Märkisches Blau

In Brandenburg ist alles Blau. Der Himmel ist blau, aber das ist nur der Anfang. Warm ist der See. Sind das Blaualgen an meinem Zeh, frage ich den F.? Steht dir sagt der F. und lacht. Blau ist das dicke Polsterkissen auf dem ein riesiger Hund hechelt liegt. Das Polsterkissen liegt auf einem Motorboot. Das Motorboot knattert rasend schnell vorbei, die Lefzen des Hundes flattern auch. Ein Wauziwägelchen der Extraklasse denke ich. Eine blaue Wolke Benzin bleibt zurück. Blau ist der Einband von Andersens Märchen. Ich lese dem F. noch einmal die entsetzliche Geschichte von der kleinen Meerjungfrau vor. Blau sind die Heidelbeeren, die kaufe ich am Straßenrand. Da steht ein Mütterchen mit einem Klapptisch. Sie kommt aus Polen und am Abend holt der Sohn sie ab. Der arbeitet auf einer Baustelle in Fürstenwalde. So viel Staub sagt sie und legt zu den Blaubeeren noch zwei Handvoll Kirschen dazu. Die Kirschen sind nicht blau.
Aber die Augen des Mütterchens sind kornblumenblau. Fast will ich sie fragen, ob sie vielleicht doch einmal während der langen Stunden Hans Christian Andersen einen Mann mit weichen Zügen getroffen haben mag. Aber ich frage sie nicht.
Blau ist ein Schild an einem Zaun. Es kündigt einen Circus an. Weiße Pferde und ein trauriger Clown. Eigentlich lacht der Clown, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich einen fröhlichen Circusclown gibt. Es war mir immer die traurigste Profession, die ich mir vorstellen konnte, ich sehe weg. ALDI ist die einzige Kaufhalle, die es gibt, ALDI, ein blaues Schild, nur noch 200 Meter sagt ein zweites Schild. Das ist auch blau.
Wir essen Fisch am Abend. Vorn am Eingang ist ein Aquarium, die Schuppen der Fische schimmern grün, braun und blau. „Nein, sagt der Kellner, den ich frage, die Fische im Aquarium sind das Hobby von Cheffe, die rührt keiner an.“ Wir sitzen am Wasser und auch hier ist das Wasser dunkelblau, so als hätte ein Maler eine Palette aus tiefem Blau einfach in den See gekippt. So blau ist der See. Der Zander auf meinem Teller sieht müde aus. Ich decke seinen Kopf mit der Serviette ab. Der F. versucht nicht zu lachen und scheitert.
Zum Fisch gibt es Blumenkohl. Der Blumenkohl, aber auch die Karotten sind blau gefärbt, ein Blau das fast schon lila ist. „Hat sich auch Cheffe ausgedacht, ist aber janz natürlich die Farbe, können se unbesorgt sein. Cheffe weiß, was er tut. Der Blumenkohl schmeckt fad, so als sei auch der Geschmack unter dem Blau verschwunden. Auf der Terrasse sitzt außer uns niemand.
