Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Unter den Ärmeln

Am Dienstag Abend spät ist es da schon, im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Irland da erinnere ich mich wieder an jenen Satz den ich vor Jahren einmal auf einer Konferenz hörte: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Unsinnig kam mir der Satz damals vor, noch dazu auf jener Konferenz auf der es um nichts anders ging als die Offensichtlichkeit, dass Menschen vielerorts hungern und zwar so hungern, dass man nicht erst ihre Handgelenke besehen muss, um sich dessen gewahr zu werden. Menschen hungern. Punkt. Das dachte ich damals und ich verwarf den Satz als eine Überflüssigkeit. Ich war jung damals und hochnäsig wohl auch, denn mir schien der Satz pure Verschwendung.

Aber so viele Jahre später holt der Satz mich dann doch ein. Im Flugzeug nämlich sehe ich aus dem Fenster, unter mir verschwindet die Stadt Berlin und wir fliegen hoch und höher in die Dunkelheit hinein. Der Tierarzt neben mir schläft, tief fällt ihm das Haar and die Stirn und sein Kinn liegt dort wo mein Ohr beginnt. Der Tierarzt atmet ganz leise und ich zähle mit. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und wieder von vorn. Dann sehe ich auf seine Handgelenke. Seine Handgelenke sind dünn, aber das ist nicht neu, das weiß ich doch, aber dann fällt mir etwas auf, was ich nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte, dass ist ja oft ein und dasselbe. Seine Handgelenke sind so dünn, dass die Haut die Knochen nicht mehr hält und die Haut über den Handgelenken ist so dünn, so dünnes Pergamentpapier, dass sein Hemd sich durch die Haut scheuert und die Knochen sich durch die Haut drücken. Blutige Ringe hat der Tierarzt, wo andere Menschen und vielleicht auch Sie und ich Handgelenke haben. So kommt der Satz zu mir zurück in dem dunklen Flugzeug in dem zwei Frauen Gin trinken, ein Mann ein Buch von Idriss Aberkane liest und eine andere Frau den Verlust ihres linken Fingernagels beklagt. Sie sagt zu ihrer Freundin: „Ich habe ihn mir so lange heran gezüchtet und jetzt ist er einfach abgebrochen.“ Sie spricht über ihren Fingernagel wie über einen lange verlorenen Freund. Ihre Freundin will sie trösten, aber sie und ihr Verlust wollen nicht getröstet sein. Der Tierarzt schläft und ich starre auf seine Handgelenke und dann fällt er mir wieder ein jener Satz: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Man entkommt einem Satz nicht einfach so.

Kurz vor der Landung wacht der Tierarzt auf. „Alles gut?“, sagt er und ich nicke und packe mein Buch ein, suche mein Tuch, dann den Mantel, sehe nach ob der Hausschlüssel wirklich in der Tasche ist. „Komm“, sagt der Tierarzt und hält mir die Hand hin und wir gehen aus dem Flughafen heraus und suchen auf dem Parkplatz nach dem Volvo. „Fahr Du, sagt der Tierarzt, ich bin so müde.“ Das ist der Hunger, der Hunger lacht und der Hunger schläft nie. Ich fahre durch die dunklen Straßen, Wald, Kurven, dann das Meer, schließlich die Dörfer, endlich dann unser Dorf. Erst Unterland, dann vorbei am Kirchturm St Sylvester. Motor aus.

Das luggage holdall, ein Rucksack, meine Tasche. Die Katze liegt auf dem Fensterbrett, der Tierarzt umarmt den Hund, ich trinke ein Glas Wasser. „Es ist schon spät“, sagt der Tierarzt. „Ich habe Deine Handgelenke gesehen“, sage ich. Ich fange nicht an zu schreien. Ich schreie nie. Aber der Hunger hörte ohnehin nicht zu. Ich sage nicht mehr: „Warum muss das so sein?“ Denn es ist ja schon vier Jahrzehnte so. Der Tierarzt sagt: „Es tut mir leid.“ „Du solltest das nicht sehen.“ Ich hole den Verbandskasten und der Tierarzt nickt. Dann trägt der Hunger Mullbinden um die Handgelenke und ich gehe ins Bad. Es ist ja schon spät. Vor dem Fenster da rauscht das Meer und manchmal dachte ich, das Meer wäre lauter als der Hunger, aber ich hätte besser zuhören müssen auf jener Konferenz damals als mir der Hunger zu offensichtlich schien, als das ich auf Handgelenke geachtet hätte. Der Hunger zieht einen hinein, der Hunger macht einen, macht auch mich zum Komplizen, der Hunger schläft nie, er ist wach, er frisst sich durch die Knochen, die Haut, durch die Vorhänge, die dunkle Nacht im Zimmer.

