Das Hotel Central

Das Hotel Central ist, obwohl an einer vielbefahrenen Straße gelegen mitten in Dublin gelegen , leicht zu übersehen.

Das Hotel Central fällt einem nicht auf. Ich frage mich oft, ob das nicht Absicht ist.

Das Hotel Central ist aus rotem Backstein und über dem Eingang des Hotel Centrals ist ein großes Vordach angebracht.

„Hotel Central“ steht auf den bunten Glaskacheln des Vordachs. Erstaunlicherweise ist es gerade jenes Zierdach, das einzige Schmuckstück des Hotel Centrals, welches maßgeblich dazu beiträgt, dass das Hotel so leicht zu übersehen ist.

Das Hotel Central gibt es schon seit dem vorletzten Jahrhundert.

Man sieht es ihm an.

Früher einmal mag es ein Hotel glitzernder Geschichten von Fernreisenden, Kolonialbeamten, britischen Offizieren und reich gewordenem amerikanischen Besuch gewesen sein.

Dass die Zeiten auch einmal ganz andere gewesen sein, daran erinnert fast nichts mehr- nur noch eine alte Lampe und ein verwittertes Plakat hinter der Rezeption, das für eine Schifflinie wirbt, die es nicht mehr gibt.

Gewiss auch das Hotel Central ist immer mal wieder renoviert worden, aber der Irrtum der Innendekorateure bestand eben in genau der Annahme, dass sich der Charakter des Hotels formen ließe, nach ihrem Geschmack und den Anforderungen moderner Hotellerie.

Dieser irrtümlichen Annahme kann man im Hotel Central nirgendwo entgehen. Zwar sind einmal gold-braun gestreifte Tapeten geklebt worden, aber die Wände des Hotels sind so verwinkelt, sie taugen nicht zur Repräsentation, dass sie nur einmal mehr das schäbig- altmodische betonen, denn Weite oder Eleganz zu schaffen.

Auch im Hotel Central hat man es Kunstdrucken versucht und gewagten Teppichmustern. Aber die Kunstdrucke in ihrer ganzen Einfältigkeit haben längst Staub angesetzt und in den engen Aufgängen des Hotels sieht ohnehin niemand nach, ob jene vier blaue Quadrate einmal irgendwo auf einer Ausstellung für eine Sensation gesorgt haben mögen, hier sieht sie niemand.

Über die Teppichböden aber schweigt sogar der Direktor kummervoll.

Das Hotel Central hat keine Kofferträger, keine Türöffner, keinen Liftboy und auch keine dreisprachigen, an einer niederländischen Hotelfachschule ausgebildeten Rezeptionistinnen. Das Hotel Central hat einen Portier. Der Portier erwartet die Gäste nicht, er erträgt die Gäste. Zwar hängt im Foyer des Hotels eine große, leise tickende Uhr, aber die Zeitrechnung des Hotel Centrals folgt der seines Portiers.

So ist das schon immer gewesen, nehme ich und so wird es wohl auch immer sein.

Der Portier ist manchmal für lange Zeit nicht zu sehen. Was er dann macht, geht keinen etwas an.

Ankommende Gäste , die noch nichts von den Gepflogenheiten des Hotels Centrals wissen, werden naturgemäß unwirsch und bedienen immerzu die kleine Glocke auf der braunen Anrichte der Rezeption. Den Portier kümmert dies wenig, er kommt immer genau dann, wenn die Gäste zwischen cholerischem Brüllanfall und schweigender Resignation schwanken.

„Sie hatten reserviert?“, sagt er dann langsam und mit schleppendem Tonfall.

Die geplagten Gäste haben natürlich ihre Reservierung längst vergessen. Sie wollen sich beschweren.

Also sagen sie: WAS FÜR EINE SAUEREI, DIESE WARTEREI, EINE UNVERSCHÄMTHEIT, ICH MÖCHTE MICH BESCHWEREN.

Der Portier nickt dann und schiebt einen Block mit einem vorgedruckten Beschwerdeformular über den Tresen.

