Ungehörtes. Marc-André Hamelin spielt Klavier an einem verregneten Donnerstag in Dublin.

Eigentlich sage ich mir, ist das Wetter doch viel zu schlecht, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich bin ich doch viel zu müde nach einem langen Tag in der Mondsteinscheibenfabrik, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich wollte ich doch einfach nur für eine Stunden in den Regen schauen und ist der Regen nicht auch Musik, und warum sollte ich das Regentropfenorchester versetzen nur um in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert?

Eigentlich sage ich mir, gehe ich doch nicht mehr zu Virtuosenkonzerten, denn immer lassen sie mich leer zurück.

Ich wollte schon damals als ich von Schumanns Fingerfoltermaschine las, ihm die Hand auf die Schultern legen und sagen: „Bitte nicht.“

Eigentlich sage ich mir, bevor ich dann doch auf die Website klicke, ist das Klavierkonzert doch bestimmt schon seit Wochen ausverkauft.

Aber das Klavierkonzert ist überhaupt nicht ausverkauft und mein Lieblingsplatz sieben Reihen links schräg vom Flügel entfernt ist auch noch frei, aber eigentlich ist der Donnerstag schon zu lang und die letzte Besprechung des Tages geht bis sechs Uhr.

Eigentlich kann ich auch morgen in das Symphoniekonzert gehen, sage ich mir.

Aber meine Füsse zucken doch immer wieder unter dem Schreibtisch und um 18. 25 Uhr stehe ich nicht am Bahnhof, sondern an der Bushaltetselle.

Noch im Bus sage ich mir, dass ich ja gar nicht am Konzerthaus aussteigen muss, sondern einfach bei der J. im Institut vorbeisehen kann. Am Donnerstag ist die J. ohnehin lang im Institut und ich sehe die J. doch so gern.

Aber ich steige nicht beim Institut aus, sondern 25 Minuten vor Konzertbeginn renne ich so schnell ich kann von der Bushaltestelle zum Konzerthaus, atemlos sage ich zur Schalterdame: „Gibt es noch eine Karte für Marc-André Hamelin gleich jetzt?

Sie nickt.

Ich sage: Er ist doch wirklich da?

Sie nickt noch einmal und ich erstehe eine Karte für meinen Lieblingsplatz. Sieben Reihen schräg links vom Flügel entfernt.

Er ist wirklich da.

Er kommt einfach links zur Tür herein, setzt sich an den Flügel und dann macht er etwas was Klaviervirtuosen niemals tun. Er beginnt den Abend mit einem Stück, das eigentlich nur ein Flüstern ist. Er spielt die Cipressi von Mario Castelnuovo-Tedesci. Hamelin am Flügel nickt uns zu, öffnet das Fesnter, schon sind wir nicht mehr in Dublin, schon stehen wir auf einem offenen Balkon eines ockergelben Hauses in der Toscana, schon werden wir still. Hören Sie wie die Zypresse wispern in der sterngen Hitze des Tages, fragt uns der Mann am Klavier, kommen sie, lassen sie uns hören, wie der Wind in die Zypressen fährt, kommen sie. Er der Virtuose macht das Gegenteil aller Virtuosen, er zeigt uns nicht was seine Finger können, er überschlägt sich nicht, konfrontiert uns nicht, er der Mann am Flügel zeigt sich verwundbar, zögert fast vor den Tasten als wolle er die Zypressen nicht unterbrechen. Er macht das, was Virtuosen nie tun, die doch auf Verführung bedacht sind und auf Überwältigung. Er aber fragt uns, könnt ihr sie hören die Zypressen, dicht aneinander gepresst an einer staubigen Strasse, hört ihr sie wirklich, fast unterbricht er sich, um uns zu fragen und wir sitzen mit ihm an der Strasse und hören die Zypressen. Er versteckt sich nicht hinter wahnsinnigen Klavierläufen, die doch allen Virtuosen zu Eigen sind, er zeigt uns jede einzelne Note. So unter den Zypressen fängt der Abend an.