Drinnen im Gastraum sitzt eine Hochzeitsgesellschaft. Die Braut trägt ein schweres Kleid aus Tüll und überall Rüschen. Der Bräutigam heißt Ronnie und trägt Nadelstreifen. Auf seinem Hals trägt er einen Panther mit offenem Maul und Reißzähnen aus blauer Tinte. Ronnie und sein blauer Panther fühlen sich nicht wohl im Anzug. Ronnie zieht immer wieder an seiner Krawatte. Die Braut soll etwas sagen. Aber die Braut schwankt und das interessiert mich gleich sehr, denn wer weiß ob sie nicht doch Andersens Meerjungfrau ist und ein Schwanz aus blauen und grünen, glänzenden Schuppen sie nicht doch am gehen hindern. Ich habe noch nie geheiratet und so weiß ich nicht, ob eine Braut naturgebenermaßen wankt, aber Andersen habe ich wieder und wieder gelesen und geweint habe ich oft vor Wut über den blinden Prinzen und das traurige Ende der Meerjungfrau und so fürchte ich mich ein bisschen für die Braut, die nicht zum Mikrofon gelangt und Ronnie, Ronnie der braucht gerade ganz dringend eines Wernesgrüner und zieht sich schon wieder an der Krawatte. Aber die Braut ruft ihre Jungfern herbei, sie alle tragen blaue Kleider und auch ihre Kleider sind voller Rüschen, die Hauptbrautjungfer aber ist gerade eine Rauchen, die steht neben uns auf der Terrasse und schnipst Asche ins Gras. Blauer Rauch und dann schiebt sie die Braut ans Mikrofon, die Braut schimpft: Mensch jetzt musst du eine rauchen, wo ich hier mit die Scheiß-Schuhe kämpfe und der Ronnie ist och schon wieder beim sechsten Bier. Das Mikrofon quietscht. Aber Ronnie braucht dieses Bier, das sieht man ihm an.
Aber die Hauptbrautjungfrau ist eine Frau mit praktischem Verstand. Sie sagt zur Braut: Jetzt reiß dich zusammen, das Bier ist alles bezahlt, nachher kannste deinem Ronnie Bescheid stoßen, aber jetzt musste mal zu deine Gäste sprechen.
Die Braut gehalten von drei Jungfern ganz in Blau beugt sich ans Mikrofon. Sie sagt: Liebe Leute, dit Buffet ist jetzt eröffnet.
Dann gibt es eine Rückkopplung und was die Braut hätte noch sagen können, geht einem ohrenbetäubenden Quietschen unter.
Dann wird die Braut wieder auf ihren Platz geführt und bekommt einen quietschblauen Cocktail. Zwei Kurze für mich bitte, ruft die Hauptbrautjungfer und als die die zwei Schnäpse gekippt hat, sagt sie: Nicole, der Ronnie in dem Anzug, ganz wie der Bachelor!
Dann kann ich nichts mehr hören, denn DJ Jörg kommt in den Gastraum und verspricht Stimmung. Er kriegt auch einen blauen Cocktail. Die Braut sagt zur Kellnerin. „Keine Kurzen mehr für Ronnie.“
DJ Jörg sagt zur Braut: Wir lassen es so richtig krachen.
Die Braut nickt.
Ronnie kommt mit einem Herz aus brennenden Wunderkerzen wieder.
Die Braut weint.
„Schatz, ich liebe dich so sehr“, sagt Ronnie.
Wir gehen.
Auf dem Parkplatz wickeln die Freunde von Ronnie und Nicole den tiefergelegten, metallic-blauen Polo in Klopapier ein und binden Konservendosen an die Türen. Neben dem Polo stehen zwei Männer im Blaumann. Sie schimpfen auf die Politik und den Elfmeter für Frankreich.
Wir fahren zurück an den See. Der See ist blau und ich tauche tief, so tief es geht vom Steg hinunter in das Wasser, der See ist ein Tintenfass und am Himmel immer weiter märkisches Blau.

