Wie der November riecht

Der November riecht nach nach langen Regentagen, nassen Schuh und einer vermoderten Holzplanke in einer Senke. Der November riecht nach Fisch mit weisser Sosse und nach der ersten Mandarine. Ganz vorsichtig fällt die Schale der Mandarine in meine Hand. Noch einmal rieche ich den Sommer. Einen staubigen Marktplatz in Andalusien vielleicht und eine Frau, die aus einer Holzkiste Orangen verkauft, und jede Einzelne in feines, knisterndes Seidenpapier einwickelt. Der Saft der Mandarine tropft mir auf die Hand. Der November riecht nach Maronen in Zeitungspapier eingewickelt und Hirschhornsalz. Der November riecht nach einer knarrenden Schublade, die selten nur geoeffnet wird, zu viele Erinnerungen liegen im November. Nach einer Kellertreppe und frischem, weissem Kalk riecht der November, nach Pfefferminzpastillen und Anisbonbons in einem Tweed-Jackett riecht der November. Nach einem Kuchen mit einundvierzig Kerzen und Schokoladenglasur riecht der November, so eine grosse Schwester habe ich. Aber meine Schwester am Telefon lacht, sie findet sie sei noch immer Peter Pan.
Am Telefon singe ich ihr ein Lied und höre ihr zu, wie sie die Kerzen auspustet.

Der November riecht nach Gemüsesuppe, nach Pastinaken und natürlich nach meinem Erzfeind Sellerie. Der November riecht nach frischgestrichener Wand und feuchter Erde, um die Rosen herum im kleinen Garten von M. Der November riecht Dieselmotoren an einem Kai im Westen von Irland, nach harter Arbeit und schwieligen Händen eines Fischers und seinem Netz. Kaum habe ich ihn gesehen im Nebel, der über dem Hafen liegt. Er schweigt und ich schweige. Im November hat die Stille, die hoeheren Rechte. Der November riecht nach Schuhputzcreme und Lederfett, nach dem dicken Daunenbett, das liegt in der Kommode neben dem Lavendel aus, aber vom Lavendel rieche ich im November nichts. Nach Efeu riecht der November und kalten Kirchen in denen ein Chor übt, viele Stunden lang. Am Ende der Probe haben die Sänger rote Wangen und haken sich unter den Armen ein, so als trüge die Musik sie witer durch den stillen Abend.

Der November riecht nach Temperaursturz und klammen Pyjamabeinen am Abend. Die Wäsche trocknet auch nach einem ganzen Tag auf der Leine kaum. Der November riecht nach der Müdigkeit der Sonne und der Schlaflosigkeit des Mondes, nach verblichenen Liebesbriefen und unbezahlten Rechnungen riecht der November und nach verschimmeltem Brot im weissen Kasten. Der November riecht nach Stachelbeeren im Glas und tropfendem Honig, von der Messerspitze hinunter auf einen Wecken. Der November riecht nach Kutscherhaus und Laterne. Lady Chatterly müsste ich einmal wieder lesen, denke ich mir, aber das Buch liegt irgendwo anders, aber nicht neben mir. Nach Stew auf dem Ofen am Sonntagabend riecht der November, noch immer nach Werther’s Echten in der schwarzen Handtasche meiner Grossmutter, die heute meine Handtasche ist. Das letzte Konzert mit ihr fiel auf einen Novembertag. Werther’s Echte lutsche ich nie und habe sie doch immer in der Tasche.

Der November riecht nach Massnahmenpaketen und Chlor im Schwimmbad, nach Salbei für den ersten Husten, der muss natürlich auf einen Freitag im November fallen. Der November riecht nach dem Unerfüllten, dem zu sehr gewünschten und immer, immer dem Unerreichten. Der November riecht nach mit Zeitungspapier ausgestopften Schuhen und nach feuchten Schaf überall. Der November riecht nach leeren Betten, nach dünner Milch und den mürben Äpfeln oben auf dem Boden. Es reicht noch einmal für einen Apfelkuchen mit warmer Sahne und die Katze schnurrt eine ganze, halbe Stunde lang. Der November riecht nach dem verbrannten Daumen am heissen Backblech. Au weh. Der November riecht nach tropfenden Tannen und Brandy, ein Mann zerdrückt mit seiner Hand den Stiel des bauchigen Glases. Es gibt nichts, was nicht passiert im November, denke ich mir.