Der Tierarzt wickelt eine Hand in mein Haar. Aber der Hunger tobt auch unter meinen Haaren und seinen Händen weiter. Ich denke an die all Jahre, in denen ich in Indien mit dem Hunger rang, nur um neben dem Hunger im Bett zu liegen, die Ironie des Hungers ist grenzenlos. „Du kannst gehen Mädchen“, sagt der Tierarzt mit den Händen in meinem Haar.“ „Nein Tierarzt“, sage ich und drehe mich zu ihm um, „der Hunger allein ist nicht genug.“ Ganz still liegt der Tierarzt und wer weiß vielleicht gibt für eine Nacht, der Hunger noch einmal nach. „Lassen Sie sich vom Hunger nicht täuschen“, sagte der Dozent damals auf jener Konferenz, den Kopf habe ich geschüttelt damals und dann hat der Hunger mich doch getäuscht, gut versteckt unter den Hemdsärmeln, Manschettenknöpfen an den Handgelenken, Wollpullovern und Leinenhemden.

Den Hunger sieht man an den Handgelenken.

Ein letzter Karton

Regen vor dem Fenster. Pfützen im Garten. Wind überall. Das Meer schlägt gegen die Felsen. Die Schafe haben missliche Gesichter. Tee und die Zeitung. Der Tierarzt sieht erst aus dem Fenster und dann zu mir. „Kannst Du allein fahren?“, fragt er, er fragt viel zu leise. Der Regen, der Wind, der Teekessel, Beethoven 7. Symphonie im Radio sind lauter. Aber ich höre ihn doch. „Ja“, sage ich und suche nach den Schlüsseln. Die Autoschlüssel liegen in der Schale aus Weinblättern im Flur, die Schlüssel zum Haus in dem der Tierarzt viele Jahre lang wohnte, liegen in seinem Wetterfleck. Der Wetterfleck hängt am Haken.

„Bis gleich“, sage ich und der Tierarzt sieht aus dem Fenster. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt ich nicke. Das Haus des Tierarztes ist verkauft, ausgeräumt ist es schon längst, nur ein paar Dinge gibt es noch zu holen, die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten, sagte ich zum Notar am Telefon. „Prima“, sagte der Notar. Ich fahre mit dem Auto vom Oberland ins Unterland, so viel Regen gegen die Scheiben, das Auto ist ein Ruderboot.

Drei Dörfer liegen zwischen dem Oberland und dem Haus des Tierarztes. Ich stelle das Auto vor dem Gartentor ab. Pfützen im Garten, das Tor knarrt, der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen, dann geht die Tür doch auf. Pfützen auf dem Boden. Das Haus ist dunkel und ich stehe am Fenster. Vor dem Fenster ist das Meer. Grau ist das Meer und es ist kalt. Noch einmal gehe ich durch das Haus. Behalten hat der Tierarzt nicht viel. „Ich brauche nichts mehr“, sagte er und seine Frau sagte dasselbe. Ich verkaufte die Möbel und überwies die Hälfte der Summe an seine Frau. Einmal habe ich sie danach noch angerufen. „Was mit ihren Sachen werden solle?“, fragte ich sie auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht saß sie in Ota neben dem Telefon, vielleicht war sie ausgegangen. Ich ließe das Telefon lange klingeln.

So viele Kleider, Hosen und Mäntel. Aber die Frau rief niemals zurück. Mit dem Tierarzt spricht sie schon lange nicht mehr. Ich habe die Kleider alle verschenkt. Noch einmal habe ich nicht auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Aber viele Wochen später noch habe ich davon geträumt, dass sie ihre Kleider und Mäntel zurückforderte, irgendwann hörten die Träume auf. Die Küche ist leer, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, im Arbeitszimmer steht ein Karton.

Hat der Karton schon immer dort gestanden? Ich erinnere mich nicht. Aber jetzt steht er da und ich mache den Karton auf. Im Karton ist ein vertrockneter Blumenstrauß, Ehreringe, Schleifenband und dann sehe ich die Bilder. Der Tierarzt ist jung auf den Bildern. So jung. „Du bist so jung“, denke ich und sehe den Tierarzt an. Die Bilder beginnen mit dem Haus. Der Tierarzt und seine Frau vor dem Haus. Der Tierarzt mit Nägeln zwischen den Zähnen, die Hände halten ein Regal. Das Regal habe ich auseinandergenommen fällt mir ein. Der Tierarzt hat nichts gesagt, als ich aus dem Regal viele Bretter machte, aber hier auf dem Bild baut der Tierarzt das Regal auf. Der Tierarzt mit einem Regenschirm in der Hand und dann ein zweites Bild: Der Tierarzt und seine Frau unter dem Schirm im Regen, sie lacht, ein helles Lachen, der Tierarzt und seine Frau auf einer Picknickdecke, der Tierarzt liest ein Buch auf dem Bild. Der Tierarzt und seine Frau schlafen auf einem Schaukelstuhl. Ein Bild und vielleicht ist es das schönste von allen, der Tierarzt mit viel längeren Haaren als heute und einer schwarzen Ente unter dem Am. Die Ente hieß Guiness und war eines der vielen Tiere, die der Tierarzt irgendwann unter seine Arme nahm, aber ich habe Guiness nicht mehr kennengelernt.

