Auf der Suche nach Thomas Mann-Halle an der Saale

Ich bin noch nie in Halle gewesen. Halle ist eine alte Universitätsstadt an der Saale. Dabei bin ich doch in so vielen Städten zwischen Prag und Brünn gewesen, die man nur schwer auf einer Landkarte findet. Halle findet man ganz leicht auf der Landkarte zwischen Magdeburg und Dessau.

Ich bin schon oft in Halle gewesen, denn kein Buch lese ich öfter als Doktor Faustus und Thomas Mann schickt Adrian Leverkühn und auf Umwegen auch Serenus Zeitblom zum Studium nach Halle. Halle ist keine Großstadt, aber eine große Stadt, schreibt er und endlich gehe auch ich ganz wirklich vom Bahnhof hinunter zum Marktplatz. Thomas Mann selbst war 1921 während einer Lesereise in Halle. Er war denkbar schlechter Laune- Das Hotel Stadt Hamburg schien ihm schlecht und die Anzahl der Verehrerinnen entnervte ihn auf das Äußerste. Lange blieb er nicht in jenen Februartagen, sondern fuhr weiter, er hatte eine Einladung beim Prinz zu Meiningen zum Tee.

Dabei sind wir eigentlich wegen Gustav Klimt hier, oder die Anderen sind vor allem wegen der goldenen Bilder aus Österreich hier. Aber ich bin es nur zu einem Viertel, obwohl ich doch Klimt sehr liebe.

Aber dreiviertel von mir sind auf der Suche nach Thomas Mann. Man muss nicht lange suchen, den Marktplatz findet man auch, wenn man sich so schnell verläuft wie ich. Im gleißenden Licht Kaliforniens hat Thomas Mann jenen Roman geschrieben, der vielleicht doch der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts ist.

Heute aber ist noch immer Weihnachtsmarkt. Buden mit Glühwein, Socken und Harzer Blasenwurst stehen eng gedrängt neben einem bunten Karussell. In einer Bude wird ungarischer Lángos verkauft, aber die Verkäuferin sieht jener Esmeralda nicht ähnlich, der Leverkühn später nach den Hallenser Jahren unweigerlich verfiel. Die Lángosverkäuferin hat müde Augen. Der Sockenverkäufer übertönt alle, selbst das Karussell und den Vater, der schreit: „Torben-Leonhard jetzt guck doch in die Kamera, aber der Sohn schluchzt und klammert sich verzweifelt an einem Karusselltiger fest. „In die Kamera“, schreit der Vater, aber der Sockenverkäufer gibt nicht nach. Drei Paar, zehn Euro, meine sehr verehrten Damen und Herren. Was für ein super-duper Preis. Ich bin schon weiter, denn auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes, ein bisschen an die Seite gedrückt durch einen hässlichen Neubau, da findet man es jenes „gegiebelte Bürgerhause am Marktplatz“ in dem Adrian in einem Zimmer mit Alkoven als Untermieter einer älteren Beamtenwitwe lebte.

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Vermutlich das Haus mit Alkoven, in dem Adrian Leberkühn, die zwei Jahre seines Studiums in Halle verbrachte.

 

Und wirklich steht man am Eingang des Hauses, das heute ein Bankfiliale ist, dann sieht man ganz exakt so wie Thomas Mann es im Buch beschreibt: „das mittelalterliche Rathaus, die Gotik der Marienkirche, zwischen deren gekuppelten Türmen eine Art von Seufzerbrücke geht, den frei dastehenden Roten Turm und die Bronzestatue Händels.“

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Blick vom Haus Leverkühn auf das Hallenser Rathaus

 

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Blick auf den roten Turm und die Kirche mit Seufzerbrücke