Dann kommt der Schumann. Fantasie in C-Dur. Schumann, das haben wir alle gelernt, Schumann der Romantiker, Robert und Clara und immer im Eck der Schatten des Vaters und ja auch ihre erbarmungslose Kritik. Schumann, der ein Wunderkind war und es doch nie glaubte, Schumann der Geld sammelte mit seiner Fantasie in C- Dur und sie doch am Ende Liszt zu widmen, da war es wieder die Suche nach dem Genie. Diese Fanatsie ist dann doch auch ein so merkwürdiges Stück. Beethoven flirrt darin herum, Clara natürlich, immer Clara, aber es ist dann doch auch so unverkennbar Schumann darin. Wir hören ja nie nur Schumann, wenn wir Schumann hören, sondern immer hören wir all die Geschichten, die wir unweigerlich kennen. Es gibt für Pianisten eigentlich immer nur zwei Entscheidungen. Entweder sie wollen wie Schumann sein. Oder sie wollen alles sein nur nicht Schumann. Das hört man. Aber am Donnerstagabend hört man nichts von Beiden. Sondern wir dort im Saal, wir hören Marc-André Hamelin, der die so bequem gewordenen Schumann Pflaster abreisst. Einfach so. Er lässt sie nicht gelten. Er, dort am Flügel, er hört Schumann wirklich zu. Und sein Schumann ist klarer, heller, durchsichtiger und leiser, viel, viel leiser als der so schnell scheppernde Schumann für den sich Virtuosen so gern bewundern lassen. Aber hier hören wir einen Pianisten, der sich nicht zufrieden gibt mit dem was man weiss, hier sitzt jemand am Flügel, der uns zuruft, nun hören sie doch erst einmal zu und wir hören zum ersten Mal einen Schumann ohne den Druck Schumann zu sein. So hört man Schumann nicht, nie, so zwingt einen kein Pinaist zum hören und ich sitze dort in der siebenten Reihe links vom Flügel mit weichen Knien und Gänsehaut auf den Armen, weil ich zum ersten Mal Schumann höre.

Ich kann nicht aufstehen in der Pause.

Ich kann nur sitzenbleiben uns auf den Flügel starren und höre noch immer die Fantasie in C-Dur von Robert Schumann.

Hamelin spielt Weissenberg und Trenet, die doch kein Virtuose an einem Konzertabend spielt,um den es um Hochkultur geht, aber er gibt für uns den Barpianisten, er spielt die traurigen Lieder für die, einsamen Frauen und die Trinker für die spielt er auch. Er spielt für den Portier, der allein mit einer Pudeldame in Brooklyn wohnt und er spielt für all die nach ihren Herzen in den Handtaschen oder den Gläsern mit Kristallrand suchen. Wir hören ihn suchen und ich wünschte jemand brächte auch ihm ein Glas Scotch. Ganz plötzlich verlässt er die Bar und kehrt zurück zu uns hier ins Konzerthaus nach Dublin.

Er spielt Faure nach der Pause, aber ich bin noch bei Schumann, noch immer kann ich nicht aufhören diesen Schumann, diesen völlig anderen Schumann zu hören.

Er spielt Chopin zum Abschluss, den ich nie mochte. Zu sehr hat auch mich Ljudmila Alexejewa mit seinen Etüden geplagt, diese Fingerübungen nach denen man die Händ ein Eiswasser tauchen muss, um sie wieder zu fühlen. Mir lag das Manierierte seiner Musik nie, aber wieder, wieder hören wir die Polonaise-Fantaisie nicht als stehtanz mit polnischem Nationalstolz, sondern als ein Sommerlied, einen Spaziergang, einen so leichten, so ungeheuer durchdachten Chopin, an dem nichts mehr staubt und der einen nicht sofort und unmittelbar an Prüfungsnachmittage in einem staubigen Kultursaal erinnert. So einen Chopin hören wir. Es ist ein Chopin der Zwischentöne.

Er spielt um gehört zu werden, denke ich, er spielt bis wir hören, er spielt bis uns das Herz bricht, weil wir schon so lange aufgehört haben hinzuhören.

Er spielt Rachmaninov als Zugabe, ein ironischer Diener vielleicht an die Virtuosen, bei denen der Flügel wackelt, hört sagt er vielleicht auch ihnen, hört doch erst einmal hin.

Noch lange später, ich bin schon im Bus nach Hause und später noch, mitten in der Nacht wache ich auf, weil ich noch immer seinen Schumann höre, da erschrecke ich mich, dass ich fast nicht zu einem Konzert gegangen wäre, an dem der vielleicht beste Pianist der Welt, sich als Virtuose des Hörens zeigt.

Hier können Sie hören, wie man Rachmaninov auch spielen kann.

Wie immer gilt Karte und Programmheft sind selbst bezahlt und niemand hat mich zum Aufschreiben dieser, meiner Konzerteindrücke aufgefordert.