Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

Wir verabschieden uns von Prag. Heiß ist die Stadt. Der Tierarzt findet Mitteluropa sei ein Backofen. Manchmal befühlt er einen Arm und mumrelt etwas von Steak durch oder so ähnlich. Aber noch einmal stehen wir vor dem Haus in dem Kafkas große Liebe Milena Jesenská bis zum Bruch mit ihrem Vater Jan, dem Zahnarzt lebte. Heute ist in dem Haus eine Schrottausstellung. Männer sitzen in Recylingautos und strahlen und Frauen lehnen auf den Schrottautos in einer gemeinhin als verführerisch bezeichneten Pose. Dann fotgrafieren die Männer ihre Frauen auf den Autos. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen. Lange Gesichter.

Aber wir gehen an den Autos und Metallgiganten vorbei wandern durch die großzügigen Räume. Sie riechen frisch gestrichen und nagelneu, wären nicht die Figuren und Autos aus Altmetall, so könnte man sich gut vorstellen wie hier ein Zahnarzt eine Ordination eröffnete und hier stritten und liebten und stritten sich Milena und ihr Vater über das Frau-Sein und Werden, über Karrieren, über Ehemänner, über die Zukunft und die Vergangenheit. Ihr Vater ließ sie über die Beziehung zu Ernst Pollak in die Psychiatrie einweisen, Ernst Pollak den sie dann schließlich heiratete, war nicht weniger beklemmend als ihr Vater, Franz Kafka legte ihr sein Herz in die Hände und sie hielt die Hände auf. Die Deustchen schließlich ermordeten Milena Jesenská in Ravensbrück. Milena, Milena, Milena denke ich und die Farbe ist frisch und ein Radiosender spielt Musik, die mir nichts sagt. Milena sagt der Tierarzt neben mir, die Liebe bewahrt einen vor nichts. Dann wird eine Kaffeemaschine geliefert und eine Leiter fällt um. Wir gehen. Ich drehe mich nicht um. Noch immer, auch nicht so viele Jahre später, kann ich diese Lücke begreifen. Milena.

Wir stehen am Bahnhof. Der Tierarzt fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu. Der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Der Tierarzt ist kurz vor dem Hitzschlag und ähnelt auf erstaunliche Art und Weise Karl Kraus, so sarkastisch wie er zetert. „Prag steckt an“, sagt er und ich mache den Tierarzt zum inoffiziellen Mitglied der Arkonauten, jenen Kaffeehausgästen, die im Café Arco saßen und alle der Literatur verfallen waren.

Dann kommt der Zug. Ich wuchte Koffer, luggage holdall, Rucksack und Tasche in ein Gepäckfach und ziehe den Tierarzt hinterher.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, der Zug ist sehr alt.“

„Der Zug ist verlässlich Tierarzt“, sage ich.

Der Tierarzt sieht zweiflend zu mir herüber.

Neben mir sitzt eine Frau, die sich sofort in katholische Erbauungsliteratur vertieft.

Neben dem Tierarzt sitzt ein Mann, der auf seinem Notebook einen Film sieht in dem Männer sich sehr kreativ den Hals durchschneiden. Dann und wann kichert der Mann so als sei ein Mord doch eine recht unterhaltliche Angelegenheit. Der Tierarzt erschauert.

„Du erbst alles“, sagt der Tierarzt zu mir.

„Tierarzt sage ich, das ist bestimmt ein reizender Mensch.“

Der Tierarzt sucht nach einem Taschentuch. „ Hitze und Horrorfilme“ murmelt er finster, „man hätte ja selbst auch genug Fantasie.“

Der Zug fährt los.

Der Zug knirscht und knarrt.

Der Tierarzt sagt: „Der Zug ist kaputt.“

Ich sage: Der Zug hat nur ein wenig Schnupfen.

Die Klimaanlage funktioniert nicht.

Die Frau mit den Marienbüchern auf dem Schoß kann erstaunlich gut fluchen.

Der Tierarzt bekräftigt nickend ihre Tiraden.

Der Mann mit den Horrorfilmen stellt den Ton lauter.

Wenn der Zug nicht knirscht, tönt es also: STIRB, SPLASH,BANG; RATTTTTARATTATATA aus dem Notebook.

Der Tierarzt sagt: „Mach was!“

Ich krame in meiner Tasche herum und biete dem Horrorfilmmann Kekse an.

Der Horrorfilmmann nimmt die Kekse gern.

Die Katholikin öffnet das Fenster.

Der Zug knarzt.

Der Film macht: PENG, BOOM;BOOM,BLAST; SPLOSH und RATTTATATATTTA.

All das wird nun auch von dem mahlenden Kiefer des Mannes lautmalerisch unterlegt.

RATATATATTA-KNIRSCH-KNACK-OM-NOM-SPLASH-BANG

Leider hatte ich die Mandel-Biscottis zuerst in der Tasche gefunden.

Der Tierarzt googelt: Ladezeiten Notebook-Akku.

So fahren wir also einmal durch Tschechien. Dann kurz hinter der slowakischen Grenze fährt der Zug an, wird langsamer, ruckt erneut an, nur um abrupt zu bremsen.

