Ungehörtes. Marc-André Hamelin spielt Klavier an einem verregneten Donnerstag in Dublin.

Eigentlich sage ich mir, ist das Wetter doch viel zu schlecht, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich bin ich doch viel zu müde nach einem langen Tag in der Mondsteinscheibenfabrik, um noch einmal in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert.

Eigentlich wollte ich doch einfach nur für eine Stunden in den Regen schauen und ist der Regen nicht auch Musik, und warum sollte ich das Regentropfenorchester versetzen nur um in die Stadt zu fahren für ein Klavierkonzert?

Eigentlich sage ich mir, gehe ich doch nicht mehr zu Virtuosenkonzerten, denn immer lassen sie mich leer zurück.

Ich wollte schon damals als ich von Schumanns Fingerfoltermaschine las, ihm die Hand auf die Schultern legen und sagen: „Bitte nicht.“

Eigentlich sage ich mir, bevor ich dann doch auf die Website klicke, ist das Klavierkonzert doch bestimmt schon seit Wochen ausverkauft.

Aber das Klavierkonzert ist überhaupt nicht ausverkauft und mein Lieblingsplatz sieben Reihen links schräg vom Flügel entfernt ist auch noch frei, aber eigentlich ist der Donnerstag schon zu lang und die letzte Besprechung des Tages geht bis sechs Uhr.

Eigentlich kann ich auch morgen in das Symphoniekonzert gehen, sage ich mir.

Aber meine Füsse zucken doch immer wieder unter dem Schreibtisch und um 18. 25 Uhr stehe ich nicht am Bahnhof, sondern an der Bushaltetselle.

Noch im Bus sage ich mir, dass ich ja gar nicht am Konzerthaus aussteigen muss, sondern einfach bei der J. im Institut vorbeisehen kann. Am Donnerstag ist die J. ohnehin lang im Institut und ich sehe die J. doch so gern.

Aber ich steige nicht beim Institut aus, sondern 25 Minuten vor Konzertbeginn renne ich so schnell ich kann von der Bushaltestelle zum Konzerthaus, atemlos sage ich zur Schalterdame: „Gibt es noch eine Karte für Marc-André Hamelin gleich jetzt?

Sie nickt.

Ich sage: Er ist doch wirklich da?

Sie nickt noch einmal und ich erstehe eine Karte für meinen Lieblingsplatz. Sieben Reihen schräg links vom Flügel entfernt.

Er ist wirklich da.

Er kommt einfach links zur Tür herein, setzt sich an den Flügel und dann macht er etwas was Klaviervirtuosen niemals tun. Er beginnt den Abend mit einem Stück, das eigentlich nur ein Flüstern ist. Er spielt die Cipressi von Mario Castelnuovo-Tedesci. Hamelin am Flügel nickt uns zu, öffnet das Fesnter, schon sind wir nicht mehr in Dublin, schon stehen wir auf einem offenen Balkon eines ockergelben Hauses in der Toscana, schon werden wir still. Hören Sie wie die Zypresse wispern in der sterngen Hitze des Tages, fragt uns der Mann am Klavier, kommen sie, lassen sie uns hören, wie der Wind in die Zypressen fährt, kommen sie. Er der Virtuose macht das Gegenteil aller Virtuosen, er zeigt uns nicht was seine Finger können, er überschlägt sich nicht, konfrontiert uns nicht, er der Mann am Flügel zeigt sich verwundbar, zögert fast vor den Tasten als wolle er die Zypressen nicht unterbrechen. Er macht das, was Virtuosen nie tun, die doch auf Verführung bedacht sind und auf Überwältigung. Er aber fragt uns, könnt ihr sie hören die Zypressen, dicht aneinander gepresst an einer staubigen Strasse, hört ihr sie wirklich, fast unterbricht er sich, um uns zu fragen und wir sitzen mit ihm an der Strasse und hören die Zypressen. Er versteckt sich nicht hinter wahnsinnigen Klavierläufen, die doch allen Virtuosen zu Eigen sind, er zeigt uns jede einzelne Note. So unter den Zypressen fängt der Abend an.

Dann kommt der Schumann. Fantasie in C-Dur. Schumann, das haben wir alle gelernt, Schumann der Romantiker, Robert und Clara und immer im Eck der Schatten des Vaters und ja auch ihre erbarmungslose Kritik. Schumann, der ein Wunderkind war und es doch nie glaubte, Schumann der Geld sammelte mit seiner Fantasie in C- Dur und sie doch am Ende Liszt zu widmen, da war es wieder die Suche nach dem Genie. Diese Fanatsie ist dann doch auch ein so merkwürdiges Stück. Beethoven flirrt darin herum, Clara natürlich, immer Clara, aber es ist dann doch auch so unverkennbar Schumann darin. Wir hören ja nie nur Schumann, wenn wir Schumann hören, sondern immer hören wir all die Geschichten, die wir unweigerlich kennen. Es gibt für Pianisten eigentlich immer nur zwei Entscheidungen. Entweder sie wollen wie Schumann sein. Oder sie wollen alles sein nur nicht Schumann. Das hört man. Aber am Donnerstagabend hört man nichts von Beiden. Sondern wir dort im Saal, wir hören Marc-André Hamelin, der die so bequem gewordenen Schumann Pflaster abreisst. Einfach so. Er lässt sie nicht gelten. Er, dort am Flügel, er hört Schumann wirklich zu. Und sein Schumann ist klarer, heller, durchsichtiger und leiser, viel, viel leiser als der so schnell scheppernde Schumann für den sich Virtuosen so gern bewundern lassen. Aber hier hören wir einen Pianisten, der sich nicht zufrieden gibt mit dem was man weiss, hier sitzt jemand am Flügel, der uns zuruft, nun hören sie doch erst einmal zu und wir hören zum ersten Mal einen Schumann ohne den Druck Schumann zu sein. So hört man Schumann nicht, nie, so zwingt einen kein Pinaist zum hören und ich sitze dort in der siebenten Reihe links vom Flügel mit weichen Knien und Gänsehaut auf den Armen, weil ich zum ersten Mal Schumann höre.

Ich kann nicht aufstehen in der Pause.

Ich kann nur sitzenbleiben uns auf den Flügel starren und höre noch immer die Fantasie in C-Dur von Robert Schumann.

