Ein letztes Hemd

IMG_1248

 

Ein Tischsteht ganz vorn in der Exam Hall und auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop.

Ein Stapel Bücher, das ist alles.

Die Exam Hall hat alte Bilder an den Wänden und schwere Kronleuchter an der Decke.

Die Stühle sind viel zu schmal und furchtbar unbequem.

Hier unter den schwren Leuchtern und den Ölbildern mit den so ernsten Gesichtern schreiben die Studenten ihre Prüfungen.

Hier habe auch ich eine Urkunde bekommen über einen Stapel viel zu langen Papiers.

Aber heute sind die Studenten schon lange gegangen und die Urkunden liegen wohl verwaltet in einer anderen Schublade.

Es ist schon jetzt zu warm im Raum.

Aber es ist auch ganz egal.

BHL nennen sie ihn in Frankreich.

Bernard Henri Lévy

Heute Abend aber ist er in Dublin.

Ein schmaler Mann dort vorn, an dem Tisch mit den Büchern und dem Notebook.

Eine schwarze Hose und ein weisses Hemd. Seine Hemden sind schon seit Jahrzehnten viel zu weit offen.

Da sitzen wir und sehen ihn an.

Er ist fremd hier.

Hier in Irland gibt es keine Juden, die weisse Hemden tragen, eine Ehefrau und eine Geliebte haben und um zwanzig Uhr aufstehen und anfangen über Europa zu sprechen.

Ein Theaterstück.

Ein Mann spricht über Europa.

5 Akte hat das Stück.

Erst denke ich, dass Stück wäre ein Erinnerungsbogen.

Denn er verwandelt ja die Exam Hall in eine Hotelzimmer in Sarajevo. Damit beginnt sein Stück über Europa.

Mit dem Schweigen Europas über Sarajevo.

Er, der Jude hat das Nie Wieder, ohnehin nie ganz geglaubt. Aber nach Sarajevo ist es nur noch eine der vielen Worthülsen, die durch Europa fliegen. Ganz ohne irgendeine Konsequenz.

Sarajevo, da beginnt Europa.

Aber das Stück ist keine Erinnerung über die vielen europäische Erinnerungslücken.

Der Mann dort vorn am Tisch erzählt die Geschichten der jüdischen Kinder Europas.

Nein, nicht der von heute.

Er erzählt vom Jehuda ben Bezal’el Löw im Prag und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Auch ich in der vierten Reihe bin ja auf den Knien meiner Grossmutter mit den Geschichten vom Rabbi Löw aufgewachsen.

Und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Ich erkenne sie alle wieder, seine Geschichten dort vorn über Europa.

Den Mord an Sarah Halimi, den die französischen Behörden nur unwillig überhaupt einen antisemitischen Angriff nennen wollten.

Denn natürlich zählen wir noch immer unsere Toten.

Wir sind ja mit den Toten noch immer nicht fertig geworden.

Eine ganz europäische Geschichte also und die Gesichter neben mir sehen verwundert auf den schmalen Mann da vorn auf der Bühne, der sich selbst so verwundbar macht und in ihren Gesichtern liegt der europäische Zweifel, dass man das wirklich nicht bemerkt haben will.

Das ist was er erzählt an diesem Abend, das was wir vergessen.

Der Mann dort vorn am Tisch mit den Büchern spricht noch einmal von Zeus und der Prinzessin Europa, die eigentlich gar nicht so sehr aus Europa war, er erzählt sie noch einmal diese Geschichte die am Ende doch unklar bleibt, hat die Prinzessin denn eigentlich das Ufer wirklich erreicht? Hat nicht Zeus, der immer zu hastige Liebhaber sie nicht einfach zwischen den Inseln genommen. Er der G´tt ohne Rücksichtnahme

Er sagt fucked der Mann auf der Bühne, er weiss es ja auch nicht besser.

Die Männer auf den Ölbildern haben alle rote Wangen.

Er schüttelt den Kopf dort vorn am Tisch,steht ein Mann und spricht über Europa.

Er steht da, der Jude aus Frankreich und sagt: Irland und der irische Frieden, 25 Jahre immerhin, das sei der europäische Hoffnungsschimmer, vielleicht der Grösste, den Europa jemals hervorgebracht habe.

Brexit sei ein Schloss aus Sand, sagt er.

Der Mann dort vorn am Tisch aber holt Luft und dann liefert er die wohl zärtlichste Interpretation von Ulysses, die man sich nur denken kann. Leopold Bloom mit dem Mitteleuropa nach Irland kommt und Irland diese ferne Insel weit in die Mitte Europas rückt. Molly Malone, die ferne Verwandte der Prinzessin Europa, die Ulysses als Spaziergang durch europäische Traumwelten und europäische Euphorie.

Ulysses sagt er sei die eigentliche europäische Verfassung.

Einen Moment lang zögert der Mann dort- ist das nicht genau diese Art der Anmassung, die den Juden Europas nie gut bekommen ist?

Aber er sagt es noch einmal. Fester diesmal. Ulysses ist die eigentliche europäische Verfassung.

Es gibt fast nichts schöneres als einen Leser, denke ich mir.

Ganz am Ende schon, der Mann auf der Bühne sieht müde aus nach fast zweieinhalb Stunden in einer fremden Sprache, da spielt er das Spiel, das alle jüdischen Kinder, auch die von heute kennen. Er setzt sich eine europäische Kommission zusammen in der Maud Gonne und Denis Diderot Minister sind, in dem Literatur Staatsraison wird, in dem das Minsiterium für Humor sich nur mit den ernsten Angelegenheiten befasst und in dem die Aussenseiter nicht am Rand des Tisches setzen.

Ich erinnere mich noch an die ungeheure Ernsthaftigkeit mit der meine Grossmutter dafür warb Heinrich Heine zum Finanzminister zu machen.

So viele Dinge, die der Mann dort vorn erzählt über europa lasse ich hier aus.

Die Leute in der stickigen Exam Hall lachen.

Aber es ist ihm ja ernst dem Mann auf der Bühne, der für zweieinhalb Stunden nach Europa sucht.

Am Ende dann Applaus für ihn den Fremden.

Merkwürdig ist das, denke ich, das noch immer ein Jude durch die Städte Europas reisen muss, um das Projekt Europa dann doch nicht verlorenb zu geben, dabei hat Europa niemals damit aufgehört seine Juden preiszugeben.

Aber er der Mann auf der Bühne, der mir später die Hand geben wird ( warm, aber mit eisigen Fingerspitzen), der gibt noch einmal sein letztes Hemd.