Die Gäste füllen ihn sorgfältig aus und der Portier faltet die Beschwerdevorlagen sehr sorgsam zu einem Quadrat. Er reicht den Gästen die Schlüssel herüber. Er sagt: Treppe links, Fahrstuhl rechts, Achtung immer nur zwei Personen, Frühstück ab 7 Uhr, Bar ab 12 Uhr, kein Schwimmbad. Zu den Schlüsseln schiebt er einen zweiten Zettel über die Theke: Polizei, Feuerwehr, W-Lan, noch Fragen?

Die Gäste bleiben meistens stumm.

Gehen die Gäste dann nach rechts oder links, nimmt der Portier das gefaltete Beschwerdeformular studiert es eingehend, um es dann umgehend in einen unter dem Tresen befindlichen, gelben Papierkorb zu werfen.

Dann setzt sich der Portier und nimmt Eintragungen an einem dicken schwarzen Buch vor. Manchmal liest der Portier auch den Sportteil der Irish Times nach.

Die meisten Gäste des Hotel Centrals aber sind vertraut mit der eigenen dort vorherrschenden Zeitrechnung. Gelegenheitsgäste oder gar Touristen kommen selten ins Hotel Central.

Im Hotel Central nächtigen Geschäftsreisende, aber nicht solche, die mit glänzenden RIMOWA Koffern Großes bewegen, sondern die Nachfahren der Reisenden mit Koffern voller Schnürsenkel, Miederwaren und Bohnenkaffee. Sie sind die Letzten ihrer Art, der Großteil von ihnen ist längst Vergangenheit, anders aber als in der Industrie verlief ihr Verschwinden unbemerkt. Nur hier im Hotel Central sieht man sie noch einmal in den dünn gewordenen, niemals gut sitzenden Anzügen, den unbequemen Lederschuhen und den schweren, abgestossenen schwarzen Lederkoffern.

Sie wissen es ja selbst, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt und wenn der Portier nicht da ist, so bestellen sie ein Glas Bier und warten. Das haben sie ja ein ganzes Leben lang geübt. Viele nehmen ja Handelsreisende verkauften, dabei warten sie, vor allem warten sie und so ist ihnen das Hotel Central die Fortsetzung ihrer Gewohnheit.

Der Portier stellt ihnen keine Fragen, belästigt sie nicht mit Feuerwehr, Polizei, Frühstück, sondern händigt ihnen den Schlüssel aus und das ist alles.

Manchmal kommen Paare ins Hotel Central. Sie alle haben etwas zu verbergen. Einen Ehering vielleicht, eine hässliche Scheidung, eine bettlägerige Mutter oder Schulden. Sie kommen schwitzend im Hotel Central auch wenn es draußen kalt ist, sie wollen vergessen, wenigstens für eine Nacht. Nicht immer ist die Frau mit der sie am Abend ins Hotel zurückkommen, auch in der Reservierung inbegriffen, aber der Portier des Central hat schon alles und noch mehr gesehen und schweigt über diese und andere Fragen.

In einer Schublade seines Rezeptionstresens verwahrt der Portier zurückgelassene Eheringe, Scheidungsurkunden, Kondome, Heftklammern, zerrissene Bilder und Bücher auf.

Ich selbst habe schon gesehen, wie der Portier die Schublade öffnete und einen Ring herausfischte, den ein Mann mit roten, fleckigen Wangen entgegennahm. Er wollte dem Portier mit einem Schein danken, aber der Portier, der doch alles weiß und nichts sieht, schüttelte den Kopf.

Der Portier wie auch das Hotel Central sind keine Orte für leichte Gefälligkeiten.

Das Hotel Central ist ein Ort der Einsamen und Kargen, der einmal zu oft Verlassenen und der nie wieder Gefundenen, das Hotel Central ist Hafenkneipe und Bahnhofshotel, das Hotel Central ist ein Fundbüro.