Irgendwann sind die Bilder nicht mehr in Irland, sondern in Japan und irgendwann hören die Bilder auf. Etwas war anders denke ich, und nehme noch einmal ein Bild in die Hand und erst dann fällt mir auf was anders ist. Der Tierarzt sitzt an einem Tisch und schält eine Birne und ein Bild weiter ißt seine Frau einen Birnenspalt und auf einem dritten Bild läuft dem Tierarzt Birnensaft aus dem Mundwinkel. Dann fällt mir auf was anders ist: die Bilder sind alle aus einer Zeit in der, der Tierarzt noch gegessen hat und ich sehe die Bilder noch einmal an. Ich sehe eine Butterdose, ein Brotmesser, Krümel auf der Picknickdecke, den Tierarzt mit einem Stück Kuchen in der Hand. Geburtstagskuchen. Der Tierarzt mit Sahne auf der Nasenspitze, der Tierarzt am Herd. Vielleicht Spaghetti Bolognese. Der Tierarzt schält eine Banane mit diesem Lächeln bei dem die Frau des Krämers und alle Frauen zwischen Dublin und Dingle just swoon, der Tierarzt beim Abwasch, Schaum an den Armen, der Tierarzt mit einem Paar Kirschen im Ohr. Der Kirschbaum im Garten ist immer noch kahl.

Aber dann lege ich die Bilder zurück in den Karton, ich trage den Karton ins Auto, nehme einen Wäschekorb mit Geschirr mit und dann schließe ich die Tür zum letzten Mal zu. Die Schlüssel in den Briefkasten wie versprochen. Am Meer halte ich an, Schuhe aus, Kleid aus, die Strickjacke auch, ich laufe ins Meer und schwimme viel zu lange in der kalten See und dem kalten Regen. Dem Meer ist es egal, ob man weint und ich denke an den jungen Mann und seine Frau auf den Bildern und dann schlägt eine Welle über mich hinweg. „Es hat einmal eine Zeit gegeben in der der Tierarzt gegessen hat“, sage ich ins Meer hinein und schwimme weiter. „Aber nicht mit Dir“, sagt das Meer und das Meer irrt sich nie.

Dann fahre ich zurück. Nasses Haar und sandige Füße. „Das ist der Rest“, sage ich und stelle den Karton auf den Tisch.

„Die Bilder, sage ich, die Bilder ich hätte dich vorher fragen sollen. „Nein“, sagt der Tierarzt und macht den Karton auf, „Du musst mich nicht fragen, ich hätte dich nicht bitten dürfen.“ Ich wasche das Meer und die Kälte ab und als ich zurückkomme, sieht der Tierarzt noch immer die Bilder an. „Ihr wart ein schönes Paar“, sage ich. „Ich sage nicht, warum willst Du das nicht mir mir?“  Auch nicht: „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“ Ich sage: „Hast Du etwas gegessen?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er. Vor dem Fenster der Regen, das Meer, der Wind, ich wasche ab. Im Radio spielt jemand Chopin.

Wie es isst.

Immer kurz vor Weihnachten beschließt die Frau des Krämers abzunehmen. Der Krämer fährt in den von ihr so verachteten TESCO auf einer grünen Wiese und die Frau des Krämers lädt einen Stapel Weight Watchers Assietten in ihren Wagenkorb und schwört in den nächsten Tagen bis zum 23 Dezember nichts anderes mehr zu essen, als das was das Punktesystem der vereinigten Waagenwächter vorgibt. Nach zwei Tagen kennt die Frau des Krämers alle Punkte, die auf den Plastepackungen abgedruckt sind. Aber nach zwei Tagen hat die Frau des Krämers auch festgestellt, wie scheußlich der Waagenwächterfraß schmeckt. Die Laune der Frau des Krämers ist also an Tag Drei unterirdisch und da die Frau des Krämers findet, ich sei quasi für jedes Elend der Welt mitverantwortlich, schreit sie während ich Butter, Joghurt und Milch zur Ladentheke trage: „Sie wissen aber schon wie viele Punkte das hat!“ Keine Ahnung, Frau des Krämers sage ich, Hauptsache die Milch ist nicht sauer, die Butter nicht ranzig und der Joghurt nicht wässrig. Die Frau des Krämers knurrt Böses. Dann hole ich Nussschokolade. Die Frau des Krämers fletscht die Zähne, das ist verboten, streng verboten, Schokolade hat sieben Schrillionen Punkte. Überhaupt Fräulein Read On, sind sie dicker geworden oder trägt die Strickjacke auf?“ Frau des Krämers lächle ich, es soll kalt werden über Nacht, Nussschokolade aber wärmt gut. Dann hole ich Schokoladeneis aus der Tiefkühltruhe und die Frau des Krämers wirft mir ihren Todesblick zu.
Wissen Sie Frau des Krämers mein Punktesystem ist ganz einfach: „Ist noch genug Nussschokolade da und warum zur Hölle sind da immer noch vier Pastinaken im Gemüsefach.“ Die Frau des Krämers starrt mich entsetzt an: „Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält.“

