Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.

Wie der Juli riecht.

Der Juli riecht nach staubigen Straßen und nach einer Sonne, die nicht müde werden will. Der Juli riecht nach Meer und Hagebutten. Die Hagebutten riechen nach dem Geheimnis des Sommers und das Meer riecht nach Tang. Süßllich riecht der Tang so als sei er Lakritz, aber was weiß man schon über die Dinge tief auf dem Grund. Über allem aber, liegt das Meer. Der Juli ist sein Patenkind. Der Juli riecht nach Wassermelone und Sonnencreme. Der Juli riecht nach langen Tagen und schwülen Nächten, nach einem großen Eis mit bunten Streuseln obendrauf, nach klebrigen Fingern und nach noch mehr Sonnencreme- sogar in den Haaren. Nach einem vergessenen Apfel in einer Tasche riecht der Juli, der Apfel ist braun gesprenkelt und auf dem Apfel sieht sich eine Fliege um. So einen Apfel mit einer Fliege habe ich schon einmal gesehen in einer Galerie irgendwo in den Niederlanden. Ich habe vergessen ob die Galerie in Rotterdam oder Den Haag war, aber die schimmernden Flügel der Fliege, den Apfel und das dunkle Zimmer in dem der Apfel lag, auf einem Holztisch oder einem Teller,das habe ich nicht vergessen. Nur gerochen habe ich damals nicht, aber in diesem Juli dann doch.

Der Juli riecht nach Coca-Cola mit einer Zitronenscheibe und Eiswürfeln im Glas. Die Eiswürfel klirren im Glas, aber noch lieber lege ich sie mir unter die Zunge. Die Eiswürfel glitzern vor Kälte und riechen nach einem Rest von Himbeere oder einem Blatt Pfefferminz, das gebe ich oft in das Wasser hinein, bevor aus dem Wasser, Eiswürfel werden. Modrig riecht der Juli, nach Seerosen und einem dumpfen Gewässer in dem immer eine Kröte quakt oder eine Libelle sirrend durch den Schilf fliegt. Liegt man lange genug im Verbogenen, dann rudert jemand ein Boot vorbei und das Ruderblatt klatscht erst ein und dann zweimal ins Wasser, ein rotes Hemd sehe ich dann ist das Boot schon vorbei und der Schilf, der dumpfige See, die weißen Seerosen, die Libelle und ich sind wieder allein. Der Juli riecht nach Weißwäsche und geräucherter Forelle. Steckerlfisch, glaube ich nennt man so eine Forelle am Spieß, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Der Juli riecht nach Reisefieber und nach blauem Himmel. Aber wo zum Himmel ist denn die blaue Tasche geblieben?

Der Juli riecht nach Kaffee aus einer Emailletasse, nach Druckerschwärze an den Händen der Zeitungsleküre, denn es ist so warm im Zug. Der Juli riecht nach der Verzweiflung wenn sie hören: „ Der Eurocitay nach Budapest hat heute 90 Minuten Verspätung.“

Der Juli riecht nach Sand in den Haaren, Sand in den Schuhen, Sand in den Sachen und nach noch mehr Sand in den Haaren. Der Juli riecht nach den schlafenden Kinder in der Hängematte im Garten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit, die sich zwar im Schrank versteckt, um doch nur auf mich zu warten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit der Museumswärterin im Sternberg Palais, die so hinreißend gähnte, dass man auf der Stelle hätte einschlafen mögen. Der Juli riecht nach schwarzem Tee mit Zitrone, nach Bohnerwachs und Himbeerbonbons. Der Juli riecht nach einem Mann in der Bahn und seinem Rasierwasser. Pinien denke ich als ich ihm zusehe, wie er sich ein Taschentuch vorsichtig mit dem Pinienwasser beträufelt, um es sich schließlich mit langsamen, kreisenden Bewegungen über das Gesicht zu reiben. Der Juli riecht nach Geburtstagstorte, nach weichem Teer auf der Straße, nach den scharfen Zigaretten der Bauarbeiter, nach Autan und einer Hand voll Rosenblätter. Der Juli riecht nach Heidelbeeren mit kalter Milch, nach roter Grütze und Vanillesoße in dem alten Steingutkrug, der Juli riecht nach Abenteuer, denn am Strand entdeckt ein kleines Mädchen zum ersten Mal das Wunder Meer. Einen ganzen Eimer voll Muscheln nimmt sie mit nach Haus, um vom Meer zu träumen bis sie wiederkommt. Der Juli riecht nach Rolltreppen und so trocken riecht der Juli, dass die Zunge einem am Gaumen klebt und man glaubt man würde nie wieder etwas riechen. Der Juli riecht nach Reisebroten, gekochten Eiern in einem Korb, der Juli riecht nach Landstraßen und flatternden Hemden über einer Leine im Wind.

