Kunst aber als Brotbelag

Bekanntlich bekomme ich immer am Mittwoch eine Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse, nebst zwei Flaschen Milch. Am Donnerstagmorgen schwamm ich so vor mich hin im See und wie ich so schwamm wurde ich hungrig. Ha, dachte ich mir, ein Brot soll es sein, wenn Du zurückkommst und dann hängte ich Handtuch und Bademantel auf, wusch den Bikini aus und stapelte Obst, Käse und Brot auf dem Tisch. So bunt sind die Biokisten im Sommer, so vielfältig und so schwer ist es sich zu entscheiden, was man denn auf dem Brot haben mag. Erstmal also ein Butterbrot mit Salz und Schnittlauch dazu, aber dann lockte das bunte mich all zu sehr und wie ich also mit Messer, Brot und Käse, der Tomate und all den anderen Dingen, da so saß, da fiel mir Piet Mondrian ein und ich wäre ja nicht ein albernes Fräulein, das wohl in anderen Zeiten schrullig genannt worden wäre, hätte ich nicht den Finger erhoben und zu meiner alten Freundin Wildtaube auf dem Fensterbrett gesagt: KunstGeschichtealsBrotbelag it is meine Liebe. Die alte Freundin hat nachsichtig gegurrt, denn sie kennt mich ja schon viele Jahre. Das Schöne aber ist, es gibt so viele Menschen, die auch Lust haben ihr Brot mit Kunst zu belegen.

oder

So hat es angefangen, aber viel schöner ist das, was all die anderen machen mit ihren Broten.

Sehen Sie mal was die fabulöse Miss Megaphon macht:  

Und schon geht es mitten in die Romantik hinein mit Casper David Friedrich

Gefolgt von Jan Vermeer


Ich bin sehr verliebt!

Was wäre Kunst ohne Hunde?

Anselm Kiefers Galerist wundert sich sicher schon….

Das ist keine Wurst!

Aber das ist der Schrei:

Ohne Paul Klee geht es ja ohnehin nie!

Ich finde diese Salvador Dali Interpretation einfach großartig!

Und natürlich Vincent van Gogh:

Es gibt ja Ideen, die hätte man furchtbar gern selbstgehabt….

Dies ist nur eine kleine Auswahl,aber wenn Sei mögen dann sehen Sie sich auf Twitter um- dazu müssen Sie dort nicht Mitglied sein, man kann einfach #KunstGeschichteAlsBrotbelag eingeben und viele, viele Schätze entdecken.

Natürlich ist das ganze eine kleine Alberei, aber nur albern ist es dann doch nicht, weil es wie ich finde zeigt, dass das Internet nicht nur das passive Konsumieren ist, sondern viele unterschiedliche Menschen zum Mitmachen und Selbermachen inspiriert. e13Kiki hat dafür einmal den Begriff des #bingecreating erschaffen und ich glaube das trifft es sehr gut. Das Internet, das sind noch immer wir alle und es liegt an uns, ob wir uns inspirieren lassen und immer wieder das Staunen lernen.

Was ich sehr hoffe ist, dass die vielen bunten, belegten Brote zu Gesprächen und Diskussionen führen zum Entdecken neuer Künstler, zum Wälzen von Kunstkatalogen, was man legen könnte und vielleicht auch zu einem Ausstellungsbesuch, um sich weiter und wieder zu begeistern für all die große und kleine Kunst, die noch immer das größte Potential hat Menschen zusammenzubringen und dass das gerade passiert, das freut und rührt mich besonders.

Auch Das Nuf hat Lieblingsbrote mit Kunstbelag gesammelt.

Das Fräulein indes reist heute dem Tierarzt an die Ostsee nach und hat noch kein einziges Reisebrot geschmiert….

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.

 

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.

Madrid-Inmitten der Bilder

 