Wir sind noch immer hier, sagt er später, neben mir und ich nicke.

Merci, Monsieur.

Bon courage.

Bernard-Henry Lévy, Looking for Europe

 

Das Blog als Kuriositätenkabinett

„Kurios, Kurios“, lässt Thomas den sterbenden Konsul Buddenbrook sagen. Es ist ein Stoßseufzer, ein Kopfschütteln, ein letztes spöttisches Aufbäumen, denn der alte Konsul ahnt wohl schon, dass die Welt der Söhne, der Nachkommen eine andere Welt sein wird, als das Lübeck seiner Tage. Kurios, also auch schon ein Nachruf.

Kuriose Kurzgechichten können sie finden in diesem Blog, das nun eben mein Blog ist, schreibt ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Kurios also, da ist es wieder und mit ihm die geballte Faust des Feuilletons, die den Dilettanten belächeln und mit milder Nachsicht spöttisch betrachen. Denn was ist schon sein Blog eines recht lächerlichen Fräuleins, das ausgerechnet eine Idee aufs Brot legt und andere machen mit. Es ist die Verwunderung der ernsthaft Schreibenden, der Absolventen von Journalistenschulen, von Preisverleihungen mit Weisswein und den Runden der Literaturinstitute in denen verhandelt wird, was in den Buchläden liegt. Kurios, dagegen ein Format, das nun zwar schon ein Vierteljahrhundert alt ist, aber natürlich nichts wert ist. Was ist das auch für eine Anmaßung, das ohne Siegel einfach geschrieben wird, unbekümmert und nicht einmal einen Infleuncerausweis,kann diese merkwürdige Person nachweisen. Wirklich, es ist kurios.

Der Redakteur ist natürlich in bester Gesellschaft in seinem spöttischen Degout. Denn ich werde ja manchmal und gar nicht so selten gefragt, was das denn soll so ein Blog. Warum nur noch mehr digitales Rauschen, es läse doch ohnehin keiner mehr längere Texte, wer heute etwas sein will, der hat einen Podcast und spielt die heißen Bälle bei Twitter.

Kurios darauf zu bestehen Texte ins Internet zu schreiben.

Ich weiß noch wie die beste Chefin der Welt, so stolz wie sie ist ja niemand, dem Goethe Institut in Dublin schrieb, das es da ein Fräulein gäbe und die hätte ein Blog und da seien Geschichten über Irland auf Deutsch und das sei doch schön, dass es nun auch Literatur im Internet gäbe. Das Goethe Institut schwieg natürlich und ich bin mir sicher, die freundliche Email der besten Chefin der Welt ist im Ordner: Kuriositäten abgelegt.

Dann gibt es noch diejenigen, die mir den Vogel zeigen und sagen: wie kann man nur so blöd sein, Texte umsonst ins Netz zu stellen. Dreimal doof, und keine Kundenbindung. Mindestens Paypal, aber so wird aus dir nichts werden. Das aber wusste ich schon länger. In der dritten Klasse nämlich, erklärte mir die Nonne B. ich sei so dumm und könne froh sein, vielleicht einmal noch zum Gärtner zu taugen.

Kurios also findet man den Versuch das Internet für Formate zu nutzen, die weder Digitaljournalismus, noch feuilletonversiegelt noch instagramtauglich sind. Ein Format eben, dem keine Beachtung schenken muss, sondern welches man bestenfalls übersieht und schlechtestenfalls belächelt.

Beides teilen sich die wahren Schreiber, die vollständige Verachtung für Formate jenseits ihrer Lebenswelten, in denen die müden Kinder schreiben, die nie Zeit für Illusionen hatten, sondern immer nur einen Dritt und Viertjob und für die Redakteur oder Autor sein, so fern ist wie für Andere eine Reise zum Mond und es soll ja auch kalt sein auf dem Mond. Was für eine Anmaßung eine Gemeinschaft der Schreibenden zu sein, die sich am Wort festhalten.

Und Sie sehen, hier finden Sie die Antwort nach der sie mich manchmal fragen, warum ich eigentlich kein Buch schreibe und warum die Sache mit dem blauen Haus der Frau des Krämers und der Angelegenheit von der das Dorf alles wusste und niemals sprach kein Debütroman eines Jungautors mit Strahlkraft wird, genau im Satz über die kuriosen Kurzgeschichten finden Sie die Antwort.

Das macht natürlich nichts.

Aber was finden Sie denn hier, wenn sie als Leser hier nur einmal hineinstolpern?

Meine Liebe zu Franz Kafka, oh diese fatalen Amateure, die durch das alte, abgebrannte Europa wandeln, hier finden sie Freundschaft zu einer Wildtaube neben Versuchen über das Judentum in Europa zu reflektieren, hier geht es um Aufklärung, sone und solche, um Aufwachsen in Anderswo und so viel Suchen, das niemand nirgendwo ankommt, um Geschichten aus Delhi und eine Liebe Aus Assam, um Jahre mit dem Tierarzt, dem die Welt so schwer wurde, um kalte Bäder im Meer, um die Frau des Krämers und ein Irland zwischen Aufbruch und Abbruch, um Menschen, die kürzer oder länger bleiben, um Albträume, um S-Bahnfahrten und Konzerthausbesuche, um Bücher und Einsamkeit, um Mondsteinscheiben und ein Institut, um die Mali-Tant und meine Großmutter, die doch die preussischste unter den deutschen Juden war, um Jonny und Sommerfrische, um alte Lieder und immer wieder um die Fragen nach Herkunft und Heimat, nach Sprachversuchen, die immer wieder Gehversuche sind, um Leben auf dem Dorf und Leben zwischen den Stühlen. Um Kastanien natürlich, um Standuhren, um das blaue Haus, um einen Wetterfleck und darum was an einem Sonntag nicht oder vielleicht doch passieren kann.

Sprich es geht hier eigentlich immer wieder darum ein Verhältnis zur Welt jenseits des Spotts und der Ironie zu finden, in dem der Niedergang liegt von dem der alte Konsul Buddenbrook schon alles ahnte bevor er die Augen auf ewig schloss.

Mir schien der Spott, die milde Verachtung und die zufriedene Herablassung immer fataler, als noch der heftigste Widerspruch.

Es ist kurios.

Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

Wir verabschieden uns von Prag. Heiß ist die Stadt. Der Tierarzt findet Mitteluropa sei ein Backofen. Manchmal befühlt er einen Arm und mumrelt etwas von Steak durch oder so ähnlich. Aber noch einmal stehen wir vor dem Haus in dem Kafkas große Liebe Milena Jesenská bis zum Bruch mit ihrem Vater Jan, dem Zahnarzt lebte. Heute ist in dem Haus eine Schrottausstellung. Männer sitzen in Recylingautos und strahlen und Frauen lehnen auf den Schrottautos in einer gemeinhin als verführerisch bezeichneten Pose. Dann fotgrafieren die Männer ihre Frauen auf den Autos. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen. Lange Gesichter.

Aber wir gehen an den Autos und Metallgiganten vorbei wandern durch die großzügigen Räume. Sie riechen frisch gestrichen und nagelneu, wären nicht die Figuren und Autos aus Altmetall, so könnte man sich gut vorstellen wie hier ein Zahnarzt eine Ordination eröffnete und hier stritten und liebten und stritten sich Milena und ihr Vater über das Frau-Sein und Werden, über Karrieren, über Ehemänner, über die Zukunft und die Vergangenheit. Ihr Vater ließ sie über die Beziehung zu Ernst Pollak in die Psychiatrie einweisen, Ernst Pollak den sie dann schließlich heiratete, war nicht weniger beklemmend als ihr Vater, Franz Kafka legte ihr sein Herz in die Hände und sie hielt die Hände auf. Die Deustchen schließlich ermordeten Milena Jesenská in Ravensbrück. Milena, Milena, Milena denke ich und die Farbe ist frisch und ein Radiosender spielt Musik, die mir nichts sagt. Milena sagt der Tierarzt neben mir, die Liebe bewahrt einen vor nichts. Dann wird eine Kaffeemaschine geliefert und eine Leiter fällt um. Wir gehen. Ich drehe mich nicht um. Noch immer, auch nicht so viele Jahre später, kann ich diese Lücke begreifen. Milena.

Wir stehen am Bahnhof. Der Tierarzt fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu. Der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Der Tierarzt ist kurz vor dem Hitzschlag und ähnelt auf erstaunliche Art und Weise Karl Kraus, so sarkastisch wie er zetert. „Prag steckt an“, sagt er und ich mache den Tierarzt zum inoffiziellen Mitglied der Arkonauten, jenen Kaffeehausgästen, die im Café Arco saßen und alle der Literatur verfallen waren.

Dann kommt der Zug. Ich wuchte Koffer, luggage holdall, Rucksack und Tasche in ein Gepäckfach und ziehe den Tierarzt hinterher.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, der Zug ist sehr alt.“

„Der Zug ist verlässlich Tierarzt“, sage ich.

Der Tierarzt sieht zweiflend zu mir herüber.

Neben mir sitzt eine Frau, die sich sofort in katholische Erbauungsliteratur vertieft.

Neben dem Tierarzt sitzt ein Mann, der auf seinem Notebook einen Film sieht in dem Männer sich sehr kreativ den Hals durchschneiden. Dann und wann kichert der Mann so als sei ein Mord doch eine recht unterhaltliche Angelegenheit. Der Tierarzt erschauert.

„Du erbst alles“, sagt der Tierarzt zu mir.

„Tierarzt sage ich, das ist bestimmt ein reizender Mensch.“

Der Tierarzt sucht nach einem Taschentuch. „ Hitze und Horrorfilme“ murmelt er finster, „man hätte ja selbst auch genug Fantasie.“

Der Zug fährt los.

Der Zug knirscht und knarrt.

Der Tierarzt sagt: „Der Zug ist kaputt.“

Ich sage: Der Zug hat nur ein wenig Schnupfen.

Die Klimaanlage funktioniert nicht.

Die Frau mit den Marienbüchern auf dem Schoß kann erstaunlich gut fluchen.

Der Tierarzt bekräftigt nickend ihre Tiraden.

Der Mann mit den Horrorfilmen stellt den Ton lauter.

Wenn der Zug nicht knirscht, tönt es also: STIRB, SPLASH,BANG; RATTTTTARATTATATA aus dem Notebook.

Der Tierarzt sagt: „Mach was!“

Ich krame in meiner Tasche herum und biete dem Horrorfilmmann Kekse an.

Der Horrorfilmmann nimmt die Kekse gern.

Die Katholikin öffnet das Fenster.

Der Zug knarzt.

Der Film macht: PENG, BOOM;BOOM,BLAST; SPLOSH und RATTTATATATTTA.

All das wird nun auch von dem mahlenden Kiefer des Mannes lautmalerisch unterlegt.

RATATATATTA-KNIRSCH-KNACK-OM-NOM-SPLASH-BANG

Leider hatte ich die Mandel-Biscottis zuerst in der Tasche gefunden.

Der Tierarzt googelt: Ladezeiten Notebook-Akku.

So fahren wir also einmal durch Tschechien. Dann kurz hinter der slowakischen Grenze fährt der Zug an, wird langsamer, ruckt erneut an, nur um abrupt zu bremsen.

Die Katholikin zuckt zusammen.

Der Tierarzt schlägt noch vor ihr ein Kreuz.

Der Horrorfilmmann sieht ungerührt neuen Schlachtungen zu.

Ich lese in Nicole Krauss neuem Buch.

Der Tierarzt sagt: „Mädchen das ist ein bewaffneter Überfall. Man wird uns im Maisfeld vergraben.“

Ich lache.

Dann gehe ich durch den Zug und frage jeden Reisenden in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Jiddisch nach dem Problem.

Das Problem ist ein Mechanisches.

Der Tierarzt atmet aus.

Die Katholikin schimpft zum Niederknien schön.

Starke Männer beschwören die Schaffnerin, dass sie alle Zugmechaniker seien.

Aus unserem Abteil tönt es: KRAWUM. BOOM.BOOM. BOOM. PENG.

Der Tierarzt sagt: „Ein Glück, dass das Kälbchen erspart bleibt.“

Ich gebe dem Hotel Bescheid, dass wir verspätet sind.

„Sind Sie im Zug oder im Krieg?“, fragt der Mann von der Hotelrezeption.

„Das ist manchmal ein und dasselbe“, sage ich.

Der Tierarzt googelt youtube Videos zu Angelegenheiten der Zugmechanik.

Aus unserem Abteil gröhlt es: WILLKOMMEN. BOOM. RATTATATATARATTA DER MODELLEISENBAHNCLUB HERZOGENAURACH BEGRÜßT SIE PENG. BOOM. BLAST.

Ich esse ein Stück Marmorkuchen.