Der Juli riecht nach dem Wort: Wagenstandanzeiger und Johannisbeergelee.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Wie der Juni riecht

Der Juni riecht nach der Sonne, die in den Mauerritzen und Hauswänden steckt. Der Juni riecht nach Autan und Kokosnussöl. Das Kokosnussöl gehört einem Bodybuilder, der sich am Strand auf einen Wettkampf vorbereitet. Der Bodybuilder ist ein ernsthafter Mann und noch Stunden später riecht der Sand nach Kokosnüssen.

Der Juni riecht nach Fake-Tan-Spray und echten Erdbeeren. Der Juni riecht nach Wäsche auf der Leine. Erst flattert die Wäsche im Wind, schaukeln weiße Hemden, ein roter Rock, bunte Socken flattern im Wind, der in Wirklichkeit eine Sommerbrise ist, dann jagt der Hund einen Ball durch den Garten. Hund und Hosenbeine kollidieren, pardauz, erst stolpert der Hund dann reißt die Leine. Der Juni riecht nach Gelächter aus dem Bauch heraus. Armer Hund, armes Hosenbein. Wo ist der Ball?
Der Juni riecht nach den letzten Pfingstrosen in der blauen Vase auf dem Tisch. Der Juni riecht nach Zitroneneis und dem frisch verlegten Teer auf der Straße. Der Jun riecht nach frischem Naan-Brot mit geschmolzener Butter in der Mitte. Ein Buttersee muss in der Mitte des Naan-Brotes sein, sonst ist es nicht richtig. Das Naan-Brot in Shadi’s Bakery in Croydon ist genau so, wie es sein muss.
Der Juni riecht nach Erinnerungen und in meinen Erinnerungen riecht der Juni nach Hitze und Staub, nach lange nicht abgeholten Mülltüten auf der Straße. Schwarze Fligen über dem gärenden Müll. So riecht der Juni in Gedanken.
Der Juni riecht nach halbfeuchten Handtüchern, nach einem halbgeschmolzenen Schokoriegel, der Juni riecht nach Oreo Cookies mit Peanutbutter und Johannisbeeren in Milch. Der Juni riecht nach feuchtem Haar und Sauerkirschmarmelade auf frischem Brot. Der Juni riecht nach der Kühle am Morgen, nach dem Gähnen der Sonne.
Die Sonne hat die längsten Tage und Nachts lehnt die Sonne sich so nah. eS sind kurze Nächte und der Mond würde die Sonne gern länger halten. Du siehst müde aus, sagt der Mond ihr ins Ohr: You are hot as hell but tired too. Die Sonne wirft ihm eine letzte Kusshand zu. Der Juni riecht nach Kirschen, die schwarzen Kirschen hängen ganz oben im Baum. Der Juni riecht nach dem dicken Staub der Linden und dem trockenen Husten eines alten Mannes. Der Juni riecht nach den offenen Fenstern einer Seniorenresidenz. Sonst sind die Fenster im geschlossen, aber im Juni stehen sie offen. Manchmal kann man einen weißen Haaransatz sehen oder eine graue Strähne. Die Frau, die oft hinter einem geschlossen Fenster auf einem dicken Kissen lag, mit einem Teddybären im Arm. Der Teddybär hat grüne Augen. Ich habe sie lange nicht gesehen. Die Fenster sind alle offen. Der Juni hinter den offenen Fenster riecht nach Desinfektionsmitteln, Kassler mit Sauerkraut. Der Tod knackt mit den Fingerknöcheln irgendwo vielleicht auf dem Dachboden der Seniorenresidenz. Was für ein furchtbares Wort. Der Juni riecht nach der Müdigkeit von uns Allen.