Gerade deswegen sitze auch ich am Samstag im Hotel Central und lese die Zeitung, dabei lese ich die Zeitung immer zu Haus und sehe den Menschen zu, die dort kommen und gehen, für eine Weile, für die Weile in die der Tierarzt lebte, ging ich seltener ins Central. Aber jetzt bin ich wieder zurück mühelos aufgenommen in den Kreis der Einsamen, die dort beisammen sitzen.

Der Tee ist heiß und zu stark, die Scones sind immer von gestern, es ist immer Zugluft zu spüren im Hotel Central, nur manchmal sieht der Portier auf von der Rezeption und mir ist als zähle er nach, ob es uns alle auch wirklich noch gibt.

 

 

 

Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.

Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.

Wie der Juli riecht.

Der Juli riecht nach staubigen Straßen und nach einer Sonne, die nicht müde werden will. Der Juli riecht nach Meer und Hagebutten. Die Hagebutten riechen nach dem Geheimnis des Sommers und das Meer riecht nach Tang. Süßllich riecht der Tang so als sei er Lakritz, aber was weiß man schon über die Dinge tief auf dem Grund. Über allem aber, liegt das Meer. Der Juli ist sein Patenkind. Der Juli riecht nach Wassermelone und Sonnencreme. Der Juli riecht nach langen Tagen und schwülen Nächten, nach einem großen Eis mit bunten Streuseln obendrauf, nach klebrigen Fingern und nach noch mehr Sonnencreme- sogar in den Haaren. Nach einem vergessenen Apfel in einer Tasche riecht der Juli, der Apfel ist braun gesprenkelt und auf dem Apfel sieht sich eine Fliege um. So einen Apfel mit einer Fliege habe ich schon einmal gesehen in einer Galerie irgendwo in den Niederlanden. Ich habe vergessen ob die Galerie in Rotterdam oder Den Haag war, aber die schimmernden Flügel der Fliege, den Apfel und das dunkle Zimmer in dem der Apfel lag, auf einem Holztisch oder einem Teller,das habe ich nicht vergessen. Nur gerochen habe ich damals nicht, aber in diesem Juli dann doch.

Der Juli riecht nach Coca-Cola mit einer Zitronenscheibe und Eiswürfeln im Glas. Die Eiswürfel klirren im Glas, aber noch lieber lege ich sie mir unter die Zunge. Die Eiswürfel glitzern vor Kälte und riechen nach einem Rest von Himbeere oder einem Blatt Pfefferminz, das gebe ich oft in das Wasser hinein, bevor aus dem Wasser, Eiswürfel werden. Modrig riecht der Juli, nach Seerosen und einem dumpfen Gewässer in dem immer eine Kröte quakt oder eine Libelle sirrend durch den Schilf fliegt. Liegt man lange genug im Verbogenen, dann rudert jemand ein Boot vorbei und das Ruderblatt klatscht erst ein und dann zweimal ins Wasser, ein rotes Hemd sehe ich dann ist das Boot schon vorbei und der Schilf, der dumpfige See, die weißen Seerosen, die Libelle und ich sind wieder allein. Der Juli riecht nach Weißwäsche und geräucherter Forelle. Steckerlfisch, glaube ich nennt man so eine Forelle am Spieß, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Der Juli riecht nach Reisefieber und nach blauem Himmel. Aber wo zum Himmel ist denn die blaue Tasche geblieben?

Der Juli riecht nach Kaffee aus einer Emailletasse, nach Druckerschwärze an den Händen der Zeitungsleküre, denn es ist so warm im Zug. Der Juli riecht nach der Verzweiflung wenn sie hören: „ Der Eurocitay nach Budapest hat heute 90 Minuten Verspätung.“

