Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Unendliches Blau

Di41rTrXsAAFyCZ.jpgAm Abend aber der Tierarzt hütet die Nichtenkinder, fahre ich noch einmal ans Meer. Sonnenflecken auf der Straße, das Dorf liegt still vor mir im späten Licht. Die Einwohner des Dorfes schweigen lauter als das sie reden. Sie haben Hofhunde, wenn jemand zu nah kommt, übernehmen die Hunde das Sprechen. Aber die Hunde sind müde und träumen von kühleren Tagen. Mein Fahrrad lehnt gegen einen Mauervorsprung. Die Wand ist warm an meinen Händen. Die Wand gehört zur Garage. Im Sommer gehört die Garage den Schwalben, zwei Nester unter dem Dach. Das Schwalbenpaar heißt Clara und Robert. Die liebe C. mag Schumann. Die Schwalbenkinder haben wie die Nichtenkinder immer Hunger. Die Nichtenkinder winken mir mit riesigen Stücken Streuselkuchen hinterher. Clara und Robert bekümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten. Vor dem Dorf liegt ein See, dichter Schilf umschließt den See. Über den See kann man sich mit einer Holzfähre rudern lassen. Der Fährmann hat viel von der Welt gesehen, einmal hat er größere Schiffe gesteuert als einen hölzernen Kahn. Jetzt sieht der Fährmann den See und das Schilf und manchmal ein Segelboot von der Ferne. Von der Welt erzählen ihm die Touristen, die er rudert. Ahoi rufen sie und der Fährmann rudert über den See. Schon bin ich vorbei, rieche vom Fährmann nur noch den Dunst blauen Knasters, am anderen Ufer des Sees weiden die Kühe und ihre Kälber. Der Tierarzt steht oft bei den Kühen und ihren Kälbern und erzählt ihnen von einem anderen Kalb und anderen Wiesen. Die Kühe und ihre Kinder hören geduldig zu. Mein Fahrrad und ich aber wir sind schon vorüber, eine schnurgerade Strecke schließt sich an und der Wind und ich rennen um die Wette. „Unfair ist das prustet der Wind, du hast ein Fahrrad und ich muss lauter Wolken tragen!“ Der Wind verliert mich an der nächsten Kurve. „ Wir sprechen uns noch“, ruft er mir mit letztem Atem hinterher. Dann der Ort hinter dem das Meer beginnt. Müde Väter mit Schaufeln und Strandzubehör, müde Kinder im Arm einen großen Gummiflamingo. Müde Mütter einen Eimer Muscheln in der Hand und Handtücher über den Armen. Manchmal tragen die Mütter auch alles, dann sind keine Väter mehr da oder ein Vater schleppt auch noch ein Kind auf dem Arm, aber seltener als die Väter sind die Mütter allein. Die Kinder aber lachen trotz aller Müdigkeit und der Gummiflamingo der auch. Aber die müden Eltern und die müden Kinder sind schon in der Unterzahl, die meisten die man jetzt auf der Straße sieht, und die ich vorsichtig umrunde, haben sich schon umgezogen. Sie gehen zum Essen. Auf eine wagenradgroße Pizza bei einem der Italiener vielleicht oder einen Berg Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen an, dass das etwas Besonderes ist. Sie haben sich feingemacht. Die Väter und die Söhne tragen Fußballtrikots, denen man ansieht, dass sie gebügelt worden und dazu einen Sommerhut. Die Frauen und Mütter tragen gemusterte Kleider, große goldene Ohrringe und alle tragen die guten Crocs, nicht die mit denen man Seesterne fängt. Wenn sie am Tisch sitzen und die wagenradgroße Pizza kommt, dann überlegen sie, wie das noch einmal genau war mit Messer und Gabel und lachen erleichtert, dass die Pizza doch schon vorgeschnitten ist. Es ist eine Feierlichkeit bei ihnen zu finden, von denen die Kirchen sich wünschten,sie käme am Sonntag zu ihnen. Aber hier bei den Urlaubern, die das ganze Jahr rechnen müssen, die sich hier einmal etwas erlauben, die hier einmal nicht mit „Kasse Sieben öffnet für sie“ angesprochen werden oder „ Cheffe hat schon wieder kein Gehalt gezahlt“ sagen müssen, sind hier Signor und Signorina und ihre Kinder sind bambini und über allem liegt die Feierlichkeit und der Sehnsucht für ein paar Tage einmal keine Sorgen zu haben und zu den Kindern sagen zu können. „Klar könnt ihr ein Eis.“ Das Eis kommt nicht aus einer Packung, sondern mit Aplomb und bunten Streuseln. Die Kinder strahlen, ich fahre nach rechts. Rechts rauscht das Meer, die Sonne versteckt sich noch hinter den Kiefern, die Kiefern und ich lehnen uns in die Sonne hinein, nur noch ein paar hundert Meter. An Holzhäusern vorbei, zwischen den Kiefern, Wäscheleinen, das baumelt ein Stoffbär, sein tropfendes Fell erzählt von großen Abenteuern. Ich lehne das Rad an den Ständern, das Handtuch über dem Arm, dann schon im Sand. Schon laufe ich in die blaue See hinein, die Sohne gähnt schon, legt die müden Füße hoch und ich tauche unter und schwimme in das seidig-blaue Meer hinein, folge der Sonne, die tiefer und tiefer zwischen die Bäume sinkt und schwimme noch einmal im letzten Licht des Tages mit geschlossenen Augen im tiefen Blau. Später dann als ich mit tropfenden Haaren wieder zum Fahrrad gehe, frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.

Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

Hier finden Sie den ersten, zweiten und dritten Teil der Geschichte.

Sie steht am Bahnhof noch immer mit kalten Händen. Die Urne ihres Vaters wiegt schwer in der Tasche. Zum ersten Mal steht ihr Vater nicht neben ihr. Nicht einmal mehr als Schatten, zu schwer wiegt die Asche an ihrer linken Hüfte. Der Tod vertreibt die Phantasie, verschluckt die Erinnerungen, ihr Vater trägt keine blaues Hemd mehr, wechselt im Zug nach Brighton nicht mehr von den schwarzen Schnürschuhen in die Sandalen, breitet nie wieder die Arme aus: „Mädchen, riechst du das Meer?“

Stickig und veratmet ist die Luft im Zug. Eine Schuklasse, eine Junggesellenabschiedsgruppe. Rosa Tutus über ihren Jogginghosen, bubenhafte Gesichter, aber ein harter Zug darin eingegraben schon jetzt. „We are gettin pissed“ schreien sie, als würde man es ihnen nicht ansehen. „Willst du mal was Großes sehen, grölt einer der Männer zu ihr herüber. Sie schweigt, dann kommt der Schaffner, mehr Menschen drücken in den Zug, ein Mann will ihr die Handtasche abnehmen, bietet ihr an, sie in die Gepäckablage zu legen, sie umklammert mit beiden Händen den Lederriemen. „Lassen Sie das“, sagt sie und er schüttelt empört den Kopf. „Bloody people.“ Als sie ein Kind war, da schlief sie auf dem Schoß ihres Vaters während der Fahrt ans Meer. Aber nur noch die Urne mit der Asche ist übrig, eng in ihre Rippen gepresst, sie sieht aus dem Fenster. Goldfische im Glas, denkt sie, Goldfische im Glas sind wir alle. Die Junggesellen rülpsen Lieder.