Ich stehe da lange, die Anderen sehen sich Halle an und warte. Wer weiß denn schon, ob nicht doch der saftige Ehrenfried Kumpf, der so vortreffliche Vorlesungen hielt nicht doch eine gebrannte Tüte Mandeln kaufte, die doch seinem Sinne nach auch G*ttesgabe wären, warte auf einen Studenten aus der Verbindung Winfried, der heute alt zwar, aber das heißt noch nichts Salzgurken einholte, aber vor allem warte ich auf jenen Eberhard Schleppfuss, jenem dämonischen Verführer, der einen ist man ihm nur einmal begegnet, nie wieder loslässt. Schleppfuss mit seinem schwarzen Mantel und dem Hut mit eingerollter Krempe, von dem man nie genau sagen konnte, ob er nun wirklich den Fuß nachzog oder nicht. Schleppfuß, der sich verbeugte tiefer noch als sein Gegenüber, nur um sagen zu können: „Ganz ihr ergebener Diener.“

Ich stehe an der Ecke und warte und natürlich kommt niemand.

Dafür kommt eine Mutter mit einem Buben an der Hand, der einen kleinen Hubschrauber in den Händen hält. „So nicht Freund Blase“, ruft sie und ich wundere mich über diese Wendung. Wer ist wohl dieser Freund Blase mit dem sie hier schimpft? Der Bub jedenfalls lässt den Helikopter fliegen und seine Mutter trifft eine Freundin und ist dann besserer Dinge. Ein alter Mann steht neben einer Musikanlage und tanzt zu Discopop. Ein paar Leute lachen, aber einige Leute werfen auch Geld in einen alten Pappbecher. Der Mann tanzt. „Wir müssen weiter“, sagt die liebe C. und ich laufe ihr hinterher. Jetzt doch Klimt. Endlich Klimt. Klimt ist strenger hier in der Moritzburg als im süßen Wien. Leicht ist Klimt auch hier in Halle mit seiner historisch-pietistischen Luft. Ich habe eine große Schwäche für Klimt, der doch bei seiner Mutter lebte und mit fast allen Frauen schlief, die es wollten.
Das ist das Seltene bei einem Mann, dass er die Frauen hinterher nicht für seine Lust bestrafte, denn das können viele Männer gut, aber er malte sie alle immer nur noch viel schöner. Mehr Gold, mehr Grün, mehr Blau, von allem immer noch mehr. Er, der die Frauen liebte und sich niemals schämte, dass er Frauen liebte, bleibt eine große Ausnahme auch noch 100 Jahre nach seinem Tod. Hier in Halle treffe ich auch Eugenie Primavesi wieder, deren Haus doch in Olmütz auf eine bessere Zukunft ist. So ist das mit den alten Habsburger Geschichten. Irgendwann trifft man sich immer wieder.

Die Anderen mögen nach Klimt, Kaffee aber ich mag lieber noch einmal zum Markplatz gehen. Es ist schon ganz dunkel und noch einmal sehe ich mit dem Blick von Adrian Leverkühn über den Marktplatz herüber. Ein Hund namens Sascha hört nicht. Eine Gruppe Mädchen fischen Dose um Dose voll Energydrinks aus ihren Jacken. Fünf junge Männer zeigen sich ihre Einkäufe. Nike hat reduziert. Nike riecht nach großer Welt. Eine Frau hat den Arm voll roter Gladiolen. Dann sehe ich ihn doch. Langsam kommt ein älterer Herr langsam über den Marktplatz gelaufen. Einen langen schwarzen Mantel trägt er, wenn auch ohne silberne Schnalle und einen schwarzen Hut, aber rund und mit kurzer Krempe und wirklich bin ich nicht sicher, ob er den linken Fuß wohl etwas nachzieht oder ich nur will, dass er es tut. Einen Augenblick zu lang für die völlig Fremden die wir sind, sieht er mich an, aber er murmelt keinen Gruß und schon ist er in einer vielen Hallenser Gassen verschwunden.

Dann aber legt die liebe C. mir den Arm auf die Schulter. „Komm“, sagt sie wir müssen gehen. Ich weiß nicht wie lange sie schon gewartet hat. Was sie wohl denkt, frage ich mich, als wir schließlich zusammen den Anderen folgen, über die Familie in die hier geraten ist? So viele Jahre sieht sie mir schon dabei zu, wie ich etwas suche, was es niemals wieder geben wird und niemand hält dieses Suchen, das ich in mir trage mit so viel Geduld aus wie sie, die meine kalte Hand in ihre warmen Hände legt.

