Abschied vom Institut

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Es gibt Gespräche, die vergisst man nie.
Dieses Gespräch vergesse ich nie.
„Ich möchte mit Ihnen arbeiten, könnten Sie sich vorstellen, das auch zu wollen?
So nah war ich noch nie an einem Heiratsantrag und nie wieder habe ich so schnell ja gesagt.Dabei war ich doch so fest entschlossen die Frau nicht zu mögen.
Ja. Ja. Ja.
Aus der Frau hinter dem Schreibtisch wurde die beste Chefin der Welt.
Aus der besten Chefin der Welt wurde eine Freundin.
Eine von den Freundinnen, die eine Hand über einem halten, auch über Kontinentalplatten hinweg.
Ich bin nicht gut darin im Freundin-Haben.
Ich bin auch keine gute Freundin.
Ich möchte dieses Freundin sein und haben.
An jenem Tag dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren: Vielleicht wird, wenn schon nichts wieder gut wird, doch wieder etwas besser.
Drei Jahre sind aus diesem Gespräch geworden.
Drei Jahre in denen ich immer mindestens einmal am Tag gelächelt habe.
Drei Jahre in dem ich jeden Tag auf ihr Lachen gewartet habe. Ohne ihr Lachen ist das Institut nicht vollständig.
Heute räume ich mein Büro aus.
Alle Kapitelversionen des Doktormonsters sind geschreddert.
Ordner aussortiert.
Zettelsammlungen aufgelöst.
Ich schreibe lauter Emails in denen steht: Danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ab…übernimmmt…Mit besten Wünschen. Yours truly.
Die Zimmerpalme hat sich vor Wochen schon beleidigt abgewandt.
Meine Ankündigung, dass sie nicht mit umzieht, nimmt sie mir persönlich übel.
„Es sollte eine Überraschung sein“, sage ich zu ihr, während ich mein Notizbuch, das steinschwere Oxford Dictionary, Post-Its, die Zigarrenkiste mit Büroklammern, Stifte, Tee und die Thermoskanne in die Keep-it Kiste lege.
„So?“, zischt die Zimmerpalme missmutig,
„Sie werte Frau Palme ziehen“ und die Blätter der Palme stellen sich argwöhnisch auf natürlich nicht zur Auszubildenden, jene hatte einmal in den Palmentopf geascht- sondern zum werten Fellow G., der ein ausgewiesener Palmenkenner, ein Connaisseur und Besitzer einer eigenen Büropalme ist.“ Ich sehe ungefähr so aus wie Mütter, die ihren Kinder am ersten Schultag versichern, dass sie bestimmt ganz viele neue Freunde finden, obwohl sie doch wissen, dass das alles so viel schwieriger wird, weil es immer einen gibt, der übrig bleibt.
Die Zimmerpalme starrt trotzig in die Ecke.
Es ist eine sehr gutaussehende Palme versichere ich ihr.
Sie knurrt etwas von inneren Werten.
Freitag sage ich, ziehen sie um.
Muss man nicht auch einmal Fakten schaffen?
Das Telefon klingelt.
Das ändert sich wohl nie, aber auch hier sind es letzte Gespräche.
Ja, bitte füllen Sie den Visumantrag vollständig aus.
Ein letztes Mal noch das große Sommerräumen.
Ein letztes Mal einem Fellow den Wunsch nach einem Bürobügelbrett abschlägig beschieden.
Eine Notiz: Linke Schublade klemmt. Der Hausmeister will sich kümmern.
Fräulein Read On, was ich hier schon alles repariert habe.
„Weiß Gtt Hausmeister, weiß Gtt.
Die Auszubildende schluchzt.
„Fräulein Read On, Sie dürfen uns nicht verlassen.“
„Auszubildende ich verlasse sie nicht, ich trete eine neue Stelle an.
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe ein Geschenk für Sie, stehe hier und habe das Institut nicht bei Nacht und Nebel verlassen und meine Email Adresse verbrannt.
Die Auszubildende schluchzt lauter.
Ein Fellow kommt vorbei.
„Hat die Auszubildende Schmerzen?“
„Phantomschmerzen!“
„Fräulein Read On, habe ich Ihnen eigentlich schon einmal erzählt wie ich in einem Institut in St Petersburg einmal ein Bein im Institutskühlschrank gefunden habe?“
„Wenn Sie wüssten, was ich schon alles im Instituskühlschrank gefunden habe!“
„Kaffee um halb drei?“
„Kaffee um halb drei.“
Außerdem haben sie keine Zeit zum Weinen. Sie müssen für die Prüfung lernen.
„Fräulein Read On Sie sind der grausamste Mensch, den ich je gekannt habe.
„Es ist mir eine Ehre.“
Dann sortiere ich weiter aus, der Papierschlucker hickst.Ich finde einen alten Osterhasen.
Es klopft an der Tür.
Meine Nachfolgerin sieht nervös ins Zimmer herein.
Haben Sie noch Fragen?
„Um Fräulein Read On, hier arbeiten ja nur Frauen.“
„Die Männer sind alle schwanger“, sage ich.
„Soll ich jetzt lachen?“
„Nachfolgerin, niemand lacht über meine Witze.“
„Sind Sie hier Männerfeinde?“
„Männerfeinde?“ Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich mich unglücklich verliebt habe.“
„Ist es ein Prinzip, dass hier nur Frauen arbeiten?“
„Es hat sich so ergeben.
Wir hatten aber schon Praktikanten, wir haben viele hervorragende Fellows, der Hausmeister ist ein wahrer Herr, aber das Institut selbst ist eben in Frauenhand. Aber machen Sie sich keine Sorgen, hier sind noch keine Männer weinend herausgelaufen.“
Sie nickt.
„Gut zu wissen.“
„Herzlich Willkommen“, sage ich.
„Herzlich willkommen an diesem wunderbaren, offenen, großartigen, wundersamen, verrückten, inspirierendem Ort. Es wird Ihnen gefallen. Hier wachsen Männer und Frauen, wenn auch nicht auf den Bäumen. Hier wächst man mit. Sie werden sich die Haare raufen, weglaufen wollen, wiederkommen, durchatmen, lachen, schreien und jeden Tag ein bisschen anders aus dem Institut gehen als Sie angekommen sind. Obwohl ich es weiß, wünsche ich es Ihnen. Herzlich willkommen im Institut. Schön, dass Sie da sind.
Ab Montag ist dies Ihr Büro.