Der Juni riecht nach Salzwasser auf der Haut, nach dem Tang und der kalten Hand des Meeres auf meinem Rücken. Das Meer legt seine Hand immer auf die gleiche Stelle auf meinem Rücken. Ich mag Männer die nach Meer und nach mehr riechen. Manchmal im Juni hat man Glück. Der Juni riecht nach den gelben Rosen an der Hauswand. Teerosen, die gleichen wie sie meine Großmutter hatte. Manchmal pflücke ich mir ein Blatt und lege es neben mir auf das Kissen. Der Juni riecht nach einer Benzinpfütze auf der Straße, nach Brackwasser und schwärender Entengrütze auf einem Weiher. Der Juni riecht nach Erdbeeren. Erdbeeren. Erdbeeren. Der Juni riecht nicht mehr nach Holunder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal die Nase in einem Hollerbusch hatte. Der Juni riecht nach Schiffsdiesel und nach dem Idioten, der an der Ampel sein Motorrad aufröhren lässt, als sei kein Idiot sondern ein Rallyefahrer Paris-Dakar. Er hinterlässt aber keinen Geruch nach Abenteuer, sondern nur nach verbranntem Gummi. Der Juni riecht nach warmem Holz und Eistee mit Pfirsichgeschmack.

An einem Abend kurz bevor der Juni zu Ende geht steht der Tierarzt mit dem kleinen Täubchen auf dem Arm am Fenster. Der Tierarzt ist selbst schon fast schon Schatten, wie der letzte Rest des Tages, der noch im Fenster klebt. Das kleine Täubchen ist ganz am Anfang ihres Lebens und noch einmal singt der Tierarzt für das kleine Mädchen in seinem Arm, das Wiegenlied, das er für Schafe, Kälber und Mädchen große, kleine, junge wie alte reserviert hält,ein Lied kann für ein ganzes Leben reichen.

Der Juni riecht nach Willkommen und Abschied.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Wie der Mai riecht

Der Mai riecht nach dem Geißblatt hinter dem Gartenzaun. Der Mai riecht nach Zement und Staub überall Bauarbeiten, aufgerissene Straßen, Gruben und ein Zementmischer dreht sich im Kreis. Eine Katze läuft durch den noch feuchten Beton. Der Mai riecht nach Lindenblüten süßlich und ein bisschen zu schwer. Der Mai riecht nach Wäscheweiß der Frau des Krämers, die wäscht im Mai Gardinen, die Bettwäsche und die guten Tischtücher. Die Betten lüften im Garten aus, der Garten ist hinter dem Haus, aber das ganze Dorf riecht nach Waschpulver und den Alpenträumen des Krämers und seiner Frau.

Der Mai riecht nach den ersten reifen Erdbeeren, rot und saftig tropft der Saft an den Mundwinkeln hinab, meinen und denen der Kinder. Der Mai riecht nach verblühten Kastanien und Akazien, der Mai riecht nach der blühenden Heide hinter dem Haus im Oberland. Dumpfig riecht der Berliner Garten, nach Sumpfdotterblumen, die es dort gar nicht gibt, nur das alte steinerne Bassin in dem die Kröte Jahr für Jahr ihren Sommer verbringt und doch der Mai riecht nach Schlingpflanzen und Algen, ein Farn verfängt sich in meinem Bein, nie lässt der Nöck einen vergessen, wem der See eigentlich gehört. Der Mai riecht nach Grillkohle und wer früh vor sieben Uhr zum Schlachtensee fährt, bevor die Wagen der BSR die Reinigung übernehmen, da riecht der See nach allen Alkoholsorten auf den Regalbrettern von Lidl, ALDI, REWE und Co. Der Mai riecht nach halbgeschmolzenen Eiswürfeln in tiefen Gläsern, nach Zitronenlimonade mit Pfefferminz und nach verwelkten Gurkenscheiben. Der Mai riecht nach geschnittenem Rasen und dem Staub hinter dem Bücherregal. Der Mai riecht nach Milchkaffee und Mottenkugeln.

