Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.

Der kanadische Sägefisch

„Wie war es in Canada?“, frage ich den Tierarzt, der in Tegel in meine Arme läuft. Der Tierarzt gähnt und kaum liegt die große Stadt Berlin hinter uns, schläft der Tierarzt tief und fest. Der Tierarzt schläft auch noch als ich in der Aufklärungssprechstunde erkläre, dass Fidgetspinner auf gar keinen Fall irgendeine potzenssteigernde Wirkung entfalten können und als die liebe C. die Praxisttür endgültig zuschließt und wir auf dem Marktplatz sitzen und Eis bei Familie Zingarelli essen, kommt auch der Tierarzt zu sich und zu uns herunter. Signora Zingarelli überreicht dem Tierarzt eine Waffel mit ihrem berühmten Schokoladeneis. Der Tierarzt ist wohl einzige Mensch auf der lieben, weiten Welt, der ein Eis der Familie Zingarelli mit etwas anderem als Wohlwollen betrachtet. Über den Kirchttürmen geht die Sonne langsam unter. Die Sonne ist ein dunkelroter, glühender Ball. Der Tierarzt sagt: „In Canada sind die Sonnenuntergänge viel spektakulärer.“ Mehr erfahren wir an diesem Abend nicht über Canada, denn die liebe C. und ich wir sind wirklich sehr müde. Am Samstag fahren der Tierarzt und ich mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wir fahren über Landstraßen weil ich das lieber mag und außerdem kann man dann anhalten und auf wogende Weizenfelder sehen und Erdbeeren am Straßenrand kaufen. So tuckern wir durch die Gegend. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Straßen viel breiter. Die Straße unter uns holpert beachtlich, denn wir fahren durch einen Ort in dem noch altes Kopfsteinpflaster liegt. Dann halte ich an und wir sehen auf ein Weizenfeld. Die Halme rascheln, Kornblumen und Mohn blüht und ich glaube in der Ferne hoppelt ein Hase. Der Tierarzt sagt: Weißt Du in Canada“, da sind die Felder so groß wie die Stadt Berlin.“ Ich nicke ehrfurchtsvoll. Dann man soll dem Deutschlandbesucher ja großes Kulturgut nicht vorenthalten, singe ich für den Tierarzt und vielleicht auch den Feldhasen: Ein Bett im Kornfeld „Leider nimmt der Tierarzt meine Darbietung nicht zum Anlass mit mir ins Weizenfeld zu fallen. Vielleicht muss ich eine Gitarre in den Kofferraum des Oldsmobile legen? Doch der der Tierarzt sich schon um: „ Die Mähdrescher, Mädchen sind in Canada viel höher als hier, ungefähr so hoch wie der Kirchturm.“ Der Kirchturm ist aus Backstein und oben auf dem Turm hat ein Storchenpaar Quartier genommen. Dann fahren wir zurück in die große Stadt Berlin. Der Tierarzt sitzt im Garten und liest. Ich rupfe Unkraut und ernte Kirschen. „Ach, sage ich Tierarzt sieh: die Kröte, langjährige Untermieterin hier im Garten ist zurückgekehrt“ und adrett hüpft die Kröte in das steinerne Bassin und nimmt ein Bad. Ich bin entzückt und die alte Gießkanne ist wirklich ein vortreffliches Krötenhotel. Der Tierarzt sieht auf die Kröte und sieht mich mitleidig an: „In Canada gibt es ja noch richtige Wildtiere. Da kommst du morgens in den Garten und ein Braunbär tollt im Gras.“ Oder ein Seeadler baut sich ein Nest und in einer Tannenschonung leben Elche.“ Die Erdkröte quakt spöttisch und meine alte Freundin die Wildtaube und ich verdrehen die Augen. Dann koche ich Erdbeermarmelade. Am nächsten Morgen fahren mit dem Rad zweimal links, einmal rechts und dann geradeaus zum Schlachtensee. Der See liegt und kühl und dunkel vor uns. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen so groß , dass man nicht einmal wenn man ein ganzes Jahr lang schwömme einen solchen See durchqueren könnte.“ Ich hüpfe ins Wasser. „In Canada fährt der Tierarzt fort und fischt eine kleine Alge aus dem Wasser sind die Seen klar bis auf den Grund. Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern schwimme einfach los. Der Tierarzt zetert und kreischt über das kalte Wasser und wäre nicht plötzlich der Schwan, der auf dem Schlachtensee wohnt keckernd über ihn hinweggeflogen, so dass der Tierarzt einfach ins Wasser fiel, so stünde der Tierarzt wohl immer noch zeternd am Ufer. „In Canada“ sagt er missmutig als er mich endlich einholt, „da warten die Mädchen und schwimmen nicht einfach weg.“ „Ach sage ich, machen das die kanadischen Mädchen, ja?“ Der Tierarzt schweigt lieber und eine ganze Weile schwimmen so langhin. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen natürlich von dichten Wäldern umgeben, so dass das Wasser bläulich schimmert. Natürlich sind die Ahornbäume nicht so mickrig wie diese hier, sondern der kanadische Ahorn ist ein G*tt unter den ohnehin so imposanten Bäumen. „Hmm, hmmm, hmmm,“ mache ich und paddle auf dem Rücken. Natürlich ist auch das Schilf dichter, die Schwäne haben zwei Meter lange Schwingen und Schuhgröße 49 und die Paddelboote der Canadier können sogar durchs Eismeer gleiten. In den kanadischen Seen sind die Fische so zahlreich, dass der hungrige Canadier nur einmal ins Wasser greift und schon hält er sieben Lachsforellen in den Händen. „Sag Mädchen, gibt es denn auch in diesem See, Fische? „Ach Tierarzt“ sage ich, wo du gerade von Fischen sprichst, hier tief unten auf dem Grund des Sees, wo der Nöck regiert auf seinem Muschelthron, da lebt auch ein sehr, sehr alter Sägefisch. Dieser Sägefisch die Chronisten sagen, er sei vor vielen, vielen Jahren in Canada geboren worden und auf Umwegen, die jetzt nur schwer erläutert werden können, denn die Angelegenheit ist lang und verworren, nach Berlin gekommen, er berät den Nöck in Regierunsgfragen, kennt die Gesetze des Sees wie kein zweiter und an sommerhellen Tagen wie diesem, da treibt er still wie ein Schatten dicht unter der Oberfläche des Sees und belauscht die Gespräche der Schwimmer und Ruderer und berichtet dem Nöck.“Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben. „Nie kann man dich ernsthaft etwas fragen“, knurrt er und sieht doch immer mal wieder angestrengt ins Wasser. Dann schwimmen wir ans Ufer zurück und ich lasse den Tierarzt an mir vorbeiziehen. „Als er wieder ansetzt und sagt: „Also in Canada“ da fährt etwas, ich vermute der Sägefisch- ich würde ja niemals untertauchen und den Tierarzt am Zeh kitzeln- aber so ein kanadischer Sägefisch hat natürlich Schneid- dem Tierarzt unter den Fuß. Der Tierarzt kreischt, schlägt mit den Armen um sich, strampelt mit den Beinen und schnell wie ein Blitz hechtet der Tierarzt ans Ufer. „Mädchen“ schreit er wie von Sinnen: „der Sägefisch hat mich gebissen“. Ich huste in mein Handtuch und nicke bedauernd. „Weißt Du Tierarzt“ sage ich, „die Macht des Muschelthrons ist unergründlich.“
Zurück im Garten telefoniert der Tierarzt mit meiner lieben C. „ Nein, sagt die liebe C. von einem kanadischen Sägefisch sei sie noch nie gebissen worden.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber. Ich mache mein unschuldigstes Fräuleingesicht und reiche dem Tierarzt die Erdbeermarmelade an. Aber der Tierarzt erzählt der C. wie eine gewaltige, dunke Faust mit stumpfen Zähnen sich um seinen Knöchel geschlossen habe, einzig von dem Willen beseelt ihn nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ich streue meiner alten Freundin Wildtaube Rosinen hin und sie zwinkert mir zu.