Sein oder Bewusstsein

In der letzten Woche rief mich die Berufsschule an. Die Dame am Telefon sagte: „Es gibt ein Problem mit der Auszubildenden.“
„Oh“, sagte ich.
„Ja“, sagte die Dame am Telefon.
„Die Auszubildende sei lernresistent“, sagte die Dame am Telefon.
„Lernresistent?“, echote ich.
„Ja“, wiederholte die Berufsschuldame. „Die Auszubildende verweigerte das pflichtgemäße Erfüllen von bürokauffraulichen Aufgaben, weil ein Fräulein Read On Ihr gesagt habe, dass der Weg zur Lösung von Sachaufgaben auch anders und logischer als von der Berufsschule vorgegeben zu erreichen sei.
„Nun huste ich, Logik ist ja ein weites Feld. Dabei eben ein komplexes, ein philosophisch nicht uninteressantes Feld.“
Die Berufsschuldame hustete böse. „Sie sind wohl eine von denen die glauben Sie müsste mir meinen Beruf erklären.“
„Keineswegs“, beeile ich mich zu versichern. Mich interessierten nur Probleme der Logik in ihrem weiteren Sinn. Etwa die Frage nach der aristotelischen Umkehrung der…
Die Berufsschuldame am Telefon schweigt.
Dann schweige auch ich.
„Problem“, sagt sie, na also. Da haben wir es ja.“
„Die Auszubildende sei ihr auch noch frech gekommen. Ungeheuerlich.“
„Es gelte nun einmal Maßnahmen in Sachen Auszubildende zu erarbeiten. Ob Sie mich um ein Gespräch ersuchen könne.“
„Immer“, sage ich. „Wirklich immer.“