Der Mai riecht nach Meer, manchmal ist das Meer ein Freibad und manchmal ist der Geruch von Meer auch eine hellblaue Flasche von Nivea. After Sun. Der Mai riecht nach dem Lachen der Kinder, die wieder und wieder durch den Rasensprenger laufen. Bitte Read On, noch einmal die andere Richtung, die Kinder haben Seitenstechen und in den Pfützen im Rasen hüpft die Kröte vergnügt umher. Der Mai riecht nach Thé vert Marrakech Mint, eine Tasse nach der anderen trinke ich am Schreibtisch. Der Schreibtisch riecht nach gerunzelter Stirn und zu vielen dort verbrachten Stunden. Der Mai riecht nach geriebener Möhre mit Apfel, Essig und Rosinen, rieb meine Großmutter Möhren dann war der Sommer beinahe da. Ich reibe noch immer Möhren und Äpfel und sehe auf den Kalender.
Der Mai riecht nach der ersten gelben Rose. Die erste gelbe Rose im Garten behauptet der Tierarzt riecht nach Lakritze. Der Priester fand, dass die gelbe Rose nach gerösteten Mandeln röche. Dabei weiß doch jeder, dass die erste gelbe Rose im Jahr nach Earl Grey Tea riecht.
Der Mai riecht nach der blühenden Heide und Zahnpasta. Der Mai riecht nach Biskuit. Der Mai riecht nach ausgelutschten Orangenschalen und brennenden Füßen vom zum ersten Mal Laufen in den schönen Sandalen mit goldenen Riemchen, die trug eine Frau mir gegenüber in der S-Bahn, wieder und wieder drehte sie die Knöchel vor und zurück, ganz und gar versunken in den Anblick ihrer goldenen Füße.

Der Mai riecht nach den salzigen Rändern an den Hemden der Pendler im Zug. Der Mai riecht nach langen Nächten und Lampions, der Mai riecht nach dem Rotstift und Sorgenfalten und im Bus sitzt ein Mann mit einer einzigen roten Rose. Im Mai antwortet manchmal jemand auf eine Kontaktanzeige. Der Mai riecht nach Hoffnung, Aufbruch und am Telefon sagt ein Mann: „Bei dem Wetter stört mich nicht einmal nach die Schwiegermutter.“ Der Mai riecht nach Anispastillen und Kartoffeln mit Leinöl und Quark. Der Mai riecht nach Eis am Stiel, der Mai riecht salzig und süß zugleich , schwer wie der Regen, der in der Luft liegt, aber der Regen hat dann doch ganz eigene Pläne. Der Mai riecht nach Goldregen und rissig gewordenem Schrankpapier aus einer alten Drogerie.
Der Mai riecht nach Anfang und Segeltuch.

Die Stadt ist ein Schiff

Am Stadtrand ist der Himmel ein grauer Fluss. Schuhe, Schlüssel, die Tasche ist rot. Der Himmel ist ein Fluss. Feine Tropfen in den Haaren und im Gesicht. Ich fahre auf dem Meeresgrund, der Vorort ist eine versunkene Stadt, ein gelbes Licht in der Straße, hier liegt das Schiff noch im Hafen. Das Fahrrad fährt gut auf dem Meeresgrund. Es wunderte sich nicht, wenn die Fische neben ihm durch die Pfützen schwömmen. Es ist still auf dem Rad, auf der Straße, im Vorort, die Stadt auf dem Meer ist nur ein fernes Glucksen.

Die Treppe hat viele Stufen. Die Stufen sind nass, der graue Himmel, der ein Fluss ist führt von hier aus zum Meer. Das Schiff ist die Stadt, ein Koloss, das Schiff liegt schwer auf den Wellen. Die Wellen sind grau, angekettet ist das Schiff auf dem Meeresboden, der heute grau ist, grau wie das Meer an kalten Tagen. Vielleicht ist es auf dem Meeresgrund, wo niemals Licht ist, so sagt man, heute ein blauer Teppich ausgerollt. Die S-Bahn fährt über den Meeresgrund, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe, die rote Tasche ist schwer, die Tannen sind keine Tannen mehr, sondern große und schwere Seegrasgewächse, ein umgestürzter Baum bei näherer Betrachtung ein Kalkriff, die Autos schnelle, kleine Unterseeboote, die S-Bahn, die Fähre zum alten Kahn. Der Himmel ist ein grauer Fluss.

Die S-Bahn wird voller. Eine Frau und ihre Söhne essen frittierten Fisch aus roten Pappen, die S-Bahn ist eine Fähre, die Fischfabriken der Stadt laufen auf Hochtouren, zwei Männer mir gegenüber wollen in ein Konzert, eine Premiere sagen sie. Die Männer haben alte Hände, sie können nur noch schwer aufstehen, die S-Bahn, die eine Fähre ist, schwankt über den grauen Wellen. Die Männer schwanken, fallen fast wieder zurück auf die Sitze. Wollen keine ausgestreckte Hand, sie wollen sich erinnern an die Nächte in denen sie jung waren und tanzten auf dem Schiff. Jede Premiere kann einmal die letzte sein, sagt der eine Mann zum Anderen. Der andere Mann sagt nichts. Dann stolpern die Männer in die Nacht hinaus. Der Himmel ist fast schwarz. In der Stadt endet der Fluss. Die Stadt ist ein Schiff, das Schiff liegt an einer langen Kette auf dem Meer, die Kette hat viele Ösen, die Kette zieht sich durch den Fluss, zieht sich bis an die Ränder der Stadt, vielleicht zieht die Kette sich noch viel weiter, das weiß ich nicht. Das Ende der Kette hat noch niemand gesehen.