Die Katholikin zuckt zusammen.

Der Tierarzt schlägt noch vor ihr ein Kreuz.

Der Horrorfilmmann sieht ungerührt neuen Schlachtungen zu.

Ich lese in Nicole Krauss neuem Buch.

Der Tierarzt sagt: „Mädchen das ist ein bewaffneter Überfall. Man wird uns im Maisfeld vergraben.“

Ich lache.

Dann gehe ich durch den Zug und frage jeden Reisenden in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Jiddisch nach dem Problem.

Das Problem ist ein Mechanisches.

Der Tierarzt atmet aus.

Die Katholikin schimpft zum Niederknien schön.

Starke Männer beschwören die Schaffnerin, dass sie alle Zugmechaniker seien.

Aus unserem Abteil tönt es: KRAWUM. BOOM.BOOM. BOOM. PENG.

Der Tierarzt sagt: „Ein Glück, dass das Kälbchen erspart bleibt.“

Ich gebe dem Hotel Bescheid, dass wir verspätet sind.

„Sind Sie im Zug oder im Krieg?“, fragt der Mann von der Hotelrezeption.

„Das ist manchmal ein und dasselbe“, sage ich.

Der Tierarzt googelt youtube Videos zu Angelegenheiten der Zugmechanik.

Aus unserem Abteil gröhlt es: WILLKOMMEN. BOOM. RATTATATATARATTA DER MODELLEISENBAHNCLUB HERZOGENAURACH BEGRÜßT SIE PENG. BOOM. BLAST.

Ich esse ein Stück Marmorkuchen.

Dann kommt ein Mechaniker und mit dem Mechniker kommt Bewegung in den Zug.

Kurz vor unserem Ziel stirbt der Laptopakku.

Wir werden abgeholt. Der Fahrer entschuldigt sich tränenreich, wegen der Verspätung des Zuges habe er leider seine Bulldogge dabei.

Der Tierarzt strahlt: „Endlich zurück in der Zivilisation.“

Die Bulldogge sabbert selig in den Tierarztarmen.

Der Fahrer sagt: „Willkommen in der Hohen Tatra.

Ich sage: Franz Kafka war hier. Aber ich sage es nur zu mir und ganz, ganz leise.

Das Elternhaus von Milena Jesenská finden Sie in der  28. října 13, in Nové Město, Prag

Die Straßenecke von Egon Erwin Kisch

 

Am Abend aber laufen wir von Vinohrady herunter in die Altstadt. Es ist wirklich ein Weg hinunter, denn Vinohrady liegt über der Stadt. Warm ist es auch noch so spät am Abend, ein Bettengeschäft neben dem anderen. Exklusive Träume werden einem versprochen und wer weiß vielleicht machen die Matratzen die Träume wahr. Aber wir, wir brauchen keine Betten und unsere Träume sind ohnehin bescheidener Natur. Die Straße über den Wenzelsplatz hinunter ist voller Menschen. Da sind bayerische Junggesellen. Sie tragen Lederhosen und T-Shirts auf denen steht: „Letzte Nacht in Freiheit“. Sie trinken Bier und einer der Männer knöpft vorn die Hose auf und pinkelt in einen Papierkorb. Die Frauengruppe ist aus Großbritannien. Sie haben auch T-Shirts. Pink und Bride to be lesen wir. Sie wollen ins Hard Rock Café, aber sie haben auch müde Füße, also erst einmal Schirmchendrinks. Die bayerischen Junggesellen stehen auf der Straße und rufen: Nutten. Nutten. Nutten. Niemand dreht sich um. Es gibt viele Junggesellen in Prag.

Ein Mann liegt auf der Straße, die Stirn auf die Erde gedrückt. Ein Hut liegt vor ihm. Der Tierarzt hat Münzen in der Hosentasche, als ich mich noch einmal umdrehe, liegt einer der Junggesellen auf dem Boden neben dem Mann und ahmt seine Haltung nach. Vor ihm liegt ein Basecap. Die Anderen filmen ihn. Der Mann neben ihm auf dem Boden rührt sich nicht.

