Auf der Suche nach Ernst Barlach-Hamburg(2)

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Leer ist das Museum. Aber auch das stimmt nicht ganz. Die Sonne ist ja da, lehnt sich gegen die Fenster als wolle sie an diesem Morgen auch endlich einmal in Ruhe ins Museum gehen. Aber nicht nur die Sonne ist da, an der Kasse sitzen zwei Damen, sie freuen sich über Besuch sagen sie und das hört man in einem Museum ja gar nicht so oft, wie man denken mag. Hier hört man es. „Sie sind zwischen den Zeiten da“, sagen sie. Eine Ausstellung ist gerade abgebaut, die Andere wird gerade aufgebaut. „Zwischen den Zeiten“, sage ich, ja da haben sie Recht.“ Den halben Preis teile ich mir mit der Sonne. „Lassen Sie sich Zeit“, sagen die Damen, sie sagen es wie man es sagt, kommt Besuch, den man schätzt. Ich nicke, Jacke, Tasche, Rucksack bleiben im Schrank. Große Fenster zeigen in den Park hinaus. An der Außenwand lehnen zwei Barlach-Skulpturen. Es hat den Anschein als nickten sie mir zu, als brächen auch sie auf zu einem Spaziergang, hinaus in den Sonnenschein, als nickten sie mir beiläufig zu, ich nicke zurück, sie wenden sich dem Garten zu und ich bleibe im Haus.

Die Sonne legt mir die Hand auf den Rücken. „Komm“, sagt die Sonne, komm.“ Wer würde da stehen bleiben? Die Figuren von Ernst Barlach sind anders als andere Skulpturen, in ihnen liegt nichts von der stolzen Kälte römischer Bürger und nichts wissen sie von der monumentalen Strenge, die Richard Serra seinen Plastiken gibt. Hier bei Barlach findet man kein rostigen Stahl, keinen blanken, weiß polierten Marmor, wie das 19. Jahrhundert es sich erfand. Seine Skulpturen atmen, leise zwar, aber atmen tun sie doch. Sie wenden sich manchmal nach rechts oder links, zeigen einem ein ernstes oder ein heiteres Gesicht, werfen einem manchmal einen Blick zu fragend, zögernd, halten die Hand hin, unmerklich fast, tippen einen mit der Schulter an, sagen: bleib doch noch oder auch das ist mir schon passiert, wenden sich ab, finden man möge ein anderes Mal wiederkommen, seine Figuren lassen sich etwas anmerken, ziehen einen zurück oder halten einen fest. Alles kann man ihnen suchen, alle Haltungen sind ihnen möglich, nur die kühle Distanz liegt ihnen nicht.

Ernst Barlachs Figuren sie alle wissen etwas.

Einmal vor vielen Jahren bin ich in Güstrow gewesen, dort hängt ein Abguss des Engels. Jener Engel, der schwer ist, schwerer wiegt als andere Engel, der nichts hat von der flirrenden Leichtigkeit die man Engeln gemeinhin zuschreibt. Jener Engel mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz trägt schwer an sich selbst. Das Original jenes Engels gibt es nicht mehr. Eingeschmolzen haben die Nationalsozialisten den Engel von Güstrow.

Später in den Jahren danach hat man Abgüsse anfertigen können einen zweiten und dritten Engel. Zum letzten Mal habe ich ihn nicht in Güstrow gesehen, sondern in der Tate in London, der Engel an der Wand und ein größerer Schatten hinter ihm. Ein älteres Ehepaar kam zur Tür herein, sie sah den Engel dort an der Wand, hielt sich am Türrahmen fest, sah auf den Engel, sie sagte: „Oh Kate, oh Kate what can we do to take your pain way?“ Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter im ersten großen Kriege verlor und nicht mehr zurückkam.

Barlach gab seinem Engel ihr Gesicht. Nicht absichtlich, das Gesicht kam und blieb.