Die Auszubildende schluchzt wie ein Schlosshund. Es braucht eine Packung Taschentücher und den ganzen Rest meiner Jahresendgeduld bis ich herausfinde, warum sie schluchzend das Telefon ignoriert. „Fräulein Read On bricht es schließlich aus ihr heraus, „mein Kleid für die Weihnachtsfeier ist mir zu eng.“ „Kaufen Sie ein neues Kleid“, sage ich und nehme den Telefonhörer ab. „Sie sind so unsensibel“ schreit die Auszubildende. Ich atme tief ein und aus. Am Telefon ist der Schriftsteller. „Fräulein Read on sagt er, besteht Frackzwang?“ „Schriftsteller, sage ich, es ist die Weihnachtsfeier nicht der Pulitzerpreis.“ Der Schriftsteller immerhin ist beruhigt.

Am Abend sind der Tierarzt und ich auf der Weihnachtsfeier der Tierärzte und ihres Anhangs. Wir sind zu siebent am Tisch und ich besehe den Menüplan, um herauszufinden, was für den Tierarzt wohl ginge und was nicht. Pilzsuppe lese ich und denke an die Pariser Maronensuppe von der, der Tierarzt fünf Löffel schaffte und ich danach vor Freude durch das Marais hüpfte. An unserem Tisch sitzt eine Tierärztin, zwei Tierärzte und ihre Frauen und dann sitzen da eben auch wir. Der Tierarzt sagt: Das ist das Mäd-äh Fräulein Read On, sie fürchtet sich nur vor Reptilien, liebt eine Wildtaube, Kälbchen und ich hoffe ein kleines bisschen auch mich. Ich lächle milde und versuche zu verdrängen, da Kälbchen mir erst vorgestern so derartig auf den Mantel gesabbert hat, dass noch nicht klar ist, ob der Mantel sich noch retten lässt und sage: Angenehm, wie schön sie kennenzulernen.

Die Damen der Tischgesellschaft starren den Tierarzt an.

Dann sagen sie zum Tierarzt gewandt:

„Ich muss auch dringend abnehmen.“
„Nach Weihnachten kommen fünf Kilo runter.“

„Meine Oberarme sind solche Fettschlegel.“

„Haben Sie auch schon mal die Kohlsuppendiät probiert?“

„Ach, am Besten ist dann doch die gute Friss die Hälfte.“

„Die Tina macht ja im Januar immer eine Saftkur.“

„Sagen Sie, war das erste Kilo eigentlich das Schwerste?“

„Haben Sie die Kohlenhydrate ganz weggelassen oder nur Abends?“

„Rohkost soll ja richtig gut sein, um zu entschlacken.“

„Verzicht ist auch eine Lebenshaltung.“

„Abnehmen ist eine Einstellungsfrage.“

„Ich mache seit August ja SlimFit und ich bin mir sicher, da geht noch mehr.“

Die Frauen trinken während sie so daherreden Champagner und Rotwein, sie essen Canapés mit Lachs und russische Eier, sie löffeln die dicke Pilzsuppe und nehmen eine zweite Portion vom Lammbraten, sie essen Kartoffeln mit Rosmarin und in Honig glasierte Möhren. Sie essen Pasteten und Ententerrine, sie schlecken Eis und nehmen Pralinen zum Kaffee dazu. Keine der Frauen hört auf, während sie essen davon auf zu reden, wie sie bald abnehmen werden und natürlich preisen auch sie das Konzept der Waagenwächter mit ihrem so überaus klugen Punktesystem.

„Das ist überhaupt der Trick“ sagen sie und sehen den Tierarzt an, der sich an einem Löffel Suppe quält, man lässt einfach die Hälfte auf dem Teller liegen. Dann kratzen sie Erdbeersauce vom Tellerrand. Der Tierarzt aber steht auf und ich weiß ganz genau, dass er im Badezimmer des Restaurants zwei Löffel Pilzsuppe ausspeit und die Frauen am Tisch seufzen verzückt: „Einmal Size Zero.“ „Size Zero ist dem Tierarzt zu groß“, sage ich und die Frauen starren mich an. Als der Tierarzt zurückkommt, sind die Teller abgetragen und seine Hände sind kalt.