Hamelin spielt Weissenberg und Trenet, die doch kein Virtuose an einem Konzertabend spielt,um den es um Hochkultur geht, aber er gibt für uns den Barpianisten, er spielt die traurigen Lieder für die, einsamen Frauen und die Trinker für die spielt er auch. Er spielt für den Portier, der allein mit einer Pudeldame in Brooklyn wohnt und er spielt für all die nach ihren Herzen in den Handtaschen oder den Gläsern mit Kristallrand suchen. Wir hören ihn suchen und ich wünschte jemand brächte auch ihm ein Glas Scotch. Ganz plötzlich verlässt er die Bar und kehrt zurück zu uns hier ins Konzerthaus nach Dublin.

Er spielt Faure nach der Pause, aber ich bin noch bei Schumann, noch immer kann ich nicht aufhören diesen Schumann, diesen völlig anderen Schumann zu hören.

Er spielt Chopin zum Abschluss, den ich nie mochte. Zu sehr hat auch mich Ljudmila Alexejewa mit seinen Etüden geplagt, diese Fingerübungen nach denen man die Händ ein Eiswasser tauchen muss, um sie wieder zu fühlen. Mir lag das Manierierte seiner Musik nie, aber wieder, wieder hören wir die Polonaise-Fantaisie nicht als stehtanz mit polnischem Nationalstolz, sondern als ein Sommerlied, einen Spaziergang, einen so leichten, so ungeheuer durchdachten Chopin, an dem nichts mehr staubt und der einen nicht sofort und unmittelbar an Prüfungsnachmittage in einem staubigen Kultursaal erinnert. So einen Chopin hören wir. Es ist ein Chopin der Zwischentöne.

Er spielt um gehört zu werden, denke ich, er spielt bis wir hören, er spielt bis uns das Herz bricht, weil wir schon so lange aufgehört haben hinzuhören.

Er spielt Rachmaninov als Zugabe, ein ironischer Diener vielleicht an die Virtuosen, bei denen der Flügel wackelt, hört sagt er vielleicht auch ihnen, hört doch erst einmal hin.

Noch lange später, ich bin schon im Bus nach Hause und später noch, mitten in der Nacht wache ich auf, weil ich noch immer seinen Schumann höre, da erschrecke ich mich, dass ich fast nicht zu einem Konzert gegangen wäre, an dem der vielleicht beste Pianist der Welt, sich als Virtuose des Hörens zeigt.

Hier können Sie hören, wie man Rachmaninov auch spielen kann.

Wie immer gilt Karte und Programmheft sind selbst bezahlt und niemand hat mich zum Aufschreiben dieser, meiner Konzerteindrücke aufgefordert. 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

 

Der Weg ins Unterland sieht im Januar so aus. Würde ich einen dieser Film sehen in denen in irischen und walisischen Dörfern, Menschen am laufenden Band erstochen und im Moor vergraben werden, so würde ich wahrscheinlich schreiend die Straße hinunterrennen, da Filme mit Isabelle Huppert selten in kleinen Dörfern spielen und in den von mir so geschätzten Bollywood-Filmen der 60er Jahre immer jemand anfängt zu singen, schlurfe ich gähnend und oft summend vor mich hin.

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Waiting. #2v12 #12von12 #coffee #dublin

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Dann passieren für viele Stunden lauter Dinge, die ich nicht ins Internet schreiben kann, bis ich auf jemanden warte, mit dem es eine weitere Angelegenheit zu besprechen gibt, die Fräulein Bond nicht mitteilen kann. Der Jemand verspätet sich, ich trinke Milch mit Kaffee und höre zwei Freunden zu, die sich über New York unterhalten. Die Mieten. Die Kälte. The vibe. Dann kommt der Jemand doch.

Wieder vergeht Zeit, ich habe Hunger wie ein junger Wolf und esse den riesigen Teller  Salade  niçoise auf, hernach verwandle ich mich wieder in das altbekannte Shetlandpony. Sollte auch Sie hartnäckiger Hunger in Dublin überfallen, so lege ich Ihnen sehr, das “ Cocotte “ in der Alliance Francaise ans Herz. Die Salate sind die besten, die sie in Irland finden werden und so der Gastraum auch eher nüchtern ist, kann man dort sehr, sehr gut verschnaufen.

-Hier Einsetzen größerer Panik- erst drei Bilder. Himmel hilf.

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Foggy. #4v12 #12von12 #dublin #river #randomsnaps

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Dublin nebelt unterdessen so vor sich hin.

Ich schreibe Karte Nummer 301 an Deniz Yücel. 301 Karten, sagt mir eine Stimme ganz leise ins Ohr, das ist ja fast schon ein Jahr. Es gibt noch immer keine Anklageschrift.

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Die Letzte macht das Licht aus. #6v12 #12von12 #dublin #tgif

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Die Letzte macht das Licht aus, das bin dann wohl ich.

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Dinner. #7v12 #12von12 #ice #icebabyice #nice

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Abendbrot! Liebe Eltern, was Sie hier sehen, ist was passiert, wenn man Kinder von Schokolade freihält, denn trotz gelegentlicher Nussschokoladenexzesse in den Sommerferien bei meiner Großmutter, bin ich süßigkeitenfrei aufgewachsen und habe mich davon nie erholt.

Vor dem Konzert gilt es Pralinen zu erstehen. Dies ist eine altehrwürdige Tradition, denn damals als ich ein kleines Mädchen war und mit meiner Großmutter in die Philharmonie ging, da bestach sie mich mit Pralinen, damit ich auch wirklich mucksmäuschenstill wäre. Die Tradition führe ich natürlich fort und im Konzertsaal verfalle ich sofort in eine krokodilsartige Starre und mich haben schon Konzertbegeleiter angestoßen, um zu überprüfen , ob ich noch am Leben sei.

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My happy place. #9v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Auf ewig ist der Konzertsaal, der Ort den ich am liebsten mag. Mein Spa-Day und Detox von wirklich allem, überhaupt erlebt man im Konzert auch immer wieder völlig kuriose Dinge. Heuer saß nämlich ein Mann neben mir, der mitten im Konzert eine kleine hölzerne Kralle, die an einem Stiel befestigt war, hervorholte und sich damit kratzte. Fast lautlos, in geübten Bewegungen und ohne den Blick vom Orchester zu wenden, bediente sich der Mann seines hölzernen Helfers. Kurios.