Neben uns verfällt das Grand Hotel Europa. Vielleicht verfällt Europa auch immer weiter, immer mehr, Europa ist ein ungastlicher Ort in diesen Tagen. In einer Pizzeria sitzen Russen mit falschen, goldenen Uhren neben Studenten aus Spanien, die sich gegenseitig ihre zerlaufenen Füße zeigen, drei Obdachlose werden von der Polizei angehalten, chinesische Touristen füttern Tauben mit french fries, ein Kellner raucht mit müden Augen, eine Bratwurstverkäuferin zählt Geld und wischt sich die Schweiß vor der Stirn. Enger werden die Straßen, eine Flasche Cola rollt den Rinnstein hinunter, ein Kind heult, ein Hund hechelt, zwei Jugendliche wollen sich küssen, aber verfehlen sich knapp. Ein Stadtführer versucht verzweifelt seine Gruppe um sich zu scharren, aber seine Bemühungen macht ein Eisverkäufer zunichte. Dann stehen auch wir vor dem Haus zu den zwei goldenen Bären, dem Haus von Egon Erwin Kisch. Immer wieder kehre ich zurück zu jenem Haus, das so zentral liegt und doch von allen Touristen übersehen wird, trotz seines Portals mit den beiden Bären über der Tür. Merkwürdig denken die Touristen, die sich ans vorbeischieben sicher: „Warum stehen da zwei und starren auf ein Haus?“ Kisch, stelle ich mir vor, war ein wahrer Eckhausbewohner, er hatte für alles einen Blick, aber war selbst nie zu sehen, immer schon war er weiter, kaum hatte man ihn selbst im Blick, war er schon wieder verschwunden, stach in See, begann eine neue Liebe, oder schoss ein Tor für einen Prager Fußballclub. So ein Haus ist das, so eine Ecke. Eine Kisch-Ecke möchte man sagen. Eine Plakette hängt neben dem Portal. Aber gerecht wird sie ihm nicht. Ganz richtig hat sich, so weit ich weiß auch die Germanistik nie mit Kisch angefreundet. Zu wild war er, zu wankelmütig, seine Theorie hat niemals Derrida inspiriert, sondern seine Theorie, das war die Straße und das Prager Tagblatt, diese europäische Zeitung, war seine Heimat. Nein, in die Unversitätsseminare passt er noch immer nicht. Er mit den Tattoos über dem Herzen, der Trinkfestigkeit, dem wilden Spott, den vielen kleinen und großen Lieben, der Neugier auf die Erzählungen der Anderen. Nein, auch in den Zeitungen ist er nicht mehr zu finden und niemals bedauere ich es als in diesen Tagen, wo die Zeitungen voll sind mit Debatten über die Debatten der Debatten,aber Geschichten, die den Leser denken lassen, die fehlen. Stattdessen gibt es diesen merkwürdigen Wallraff-Journalismus. Ein Nachmittag in einer Brotfabrik. Aber immer inkognito. So eine Art Journalismus als Kaufhausdetektiv, aber die Geschichten der Straßen und Gassen, die Geschichten vom Wenzelsplatz, von den Verlierern, den Abgehängten, den Türstehern, den Obdachlosen, den Trinkern, den Suchenden, den Geschichten der Eckkneipen und Straßenecken und den Geschichten auf dem Boden dazu, die sucht keiner mehr, die sind manchmal kurz vor der Weihnachtszeit einmal Anlass, aber die Reportagen des rasenden Reporters, der einmal das Dach der Syngaoge abdecken ließ, der mit den Obdachlosen trank und redete, der hinter jeder Ecke Geschichten sah, den gibt es nicht mehr.

Das Ungezügelte hinsehen, den sich auferlegten Zwang jede Geschichte für erzählenswert zu halten, diese seine erste, zweite und dritte Natur, die ist abhanden gekommen und so gibt es viele ironische Texte über dieses und jenes, aber seine Ernsthaftigkeit und seine ernsten Scherze, die gibt es nicht mehr. Jedesmal wieder kehre ich zu seiner Tür zurück. Ich würde gern läuten, ich sagte ihm: „Komm zurück, wir brauchen die Geschichten, die keine Geschichten mehr über, sondern Geschichten mit sind. Aber es ist keine Klingel mehr an der Tür. Das wäre ihm wohl auch zu banal gewesen. Geschichtenfinder haben keine Visitenkarte. Geschichtenfinder sind unterwegs, stehen an einer Ecke, sitzen in einer Kneipe, fahren aufs Meer oder in ein böhmisches Dorf. „Er kommt nicht mehr zurück“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lächelt. Dann gehen wir in eine Kneipe schräg gegenüber vom Haus zu den zwei goldenen Bären. Hier sitzen kaum Touristen, sondern Ehepaare und Trinker, wie es sich gehört für eine Eckkneipe.

Ich trinke eine Apfelschorle, der Tierarzt einen Wacholderschnaps, davon wird er später singen, aber das weiß er noch nicht. Dann lege ich eine Hand voll Kronen auf die Theke. Eine Runde aufs Haus sage ich. „Gern“, sagt der Kellner. „Von wem?“ Von Egon Erwin Kisch, sage ich ihrem Nachbarn und drehe meinen Kopf zu Haus zu den zwei goldenen Bären herüber.“ „Also dann“, sagt er „Auf Egon Erwin Kisch.“

Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

Prag-Das Haus zu den zwei goldenen Bären 

„Du meinst das ernst, sagt die E.  und ich nicke. Du willst nur wegen eines Hauses wegen nach Olomuc fahren? „Ja“, sage ich genau das will ich tun. Die E. sieht mich fassungslos an. Aber in der immer belebten Prager Altstadt kann man nicht lange stehen bleiben,ohne weitergeschoben zu werden. „Komm, sage ich noch einmal, man kann Prag nicht verlassen ohne beim Haus zu den zwei goldenen Bären vorbeizusehen.“An dem großen Eckhaus in der kleinen Gasse Kozná, das sich bis in die Renaissance zurückdatieren lässt, sieht man eine runde und nicht sehr auffällige Plakette:

Man sieht einen mittelalten und reichlich distinguierten Mann, der ziemlich ernst dreinblickt. Er könnte ein Handelsreisender sein, ein Postbeamter und vielleicht auch en fleißiger Chemiker, aber nichts davon ist der Mann auf der Plakette je gewesen. Die Bildunterschrift lautet: „Hier lebte und arbeitete der Schriftsteller und Reporter Egon Erwin Kisch vom 29.4. 1855 bis zum 31.3. 1948. Aber dieses an das Haus geheftete Kurzporträt geht am Leben des rasenden Reporters doch weit vorbei. Kisch lebte in Berlin, in Mexiko, sprang vor der australischen Küste aus dem Boot und kannte Wien so gut wie die serbischen Schützengräben. Richtiger wäre, denn was ist schon wahr, dass Egon Erwin Kisch in diesem Renaissancehaus, das auf den schönen Namen „zu den zwei goldenen Bären“ getauft wurde, geboren wurde. Schwerer wird es schon zu sagen, ob Kisch und seine Brüder wohl auch die Spukgeschichten, die wohl in den Gemäuern wohnen, erzählt bekam und ob er vielleicht sogar die Räuberballade des Gauners Babinskejs, die ihn später so faszinierte, auf dem Hof des Gebäudes hörte, bleibt ungewiss. Kisch selbst befeuerte die Legendenbildung auf das Schönste und wer weiß vielleicht führt ja wirklich ein unterirdisches Treppenhaus direkt in die Tiefen Gewölbe der Teynkirche?  Überhaupt, das Haus zu den zwei goldenen Bären ist wie gemacht für dunkle Geschichten und den Geruch von Rost und Eisen, knarrenden Scharnieren und all den Geheimnissen, die in den engen Prager Gassen der Altstadt nur oberflächlich verborgen liegen. Es ist doch die nahe und nächste Nachbarschaft in der nach der Schlacht am Weißen Berg, der berüchtigte Henker Mydlár, mehr als zwanzig Adlige hat hinrichten lassen in einer Nacht. Die Teynkirche, die man von hier aus nicht übersehen kann, in der sowohl Tycho Brahe als auch Rudolf der II begraben liegen, hat ja selbst so unendlich viele Geheimnisse von denen wir nicht das Mindeste ahnen. Und vor noch nicht länger Zeit waren es nur wenige Minuten vom Haus zu den zwei goldenen Bären bis in das Jüdische Viertel, das erst zu Anfang des letzten Jahrhunderts assassiniert wurde. Aber noch sind sie nicht vergessen die Geschichten vom Rabbi Löw und Esther seiner schönen Frau. Mag ja sein, dass Egon Erwin Kisch als Kind jemanden gekannt hat, der jemanden kannte, der von jemanden ganz bestimmt gehört hatte, wie es war damals mit dem Golem, dem Rabbi, dem Kaiser, der Pest in der Stadt Prag, der schönen Jüdin Esther und der verzweifelten Liebe Rudolf des II. All das mag sein. All das mag hier vom Dachgeschoss oder vom Erkerfenster aus, irgendwann einmal beobachtet, aufgeschrieben oder auch nur leise weitererzählt wurden sein.

Das Haus zu den zwei goldenen Bären

Erst zum Ende seines Lebens und um alle Illusionen ärmer ist Egon Erwin Kisch ganz und gar heimatlos und fremd geworden in der Welt noch einmal nach Prag und wohl auch noch einmal in das Haus zu den zwei goldenen Bären zurückgekehrt. Die Bären- man weiß es nicht genau- beschützen sie die zwei Jünglinge oder sind sie Gefangene der beiden Tiere? Lassen sich Bären vielleicht mit Blumen zu Sanftmut bewegen? Bären so scheint mir, haben schon lange das Zutrauen zu den Menschen verloren. Egon Erwin Kisch wird das verstanden haben und vielleicht ließ sich in den letzten Lebensjahren, in denen die Namen der Toten immer nur mehr wurden, nur Zuflucht finden in den alten, so tief in der Vergangenheit liegenden Geschichten, die in den Kellergewölben, mächtigen Speichern, in den verschlossenen Türen und unter staubigen Balken verborgen liegen. Über alles, das kann man mit ruhigem Gewissen sagen, hat Egon Erwin Kisch geschrieben. Fast überall auf der Welt ist Egon Erwin Kisch gewesen.


Nur über sein Zuhause, nur über das Haus zu den zwei goldenen Bären hat Egon Erwin Kisch nichts geschrieben und nie etwas gesagt.