Die schwere rote Tasche und ich wir wechseln, die Bahnen, der Bahnhof ist glitschig, der Bahnhof ist ein verrostetes Wrack, auf dem Boden liegen zerschlagene Flaschen, das Bier riecht süßlich und herb, fauliger Tanggeruch, ein Mann spuckt auf den Boden, ich balanciere vorsichtig über die Pfützen, die Spucke, den glitschigen Tang, der Bahnhof ist eine lange schon verlassene Mole. Von hier aus fährt keiner mehr nach Amerika, hier sind schon alle am Ende, halten sich fest am Schiff. Die Stadt ist ein Schiff. In der nächsten Bahn schält ein Mann eine Mandarine, die Schale fällt auf den Boden, ein kringelnder Seestern, bald wird auch er neben den Kaugummiblasen eingewachsen sein, in das Riff, das das Schiff umgibt sich durch die Kette frisst, die das Schiff hält. „Brauchen sie eine Tüte?“, frage ich den Mann, der die Mandarine schält. Der Mann starrt mich an, ein müder Segler vielleicht, bis er versteht, was ich meine mit der Tüte und den Schalen auf dem Boden. „Was bist denn du für eine?“, fragt er und klingt wie Ringelnatz. Dann aber springt er auf und rennt zur Tür, die Mandarine schmeißt er auf den Bahnhof, ich hebe die Schale auf, der Mülleimer auf dem Bahnhof ist voll, oben auf dem Müll liegt jetzt die Mandarinenschale, das Meer liest man in den Zeitung ist voller Plastikflaschen, das Schiff kann den Müll nicht mehr bei sich behalten, denke ich in jeder Nacht verliert das Schiff Flaschen, Scherben, Papierboxen mit den Resten vom Fisch in Asia-Sauce, vielleicht schwimmt bald auch die Mandarinenschale davon.

Der Himmel ist schwarz, je tiefer die Bahn in das Meer hineinfährt, um so dunkler und schwerer wogt auch das Schiff. In derr Bahn sitzt mir nun ein Paar gegenüber. Ein Mann, der etwas zu sagen hat, eine Frau, die sich auf den Mann verlässt. Sie sagt: „Ohne Dich stehe ich das nicht durch.“ Er sagt: „Ich werde für dich da sein.“ Sie seufzt. Er lacht. „Frauen brauchen einen richtigen Mann“, sagt er und sie sagt: „Du bist so ein starker Typ“ und dann öffnet er eine Flasche Bier und der Deckel springt von der Flasche auf sein Knie und dort bleibt es liegen, bis der Mann es mit der Fingerspitze wegschnippt, der Deckel dreht sich fällt auf den Boden, die Fähre hält an, der Mann und die Frau steigen aus und seine Hand liegt auf ihrem Po und breitbeinig wie ein Matrose am Kai zieht er die Frau hinter sich her und trinkt aus der Flasche und schon fährt die Bahn weiter, nur noch der Deckel auf dem Boden liegt, wo er hinfiel.

Ein Mann steigt ein, er wirft seine Zigarette unter der Tür hindurch kurz bevor die Türen schließen. Düdelüt macht die Fähre, das Schiff ist ganz nah, ein schwarzer Schatten schon, keine Möwen, der Mann sagt er heißt Dieter und wünscht den Passagieren eine wunderschöne Reise. Er sei vor dreieinhalb Wochen aus der Haft entlassen und jetzt sei er auf der Straße, etwas mit einem Amt habe nicht geklappt und dann hält er die Hände nach oben. Die Hände von Dieter sind schwarz und gerissen und ich krame nach Geld. Das Schiff ist die Stadt. Das Schiff hat tiefe Maschineräume, dunkle Gänge und wer erst einmal in den Maschinenräumen angekommen ist, ganz weit unten auf dem Grund des Schiffes, der findet nur schwer zurück an das Deck, wo die Frauen stehen in kurzen Kleidern, die Frauen sind schön, sie singen und Dieter starrt sie an und dann sieht er weg, seine schwarzen Hände, ich lege Geld in seine Hände und ich weiß nicht, ob das reicht für eine Nacht fern der Maschinenräume und Dieter ist schon wieder verschwunden, die Frauen lachen, sie rufen: „Was für ein Assi.“ Die Frauen wollen an Deck. Dann steige ich aus, die schwere rote Tasche und ich, die Treppen sind glitschig, ein Mann zieht sich am Geländer entlang, zwei Jungen rappen an der Ecke, ihre Stimmen sind gedämpft, eigentlich kommen nur Blasen aus ihrem Mund, die Fische singen ähnlich wie sie, das Radio ist zu laut für ihre Stimmen.

