Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.

Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.

Ein fehlendes Bett

Immer ist die Müdigkeit schon da, wartet auf mich und in der S-Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt Berlin, da legt die Müdigkeit ihre Arme um mich. Die Müdigkeit ist ein Schal aus undurchdringlicher Wolle. Auf dem Bahnsteig gefriert der Atem, die Männer trinken Bier, die Frauen trinken aus kleinen Flaschen mit grünem Verschluss. Die Frauen und Männer sind nicht müde, sie wollen etwas erleben, die Nacht fängt doch gerade erst, halb eins ist, die Müdigkeit drückt sich mir in die Rippen. Auf der anderen Seite, mir gegenüber sitzt eine Frau. Älter schon, vielleicht Ende Fünfzig, neben ihr steht ein Paar roter Lackschuh. Billige Schuhe, das sieht man auch von weitem, der rote Bezug hat Risse, die Hacken sind abgetreten, die Riemen mit Tesa-Film geflickt. Es ist zu kalt für rote Schuhe, denke ich mir und wieder steigen Leute aus. Die Frau hat dunkelrot gefärbtes Haar, aber das stimmt nicht, die Frau hatte einmal dunkelrotes Haar, die Farbe ist lange schon herausgewachsen, nur ein paar Strähnen sind noch dunkelrot. Die Frau trägt einen Mantel, aber den zieht sie aus, sie trägt eine Strickjacke aus Wolle, die vielleicht einmal weiß war, vor ein paar Jahren in einem anderen Leben, jetzt ist die Strickjacke fleckig und grau. Die Frau seufzt, die S-Bahn fährt durch die Nacht, die Frau massiert sich ihre Zehen, vorsichtig reibt sie sich über die Ballen, vielleicht ist das Paar Socken an den Füßen das letzte Paar Socken, welches sie hat, dann kramt sie in einer Tasche, eine kleine Reisetasche, nicht viel größer als eine Tasche in die man Schuhe, ein Handtuch und ein neues T-Shirt wirft, geht man zum Sport.

Aber die Frau mir gegenüber, hat nur noch diese Tasche und vielleicht irgendwo noch einen Koffer. Sie zieht sich ein Paar Schlafanzughosen über die Leggins. Die Frau trägt ein Kleid unter dem Mantel und jetzt trägt sie Schlafanzughosen über den Leggins. Kleine Bären mit einem roten Herz sind dort draufgedruckt und der Bär hat ein Pflaster über dem Ohr. Dann wühlt die Frau noch einmal in ihrer Tasche und zieht ein paar Bettpuschen hervor, auch sie waren einmal rosa oder pink, jetzt sind sie grau und dann legt die Frau sich über die Sitze, streckt sich aus, schüttelt den Mantel auf, als sei er ein Deckbett, schüttelt ihn auf so gut sie kann, sie langt nach einem Pullover in ihrer Tasche, faltet ihn in ein Quadrat, jetzt ist er kein Pullover mehr, sondern ein Kissen,sie murmelt etwas, was ich nicht hören kann: „Lieber G*tt mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sagten die Kinder, mit gefalteten Händen, vielleicht erinnert sie sich daran noch, das weiß ich nicht, meine Großmutter legte mir die Hand auf die Stirn als ich ein Kind war, ich fürchtete mich vor Frau Holle, die im Himmel, die Kissenbezüge aufschüttelte, deren Bettdecken so schwer waren, dass es schneite, klopfte sie nur heftig genug. Selbst der Mond mein alter Freund, fürchtete sich vor Frau Holle und dem Zorn ihrer Nächte.

Es ist kalt draußen, das Thermometer, auf dem Balkon, das sehe ich nach, später Zu Hause auf dem Balkon, es zeigt minus 8 Grad, aber vielleicht sagt die Frau auch jemanden Gute Nacht, den es nicht mehr gibt, oder nur noch in Gedanken, dann schläft sie ein und die S-Bahn fährt durch die Nacht und ich sehe nur noch ihre Beine, die über dem Sitz hängen, die Beine in den Schlafanzughosen mit den Bären und den Herzen.