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

Die meisten Besucher Prags laufen am Café Arco einfach vorbei. Das ist nicht schwer. Liegt es doch an einer vielbefahrenen Straße, die direkt zur Moldau führt. Hier an der Straßenkreuzung, wo sich die Havlicikova, die Hybernská und die Dlázdéna sich kreuzen,haben es alle eilig. Die Prager hetzen zur Arbeit, die Trambahn rattert vorbei und die Touristen werden von ihren schreienden Guides fachmännisch verkabelt. Eine Stadtführung verfügt heute über das technische Niveau der Mondlandung. Aber seit dem ich vor einigen Jahren angefangen habe, nicht nur in Prag nach Franz Kafka zu suchen, gehe ich am Schluss meiner Prager Tage immer noch einmal nachsehen, was das Arco, das einst legendäre Café Arco wohl gerade macht. Als ich 2014 zum letzten Mal in Prag war, da war das Café Arco vernagelt und leer.
Aber schon als ich noch auf der anderen Seite der Kreuzung stehe, sehe ich eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht? Wird vielleicht doch das weise Wort von Karl Kraus noch einmal wahr und es “ brodelt und kafkat und werfelt und kischt“ wieder im Café Arco? Es gibt viele Orte in Prag an denen man Kafka suchen kann,aber vielleicht war das Arco und seine Gesellschaft doch der Ort an dem Kafka all das sein konnte, was er sonst nicht war. Es ist ja nicht umsonst ein Eckcafé, ein wenig verborgen, aber in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof der heute nach Masaryk benannt ist. Für all diejenigen, die den harten Kern des Arco bildeten, war dies von nicht zu geringzuschätzender Bedeutung. Franz Kafka konnte vom nächsten Zug nach Berlin oder Wien oder oder oder träumen, Egon Erwin Kisch konnte tatsächlich nach Berlin fahren, wo vielleicht am Abend noch ein Boxkampf stattfand und Max Brod, der ja bekanntlich am Bahnhof als erstes fragte, wo es denn die schönen Mädchen gäbe, musste immer schnell zum Bahnhof können, um entweder zur Geliebten zu fahren oder zurück zur Ehefrau zu eilen. Nie jedoch ohne noch einmal im Arco vorbeigesehen zu haben. Es passierte auch einfach zu viel: Franz Werfel brüllte und schrie Gedichte, Else Lasker-Schüler kam aus dem Morgenland zu Besuch und Kurt Tucholsky erzählte nun aber wirklich den letzten Witz. Otto Groß zergliederte Seelen und wem das noch nicht reichte der konnte sich immer noch von Alfred Kubin porträtieren lassen.

Die Bahnstation schräg gegenüber des Café Arco gelegen.

Heute kann aber auch ich endlich einmal einen Blick in das Innere des Arco werfen, denn die Tür steht als ich die Straße quere noch immer offen. An der Tür klebt ein Schild, welches ich nur mühsam entziffern kann, ich finde jedoch heraus, dass das Arco heute eine Kantine ist. Keine öffentliche Kantine jedoch, sondern die Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise für die Prager Stadtverwaltung tätig sind, können zwischen 8-10 Uhr morgens einen Bon ziehen und sich für das Mittagessen anmelden. Als ich durch die Tür trete, bemerkt mich eine Frau in Kittelschürze sofort. Ihr ist klar, ich habe keinen Bon, ich bin ganz offensichtlich keine Mitarbeiterin einer ihr irgendwie bekannten Verwaltung und trotzdem bin ich hier. Die Irritation der Frau kennt keine Grenzen. Einen Tisch kann sie mir nicht zuweisen, aber mich abweisen kann sie auch nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich kann Ihr dabei zusehen, wie sie sich bemüht irgendeinen ihr bekannten Verhaltensmaßregelkatalog zu finden, mit dem sie meiner Person begegnen kann zu finden, sie bemüht sich sehr, ihr stehen, es ist auch wirklich sehr heiß, die Schweißperlen auf der Stirn und hätte sie Kafka gelesen, sie fühlte sich sofort an den „Prozess“ erinnert und hätte keine Sympathie mit Josef K. der ihr ähnliche Schwierigekiten bereitete, wie ich ihr. Während sie also überlegt, wie mir zu verfahren ist, sehe ich mich um. Keiner der Gäste sieht auch nur vom Essen auf, die Polizisten schlürfen fette Hühnerbrühe, die Stadtverwaltunsgdamen picken Salat und etwas feiste Herren essen Lende mit Bergen von Kartoffeln. Das einzige Geräusch im Raum ist das Kratzen von Gabeln und Messern auf den Tellern. Ich kann gar nicht anders, als mich an den Landvermesser zu erinnern, der auch nicht glauben mochte, dass das geht: da zu sein, ohne stattzufinden. Schließlich nun energisch und mit Wischmop und Eimer bewaffnet vertreibt die Kantinendame mich aus dem Gastraum. Noch einmal aber sehe ich mich um, denn es war doch das Café Arco in dem Milena, die schöne, die kluge, die so begabte und energetische Milena Jesenská und Franz Kafka sich zum allerersten Mal sahen. Alle großen Liebesgeschichten glaube ich, haben ein „davor“ und diese, die vielleicht doch die schönste Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts war, begann genau hier. Dann stehe ich wieder vor der Tür und ich muss lachen. Ich schütte mich aus vor Lachen. Kafka, sage ich halblaut zu mir selbst, das mir nun ausgerechnet in Gestalt einer Megäre begegnest, meint das nicht, es ein wenig zu toll zu treiben mit mir?

In eine offene Tür muss man eintreten.