Das Programm und ach, ich liebe die Symphonie fantastique auch nach all diesen Jahren, ich kann mich nicht satt hören an ihr und immer wieder falle ich auf ein Neues in sie hinein. Was für große und dabei leichte und schwermütige Musik zu gleich. Ma erzählt sich Berlioz sei damals in eine Schauspielerin-Harriet Smithson– aus Ennis verliebt gewesen, die Ophelia in Paris gab, allein es fehlte ihm an Mut sie auf ein Glas Champagner zu bitten.

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Who can spot the vet? #11v12 #12von12 #dublin #dublinbynight

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Der Tierarzt hat unterdessen und sozusagen in Sichtweite an einer Geburtstagsfeier teilgenommen und so wurde mir aus vertraulichen Quellen zugetragen, eine halbe Weißweinschorle getrunken. (Wein hat doch Schrillionen Kalorien? Nicht wahr?) Der Tierarzt jedenfalls musste im Auto so derart über den Mann mit seiner Holzkralle lachen, dass selbst das Meer anfing zu kichern, die Schafe grölten und St Sylvester heiser, hustend lachte.

Der Tag wurde mit einer letzten Tasse Tee und einem Buch beschlossen.

Gustav Mahler kehrt nicht mehr ins Neunzehnte Jahrhundert zurück.

Die Neun ist in der Musik nicht nur eine Zahl oder eine Signatur, sondern eine Zahl in der die Ahnung des Abschiedes liegt. Beethoven hinterließ einen gewaltigen Schatten mit seiner Neunten und Gustav Mahler war tot, bevor die Wiener Philharmoniker seine Neunte Symphonie 1912 unter Bruno Walter zum ersten Mal aufgeführt wurde. Auch Dirigenten wussten oder ahnten wohl, dass auf diese Neunte Symphonie häufig ein Abschied folgte. Karajan verstarb nach der Neunten, Claudio Abbado war beim Dirigieren derselben schon von schwerer Krankheit gezeichnet und Lorin Mazel weigerte sich die Symphonie zu dirigieren. Aber Bernhard Haitink der an diesem Abend die Philharmoniker dirigiert, tut es trotz der Neun und das ist ein Glück. Diese Neunte ist wohl die Symphonie mit der nicht nur das Leben Gutav Mahlers schon fast beschlossen ist, sondern auch jene mit der das Neunzehnte Jahrhundert und vielleicht auch die Symphonie als solche endet. Nach dem vierten Satz von Mahlers Neunter kann es nicht mehr so weitergehen, wie es weiterging. 1907 hatte Mahler sein Amt als Dirigent ( aber war Mahler denn je Dirigent im eigentlichen Sinne?) abgegeben und hatte einen Vetrag mit der Metropolitan Opera in New York abgeschlossen und immer ist mir als nähme jener Gustav Mahler mit dieser Symphonie Abschied vom alten Kaiser, dessen Leben unendlich schien, drüben in der Hofburg, Abschied vom alten Österreich, dem kaiserlichen und königlichen und mit dem Ende des alten Österreichs endete auch das alte Europa, deren verlorene Kinder wir wohl sind.

 
Geschrieben hat Mahler die Symphonie im Sommer 1909 hoch in den Bergen von Südtirol in Toblach und diese Symphonie beginnt nicht wie andere Symphonien, wie alle Symphonien beginnen mit einem Aufbruch, sondern schon hier im allerersten Motiv, nimmt Mahler Abschied. Harfe, Cello und dann ein krächzendes Horn. So beginnt es und es ist mir immer gewesen als hätte Mahler, der Sohne eines Likörfabrikanten, was er immer vornehm als Kaufmann umschrieb sich noch einmal die Schnürstiefel angezogen und ein letztes Mal durch die Berge gegangen, ein zielloser Wanderer, Steine klirren den Hang hinab, dort stehen die Gänse, eine Gänseliesel und die Gänse zischen, noch lebt der Almwirt, aber lange wird er nicht mehr leben, noch einmal sieht der Wanderer ein Gipfelkreuz und sieht hinab in den kalten Bach zwischen den Felsen, oben auf dem Gipfel aber liegt Schnee und er Wanderer geht abseits der Wege, legt die Hand vor die Augen dort blendet die Sonne, aber schon zieht der Regen über die Berge und der Wanderer Mahler läuft Schleifen verläuft sich und auch wir im Konzertsaal verschwinden zwischen der Oberstimme, die lockt und noch einmal vom Leben singt, doch unter ihr schimmert schon im Beginn das Ende auch unserer Tage.

Es sind aber der zweite und dritte Satz, die nicht aufhören wollen zu erschüttern. Denn hier erzählt Gustav Mahler, die dunkle Seite des Prosit und der Gemütlichkeit. Hier spielt Mahler auf zum Tanz. Walzertakte, die schöne blaue Donau, im Dreivierteltakt zwischen Wien und Czernowitz und noch einmal liebt Rosa den Franz und Rosa weiß nicht, dass der Franz mit der Moinna zwei Kinder hat und die Minna weiß nichts von Rosa und Rosa weiß nicht, dass sie schwanger ist und erfährt von der Minna als es zu spät ist und geht in die blaue, schöne Donau, denn es ist a Schand und man muss man die Familie denken und Gustav Mahler spielt auf zum Tanz fideralla und seine Musik erzählt die Geschichten von Arthur Schnitzler und Karl Kraus, damals im 1912er Jahr da mögen sie im Publikum gesessen haben, Freud und seine Patientinnen und Mahler lässt tanzen und aufstehen möchte man und die Musik anhalten, denn in diesen zwei Sätzen da tanzt sich das alte Österreich zu Tode, dreht sich und dreht sich und hält nicht mehr an. Vielleicht hat Schnitzler gelächelt an jenem Abend, verstanden mag Karl Kraus es haben, aber vielleicht war Karl Kraus bei Sidonie und schrieb Gedichte und Freud wippte mit dem Fuß und Mahler ließ sie tanzen bis die Füße bluteten und die Donau ist nicht mehr blau und die Musik tut einem so weh. Im Dritten Satz kommt der Krieg dazu, kommt der Krieg, der schon unter dem Walzer und den Liedern vom Tanzboden lag, da kommt der Krieg und über dem Krieg stirbt nicht nur der alte Kaiser, sondern der Franz und die Seinen werden verschossen und das alte Österreich ist verschwunden. Das erzählt dieser Satz und noch heute bricht die Musik durch die Rippen und ist es nicht seltsam und merkwürdig zugleich, dass während ich in der Philharmonie in Berlin sitze, die Musik zwischen den Rippen, Seitenstechenmusik, die Musik des Krieges, nein kein grüner Jäger im Rock, sondern der Schützengraben, da tagt die AfD und schwärmt über den Krieg als sei es noch immer nicht genug. Aber sie können wohl besser schreien als hören. Alles, aber dann doch nicht alles hat sich geändert seit dem Gustav Mahler kein Wiener mehr ist, seine Zeit in der Hofoper ging mit einer antisemitischen Schmähkampagne und dem Vorwurf zur sexualpathologischen Tendenz einher, denn obwohl so sagt man in jedem Bordell ein Bild des Kaiser hing, war die Salomé zu viel für das Publikum.