Die Damen loben nun die Qualität des Essens und die Güte des Weines, der Tierarzt trinkt Kamillentee und irgendwann gehen wir zurück zum Auto. Ich krame nach dem Autoschlüssel in meiner Handtasche und als wir im Auto sitzen, vergräbt der Tierarzt den Kopf in seinen Händen und sagt: „Mädchen, warum dürfen alle abnehmen und nur ich muss essen?“

Sonntag

Der Tierarzt ist von meinem Versuch den Tag durch frühes Aufstehen zu verlängern nicht sonderlich angetan, sondern kriecht nur tiefer unter die Decke. Aber nach drei Jahren Irland habe ich gelernt: was ein Ire ist, lässt sich mit einer Tasse Tee wie einst Alice nicht ins Wunderland, sondern zumindest in den Garten locken. Es muss aber, sollten Sie einmal selbst in die Verlegenheit geraten einen Iren aus einem komatösen Schlaf zu erwecken, Barry’s Tea sein, ein starkes Gebräu in dem der Teelöffel stecken bleibt, dazu ein Schlückchen Milch und dann sitzt auch der Tierarzt im Garten unter der Kastanie und links vom Fliederbusch und klimpert mit den schlafschweren Lidern. Was genau das Geheimnis von Barry’s Tea ist, habe ich nie herausfinden können, aber die grüne Dose mit der Jubilee’s Mischung für 12 Pfund bei Fortnum & Mason für den Tierarzt erstanden, steht unberührt im Schrank. Nur der Priester, Gäste und ich trinken dann und wann ein Tässchen, während der Tierarzt noch für ein Wochenende in Berlin eine Notfallration an Barry’s Teabags in das luggage holdall verschwinden lässt.

Der Tierarzt gähnt, ich lege meine Füße in seinen Schoss. Die Katze, die den Tierarzt liebt, springt nun ihrerseits obendrauf und mein Plan geht auf: endlich warme Füße. Wir sehen den Amseln beim Frühstück zu und zählen die Möwen, die sich auf dem Dachfirst sammeln. Der Hund kaut hingebungsvoll auf einem Gartenhandschuh und der Tierarzt erzählt mir einen schrägen Traum. Im Wald nämlich sei er gewesen, barfuß und nur mit einem Hut bekleidet, auf der Suche nach einem bestimmten Moos. Aber das Moos habe er nicht gefunden, dafür ein langes Gespräch mit Silberfischen geführt, die von überall her auf ihn zu gekrabbelt kamen. Aber was genau die Silberfische ihm hätten sagen wollen, wisse er nicht mehr, denn schließlich hätte ich ihn geweckt. Ich höre nur halb zu, denn gerade klettert die Sonne über die Kirchhofmauer, wandert am Haus entlang, stolpert über die Kastanie und den Fliederbusch und taumelt schließlich an meiner Nasenspitze entlang, fährt mir durch die Haare und malt mir goldene Kringel auf die Beine.

Dann müssen wir auch schon los. Denn der Tierarzt muss sich im Zoo einer erkrankten Giraffe annehmen und auf mich warten Stapel von Arbeit im Büro. In der Stadt trennen sich unsere Wege und für lange Stunden sehe ich die Sonne nur von fern durch die Fensterscheibe. Um 15 Uhr aber gehe ich ins Schwimmbad hinüber. Jeden Tag schwimme ich 50 Bahnen, denn das Gepaddel in der eiskalten Irischen See kann man kaum Schwimmen nennen und es sind diese 50 Bahnen am Tag, die nur mir gehören. Kein Telefon klingelt, kein- es-dauert-auch-nur-fünf-Minuten, kein dringend, eilig, bitte jetzt, sondern nur eine Schwimmhalle, Bahn für Bahn, der Geruch nach Chlor, Wasser plätschern, von Ferne das Radio aus dem Fitnesstudio über uns, nichts wird gewollt außer einatmen, ausatmen, Bahn für Bahn, Schwimmzug für Schwimmzug. Außer vier Männern bin ich ganz allein. Einatmen, Ausatmen, Weiteratmen, nichts zählen außer den Bahnen,21, 22, 23, die Augen schließen bei der Wende an jeder Seite des Beckens. Weiße Fliesen, grauer Sichtbeton, ein Stück blauer Himmel, die Bahn rattert vorüber, 27, 28, 29, immer weiter Bahn für Bahn. Als ich aus dem Schwimmbecken steige, immer mit weichen Knien, immer außer Atem, sehe ich vier Frauen hinter der Scheibe sitzen, die den Pool von den Umkleideräumen trennt. Alle vier sind verschleiert und die Luftfeuchtigkeit und Wärme des Schwimmbades kann nicht besonders angenehm sein. Sie warten auf die vier Männer, die wie ich Bahn um Bahn im Schwimmbecken ziehen. Als ich aus der Dusche komme und im Spind nach meinem Rucksack krame, nicken wir uns zu. „Schönes Wetter“ sage ich, „Schönes Wetter sagen die Frauen“. Sind sie aus dem Land A. ? fragen mich die vier Frauen. Ich zucke mit den Schultern. „Es ist lange her“, sage ich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Frauen Schwimmen“ sage ich schließlich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Schwimmkurse für Frauen“ sage ich. Die vier Frauen nicken. „ma’a as-salamah“, sage ich. ma’a as-salamah erwidern vier Frauen. Immer dann, wenn man ein Gespräch eigentlich beginnen müsste, sagt man „Auf Wiedersehen“, da bin ich nicht anders, und ich will den Zug nach Haus noch erwischen.