Kühl ist es in Brighton als sie aussteigt. Eine Hand ist ihr eingeschlafen während der Fahrt. Kribbelnde Fingerspitzen, ein tauber Fuß. Zerknittert hängt ihr Mantel über dem Arm. Sie kennt den Weg, kennt ihn besser als andere Wege, wie oft ist die Straße zum Meer hinuntergehüpft, hinuntergerannt, heruntergerollert, auf hohen goldenen Sandalen zum ersten Mal heruntergeschritten. Eine Königin aus Southall, 16 Jahre, ihr Vater hielt sie fest, damit sie nicht vor den Augen aller, die Balance verlor. Sie muss schlucken. Die goldenen Sandalen liegen noch immer in einer mintgrünen Kiste unter ihrem Bett im Haus ihres Vaters. Der Weg hinunter zum Strand ist ihr zäh und lang, trist der Weg und viel länger als sonst, zieht sich immer nur weiter und weiter dahin. Sie bleibt stehen. „Wie begräbt man einen Vater?“ Sie hat keine Antwort, nicht auf diese Frage. Eine Unre voll Asche im Meer, kann nicht mehr sein als es ist, ein grauer Moment in der blauen Unendlichkeit. Für eine ganze Weile sitzt sie auf einer grünen Bank und starrt auf ihre Schuhe. Praktisch und blau, comfy, murmelt sie, keine Spur mehr von Glitzer und Gold. Wieder beginnt es zu regnen, ihr Mantel hat dunkle Flecken und sie steht auf, und geht die Straße hinunter, die Straße führt ans Meer.

Am Strand aber stehen dicht gedrängt mehr Menschen als an jedem sonnigen Sommertag. Ein Rettungswagen. Polizisten, gelbes Absperrband und knisternde Funkgeräte. Dumpfer Regen, und alles durchdringenden Feuchtigkeit. Nein, sie denkt nicht an Kurta, Kurta den Hund, den Mann, dessen Namen sie verloren hatte, dafür wiegt die Asche an ihrer Hüfte zu schwer. „Was ist das?, fragt sie einen Mann mit zerdrücktem Hut neben sich. Ist das ein Surfwettkampf heute? Sie überlegt, wie sie ihren Vater wohl gehen lassen kann, inmitten all dieser Menschen, die auf das Meer starren, einige haben sogar Ferngläser dabei. Eine Frau steht zu ihrer Linken, einen Bademantel über die Frotteehosen gezogen, eine Tasse mit Instantkaffee in der Hand. Auf der Tasse ein Plüschbär mit Pflaster über dem Ohr. Ihr wird übel von dem Geruch, der säuerliche Kaffee und das süßliche Parfüm der Frau. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie etwas gegessen hatte. Der Mann mit dem zerdrückten Hut schüttelt den Kopf: „ Nein, kein Sport“, sagt er, ein Mann ist ins Meer gegangen. Er sagt es so wie: Ein Mann ist Zigaretten holen gegangen. Ein Mann ist zur Arbeit gegangen. Ein Mann ist in den Park Ball spielen gegangen. Nur eben: „Ein Mann ist ins Meer gegangen.“ „Ein Mann ist ins Meer gegangen wiederholt sie stockend.“ Der Mann nickt. „Einer wie Sie.“ Sagt er mit einem feixendem Grinsen. „Einer wie ich?“, fragt sie. Er grinst noch immer, feixend wohl um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ein Dunkler halt“, sagt er dann dreht er sich weg, zieht seinen zerdrückten Hut vom Kopf nach vorn und winkt Bekannten. Die Frau im Bademantel bietet ihr eine Zigarette an: „Machen Sie sich nicht draus, seine Frau ist ihm abgehauen mit einem Paki.“ Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Dann drängt sie sich weiter nach vorn, vorbei am Mann mit dem zerdrückten Hut und seinen Bekannten bis zum gelben Absperrband. Das Band flattert im Wind, grauer Regen und das Meer eine kalte, graue, eine harte Mauer aus Beton und Salz. Ein Polizist schreit in das Funkgerät, Satzfetzen aber keinen davon kann sie entziffern. Eine Polizistin hält ein Bündel Kleider in den Armen. Pullover, T-Shirt, Hose, Socken, ein Paar Schuh, sorgfältig zusammengelegt, ordentlich gefaltet, fast so als sei er frisch gebügelt. „Kein Telefon“, schreit die Polizistin, die Schuhe fallen herunter und sie will die Schuhe aufheben, ordentlich nebeneinander stellen, so als würde das schon reichen, so als würde die Ordnung der Welt durch die exakt gelegten, gefalteten und sortierten Kleidungsstücke wieder hergestellt. Sie starrt auf den Pullover. Sie sieht seinen Rücken hastig, an ihr vorbeirennen in Richtung Bahnhof. Sie schließt die Augen.