IMG_0025-2Ich habe Caravaggio nie besonders  gemocht. Immer die gleichen sterilen Männer mit ihrem nach rechts geneigtem Kopf, den immer dunklen Locken, dem alabasterfarbenen Körper und den blassen, etwas spitzigen Gesichtern, die mir nie gefielen in all ihrer Leere. Am schlimmsten aber die feuchten Augen die etwas so kuh-äugig- träges haben, dass ich immer schnell weiterging, begegnete ich ihnen im Museum, denn ich neige vor allem bei Kuhäugigkeit zu bösartigen Lachanfällen. Dies käme wohl nicht nur bei kurzsichtigen Oberstudienräten, die den Zustand der Firniss beurteilen wollen,nicht gut an. So zögere ich einen Moment, als die Frau an der Kasse im Thyssen-Bornemisza Museum mich fragt, ob ich auch die Sonderausstellung zu Caravaggio sehen mag. Noch schlimmer aber als durch hämisches Kichern aufzufallen, aber scheint mir zuzugeben, welch Kulturbanause man eigentlich ist und so stimme ich freudig zum Besuch der Caravaggio-Ausstellung zu. Überhaupt denke ich mir, werde ich dafür nicht lange brauchen und wenigstens herzhaft gelacht haben- natürlich verstohlen ins Taschentuch, das versteht sich doch von selbst. Aber schon im ersten Raum muss ich schlucken, jedoch nicht vor Lachen. Denn dort im Dämmerlicht hängt sehr klug ausgeleuchtet: „Jüngling von Eidechse gebissen.“von 1595. Natürlich auch hier der Lockenkopf, sogar mit Blume hinter dem Haar und auch der Körper ist weiter und wieder alabasterfarben und makellos. Von Kuhäugigkeit jedoch ist nichts zu erkennen. Sondern meisterlich fängt Caravaggio hier die Empörung des verhätschelten Sonntagskindes ein, von einer so misslichen Kreatur behelligt worden zu sein. Das ist so großartig in seiner so gänzlich unverschleierten Offenlegung des eitlen Sonnenkindes, das hier auf einmal die Realität am Finger spürt. Lange kann ich mich nicht losreißen von diesem fantastischen Porträt. Aber der zweite Raum nimmt mich noch mehr gefangen, allein seiner kongenialen Hängung wegen. In der Raummitte nämlich hängt die 1595 gemalte: „Heilige Katherine von Alexandriner“.Nicht nur, dass das Sujet so augenfällig ein anderes ist als die jungen Epheben, aber vor allem ist es die Andeutung des Schreckens, der dieses Bild so eindringlich und auch so furchtbar macht. Denn es ist schon da: das Rad mit den eisernen Dornen, auf dem sie hier lehnt, aber das doch ihren Knochen und Haut zermalmen sollte, bevor die g*ttliche Fügung es schließlich zerbersten ließ. Aber so schnell das wusste auch Caravaggio entkommt man dem Bösen nicht und so hält sie das Schwert, das ihr schließlich den Kopf abschlagen sollte selbst in der Hand. Diese Andeutung des Kommenden Schreckens, dass auch durch die Heiligsprechung und das ist doch der Kern des Ganzen nicht gemildert wird mit einem salbungsvollen Versprechen, sondern den Betrachter zwingt sich den Schrecken selbst auszumalen, das ist die beunruhigende Botschaft dieses Bildes. Links neben ihm hängt ein nicht minder beunruhigendes Bild: „Opferung Isaaks“ nämlich. Was im Porträt der „Heiligen Catherine“ nur angedeutet ist, wird hier ausgemalt. Die Gewalt nämlich, die Rembrandt später abmildern wird, ist hier auserzählt. Hier steht der Vater mit dem Messer und niemand hält Isaak die Augen zu, der den Mund zu halblautem Schrei geöffnet, sieht was sich an seiner Kehle vollziehen soll. Der Vater nämlich ist zu allem entschlossen, er zögert nicht, er klagt nicht und weint nicht, er handelt nicht mit G*tt, sondern er ist im Begriff das zu Vollziehen vollzieht was ihm befohlen wurde. Wie wohl nur wenige Bilder erzählt dieses Bild, wie nah das Judentum davor war, sich selbst die Legitimation zu entziehen. Denn G’tt der den Menschen als Opfer fordert zu dem kann niemand mehr im Gebet sprechen. Diesen Moment, das kurz-davor indem die Firniss der Zivilisation schon fast unsichtbar ist, hält Caravaggio für uns die Nachgeborenen fest. Und ist es nicht eine schöne und besonders berührende Koinzidenz, dass der fast geschlachtete Isaak seine Augen zum Himmel hob und Rebekka sah und sie sahn ihn. Hier beginnt die erste Liebesgeschichte der Schrift, die so unwahrscheinlich ist, wie das Bild von Caravaggio selbst. Als ich auf die Uhr sehe, sind zwei Stunden um. Dann gehe ich hinauf und lasse mich trösten. Von Chagall und seinem „Grauen Haus“  und lange stehe ich vor Gabriele Münters Selbstporträt  bevor ich die wunderbare Quappi Quappi von Max Beckmann bewundere, in die mich jedes Mal auf das Neue verliebe.

Das Museum Thyssen-Bornemisza hat das schönste Licht, denn durch die Fensterläden fällt das Licht in so milden Intervallen, dass man glaubt man ginge durch weite, lichte Kolonnaden spazieren während man doch Bilder besieht. Der Prado übrigens ist nur einen Katzensprung entfernt und es stimmt was alle sagen, die Hieronymus Bosch Ausstellung ist so grotesk wie großartig und birgt in sich die gleiche Unruhe über die Welt, die auch Caravaggio, Beckmann und Münter in sich trugen und vielleicht auch Sie und ich.

Was? Caravaggio and the Painters of the North noch bis 18. September 2016

Wo? Museo Thyssen-Bornemisza, Paseo del Prado, 828014 Madrid

Alles andere? Hier: http://www.museothyssen.org