Am Bahnhof kaufen Touristen Drogen, die Drogen braucht man für die Party sagt ein Mann zu einem Anderen. Sie haben rosige Gesichter, sie wollen Drogen, aber erst noch etwas essen. Eine Grundlage schaffen. Sie kommen aus Landau, das sagen sie den Drogenhändlern, die wissen nicht wo Landau ist, auf dem Schiff kennt man sich besser nicht zu sehr, die Männer gehen vor mir die Straße hinunter. Sie sagen: Ey ist das geil hier, die Bahnen kommen alle fünf Minuten und das mit den Drogen voll easy und dann gehen sie zu einem Mexikaner und der Mann mit dem blauen Hemd über der Hose sagt: „Ey, das heißt „Los Banditos“ wie in Landau. Die Männer haben Heimat gefunden auf dem Schiff und ich gehe weiter, eine Frau wird von ihrer Freundin in einem Einkaufswagen geschoben, sie halten Sektflaschen in den Händen, aber dann rumpelt der Einkaufswagen gegen eine Bordsteinkante und die Frau heult auf: „Das tut voll weh, pass doch auf und die Freundin lässt sie einfach stehen und setzt sich auf den Bordstein und trinkt Sekt.

Das Schiff zieht seine Kreise durch die Nacht, zieht an der Kette und ich verschwinde in einem Haus und die rote Tasche wird leichter und Stunden später kehre ich zurück aus dem Haus in das Schiff, es ist spät und ich laufe auf dem Meeresgrund entlang, denn der Himmel ist das Meer und die Straße ist feucht und ich laufe an der Kette entlang an der Schiff zieht und wieder warte ich auf eine Bahn und die Bahn kommt und ein Mann kommt zu spät und will die Tür aufdrücken mit beiden Armen, aber das Schiff ist stärker als der Mann, der sich täuschen lässt von dem Bier und den Cocktails nur 3,90 Euro und die Tür drückt ihn weg und die Tür zerbricht seine Brille. Die Brille hätte auch seine Nase sein können, aber er schreit Scheiße und seine Frau fotografiert ihn und lacht: „Was für ein Idiot“, sagt sie und setzt sich hin und dann sagt sie: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahren wollte, das weiß nur er.“ Aber er ruft Scheiße und die Bahn fährt durch das Schiff und das Schiff ist die Stadt.

Am Zoologischen Garten steige ich aus und auf dem Platz, der eine Mole ist, denn das Wasser, das der Himmel ist schwappt über uns hinweg und am Rand des Hafens, da erleichtert sich ein Mann, einer der Männer aus dem Maschinenraum des Schiffes, nämlich, so ist das auf dem Schiff und eine Gruppe von Frauen filmen den Mann, unter Gelächter und das Schiff an der Kette, dem fehlt der Steuermann vielleicht oder vielleicht hat das Schiff auch aufgehört zu zählen, wie viele es verliert in der Nacht, aber da in diesem Moment, da zerbricht etwas auf dem Schiff und ich rufe zu den Frauen hinüber: „Lassen Sie das. Lassen Sie den Mann in Ruhe“ und die Frauen kichern und schreien: „Da scheißt einer auf die Straße“ und ihr Lachen ist unbändig und das Schiff verschluckt ihren Lachen nicht, das Echo des Meeres reicht weiter als andere und der Mann verschwindet mit halb hochgezogenen Hosen und es ist spät und die Bahn fährt weit hinaus, schon rückt das Schiff ferner, einmal hält die Bahn noch auf dem Meeresgrund, ein Mann trinkt allein in einer Bar.