Der November riecht nach dünnem Eis.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Wie der Oktober riecht

Der Oktober riecht nach verbrannter Milch früh am Morgen. Nach feuchter Erde und der letzten gelben Rosenblüte riecht der Oktober. Schon zerfaellt die Bluete, eine letzte Hand voll Rosenduft.Nach Kürbis im Ofen und Rosmarin aus der alten, rostigen Dose links im letzten Regal.
Nach nassen Socken riecht der Oktober und feuchten Bettlaken draussen im Hof auf der gelben Waescheleine, die auch nach einem langen Nachmittag nicht trocken wird. Der Oktober riecht nach Quitten, schwer und süss sind die Quitten, weich ist ihr Flaum gegen meine Wangen. Der Oktober riecht nach Rotweinkuchen, den meine Schwester so liebt und den ich ihr immer backe, aber nie probiere. Schwesterchen macht omm-nomm-omm.

Der Oktober riecht nach Torf und nassem Laub, seltener nach Sonnenflecken und oft nach den Orangenschalen, die die M. in den Küchenofen wirft. „Oh wie das knallt“, sagt sie und erschauert. Die Orangenschalen knistern. Der Oktober riecht nach einem frischen Bücherstapel und der Wärmflasche in meinem Bett. Immer an den Füssen. Meine Füsse sind immer kalt. Aber im Oktober sind sie immer noch etwas kälter als ohnehin. Der Oktober reicht nach Birnenkompott. Meine Grossmutter weckte Jahr für Jahre viele Gläser ein. Ich mag Kompott nur selten, zu klebrig, zu süss und zu modrig ist mir der Saft. Aber meine Grossmuter habe ich geliebt und so wecke ich doch Jahr für Jahr Äpfel und Birnen ein. Die D. freut sich doch immer so und ich kann dann ohne schlechtes Gewissen Apfelgelee einkochen. Der Oktober riecht nach aufgeschobenen Dingen aus dem März, nach schlechtem Gewissen ohne ersichtlichen Grund, der Oktober riecht nach einem Konzert mit einer schlecht gestimmten Geige und einem Kinofilm in dem der Held, die Helden schon wieder nicht küsst, sondern mit ihrer Schwester nach Nizza reist, nur um dort unglücklich zu versterben.

Der Oktober riecht nach Andersen Mächen und warmen Apfelkuchen. Der Oktober riecht nach Kamillentee und dem ersten argen Schnupfen. Hatschi. Der Oktober riecht nach dem Heckenschnitt und schalem Bier auf dem Tisch einer Kneipe. Der Oktober riecht nach Kerzen und fuenfstimmigen Nichtengesang. Der Oktober riecht nach Briefpapier und Spaghetti mit Chili und Parmesan. Der Oktober riecht nach Uff und Ach und verraetselten Träumen. Der Oktober riecht nach Arbeit und noch mehr Arbeit und ach, das muss ja auch noch werden.
Der Oktober riecht nach frischem Brot und Brot, das man nicht essen kann. Der Oktober riecht Walnusseis. Der Oktober riecht nach der missgestimmten Katze, die vergeblich versucht mit der Pfote an eine Spinne aus ihrem Netz zu angeln. Wenn die Katze missguenstig ist, haben wir alle etwas davon. Nur die Spinne lacht und hangelt sich weiter nach oben.