Leonard Bernstein , der die Neunte Symphonie radikaler intepretierte als alle anderen, so sagt man, musste nach dem dritten Satz ein Glas Whiskey trinken und man versteht warum.

Der vierte Satz ist kein Schlussakkord, hat keine abschließende Sequenz, macht kein Angebot zur Versöhnung, sondern die Töne werden leiser, immer leise und geben schließlich auf, ein Cello bliebt noch, noch einmal die Geigen, hier die Klarinette und am Ende noch einmal verzagt schon eine Trompete, hier ist Mahler schon kaum mehr im Raum, dreh dich nicht um, sagt Mahler sich wohl und allein die Traurigkeit, die große Leere, die niemals wohl wieder ganz gehen wird, die bleibt zurück, die verschwindet nicht, die erzählt schon von dem was Karl Kraus schrieb: nach den letzten Tagen kommen die allerletzten und auch diese hätten schon begonnen und sein Text heißt die „Welt nach dem Krieg“ und er beschreibt dort wie Kinder Katzen fingen, sie zurichteten und mit Hilfe der Erwachsenen in einen Aschewagen gesperrt und zur Vergasung gefahren worden. Hätte der vierte Satz von Mahlers Neunter Symphonie wohl ein Libretto, dann scheint mir wäre es dieser Text. Es gibt keine Symphonie mehr nach dieser, mit der Gustav Mahler, Abschied nahm von der Welt, wie es sie nicht mehr gibt.

Berliner Philharmoniker, Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9 in D-Dur unter der Leitung von Bernhard Haitink, 03.12. 2017

 

 

Im Konzert

Klassische Konzerte sind das Vorhersehbarste der Welt. Klassische Konzerte laufen immer gleich ab. Ein Orchester zieht sich schwarze Röcke, Kleider und Anzüge an. Der Dirigent trägt einen Frack. Die erste Geige wird vom Dirigenten begrüßt, der Dirigent steht an einem Pult und oft, aber nicht immer hat er einen Taktstock in der Hand. Auf den Pulten liegen Notenblätter, im Foyer ertönt ein Gong. Klassische Konzertbesucher tragen zwar nicht mehr schwarz, aber oft Perlenketten und einen Rock. Man kennt sich, man weiß, dass Frau B. aus Reihe H bei ihrer Schwester in Tipperary ist und der Herr G. aus Block A diese Woche eine Oper in London hört. Konzertbesucher nicken sich freundlich zu und sagen so Sachen wie: „Also der Beethoven…“, Nein, was für eine Rachmaninov-Interpretation“ und das letzte Mal habe ich die Dritte im Januar gehört.“ Wird jemand von bösem Husten geschüttelt, reicht man Bonbons, und überhaupt wäre der Weltfrieden nah, wäre die Welt ein Konzert, denn selbst das scheußliche Kleid der ersten Geige wird mit zarter Freundlichkeit übersehen und lieber blättert man leise im Programmheft als frevelhafte Kommentare abzugeben. Niemand würde im Konzert auf die Idee kommen aufzustehen und zu rufen: What about da beat m*therf*cker und als in Schwarzenberg /Österreich tatsächlich ein Mann Ian Bostridge, den vielleicht größten lebenden Schubert Interpreten anpöbelte und schnauzte: „Deutsch lernen„, da war das ein Skandal, für den Mick Jagger achtzig Hotelzimmer zerlegen musste und ich bin nicht sicher ob wir uns von der Stille wirklich erholen, die da einbrach.

Aber das ist ein anderes Thema, denn klassische Konzerte sind noch immer so wunderbar vorsehbar, sind ein eigenes Uhrwerk und keine Uhr mag ich lieber, als das sanfte Gleiten in einen Konzertabend hinein, in dem wohligen Gefühl, sich um nichts anderes Kümmern zu müssen als um die Musik und so sitze ich auch am gestrigen Abend auf meinem angestammten Platz, konversiere mit meinem Nachbarn über Wittgenstein und die Musik- Konzertgespräche sind die schönsten Gespräche- blättere im Programmheft, schalte das Telefon aus und bedauere den Tierarzt von Herzen, der in einem abgedunkelten Raum sitzt und einen Film namens Thor sieht. Ich glaube es geht darum, dass ein Mann der nicht Thor ist, einen Hammer übergezogen bekommt.

Schon gongt es ein letztes Mal und das Konzert beginnt mit Manuel de Fallas: Nights in the Gardens of Spain und ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in Granada das Wohnhaus de Fallas besichtigt habe, niemand sonst war in dem kleinen Museum, nur ein einsamer Wärter, der mich auf de Fallas Klavier spielen ließ und die Augen schloss, so lange ich spielte, den Deckel aber klappte er selbst herunter, denn er war der Wächter und Wärter des Hauses und ich stand lange am Fenster denn de Falla blickte aus seinem Haus auf die Alhambra und den Garten hinaus. Der Wächter und ich schwiegen. Aber gestern Abend, so ist das manchmal, da fand ich nur schwer hinein in das Stück, suchte mich vielleicht zu sehr zu erinnern an die Alhambra und das stille Haus, ich fand das Orchester zu laut und das Klavier zu schrill, aber mehr war es auch nicht und vielleicht war auch ich nur zu unkonzentriert, zu müde von zu langen Tagen.
Behalten habe ich fast nichts von dem Stück und das grämt mich, aber es ist nicht zu ändern.