Der Tierarzt ist schon zurück. Ich bin hungrig, sagt der Tierarzt. Er isst zwei daumenbreite Stück grünen Sellerie und fünf Heidelbeeren. „Geben Sie den Mut nicht auf“ sagen die Ärzte. Man kann nichts aufgeben, was man nicht hat, sagte ich nicht, aber gedacht habe ich es auf dem grünen Resopalstuhl. Ich nicke und richte dem Tierarzt ein Käsebrot. Das Brot ist frischgebacken, die Butter vom Bauern nebenan, der Käse von der Frau des Krämers. Ein Brot in acht Würfel geschnitten. Eine Stunde für acht Käsebrotwürfel. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne wandert über die Kirchhofmauer, umarmt noch einmal den Fliederbusch, die Hollerstauden, den Rosenstock und die Kastanie. Der Priester winkt. Ich winke zurück. 10 Minuten später verliert der Tierarzt den Kampf gegen Käsebrot, zwei Stück Sellerie und fünf Heidelbeeren und übergibt sich. Es ist schwer zu sagen, was qualvoller ist mit anzusehen: wie der Tierarzt ißt oder wie der Tierarzt sich übergibt. Ich lege dem Tierarzt die Hand auf den Rücken und als es endlich vorbei ist, legt der Tierarzt seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht, sagt er. „Ich kann einfach nicht mehr essen.“

Ich will dich nicht verlieren, sage ich nicht. Ich kann doch nicht immer verlieren, denke ich. Der Tierarzt schließlich schläft vor Erschöpfung ein. Ich putze das Badezimmer. Dann wasche ich ab. Über Maria João Pires, die Beethoven spielt, wird das Abwaschwasser kalt. Der Hund erinnert mich an die Teetassen, die noch immer auf dem Spülbrett stehen und trägt das Geschirrhandtuch heran.

Im letzten Licht, sitze ich noch einmal an die Hauswand gelehnt ganz nah bei den Rosen. Da fällt sie mir nach Jahren wieder ein diese eine Strophe aus Paul Celans Psalm:

„Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.“

Die Rosen neben mir halten sich bedeckt, ein Nichts sind wir und keine Rosen liegen in unseren Händen, die Kirchturmuhr schlägt sieben Uhr und ich sitze vor dem Notebook: Election Présidentielle 2017: Emmanuel Macron élu président.

Zähes Ringen

Am Montag mache ich eine Kürbissuppe. Viel Mühe macht das nicht, aber ein bisschen doch. Ich würfele also Kürbis und Äpfel, presse Orangen, backe ein Olivenbrot, rühre Knoblauchbutter an, falte Servietten, decke den Tisch ein und setze Teewasser auf. Dann kommt der Tierarzt. „Mir ist schlecht“ sagt der Tierarzt und schiebt den Suppenteller mit der dampfenden Kürbissuppe so weit von sich weg wie es nur geht. Das Olivenbrot zerbröselt der Tierarzt in lauter kleine Bröckchen oder dreht es zu kleinen Kügelchen zusammen. „Hänsel und Gretel?“ sage ich, aber der Tierarzt lacht nicht. „Magst du etwas anderes haben“, frage ich. Ein wachsweiches Ei vielleicht oder einen Pfannkuchen? Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Mein Suppenlöffel kratzt unangenehm laut über den Tellerboden. „Joghurt?“,versuche ich noch einmal mein Glück. Der Tierarzt schiebt den Stuhl zurück und sagt: „Lass mich doch in Ruhe mit deiner ewigen Kümmerei“, dann schlägt die Tür hinter ihm zu und ich fege die Brotbrösel vom Tisch. Die restliche Suppe friere ich ein.