Aber wenn auch Sie durch Halle wandern, so sehen Sie doch einmal beim Hallenser Dom vorbei, den ich immer nur von Lionel Feinigers Bildern kannte und dann ist er doch ganz wirklich und echt und von dem gleichen Zauber, die in Feinigers Hallenser Stadtansichten liegt.

Unendliches Blau

Di41rTrXsAAFyCZ.jpgAm Abend aber der Tierarzt hütet die Nichtenkinder, fahre ich noch einmal ans Meer. Sonnenflecken auf der Straße, das Dorf liegt still vor mir im späten Licht. Die Einwohner des Dorfes schweigen lauter als das sie reden. Sie haben Hofhunde, wenn jemand zu nah kommt, übernehmen die Hunde das Sprechen. Aber die Hunde sind müde und träumen von kühleren Tagen. Mein Fahrrad lehnt gegen einen Mauervorsprung. Die Wand ist warm an meinen Händen. Die Wand gehört zur Garage. Im Sommer gehört die Garage den Schwalben, zwei Nester unter dem Dach. Das Schwalbenpaar heißt Clara und Robert. Die liebe C. mag Schumann. Die Schwalbenkinder haben wie die Nichtenkinder immer Hunger. Die Nichtenkinder winken mir mit riesigen Stücken Streuselkuchen hinterher. Clara und Robert bekümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten. Vor dem Dorf liegt ein See, dichter Schilf umschließt den See. Über den See kann man sich mit einer Holzfähre rudern lassen. Der Fährmann hat viel von der Welt gesehen, einmal hat er größere Schiffe gesteuert als einen hölzernen Kahn. Jetzt sieht der Fährmann den See und das Schilf und manchmal ein Segelboot von der Ferne. Von der Welt erzählen ihm die Touristen, die er rudert. Ahoi rufen sie und der Fährmann rudert über den See. Schon bin ich vorbei, rieche vom Fährmann nur noch den Dunst blauen Knasters, am anderen Ufer des Sees weiden die Kühe und ihre Kälber. Der Tierarzt steht oft bei den Kühen und ihren Kälbern und erzählt ihnen von einem anderen Kalb und anderen Wiesen. Die Kühe und ihre Kinder hören geduldig zu. Mein Fahrrad und ich aber wir sind schon vorüber, eine schnurgerade Strecke schließt sich an und der Wind und ich rennen um die Wette. „Unfair ist das prustet der Wind, du hast ein Fahrrad und ich muss lauter Wolken tragen!“ Der Wind verliert mich an der nächsten Kurve. „ Wir sprechen uns noch“, ruft er mir mit letztem Atem hinterher. Dann der Ort hinter dem das Meer beginnt. Müde Väter mit Schaufeln und Strandzubehör, müde Kinder im Arm einen großen Gummiflamingo. Müde Mütter einen Eimer Muscheln in der Hand und Handtücher über den Armen. Manchmal tragen die Mütter auch alles, dann sind keine Väter mehr da oder ein Vater schleppt auch noch ein Kind auf dem Arm, aber seltener als die Väter sind die Mütter allein. Die Kinder aber lachen trotz aller Müdigkeit und der Gummiflamingo der auch. Aber die müden Eltern und die müden Kinder sind schon in der Unterzahl, die meisten die man jetzt auf der Straße sieht, und die ich vorsichtig umrunde, haben sich schon umgezogen. Sie gehen zum Essen. Auf eine wagenradgroße Pizza bei einem der Italiener vielleicht oder einen Berg Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen an, dass das etwas Besonderes ist. Sie haben sich feingemacht. Die Väter und die Söhne tragen Fußballtrikots, denen man ansieht, dass sie gebügelt worden und dazu einen Sommerhut. Die Frauen und Mütter tragen gemusterte Kleider, große goldene Ohrringe und alle tragen die guten Crocs, nicht die mit denen man Seesterne fängt. Wenn sie am Tisch sitzen und die wagenradgroße Pizza kommt, dann überlegen sie, wie das noch einmal genau war mit Messer und Gabel und lachen erleichtert, dass die Pizza doch schon vorgeschnitten ist. Es ist eine Feierlichkeit bei ihnen zu finden, von denen die Kirchen sich wünschten,sie käme am Sonntag zu ihnen. Aber hier bei den Urlaubern, die das ganze Jahr rechnen müssen, die sich hier einmal etwas erlauben, die hier einmal nicht mit „Kasse Sieben öffnet für sie“ angesprochen werden oder „ Cheffe hat schon wieder kein Gehalt gezahlt“ sagen müssen, sind hier Signor und Signorina und ihre Kinder sind bambini und über allem liegt die Feierlichkeit und der Sehnsucht für ein paar Tage einmal keine Sorgen zu haben und zu den Kindern sagen zu können. „Klar könnt ihr ein Eis.“ Das Eis kommt nicht aus einer Packung, sondern mit Aplomb und bunten Streuseln. Die Kinder strahlen, ich fahre nach rechts. Rechts rauscht das Meer, die Sonne versteckt sich noch hinter den Kiefern, die Kiefern und ich lehnen uns in die Sonne hinein, nur noch ein paar hundert Meter. An Holzhäusern vorbei, zwischen den Kiefern, Wäscheleinen, das baumelt ein Stoffbär, sein tropfendes Fell erzählt von großen Abenteuern. Ich lehne das Rad an den Ständern, das Handtuch über dem Arm, dann schon im Sand. Schon laufe ich in die blaue See hinein, die Sohne gähnt schon, legt die müden Füße hoch und ich tauche unter und schwimme in das seidig-blaue Meer hinein, folge der Sonne, die tiefer und tiefer zwischen die Bäume sinkt und schwimme noch einmal im letzten Licht des Tages mit geschlossenen Augen im tiefen Blau. Später dann als ich mit tropfenden Haaren wieder zum Fahrrad gehe, frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.

Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.

Reisenotizen

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Frankfurt im Vorüberwehn

Am Morgen zum siebenten Mal nachsehen: Pass, Schlüssel, Telefon und Bücherstapel. Geschirrgeklapper, die Müllabfuhr kommt, der Priester hat sich ausgeschlossen und sucht Trost. Immerhin bekommt er Tee und Hefezopf. Ich sehe zum achten Mal in die Tasche, der Tierarzt sucht die Autoschlüssel. Dann fahren wir los.

„Komm zurück, sagt der Tierarzt.“ Ich nicke. Für zwei Minuten, meine Hand an seiner Wange, dann hupen Taxifahrer und ich muss los. Im Flugzeug fällt ein Mann schlafend auf meine Schulter und wen die G*tter lieben, der wacht auch nicht auf, erwehrt man sich des fremden Kopfes auf der Schulter. Gläser klirren, eine Frau sucht einen Ring, ich lese in Paul Austers neuem Buch. Immer wieder vergesse ich, wie sehr ich Paul Auster mag.

In Frankfurt kommen zwei Stewardessen mit ernsten Gesichtern auf mich zu. Der Flug nach Berlin ist gestrichen. Ich renne. Zuerst zur S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter und schneller, treppauf und treppab, an den Gleisen entlang und schließlich der Zug fährt gerade ein, falle ich dem Schaffner vor die Füße. „Hoppla“ sagt er und ich atme zischend aus. Rückwärts aus Frankfurt heraus, den Blick erst auf die graue Stadt und dann in den Taunus hinein. Deutscher Märchenwald, dichte Tannen und irgendwo zwischen den Hängen ein Haus aus Lebkuchen oder eine Köhlerhütte und des Nachts tanzen die Irrlichter in den Schluchten. Fulda und Kassel und ich erinnere mich genau an die Reisen mit meiner Großmutter. Wir, die wir beide auf Wanderschaft gingen, Göttingen natürlich, wir standen vor dem Haus von Max Planck und in Göttingen strandete meine Großmutter nach dem Krieg, ein paar Wochen bloß, ein DP-Camp, wir suchen den Ort vergeblich. Noch immer sehe ich sie im hellen, gestreiften Sommerkleid auf einem Felsstein sitzend. Noch einmal deutsche Gedichte, deutsche Geschichten, ihre und meine Geschichte. Sie nahm mich bei der Hand und wir liefen und liefen, kilometerweit kaum einmal trafen wir Menschen. Später noch und noch immer noch heute bin ich in dem Versuch gescheitert jemanden zu finden, in dessen Schritt ich einfiel wie in den ihren, selbstverständlich und ohne zu Zögern. Weimar und die Wartburg, Bad Tölz und Kochel am See, wir gingen noch einmal durch Deutschland, ein Land aus ihren Geschichten, das es nicht mehr gab, aber noch einmal zwischen Seen und Tälern, zwischen Rhein und Main waren wir Juden auf Wanderschaft, taten wir so als sei die Liebe der Juden zu Deutschland nicht schon lange nur noch Geschichte. Es waren die Sommer unserer Wanderschaften, die einzigen Male in denen ich in Deutschland nicht die Fremde war und meine Großmutter, die mir Kompass geblieben ist, wurde mir Landkarte. Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.