Café Arco. Detail

„Und sagt, die E., die mich abholt, und hast du Kafka gefunden?“ Aber ich kann noch immer nicht sprechen vor lauter Lachen und wie immer, wenn ich zum Café Arco gehe, an dem die allermeisten Menschen einfach vorbeigehen, muss ich mich auch als ich schon mit der E. auf der anderen Seite der Straße stehe und in Richtung Moldau laufe,immer wieder umdrehen. Es ist diese Starßenkreuzung, die mich wie keine andere, so sentimental werden lässt. Hier war Kafka. Kafka was here.

Prag-Ein Abstecher zum „Prager Tagblatt“

„Es wird Dir nicht gefallen“sagt, die E. „Das macht nichts E.“, sage ich. „Warst Du immer schon so stur?“,fragt die E. „Ich glaube schon“,sage ich und die E. knickt seufzend ein. „Also gut, um halb elf vor dem Café Louvré“ sagt sie und ich laufe los. Seit 1902 gibt es schließlich das „Louvré“, das zentral gelegen am Ende des Wenzelplatzes liegt. Und Max Brod und Franz Kafka gingen eine ganze Zeitlang bis zu einem recht großen Krach kam, gern zu den abendlichen Zirkeln. Aber es eilt ja nicht. Es ist noch einmal neun Uhr.

Aber noch ist ja Zeit. Zeit genug jedenfalls sich vom Wenzelsplatz aus nach rechts zu wenden und eine Parallelstraße zu wählen, die nämlich führt direkt in die Panská. Niemand, wirklich niemand der Wörter liebt und gute Geschichten, kann in der Panská Nummer 8 einfach so vorbeigehen. Denn dieses Haus, das heute so unscheinbar, reichlich verkommen eine Schusterwerkstatt und eine Art recht obskure Touristinformation beherbergt, war einst der Redaktionssitz der wohl berühmtesten und besten Tageszeitung der Welt: des Prager Tagblatts nämlich. Es gibt Menschen, die sagen, das Prager Tagblatt sei eine jüdische Zeitung gewesen. Andere hingegen meinen, dass es vielmehr eine Zeitung gewesen sei, die für die Sache der tschechisch-deutschen Versöhnung eingetreten sei, wieder andere finden es sei die erste liberale Tageszeitung, die 1876 ihre Arbeit aufnahm. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass das Prager Tagblatt, die erste und wichtigste europäische Zeitung war, die es je gab. Die Redakteure der Zeitung waren doch alle mindestens zweisprachig, die meisten aber sprachen mehr als vier oder fünf Sprachen, ihre Heimat das Wort nämlich führte sie durch ganz Europa und so versammelte das Prager Tagblatt bis 1939, die besten Geschichten, die Europa zu bieten hatte. Egon Erwin Kisch verfasste seine legendären Reportagen. Kennen Sie die, in der er nach dem Golem sucht? Wie selbstverständlich erschien Thomas Mann’s Zauberberg als Vorabdruck. Selbst Franz Kafka, der doch nie einen Text beenden konnte, schaffte den Abgabetermin für eine Zeitung, man stelle sich das vor, die mehrmals täglich erschien. Hermynia zur Mühlen versorgte die Leser mit Übersetzungen englischer Texte, natürlich gab es französische Musikritiken. Joseph Roth brachte Neuigkeiten aus Brody, ach eigentlich doch von überall, Kurt Tucholsky schrieb wie immer die größte Satire, Dinah Nelken brachte die große Mode, Alfred Plgar ging für das Prager Tagblatt in Berlin ins Theater und die besten Comic Zeichnungen kamen von Thomas Theodor Heine, der auch für den Simplicissimus und vor allem nach 1933 viele der besten politischen Karikaturen zeichnete, die es je gab. Das Prager Tagblatt war international ohne den Sinn für die Provinz zu verlieren, es war so trivial wie es ernst sein konnte, es nahm seine Leser ernster als sich selbst, das Prager Tagblatt, das waren große Reportagen, politische Skandale, es waren   Miniaturen aus Bukarest und Ostschweden, das Prager Tagblatt, das waren Redakteure, die nicht weltscheu waren, die neue Texte wagten,aber die vor allem, selbst im heißen Sommer 1914, nur kurz die Besinnung verloren, und dann weitermachten, was sie am besten konnten, eine europäische Zeitung nämlich. Das Prager Tagblatt erzählt nämlich auch eine Geschichte davon, dass Europa nicht nur zwischen Berlin, Paris und London stattfindet, sondern zwischen 1876 und 1939 wurde Europa von Prag aus in die Welt getragen, zuverlässig von Montag bis Sonntag. Max Brod, der ja alles konnte und noch viel mehr hat dem Prager Tagblatt, den schönsten Liebesroman geschrieben, den eine Zeitungsredaktion wohl je erhielt. 1924 jedoch bot das Prager Tagblatt, Anlass für eine traurige Nachricht: Herrmann und Julie Kafka gaben Nachricht vom Tod ihres Sohnes Franz.

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Das Redaktionsgebäude des „Prager Tagblatts“ , der progressivsten und europäischsten Zeitung, die es vielleicht jemals gab.

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Die berühmte Nummer 8 hat kein Klingelschild mehr.