Am Dienstag mache ich Rührei mit Schnittlauch, einen Tomatensalat mit Oliven und Schafskäse, ich backe eine Zitronenmeringue und schneide die übrigen Zitronenscheiben in die Wasserkaraffe. Der Tierarzt schiebt den Teller mit dem Rührei weit weg von sich. Eine halbe Tomate pickt er mit der Gabel auf und betrachtet sie für fünf Minuten angestrengt. Dann lässt er die Gabel sinken. Er trinkt eine halbes Glas Wasser als ich ein Stück Zitronemeringue abschneide, nickt er. Er schlingt das Stück Kuchen hinunter. Fünf Minuten später, steht er auf, geht ins Bad und speit den Kuchen wieder aus. Ich kippe das kalt gewordene Rührei in den Mülleimer und wische den Tisch ab. Dann klopfe ich an die Badezimmertür. „Darf ich reinkommen?“ „Ja“, flüstert der Tierarzt der zusammengerollt auf den Fliesen liegt. „Komm“ sage ich und ziehe seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht“, flüstert der Tierarzt. „Shhhh“ wispere ich.

Am Mittwoch mache ich einen Grießkoch mit Pflaumenkompott. Ich schneide Brot in daumennagelgroße Stücke und belege die Brotwürfel mit fingernagelgroßen Ziegenkäse- und Camembertfitzeln. Ich spieße einzelne Weintrauben und Mandarinenscheiben auf einen Zahnstocher und schneide eine halbe Mango mit dem Sparschäler in sehr, sehr feine und dünne Spalten. Dann schreddere ich Rote Bete, Gurken, eine Banane, Äpfel und Karotten für einen Smoothie. Der Tierarzt im Türrahmen ist nur ein schmaler Schatten. Der Tierarzt am Tisch schafft drei daumennagelgroße Brothäppchen, zwei Scheibchen Mango und drei Weintrauben. Nach drei weiteren Stunden hat er ein halbes Glas grünen Saft getrunken. Die Brotstückchen nehme ich anderntags mit in die Universität. Die Kollegen sehen mich merkwürdig berührt an: „Willst du abnehmen?“, fragen sie mich verwundert. „Nein“, sage ich.

Am Donnerstag koche ich nicht. Am Donnerstag gehe ich in die Apotheke. Ich kaufe hochkalorische Flüssignahrung. „Super lecker“ sagt der Apotheker. Ich nicke und nehme Vanille und Waldfrucht. Der Tierarzt weint. „Ich hasse Dich“ schreit er. Ich zucke mit den Schultern. „Mir haben Leute schon Schlimmeres gesagt.“ Der Tierarzt fährt weg. Er weiß noch nicht, dass ich ihm längst die übrigen Flaschen in die Taschen geschoben habe. Ich nehme ein Aspirin und halte mich an der Spüle fest, bis die Welt sich aufhört zu drehen.

Am Freitag stehe ich um halb vier Uhr früh auf. Ich nehme die vorbereiteten Keksteige aus dem Kühlschrank, denn Schwesterchen verlangt jedes Jahr hartnäckig zum 1.Dezember ein Paket mit Gebäck. Die Katze ist beleidigt, dass ich sie daran hindere mit ihrer Tatze in den Teig zu fahren. Beleidigt sitzt sie auf der Anrichte und mauzt. Ich steche Halbmonde aus, backe Zimtsterne, die später mit Zitronenguss glasiert werden, ich mache Springerle, wie sie schon meine Großmutter machte und fülle die Linzer Plätzchen mit Himbeermarmelade, ich mache Haselnussmakronen und Vanillekipferln und natürlich Berge von bunten bestreuselten Butterplätzchen. Nur für Schwarz-Weißgebäck reicht die Zeit nicht mehr. Für den Tierarzt rühre ich Kräuterquark an und stelle zwei weitere Flaschen mit hochkalorischer Nahrung bereit. Am Abend komme ich erst spät aus der National Concert Hall nach Haus. Der Tierarzt liegt auf dem alten grünen Sofa und schläft. Der Kräuterquark steht unberührt im Kühlschrank, genau wie die Flasche mit Flüssignahrung.. Es fehlen die Hälfte aller Vanillekipferln und auch von den Zimsternen sind nur ein paar Wenige übrig. Der Tierarzt selbst indes ist voller Krümel und auf seiner Wange klebt weißer Puderzucker. Ich rutsche langsam mit dem Rücken die Wand entlang und muss so fürchterlich weinen, dass ich einen Schluckauf bekomme. Der Tierarzt wacht auf und legt die Arme um meine Schultern. „Hey Read On“, sagt der Tierarzt, bist du traurig, dass ich so viele Kekse gegessen habe?“ „Die Springerle sind auch gut“, schniefe ich und zum ersten Mal in dieser Woche lächelt der Tierarzt und zieht mich näher zu sich heran.