Aber dann kommt Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand in D-Dur und der Pianist Jorge Federico Osorio spielt dieses Stück mit ungeheurer Leichtlebigkeit, mit einer Eleganz, die Ravel erstaunt hätte und anders als noch bei de Falla hören das Klavier und das Orchester einander staunend zu und zum Staunen ist dieses Klavierkonzert wirklich, denn Ravel schrieb es doch für Paul Wittgenstein, dem man den Arm abgeschossen hatte, im ersten großen Krieg. Wissen das diejenigen, die immer schreien: Männer sollen im Krieg kämpfen? Das ist der Krieg und der Pianist Paul Wittegenstein, hatte keine rechte Hand mehr, aber er war doch Pianist und Jorge Federico Osorio lässt uns ahnen, wie der Verlust klingen kann, denn das Konzert ist ein einziger großer Phantomschmerz. Wer weiß schon ob Paul Wittgenstein jemals wieder aufhörte von diesem verlorenen Arm zu träumen, aber wir träumen mit und als der Pianist endet, da erhebt sich tosender Applaus und wir alle stehen auf und verneigen uns vor dem Pianisten. Dann aber beginnt das Ungewöhnliche dieses Abends, denn nromalerweise nehmen Pianisten oder Solo-Violinen den Applaus entegegen und manchmal gibt es eine Zugabe dazu, aber niemals würde ein Konzertpublikum einen Künstler zur Zugabe zwingen und noch viel, viel seltener dreht der Pianist sich zum Publikum um und agt: Ich möchte eine Zugabe spielen.” Wir sind natürlich hellauf begeistert und der Pianist sieht uns an und hebt seine Hände, die strapazierte Linke und die verschwundene Rechte, sie erinnern sich Paul Wittgenstein- und die linek Hand zittert und für einen Moment erzählt die Hand des Pianisten die Geschichten aller Kriege. Dann spielt er Debussy’s Cathedrale d’egloutine und spielt es zum Weinen schön mit beiden Händen.

Nach der Pause alle sitzen schon wieder, da gibt es Carl Nielsens Fünfte Symphonie, auch ein Stück aus dem ersten, großen Krieg unangenehm hellsichtig und klar. Ich mag Nielsen und ich mag seine Orchester-Besetzungen, die oft ungewöhnlich, aber immer präzise sind. Sechs Kontrabässe zähle ich und so viele Blechinstrumente, dass selbst Richard Wagner blass um die Nasenspitze würde.
Nielsen war ein spöttischer Verweigerer aller Erklärereien und so hat man in der Symphonie Sisyphos gehört oder auch nicht. Aber ich höre den Krieg und auch Carl Nielsen muss den Krieg gehört haben, denn er ist in einer Militärkappelle zum Musiker geworden. Aber das allein ist es nicht, sondern es ist eine Musik, die nicht zurückweicht vor dem Krieg und wir tun es auch nicht, denn wir sitzen ja im Konzert und manchmal muss ich die Augen schließen. Musik hat immer etwas Unhaushaltbares an sich. Dann endet das Konzert und weil es ein klassiches Konzert ist fliegen keine Bierflaschen auf die Bühne sondern man klatscht und überlegt wo man die Garderobennummer eigentlich hingetan hat und dann passiert etwas, was in klassichen Konzerten nicht passiert. Der Dirigient räuspert ( niemals räuspert sich ein Dirigient und spricht ) sich und sagt:

Guten Abend. Können Sie mich hören? Wir finden dies sei der Fall.
Man hat mir zugeragen der dänische Botschafter sei hier. ( Wir klatschen.)
Man hat mir zugetragen der Botschafter meines Landes Mexiko sei hier. ( Wir klatschen.)

Der Dirigient sagt: Wir haben heute Abend Musik aus Spanien, Frankreich und Dänemark gehört, aber Mexico haben wir ausgelassen. Nein, sagt der Dirigent, es ist kein einfaches Jahr gewesen für Mexico und dann spielt er mit dem Orchester ein José Pablo Moncayos Huapango. Wir alle haben die Garderobennummer vergessen und vergessen ahben wir auch, dass wir in Dublin sitzen, einer Stadt, die ziemlich weit weg ist von Mexico, wir haben auch vergesen, dass wir uns für Mexico nicht sonderlich interessieren, Drogentote und Naturkatastrophen und dann die Mauer, aber mehr auch nicht, und wirklich niemand außer Carlos Miguel Prieto, dem Dirigenten ist einegfallen, dass zu tun, was getan werden muss und er macht es, einfach so in einem klasssichen Konzert, in dem das Programm nicht einfach geändert wird, er schimpft nicht auf Trump, ist nicht bitter über unser Desinteresse ( vielleicht doch? ), sondern er erinnert uns daran, dass wir alle Mexico sind, das wir vor einem Jahr alle Mexico geworden sind, ob wir nun wollen oder nicht und dieser Dirgent macht die Fenster und Türen auf, lässt die Musik zu uns herein, macht das was wir alle hätten machen müssen, bevor es zu spät war, erinnert uns daran, dass die Stille hinter den Mauern immer lauter ist als der größte Schreihhals und wir, wir alle sind Mexico. Es braucht manchmal einen Dirigenten wie Carlos Miguel Prieto der uns daran erinnert, dass man im Konzert viel lernen kann, nur nichts über Musik und vielleicht deswegen und nur deswegen sind klassische Konzerte so unvorhersehbar, so aufregend und so großartig wunderbar wie wenig sonst. Wenn Sie nur zehn Minuten Zeit haben, zehn Minuten in denen auch Sie Mexico werden, dann hören Sie doch bitte ab 2:00 ( also Stunde, nicht Minute, es ist außergewöhnlich und außergewöhnlich berührend ), wenn Sie Zeit haben, dann lege ich Ihnen das ganze Konzert, was es hier für dreißig Tage gibt sehr an Ihr Herz.

Und wenn Sie einmal nach Granada kommen, dann besuchen sie doch Manuel de Falla und sehen hinüber in den Garten, den er allein zu Musik zu machen wusste.

In den Händen nicht nur Musik

Damals als ich mit meiner Großmutter zusammen lebte, da gehörten die Freitagabende der Musik. Am Freitagabend fuhren wir in die Philharmonie. Ich mit schlechtem Gewissen, weil doch der Shabbat begann, meine Großmutter mit spöttischem Lächeln: „Du musst immer daran denken, dass G*tt jetzt gerade sowohl Glenn Gould als auch Arthur Rubinstein zu sich zitieren kann.“ Ich liebte sie mehr und ich liebte die Musik und lief ihr hinterher. Dann kamen andere Jahre und meine Freitagabende gehörten anderen Verpflichtungen als zwei Stunden im Konzerthaus zu sitzen und noch immer sind die Verpflichtungen oft an Freitagabende gebunden, aber immer wieder habe ich doch einen Freitagabend vor mir liegen, der mir ganz allein gehört, denn seit meine Großmutter nicht mehr lebt, gehe ich am Liebsten allein ins Konzert und so lief ich auch gestern Abend durch den Regen in die National Concert Hall. Immer laufe ich ein bisschen freier, immer liegt auf dem Weg noch ihre Hand in meiner und vielleicht hört sie mich doch, summe ich die ersten Takte vor mich. Ich vergesse fast alles, nur die Musik, die ist immer bei mir geblieben und wenig Dinge vermisse ich so schmerzhaft in Irland wie mein Klavier.