Der Oktober riecht nach Kefir aus dem Glas und zu frühem Aufstehen, nach kaltem Atem im Badezimmer und Pfefferminzzahnpaste. Der Oktober riecht nach Samtjacketts und jenem Mann auf dem Bahnsteig der mit seiner Zigarre blaue Wolken in den stillen Morgen bläst.
Der Oktober riecht nach dem billigen Weinbrand der Trinker. Sie merken den Winter viel frueher als wir. Der Oktober riecht nach Furcht in allen Lebenslagen und ein bisschen nach Wehmut, denn dieser Sommer war lang wie blau. Nach Heimweh riecht der Oktober, denn im Oktober reisen viele Klassen nach Irland. Ein Junge schluchzt in das Fell eines alten Plüschdrachen und seine Freunde sagen: „Bruda, wir rufen deine Mami gleich noch mal an.“ Der Oktober riecht nach Stahlwolle und den Geheimnissen eines Werkzeugskoffers. Der Werkzeugkoffer gehört dem Heizungsinstallateur. Der Installateur knurrt über Ventile und kratzt sich mit einem Zimmermannsbleistift hinter dem Ohr. Das wort Zimmermannsbleistift wollte ich schon immer einmal schreiben, manchmal kommt sie dann doch die richtige Gelegenheit. Der Oktober riecht nach heisser Zitrone und wässrigem Porridge.
Der Oktober riecht nach Ariel 3 in 1, denn ich wasche doch noch einmal die hellblaue Steppdecke bevor der Winter wirklich kommt.

Der Oktober riecht nach den Buchsbaumhecken auf einem Friedhof nahe dem Meer.

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Frau Wortschnittchens olfaktorische Impressionen kommen von der Suedhalbkugel

Bei Ijuno kommt der Oktoberduft aus Indien.

Loosy hält in Berlin die Nase in die Luft.

Kiki erinnert sich an den Geruch Ihrer Kindheit und auch Abwesenheit lässt sich erschnuppern.

Wie der August riecht.

Der August riecht nach der schweren Süße der Pflaumen und der Schärfe, die in jedem ersten Klarapfel liegt. Der August riecht nach Brombeeren und dicker Milch. Satt riecht der August und dieser August gehörte den Wespen. Einen Apfel oder auch zwei holen sich die Wespen unter den Apfelbäumen und so riecht der August nach der Vergänglichkeit, die das Barock so liebte. Der August riecht nach dem Ende der Sommerferien, nach langen Zugfahrten und einer Wanderung mit Blasen an den Füßen. Der August riecht noch einmal nach feuchten Handtüchern und der See riecht schon nach dem schweren Atmen des Nöck. Lange wird der See den Menschen nicht mehr gehören.
Der August riecht nach Zitronensorbet und einem Sommerfest auf dem man trinkt und lacht, um schließlich doch zu tanzen. Der August riecht nach Regenwolken, die doch weiterziehen und nach vertrocknetem Gras. Nach schwelendem Rauch riecht der August und der Müdigkeit eines kleinen Mädchens, das selig in einem roten Buggy schläft. Nach Bergamotte riecht der August und keimenden Kartoffeln in einem kühlen Kellergelass. Der August riecht nach schwarzem Tee mit Pfefferminz und kalten Zitronenscheiben. Der August riecht nach kühlen Morgen und feuchten Füßen im nassen Gras. Noch einmal blüht die gelbe Rose an der Mauer ganz weit hinten am Garten und noch einmal kann man sich eine Hand voller Himbeeren aus der Hecke pflücken. Der August riecht nach frisch gedruckten Büchern und Filzstiften mit denen am offenen Fenster Mütter viele Male auf Schulbücher schreiben: Mathematik, Elisa, Klasse 3 b.
Der August riecht nach Milchreis mit brauner Butter und der Zimtstange, die im Topf ganz langsam um ihre Achse kreiselt, denn es sind schon wieder so viele Pflaumen reif. Der August riecht also nach Pflaumenkuchen und einem dicken Löffel Pflaumenmus auf schwarzem Brot. Das riechen die Wespen und nachdrücklich weisen sie auf den Esslöffel hin, der so vortrefflich für das Verteilen von Pflaumenmus zu gebrauchen ist. Der August riecht nach Brotdosen, die zum ersten Mal seit sechs langen Wochen geöffnet werden und nach der Aufregung der Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie sind jetzt groß, flüstern sie sich zu und greifen nur ganz verstohlen in ihre Tasche, um sich zu versichern, dass ein treuer Teddybär und ein Nilpferd aus Plüsch noch immer bei ihnen sind. Der August riecht nach Benzin in einer Pfütze, nach kaltem Kaffee in einer Tasse. Jemand muss die Tasse vergessen haben, denn im kalten Kaffeesee schwimmen Zigarettenstummel.

