Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.

Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“

 

Unter Wasser

Zwei Tage regnet es schon in Mumbai. Die G. schickt mir ein Bild. Sie steht bis zu den Hüften im Wasser und ihr grünes Fahrrad hat der Regen davongespült. Vom Balkon ihrer Wohnung kann man das Meer sehen, aber das Meer ist seit zwei Tagen schon hinter der Wand aus Regen verschwunden und es regnet und regnet in Mumbai und die der D. legt Handtücher in die Terrassentüren, denn in Mumbai gibt es keine Sandsäcke und der Regen steigt und der D. und seine Freundin packen die Bücher aus den Regalen lieber in Kartons und tragen sie in den Oberstock. Der F. schickt mir Bilder von einem Wasserfall und der Wasserfall ist direkt vor dem Bahnhof zu finden. Der F. lacht am Telefon, aber fröhlich klingt er nicht: „ Read On, wenigstens die Schlaglöcher sind im Regen verschwunden.“ Die B. die Tochter vom Y. und der L. freut sich: „Read On, es ist keine Schule wegen des Regens und Mami hat mir einen Film versprochen und ein Eis.“ Es regnet in Mumbai und die B. bekommt ihr Eis. „So lange der Strom noch da ist.“, sagt die L. und die G. steht auf dem Balkon, auf dem wir beide so lange und so oft schon viele Stunden verbracht haben. Mit einem Besen kehrt sie das Wasser vom Balkon. Alle fünfzehn Minuten. Der Unrat schwimmt auf dem Wasser, eine große, dunkelbraune Welle und die Züge fallen aus. Die Menschen gehen an den Schienen entlang. Diejenigen die Regenschirme haben, haben Regenschirme und diejenigen, die keine Regenschirme haben, haben keine Regenschirme. Mumbai hat einen der größten Slums der Welt und wer dort lebt, der ist schon lange nass, denn Plastikplanen hat der Regen schon lange zerfetzt. Schon einmal 2005 hat der Regen und der Sturm, der mit dem Regen kam Mumbai verwüstet. Wochenlang beschworen die Zeitungen und Politiker, die Fernsehsendungen und überhaupt alle, dass dies nicht wieder geschehen dürfe. Aber bald schon war der Regen vergessen und irgendwer in Bollywood küsste jemand anderen in Bollywood und ganz Mumbai auch die Politiker interessierten sich dafür, ob nicht ganz jemand anders hätte geküsst werden müssen. Dann verstummten die Stimmen der Politiker und vom Regen war nichts mehr zu hören. Aber als die G. damals und in all den Jahren danach Proteste organisierte, die sich gegen die Abholzung der Mangrovenwälder um Mumbai aussprachen, da lachte man über die G. und noch im Dezember holzte man für den Bau einer Brücke auf 22 Kilometern Mangroven ab. Die G. und ihre NGO aber, die auf den Flutschutz den die Mangroven liefern in immer neuen Versuchen hinwiesen, machte man verächtlich in Mumbai. In Indien ist man schon weiter als in Amerika, wo man noch Zweifel hat, aber in Mumbai sprachen die Politiker schon lange nur noch vom „sogenannten Regen“ und von radikalen Kräften wie der G. die das Neue Indien verhindern wollten, die Bäume besetzten, diese naiven Idioten, die nichts anderes als Ohrfeigen und Kopfnüsse verdient hätten und die G. ließ sich ohrfeigen und umarmte die Mangrove. Aber inzwischen sind kaum noch Mangroven übrig und das Wasser läuft ungehindert in die Stadt hinein und läuft den Politikern Mumbais nun selbst über die Füße, denn selbst in Juhu Beach, wo sich die Politiker und die Bollywood Prominenz Ruhe und Frieden verspricht, steht das Wasser. Jetzt sind die Politiker eifrig dabei zu betonen, dass man sich kümmern werde, dass der Regen so stark sei wie niemals wieder seit 2005 und dass Mumbai jetzt zusammenstehen müsse. Fragen, warum die Stadt Mumbai nicht in Flutschutz investiert habe, beantworten die Politiker lieber nicht, über Mangroven schweigen sie sich aus. Nur in ihren Gärten stehen die Bäume noch. Der Regen aber fällt und fällt. Der F., der Architekt ist hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, als er sich weigerte Häuser auf Wasserabflussrinnen zu bauen oder Wasserabflussrinnen zu überbauen oder auf Wasserabflussrinnen zu verzichten. Parel, wo der F. damals bauen sollte, ist heute am Schlimmsten überflutet und das Wasser kann nirgendwo hin. „Get out, you lazy dog“ schrie sein Chef damals der doch so viel Bestechungsgeld bezahlt hatte, um dort bauen zu dürfen, wo man heute gar keine Häuser mehr sind, sondern nur noch Wasser und der Regen fällt in Mumbai und fällt und fällt und im ehemaligen Architekturbüro des F. geht nur ein Anrufbeantworter an und der Regen deckt die Häuser zu und der F. lacht und es klingt bitter. Über uns alle, haben die Nachbarn damals gelacht, als wir, der Y. und die L. und Baby B und der A. und ich damals Papierkörbe im Viertel aufstellten. Die Nachbarn lachten und nur wir füllten am Sonntag Plastiksäcke mit Plastiktüten und Flaschen und Zweigen und Müll und mehr Plastiktüten, die sich in den wenigen Regenrinnen verfangen hatten. Die Nachbarn lachten so hart und fanden uns so dumm. Aber der Y. und die L. und Tochter B. reinigen noch immer die Regenrinnen und nur deswegen kann bei ihnen etwas Wasser ablaufen und es regnet und regnet in Mumbai und die Nachbarn stehen auf den Balkonen und starren in die Regenwand und in den Nachrichten zeigen sie wie low-caste Männer und Frauen im strömenden Regen versuchen die verstopften Regenrinnen und Gullys auszuheben und das Wasser steht auf den Straßen und auf den Bahnhöfen, es läuft über die Balkone hinein und die Nachbarn sehen in den Regen und hoffen, wie auch die L. der Y. und die kleine B. das der Strom hält und es regnet in Mumbai und die Straßenhunde und Katzen ertrinken und die Kadaver schwimmen durch die Straßen und diejenigen, die draußen durch den verschlammten Regen waten sollen, sind unterwiesen Doxycycline einzunehmen, aber diejenigen, die es einnehmen müssten, wissen nicht einmal was Doxycycline ist. Wie immer ist auf die Verwaltung kein Verlass aber auf die Gurudwaras, die Chai-Wallahs, auf die Vielen, die vom Wenigen das Meiste abgeben und es regnet in Mumbai und die Krankenhäuser stehen unter Wasser und Shiv Sena, die in Mumbai politische Verantwortung tragen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wollen sich nicht mehr erinnern, warum noch immer nichts geschehen ist, um die Stadt besser vor den Fluten zu schützen, denn Mumbai mit seinen vielen Kanälen und Flüssen besitzt im Grunde ein so natürlich wie effektives Flutschutzsystem und dann waren da natürlich die Mangroven, aber die Mangroven gibt es nicht mehr und die G. steht auf dem Balkon und sieht das Meer nicht mehr und es regnet in Mumbai. Es nicht vermeintlicher Regen, sondern Regen, der eine ganze Stadt verschluckt . Es regnet in Mumbai. Es regnet schon seit zwei Tagen.