As smooth as glass

Later than in all previous years I throw my towel into the basket and bike down the curvy, cobblestone lane that leads to the lake. The day still early, crisp and young. No one else is to be spotted on the street. Not even the cats are awake and the dogs still dream. Even the birds look rather astonished that someone one on a bike is disturbing their morning rehearsal than to add to its glory. At the lake the ducks are still sleepy and collectively sigh that their morning routine now is interrupted. The lake itself lies asleep as well. Not single wave is to be seen and its water is of a deep and clear green. And cold it is, so very cold. And from very far away I can hear my grandmother laughing. She always started swimming in the last week of April and kept this habit up till mid-September. When I in the long summer holidays accompanied her to the lake, different from that I am swimming in now, and even earlier we went, never later than 6 AM, I still see her getting into the water without any reluctance or hesitation and with a backward glance towards me she shook her head a little, seeing me shivering and dipping only my big toe into the water. She shook her head a bit stronger till I dropped into the water and paddled after her like a clumsy dog who tries to keep up with an elegant dolphin. Whenever I asked her why she never seemed to feel the cold of the water, she just looked at me and claimed that an ancestor of her must have been a fish himself. I looked rather doubtful. But my grandmother never gave a different answer to this question and most questions she never answered at all. Now, it is just me and the lake, who still sleepy and cold, wakes up and strengthens its muscles and I bite myself on the lip and plunge into the water. Freezing cold it is. And instead of my grandmother I am sure all the fish and maybe the merman, who reigns at the ground of the lake are laughing at me and little white bubbles appear on the surface of the otherwise still silent lake. But then the sun rises above the trees and I swim further and further till I do not even hear the church bells anymore and it is just the sun, the water and me for a long, long time. The world seen from the water looks light and weightless, the merman went for another good nap and does not stir up the waves, when I arrive back at the shore, the ducks have  breakfast and when I step out of the shrubbery where my clothes are lying I see the men who collect bottles, arrive. „You’re late this year“, they say and I know they are right. But still it is very early, the day yawns a bit but is still sleepy, when I bike back only two squirrels pass the road to get more sun and arriving back home I realize that my lips are blue. My grandmother would shake her head slightly and around her lips a small ironic smile would appear, but so its just me searching for pair of woolly socks, sitting on the balcony in the warm sun for another thirty minutes till the day inevitably will wake up.