Dann kommt ein Mechaniker und mit dem Mechniker kommt Bewegung in den Zug.

Kurz vor unserem Ziel stirbt der Laptopakku.

Wir werden abgeholt. Der Fahrer entschuldigt sich tränenreich, wegen der Verspätung des Zuges habe er leider seine Bulldogge dabei.

Der Tierarzt strahlt: „Endlich zurück in der Zivilisation.“

Die Bulldogge sabbert selig in den Tierarztarmen.

Der Fahrer sagt: „Willkommen in der Hohen Tatra.

Ich sage: Franz Kafka war hier. Aber ich sage es nur zu mir und ganz, ganz leise.

Das Elternhaus von Milena Jesenská finden Sie in der  28. října 13, in Nové Město, Prag

Die Straßenecke von Egon Erwin Kisch

 

Am Abend aber laufen wir von Vinohrady herunter in die Altstadt. Es ist wirklich ein Weg hinunter, denn Vinohrady liegt über der Stadt. Warm ist es auch noch so spät am Abend, ein Bettengeschäft neben dem anderen. Exklusive Träume werden einem versprochen und wer weiß vielleicht machen die Matratzen die Träume wahr. Aber wir, wir brauchen keine Betten und unsere Träume sind ohnehin bescheidener Natur. Die Straße über den Wenzelsplatz hinunter ist voller Menschen. Da sind bayerische Junggesellen. Sie tragen Lederhosen und T-Shirts auf denen steht: „Letzte Nacht in Freiheit“. Sie trinken Bier und einer der Männer knöpft vorn die Hose auf und pinkelt in einen Papierkorb. Die Frauengruppe ist aus Großbritannien. Sie haben auch T-Shirts. Pink und Bride to be lesen wir. Sie wollen ins Hard Rock Café, aber sie haben auch müde Füße, also erst einmal Schirmchendrinks. Die bayerischen Junggesellen stehen auf der Straße und rufen: Nutten. Nutten. Nutten. Niemand dreht sich um. Es gibt viele Junggesellen in Prag.

Ein Mann liegt auf der Straße, die Stirn auf die Erde gedrückt. Ein Hut liegt vor ihm. Der Tierarzt hat Münzen in der Hosentasche, als ich mich noch einmal umdrehe, liegt einer der Junggesellen auf dem Boden neben dem Mann und ahmt seine Haltung nach. Vor ihm liegt ein Basecap. Die Anderen filmen ihn. Der Mann neben ihm auf dem Boden rührt sich nicht.

Neben uns verfällt das Grand Hotel Europa. Vielleicht verfällt Europa auch immer weiter, immer mehr, Europa ist ein ungastlicher Ort in diesen Tagen. In einer Pizzeria sitzen Russen mit falschen, goldenen Uhren neben Studenten aus Spanien, die sich gegenseitig ihre zerlaufenen Füße zeigen, drei Obdachlose werden von der Polizei angehalten, chinesische Touristen füttern Tauben mit french fries, ein Kellner raucht mit müden Augen, eine Bratwurstverkäuferin zählt Geld und wischt sich die Schweiß vor der Stirn. Enger werden die Straßen, eine Flasche Cola rollt den Rinnstein hinunter, ein Kind heult, ein Hund hechelt, zwei Jugendliche wollen sich küssen, aber verfehlen sich knapp. Ein Stadtführer versucht verzweifelt seine Gruppe um sich zu scharren, aber seine Bemühungen macht ein Eisverkäufer zunichte. Dann stehen auch wir vor dem Haus zu den zwei goldenen Bären, dem Haus von Egon Erwin Kisch. Immer wieder kehre ich zurück zu jenem Haus, das so zentral liegt und doch von allen Touristen übersehen wird, trotz seines Portals mit den beiden Bären über der Tür. Merkwürdig denken die Touristen, die sich ans vorbeischieben sicher: „Warum stehen da zwei und starren auf ein Haus?“ Kisch, stelle ich mir vor, war ein wahrer Eckhausbewohner, er hatte für alles einen Blick, aber war selbst nie zu sehen, immer schon war er weiter, kaum hatte man ihn selbst im Blick, war er schon wieder verschwunden, stach in See, begann eine neue Liebe, oder schoss ein Tor für einen Prager Fußballclub. So ein Haus ist das, so eine Ecke. Eine Kisch-Ecke möchte man sagen. Eine Plakette hängt neben dem Portal. Aber gerecht wird sie ihm nicht. Ganz richtig hat sich, so weit ich weiß auch die Germanistik nie mit Kisch angefreundet. Zu wild war er, zu wankelmütig, seine Theorie hat niemals Derrida inspiriert, sondern seine Theorie, das war die Straße und das Prager Tagblatt, diese europäische Zeitung, war seine Heimat. Nein, in die Unversitätsseminare passt er noch immer nicht. Er mit den Tattoos über dem Herzen, der Trinkfestigkeit, dem wilden Spott, den vielen kleinen und großen Lieben, der Neugier auf die Erzählungen der Anderen. Nein, auch in den Zeitungen ist er nicht mehr zu finden und niemals bedauere ich es als in diesen Tagen, wo die Zeitungen voll sind mit Debatten über die Debatten der Debatten,aber Geschichten, die den Leser denken lassen, die fehlen. Stattdessen gibt es diesen merkwürdigen Wallraff-Journalismus. Ein Nachmittag in einer Brotfabrik. Aber immer inkognito. So eine Art Journalismus als Kaufhausdetektiv, aber die Geschichten der Straßen und Gassen, die Geschichten vom Wenzelsplatz, von den Verlierern, den Abgehängten, den Türstehern, den Obdachlosen, den Trinkern, den Suchenden, den Geschichten der Eckkneipen und Straßenecken und den Geschichten auf dem Boden dazu, die sucht keiner mehr, die sind manchmal kurz vor der Weihnachtszeit einmal Anlass, aber die Reportagen des rasenden Reporters, der einmal das Dach der Syngaoge abdecken ließ, der mit den Obdachlosen trank und redete, der hinter jeder Ecke Geschichten sah, den gibt es nicht mehr.

