Das Blog als Kuriositätenkabinett

„Kurios, Kurios“, lässt Thomas den sterbenden Konsul Buddenbrook sagen. Es ist ein Stoßseufzer, ein Kopfschütteln, ein letztes spöttisches Aufbäumen, denn der alte Konsul ahnt wohl schon, dass die Welt der Söhne, der Nachkommen eine andere Welt sein wird, als das Lübeck seiner Tage. Kurios, also auch schon ein Nachruf.

Kuriose Kurzgechichten können sie finden in diesem Blog, das nun eben mein Blog ist, schreibt ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Kurios also, da ist es wieder und mit ihm die geballte Faust des Feuilletons, die den Dilettanten belächeln und mit milder Nachsicht spöttisch betrachen. Denn was ist schon sein Blog eines recht lächerlichen Fräuleins, das ausgerechnet eine Idee aufs Brot legt und andere machen mit. Es ist die Verwunderung der ernsthaft Schreibenden, der Absolventen von Journalistenschulen, von Preisverleihungen mit Weisswein und den Runden der Literaturinstitute in denen verhandelt wird, was in den Buchläden liegt. Kurios, dagegen ein Format, das nun zwar schon ein Vierteljahrhundert alt ist, aber natürlich nichts wert ist. Was ist das auch für eine Anmaßung, das ohne Siegel einfach geschrieben wird, unbekümmert und nicht einmal einen Infleuncerausweis,kann diese merkwürdige Person nachweisen. Wirklich, es ist kurios.

Der Redakteur ist natürlich in bester Gesellschaft in seinem spöttischen Degout. Denn ich werde ja manchmal und gar nicht so selten gefragt, was das denn soll so ein Blog. Warum nur noch mehr digitales Rauschen, es läse doch ohnehin keiner mehr längere Texte, wer heute etwas sein will, der hat einen Podcast und spielt die heißen Bälle bei Twitter.

Kurios darauf zu bestehen Texte ins Internet zu schreiben.

Ich weiß noch wie die beste Chefin der Welt, so stolz wie sie ist ja niemand, dem Goethe Institut in Dublin schrieb, das es da ein Fräulein gäbe und die hätte ein Blog und da seien Geschichten über Irland auf Deutsch und das sei doch schön, dass es nun auch Literatur im Internet gäbe. Das Goethe Institut schwieg natürlich und ich bin mir sicher, die freundliche Email der besten Chefin der Welt ist im Ordner: Kuriositäten abgelegt.

Dann gibt es noch diejenigen, die mir den Vogel zeigen und sagen: wie kann man nur so blöd sein, Texte umsonst ins Netz zu stellen. Dreimal doof, und keine Kundenbindung. Mindestens Paypal, aber so wird aus dir nichts werden. Das aber wusste ich schon länger. In der dritten Klasse nämlich, erklärte mir die Nonne B. ich sei so dumm und könne froh sein, vielleicht einmal noch zum Gärtner zu taugen.

Kurios also findet man den Versuch das Internet für Formate zu nutzen, die weder Digitaljournalismus, noch feuilletonversiegelt noch instagramtauglich sind. Ein Format eben, dem keine Beachtung schenken muss, sondern welches man bestenfalls übersieht und schlechtestenfalls belächelt.

Beides teilen sich die wahren Schreiber, die vollständige Verachtung für Formate jenseits ihrer Lebenswelten, in denen die müden Kinder schreiben, die nie Zeit für Illusionen hatten, sondern immer nur einen Dritt und Viertjob und für die Redakteur oder Autor sein, so fern ist wie für Andere eine Reise zum Mond und es soll ja auch kalt sein auf dem Mond. Was für eine Anmaßung eine Gemeinschaft der Schreibenden zu sein, die sich am Wort festhalten.

Und Sie sehen, hier finden Sie die Antwort nach der sie mich manchmal fragen, warum ich eigentlich kein Buch schreibe und warum die Sache mit dem blauen Haus der Frau des Krämers und der Angelegenheit von der das Dorf alles wusste und niemals sprach kein Debütroman eines Jungautors mit Strahlkraft wird, genau im Satz über die kuriosen Kurzgeschichten finden Sie die Antwort.

Das macht natürlich nichts.

Aber was finden Sie denn hier, wenn sie als Leser hier nur einmal hineinstolpern?

Meine Liebe zu Franz Kafka, oh diese fatalen Amateure, die durch das alte, abgebrannte Europa wandeln, hier finden sie Freundschaft zu einer Wildtaube neben Versuchen über das Judentum in Europa zu reflektieren, hier geht es um Aufklärung, sone und solche, um Aufwachsen in Anderswo und so viel Suchen, das niemand nirgendwo ankommt, um Geschichten aus Delhi und eine Liebe Aus Assam, um Jahre mit dem Tierarzt, dem die Welt so schwer wurde, um kalte Bäder im Meer, um die Frau des Krämers und ein Irland zwischen Aufbruch und Abbruch, um Menschen, die kürzer oder länger bleiben, um Albträume, um S-Bahnfahrten und Konzerthausbesuche, um Bücher und Einsamkeit, um Mondsteinscheiben und ein Institut, um die Mali-Tant und meine Großmutter, die doch die preussischste unter den deutschen Juden war, um Jonny und Sommerfrische, um alte Lieder und immer wieder um die Fragen nach Herkunft und Heimat, nach Sprachversuchen, die immer wieder Gehversuche sind, um Leben auf dem Dorf und Leben zwischen den Stühlen. Um Kastanien natürlich, um Standuhren, um das blaue Haus, um einen Wetterfleck und darum was an einem Sonntag nicht oder vielleicht doch passieren kann.

Sprich es geht hier eigentlich immer wieder darum ein Verhältnis zur Welt jenseits des Spotts und der Ironie zu finden, in dem der Niedergang liegt von dem der alte Konsul Buddenbrook schon alles ahnte bevor er die Augen auf ewig schloss.

Mir schien der Spott, die milde Verachtung und die zufriedene Herablassung immer fataler, als noch der heftigste Widerspruch.

Es ist kurios.