12 Bilder, ein Tag, Berlin.

Wie viele Tage beginnt auch dieser Tag mit viel Gegähne, einem Handtuch über den Schultern und dem Weg zum See. Was hier so idyllisch aussieht, kann nur eine Täuschung sein. Im Wasser ertranken während ich schwamm fünf Wespen und über mir kreisten sieben, gewaltige Krähen. Sollte mich der Nöck morgen früh am Bein zu sich herunterziehen: es hat mich sehr gefreut.

Mittwoch ist Biokistentag und Biokistentage sind immer glückliche Tage. Mein Missionseifer ist denkbar gering, aber haben Sie eigentlich schon eine Biokiste?

Die Lieblingsnachbarn brauchen Hilfe und das Fräulein bekommt im Gegenzug den neuesten Nachbarschaftstratsch und ein Eis. What is not to like?

Der ehemalige, geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. hat eine lange OP-Liste vor sich und wer eine lange OP-Liste vor sich hat, bekommt fast jeden Wunsch erfüllt und der F. findet, nichts stärke vor einer OP so wie ein Grießkoch mit Kompott und ich nicke treu. Manchmal wünscht sich der F. nämlich auch Fruchtsuppe und das mag ich noch weniger als den süßen Brei. Der F. aber ist selig.

Berlin lässt kein Heimweh nach Irland aufkommen und so regnet es, aber der Balkon ist mit dichtem Weinlaub gut geschützt und nur meine großen Hobbit-Füße werden nass. In der Zeitung steht, dass Neo dick war und kein angenehmer Mensch ( kein Zusammenhang ) und Spiderman 6 sei große Klasse.( Ich kenne nicht mal Spiderman 1) also kann ich das nicht weiter verifizieren.