Dann schlich ich zur besten Chefin der Welt herüber.
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich, eine erzürnte Berufsschuldame hat sich angekündigt. Es geht um Maßnahmen, Sachaufgaben, Frechheiten und die Auszubildende.“
Die beste Chefin der Welt lachte lang und herzlich. „Read On“, sagte sie Deeskalation, Auszubildende muss bestehen, Zukunft, keinen Einschüchterungsversuchen nachgeben. So sehr die Auszubildende an unseren Nerven sägt, sie ist unsere Auszubildende. Was ist dein Plan?“
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich: „Philosophie.“
„Guter Plan“, antworte sie und nickte.

„Auszubildende“, sagte ich. Ihre Berufsschullehrerin kommt am Montag zu einem Gespräch zu mir. Ich erwarte vorbildliches Verhalten. Zwischen 16 und 17 Uhr fällt hier nichts um, heult keiner, kreischt nichts, fliegt nichts, brennt nichts. Ist das klar?
Fräulein Read On, war das jetzt eine rhetorische Frage?
Ich zähle bis 30.
„Auszubildende frage ich dann doch noch einmal: „Wer ist ihr Lieblingsschauspieler?“
„Benedict Cumberbatch“, sagt die Auszubildende und fummelt an ihrem iphone herum. Hier sehen Sie mal. 
„Weiß G*tt sage ich, der Mann verdient sein Geld auch nicht leicht.“

Am Montag Nachmittag kommt die Berufsschuldame.
„Ich freue mich sehr“, sage ich und reiche Kaffee und Gebäck und lächle wie ein Honigkuchenpferd.
Die Berufsschuldame sieht mich eher nicht so freundlich an.
„Unverschämte Schülerin
„Wie so jemand überhaupt an ein solches Institut kommt.“
Noch nie vorgekommen.
Seit dreißig Jahren in der Berufsschule.
Erfahrung.
Konsequenzen.
Akte
Sie hätte sich eine Philosophin ganz anders vorgestellt.“
„Ich bin leider keine Philosophin“, sage ich.

Ihr Gesicht verzieht sich ein wenig, wie sich Gesichter immer verziehen, wenn sehr attraktive Frauen jemanden wie mich sehen.
Dann strafft sie sich und sagt:
„Sei es drum, die Auszubildende muss gehen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder so machte wie er wollte und sie müsse sich auch nicht die patzigen Besserwissereien dieser Person anhören.
„Moment“, sage ich also und lächle so breit ich kann. „Das Problem mit der Auszubildenden liegt anders als sie denken.“
„So?“, sagt die Berufsschuldame.
„Ja“, sage ich.
Es handle sich neben ein Problem von Sein oder Bewusstsein.
Im Regelfall sei es durchaus richtig anzunehmen, dass eine Auszubildende zur Bürokauffrau von ihrer Bürotätigkeit geprägt wäre. Eine solche Auszubildende übe auch nach Büroschluss Maschine schreiben, träume von Prozentaufgaben und ordnete auch ihre Gewürze nach dem im Büro gebräuchlichen Sortiersystem. Sicherlich hätte auch eine solche Dame Vorlieben und Abneigungen, aber im Großen und Ganzen sei eine solche Auszubildende mit Leib und Seele dem Büro und natürlich der Berufsschule verpflichtet.

„Wir beide fahre ich fort, sind im Übrigen fast einer Meinung, auch ich weiß natürlich, dass die Auszubildende gar nicht daran denkt, dass Telefon abzunehmen, nur weil es klingelt, dass die Auszubildende Weinreste in Büropflanzen gießt und Dokumente, die hier nicht behagen löscht. Allein in der Diagnose und in der Konsequenz, die Sie ja hier auch schon ansprachen, unterscheiden wir uns. Während Sie annehmen und wer kann es Ihnen verdenken, dass schiere Unfähigkeit das Verhalten der Auszubildenden erklärt, so weiß ich doch die Ursachen liegen tiefer.“