Heute bietet die Redaktion des Prager Tagblatts einen traurigen Anblick. Der Hinterhof ist eine Ruine. Ein post-sozialistischer Zerberus schreit mich an, ich solle verschwinden und bleckt die vom vielen Rauchen gelben Zähne.

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Im Hinterhof regiert die Abrissbirne und bald schon wird die Redaktion des „Prager Tagblatts“ wohl endgültig nur noch Erinnerung sein.

Die Frauen in der Touristinformation schütteln den Kopf: „Prager Tagblatt“- nie gehört. Trotzdem und dennoch und gerade jetzt gilt es sich doch zu erinnern, dass eine europäische Zeitung, die doch von Selbstironie und Großzügigkeit, von Humor und Neugier, von ätzender Kritik ( ja auch das ) und scharfer Analyse getragen war, keineswegs eine Utopie, sondern eine so fantastische wie bewundernswerte europäische Realität gewesen ist, die keineswegs Vergangenheit bleiben muss.

Das Café Louvré übrigens hat mir wirklich nicht gefallen. Roter Linoleumboden, man stelle sich das vor. ( Oder besser nicht ). Gehen Sie einfach weiter, setzen Sie sich bloß nicht hin, sonst lacht die E. Sie aus, wie heute mich.

 

 

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (II)

Eingerüstetes Vorderhaus , Borivojova 27, Prag, Im Hinterhof befand sich die von Franz Kafka verhasste Asbestfabrik

Wendet man sich nun von der Polská ab und quert die Straße gelangt man bald in das ehemalige Arbeiterviertel Zizkov. Auf den ersten Blick hat sich zu den vorherigen Straßenzügen noch nicht viel oder gar Grundlegendes gewandelt: noch immer sind die Häuser so prächtig wie hoch. Mächtige Stuckfiguren beschirmen die Hauseingänge, die Balkone sind mit schmiedeeisernen Gittern versehen, die man wenn nicht künstlerisch gelungen so indes in ihrer Standhaftigkeit nur bewundern kann und doch ändert sich zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher das Bild der Straßen. Die Fensterrahmen sind abgeblättert, der Putz der Häuser oft löchrig, den Stuckfiguren fehlt hier eine Nase, dort ein halber Arm und die langen Jahre voll Regen und Ofenheizung haben auch an den Bluemnkränzen der Figuren merkliche Spuren hinterlassen. Das häufigste Accessoire der Fensterbänke sind dann auch dicke Federkissen auf denen unverblümt starrend die alten Mütterchen kauern, diesen Grundfesten der Straßen zwischen Prag und Bukarest liegen und die alles wissen. Hochzeiten und Scheidungen bemerken bevor noch der Ehemann die Tür ins Schluss donnert oder selbst die misstrauischste Mutter auch nur den kleinsten Verdacht schöpfen konnte. Säumten eben noch Vinotheken und indische Restaurants den Weg, riecht es hier nach Sauerkraut und billigem Schnaps. Die Männer tragen alle Jogginghosen, viele haben einen energisch kläffenden Hund an der Leine und die Mädchen in pinken Frotteehosen haben die Namen ihrer Kinder zumeist auf die Innenseite des Halses tätowiert. Sie riechen nach gefälschtem Parfum und stählernem Zigarettenrauch. Den arabischen Händler an der Ecke indes, frage ich nach dem Weg, denn ganz sicher bin ich mir nicht ob hier wirklich die Asbestfabrik, die Franz Kafka bis zu ihrer Liquidierung stetig quälte, liegt. Der Händler indes beruhigt mich: dies sei genau die richtige Straße , für den Weg gibt er mir ein Stück Baklava mit und schreibt sich den Namen Franz Kafka auf. Ich laufe weiter und weiter die Straße hinunter, nebenan wird Billiard gespielt und auf den Stufen vor der Kneipe sitzen die Trinker und blinzeln müde in die Sonne. Dass es die noch gibt, scheinen sie sich zu wundern, von oben lauern mit scharfem Blick auf den Kissen,die ewigen Wächterinnen, die sich wundern, was jemand wie ich, wohl hier bei Ihnen will. Ich suche nach Franz Kafka, müsste ich ja richtigerweise sagen und ich bin mir nicht sicher, ob die Federkissen mit ihren Geheimnissen wohl von Generation zu Generation weitergegeben werden und die alten Mütterchen von ihren Großmüttern lernten, dass der schnellfüßige und doch so hagere Mann, mit Abscheu zur Prager Asbestfabrik eilte, oder ob auch Franz Kafka in Zizkov immer zu fremd blieb und deswegen auch unauffällig. Asbest aber war um 1900 ein Wunderstoff, ähnlich wie Tesla versprach er die große technische Revolution: Autoreifen und Dächer sollten nur der Anfang sein, es sollte dann anders kommen, aber Karl Hermann glaubte an das große Glück, was für seinen Schwager Franz das große Unglück blieb: sollte er doch der Fabrik zu wahrem Schwung verhelfen. Dann aber erreiche ich die Borivojova 27, das Haus in dessen Hinterhof die Fabrik lag, ist eingerüstet, hier beginnt jetzt unwiderruflich eine neue Zeit. Eigentumswohnungen werden geplant, der Blick indes fällt auf triste Sozialbauten der 1970er Jahre und auch wenn die schon 1917 liquidierte Fabrik hier kein Begriff mehr ist. Die Stimmung ist ähnlich den Jahren, als zu viele Männer auf der Staße waren, als die Liebe für die vielen Kinder nie so Recht reichte, hier riecht es nach der Armut die sich über Generationen vererbte, hier war das Unglück, das musste auch der Schwager einsehen, immer häufiger zu Gast als das Glück und noch immer noch heute liegt eine schwere Decke der Trostlosigkeit über der Straße- sie wird wohl nicht doch aus Asbest gemacht sein?