1874, das Jahr ging schon zu Ende, da schrieb Tchaikovsky sein Klavier Konzert No.1 in B-moll und neigte es seinem Freund und Mentor Nikolai Rubinstein zu. Der fand es schrecklich, schüttelte sich und schüttelte wohl darauf hin auch seinen Freund Tchaikovsky. Rubinstein schrie Tchaikovsky nieder vulgär, stümperhaft, tapsig und eine Qual für die Ohren. Tchaikovsky allein ging zu der Weihnachtsfeier, die er mit Rubinstein gemeinsam besuchen wollte. Rubinstein schäumte allein weiter und Tchaikovsky stellte sich stur und seiner fernen Liebe Nadzheda von Meck schrieb er, dass er keine Note ändern würde, soll der Rubinstein doch nur schreien. Er, Tchaikovsky sei doch kein prinzipienloser Lump. Aber vielleicht ahnte Rubinstein doch, dass dieses Konzert oft, viel zu oft und viel zu oft sehr schlecht gespielt werden würde, als das es sich verwerfen ließe und niemand anders als er selbst würde es wieder und wieder spielen. Es war ein Konzert, dass um die ganze Welt lief, ein Konzert, das selbst diejenigen kennen, die maulen: klassische Musik ist ja voll blöd, ey, ich hör nur Kollegah oder so. Sie wissen es nur nicht und sie wissen auch nicht, dass selbst Kollegah oder so bei diesem Stück weinen wie die jungen Welpen. Es ist ein Konzert, das alles falsch macht, Motive verschwinden, Akkorde wiedersprechen sich, Tchaikovsky fügt ein Lied ein, was seine französische Geliebte trällerte, und das war was von ihr blieb, es ist ein Konzert, das sich nicht schert um Konventionen und Komponistenwürde und man verliebt sich sofort und unwiederbringlich. Und alle, alle Pianisten haben es gespielt. Gestern Abend setzt sich Boris Giltburg ans Klavier. Aber das ist schon falsch, denn das Klavier ist an diesem Abend kein Steinway Flügel, kein Instrument mit schwarzen und weißen Tasten und Pedalen, sondern es lebt wirklich, lebt für die ganze halbe Stunde des Klavierkonzerts von Tchaikovsky. Längst sind ja auch schon Konzerte professionalisiert und oftmals nur dazu da, dass technische Performance zur Schau zu stellen, um nicht zu sagen Fingerfertigkeit, aber an diesem Abend ist alles anders, denn da versinkt jemand im Klavier und nimmt uns mit, so tief hinein in die Musik, wie man sie nur selten findet. Da am Flügel sitzt ein Pianist, der sich nicht scheut uns mit hinein zuziehen, in dieses Stück, der Pianist dort am Flügel, der spielt kein Konzert, der macht Musik, der spricht mit Tchaikovsky, der lächelt mit der Geliebten, die jener im Konzert versteckte, der lächelt leise über das Unaufgelöste und zeigt uns warum im Widerspruch allein das Ganze liegt, und es ist als stünde Tchaikovsky in der Tür, rauchte eine Zigarette und nickte: so, Rubinstein, so kann es klingen, wenn man nur will. Es ist ein Pianist, dort am Klavier, der einer Katze gleich, die Töne hält, sie laufen lässt, der mit der Musik so vorsichtig, so acht, so einverstanden umgeht, der dem Flügel Aufmunterung zuflüstert, denn leicht, nein leicht ist es nicht, nein das ist kein Konzert zum Ausruhen, das ist ein wildes und freies Stück, ungezähmt und schnellen Fußes drängt es vorwärts und der Mann am Klavier, der Mann, der fast im Flügel verschwindet, der uns in der Annahme lässt, die Tasten bedürften der menschlichen Hand im Grunde gar nicht, und trügen die Musik alleine fort, aber es sind seine Hände und seine Hände sind Musik.

Man kann vieles beim Klavier spielen lernen, ein Irrtum ist man lernte Noten und spielte dann eben Musik, aber hier am Abend im Konzert, da kann man lernen, da sehen wir, in den Händen des Pianisten am Klavier was Annäherung, was Zuwendung, was Hingabe, was Verführung, was Zuhören, was Achtgeben, was Loslassen ist, und wie zerbrechlich wie schön Nähe ist, die immer auch in der Zurücknahme des Eigenen liegt, denn dieser Mann dort am Flügel, der malträtiert das Klavier nicht, der fährt dem Orchester nicht über dem Rücken, er bliebt in der Musik und sucht nach der richtigen Sprache und es ist die Sprache einer großen Liebe. Wir hören Musik und wir sehen, wer wir sein könnten, legten wir so viel Überlegung in unsere Hände wir der Mann am Flügel es tut.

Sehr selten wünschte ich mir, ich hätte unendlich viel Geld, aber gestern wünschte ich es mir wirklich sehr, denn dann würde ich Flugzeuge mieten, die jungen Männer aus der Aufklärungssprechstunde, die nicht wissen wie und all die Männer ob sie nun Weinstein heißen oder nicht, oder ganz anders, die im Vorbeigehen in Blumentöpfe ejakulieren und zudrücken, unter dem Tischtuch und anderswo und die überhaupt ihre Hände nur demonstrativ gebrauchen, hier kann man sehen, man braucht gar keine großen Worte machen, wie es sein kann, legt man nur Achtung in seine Hände, wie man sich rückversichert mit einem Partner, der so wird irrtümlich angenommen doch nur aus Holz und schwarzen und weißen Tasten besteht, hier bei Boris Giltburg kann mit den Händen zuhören lernen, hier mag man sich fragen ob es nicht gelte unseren Händen zu mehr Achtung zu verhelfen. Dann muss man die Augen schließen für einen Moment, denn dieser Mann am Klavier spielt überwältigend und es ist eine Überwältigung, in der die Freiheit liegt, nicht die Angst vor dem Ersticken. In nur sehr wenigen Konzerten habe ich den Dirigenten mit geschlossenen Augen neben dem Pult stehen sehen. Dieses Konzert gehörte dazu. Es wurde an diesem Abend auch noch Bach und Brahms gespielt, aber an diesem Abend hat Boris Giltburg, Tchaikovskys Klavier Konzert Nummer 1, in B-Moll gespielt und uns mehr als Musik in die Hände gelegt.