Das Ungezügelte hinsehen, den sich auferlegten Zwang jede Geschichte für erzählenswert zu halten, diese seine erste, zweite und dritte Natur, die ist abhanden gekommen und so gibt es viele ironische Texte über dieses und jenes, aber seine Ernsthaftigkeit und seine ernsten Scherze, die gibt es nicht mehr. Jedesmal wieder kehre ich zu seiner Tür zurück. Ich würde gern läuten, ich sagte ihm: „Komm zurück, wir brauchen die Geschichten, die keine Geschichten mehr über, sondern Geschichten mit sind. Aber es ist keine Klingel mehr an der Tür. Das wäre ihm wohl auch zu banal gewesen. Geschichtenfinder haben keine Visitenkarte. Geschichtenfinder sind unterwegs, stehen an einer Ecke, sitzen in einer Kneipe, fahren aufs Meer oder in ein böhmisches Dorf. „Er kommt nicht mehr zurück“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lächelt. Dann gehen wir in eine Kneipe schräg gegenüber vom Haus zu den zwei goldenen Bären. Hier sitzen kaum Touristen, sondern Ehepaare und Trinker, wie es sich gehört für eine Eckkneipe.

Ich trinke eine Apfelschorle, der Tierarzt einen Wacholderschnaps, davon wird er später singen, aber das weiß er noch nicht. Dann lege ich eine Hand voll Kronen auf die Theke. Eine Runde aufs Haus sage ich. „Gern“, sagt der Kellner. „Von wem?“ Von Egon Erwin Kisch, sage ich ihrem Nachbarn und drehe meinen Kopf zu Haus zu den zwei goldenen Bären herüber.“ „Also dann“, sagt er „Auf Egon Erwin Kisch.“

James Joyce und Sonnenschein

unnamed-6.jpg

Nach langen Tagen des Regens, findet dann doch die Sonne nach Irland zurück, sie kommt schon im leichten Mantel daher, klopft auch an meine Fensterscheibe, zeigt auf den blauen Himmel, lächelt und schon nehme ich Mantel, Tasche und Tuch und laufe ihr hinterher, sie schlendert mit mir durch Straßen, runzelt die Stirn als ich unseren Spaziergang noch einmal einer leidigen Angelegenheit wegen unterbreche, die Sonne streichelt so lange einen sandfarbenen Hund, der angebunden vor einem Café auf seine Besitzerin wartet, die Besitzerin trägt lila Stiefel, um die ich sie doch ein kleines bisschen beneide, aber die Sonne will das nicht gelten lassen und zieht mich lieber am Ärmel hinter sich her. Fast wäre ich wieder gestolpert, denn ein kleines Mädchen zieht ihre Barbiepuppen auf einem Skatebord hinter sich. Eine Puppe aber ist in den Rinnstein gepurzelt, abrupt bremst die kleine Madame und zusammen bergen wir vorsichtig die Seejungfraubarbie, die etwas erschreckt vom Ausflug in die große Welt ins Sonnenlicht blinzelt. Die kleine Madame zeigt mir 2,50 Euro in ihrer Hand, die sie mit Erlaubnis der Großmama in ein erstes Eis umsetzen darf und ich rate ihr energisch zu zwei Kugeln und wie durch ein Wunder hat die kleine Madame auf einmal 3,20 Euro in der Hand auf das es für eine Kugel Erdbeer und Schokoladeneis reiche, die Sonne blinzelt mir verschwörerisch zu.

Aber dann müssen wir wirklich weiter, denn bis Rathgar ist der Weg noch weit und die Sonne hat ja nun weiß G*tt auch andere Aufgaben als mit einem Fräulein eingehakt spazieren zu gehen, so also gehen wir geschwinden Schrittes die Straßen herunter, Vögel singen, eine Katze lauert, ein Postbote trägt Briefe aus, ein Mann gähnt hinter einem Fenster, eine Frau ruft: Christine, aber weder die Sonne noch ich werden bei diesem Namen gerufen und so wandern wir weiter, auf dem Kanal schwimmen die Schwäne. Familienausflug? Wochenmarkt? Die Sonne und ich sind unentschlossen, aber wir müssen ja schließlich auch weiter. Vorbei an einer letzten Ecke, ein Pub hängt Rugbyfahnen heraus, ein Lieferwagen bringt Milch, der Fahrer steigt aus, fummelt mit einer Liste, flucht schon blendet ihn das gleißende Sonnenlicht und die Sonne und ich kichern-gemeinerweise, dann aber sind wir da Brighton Square steht an einem Mäuerchen, ein bisschen zu weit laufen wir die Straße hinauf, um dann doch nach einer kleinen Kurve, vor dem richtigen Haus zu stehen zu kommen.

Nummer 41, Brighton Square, eine kleine bronzene Tafel erinnert daran, dass hier am 02. Februar des Jahres 1882 James Joyce geboren wurde. Ein rotes Backsteinhaus, neben vielen anderen, der Blick aus dem Oberstock fällt auf lange schon vernachlässigte Tennisplätze, die Straße liegt still im Sonnenlicht, die Sonne selbst wandert über den Tennisplatz und ich denke an James Joyce, den ich erst spät entdeckt habe, meine Großmuter durch deren Bibliothek ich mich las, hatte kein Verhältnis zu Joyce und zu wem meine Großmutter kein Verhältnis hatte, um den war es auch mir nicht schade, aber als ich einmal in Zürich auf jemanden wartete, der dann doch nicht kam, da kaufte ich für sieben Schweizer Franken in einer Buchhandlung der Heilsarmee Ulysses und als der Mann, der das Heilsarmeecafé betrieb sich schließlich räusperte, war es draußen dunkel und ich lief mit Leopold Bloom unter dem Arm zum Bahnhof zurück, denn der auf den ich wartete war ohnehin nicht gekommen. In Irland aber habe ich ihn nie wieder gelesen, vielleicht weil Joyce hier auf so vielen Kühlschrankmagneten, Kopfkissen und ausgekauten Zitaten sprang, das ich vergessen habe, wie gut man mit Joyce die Zeit vergisst, aber nun stehe ich doch vor dem Haus mit der grünen Tür und den weißen Ornamenten, den niedrigen Hecken, mitten im Sonnenschein, vielleicht haben die Eigentümer des Hauses ja heute Morgen Kuchen gefrühstückt ihm zu Ehren, aber vielleicht liegen unter den alten Dielen ja auch noch immer die Holzräder einer Giraffe zum Ziehen oder eine lange schon verschwundenes Taschentuch, denn hier in Rathgar da atmet die Welt gleichmäßig und gediegen, die Sonne schaut für mich zum Fenster hinein und nickt, noch immer sind die Fenster so dünn, dass man selbst an einem heißen Sommertag friert, die Gehwegplatten sind wunderbar uneben und bestimmt ist James mit blutigen Knien zurückgelaufen und hat die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien. Besonders hübsch, aber ist das dass Gartentor offensteht, eine vielleicht ganz unbeabsichtigt und dennoch so zarte Geste, dass heute auch Gratulanten, die nichts weiter als Sonnenschein mit sich tragen willkommen sind. Passiert ist in den fünfzehn Sonnenminuten fast nichts. Ein Mann bringt Einkäufe nach Haus, eine bunte Tüte fliegt davon und er holt sie sich mit schnellen Schritten wieder, ein Mann mit traurigen oder müden Augen, das ist ja niemals einfach zu sagen, läuft am Haus vorbei, auf dem Tennisplatz hat wohl schon lange niemand mehr: Satz, Spiel, Sieg gerufen, irgendwo klingelt ein Telefon, nur auf der anderen Straßenseite, da sitzt eine Frau mit strähnigen Haaren und leerem Blick auf den Stufen, in einer Hand eine Kaffeetasse, eine Zigarette, viele Zigarettenstummel vor ihr auf dem Boden. Die Sonne erreicht die Frau nicht dort auf den Stufen, wen das Unglück gepackt hat, den lässt es nicht so schnell gehen. Als ich noch einmal zu ihr herübersehe, steht sie auf geht schwankenden Schrittes nur mit einem Pyjama und einem fadenscheinigen Bademantel, die Straße hinunter, schon ist sie im Schatten der Tennisplätze verschwunden.