Der Juli riecht nach Sand in den Haaren, Sand in den Schuhen, Sand in den Sachen und nach noch mehr Sand in den Haaren. Der Juli riecht nach den schlafenden Kinder in der Hängematte im Garten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit, die sich zwar im Schrank versteckt, um doch nur auf mich zu warten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit der Museumswärterin im Sternberg Palais, die so hinreißend gähnte, dass man auf der Stelle hätte einschlafen mögen. Der Juli riecht nach schwarzem Tee mit Zitrone, nach Bohnerwachs und Himbeerbonbons. Der Juli riecht nach einem Mann in der Bahn und seinem Rasierwasser. Pinien denke ich als ich ihm zusehe, wie er sich ein Taschentuch vorsichtig mit dem Pinienwasser beträufelt, um es sich schließlich mit langsamen, kreisenden Bewegungen über das Gesicht zu reiben. Der Juli riecht nach Geburtstagstorte, nach weichem Teer auf der Straße, nach den scharfen Zigaretten der Bauarbeiter, nach Autan und einer Hand voll Rosenblätter. Der Juli riecht nach Heidelbeeren mit kalter Milch, nach roter Grütze und Vanillesoße in dem alten Steingutkrug, der Juli riecht nach Abenteuer, denn am Strand entdeckt ein kleines Mädchen zum ersten Mal das Wunder Meer. Einen ganzen Eimer voll Muscheln nimmt sie mit nach Haus, um vom Meer zu träumen bis sie wiederkommt. Der Juli riecht nach Rolltreppen und so trocken riecht der Juli, dass die Zunge einem am Gaumen klebt und man glaubt man würde nie wieder etwas riechen. Der Juli riecht nach Reisebroten, gekochten Eiern in einem Korb, der Juli riecht nach Landstraßen und flatternden Hemden über einer Leine im Wind.

Der Juli riecht nach dem Wort: Wagenstandanzeiger und Johannisbeergelee.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Wie der Juni riecht

Der Juni riecht nach der Sonne, die in den Mauerritzen und Hauswänden steckt. Der Juni riecht nach Autan und Kokosnussöl. Das Kokosnussöl gehört einem Bodybuilder, der sich am Strand auf einen Wettkampf vorbereitet. Der Bodybuilder ist ein ernsthafter Mann und noch Stunden später riecht der Sand nach Kokosnüssen.

Der Juni riecht nach Fake-Tan-Spray und echten Erdbeeren. Der Juni riecht nach Wäsche auf der Leine. Erst flattert die Wäsche im Wind, schaukeln weiße Hemden, ein roter Rock, bunte Socken flattern im Wind, der in Wirklichkeit eine Sommerbrise ist, dann jagt der Hund einen Ball durch den Garten. Hund und Hosenbeine kollidieren, pardauz, erst stolpert der Hund dann reißt die Leine. Der Juni riecht nach Gelächter aus dem Bauch heraus. Armer Hund, armes Hosenbein. Wo ist der Ball?
Der Juni riecht nach den letzten Pfingstrosen in der blauen Vase auf dem Tisch. Der Juni riecht nach Zitroneneis und dem frisch verlegten Teer auf der Straße. Der Jun riecht nach frischem Naan-Brot mit geschmolzener Butter in der Mitte. Ein Buttersee muss in der Mitte des Naan-Brotes sein, sonst ist es nicht richtig. Das Naan-Brot in Shadi’s Bakery in Croydon ist genau so, wie es sein muss.
Der Juni riecht nach Erinnerungen und in meinen Erinnerungen riecht der Juni nach Hitze und Staub, nach lange nicht abgeholten Mülltüten auf der Straße. Schwarze Fligen über dem gärenden Müll. So riecht der Juni in Gedanken.
Der Juni riecht nach halbfeuchten Handtüchern, nach einem halbgeschmolzenen Schokoriegel, der Juni riecht nach Oreo Cookies mit Peanutbutter und Johannisbeeren in Milch. Der Juni riecht nach feuchtem Haar und Sauerkirschmarmelade auf frischem Brot. Der Juni riecht nach der Kühle am Morgen, nach dem Gähnen der Sonne.
Die Sonne hat die längsten Tage und Nachts lehnt die Sonne sich so nah. eS sind kurze Nächte und der Mond würde die Sonne gern länger halten. Du siehst müde aus, sagt der Mond ihr ins Ohr: You are hot as hell but tired too. Die Sonne wirft ihm eine letzte Kusshand zu. Der Juni riecht nach Kirschen, die schwarzen Kirschen hängen ganz oben im Baum. Der Juni riecht nach dem dicken Staub der Linden und dem trockenen Husten eines alten Mannes. Der Juni riecht nach den offenen Fenstern einer Seniorenresidenz. Sonst sind die Fenster im geschlossen, aber im Juni stehen sie offen. Manchmal kann man einen weißen Haaransatz sehen oder eine graue Strähne. Die Frau, die oft hinter einem geschlossen Fenster auf einem dicken Kissen lag, mit einem Teddybären im Arm. Der Teddybär hat grüne Augen. Ich habe sie lange nicht gesehen. Die Fenster sind alle offen. Der Juni hinter den offenen Fenster riecht nach Desinfektionsmitteln, Kassler mit Sauerkraut. Der Tod knackt mit den Fingerknöcheln irgendwo vielleicht auf dem Dachboden der Seniorenresidenz. Was für ein furchtbares Wort. Der Juni riecht nach der Müdigkeit von uns Allen.