Damals im Dom von Güstrow fragte ich wieder und wieder, warum die Bürger von Güstrow sich nicht vor den Engel gestellt haben, warum der Pfarrer den Kirchenschlüssel aus der Hand gab, warum in Deutschland immer alles preisgegeben werden kann, aber darauf bekommt man nie eine Antwort. So viele Fragen bleiben immer im Dunkeln.

Lange hat die Frau vor dem Engel in der Tate Gallery gestanden, auf Zehenspitzen stand sie, so als wollte sie Käthes Gesicht in ihre Hände nehmen und endlich, endlich würde der Schmerz weniger werden.

So ist das mit Ernst Barlachs Figuren. Sie zeigen, was man fühlen kann.

What can we do to take your pain away?

DqhQjaMX0AMZNT3Aber hier in Hamburg fliegt der Engel nicht. Hier sind noch immer die Sonne und ich allein im Museum. Die Lauschenden heißt die Figurengruppe an der äußeren Wand. 1934 hat Barlach sie begonnen, 1935 stellt er sie für Hermann Reemtsma fertig, der sich entschließt Barlach und seine Figuren nicht für sich selbst zu behalten, sondern dieses Museum in Hamburg initiiert und realisiert, so dass ich so viele Jahre nach 1935 vor den Figuren stehe, die an der Wand lehnen zufällig fast, als hätten wenig bekannte Umstände sie an diesen Ort geführt, als sie nicht weniger Fremde hier als ich es bin. Die Lauschenden nennt Barlach die Figurengruppe und ich stelle mich lange zu ihnen dazu. Lauschen dieses Wort hat im Deutschen einen doppelten Boden. Lauschen kann man einem Bach-Choral, ein Kind lauscht auf dem Schoß seiner Mutter, im Garten kann man den Vögeln lauschen und lauschen kann man in der Nacht und man hört vielleicht eine Eule oder auch nur den eigenen Herzschlag. Aber so eindeutig ist das nicht bei diesen Lauschenden hier. Ob die Frau mit dem Hut wohl dem Regen lauscht oder doch den Nachbarn hinter der Tür? Allen Figuren ist eine Haltung inne, die ganz anders sein mag als es den Anschein hat

Keine der Figuren hört etwas Eindeutiges, denn im Lauschen liegt immer auch schon die Möglichkeit des Belauschens, des Belauscht-Werdens, das Lauschen ist der Beginn jeder Preisgabe. Das ist auch eine Erkenntnis des Jahres 1935.

Lange lausche ich vor dem Fries.

Die Sonne und ich wandern langsam durch das Haus.

Vor einer Frau, auch sie eine Skulptur, bleibe ich stehen. Ich stehe hinter ihr, vor mir ihr Rücken, lange sehe ich ihr zu, wie sie ein Bild an der Wand ansieht. Nach einer ganzen Weile wird mir schwindelig, belausche ich nicht sie und ihre Zwiesprache mit einem Bild. Lieber gehe ich weiter.

Wer ist Ernst Barlach? fragte ich meine Großmutter und saß auf ihrem Schoß. In meiner Hand lag ein Katalog seiner Werke. So viele Jahre ist das schon her. Ernst Barlach hat einmal geschrieben: „Ich habe keinen Gtt, aber Gtt hat mich, sagte sie. Ernst Barlach war auf der Suche nach dem Unvorstellbaren sagte sie. Ich merkte es mir und suche noch immer danach worauf es ankommt.

Vielleicht ist auch Sehen, Suchen und Lauschen zugleich.