Ich weiß es sind Dreißig Minuten und niemand hat heute mehr Zeit, aber es sind auch dreißig Minuten, die man nicht vergisst. Das Klavierkonzert beginnt ab Minute 18:40.

Hören und Sehen.

Am Abend ins Konzert. Der Tierarzt geht mit einer Freundin ins Kino und ich laufe durch den eisigen Wind, fast einmal um St. Stephen’s Green herum zum Konzerthaus. Vorbei an stattlichen Häusern, Backstein von außen, doch von innen noch immer imperiale Pracht. Der Union Jack natürlich längst ausgetauscht gegen die irische Fahne, doch die schweren Lüster und goldenen Rahmen sind noch immer sichtbares Zeichen viktorianischer Jahre. Die Speisekarten, ich bin mir sicher, sind noch immer näher am Jahr 1850 als am Jahr 2017 gelegen. Wachteleier vielleicht oder ein ganzer Kapaun oder Rehrücken mit gedünsteten Pflaumen. Die Damen im Abendkleid und die Männer im Frack, selbst im Vorübergehen, Gelächter, Zigarrenrauch und das Klirren feiner, alter Gläser. Immer auf dem Weg ins Konzert erinnere ich mich, was ich sonst und vor allem auf dem Dorf vergesse: Dublin ist vielerorts eine reiche Stadt, wohlhabend und schwer in den Hüften, etwas matronenhaft zwar aber immerhin mit Austernbesteck aus elegant graviertem Silber. Dann aber biege ich um die Ecke und bin im Konzerthaus angelangt. Später hätte ich nicht kommen dürfen, schon gongt es und als ich auf meinen Platz eile, kommen schon die Geigen auf die Bühne, rascheln mit Notenpapier, der Cellist lacht munter und bevor der Dirigent die Bühne betritt, senkt sich diese einzigartige Konzerthausstille über den Saal. Immer bedauere ich, in diesem Moment keine Nadel zu haben, die bestimmt noch in der letzten Reihe zu hören wäre. Der Abend aber beginnt mit Gerald Barrys Vertonung eines Dostoyevsky Romans:„Humiliated and Insulted“ ( Das Stück beginnt ab Minute 7:10 und ich lege Ihnen die folgenden 18 Minuten, sehr ans Herz. )

Scharf und schnell fährt einem das Stück unter die Rippen und während der Chor in sich wiederholenden Schleifen, echogleich „Humiliating and Insulted“ wiederholt, denke ich an das Obdachlosenpaar zurück, an dem ich vorbeilief auf dem Weg zum Konzert. Sie hatten vom Blumenhändler riesige und längliche Pappkartons erhalten, die wohl ursprünglich zum Transport von Amaryllis gedacht nun zu ihren Betten wurden. Gerade als ich vorbei kam, rollten sie sich in den Kartons zusammen. Ein Pappsarg, aber keine Mumien mit Öl gesalbt, sondern lebendige Menschen mitten auf der belebten Straße. Dieses Stück aber von Gerald Barry aber ist nicht für den Konzertsaal gemacht, sondern ein Stück für die Straße. Einen Musikkantenzug wie anno dazumals, als man sich das Cello um den Bauch schlang und durch die Straßen zog, dafür ist dieses Stück wie gemacht. Ein langer, musikalischer Trauerzug, begleitet von einem Chor, der zum Dáil zieht, singend und klagend: „Humilitated and Insulted“ nicht nachlassend, in endlos anschwellenden Gesängen bis nicht einmal die hartnäckigsten Daíl Abgeordneten sich dem Gesang verweigern könnten und endlich einmal dem gewahr werden müssten, dass Menschen die in Pappkartonsärgen im Februarwind liegen erniedrigt und verletzt werden.

Ausatmen und aufatmen nach diesem Stück, aber nur kurz, denn es folgen schon Mahlers Rückert Lieder. Ausgerechnet als das Kunstlied schon längst milde geworden und nach höherer Töchter klang und gelangweilten Herren, die genug hatten vom ewigen Lindenbaum, da kommt Gustav Mahler und nimmt diese entrückten Rückert-Texte in die Hand, gerade als das 20. Jahrhundert begann als doch Schönberg schon Zemlinksy entdeckte und wohl schon von den Gurre-Liedern träumte, da kommt Gustav Mahler und vertont diese Lieder und an einem frostigen Februarabend, zieht er einen unter die Linde. Ausgerechnet zurück unter die Linde und ich sitze dort und schon singt Dietrich Henschel, singt so unaushaltbar schmerzhaft schön und man muss den Blick abwenden und obwohl man alles, alles hören will und hören muss, will man sich die Ohren zu halten, denn diese Lieder, diese Musik, diese fünf Lieder brechen einen sofort und vollständig entzwei. Eine Hand voll Glasscherben hält man in der Hand. Fünf Lieder bloß.

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Konzertpausentraditionspflege

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es folgen Strauss‘Metamorphosen, die ich fast nie höre, weinerlich und selbstgefällig sind sie mir und donnernd Bruckners Te Deum , ein Stück für Menschen, die gern kalt duschen und unter dem harten Wasserstrahl noch vergnügt pfeifen.

Das ganze und sehr lohnende Konzert zum Nachhören gibt es hier.

Dann anders als in Berlin, nicht Gerangel nach Mänteln und Taschen sondern gepflegtes Schlange stehen. Vor dem Konzerthaus sitzen drei obdachlose Frauen, und ich sehe wieder das Orchester als singenden Trauerzug vor mir. Aus Hilflosigkeit dreimal Münzen in drei Becher. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Tierarzt mit Auto. Der Tierarzt zeigt auf das Radio, das Konzert wurde übertragen und nickt, Bruckner sagt er und lächelt, ich habe ganz genau hingehört, aber dein Atem war nicht zu hören. Nächstes Mal verspreche ich, huste ich ganz leise und nur für deine Ohren. Der Tierarzt nickt und wir fahren in Schlangenlinien durch die Stadt, lauter betrunkene Mädchen und Buben taumeln vor uns über die Straßen. Auf der Autobahn endlich erzählt mir der Tierarzt vom Film. Eine Frau erschießt sich vor laufender Kamera, sagt er, aber eigentlich erzählt er vom Unbehagen des Voyeurs auch im Film. Die Dorfstraße still und wir gehen fast auf Zehenspitzen. Ich lege die Platte mit den Rückert-Liedern für den Tierarzt auf, da ist es schon weit nach Mitternacht. Der Tierarzt küsst die Glasscherben von meinen Händen.