Ringelnatz vielleicht, ein Bruder, der kein Bruder ist, Ringelnatz, der das Schiff kannte, auch den Maschinenraum, manchmal weiß ich nicht, ob der Maschinenraum nicht näher ist, als wir glauben und ich frage mich öfter noch, wie viele über Bord gehen könne, ohne das wir es merken müssen und dann steige ich aus, der Himmel, der das Meer ist liegt schwarz auf den Stufen, eine schmale Kante zischen Fluss und Schiff und die lange, verrostete Kette die Kette wird dünner und schmaler durchgerieben ist sie schon fast, wo sie Hoffnung heißt mit der Verzweiflung berührt sie die Brücken zwischen dem Meer und dem Fluss und ich liege im Bett und ich höre das Rauschen und die knarrende Kette und die Stadt ist ein Schiff und der Himmel, der Fluss.

Missliche Notizen

Schwierige Tage. Verwickelte und langwierige Arbeitsangelegenheiten, die sich nur mühsam auflösen lassen, sich weiterdrehen und doch immer weiter mühsam und misslich bleiben. Stundenlange Telefonate, verschwindende Dokumente, dann verschwinden auch die Zuständigen, zurück bleibe ich. Launisch und verwundert, schwarze Hände vom spuckenden Kopierer. Die Auszubildende ist krank.

Das Institut beehrt ein Schriftsteller. Der Schriftsteller muss irgendwo im Handbuch für Autoren, Band 4 gelesen haben: „Um die Aura des wahren und einzigen Schriftstellers zu erhalten, verhalte man sich als Autor möglichst misanthrop und feindlich.“ Der Schriftsteller setzt dies gekonnt um.

Ich zeige ihm sein Büro: Er starrt auf sein Telefon. Ich zeige ihm wie Computer, Drucker und das Institut an sich so funktionieren, er starrt auf sein Telefon. „Wenn es Ihnen jetzt nicht passt“, sage ich, der Satz verschwindet im Leeren, der Schriftsteller starrt auf sein Telefon. „Ich brauche Kopfschmerztabletten“, sagt er schließlich zu mir. Ums Eck hat es eine Apotheke sage ich.“ Worauf warten Sie noch?“, sagt der Schriftsteller. „Dass Sie die Tür hinter sich zu machen“, sage ich. Der Schriftsteller starrt mich an und geht.

Der Kollege B. aus der Stadt E. ruft mich an. Mit dem Kollegen B. aus der Stadt E. habe ich damals in Berlin, dass angefangen zu machen, was ich noch immer mache, wenn auch fast nur noch in den Nächten. Damals war der B. der größere Optimist von uns beiden.  Der B. hat gekündigt. „Der Umzug nach Australien sei schon organisiert, sagt er. Mehr Sonne, sagt er und er habe sich erkundigt in Australien sagt er, sei es nicht normal während des Dienstes mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Fäusten angegriffen zu werden.“ „Ich sage: Aber das ist doch auch in der Stadt E. nicht normal. „Der B. hustet trocken. „Ich habe Kinder“, sagt er und ich will sagen: „ Wird es nicht erst normal, wenn wir alle gehen B.?“ Ich sage: „Ich war noch nie in Australien.“ Der B. sagt: „Komm mich besuchen.“

Im Internet schreiben Frauen: #MeToo. In der Nachtschicht kommt eine Frau, deren Mann ihre Beine mit brühendem Wasser übergossen hat. Das Bein wird man nicht mehr retten können, sagt der Chirurg. Ich sage und klinge aufgeräumt und schrill dabei: „Wir kümmern uns jetzt um Sie.“ Sie sagt: „Aber er liebt mich doch.“ Schmerzmittel. Schlafmittel. „Hat er nach mir gefragt?“ Schichtende.

Wieder und wieder versuche ich die Familie in New York zu erreichen. Williamsburg. Englisch ist die erste Fremdsprache, ein kalter Klumpen Sorge in meiner Magengrube. Nach Stunden endlich eine Stimme am Telefon. „Wo seid ihr? Geht es euch gut?“ „Wir fahren doch kein Fahrrad“, sagt der G. Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll. Ich verzichte auf beides. „Warum geht niemand ans Telefon?“, sage ich stattdessen. Wir waren in der Shul. Warum frage ich überhaupt, frage ich mich. Ich denke daran wie ich nach Europa kam. In Berlin musste man im Supermarkt seine Tasche nicht aufmachen und in der Garage den Kofferraum nicht öffnen. Nur in Jerusalem flogen die Busse in die Luft. In einem Bus saß die Z. An die Z. will ich lieber auch nicht denken. „Wir fahren kein Fahrrad.“ „Passt auf euch auf, sage ich.“ Ich weiß nicht, ob sie mich hören können. Ich sage nicht: „Hör mir doch zu.“

Zwei Tage später lese ich diesen Artikel . Es waren neun Freunde. Man liest das und denkt an die acht Freunde, lachend auf den Rädern, auf den Bildern sind die Fahrräder verbogen und verdreht, Metallsplitter.