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

Woanders ist es auch schön.

Liisa fliegen die Herzen zu.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Der Sommer kommt ganz bestimmt. Ich bin mir sicher. Bis es soweit ist, hilft warmer Tee und Gedichte helfen sowieso.

Ein Morgen am See.

Ich habe ja gar keine digitale Agenda- außer meinem festen Vorsatz:“ ich schreibe das Internet einfach voll“- aber das disqualifiziert wohl eher, die Kaltmamsell aber berichtet von Ihren Eindrücken auf der re:publica .

Ich bin auf zu vielen schauderhaften Hochzeiten gewesen und zu viele Ehepaare haben Ihr Ja-Wort an meinem Küchentisch in viele, kleine Splitter zerlegt als das ich „Ja“ flüstern wollen würde, aber Anne Hufnagl ist immer dann dabei, wenn rosa Herzen und weiße Tauben fliegen. ( Jedenfalls bis zur nächsten Runde: „Nie hörst du mir zu.“ )

Bekanntlich höre ich dem Tierarzt gern beim Singen zu und der Tierarzt lässt sich nicht lange bitten. Karmacloud können Sie zudem getrost auf jeder Hochzeitsfeier zwischen Cork und Coburg spielen.

Sonntag

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Schwimmen im ersten Tageslicht. Das Wasser schwer und von dunklem Grün. Ich schwimme langsam und vorsichtig, dicht an der Wasseroberfläche. Noch gehört der See dem Nöck und seinem Hofstaat und er liebt keine Störung dort unten tief auf dem Grund. Mir ist als hörte ich von fern eine Bach Sonate und spielt dort nicht eine helle Violine. Mag sein, dass der Nöck sich vorspielen lässt, früh am Sonntag Morgen. Mag sein irgendwo am Ufer ist ein Fenster offen und ein Mann steht rauchend am Fenster und auf dem Plattenspieler liegt Bach. Aber weder den Nöck noch den Mann am offenen Fenster habe ich gesehen und vielleicht ist es auch nur die Kälte, die Bach in meine Ohren lockt. Zurück durch den schlafenden Ort, zweimal links, die lange Straße hinunter, Kopfsteinpflaster und mir klappern die Zähne. Erst zurück Zuhaus aber wird mir richtig kalt. Die Kälte beißt sich fest an meinen Knochen, auch nach dem warmen Bad habe ich blaue Lippen. Den Tisch decken. Teller und Tasse. Der ehemalige geschätzte Gefährte sagt: Gleich fahre ich los aus der Klinik. Ich wärme das Ei und mir die Hände an der Tasse. Das Ei wird kalt und dann auch die Tasse. Hinunter in den Garten die letzten Zweige des Kirschbaums verschnittten, dann in die dichte Brombeerhecke gestiegen, die sich wehrt gegen die Schere, voller Empörung schmettert sie mir die Dornenzweige ins Gesicht. Die Brombeerranken auf den Kompost tragen, die Kirschzweige aber zu zwei großen Bündeln schnüren. Es schlägt elf. Die Kirchgänger hinaus in die Sonne, Glockengeläut, eine Katze sonnt sich auf dem Pfeiler. Ich decke den Tisch wieder ab. Ein zweites Ei, gewärmtes Brot, Käse und Joghurt, eine Thermosflasche mit Kaffee befüllt, die Kirschbaumzweige auf den Gepäckträger geklemmt und in die Klinik gefahren. Für F. sage ich den Schwestern und angle einen halben Apfelkuchen für die Station aus dem Korb. Der F. taumelt mir gespenstergleich entgegen. Für zehn Minuten sitzen wir auf einer Bank im Klinikgarten. Raucher rauchen im Bademantel, der F. schlingt ein halbes Brot und dann geht sein Pieper. Die Raucher stehen verschworen im Kreis. Ich fahre weiter in das Altenheim. Dort wohnt der Gartenbesitzer, der mir den Gartenschlüssel anvertraute mit seiner Frau. Seit einem halben Jahr erkennt er mich nicht mehr. Aber die Kirschblütenzweige für die seine Frau eine Vase holt, die hat er nicht vergessen. Er erzählt über den ersten Kirschbaum im Garten, gepflanzt zu einer Zeit in der niemand mehr Obstbäume pflanzte, sondern nur noch Eiben, Koniferen und Rhodendron. Aber dann vergisst der Nachbar auch den Garten und erzählt von Stalingrad und den Spuren der Gefangenen die sich in der unendlichen Leere Sibiriens bald verloren. Er zählt ihre Namen auf, wie ein Schiffbrüchiger der als einziger wohl das Rettungsbot erreicht. Kameraden sagt er mit leerem Blick, mir aber die ich den Blick fest auf die Kirschzweigknospen gerichtet halte, sind die Erinnerungen ein Splitter im Nacken. Unsere Erinnerungen sind zu weit voneinander entfernt. Unter dem Gras liegen keine Blumen, sagte meine Großmutter damals als wir auf einer Wiese standen in einem Land, das heute Weißrussland heißt. Ich bleibe stumm und der Gartenschlüssel wiegt schwer in der Rocktasche. Dann kehrt der Nachbar in den Garten zurück und sagt ich solle mich vorsehen vor den launischen Brombeeren. Aus einer der vielen Altenheimtüren singt Edith Piaf: „Je ne regrette rien.“
Ich sage es ihm zu. Dann zurück, Sonnenschein vor mir auf der gepflasterten Straße und auch im Gesicht. Vor dem Gartentor, unter der Linde hat jemand die Krokusse die ich dort Jahr für Jahr stecke, geköpft, schon am Freitag hatte ich die ersten Blüten aufgelesen.
Zertreten liegen nun alle blauen und gelben Köpfe auf der Erde. Der Jemand ist ein vielleicht vier Jahre alter Bub, der gerade mit einem Stecken die Osterglocken des Nachbarn zur Rechten mit heftigen Hieben abzuschlagen beginnt. Der Nachbar spricht Mutter und Kind an. Die Mutter wie das Kind trotzig: „Er muss seinen Entdeckerdrang ausleben.“ Ich habe noch immer nicht verstanden, warum sich Entdeckerlust nur als Zerstörungswut ausleben lässt. Der Nachbar nimmt dem Kind den Stock aus der Hand und bricht ihn entzwei, denn die Mutter macht keine Anstalten ihrem Bub zu erklären, dass zertrampelte Blumen keineswegs für alle Menschen ein Grund zur Freunde sind. Das Kind heult und seine Mutter zieht es weg während sie auf den Nachbarn schimpft. Der Nachbar hält die Hände vor die Augen. Ich kehre die Krokusblüten zusammen und der Nachbar liest mit den Händen, die abgeschlagenen Osterglockenköpfe auf. Dieses Jahr blühen keine Krokanten mehr unter der Linde, vor dem Gartentor.