Das Fräulein kauft Karten, denn es schreibt weiter Karten an Deniz Yücel und inzwischen auch an Mesale Tolu und im Buchladen gibt es Kafka-Karten. Seligkeit, einer ansonsten traurigen Tatsache, noch immer sind Journalisten in der Türkei nahezu rechtlos und den Verdächtigungen Erdogans ausgeliefert.

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Klavierstunde. #7v12 #12v12 #klavier #musik #einegrosseliebe

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Das Fräulein übt Klavier. Es ist ein Trauerspiel.

Schon wieder wird gegessen. Frühlingsrollen, die eher an Backsteinquader erinnern, aber ich mag das sehr gern, nur die Soja-Wasabi Mischung missfällt. Aber ich weiß nicht genau warum. Seltsam.

Dann heißt es Karten schreiben. Ich stümpere immer ein Bild für das Kind von Mesale Tolu. zusammen.Kinder sollten ja überall sein, nur nicht im Gefängnis, aber in der neunen Türkei spielt das keine Rolle, deswegen eine Karte gegen die grauen Mauern.

Die zweite Karte ist immer eine Karte an Deniz und von den Nummern, die ja immer für einen, neuen Tag stehen, wird mir schwindlig. Ich versuche und es fällt mir schwer und behagt mir nicht, denn ich kann kein Türkisch, irgendwie auf Türkisch zu schreiben, vielleicht kommt so eine Karte einmal ans Ziel? Heute Franz Kafkas erste beide Sätze aus der Verwandlung und schlimmes Radebrechen über Kafka darunter. Oy vey.

Ich bin schwer begeiestert von Adam Thorpe’s Ulverton, wie konnte dieser Autor so lange völlig an mir vorbeigehen. Sehr großartig!

Das fast kopflose Fräulein wünscht eine gute Nacht und winkt.

Mehr Tage und mehr Bilder gibt es wie immer bei Caro.

