Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.