In Göttingen wird der Zug wieder voller und der Mann, der neben mir sitzt, sieht medizinische Ratgebervideos und fährt sich sorgenvoll wieder und wieder über den Bauch.

Irgendwann endlich hält der Zug in Berlin. Der Bahnhof ist fast menschenleer, in der S-Bahn schließlich bin ich bald allein, nur eine Bierflasche rollt durch den Zug. Schließlich steigt ein Straßenfegerverkäufer ein, ich krame nach einem 2 Eurostück und der Mann erklärt mir er könne Musik machen. Talent soll man bekanntlich loben, wo immer man es trifft und der Mann holt eine Mundharmonika heraus und spielt „Alle meine Entchen“. Ich bedanke mich und schon verschwindet der Mann irgendwo in der Nacht.

Endlich Schlüssel in Schloss und der Bücherstapel auf den Tisch. Müde bin ich, zum Umfallen müde, aber für einen Moment sitze ich doch noch im Sessel. Eine alte Zeitung vor meinen Füßen, die Rosen lange schon vertrocknet, es knarren die noch immer die sechste und die achte Diele, dunkel ist es im Zimmer, nur von der Straßenlaterne fällt Licht herein, still ist es hier am Ende der großen Stadt, eine einsame Katze mag sich hierher verirren, doch kein Wanderer wartet und schon streckt die Nacht ihre Finger aus, findet mich hier im Sessel und zieht mich zu sich heran.

Madrid-Piscina del Lago de la Casa de Campo

Machen wir uns nichts vor. Madrid im August ist ein glutheißer Ofen. Die Sonne scheint nicht. Die Sonne strahlt nicht, die Sonne brüllt mit offenem Mund. Die Hälfte aller Geschäfte hat geschlossen. Da mögen sie mit noch so sehnsüchtigen Augen eine pistazienfarbene Handtasche bewundern, die eisernen Gitter bleiben verschlossen und ein weißer Papierfetzen kündet vom Urlaub bis Anfang September. Falls sie hoffen es gäbe in Madrid, Klimanalagen so hoffen sie umsonst. Dies ist Madrid nicht das eisgekühlte Florida, maximal gibt es hier ofenähnliche Vorrichtungen, die kühle Luft verströmen, sollten sie jetzt schon Hoffnung geschöpft haben, lassen sie sie fahren, sie werden nicht auch nur in die Nähe der Kühlöfen kommen. Dies ist ein Privileg der alten Damen, die sich nie, niemals von ihnen fortbewegen. Sie und die Hitze sie werden allein sein, denn außer Touristen, die in Segways über die Straßen brettern, ist nicht einmal jemand da, bei dem sie sich beklagen könnten. Aber dann wenn ihre Verzweiflung am größten ist, dann wenn in ihnen der Schweiß von der Stirn läuft und ihr letztes Kleid an ihnen klebt, dann mögen sie noch immer klagen und greinen, dass sie doch nicht nach Madrid gekommen sind, um ins Freibad zu fahren, aber ich wette Sie sind schon dabei ihr Handtuch einzustecken und wie ich zum Piscina del Lago am Rande des Casa de Campo zu fahren. Die Lage des Bades ist unvergleichlich gut. Sie verlassen die Metro Station Lago folgen der Großfamilie mit der blauen Kühltasche und schon stehen sie vor dem Bad.