Haut und Knochen

Morgens im alten Frotteebademantel und den in Indien geflickten Birkenstocksandalen vom Oberland ins Unterland laufen. Lieber nicht mein Spiegelbild im Laden des Krämers und seiner Frau besehen. Eine der ersten Lektionen: als Außenseiter hat man ungeahnte Freiheiten. Nicht immer sind sie so offensichtlich wie am Sonntag in aller Frühe. Kalt ist das Wasser, weißer Schaum und ein hartes Grau gegen meine Beine. Unter Wasser und dann schlagen die Wellen über meinem Kopf zusammen. Für 30 oder 300 Sekunden vergesse ich wer ich bin. Allein für diese lange Sekunde lohnt es sich schon, das kalte Wasser und das harte Grau. In den Bademantel gewickelt zurück ins Dorf. Die Frau des Krämers lehnt aus dem Fenster: „Read On“ sagt sie, „dass ist doch verrückt was Sie da machen.“ Ich winke ihr zu. „Schöne Blumen haben Sie da Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers schüttelt ihren Kopf.

Zurück bei mir im Oberland verscheuche ich die Katze vom Sofa und krieche unter das wollene Plaid. Noch einmal schließe ich die Augen als ich sie wieder öffne, klopft es an der Tür. Es ist der Tierarzt, der dort im Rahmen lehnt. Groß und mager und so unendlich schmal. „Kann ich reinkommen“, fragt er und nach kurzem Zögern nicke ich. Inzwischen trage ich immerhin eine alte Yogahose und ein noch älteres T-Shirt mit einem aufgedruckten verwaschenem Frosch. „Danke“ murmelt der Tierarzt und lehnt in der Küchentür. „Read On“ sagt er kannst Du Recht haben und trotzdem aufhören wütend auf mich zu sein?“ Erklär es mir doch würde ich gern sagen, aber so atme ich ein und wieder aus und drehe mich zu ihm um. „Ja“ sage ich und nicke dem Tierarzt zu. „Hast Du etwas gegessen?“, frage ich ihn. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Gestern?“ frage ich wieder und wieder schüttelt der Tierarzt den Kopf. „Rührei?“ sage ich und der Tierarzt nickt. Während ich Tee aufsetze, Toast buttere, die Eier verquirle, Marmelade aus dem Kühlschrank nehme, Tomaten viertele und nach dem Käsemesser krame, erzählt mir der Tierarzt vom Farmer zwei Dörfer weiter, der aufgibt, wie so viele, die mit Landwirtschaft seit Jahrzehnten schon nur noch Verluste machen. 1982 habe er zum letzten Mal schwarze Zahlen geschrieben, sagt der Tierarzt und wir beide schütteln den Kopf. Dann ist das Rührei fertig und der Tierarzt gießt uns beiden Tee ein. Ich wärme mir die kalten Hände an der Tasse auf und sehe den Tierarzt an, der konzentriert mit der Gabel in das Rührei fährt. Der Tierarzt, der so dünn ist als sei er sein eigener Schatten. Die Haut, die dünn über den Knochen liegt und die sich der Schlüsselbeinknochen nur schwer erwehren kann, so hart drücken sie gegen die dünne Membran. Ich weiß noch als wir uns kennenlernten und der Tierarzt noch viel schneller aß als er  es heute tut, bevor er aufstand um im Bad alles zu erbrechen. Mein erster Besuch bei ihm zu Hause. Im Kühlschrank nichts weiter als säuberlich gestapelte Coke Light-Dosen. Später dann als er mir die Notizbücher zeigte. Säuberliche Tabellen, mit Gewichtsabnahmen, der dokumentarische Beweis den Körper und schließlich sich selbst zerbrechen zu können. Die letzte Spalte notierte auf das Gramm genau den Wochensieger: ihn oder seine Frau. Der Wettbewerb um das letzte Gramm. Als er schließlich den Stift nicht mehr halten konnte, um das Wochenergebnis zu vermerken, zog sie aus und hungert nun woanders weiter. Ich röste Toast und schiebe ihm das Marmeladenglas zu, bevor ich zur Gabel greife und das Rührei salze.

Später liegen wir auf dem Sofa und sehen den Schiffen zu, die langsam vorbeifahren. Containerschiffe und Ausflugsdampfer, Segelyachten und Motorboote, Windsurfer und Fischerboote. Dvorak liegt auf dem Plattenspieler und über die Cypresses  schläft der Tierarzt ein. Noch immer ist Essen so anstrengend wie ein Marathonlauf.

Als er wieder aufwacht ,spielen der Priester und ich Schach. Der Tierarzt holt sich Apfelkuchen aus der Küche und murmelt „der ist gut“ aber ich weiß, dass es nicht zufällig so klingt wie „bist du mir wieder gut.“ Ich nicke, dann drückt der Sturm die Fenster zu und ich setze noch einmal Teewasser auf.