Der Regen wird stärker, die Menschen gehen zurück in die Häuser, der Mann zieht sich den zerdrückten Hut tief ins Gesicht, das gelbe Absperrband flattert losgerissen im Wind. Die Polizisten warten im Auto, sie öffnet die Augen und dann sitzt sie im nassen Sand, die Feuchtigkeit kriecht ihr über die Schultern, ihre Handtasche liegt neben ihr im Sand. Sie starrt auf das Wasser, schäumend und wild, grau-schwarz, tief und unendlich, eine schwarze Welle leckt an ihren Füßen. Das ist nicht mehr das Meer meiner Kindheit denkt sie, aber eigentlich denkt sie nichts mehr, starrt nur noch auf das kalte, rasende Meer. „Komm zurück“, rief sie ihm nach. „Kurta, Komm doch zurück.“ Dann wird ihr schwindlig und das ist alles was sie noch weiß. Später, wie viel später weiß sie nicht, beugt sich eine Frau über sie: „Wake up Luv’, sagt sie, und das erste was sie sieht, ist die Tasse mit dem Teddybären. „You have to get up’,sagt die Frau und wieder hält sie ihr die Tasse hin, ihr Bademantel riecht nach Zigaretten, Parfüm und Einsamkeit. Dann erst sieht sie den Hund.
„Sit“, sagt die Frau zu einem kleinen Terrier, schwarz, braun, gepunktet, der nach den Riemen ihrer Handtasche schnappt.“ Der Hund der Frau leckt über ihre Hand. „Er heißt Johnny“, sagt die Frau im Bademantel und zündet sich eine Zigarette an.

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Beitrags zu Kiki’s #SepteMeer

Fünf vor Zwölf

Kalt ist der Morgen und kalt ist mir nach der Nachtschicht. So kalt, dass mir die Zähne klappern, die Kälte hat sich irgendwann in der Nacht in meine Knochen gegraben, hat sich unter meine Haut gelegt, sich in die Fingernägel verbissen, krallt sich in meine Kopfhaut und hält sich fest an meinen Zähnen. Kalt ist mir und noch ist es dunkel, aber die Wolken wärmen nicht und der Mond ist anders als gestern Abend nicht mehr mild und sonnengelb, sondern ein grauer, ein dunkler Schatten, mit kalten Augen und wer weiß das schon, vielleicht auch einem erkalteten Herzen. Der Tierarzt steht auf dem Parkplatz und alles an mir klappert, denn mir ist so unendlich kalt. „Komm“, sagt der Tierarzt und im alten Volvo beschlagen die Scheiben. „Willst du mir von der Nacht erzählen?“, fragt der Tierarzt. Aber ich schüttle den Kopf und klappere mit den Zähnen.