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Das Bad liegt unweit des ehemaligen königlichen Jagdreviers und das heißt sie schwimmen unter uralten Zypressen und herrlichen Bäumen. Und wenn sie sich bis zum betreten des Bades wunderten, wo die Madrilenen denn eigentlich sind, hier werden sie sie finden. Das Bad ist eine bunte Mischung aus homosexuellen Paaren, die hier traditionell eine Heimat haben, Großfamilien die vom Säugling bis zur Ur-ur-ur-großmutter reichen, Liebespaaren und Sportenthusiasten. Der Pool hat entspannte 33 Meter und das Wasser ist kühl. Das Wasser ist herrlich. Das Wasser ist türkisgrün. Obwohl das Bad sehr, sehr, sehr voll ist, ist das Schwimmbecken nahezu leer. Die Madrilenen nämlich finden das Wasser zu kalt zum Baden und sitzen am Beckenrand.

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Es gibt Liegewiesen unter den Bäumen und- wie phantastisch ist das- Kunstrasen, der im Kontakt mit feuchten Handtüchern nach Kunstleder riecht. Das erinnert sie gleich an die pistaziengrüne Handtasche, die sie nicht kaufen konnten, also sofort dort hinlegen. Es ist grandios. Es ist unmöglich nicht sofort Menschen kennen zulernen. Es macht überhaupt nichts wenn sie kein Spanisch können. Mein Spanisch ist breites Südfranzösisch mit spanischen Brocken gespickt, man wird sie lieben und noch viel schneller sprechen als sonst. Natürlich wird man ihre Tasche und ihr Handtuch gern bewachen und während sie im Pool ihre Runden ziehen, winkt ihnen beständig eine Großfamilie zu. Winken sie unbedingt zurück! Wenn sie wie ich ohne Brille nichts sehen und nach dem Schwimmen in die falsche Richtung laufen, werden sie sofort eingefangen und an ihren Platz geleitet. Im Gegenzug tauschen sie ihre Dinosaurierkekse gegen frittierte Bananen ein und sie vergessen was auch immer sie über Churros je gehört haben. Überhaupt nirgendwo lernt man soviel über Spanien und die Madrilenen wie im Piscina del Lago. Noch die schwierigsten Liebesverhältnisse zwischen zwei Cousinen wird man ihnen erschöpfend erläutern und die sagenhafte Bräune der Spanier, sie werden es selbst sehen, rührt nicht an die Genetik, sondern kommt aus blauen Nivea Dosen, mit denen man sich beständig ölt, um  dann in aller Seelenruhe weiterzubraten. Es gibt etliche Kontroversen, welche Creme zur Röstung am Vortrefflichsten taugt, aber ich glaube Nivea führt. Sonnencreme werden sie nur in Ausnahmefällen sehen , dafür werden sie das Schwimmbad um viele Enthaarungstipps leichter verlassen und erfrischt und heiter in die Stadt zurückkehren. Natürlich hat ihr Lieblingsrestaurant geschlossen, aber sie haben peruanisches Huhn, frittierte Bananen, vier Hände voll Kartoffelchips und sehr, sehr viel Eis zusammen mit der Großfamilie verzehrt und sitzen mit einem kühlen Glas in den Händen auf einem bequemen Stuhl und sehen zu wie die Sonne hinter den Häusern versinkt. Madrid im Sommer ist wunderbar werden Sie sagen. Glauben sie mir.

Wo?: Piscina del  Lago de la Casa de Campo, PASEO  PUERTA DEL ANGEL,  7  28011  MADRID, Metro: Lago

Wann? Öffnungszeiten: Mai-September, täglich 11- 21 Uhr

Wie viel?: Immer 4,50 Euro, ob Sie den ganzen Tag bleiben oder nur zwei Stunden, spielt keine Rolle.