Sie schläft, unter dem Mantel, der keine Decke ist, auf zwei Sitzen, die kein Bett sind, in einer S-Bahn, die eine Endstation hat und ich weiß nicht, ob die Frau dann aufwacht, ob ein Bahnmitarbeiter kontrolliert, ob alle Fahrgäste ausgestiegen sind, ob sie auf einen anderen Zug wartet, in dem sie sich wieder ein Bett macht, ob Betrunkene sie anrempeln, ob eine Hand nach ihrer Tasche greift, und dann sehe ich noch einmal auf ihre Schuhe, rote Lackschuhe aus Plastik oder so, keine Schuhe für eine kalte Nacht. Ich lege sieben Euro in ihre Tasche, ich weiß nicht, ob sieben Euro einem helfen in der Nacht, lege das Geld ganz vorsichtig in die Tasche.Schlafende soll man nicht stören, aber ich bin beschämt, Frau Holle aber lässt keine Daunen vom Himmel fallen, der kleine Häwelmann steht nicht mit seinem Bett am Bahnhof, da wie man sich bettet so liegt man, ist ein deutsches Sprichwort, es verheißt nichts Gutes.

Die S-Bahn hält an, ich steige aus, die Frau schläft, es ist dunkel, hier leuchtet die Stadt nicht, die Häuser sind dunkel, auf meinem Bett liegt eine dunkle Decke, es ist kalt und ich kann nicht schlafen, die Müdigkeit ist ein graues Tuch. 52.000 Menschen habe ich neulich gelesen, leben in Deutschland auf der Straße, eine Frau liegt in der S7 und schläft, für zwanzig Minuten vielleicht, ich sehe auf den Wecker, viertel nach eins, zeigt die Uhr, ich sehe die Frau und die Nacht ist dunkel und kalt.Die Frau hat kein Bett.

Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.

 

Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, Pfützen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schützenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nächstgrößeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach Münzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was für ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders Hübscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfängt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so früh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flüsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen Bäcker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem Stück Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dürfen gern lästern, wie sehr dieser Blog damit beschäftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel über reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den südlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem Motzverkäufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart für ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem Säufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schüttelt enttäuscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine Hände an dem Kaffeebecher wärmt und fürchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. Später an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-Schlüssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann über Großmütter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem Mädchen und das Mädchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen Mädchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das Mädchen weg von dem Hund. Der Hund und das Mädchen hätten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind länger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier würde er in Ruhe gelassen, in der Stadt würden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er käme nicht mehr so schnell hoch. „Auf die Großmütte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die Großmütter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.

Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.

 

 