„Komm“, sagt der Tierarzt, wir machen etwas Verrücktes.“ Der Tierarzt hält an einer Tankstelle an, Apple Green heißt sie, es riecht nach Benzin und im Laden der Tankstelle singt eine Frau von glücklichen Nächten. Der Tierarzt, kauft zwei Becher heiße Schokolade, ausgerechnet der Tierarzt, der noch drei Heidelbeeren die Kalorien zählt. Wir nippen am Kakao und der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie: „Damals als wir Kinder waren, hat meine Mutter Kakao gekocht, eine himmelblaue Kanne, und ein zerbeulter Emailletopf, und dann bricht der Tierarzt den Satz einfach ab und ich starre auf den roten Pappbecher mit der süßen Milch, der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die Sätze über unsere Mütter führen nirgendwohin. Der Tierarzt wirft die Pappbecher in den Mülleimer und wir fahren weiter, bis ans Meer. „Jetzt im September ist das Wasser so warm wie nie sagst du Mädchen, und ich nicke. Ich binde mir die Haare fester zusammen und der Tierarzt hält Hose, T-Shirt, Wäsche, Socken und Pullover und ich laufe in das Wasser hinein. Das Meer leckt an meinen Füßen und das salzige Wasser legt sich mit der Kälte über meine Knochen. Ich schwimme immer in dieselbe Richtung, fast immer mit geschlossenen Augen und über mir reißt der Himmel auf. Eine kalte, blaue Wand, so als würde der Mond zum Ende der Nacht, die Schatten mit einer langen, kalten Dusche vertreiben wollen. Dass versuche ich ja auch schon seit Jahren, aber das kalte Wasser hilft nicht gegen die Schatten meiner Nächte und ich schwimme zurück ans Ufer und wenn schon nicht warm, dann bin ich wenigstens gut betäubt.

 
Zurück im Oberland, schließt der Priester gerade die Kirchentür zu. Der Priester geht zum Beten vier oder fünfmal am Tag nach St. Sylvester herüber und irgendwann fragte ich ihn einmal, ob er G*tt wohl eher im Kirchenschiff denn am Schreibtisch erwarte. Aber der Priester schüttelte den Kopf und sah mich an: „Fräulein Read On, als ich damals im Priesterseminar war, da habe ich das geglaubt, dass G*tt sich hereinschliche zu einer selbstgewählten Stunde, aber wenn das so einfach wäre und G*tt nichts weiter als ein höhergestellter Verwaltungsbeamter, der sich unserer Anliegen annähme, dann wären die Kirchen doch voll und die Frau des Krämers müsste nicht wieder und wieder mir erklären, dass sie gern eine neue Couchgarnitur hätte. Nach St. Sylvester hinüber gehe ich wegen des Lichts. Ich nickte und nicke auch heute Morgen und der Priester schneidet eine gelbe Rose für mich ab. „Für Sie Fräulein Read On“ sagt er, ich danke und dann fast schon scheu: „G*ttes Segen für Sie.“ Ich nicke noch einmal und der Priester und ich, die wir beide Gefühligkeiten misstrauen noch dazu religiös parfümierten, sind ernster als sonst miteinander.

Ich putze mir die Zähne und heißes Wasser läuft über meinen Rücken hinunter, ich leihe mir ein Tierarzt-T-Shirt und der Tierarzt deckt mich zu. „Wann musst Du los?“, frage ich und der Tierarzt sieht auf den alten Wecker, der auf dem Nachtkastel steht. Eine Stunde, sagt er und zieht sich den Pullover über die Schultern und ich drehe meine Füße in seine Knöchel hinein. Der Tierarzt riecht nach Kakao, Sandelholz und ihm selbst. „Danke“, sage ich und der Tierarzt vergräbt sein Gesicht in meinem Nacken. Ich bin so müde, aber noch nicht müde genug, um nicht noch einmal zu fragen: „Tierarzt, deine Mutter, die himmelblaue Kanne, der Emailletopf.“ Für eine ganze Weile sagt der Tierarzt nichts, nur sein Herz schlägt gegen meinen Rücken und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch schon eingeschlafen bin, aber dann sagt der Tierarzt, das was ich schon ahnte, denn es sind die Geschichten meiner langen Nächte: „immer, wenn mein Vater mich oder meinen Bruder schlug, kochte meine Mutter Kakao.“ „Vielleicht murmelt der Tierarzt“ hat es damals angefangen, aber ich weiß es nicht mehr genau, nur, dass ich mich übergeben musste von der warmen Milch und der süßen, immer klumpigen Schokolade.“ Dann schlug meine Mutter mich: „Was bist du nur für ein undankbares Kind“ und der Tierarzt, der doch so viel größer ist als ich, vergräbt sich für eine dreiviertel Stunde in mir, so als könnte man sich auch noch nachträglich, viele Jahrzehnte später, verstecken, vor den Schlägen und dem Kakao in der himmelblauen Kanne.