unnamed-4

Die Sonne aber legt mir noch einmal die Arme auf die Schultern und plötzlich läuft eine schwarze Katze durch den Garten in dem James Joyce vielleicht mit Murmeln spielte. „Morning James“, sage ich, aber die Katze sieht mich ein bisschen spöttisch an und ziemlich sicher, sagte sie: „Das wäre doch ein bisschen zu einfach, nicht?“, sprächen wir die gleiche Sprache, so aber sehe ich auf die Uhr, küsse die Sonne zweimal links und einmal rechts, ich muss zurück in östliche Richtung, während die Sonne sich langsam nach Westen richtet, ein Blick zurück, schon steigt sie über die Dächer, ich laufe weiter und als ich am Nachmittag wieder von neuen und anderen leidigen Dingen zurückkehre ins Institut ist der Himmel schon wieder bleiern, grau und schwer.

Das Geburtshaus von James Joyce findet man unter 41 Brighton Square in Rathgar, Dublin, Irland.

An den Mauern entlang

Das Jahr geht mit einem Streifen blauen Himmels zu Ende. Altjahresabend sagte meine Großmutter, das Jahr geht mit einem schmalen Band zu Ende. In einer Buchhandlung eher im Vorübergehen aufgegriffen, der Zeichnungen wegen vor allem. Moabit heißt das Buch von Volker Kutscher und Kat Menschik hat es illustriert. Ich kannte Volker Kutscher, der das Buch geschrieben hat nicht, denn ich lese keine Kriminalromane und habe noch niemals ein Interesse daran gefunden einem Mörder auf die Spur zu kommen oder in einen dunklen Keller zu steigen, auch damals als mein Schwesterchen in einen Comissario Brunetti Rausch verfiel, habe ich zwar genickt, aber gelesen habe ich keinen einzigen Band. Vielleicht ist an allem Arthur Schnitzler, denn als ich siebzehn Jahre alt war, da verfiel ich in einen Schnitzler Rausch und nie wieder habe ich mich so gefürchtet vor der nächsten Seite wie in seinen Büchern. Aber schon und das, sie werden es ahnen, wird auch im nächsten Jahr kaum besser sein, schweife ich ab.

Das Buch aber mit den Zeichnungen, die wie das Berliner Haus in dem ich wohne so tun, als sei das Jahr 1920 noch immer eine Möglichkeit, ist keine Kriminalgeschichte im eigentlichen Sinne, es ist überhaupt eine Geschichte, die man schnell liest, vielleicht ist das der Gedanke dabei, denn am Ende des Jahres blickt man zurück, dann kommt man wohl nicht drumherum sich einzugestehen, dass man an allzu vielen Dingen wohl flüchtig und schnell vorbeilief, wo man doch hätte stehen bleiben sollen und bevor man noch überlegte, war man schon weiter und so ist diese Geschichte ein bisschen zu simpel, zu glatt und zu gleitend als das man sich auf der letzten Seite nicht doch selbst misstrauisch befragte, was man wohl alles nicht gelesen hat. Zwei Verbrecher geraten in ein beinahe tödliches Gemenge, einem Gefängniswärter ist wirklich sehr übel, ein Polizeikommissar rettet ein Leben und stirbt doch selbst, eine junge Frau lernt Maschine schreiben und noch heute fährt man vom Berliner Flughafen in die Stadt hinein, am Gefängnis von Moabit vorbei.

Ein roter Backsteinbau ganz wie im Buch und nur der Stacheldraht ist höher, nehme ich an. So wandert man in dem dünnen Buch umher, denkt an die vier Ausbrecher aus einem anderen Gefängnis, die vielleicht Berlin schon längst hinter sich gelassen haben, streift noch einmal an den eigenen Wänden des Jahres vorbei, manche Mauern sind zugewachsen, Efeu rankt hier und dort, andere Wände sind blank und aus rauhem Beton und die eine Schürfwunde ist leichter verheilt als die Andere und auf einer Mauer, da sitzt noch immer höhnisch pfeifend die Lügnerin, die ich mir anlachte über das Jahr. Ich habe kein gutes Händchen in diesen Dingen, sondern merke es erst, da läuft mir das Blut schon aus der Nase. Manche Wände sind härter als Andere und schwankend und kreiselnd und nicht wenig verschnörkelt ziehen die Jahre mit mir durch die Lande. Das Buch aber verschweigt vieles, erzählt manches, bebildert eine Welt aus der die Erinnerungen sind und erst als ich das Buch aus der Land lege, da erinnere ich wieder, dass ich seit 289 Tagen Karten in das Gefängnis von Silivri schreibe, man kann Silivri googeln von außen sieht es aus wie eine Tankstelle, aber irgendwo werden die Mauern schon sein. Einen Briefkasten habe ich noch nicht gesehen. So geht das Jahr wohl folgerichtig zu Ende und am Altjahresabend, da wünsche ich ihnen so viel Freiheit im neuen Jahr wie Sie brauchen und mögen, frischen Wind und Mauern aus Backstein mit Efeuranken, über die man klettern kann spätestens beim dritten Mal.Behalten sie sich wohl und wenn Sie noch ein Motto suchen, Sie wissen ja read on my dear, read on, das sage ich mir noch immer, mindestens einmal am Tag und immer stehe ich dann vor einer Mauer. Ein gutes und glückliches, ein heiteres, neues Jahr, das wünsche ich Ihnen allen. Am Ende des Jahres und von Anfang an.