Seitlicher Blick aiuf die dem Haus gegenüber befindliche Straßenseite. Trotz mildem Licht, liegt eine schwere Trostlosigkeit über der Straße

Eine leider verschlossene Durchfahrt durch die um die Ecke gelegene Ondrichkova 29 ermöglichte ebenfalls Zugang zur Asbestfabrik

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka 


Im Vinohrady, dem Prager Viertel, das seinen Namen den Weinbergen verdankt, die in Leo Perutz Geschichten ja keine unwesentliche Rolle spielen, liegt heiß in der Nachmittagssonne, nur von Ferne sieht man den Hradschin liegen und auch der nur wenige Meter entfernte Wenzelsplatz scheint meilenweit entfernt. Hier haben die Nachbarn, Liegestühle auf die Straße gestellt, zwei Männer spielen Gitarre, ein kleines Mädchen hüpft auf einem Bein und ich schenke ihm eine Handvoll Kirschen. Bald sitzen auch J. und ich in einem der kleinen Straßencafes, wir trinken eiskalte Limonade und der J. bläst Rauchringe in die Luft. Dann fährt er los nach Berlin und mit seinem Schlüsselbund in der Hand sehe ich von seiner Wohnung im obersten Stockwerk auf die glühende Stadt zu meinen Füßen. Aber dann gehe ich doch noch einmal hinunter, bewundere eine Frau im gestreiften Kleid und weiß nicht, ob ich sie mehr um ihr Kleid oder um ihre grünen Sandalen beneiden soll. Weit muss ich nicht laufen, nur zweimal ums Eck und dann in die lange Straße einbiegen, die um 1900 Nerudagasse und heute Polská heißt. Die Häuser ihrem Datum nach alle um die Jahrhundertwende gebaut, erzählen noch einmal die Geschichte des Bürgertums, das in diesen Jahren zwar etwas Parvenühaftes hatte und doch so selbstbewusst zu leben wusste, wie wir es wohl niemals tun. Hier also lebte auch Elli geborene Kafka mit ihrem Mann Herrmann, der die ein paar Kilometer entfernt gelegene Asbestabrik in Zizkov zu einem Erfolg machen sollte und doch nur der misstrauisch beäugte katholische Schwiegersohn blieb. Die Fabrik wurde bald zum Alptraum vor allem für Franz Kafak, der doch den elterlichen Zwängen so erfolglos wie hartnäckig zu entkommen versuchte und im Sommer 1914 in die Nerudagasse, die heute die Polská 48 ist, zog. Schwester Elli bangte um Mann und dessen Brüder, die alle für den alten Kaiser in die weiche böhmische Erde fielen. Das Haus, in dessen erstem Stock Kafka nun drei Zimmer bezog, liegt still an der Straßenecke. Im Erdgeschoss wird Billiard gespielt und die Haustür ist nur angelehnt. Als ich zaghaft an ihr ziehe, treffe ich ein Frau im Hausflur, die auf meine wortreichen Wendungen mit den Schultern zuckt und sagt: gehen Sie nur nach oben. Für eine ganze Weile sitze ich auf den Stufen und höre dem Haus zu. Kindergeschrei und Radiomusik, der Geruch nach Desinfektionsmitteln im Flur, Erdäpfelgulasch für das es doch an einem Tag wie heute viel zu heiß ist, vertrocknete Sukkulenten auf der Stiege und eine deutlich gedämpfte Außenwelt, selbst die Kneipe ist nur noch ein fernes Rauschen, hier im stillen, kühlen, etwas versunkenem Flur, in dem ein Kinderfahrrad vor der Eingangstür doch von Leben kündet. Und doch das schmiedeeiserne Geläner, die hohen Türen, die grausigen, gelben noch aus CSSR Zeiten stammenden Ölsockel und das nie ganz vergangene k.u.k von dem niemand so genau wusste, ob es nun königlich und kaiserlich oder doch etwas ganz anderes bedeuten hat, das alles tritt hier noch einmal hervor und an die kühlen Studen gelehnt, schlägt hier noch einmal das Herz Europas, das eine Geschichte davon erzählt, wie es eigentlich hätte sein müssen,wäre es nicht so unwiederbringlich anders gekommen.
Dann stehe ich auf und gehe zurück in die heiße Welt und warte bis die Sonne tiefer und tiefer über das Haus in der Polská 48 sinkt, um schließlich ganz zu verschwinden.