Auf der Suche nach Ernst Barlach- Hamburg (1)

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Jenisch-Park in Hamburg-Klein Flotttbek

Auf dem Flughafen ist es noch dunkel. Neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind aus Amerika und in Europa sind sie der Geschäfte wegen. Ihre Firma sei nach einer Insel aus Mikronesien benannt, sagt die andere Frau, stolz klingt sie, so als sei die Firma eine Art fernes Paradies. Die andere Frau schweigt über Mikronesien. Dann hebt sie ihren Armen. Sie hat eine Apple-Uhr am Handgelenk und ihrer Kollegin führt sie vor, was die Uhr alles kann. Es gibt im Grund nichts, was diese Uhr nicht kann. „Aber das Beste ist“, sagt sie und holt tief Luft, „das Beste ist das diese Uhr einen immer findet, auch wenn der Kontakt zum Mobile phone abgerissen ist, die Uhr findet einen immer.“ Man merkt der Frau an, dass es ihr ums Gefunden Werden geht, wer weiß schon wie lange es das letzte Mal her ist, das jemand nach ihr gesucht hat, der kein Stück Metall an ihrem Handgelenk ist. Ihre Kollegin aber starrt auf die Uhr und auf ihre eigenes abgeschabtes Samsung Telefon.

In Hamburg ist es auch noch früh. Ich kaufe Fahrkarten für die S-Bahn. Eine Frau versucht verzweifelt einen zwanzig Euro Schein zu wechseln, niemand hat so viel Kleingeld. „Sie zwingen mich zum Schwarz fahren“ ruft die Frau einem S-Bahn Mitarbeiter zu. „Jo“, sagt der und da bin ich mir sofort sicher, wirklich in Hamburg zu sein. Bis nach Klein-Flottbek fährt man eine ganze Weile S-Bahn: Hamburg wacht auf, die Möwen gähnen, die Menschen gähnen, Leon soll still sitzen, aber Leon will lieber mit dem Mülleimer spielen, wenn Leon jetzt nicht lieb ist, findet Leons Mutter, dann wird die Fahrt zu Oma abgebrochen. Leon schluchzt. Am Hauptbahnhof steigen drei Hunde aus und viele Menschen zu, eine Frau setzt sich neben mich. Sie riecht so nach Zigarettenrauch wie ich mir vorstelle wie Helmut Schmidt gerochen haben muss. Sie hustet erst ausführlich und wie so oft bedauere ich, dass es keine Spucknäpfe mehr gibt, dann bellt sie in ein Telefon und weckt ihren Gefährten mit einer Abreibung über sein Trinkverhalten. Noch auf dem Bahnsteig steckt sie sich, kaum ausgestiegen eine Zigarette an. Vier Freundinnen suchen eine Straße auf der Reeperbahn. Aber wie das wissen sie nicht. Eine ältere Dame mit Perlenkette und Cashmere Kombination räuspert sich und sagt: Nehmen se mal die Schanze und dann immer schön links halten, nech. Die vier Freundinnen staunen. „Na ich bin ja nu mal von hier nech“, sagt die Dame und ihre Augen funkeln. Wer sie sieht, der ahnt etwas von den Nächten über die man lieber nur andeutungsweise spricht.

Dann gibt die Stadt nach, roter Backstein und Garten mit Schaukeln, Kirchtürme und Rosenhecken, grüne Flecken im Stadtgrau, eine Station nach Othmarschen steht auf meinem Reisezettel, ich steige aus. Klein Flottbek hat Sonnenschein, gelbes Laub raschelt unter meinen Füßen. Die Häuser haben weiße Gartenzäune und die Autos sind höher als die Gartenzäune. Drei Kinder spielen Fußball auf einem Stück Rasen. „Vati“, rufen sie. „Vati komm, spiel mit uns.“ Vati kommt, nimmt Anlauf, zielt, ach weh, den Ball verfehlt, den Schwung nicht abgefangen, Vati fällt ins Gras. „Ach Mensch Vati“, rufen die Kinder. Vati rappelt sich hoch. „Mein Rücken“ ächzt er hervor und humpelt davon. An ein Auto gelehnt streckt er seinen Rücken durch. Die Mutter der Kinder ruft vom Haus herüber: „Wo ist denn Vati?“ Die Kinder rufen: „Rücken.“ Mutti weiß genug, ich kicke den Ball zurück und schon biegt die Straße nach links. Eine alte Scheune ist jetzt eine Bar. Pferdeställe, die Boxentüren gibt es noch versprechen ein erstklassiges Wohnerlebnis, im Park ist das rot und golden, ein Teppich wie für Könige. Ein Hund rast in einen Laubhaufen, eine Laufgruppe rennt vorbei, eine Krähe verschluckt sich fast an einer Nuss, die Sonne malt uns allen Kringel auf die Nase, das Jenisch-Haus glänzt weiß, ich gehe die Treppen hinauf.

