Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.