Dann klingelt der Wecker und der Tierarzt geht ins Bad, als er zurückkommt, zieht er den Wecker für mich auf. „Wann willst Du geweckt werden, Mädchen?“. „Fünf vor 12 Uhr“ sage ich und der Tierarzt sieht mich lange an.

 

 

Von Fern ist das Meer niemals nah (1)

Southall, England. Häuser, ein Bollywood-Kino, die größte Gurudwara außerhalb Indiens, Markstände ( Jalebis, Gemüse, T-Shirts ), ein Cricket-Feld, eine Straße, seine Straße führt hinunter zum Bahnhof. Southall steht auf dem Schild. Es steht dort in Englisch und in Gurmurkhi. Vor dem Bahnhof Fahrradständer, verrostete Fahrräder, Mülleimer, an der Ecke ein Reisebüro: „Punjab Special Offer.“ Kleben am Fenster.Eine vertrocknete Palme und alte Prospekte: „Jewels of Punjab 2001“liegen auf dem Tisch. Er ist schon weiter. Die Straße endet mit seinem Geschäft. „Punjabi Tresor“ hatte sein Vater damals gesagt, hatte es ins Telefon geschrien, denn sein Vater schrie immer, aber der Contractor am Telefon hatte verstanden: „Punjabi Resort“ und das Schild war teuer genug gewesen, sagte sein Vater und dann blieb das Schild so wie es war. Er lebt das Leben seines Vaters. Er als der älteste Sohn, sagt sein Vater, sei seine rechte Hand, seine Mutter sagt seine linke Hand halte die Ehre der Schwestern, seine vier Schwestern nennen ihn Kurta, den Hund, den Schoßhund des Vater nennen sie ihn. So nennt ihn die ganze Straße. Ganz Southall flüstert, betritt er die Gurudwara: „Da kommt Kurta, der Hund.“ Er ist der Hund seines Vaters. Er steht um 4 Uhr auf und um 4.12 Uhr küsst er die Füße des Vaters, um 4.14 Uhr schlägt die Haustür hinter ihm zu. Er geht die Straße hinunter, am Mittwoch werden die Mülltonnen abgeholt, um 4.30 werden die Zeitschriften geliefert, um 5.25 Uhr fährt das Milchauto vor sein Geschäft. Er öffnet die Tür und im Halbdunkel steht er ganz still, er kann sich atmen hören, dann zieht er den eisernen Rollladen hoch, der Rollladen ist hellblau. Es war noch Farbe übrig, das Zimmer seiner Schwester Preeti hat hellblaue Wände, die Rollläden des Geschäfts jetzt auch. Der Rollladen klemmt und ihm läuft der Schweiß über den Rücken, endlich rastet der Laden ein. Er schaltet das Licht ein, er rollt die Zeitungsständer hinaus, sie klappern auf der stillen Straße. Noch sind die Straßenlaternen an, er sieht sich im Fenster des Ladens. 