Das Buch von Volker Kutscher indes sei auch über die Jahre hinweg empfohlen.

Volker Kutscher und Kat Menschik, Moabit, Berlin 2017, 84 Seiten, 18 Euro.

 

 

Zwischen den Orten

Auf dem Flughafen gerät ein Mann in größte Verzweiflung. Irgendetwas muss er vergessen haben. Er packt seinen Koffer aus und wieder ein. Auch auf die Kleidungsstücke springt seine Verzweiflung über: zwei Pullover verknoten sich unentwirrbar ineinander, ein Hemd knittert sich innerhalb von zwei Minuten zu einem traurigen Ball zusammen, ein Schuh springt entsetzt davon und die Pyjamahose schlackert mit den Beinen als fürchte auch sie hier auf dem Flughafen in Vergessenheit zu geraten. Der Mann aber durchwühlt den Koffer ein zweites und drittes Mal, rauft sich die Haare, seine Brille beschlägt und in seinem Gesicht steht der ganze Schrecken geschrieben, der einen umfängt, lähmt und ganz und gar aus der Fassung bringt. Dann öffnet der Mann seinen Rucksack durchwühlt auch diesen, doch das Gesuchte bleibt verschwunden und mit dem Kopf in den Händen vergraben, sitzt der Mann auf den trostlosen Stühlen von Terminal C. in Tegel, um ihn herum kaufen Menschen Christsstollen für 29,80 Euro, riesige Toblerone-Rollen in Schwertlänge, andere fletschen Bockwürste und eine Frau ruft: „Zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und den Zucker nicht vergessen, Heinz.“ Heinz nickt und versucht zu verstehen, warum zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und einige Zuckerlsackerl zehn Euro kosten, ein Mann probiert auf seinem Telefon Klingeltöne aus, und zwei Frauen überlegen, was man der Schwiegermutter auf keinen Fall schenkt, bei Topflappen sind sie sich unschlüssig. Der Mann aber bekommt von all dem nichts mit, sondern durchwühlt den Koffer ein drittes und den Rucksack ein viertes Mal. Auch ich angesteckt wie die um ihn verteilten Dinge, werde unruhig und nervös und sehe sieben Mal nach ob SchlüsselPassPortemonnaie noch das sind, wo sie sein sollen. Denn die Verzweiflung des Mannes kenne ich nur all zu gut, auch mir gehen die Dinge gern und häufig verlustig und so liegen in einem Hotelzimmer in Marseille in einer Schublade vielleicht noch immer ein Stapel Briefe, deren Verlust mir noch immer ein Ziehen im Herzen bereitet, liegen inzwischen auch viele Jahre und viele verlorene Dinge zwischen ihnen. Dann aber wird der Flug nach Dublin aufgerufen und der Mann geht geschlagen davon, nicht ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen, ob das Verlorene nicht wie ein Wunder doch noch einmal auftauchen wird.

Im Flugzeug lange in den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers gelesen. Dabei verlässt einen die Irritation als Grundgefühl nie. Jünger hellsichtiger als viele andere, die vom Endsieg schwadronieren, weiß viel und sieht viel, besteht auf dem Wissen um die Verbrechen und gleichzeitig sind die Tagebücher auch immer wieder unerträglich, wenn Jünger sich in seitenlangen schwülstigen Ästhetizismen ergeht, die im Herbst 1944 vollständig egal geworden sind, oder nach Käfern grabbelt, auch dies immer im Bewusstsein in einem höheren Verhältnis zu den Dingen zu stehen, dabei ist er ja Teil jener deutschen Okkupationsregierung, die französische Geiseln an die Wand stellen lässt. Erstaunlich aber, wie sehr Jünger sich verliebt in Sophie Ravoux, eine Kinderärztin, ihr Mann, der Journalist Paul Ravoux sitzt im Gestapogefängnis und irgendwie geht es alles weiter und vielleicht ist das der Moment in dem endlich einmal nicht mehr über, sondern in den Dingen steht. So anrührend wie komisch Jüngers Beharren darauf, dass sein jüngere Bruder gute und tiefe Gedichte schrieb. Die klingen so: Das Wissen, das ich mir erworben/ Ist dürrer Zunder, Kommt, Flammen, und verzehrt, verschlingt / Den ganzen Plunder.

Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt. Keine Vorstellung darüber, ob man Ernst Jünger in Deutschland noch liest.

In den Nachrichten lese ich, da sind wir zurück in Irland, dass Suat Çorlu, der Ehemann von Meșale Tolu in Freiheit ist. Eine völlig unverhoffte, eine überraschende Nachricht. Da ich die Omen auch die Guten fürchte und der nächste Prozesstermin für Meșale Tolu am 18. Dezember stattfindet, die Nachricht wohlverwahrt und neue Briefmarken für die täglichen Karten herausgelegt. Mit dem Tierarzt ein in am Telefon begonnenes Gespräch auf dem Flughafen weitergeführt und mit ins Haus getragen, Frost auf dem Dachgiebel, kalter Wind von der See her, lange aus dem Fenster gesehen und auf das beruhigende Blinken des Leuchtturms gewartet.

Unruhige und verwirrende Träume.

Zitat aus: Ernst Jünger, Das zweite Pariser Tagebuch, (Stuttgart,1988),p. 265.

