Haarreif mit Katzenohren und auf dem Bild liegt ihr Arm um einen selig grinsenden Armando geschlungen.
Schon aber springt Timo auf und hält nun seinerseits ein Telefon vor mein Gesicht: „Rosalie, liebt nur mich.“ Auf dem Bild lächelt das gleiche Mädchen mit großen Kulleraugen und gespitzten Mund in die Kamera. An ihrer linken Hand hält sich ein selig grinsender Timo fest.

Dann stehen sich die beiden jungen Herren gegenüber, zerrissene T-Shirts, lädierte Gesichter, Löcher in den Hosen und überhaupt umgibt sie etwas äußert Derangiertes, ich stehe in der Mitte und über meinen Kopf hinweg strecken Armando und Timo ihre Telefone in die Höhe und dann schreit es :

Armando: Rosalie! Mi vida!

Timo: Rosalie! MY BAE!

Armando: Rosalie, Mi amada!

Timo: Rosalie ist Bling.

Armando: Rosalie, Mi querida!

Timo: Rosalie ist meine Kirsche

Armando: Timo, el bicho!

Timo: Ey willste noch mal meine Fäuste spüren?

Armando: Oh, Rosalie

Timo: Ohhhhh, Rosalie!

Dann sind beide Kontrahenten für einen Moment sehr still und starren sich feindselig an. Ihre Telefone halten sie wie Ritter ihre Schwerter gegeneinander gerichtet und dazwischen stehe ich. Ich sage: „So jetzt einmal ganz ruhig.“ Aber damit komme ich nicht weit, denn

Armando reißt sich sein Hemd auf. Auf seine Brust hat er mit Edding ein Herz mit Pfeil geschmiert und darunter steht „A und R“ Er brüllt „Rosalie, Corazón! Und schlägt sich wieder auf die Brust.

Timo starrt ihn an. Das wäre ihm auch gern eingefallen, denn zweifelsohne die Geste hat Grandeur. Aber dann gewinnt der Stolz auf Offenbach die Oberhand: Er schreit während er auf und abhüpft: Rosalie und dann „Es gibt nur ein Offenbach, Offenbach-Rosalie-Offenbach. Es gibt nur ein Offenbach.“ Fast wäre das schon melodisch hätte Timo sich nicht schon so heiser geschrien. Ich will mir schon ein Kichern verkneifen, da zieht Timo ein Taschenmesser und krakeelt: „Offenbach-Blut-Rosalie.“ „Ich sage: Timo, gib mir jetzt sofort das Messer.“ Zum Glück ist Timo so aufgeregt über Offenbach und Rosalie, das sein Messer in meine Hand hält. Ich sage sehr laut den einzigen spanischen Satz, den ich kennen:

„Madre de Dios!“ Es verstummen Timos Sprechgesänge und Armandos Rosalie Gekrähe. Für einen Moment lang glaube ich, mein beherzter Ausruf habe die beiden Kontrahenten zum Schweigen gebracht. Aber ich sollte mich irren. Denn Rosalie kommt die Dorfstraße entlang. Rosalie trägt einen schwarzen Overall mit pinken Blumen, und rosa Sandalen mit dicken weißen Sohlen. Sie trägt ein schwarzes Käppi und um ihre Schultern liegt ein blasser Jungenarm. Der Junge ist nicht Armando, nicht Fernando, ist weder Timo noch Enrico. Der Junge heißt Ciáran und ist der Sohn des Fleischers zwei Dörfer weiter. Rosalie und ihr Geliebter aber sehen durch uns hindurch. Seine Hände kleben fest an ihren Schultern und ihr Mund haucht Küsse in Richtung seines Ohr. Seine Ohren sind noch viel röter als ihre Wangen und das Telefon in ihrer Hand fängt sie beide ein.

Stumm und starr stehen neben mir Timo und Armando. Vom stolzen Kömpfergeist, von Romeo und Rosalie ist nichts mehr übrig.

Armando murmelt: „Loca Rosalie“.

Timo hustet: „Ey Weibers, ey.“

Dann klopfen beide sich den Staub und Dreck von den Hosen. Fünf Minuten später verabschieden sie sich beinahe herzlich. Ein fester Faustschlag auf die Schulter, dann liegen beide sich schon in den Armen.

Ich übergebe das Taschenmesser dem Krämer zur Verwahrung. Der Tierarzt biegt mit Fernando und Enrico um die Ecke. „Mädchen, flüstert er mir dann ins Ohr, die gute Rosalie hat sowohl Fernando als auch Enrico…“Ich weiß, flüstere ich zurück und auch „Timo und Armando.“ Der Tierarzt hustet um nicht laut zu kichern.

Die Frau des Krämers sieht mich an. „ Fräulein Read On“ sagt sie und ihrem Mund entfährt ein tiefer Seufzer: Es wird Zeit, dass der Sommer endlich zu Ende geht.“ „So ein Theater nur wegen einer Rosalie.“

„Ach, Frau des Krämers sage ich, wer wenn nicht Sie wüsste, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist?“

Woanders ist es auch schön

 

Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.

Woanders ist es auch schön.

Diesen einen Sommer hat Madame Modeste festgehalten.

Wie es ist, wenn die Träume kühler werden und die Nächte doch recht atemlos hat Kitty Koma aufgeschrieben.

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich zöge sofort nach Vrochtovy Janovice und säße im Garten so als sei das jüdische Europa niemals zerbrochen wurden, aber während das nicht geht, ziehen andere auf eine Burg, haben Aussichten und fragen sich, ob sie nicht doch als bloggende Weinkönigin enden. Danke an Frau Frau Croco für den Hinweis.

Treffen sich Baldwin, Shakespeare und Franz Franz Kafka . Ich habe sehr gelacht.

Diejenigen von Ihnen, die hier schon länger aushalten, wissen das mindestens ein Viertel meines Herzens in Indien lebt. Hier ein wunderbarer Artikel über die unendlich reiche Parsi Kultur.

Zum Glück wollte noch nie jemand meinen Kaugummi weiterbenutzten. Die Katastrophenchronistin jedenfalls probiert es mit Ironie Das kann an besonders an einem Montag nur gut sein.

„Und Tierarzt was hört man so zum Wochenbeginn?“ „Unbedingt dieses Lied Mädchen.“ „So sei es Tierarzt, so sei es“