Wie oft habe ich mich mit dem G. gestritten: „Die Kinder müssen Rad fahren lernen.“ Der G. wehrte ab.

Lange in der National Library Mikrofilme durchgesehen. Charles Rex schreibt der König in schönen, geschwungenen Buchstaben, verschwommen das Siegel. Einige Wochen später ist der König tot. Einen Kopf kürzer machen, sagt man im Deutschen, merkwürdig, als hätte der Mensch noch einen Zweiten. Aber noch schreibt er und zeichnet Charles Rex und jemand hat den Brief versiegelt und der König schlief ein und war am nächsten Morgen noch einmal König. Ich aber suche andere Briefe und im dunklen, stillen Mikrofilmzimmer verschwindet Charles Rex wieder, neben mir flucht eine Frau in lila Hosen und Rosenbluse über das Mikrofilmgerät, schließlich wird sie wütend- wie schnell das geht- und reißt das Band aus der Rolle, ein Stück Film verfängt sich reißt- ein Bibliotheksmitarbeiter eilt herbei und besieht den Schaden: Große Scheiße, sagt er und die Frau flucht weiter laut und unerbittlich gegen die Tücken der Maschine. Später im hellen Licht schwer wieder in die Welt hineingefunden.

Müde und mutlos. Überall Risse.

Periodensystem

Manchmal, vor allem wohl, aber auch nicht ausschließlich am Ende des Jahres sieht man sich selbst hinterher. Etwas müde von all den langen Tagen des Jahres. Noch immer ist der Schreibtisch nicht aufgeräumt, noch  immer stapeln sich Notizen aus denen wohl in keinem Jahr mehr etwas werden wird zu Bergen und am besten wäre es wohl einfach ein Fenster zu öffnen und all die Fragen verschwänden uneinholbar in der kalten, nassen Luft. Wieder bin ich nicht in Venedig gewesen, nicht einmal für ein Wochenende. Überhaupt bin ich diesem Jahr hinterhergelaufen, immer war das Jahr schneller als ich und lachte mich aus mit meinen Seitenstechen. „Wer wartet schon auf dich?“, fragte das Jahr und natürlich war niemand die richtige Antwort. Was bleibt ist nicht viel. Ein indisches Mädchen auf einem Fahrrad vielleicht und auch der scharfe Geruch nach Salz und Meer, wann immer ich das Fenster öffne, fern von allem in einem irischen Dorf. Gehofft habe ich nichts. Gelacht habe ich wenig. Die Worte sind schief und viel zu müde bin ich sie richtig wieder aufzustellen. Jede Schachpartie habe ich verloren, und aufgehört nach zwei Paar Ohrringen zu suchen. Einige Splitter sind in den Fingerspitzen geblieben. Meine Hände sind meistens kalt. Unter dem Eis ist das Wasser schwarz, sagte meine Großmutter und irgendwo auf dem Grund liegen meine Briefe an Dich. Schumann’s fünf Stücke im Volkston am Anfang des Jahres auf den Plattenspieler gelegt und auf dem ipod läuft immer noch Tom T. Hall. Kaum am Klavier gesessen, den Klavierstimmer nicht einmal angerufen, wenige Konzerte im Ohr behalten, nur einmal in der Oper gewesen ( das immerhin ist etwas noch nie Dagewesenes). In der Müdigkeit länger gebadet als in der Badewanne. Niemanden geküsst, nicht einmal in Gedanken. Jemanden gegenübersitzen, an einem grauen Nachmittag, der sich Digital Influencer nennt. Was das soll, denke ich und sehe zur Seite. Nein, sage ich,nein, nein, mein indisches Projekt braucht keinen Instagram-Stream sondern Damenbinden und gynäkologische Pads. Nun sieht er zur Seite, sichtlich verstört. Ein Periodensystem sage ich und finde das lustig. Er nicht und als ich gehe, sehe ich einen Schatten im Spiegel, der wohl ich bin und der wohl nicht nur von weitem einem Narren gleicht. Atemlos. Weiteratmen.