Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in einem kleinen, irischen Dorf. Ein Küchentisch ( Eichenholz ), auf dem Küchentisch die Irish Times, das TLS Supplement (die beste Frauenzeitschrift der Welt), eine große Tasse mit Milch und Kaffee, ein Strauß Narzissen, ein Teller mit einem Croissant und ein Schälchen Himbeermarmelade aus dem Ostseegarten. Am Tisch sitzt das Fräulein Read On, das Fräulein liest behaglich die Zeitung, an ihrer Oberlippe kleben Croissantkrümel, das Fräulein summt. Im Hintergrund: Wasserrauschen, der Tierarzt nimmt ein Bad. Dann verstummt das Plätschern aus dem Badezimmer, der Tierarzt betritt in des Fräuleins Bademantel und mehrere Handtücher gehüllt, die Küche. Es folgt nachstehender Dialog:

Tierarzt (= T ), Fräulein Read On ( R )

T: „Mädchen, kann ich dich kurz bei der Lektüre unterbrechen?“
( Der Tierarzt knetet nervös mit den Fingern.) Ich müsste einmal mit Dir reden.

R: „Hmmm, ja ( das Fräulein legt die Zeitung zur Seite ), hat sich eine schöne Tierärztin namens Monika aus Witten-Herdecke gemeldet und will mit Dir ein neues Leben beginnen und Du musst mir jetzt schonend beibringen, dass ihr mit dem 12 Uhr Boot das Land verlasst?“

T: „Mädchen, am Samstag fährt das 12 Uhr Boot,  doch um 13.30 Uhr, aber nein, keine Monika und wo ist Witten-Herdecke? Aber ich will etwas anderes mit Dir bereden.“

R: „So rede!“ Das Fräulein schielt zur Zeitung.

T: „Heute ist doch das Spiel.“

Das Fräulein legt die Stirn in Falten ( im Winter finden ihres Wissens keine Tennisturniere statt).

R: „Was für ein Spiel, Tierarzt?“

T: „Aber Mädchen, heute spielt doch Irland gegen Frankreich.“

R: „Hmm ( zögerlich ) ist schon wieder Fußball?“

T:“ Mädchen, RUGBY, RUGBY, SIX NATIONS.“

R: „Oh!“ (Das Fräulein Read On interessiert sich wirklich kein kleines bisschen für Sport.)

R: „Tierarzt, was kann ich um Himmels Willen mit diesem Spiel zu schaffen haben, von dem ich nichts weiß als das erwachsene Männer und Frauen vergnügt durch den Schlamm robben.“

T: „Also, ich wollte folgendes mit Dir besprechen, ( der Tierarzt knetet schon wieder nervös mit den Händen ), du weißt es kommen nachher Rory, Gary and Jerry für ein Pre-Match-Zusammensein hierher.“

R: „Ich weiß,,es steht ein Kuchen auf der Bank im Garten, es sind Häppchen im Kühlschrank, Getränke im Keller, und wenn die Herren von der Quiche nehmen mögen, so gilt es diese auf 200 Grad im Backofen zu erhitzen.“

T: „Das ist genau das Problem, die Quiche.“

R: „Die Quiche ist biologisch-organisch- handgemacht und hervorragend, selbst Du hast eine halbe Ecke verzehrt, dann wird sie ja wohl gut genug sein für den feinen Besuch.“

T: „Mädchen verstehst Du nicht, es geht um die Quiche als solche.“

R: „Die Quiche als solche?“

T: „Versteh doch, es spielt FRANKREICH gegen Irland.“

R: „Ja, das sagtest du bereits.“

T: „Die Quiche ist aber ein Symbol Frankreichs, sozusagen ein rotes Tuch in den Augen von Rory, Gary und Jerry, die eben äh etwas empfindsam sind, in solchen Fragen, an denen es um Irland um alles geht und dieses Haus ist eben sehr Französisch und da wollte ich Dich fragen, ob wir äh, dieses Haus nicht ähm entfranzösisieren könnten, nur für diesen Tag natürlich.“

Das Fräulein Read On starrt den Tierarzt entgeistert an.