Am nächsten Morgen durch das nebelgrau hinunter ans Meer zum Schwimmen. Der Tierarzt hält Handtuch und Bademantel und ich laufe in die grauen Wellen, und schon verschluckt das kalte Meer auch mich, legt sich als ein schwerer Mantel aus Blei um meine Schultern. Mit klappernden Zähnen und brennenden Beinen aus dem Wasser und in das Handtuch gewickelt, und dann in den Bademantel und die Wollsocken, immerhin ist die Kälte eine gute Ausrede dem Tierarzt so nah es nur geht unter die Haut und in die Rippen zu kriechen. Da muss man nicht lange suchen, selbst unter dem dicken Wollpullover nicht. Zurück ins Dorf. Auf den Fensterbänken liegen die alten Frauen auf einem dicken Federkissen und wissen auch nicht mehr so Recht weiter mit jemanden mit mir, der im Februar ins Wasser geht und die Hand in der Hosentasche des Tierarztes vergraben hält. Das Dorf ist wachsam und wenn es auch nur wenig mehr als eine Handvoll Einwohner hat, so hat es tausend Augen und viele, gut gefüllte Federkissen. Die Frau des Krämers schimpft: „Sie werden sich den Tod holen Fräulein Read On.“ Ich schüttle den Kopf: „Nein, Frau des Krämers, der Tod findet einen ohne Hilfe.“ Die Frau des Krämers ermahnt den Tierarzt mich doch zu Vernunft zu bringen. Wir gehen zurück ins Oberland und nicken den vielen Augen auf den Fensterbrettern zu. „Als ich ein Kind war, glaubte ich das Mittelalterbilderbuch müsste sich irren, eine Brustwehr, da war ich ganz sicher, war keine Festungsanlage, sondern die Donnerbusen auf den Fensterbrettern, hinter den Geranien, unbeweglich wie Beton und unerbittlich auf der Lauer, im perfekten 90 Grad Winkel in die Fensterbretter eingepasst. Der Tierarzt geht vor Lachen in die Knie. Das ganze Dorf lauscht und wir verstecken uns hinter der Tür.
Erst nach einer ganzen Weile Porridge mit sehr viel Himbeermarmelade, Zeitung und Licht, obwohl kaum da, schiebt sich für einen Moment nur durch Fenster und Tür, trifft nicht das Auge, hält kaum für einen Wimpernschlag, sondern sinkt schon wieder zurück in ein milchiges und müdes Grau.

As an exception in German- Martha

Vierzehn Jahre alt war ich und es ist als sei es gestern gewesen. Es waren die billigsten Karten. Stehplätze. Ich stand mit dem Rücken zur Wand und eigentlich sah ich sie nicht. Das Erste was ich von ihr sah war ihre Hand, die über ihren Kopf hinaus zeigte bevor sie vorsichtig und fest zugleich zurück auf den Flügel fand. Beethoven’s Drittes Klavierkonzert. Sofort gehört, vor ihr und selbst so stümperhaft gespielt. Dann kam ihre Hand und alles wurde anders. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand ich damals, und ich weiß es noch als sei es gestern gewesen, höre noch immer die Harmlosigkeit des Orchesters, der alte, wohlbekannte Klang, Beethoven, meine erste musikalische Heimat. Nicht Bach, nein Beethoven war es, der für mich Musik wurde. Dann ihre Hand und schon nach den ersten verhaltenen Minuten des Stücks, war alles ganz anders, im Lauf ihrer Hand.  Bald schon musste ich die Augen schließen, und presste den Rücken fest an die Wand. anders war dieser Klang, waren diese Hände auf dem Klavier nicht auszuhalten. Die Schärfe die in der Luft lag, die nichts Harmloses hatte, sondern eine glänzende Kühle, wie die Spitze eines scharfen Messers, in uns fuhr. Uns hinein in die Knochen und weit, weit hinein unter die Haut, bis sie sich auflöste in alle Töne, bis über den Klang hinaus. Das dachte ich damals und denke es heute wieder, wo ich nicht an der Wand stehe, sondern sitze, das ist doch keine Musik, das ist doch kein Klavierkonzert, das sind doch keine Töne, das ist doch kein in Musik verwandeltes Notenpapier, dieses unter-die Haut-fahren und aus dem Sog gibt es kein Herausfinden mehr . Schumann spielen ihre Hände und wieder, werden mir die Knie so weich und ich muss die Augen schließen, vor diesen Händen auf diesem Klavier. Das ist doch keine Musik dachte ich damals und wieder müssen sich meine Hände an den Knien festhalten, so bricht erst ,mit Schumann und dann mit Debussy der Boden unter dieser Musik, unter diesen Händen hinweg. Schumann, der doch der ewige Träumer war, ist hier geradeheraus, und keineswegs harmlos, kein Filou, im Vorübergehen, sondern ein Geliebter der alles, alles will und es in ihren Händen findet.Und auch Debussy, ist kein leichter Faun, sondern unter ihren Händen erzittert seine Welt, und wieder muss man die Augen schließen vor dieser Intensität. Dass das Musik darf, dass das Musik sein soll, dass das Musik ist, konnte ich damals gegen die Wand gelehnt nicht fassen und bis heute ist diese Erschütterung, die in ihren Händen liegt in mir geblieben. Keiner, der vielen Pianisten, die ich hörte zwischen der Wand und dem gestrigen Abend, mögen sie so brilliant wie technisch versiert sein, haben mich so ergriffen, so erschüttert, so erregt wie sie und ihre Hände. Seit damals, immer wieder und es ist die Schonungslosigkeit ihrer Hände, der ich seit jenem ersten Mal nicht mehr entkommen bin. Das muss Musik sein, dachte ich damals und zum Glück lehnte ich gegen die Wand, bevor ihre Hand erneut die Töne anschlug.

Martha Argerich, 26. März 2016, Berliner Philharmonie