Am Ende der Nacht

Am Ende der Nachtschicht schlägt das Wetter um und als ich um kurz nach fünf Uhr nach oben sehe, ziehen dunkle Wolken zusammen und schon fällt der Regen. Zehn Minuten später aber kommt der Tierarzt mit dem alten, treuen Volvo um die Ecke gebogen, um mich einzusammeln. Immer will ich dem Tierarzt sagen, dass er nicht um vier Uhr aufstehen muss, um mich um fünf Uhr einzusammeln, aber nie will der Tierarzt etwas davon hören. Immer fühle ich mich schlecht, denn noch nie war ich um fünf Uhr fertig und der Tierarzt wartet immer geduldig, bis ich schließlich müde um die Ecke biege. Auch heute ist es eigentlich schon dreiviertelsechs und der Tierarzt liegt auf der Rückbank und schläft. „Tierarzt!“ klopfe ich vorsichtig gegen die Fensterscheibe und der Tierarzt wacht auf: „Mädchen, da bist du ja.“ Ich nicke und dann tun der Tierarzt und ich, beide so als sei er gar nicht eingeschlafen und gerade eben erst vor fünf Minuten quasi um die Ecke gebogen. „Ich konnte ohnehin nicht schlafen, sagt der Tierarzt und ich tue so als würde ich ihm glauben. Ich werfe die blutigen Arbeitshosen, die Tasche und die schwere Jacke in den Kofferraum und der treue, alte Volvo fährt langsam los. Ich lehne mich mit dem Kopf gegen das kühle Fenster. Alles spült der irische Regen davon, Apfelblüten, Bananenschalen, gebrauchte Spritzen, leere Chips-Tüten, einen halb aufgeweichten Koffer gar, Zeitungspapier, Hundekot, Glasscherben und Bierbüchsen, einen hohen Damenschuh,nur die Nachtschicht spült es mir nicht von den Knochen, sondern immer wie früher im Biologieunterricht wenn die Lehrerin den Film, falsch herum in den Projektor legte und der Film: „Kakteen Nordafrikas “ eben von hinten nach vorn abschnurrte, läuft mir die Nacht in umgedrehter Reihenfolge vor den geschlossenen Lidern ab. Damals zeigte niemand in der Klasse auf, denn der Film kam so regelmäßig zum Einsatz wie die Lehrerin vergaß den Unterricht vorzubereiten. So ähnlich also läuft die Nacht noch einmal vor meinen Augen zurück, verheddert sich, ruckelt vorwärts, überspringt Anfänge und lässt sich nicht anhalten. Glasscherben in Füßen, ein geplatztes Auge, der Geruch von zu viel Wut auf zu viel Alkohol, ‚Wohlstandseinsätze‘ nannte das einmal ein Kollege, der irgendwann die Bilder nicht mehr zum Anhalten brachte. Ich lehne den Kopf lieber an das kühle Fenster, der Film zeigt: eine Braut mit gebrochenem Fuß, ein Bräutigam, nicht der, der Braut mit gebrochener Nase, ein verwirrter Mann auf der Straße umherirrend, ein betrunkenes Mädchen, die in ihrer bis obenhin mit Erbrochenem gefüllten Handtasche nach einem Deo-Roller sucht, bevor sie sich schluchzend auf mich übergab. Immer an irgendeinem Punkt reißt der Film, damals im Klassenzimmer und heute auf der Straße, dann sind da nur noch Scherben und das Blut auf meinen Hosen. Vielleicht schlafe ich darüber ein, vielleicht auch nicht. Aber dann muss der Tierarzt anhalten, denn der Regen, der eben noch der lang schon gewohnte, ewige irische Regen war, hat sich zu einer grauen Wand verdichtet, hinter der man nichts mehr sieht. Ein Parkplatz, völlig leer nur ein Lastwagen mit Milch rangiert vor und zurück. Der Tierarzt legt mir eine Hand auf den Arm und küsst mich auf die Stirn, die Augenbraue, legt mir seine Lippen auf den Mund und ich lasse meine Lippen einfach liegen, einfach so. „Du bist wieder da.“ sagt der Tierarzt als er Atem holen muss. Er meint: „Komm zurück.“ „Kommst du zurück?“ Ich bewege meine Lippen nicht.
Draußen rauscht der Regen an uns vorbei und der treue, alte Volvo, eine Art von Arche. Vor uns dieser dichte, schwarze Himmel, hinter uns, über uns und gegen uns, rauscht der Regen und der Tierarzt schiebt seine Hand unter meine Rippen. „Komm zurück.“ Ich lege mein Gesicht auf seine Hand. Der Milchlastwagenfahrer flucht und als eine Windböe, eine Lücke in die schwere Wolkenwand reißt, fahren wir weiter und endlich nach Haus. Im Dorf schließt die Frau des Krämers den Laden auf, wir halten nicht an und endlich schließt der Tierarzt die Haustür auf. Zuhause ist alles so wie vor der Nacht. Die Zeitung liegt noch immer ungelesen auf dem Tisch. Die Katze schläft in den Wetterfleck des Tierarztes gewickelt selig auf dem alten Sessel. Die Standuhr ist wie immer genau um 4.25 Uhr stehen geblieben, und im Obstkorb liegen noch immer vier Orangen, drei Bananen und zwei glänzende, rote Äpfel.Ein Bücherstapel. Es riecht nach Regen und Tee, dem Lodenmantel des Tierarztes, Lavendelseife und dem Hefezopf, es ist alles wie immer und doch ist nach der Nacht immer auch alles anders. Ich ziehe die Schuhe aus, der Tierarzt zieht mir das T-Shirt aus, knöpft sich das Hemd auf, zieht mich aus den Hosen, macht den Gürtel auf und hält mich unter der heißen Dusche fest,Schaum in den Haaren, den Augen, Zitronenduschgel auf dem Rücken und der Tierarzt lässt seine Hände auf meinen Hüften noch immer nicht los. Einmal, ein einziges Mal nur bestehe ich nicht auf Frühstück, jetzt, sofort, sondern lasse mich vom Tierarzt in ein dickes Handtuch wickeln. „Komm Mädchen“ sagt der Tierarzt und zieht mich die Treppe hinauf und hält mir das Nachthemd hin, aber ich schüttle den Kopf und krieche einfach mit unter sein T-Shirt, das ist lang genug, denn gegen die zweimeterundachtzentimeter-Tierarzt bin ich mit einmeterundsiebenundsechzigzentimern durchaus unterschlupfberechtigt. Ein Glas Wasser.Der Tierarzt nickt und zieht mich zu sich heran. Ein T-Shirt, zwei Decken und wieder sucht der Tierarzt meine Rippen und ich lege meinen Kopf an seinen Hals. Ich stelle den Wecker auf zwölf Uhr und der Tierarzt streicht mir mit der freien Hand über den Kopf. „Komm Mädchen, schlaf ein“ sagt der Tierarzt, aber vielleicht irre ich mich auch, vielleicht hat der Tierarzt auch noch einmal „Komm zurück“ gesagt, denn ich bin so müde, von der Nacht und von all den Filmen, die langsam und verdreht rückwärts, vorwärts, abgerissen durch meinen Kopf zu laufen begannen. Das letzte was ich sehe, ist das graue, schäumende Meer und die dicke schwarze Regenwand, der Regen oder das ganze Meer, so genau weiß ich es nicht,läuft über die Fensterscheiben. Dann legt der Tierarzt seine Hand über meine Augen. „Komm zurück Mädchen, komm doch zurück.“