17 Jahre war er, da kaufte der Vater den Laden, nahm ihn aus der Schule, er war der älteste Sohn, er war der Musterschüler, sein Vater wollte keine Zeit verlieren. Er wischt die Kasse mit einem feuchten Lappen ab, er holt den Besen aus dem Nebenraum, er fegt den Laden. Im Laden von Kurta, dem Hund kann man vom Fußboden essen, sagen die Leute. Es ist nicht als Kompliment gemeint. Seine Hände sind kalt, dabei sagte sein Vater gestern Abend, es würde wärmer werden, er fegt den Laden. An der Wand hinter Kasse hängt ein Bild des Vaters, hängt ein Kalender der Punjabi Pharmacy Southall, hängt eine billige Uhr. Tick-Tack macht die Uhr, er stellt den Besen zurück, er füllt Kaugummi, Cadbury-Riegel, und Bombay-Mix nach, er unterschreibt die Zeitschriftenlieferung. Der Mann, der die Zeitschriften von der Ladefläche des Lasters wirft, hat eine Zigarette im Mundwinkel kleben, sein Kopf ist rot vor Anstrengung, er sieht auf den Zettel in der Hand des Mannes, schwielige Hände hat der Lieferant, schwarz-behaarte Finger, er weiß nicht, ob er mit seinem Namen oder mit dem seines Vaters unterschreibt. Macht das einen Unterschied? Der Lieferant zieht ungeduldig an seiner Zigarette, ihm fällt der Stift aus der Hand, der Mann tritt die Zigarette aus, und noch einmalhält er ihm den Lieferschein hin, ein grauer Zettel, Tabakkrümel und Druckerschwärze zu ihm herüber. Er schreibt einen Namen, die Fingernägel des Lieferanten sind gelb und brüchig, auf dem Ringfinger aber unter den sich kräuselnden Haaren, sieht er das Bild eines Ankers, zwei Buchstaben D und L hängen an der Ankerkette. Er starrt auf den Anker und schreibt seinen Namen auf das Papier. Aber noch immer starrt er auf den Anker und der Lieferant folgt seinen Augen: „ Been a sailor meself“ sagt er und reibt sich über den Finger, „long time ago ye know, in me youth.“ Er nickt. Der Lieferant zuckt mit den Schultern. „Both gettin in me head, the sea and the drink.“ Dann knickt er den Zettel, tippt sich an den Kopf, und sucht nach einer neuen Zigarette, dann blinken die Lichter des Lieferwagens und wieder liegt die Straße still im ersten Licht des Morgens. Er hebt die Zeitungen auf, schneidet die schwarzen Bänder auseinander, sortiert: Des Pardes Weekly nach oben, die Sun, Times, den Guardian und Daily Mirror nach unten. Er holt eine Plastiktüte für die schwarzen Bänder, die Folie und das Papier, er stapelt die Zeitungen sorgfältig in die Fächer:
Er liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Er dreht sich um, die Zeitungsständer verschließt er mit einem Fahrradschloss, die Straßenlaternen gehen gleich aus, bald kommt das Milchauto, er muss den Bestellzettel aus dem Fach unter der Kasse holen, er geht hinein den Laden, ein Glöckchen über der Tür klingelt, er hört es nicht mehr. „Punjabi Resort“ steht auf dem Schild, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Der Contractor, ein Mann aus Goa, hatte seinem Vater das Schild mit Stolz überreicht: „Bloody Foreigners“ schrie sein Vater und übermalte den Anker, bis nur noch die Ankerkette am äußersten Rand des T von „Punjabi Resort“ übrig blieb.