R: „Dieses Haus ist aber sehr Französisch?“

T: „Sieh Dich doch mal um.“

Der Tierarzt zeigt auf den Stapel französischer Bücher auf dem Tisch neben dem alten, grünen Sessel.

Der Tierarzt hebt mit spitzen Fingern den Canard enchaîné auf, den die B. von einer Tagung in Paris mitgebracht hat.

Der Tierarzt zeigt auf die Eierwärmer in Form eines Hahns.

Der Tierarzt hebt die Augenbraue in Richtung Kupferstich, der den Ballhausschwur bebildert.

Der Tierarzt zeigt vorwurfsvoll auf das Poster, welches eine Ausstellung im Musée Picasso bewirbt.

Das Fräulein starrt den Tierarzt an.

R:“ Du willst das Haus einer stalinistischen Säuberung unterziehen und Gary, Jerry und Rory vorgauklen, ich hätte keine französische Mutter, ist das so?“

T: „Mädchen Du formulierst sehr scharf. Stalin, um Himmels Willen, ich will doch nur vermeiden, dass die Lads annähmen, ich sei nicht mit ganzem Herzen der irischen Sache zugetan, will ihnen an diesem speziellen Nachmittag kein französisches Salz in die Suppe streuen.“

R: „Aber mein französisches Herz bekümmert dich wenig, ja?“

T: „Mädchen, Dir ist Sport doch völlig gleichgültig. Es ist doch nur für diesen einen Nachmittag. Wir könnten einen Naturkalender über den Ballhausschwur hängen, die Bücher im Arbeitszimmer verstecken, das Plakat in der Küche verbergen und die Quiche als ähm Gemüsepie bezeichnen.“

R: „Picasso war Katalane, wir haben keinen Naturkalender, die Bücher haben niemanden etwas getan und dann- sehr langsam- das ist eine Quiche und kein Gemüsepie.“ Das Fräulein verschränkt die Arme vor der Brust.

T: „Aber das Rugbyherz ist eben auch sehr empfindlich, sogar die Katze schnarcht auf Französisch- die Katze, die bis dahin selig auf der Fensterbank schlief, erhebt sich und starrt den Tierarzt an, die Katze verg*ttert den Tierarzt, aber jetzt starrt die Katze den Tierarzt entsetzt an. Es ist unmöglich Rory, Gary und Jerry einen gallischen Hahn zuzumuten.“

Das Fräulein erhebt sich.

R: „Stalin.“

Tierarzt zuckt zusammen.

R: „Ich werde das Haus in zwanzig Minuten verlassen, um 18 Uhr bin ich zurück. Es liegt bei Dir, ob in diesem Haus dann ein Naturkalender hängt oder der Ballhausschwur. ( Leise, aber nicht ungefährlich ): Es ist eine Gemüsequiche.“

T: Mädchen, ich, äh, ich weiß nicht, ich wollte nicht, es ist nur…“

R: „Es ist alles gesagt.“

Die Katze begleitet das Fräulein nach oben, der Hund folgt dem Fräulein in Solidarität nach, das Fräulein verlässt zwanzig Minuten später das Haus, in der Handtasche liegen die Eierwärmer in Hühnerform, im Radio läuft Rameau, das Fräulein kauft auf dem Wochenmarkt Kartoffeln aus dem Roussillon und verschmäht den Stilton beim Käsehändler. Dann fährt das Fräulein in die Stadt, denn sie ist mit der K. zum Kammermusikonzert verabredet. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts.

Die K sagt: „Read On, Du bist ganz blass. Alles in Ordnung?“

R: „Alles gut, ich habe heute früh nur Stalin getroffen.“

K: „Stalin?“

R: „Ja, verrückt nicht wahr? Ausgerechnet bei mir Zuhause.“

K: „Bist Du Dir sicher?“

R: „Todsicher.“

Dann beginnt das Konzert.