Und sonst noch?: Duschen sind vorhanden, Schließfächer nicht, dafür gibt es aber freundliche Familien, die gern ein Auge auf ihre Sachen werfen und eine Garderobenfrau. Ein Kinderpool ist vorhanden und nur im Moment hat der Kiosk zu.

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Weiter und weiter

Der ICE fällt aus. Aber ich kann nicht zwei Stunden auf den nächsten Zug warten, denn morgen fliege ich nach Madrid und bis auf einen Stapel Bücher ist noch nichts von den Dingen gerichtet, die man vor einer Reise so richten muss. Zehn Minuten später also sitze ich in der Regionalbahn. Mit mir reist eine Gruppe Pfadfinder. Sie singen, nein sie grölen, aber das Lied kann ich nicht herausbekommen, obwohl sie kein Ende finden wollen, aber das Ännchen auf Tharau war es nicht. Aber was weiß ich schon über das Liedgut der Pfadfinder? Das Land fliegt vorbei, draußen vorm Fenster, auf den Feldern wird Stroh zu gewaltigen Ballen gebunden. Aber längst schon hat das nichts mehr Van Gogh’s Bildern zu tun. Kein Schnitter geht mehr über das Weizenfeld mit Sense und Holzpantinen, sondern schwere Maschinen bewegen sich langsam und brüllend über die Äcker inmitten einer Woge aus Staub. Nur von Ferne sieht man manchmal einen Kirchturm am Horizont. Aber auch er ist protestantisch- nüchtern und immer aus rotem Backstein gemacht. Hier herrscht kein Überschwang, kein verspielter Barock, keine dicken Putten blasen die Posaune, sondern eine schwere Glocke nur zählt die Stunden. Öfter noch aber als ein Kirchtum ziehen die Windräder an uns vorbei, weit werfen sie Schatten und wie verloren wirkt die braune Mühle am Wegesrand, deren Flügel schon lange nicht mehr funktionsfähig sind. Es gibt auch keine Müller mehr, die mit weißen Säcken auf dem Rücken nach dem Stand des Windes sehen. Sie sind Märchenfiguren geworden und auch die Fenster der Mühle sind eingeschlagen. Die Pfadfinder indes schlingen Burger aus braunen Papiertüten und das ganze Abteil ist getränkt vom fettigen Dunst, der sich wie ein feiner Schleier über alles und alle legt. Grob erscheinen mir ihre Gesichter und naturverbunden wäre nicht das erste Wort, das mir zu ihnen einfiele, würde ich gefragt. Wie so viele, die sich im Dienst einer höheren Sache wähnen, sind sie polterig und laut. Immer ist es als verteidigten sie durch Geplärr eine Lebensform, die ja nicht gerade per se für sich besticht. Ich zumindest habe nie Gefallen an halbverkohlten Würsten über dem Lagerfeuer und Regengüssen unter Plastikplanen gefunden, aber hier gibt man sich hart und verwegen und wischt sich die fettigen Finger an der Kluft ab. Inzwischen sind die Felder, Wald geworden. Kiefern und noch mehr Kiefern im märkischen Sand. Ein Wald denke ich ganz ohne Geheimnis, sondern preußisch-streng wie die ganze Region. Dann aber doch die Sonne und weiches, dunkelgrünes Moos neben hellen Birken und ich wünschte der Zug hielte an und ich streifte mir die Sandalen von den Füßen, legte mich in den warmen Wind und schlösse die Augen. Aber vorbei sind wir schon, schneller und schneller, schon hält der Zug zum letzten Mal vor dem großen Berlin. Vier Trinker sitzen auf einer Holzbank vor einem halbverfallenen Bahnhofshaus, sie alle tragen die identischen Trainingshosen, die gleichen Schlappen und sie alle trinken Sternburger Bier. Dann aber fährt der Zug schon weiter, ich falte die Zeitung und greife nach den Aktenbergen, denn schneller als der Zug fährt, läuft mir die Zeit voran. Die Pfadfinder spielen Karten und stimmen ein neues Lied an.