Der erste Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 2 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Woanders ist es auch schön

Es gibt Diskussionen, die kann man sich in Paris nicht einmal vorstellen, aber in Berlin werden sie mit viel Verve geführt und Miz Kitty hat aufgeschrieben wie das ist mit dem Kaffee und den Berliner Cafés.

Seen machen Menschen.

Der Text will mir nicht aus dem Kopf gehen , ich weiß ich sage es immer wieder, aber man gar nicht genug aufeinander acht geben.

Manchmal ist ein seidener Faden der Anfang eines hoffentlich besseren Lebens.

Noch einmal ein Stück vom Sommer.

Ich mag Uwe Johnson und wenn ich im Moment nicht dazu komme seine Jahrestage weiterzulesen, so lege ich Ihnen doch dieses Blog heiß ans Herz.

Geben Sie sich einen Ruck, hauen Sie in die Tasten, befeuchten Sie die Pinsel, singen Sie Shantys, denn im September geht es mit Kiki ans Meer.

Hier sind all die Gründe versammelt, warum ich nirgendwo lieber Zug fahre als in Indien.

Stellen Sie sich einfach vor, wie das Fräulein bei diesem Lied vor Rührung in die Teetasse weint, der Hund stimmungsvoll dazu jault und der Tierarzt die Treppe hinuntereilt, um zu fragen: „Gehen die Sirenen?“ Die Katze verschläft natürlich wieder alles.

Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Schiefergrau

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Grau ist das Meer, eine harte Wand aus kühlem Beton. Schiefergrau. Grau bin auch ich, in den Regen gewickelt wie ein schweres Tuch. 7 Stunden lang. Als ich ging, leckte das Meer mir an die Füße, jetzt als ich zurückkehre, ist es weit entfernt, nicht mehr als ein grauer Schatten. „Read On“, sagt die Frau des Krämers, Sie sind ja ganz durchweicht. Ich nicke und bin mir nicht sicher, ob nicht das Meer selbst mit langen, feuchten Händen schon mich zu sich gezogen hat. Mein Liebchen und wie ich da stehe, am Meeressaum, da fährt es mir tief unter die Knochen und legt mir eine schwere, graue Hand auf die Schulter. Der Priester erzählte mir einmal, dass noch sein Großvater selbst ihm berichtet habe, dass immer dann wenn ein Schiff an den Felsen schlug oder von der tückischen Strömung zerschmettert wurde, der Priester ein Kreuz schlug: Gott segne diesen Strand und dann liefen Priester wie Gemeinde, mit Körben und Taschen zum Wasser hinunter, wo ich jetzt stehe und es war ein guter Tag. Schiffbruch erleiden. Das kenne ich gut, denn wie oft hat mich das Grau schon verschluckt? Irgendwann gab ich das Zählen auf, denn das Meer gab nicht nach. Der Erlkönig so heißt es, reitet durch Nacht und Wind, aber hier kommt er nicht auf einem Rappen daher, sondern als Wanderer in schwarzem Wetterfleck, mit knotigem Stock in der Hand und einem breitkrempigen Hut. Tiefer und tiefer zieht er den Hut und geht festen Schrittes hinein die graue Wand, die immer nur einen spalt breit nachgibt, doch niemals ganz. Noch sieht man den Wanderer, noch hört man die Stimme des Pastors, der die predigt unterbrach, noch meint man das Johlen der Strandläufer erahnen zu können, noch immer aber gibt das schiefergraue Meer nicht alles preis. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind hört man es flüstern, aber lauter noch die Stimme der Frau des Krämers, die nun zum zweiten Mal nach mir ruft. „Read On“ , kommen Sie doch, Sie sind doch ganz nass.“ Dann drehe ich mich endlich um. Noch zuhause aber, als warmes Wasser über meinen Rücken läuft und die Dunkelheit das Meer verschluckt und ich endlich, endlich unter einem Berg warmer Decken verschwinde, höre ich den Mann im Wetterfleck rufen leise und doch so durchdringend, metallisch und schiefergrau hart. Als der Teekessel pfeifft schlägt der Regen gegen mein Fenster und als ich zurück im Bett aus dem Fenster sehe, meine ich von Ferne splitternde Schiffsmäste zu sehen, die an den Wellen brechen und schlagen nicht auch von Ferne schon die Kirchenglocken? Mein Sohn es ist ein Nebelstreif sage ich mir und schließe die Augen erst, als ich das ewig vertraute Blinken des Leuchtturms in der Ecke meines Schlafzimmers sehen kann. Heute Nacht denke ich dann, wird der Wanderer noch einmal weitergehen und nur von Ferne grüßen mit seinem das Gesicht verbergenden Hut, dem grauen Kragen und dem wehenden Mantel von dem niemand weiß, wer ihn wohl webte, denn wie das Meer selbst so ist er verschwiegen, unnahbar und schiefergrau.