Auf der Suche nach Thomas Mann-Am Lido

IMG_3632.JPG

Zu den vielen unrealisierten Projekten meines Lebens gehört ein völlig verstiegenes Buch über Hotels, Pensionen und Zugfahrten im alten Europa. Ich besitze Baedeker Ausgaben für Österreich-Ungarn von vor 1914 und habe schon Zugfahrpläne ersteigert, weil ich die gleiche Streckenverbindung ausprobierte, mit der Max Brod von Prag nach Berlin zu seiner Geliebten eilte. Menschen, die mich ertragen, seufzen tief, wann immer sie mit mir verreisen, denn die eigentlichen Attraktionen der meisten Städte lassen mich kalt. Ich bin in böhmische Dörfer, die hohe Tatra, französische Marktflecken und englische Weiher gefahren, weil dort Thomas Mann in ein Taschentuch hustete, oder der Prager Kreis sich dort verliebte, trennte oder manchmal auch Beides. Fragen Sie mich niemals nach Restaurantempfehlungen, denn sie enden in einem Lokal in dem Egon Erwin Kisch Fischsuppe schlürfte und wären am Ende furchtbar enttäuscht, denn mir ist egal ob das Lamm nun zäh ist oder der Kuchen trocken, so lange ich nur auf eine halbe Stunde zurückfinde in das alte Europa, in dem meine Großmutter geboren war. So nimmt es auch nicht Wunder, dass als die liebe C. anruft, ich putze gerade meine Zähne, der Tierarzt ins Telefon ruft: „Liebe C. wir fahren an den Lido und suchen Thomas Mann.“ Das machen wir dann, wir nehmen ein Vaporetto und fahren hinüber zur Anlegestelle. Der Lido, das Seebad, ist so charmant wie unaufgemöbelt, ist nicht mehr wie 1900, nein, mehr wie ein Seebad der 1960er Jahre, und doch es hat etwas von der großen Vergänglichkeit unserer Tage und wir gehen die Hauptstraße hinunter, vorbei am Zeitungskiosk NuovoNuovo, der alle deutschen Zeitungen führt, hinunter an den Pizzerien in den die Kellner Hochdeutsch sprechen, und auch die Ernährungsmoden sind den deutschen Touristen schon nachgereist: auch glutenfrei steht auf den Tafeln. Wir aber essen ein Pistazieneis und sehen den jungen Herren zu, die die jungen Damen beeindrucken wollen: sie rejustieren Sonnebrillen, Schnürsenkel und Telefone, aber die jungen Damen lächeln nur blasiert und vergleichen Nagellackfarben. Ich schlage dem Tierarzt vor, er könnte den jungen Herren, doch den Trick mit den Haaren zeigen. Aber der Tierarzt befindet, dass Fräulein’s mit Shetlandponyhaaren, sich über dieses Thema lieber ausschweigen sollten und schon sind wir am Ende der Hauptstraße angekommen und dann wenden wir uns nach Rechts: zu übersehen ist es nicht das „Hotel des Bains“, das um 1900 eröffnet wurde, da war der Lido ein mondänes Seebad und das ganze Europa fuhr hier in die Sommerfrische. Hierher fuhr kam zum ersten Mal 1911 auch Thomas Mann und 1912 erschien jenes Buch, dem noch heute der Ruf des Skandals vorauseilt, das Buch über Gustav von Aschenbach, der erst das Herz an Tadzio, den vollkommen Schönen verlor, bevor ihm der Verstand entglitt und dann das Leben selbst. Hier also saß Thomas Mann und verlor ja selbst das Herz, aber Thomas Mann gab wohl niemals ganz und ob er mit dem jungen Baron Wladyslaw Moes je mehr als ein Kopfnicken gewechselt hat, weiß ich nicht. Aber damals vor vielen Jahren, als mir meine Großmutter den Tod in Venedig zu lesen gab, da traf es mich wie mich nur selten danach ein Buch getroffen hat. Denn es ist jenes Buch mit dem ich verstand, dass die Liebe eine verbotene, ja eine tödliche Seite haben kann und es ist eines der Bücher, die cih auswendig kann, ich habe nie darum bemüht, sondern das Buch ist in meinem Kopf geblieben und so viele Jahre später, stehen wir vor dem Hotel, vor dem Strandbad in dem Gustav Aschenbach lange in die Wellen sah. Aber das Hotel ist still und verschlossen, eine grüne Mauer umzieht es, fast als sei der ganze Blick auf den Verfall, etwas was der Welt besser verborgen bliebe. Wir stehen aber lange vor dem ausladenden Gebäude, der Tierarzt, steigt auf eine Bank und fotografiert und ich sehe hinauf auf die Uhr und die alten Lettern, die Schindeln liegen lose auf dem Dach, die grünen Fensterläden sind morsch, es wird vor Rattengift verwarnt und der Garten ist vewildert. Noch kann man lesen, wie damals die Gäste auf der Auffahrt: Hotel des Bains, aber es ist ein trauriges Wiederkennen und das Herz wird einem schwer, dass dieses Haus, nur noch Ruine ist, ein loser Backenzahn ausgehöhlt. Ein Investor habe ich gelesen, wollte Eigentumswohnungen aus dem Hotel machen. Er zerschlug die Möbel, dann zerschlugen sich die Pläne. Sieben Jahre rottet das Hotel schon vor sich hin und angeblich, ja angeblich, gäbe es neue Pläne, aber von denen sieht man nichts vor den verriegelten Toren. Das Schloss an der Seite, denn wir laufen um das Gebäude herum ist verrostet und keine Baumaschine wartet auf einen Einsatz. Es ist ein verlassener Ort, und wenn so oft der Geist Europas beschworen wird auf großen Pressekonferenzen, Dann wünschte man sich die Europaabgeordneten würden einmal ins Hotel des Bains fahren, denn hier kann man einatmen, wie es ist, wenn die europäische Idee verlischt, wenn sie einfach preisgegeben wird, dann kann man sich ansehen, wie man sie beerdigt. Oft wird die Interantionalität beschworen, aber in den Grand-Hotels des alten Europas ist sie gelebt worden, und doch noch einmal anders als auf Studentenfeiern in Lissabon. Denn der Tod in Venedig ist ja ein Buch über eine fatale Obsession eines deutschen Literaten mit einem polnischen Jungen, in einem italienischen Strandbad,es gibt einen englischen Konsularbeamten, französische Bonnen und russische Badegäste. Kein deutscher Gegenwartsautor aber sieht weiter als bis nach Berlin. Da stehen wir also und dann gehen wir hinunter zum Strand. Die Badehütten sind schon verschlossen, ein paar Spaziergänger sind am Meer und werfen Stöcker für die Hunde und wir setzen uns auf einen Stapel Bretter, wir sehen hinüber zum alten Europa, zum Hotel des Bains, die Uhr in der Mitte ist lange schon stehengeblieben und ich beginne noch einmal zu erzählen: „Gutav Aschenbach or von Aschenbach, as he had offically been known“. Denn hier, hier ist es, wo es begann und wo es wohl endete, jenes Europa, in dem meine Großmutter geboren wurde, und nach dem ich suche, wieder und wieder und immer mit einem alten, roten Baedeker von vor 1914 in der Tasche.

IMG_3625.JPG

 

IMG_3647.JPG

Adresse:  Hotel des Bains, Lungomare Guglielmo Marconi, 17, 30100 Venezia. Vaporetto Station: Lido. 

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

IMG_2595 (6)

Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.