Es ist noch immer früh, Milchkaffee trinke ich und ein Franzbrötchen dazu, der Teller hat einen grünen Rand, ich sehe aus dem Fenster, gegenüber steht ein fast unauffälliges weißes Gebäude. Ernst-Barlach-Haus steht an der Wand. Meine Hände sind warm an der Tasse. Deswegen bin ich hier.
So schlecht kann ich atmen im Moment, immer ist das zu wenig Luft, zu schwer knackt mein Brustkorb, so bleiern ist die Luft.

Vielleicht, denke ich, ist die Luft leichter in der Nähe von Ernst Barlach, der mir immer nah war, seine Figuren tragen so viel, vielleicht können sie auch mich ein Stück mittragen.
Ein Mann kommt an den Tisch und will etwas wissen.
Es tut mir leid, sage ich, aber ich bin nicht zum Sprechen hier, nur zum Atmen.
Er dreht sich um. Ich bezahle und dann ganz langsam gehe ich zu Ernst Barlach herüber.

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Ernst-Barlach Haus im Jenischpark, Hamburg 

Kunst aber als Brotbelag

Bekanntlich bekomme ich immer am Mittwoch eine Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse, nebst zwei Flaschen Milch. Am Donnerstagmorgen schwamm ich so vor mich hin im See und wie ich so schwamm wurde ich hungrig. Ha, dachte ich mir, ein Brot soll es sein, wenn Du zurückkommst und dann hängte ich Handtuch und Bademantel auf, wusch den Bikini aus und stapelte Obst, Käse und Brot auf dem Tisch. So bunt sind die Biokisten im Sommer, so vielfältig und so schwer ist es sich zu entscheiden, was man denn auf dem Brot haben mag. Erstmal also ein Butterbrot mit Salz und Schnittlauch dazu, aber dann lockte das bunte mich all zu sehr und wie ich also mit Messer, Brot und Käse, der Tomate und all den anderen Dingen, da so saß, da fiel mir Piet Mondrian ein und ich wäre ja nicht ein albernes Fräulein, das wohl in anderen Zeiten schrullig genannt worden wäre, hätte ich nicht den Finger erhoben und zu meiner alten Freundin Wildtaube auf dem Fensterbrett gesagt: KunstGeschichtealsBrotbelag it is meine Liebe. Die alte Freundin hat nachsichtig gegurrt, denn sie kennt mich ja schon viele Jahre. Das Schöne aber ist, es gibt so viele Menschen, die auch Lust haben ihr Brot mit Kunst zu belegen.

oder

So hat es angefangen, aber viel schöner ist das, was all die anderen machen mit ihren Broten.

Sehen Sie mal was die fabulöse Miss Megaphon macht:  

Und schon geht es mitten in die Romantik hinein mit Casper David Friedrich

Gefolgt von Jan Vermeer


Ich bin sehr verliebt!

Was wäre Kunst ohne Hunde?

Anselm Kiefers Galerist wundert sich sicher schon….

Das ist keine Wurst!

Aber das ist der Schrei:

Ohne Paul Klee geht es ja ohnehin nie!

Ich finde diese Salvador Dali Interpretation einfach großartig!