Auf der Bank im Garten

IMG_4591 (2)Vor drei Jahren seufzte mein Lieblingsnachbar schwer und hörbar. Dann nahm er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und machte den Schlüssel vom Gartentor ab. „Read On“, sagte er, mir fällt niemand ein außer Dir. Dann schob er das Schlüsselbund langsam über den Tisch zu mir herüber. Ich nickte sehr zögerlich. Dann gingen wir in den Garten hinunter. Der Lieblingsnachbar wies mich in die Funktionsweise der Wasserpumpe ein, ließ mich in einen Klarapfel beißen, und stellte mich den Mitbewohnern vor: der Kröte in der rostigen Gießkanne, der Igelfamilie unter der Buchenhecke und all den Vögeln, die hier und dort ihre Nester haben. Dann saßen wir auf der Bank , die schräg unter der großen Kastanie steht. „Hör mal Read On“, sagte er, „Du fürchtest dich doch nicht so schnell,oder?“ Ich fuhr über mir über die Rippen und erinnerte mich: „Nein, sagte ich“ , so schnell fürchte ich mich nicht.“ Der Lieblingsnachbar nickte zufrieden. Seit Jahr und Tag schon, fuhr er fort, vor allem in den warmen Sommermonaten, sieht oft ein obdachloser Mann vorbei. Manchmal schläft er hier auf der Bank im Schatten der Kastanie oder wäscht sich das Gesicht an der Wasserpumpe. „Jedenfalls eine arme Seele“, sagte der Nachbar, der ja nicht ohne Grund der Lieblingsnachbar war und sah mich an. Wieder nickte ich. Wenige Wochen später zogen die Lieblingsnachbarn aus und sehr traurig sah ich ihnen hinterher. Seitdem also grabe und jäte ich, hacke und gieße, stutze und schneide ich und ernte und ernte und ernte. Die Kröte fand mich wohl reichlich fad, denn bald schon zog ein Kröterich zu ihr in die Gießkanne ein und nun hüpft man gemeinsam durch das immer ein wenig zu hohe Gras. Die Amseln gehen morgens spazieren und die Igel verlangt es dann und wann nach einer Erdbeere zum abendlichen Dessert oder ein paar Brombeeren gegen das Nachmittagstief. Allein der obdachlose Mann ließ auf sich warten. Eines Tages kam er dann doch. Bemerkt aber habe ich zunächst nicht, denn ich stecket kopfüber in der dichten Buchenhecke und sägte dichte Äste heraus. Die Hecke allerdings verlor die Geduld mit mir und beförderte mich mit Schwung aus der Hecke heraus. „Hoppla“, sagte da eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen Mann an der Wasserpumpe stehen, der sich so gründlich wie es eigentlich nur Chirurgen tun, die Hände wusch. Eigentümlich bekannt schien mir der Mann, aber erst später als das Wasser schon nicht mehr über seine Hände lief und er die Frage nach einem Stück Kuchen mit einem kurzen Kopfnicken beantwortet hatte, fiel es mir wieder ein. Der Mann, der nun dort unten im Garten auf der weißen Bank unter der alten Kastanie saß, dass war doch Innstetten, Baron von Innstetten, der da unter der Kastanie seine Füße in die Sonne hielt. Denn der, der dort in der Sonne saß, der lümmelte nicht, der saß nicht hingefläzt, sondern gerade und mit durchgedrücktem Rücken, ganz wie Innstetten eben der doch auch und vor allem ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten war. Dieser erste Eindruck aber setzte sich fort, denn wie Innstetten ist er diszipliniert und noch bei schlechtestem Wetter und auch an den widrigsten Tagen geht er mit festem Schritt durch das Gartentor und niemals lässt seine Haltung auch nur das leiseste zu wünschen übrig. Mit mir wie schon mit Effi, diesem Luftkind, spricht Innstetten nur das Nötigste. Ausführlicher hält er mit der Kröte in der rostigen Kanne Zwiesprache. Allerdings, denn Privatheit ist ein hohes Gut, halte ich mich fern und kann nicht sagen, ob er über Kunst referiert oder gar vom Chinesen anfängt zu sprechen. Seit Jahr und Tag also richte ich Kuchen und Kaffee, sehe ich seine hochgewachsene Gestalt in der Straße auftauchen. Zweimal im Jahr, stelle ich eine Tasche mit neuen Anziehsachen auf die Bank und längst schon liegt ein Stück Seife und ein Handtuch neben der Wasserpumpe. Lange Zeit versuchte ich herauszufinden, wie er wohl über den Winter käme, aber die Antwort, die ich bekomme lautet immer: „Dies wird ein gutes Jahr für die Äpfel“ oder „hat der Regen viele Pflaumen zerschlagen?“ Aber hat Innstetten je auf etwas direkt Antwort gegeben? Ich muss zugeben, ich habe immer eine Schwäche für Innstetten gehabt, der im Buch als ewiger Langweiler von Anfang an auf recht verlorenem Posten steht, und schließlich Effi dann Crampas, diesem Geck und Stutzer dreingeben muss, nein leicht hat er es nicht gehabt und dann noch die Briefe im Nähkästchen, die ja auch keine Größe, sondern nur Preußisch-Verdruckstes enthielten. Auch sein Wiedergänger, unten im Garten, das sieht man sofort hat es nicht leichtgehabt mit dem Leben und wer weiß schon, wer sein Crampas gewesen sein mag. Noch aber scheint die Sonne, das Gartentor quietscht in den Angeln, der Kirschkuchen kommt warm aus dem Rohr, die Brombeeren werden schwarz und die erste Schale bekommen wie stets die Lieblingsnachbarn und unter der Kastanie im Garten sitzt derweil Baron von Innstetten und sieht in die dichten, grünen Blätter der Hecke, in der die Vögel ihre Nester bauen.Aber dennoch hier im Garten am südwestlichen Ende der großen Stadt Berlin, da sei noch einmal daran erinnert, dass es Innstetten war, der fand “ Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen“ und der aller schneidenden Strenge zum Trotz etwas davon verstand, was es heißt nicht mehr dazuzugehören.