Der August riecht nach billigem Rosé aus dem Aldi. Es ist Sommer auch noch für die Trinker auf der Parkbank, vielleicht hilft der Rosé gegen die Erinnerung an den Winter, der sich irgendwo schon die Stiefel putzt. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen. Der August riecht nach Seife von Molton and Brown und nach der Erleichterung, dass der Opel Corsa, der ein junges Studentenpaar doch nach Heidelberg bringen soll wirklich anspringt, auch wenn es lange so aussah als sei jede Mühe umsonst. Der August riecht nach der Müdigkeit des Sommers, lang war der Sommer und die Hände des Sommers haben lange schon Schwielen. Seinen Kopf in die Regentonne sinken zu lassen davon träumt der Sommer und er seufzt, sieht er auf seine trockenen, rissigen Hände. Der Sommer riecht nach Rilkes Frack und nach der Furcht der Kinder, die bei mir im Garten Äpfel, Birnen und Pflaumen stehlen und nicht damit rechnen, dass ich sie aus der Hängematte ganz genau sehen kann. Sie flüstern: „Glaubt ihr sie holt die Polizei?“ Einem Buben aber purzeln die Äpfel aus der Tasche und er beißt sich auf die Lippe. Was nun? Es gibt auch Apfelkuchen sage ich und er wird ganz rot, verlegen, beißt sich auf die Lippe, starrt auf den Boden und weiß nicht, dass er mir doch der Liebste ist aus der Kindergruppe. Die Anderen sind schon über den Zaun verschwunden. Auf ihn warten sie nicht. „Klauen ist blöd“, sagt er und ich sage: „Warum?“

Er sieht mich zweifelnd an. Weil die geklauten Sachen eigentlich nur nach schlechtem Gewissen schmecken, sagt er und schluchzt und weil man nur in die Clique darf, wenn man auch klaut.“

Der August riecht nach getrockneten Tränen und Apfelkuchen mit einem großen Klecks Sahne. Der August riecht Ölfarbe und süßen Trauben.

Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.

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Wie der Juli riecht.

Der Juli riecht nach staubigen Straßen und nach einer Sonne, die nicht müde werden will. Der Juli riecht nach Meer und Hagebutten. Die Hagebutten riechen nach dem Geheimnis des Sommers und das Meer riecht nach Tang. Süßllich riecht der Tang so als sei er Lakritz, aber was weiß man schon über die Dinge tief auf dem Grund. Über allem aber, liegt das Meer. Der Juli ist sein Patenkind. Der Juli riecht nach Wassermelone und Sonnencreme. Der Juli riecht nach langen Tagen und schwülen Nächten, nach einem großen Eis mit bunten Streuseln obendrauf, nach klebrigen Fingern und nach noch mehr Sonnencreme- sogar in den Haaren. Nach einem vergessenen Apfel in einer Tasche riecht der Juli, der Apfel ist braun gesprenkelt und auf dem Apfel sieht sich eine Fliege um. So einen Apfel mit einer Fliege habe ich schon einmal gesehen in einer Galerie irgendwo in den Niederlanden. Ich habe vergessen ob die Galerie in Rotterdam oder Den Haag war, aber die schimmernden Flügel der Fliege, den Apfel und das dunkle Zimmer in dem der Apfel lag, auf einem Holztisch oder einem Teller,das habe ich nicht vergessen. Nur gerochen habe ich damals nicht, aber in diesem Juli dann doch.