Die Berufsschuldame starrt mich an.
„Die Auszubildene sage ich und ich sage es sehr ernst und sehr leise und beuge mich ein kleines bisschen über den Tisch hinweg nach vorn, ist eigentlich keine Auszubildende zur Bürokauffrau, sondern Benedict Cumberbatch.“
Die Berufsschuldame starrt mich entgeistert an: „Das ist nicht ihr Ernst!“
„Doch, doch, sage ich, die Auszubildende ist Benedict Cumberbatch und nur weil das gerade nicht klappt, heißt das noch nichts, oder anders gesagt, es heißt vornehmlich nur, dass die Auszubildende sich im Moment nicht hauptsächlich mit ihrem Sein als Bürokauffrau identifiziert, sondern mit ihrem Bewusstsein als erfolgreicher Youtubestar äh Benedict Cumberbatch. Hier aber kommen wir natürlich zum Kernproblem der ganzen leidigen Angelegenheit. Die Auszubildende empfindet natürlich logischerweise die Anforderungen, die die Berufsschule an sie stellt als eine Unmöglichkeit, eine Zumutung, ja als einen klaren Angriff auf ihr Bewusstsein.“
Ich zucke mit den Achseln „natürlich, sage ich und fahre fort, ist es sehr fraglich, ob die Auszubildende wirklich einmal Youtubestar wird oder ob sie einmal Benedict Cumberbatch bei der Oscarverleihung dankt, aber Fakt ist die Auszubildende sieht sich auf dem Weg zu höheren und höchsten Ehren und allein deshalb nicht aus Unverschämtheit, oder Dummheit sei die Auszubildende widerspenstig und lernunwillig, sondern aus dem einfachen Grunde, dass sie an kommende Tage voll Ruhm und Ehre glaube und nicht ganz so sehr an die Notwendigkeit zu lochen, zu staplen und abzuheften. Allein das erklärte die ja nicht zu verschweigende Neigung der Auszubildenden zu harschen Antworten. Es sei eben eine Art praktische Vertiefung ihrer Bewusstseinshaltung.“

Bevor die Berufsschuldame fortfahren kann, werfe ich ein. „Wer würde schon Benedict Cumberbatchs Lösungswege bezweifeln, solange sie neue Türen öffnen und würde sich für den Umgang mit ähm- und da muss ich überlegen, denn Bach ist wohl doch eine andere Kategorie- Beyoncé sich etwas anderes als Nachsicht und Rücksichtnahme empfehlen?“
„Gilt es nicht gerade im Fall der Auszubildenden, die beschwert von der Macht der Ideen so manch kummervolle Stunde durchlebt, geduldig zu begleiten, um sie auf den Fall der Fälle, dass die Macht der Ideen nicht so weit reicht, wie sie glaubt mit dem Zertifikat der Bürokauffrau auszustatten?“
Dann lächle ich strahlend und frage noch einmal: „Noch etwas Kaffee?“
Die Berufsschuldame sieht mich ernst, sehr ernst an.
Das mit der Macht der Ideen, woher haben Sie das?
„Vom Herrn Professor Hegel“, sage ich.
„So, so“, sagt die Berufsschuldame.
Ich lächle.
Dann will ich es noch einmal auf sich beruhen lassen, man soll ja die Träume äh das Bewusstsein junger Menschen fördern und formen.
„Ganz ihre Meinung“ sage ich und verabschiede die Berufsschuldame.

Die Auszubildende stürzt jubelnd aus dem Vorratsraum und überhört das Telefon.

Ich gehe zur besten Chefin der Welt.
„Und?“, fragt sie.
Geschafft, sage ich.
„Und Wie?“ fragt sie.
Mit Benedict Cumberbatch und Hegels Dialektik.
„Seit wann weißt Du, wer Benedict Cumberbatch ist?“ fragt die beste Chefin der Welt.
„Benedict Cumberbatch ist ein Otter der Hegels Wissenschaft der Logik liest“, sage ich.
„Oder?“