Und natürlich Vincent van Gogh:

Es gibt ja Ideen, die hätte man furchtbar gern selbstgehabt….

Dies ist nur eine kleine Auswahl,aber wenn Sei mögen dann sehen Sie sich auf Twitter um- dazu müssen Sie dort nicht Mitglied sein, man kann einfach #KunstGeschichteAlsBrotbelag eingeben und viele, viele Schätze entdecken.

Natürlich ist das ganze eine kleine Alberei, aber nur albern ist es dann doch nicht, weil es wie ich finde zeigt, dass das Internet nicht nur das passive Konsumieren ist, sondern viele unterschiedliche Menschen zum Mitmachen und Selbermachen inspiriert. e13Kiki hat dafür einmal den Begriff des #bingecreating erschaffen und ich glaube das trifft es sehr gut. Das Internet, das sind noch immer wir alle und es liegt an uns, ob wir uns inspirieren lassen und immer wieder das Staunen lernen.

Was ich sehr hoffe ist, dass die vielen bunten, belegten Brote zu Gesprächen und Diskussionen führen zum Entdecken neuer Künstler, zum Wälzen von Kunstkatalogen, was man legen könnte und vielleicht auch zu einem Ausstellungsbesuch, um sich weiter und wieder zu begeistern für all die große und kleine Kunst, die noch immer das größte Potential hat Menschen zusammenzubringen und dass das gerade passiert, das freut und rührt mich besonders.

Auch Das Nuf hat Lieblingsbrote mit Kunstbelag gesammelt.

Das Fräulein indes reist heute dem Tierarzt an die Ostsee nach und hat noch kein einziges Reisebrot geschmiert….

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.

 

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.

Madrid-Inmitten der Bilder

 