Der Juli riecht nach Coca-Cola mit einer Zitronenscheibe und Eiswürfeln im Glas. Die Eiswürfel klirren im Glas, aber noch lieber lege ich sie mir unter die Zunge. Die Eiswürfel glitzern vor Kälte und riechen nach einem Rest von Himbeere oder einem Blatt Pfefferminz, das gebe ich oft in das Wasser hinein, bevor aus dem Wasser, Eiswürfel werden. Modrig riecht der Juli, nach Seerosen und einem dumpfen Gewässer in dem immer eine Kröte quakt oder eine Libelle sirrend durch den Schilf fliegt. Liegt man lange genug im Verbogenen, dann rudert jemand ein Boot vorbei und das Ruderblatt klatscht erst ein und dann zweimal ins Wasser, ein rotes Hemd sehe ich dann ist das Boot schon vorbei und der Schilf, der dumpfige See, die weißen Seerosen, die Libelle und ich sind wieder allein. Der Juli riecht nach Weißwäsche und geräucherter Forelle. Steckerlfisch, glaube ich nennt man so eine Forelle am Spieß, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Der Juli riecht nach Reisefieber und nach blauem Himmel. Aber wo zum Himmel ist denn die blaue Tasche geblieben?

Der Juli riecht nach Kaffee aus einer Emailletasse, nach Druckerschwärze an den Händen der Zeitungsleküre, denn es ist so warm im Zug. Der Juli riecht nach der Verzweiflung wenn sie hören: „ Der Eurocitay nach Budapest hat heute 90 Minuten Verspätung.“

Der Juli riecht nach Sand in den Haaren, Sand in den Schuhen, Sand in den Sachen und nach noch mehr Sand in den Haaren. Der Juli riecht nach den schlafenden Kinder in der Hängematte im Garten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit, die sich zwar im Schrank versteckt, um doch nur auf mich zu warten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit der Museumswärterin im Sternberg Palais, die so hinreißend gähnte, dass man auf der Stelle hätte einschlafen mögen. Der Juli riecht nach schwarzem Tee mit Zitrone, nach Bohnerwachs und Himbeerbonbons. Der Juli riecht nach einem Mann in der Bahn und seinem Rasierwasser. Pinien denke ich als ich ihm zusehe, wie er sich ein Taschentuch vorsichtig mit dem Pinienwasser beträufelt, um es sich schließlich mit langsamen, kreisenden Bewegungen über das Gesicht zu reiben. Der Juli riecht nach Geburtstagstorte, nach weichem Teer auf der Straße, nach den scharfen Zigaretten der Bauarbeiter, nach Autan und einer Hand voll Rosenblätter. Der Juli riecht nach Heidelbeeren mit kalter Milch, nach roter Grütze und Vanillesoße in dem alten Steingutkrug, der Juli riecht nach Abenteuer, denn am Strand entdeckt ein kleines Mädchen zum ersten Mal das Wunder Meer. Einen ganzen Eimer voll Muscheln nimmt sie mit nach Haus, um vom Meer zu träumen bis sie wiederkommt. Der Juli riecht nach Rolltreppen und so trocken riecht der Juli, dass die Zunge einem am Gaumen klebt und man glaubt man würde nie wieder etwas riechen. Der Juli riecht nach Reisebroten, gekochten Eiern in einem Korb, der Juli riecht nach Landstraßen und flatternden Hemden über einer Leine im Wind.

Der Juli riecht nach dem Wort: Wagenstandanzeiger und Johannisbeergelee.

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Wie der Mai riecht

Der Mai riecht nach dem Geißblatt hinter dem Gartenzaun. Der Mai riecht nach Zement und Staub überall Bauarbeiten, aufgerissene Straßen, Gruben und ein Zementmischer dreht sich im Kreis. Eine Katze läuft durch den noch feuchten Beton. Der Mai riecht nach Lindenblüten süßlich und ein bisschen zu schwer. Der Mai riecht nach Wäscheweiß der Frau des Krämers, die wäscht im Mai Gardinen, die Bettwäsche und die guten Tischtücher. Die Betten lüften im Garten aus, der Garten ist hinter dem Haus, aber das ganze Dorf riecht nach Waschpulver und den Alpenträumen des Krämers und seiner Frau.