Der Juni riecht nach Salzwasser auf der Haut, nach dem Tang und der kalten Hand des Meeres auf meinem Rücken. Das Meer legt seine Hand immer auf die gleiche Stelle auf meinem Rücken. Ich mag Männer die nach Meer und nach mehr riechen. Manchmal im Juni hat man Glück. Der Juni riecht nach den gelben Rosen an der Hauswand. Teerosen, die gleichen wie sie meine Großmutter hatte. Manchmal pflücke ich mir ein Blatt und lege es neben mir auf das Kissen. Der Juni riecht nach einer Benzinpfütze auf der Straße, nach Brackwasser und schwärender Entengrütze auf einem Weiher. Der Juni riecht nach Erdbeeren. Erdbeeren. Erdbeeren. Der Juni riecht nicht mehr nach Holunder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal die Nase in einem Hollerbusch hatte. Der Juni riecht nach Schiffsdiesel und nach dem Idioten, der an der Ampel sein Motorrad aufröhren lässt, als sei kein Idiot sondern ein Rallyefahrer Paris-Dakar. Er hinterlässt aber keinen Geruch nach Abenteuer, sondern nur nach verbranntem Gummi. Der Juni riecht nach warmem Holz und Eistee mit Pfirsichgeschmack.

An einem Abend kurz bevor der Juni zu Ende geht steht der Tierarzt mit dem kleinen Täubchen auf dem Arm am Fenster. Der Tierarzt ist selbst schon fast schon Schatten, wie der letzte Rest des Tages, der noch im Fenster klebt. Das kleine Täubchen ist ganz am Anfang ihres Lebens und noch einmal singt der Tierarzt für das kleine Mädchen in seinem Arm, das Wiegenlied, das er für Schafe, Kälber und Mädchen große, kleine, junge wie alte reserviert hält,ein Lied kann für ein ganzes Leben reichen.

Der Juni riecht nach Willkommen und Abschied.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Wie der Mai riecht

Der Mai riecht nach dem Geißblatt hinter dem Gartenzaun. Der Mai riecht nach Zement und Staub überall Bauarbeiten, aufgerissene Straßen, Gruben und ein Zementmischer dreht sich im Kreis. Eine Katze läuft durch den noch feuchten Beton. Der Mai riecht nach Lindenblüten süßlich und ein bisschen zu schwer. Der Mai riecht nach Wäscheweiß der Frau des Krämers, die wäscht im Mai Gardinen, die Bettwäsche und die guten Tischtücher. Die Betten lüften im Garten aus, der Garten ist hinter dem Haus, aber das ganze Dorf riecht nach Waschpulver und den Alpenträumen des Krämers und seiner Frau.