IMG_0025-2Ich habe Caravaggio nie besonders  gemocht. Immer die gleichen sterilen Männer mit ihrem nach rechts geneigtem Kopf, den immer dunklen Locken, dem alabasterfarbenen Körper und den blassen, etwas spitzigen Gesichtern, die mir nie gefielen in all ihrer Leere. Am schlimmsten aber die feuchten Augen die etwas so kuh-äugig- träges haben, dass ich immer schnell weiterging, begegnete ich ihnen im Museum, denn ich neige vor allem bei Kuhäugigkeit zu bösartigen Lachanfällen. Dies käme wohl nicht nur bei kurzsichtigen Oberstudienräten, die den Zustand der Firniss beurteilen wollen,nicht gut an. So zögere ich einen Moment, als die Frau an der Kasse im Thyssen-Bornemisza Museum mich fragt, ob ich auch die Sonderausstellung zu Caravaggio sehen mag. Noch schlimmer aber als durch hämisches Kichern aufzufallen, aber scheint mir zuzugeben, welch Kulturbanause man eigentlich ist und so stimme ich freudig zum Besuch der Caravaggio-Ausstellung zu. Überhaupt denke ich mir, werde ich dafür nicht lange brauchen und wenigstens herzhaft gelacht haben- natürlich verstohlen ins Taschentuch, das versteht sich doch von selbst. Aber schon im ersten Raum muss ich schlucken, jedoch nicht vor Lachen. Denn dort im Dämmerlicht hängt sehr klug ausgeleuchtet: „Jüngling von Eidechse gebissen.“von 1595. Natürlich auch hier der Lockenkopf, sogar mit Blume hinter dem Haar und auch der Körper ist weiter und wieder alabasterfarben und makellos. Von Kuhäugigkeit jedoch ist nichts zu erkennen. Sondern meisterlich fängt Caravaggio hier die Empörung des verhätschelten Sonntagskindes ein, von einer so misslichen Kreatur behelligt worden zu sein. Das ist so großartig in seiner so gänzlich unverschleierten Offenlegung des eitlen Sonnenkindes, das hier auf einmal die Realität am Finger spürt. Lange kann ich mich nicht losreißen von diesem fantastischen Porträt. Aber der zweite Raum nimmt mich noch mehr gefangen, allein seiner kongenialen Hängung wegen. In der Raummitte nämlich hängt die 1595 gemalte: „Heilige Katherine von Alexandriner“.Nicht nur, dass das Sujet so augenfällig ein anderes ist als die jungen Epheben, aber vor allem ist es die Andeutung des Schreckens, der dieses Bild so eindringlich und auch so furchtbar macht. Denn es ist schon da: das Rad mit den eisernen Dornen, auf dem sie hier lehnt, aber das doch ihren Knochen und Haut zermalmen sollte, bevor die g*ttliche Fügung es schließlich zerbersten ließ. Aber so schnell das wusste auch Caravaggio entkommt man dem Bösen nicht und so hält sie das Schwert, das ihr schließlich den Kopf abschlagen sollte selbst in der Hand. Diese Andeutung des Kommenden Schreckens, dass auch durch die Heiligsprechung und das ist doch der Kern des Ganzen nicht gemildert wird mit einem salbungsvollen Versprechen, sondern den Betrachter zwingt sich den Schrecken selbst auszumalen, das ist die beunruhigende Botschaft dieses Bildes. Links neben ihm hängt ein nicht minder beunruhigendes Bild: „Opferung Isaaks“ nämlich. Was im Porträt der „Heiligen Catherine“ nur angedeutet ist, wird hier ausgemalt. Die Gewalt nämlich, die Rembrandt später abmildern wird, ist hier auserzählt. Hier steht der Vater mit dem Messer und niemand hält Isaak die Augen zu, der den Mund zu halblautem Schrei geöffnet, sieht was sich an seiner Kehle vollziehen soll. Der Vater nämlich ist zu allem entschlossen, er zögert nicht, er klagt nicht und weint nicht, er handelt nicht mit G*tt, sondern er ist im Begriff das zu Vollziehen vollzieht was ihm befohlen wurde. Wie wohl nur wenige Bilder erzählt dieses Bild, wie nah das Judentum davor war, sich selbst die Legitimation zu entziehen. Denn G’tt der den Menschen als Opfer fordert zu dem kann niemand mehr im Gebet sprechen. Diesen Moment, das kurz-davor indem die Firniss der Zivilisation schon fast unsichtbar ist, hält Caravaggio für uns die Nachgeborenen fest. Und ist es nicht eine schöne und besonders berührende Koinzidenz, dass der fast geschlachtete Isaak seine Augen zum Himmel hob und Rebekka sah und sie sahn ihn. Hier beginnt die erste Liebesgeschichte der Schrift, die so unwahrscheinlich ist, wie das Bild von Caravaggio selbst. Als ich auf die Uhr sehe, sind zwei Stunden um. Dann gehe ich hinauf und lasse mich trösten. Von Chagall und seinem „Grauen Haus“  und lange stehe ich vor Gabriele Münters Selbstporträt  bevor ich die wunderbare Quappi Quappi von Max Beckmann bewundere, in die mich jedes Mal auf das Neue verliebe.

Das Museum Thyssen-Bornemisza hat das schönste Licht, denn durch die Fensterläden fällt das Licht in so milden Intervallen, dass man glaubt man ginge durch weite, lichte Kolonnaden spazieren während man doch Bilder besieht. Der Prado übrigens ist nur einen Katzensprung entfernt und es stimmt was alle sagen, die Hieronymus Bosch Ausstellung ist so grotesk wie großartig und birgt in sich die gleiche Unruhe über die Welt, die auch Caravaggio, Beckmann und Münter in sich trugen und vielleicht auch Sie und ich.

Was? Caravaggio and the Painters of the North noch bis 18. September 2016

Wo? Museo Thyssen-Bornemisza, Paseo del Prado, 828014 Madrid

Alles andere? Hier: http://www.museothyssen.org