Der Mai riecht nach den ersten reifen Erdbeeren, rot und saftig tropft der Saft an den Mundwinkeln hinab, meinen und denen der Kinder. Der Mai riecht nach verblühten Kastanien und Akazien, der Mai riecht nach der blühenden Heide hinter dem Haus im Oberland. Dumpfig riecht der Berliner Garten, nach Sumpfdotterblumen, die es dort gar nicht gibt, nur das alte steinerne Bassin in dem die Kröte Jahr für Jahr ihren Sommer verbringt und doch der Mai riecht nach Schlingpflanzen und Algen, ein Farn verfängt sich in meinem Bein, nie lässt der Nöck einen vergessen, wem der See eigentlich gehört. Der Mai riecht nach Grillkohle und wer früh vor sieben Uhr zum Schlachtensee fährt, bevor die Wagen der BSR die Reinigung übernehmen, da riecht der See nach allen Alkoholsorten auf den Regalbrettern von Lidl, ALDI, REWE und Co. Der Mai riecht nach halbgeschmolzenen Eiswürfeln in tiefen Gläsern, nach Zitronenlimonade mit Pfefferminz und nach verwelkten Gurkenscheiben. Der Mai riecht nach geschnittenem Rasen und dem Staub hinter dem Bücherregal. Der Mai riecht nach Milchkaffee und Mottenkugeln.

Der Mai riecht nach Meer, manchmal ist das Meer ein Freibad und manchmal ist der Geruch von Meer auch eine hellblaue Flasche von Nivea. After Sun. Der Mai riecht nach dem Lachen der Kinder, die wieder und wieder durch den Rasensprenger laufen. Bitte Read On, noch einmal die andere Richtung, die Kinder haben Seitenstechen und in den Pfützen im Rasen hüpft die Kröte vergnügt umher. Der Mai riecht nach Thé vert Marrakech Mint, eine Tasse nach der anderen trinke ich am Schreibtisch. Der Schreibtisch riecht nach gerunzelter Stirn und zu vielen dort verbrachten Stunden. Der Mai riecht nach geriebener Möhre mit Apfel, Essig und Rosinen, rieb meine Großmutter Möhren dann war der Sommer beinahe da. Ich reibe noch immer Möhren und Äpfel und sehe auf den Kalender.
Der Mai riecht nach der ersten gelben Rose. Die erste gelbe Rose im Garten behauptet der Tierarzt riecht nach Lakritze. Der Priester fand, dass die gelbe Rose nach gerösteten Mandeln röche. Dabei weiß doch jeder, dass die erste gelbe Rose im Jahr nach Earl Grey Tea riecht.
Der Mai riecht nach der blühenden Heide und Zahnpasta. Der Mai riecht nach Biskuit. Der Mai riecht nach ausgelutschten Orangenschalen und brennenden Füßen vom zum ersten Mal Laufen in den schönen Sandalen mit goldenen Riemchen, die trug eine Frau mir gegenüber in der S-Bahn, wieder und wieder drehte sie die Knöchel vor und zurück, ganz und gar versunken in den Anblick ihrer goldenen Füße.

Der Mai riecht nach den salzigen Rändern an den Hemden der Pendler im Zug. Der Mai riecht nach langen Nächten und Lampions, der Mai riecht nach dem Rotstift und Sorgenfalten und im Bus sitzt ein Mann mit einer einzigen roten Rose. Im Mai antwortet manchmal jemand auf eine Kontaktanzeige. Der Mai riecht nach Hoffnung, Aufbruch und am Telefon sagt ein Mann: „Bei dem Wetter stört mich nicht einmal nach die Schwiegermutter.“ Der Mai riecht nach Anispastillen und Kartoffeln mit Leinöl und Quark. Der Mai riecht nach Eis am Stiel, der Mai riecht salzig und süß zugleich , schwer wie der Regen, der in der Luft liegt, aber der Regen hat dann doch ganz eigene Pläne. Der Mai riecht nach Goldregen und rissig gewordenem Schrankpapier aus einer alten Drogerie.
Der Mai riecht nach Anfang und Segeltuch.