Der Mai riecht nach den ersten reifen Erdbeeren, rot und saftig tropft der Saft an den Mundwinkeln hinab, meinen und denen der Kinder. Der Mai riecht nach verblühten Kastanien und Akazien, der Mai riecht nach der blühenden Heide hinter dem Haus im Oberland. Dumpfig riecht der Berliner Garten, nach Sumpfdotterblumen, die es dort gar nicht gibt, nur das alte steinerne Bassin in dem die Kröte Jahr für Jahr ihren Sommer verbringt und doch der Mai riecht nach Schlingpflanzen und Algen, ein Farn verfängt sich in meinem Bein, nie lässt der Nöck einen vergessen, wem der See eigentlich gehört. Der Mai riecht nach Grillkohle und wer früh vor sieben Uhr zum Schlachtensee fährt, bevor die Wagen der BSR die Reinigung übernehmen, da riecht der See nach allen Alkoholsorten auf den Regalbrettern von Lidl, ALDI, REWE und Co. Der Mai riecht nach halbgeschmolzenen Eiswürfeln in tiefen Gläsern, nach Zitronenlimonade mit Pfefferminz und nach verwelkten Gurkenscheiben. Der Mai riecht nach geschnittenem Rasen und dem Staub hinter dem Bücherregal. Der Mai riecht nach Milchkaffee und Mottenkugeln.

Der Mai riecht nach Meer, manchmal ist das Meer ein Freibad und manchmal ist der Geruch von Meer auch eine hellblaue Flasche von Nivea. After Sun. Der Mai riecht nach dem Lachen der Kinder, die wieder und wieder durch den Rasensprenger laufen. Bitte Read On, noch einmal die andere Richtung, die Kinder haben Seitenstechen und in den Pfützen im Rasen hüpft die Kröte vergnügt umher. Der Mai riecht nach Thé vert Marrakech Mint, eine Tasse nach der anderen trinke ich am Schreibtisch. Der Schreibtisch riecht nach gerunzelter Stirn und zu vielen dort verbrachten Stunden. Der Mai riecht nach geriebener Möhre mit Apfel, Essig und Rosinen, rieb meine Großmutter Möhren dann war der Sommer beinahe da. Ich reibe noch immer Möhren und Äpfel und sehe auf den Kalender.
Der Mai riecht nach der ersten gelben Rose. Die erste gelbe Rose im Garten behauptet der Tierarzt riecht nach Lakritze. Der Priester fand, dass die gelbe Rose nach gerösteten Mandeln röche. Dabei weiß doch jeder, dass die erste gelbe Rose im Jahr nach Earl Grey Tea riecht.
Der Mai riecht nach der blühenden Heide und Zahnpasta. Der Mai riecht nach Biskuit. Der Mai riecht nach ausgelutschten Orangenschalen und brennenden Füßen vom zum ersten Mal Laufen in den schönen Sandalen mit goldenen Riemchen, die trug eine Frau mir gegenüber in der S-Bahn, wieder und wieder drehte sie die Knöchel vor und zurück, ganz und gar versunken in den Anblick ihrer goldenen Füße.

Der Mai riecht nach den salzigen Rändern an den Hemden der Pendler im Zug. Der Mai riecht nach langen Nächten und Lampions, der Mai riecht nach dem Rotstift und Sorgenfalten und im Bus sitzt ein Mann mit einer einzigen roten Rose. Im Mai antwortet manchmal jemand auf eine Kontaktanzeige. Der Mai riecht nach Hoffnung, Aufbruch und am Telefon sagt ein Mann: „Bei dem Wetter stört mich nicht einmal nach die Schwiegermutter.“ Der Mai riecht nach Anispastillen und Kartoffeln mit Leinöl und Quark. Der Mai riecht nach Eis am Stiel, der Mai riecht salzig und süß zugleich , schwer wie der Regen, der in der Luft liegt, aber der Regen hat dann doch ganz eigene Pläne. Der Mai riecht nach Goldregen und rissig gewordenem Schrankpapier aus einer alten Drogerie.
Der Mai riecht nach Anfang und Segeltuch.