Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

Wo es begann-Karl Kraus in Jičín

Eigentlich benötigt man für die Strecke zwischen Olomouc und Jičín, nicht länger als 2,5 Stunden. Aber das Fräulein Read On verbringt sehr viel Zeit im Diözesanmuseum- allein der Name- und staunt über die barocken Schätze die hier noch einmal die katholische Geschichte Mähren’s erzählen. Dann sitze ich noch für eine ganze Weile auf einer Bank in der Sonne, denn in den ganzen zehn Tagen, die ich in Tschechien verbringe ist es heiß, es ist eine schwüle Hitze und ein feuchter Wind, der von anderswo kommt, aber nicht aus dem Osten. Fast bin ich versucht zu sagen, es sei der Scirocco selbst, aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt möglich ist. Aber ich schwimme in der Hitze und halte mein Gesicht in den feuchten Wind bevor ich losfahre. Auf Tschechiens Straßen man kann es nicht anders sagen, wird allenthalben gebaut, das führt zu interessanten Erkenntnissen. Niemand im tschechischem Bauministerium scheut sich davor den Gegenverkehr der gesperrten Straße in den fahrenden Tramverkehr zu legen, hier hat man noch Mut zum Risiko. Allerdings gerät man so zwangsläufig in einen Stau. Aber auch ein Stau bietet vielseitige Erkenntnis. Immer wieder bestaune ich den festen Glauben derjenigen, die meinen durch schreien oder hupen, den Lauf der Dinge verändern zu können. Sind sie nicht die wahren Optimisten, die sich nicht einmal durch offensichtliche Unmöglichkeit von ihrem Glauben an Wandel durch Willenskraft abbringen lassen? Mir ist solche Natur nicht gegeben und so stelle ich den Motor ab und kaufe eine halbe Wassermelone, bei einer jungen Frau am Straßenrand. Beim sprachlichen Abgleich zeigt sich, sie spricht Französisch und noch ehe ich dumm fragen kann, stellt sich heraus, dass die Sinti-Frau den größten Teil ihres Lebens in der Nähe von Lyon verbracht hat. „Dann kam die Polizei“, sagt sie lakonisch, viel zu lakonisch, aus guter und oh-so fürchterlicher- Gewohnheit wohl und seitdem seien sie in Tschechien. Ich nicke. Sie aber helfe nur heute aus, eigentlich würde nur noch ihre Mutter, Obst verkaufen. Inzwischen sitze ich neben ihr am Straßenrand, der Stau wird länger, das Hupen lauter und wir schwatzen recht vergnügt vor uns hin. Ich begeistert, dass sie mir mein zungenschweres Südfranzösisch nicht übel nimmt und sie so strahlend-hell, so fest auf dem Boden stehend, das man sich augenblicklich verliebt. Schließlich sieht sie mich zögernd an. „Ob sie mich etwas fragen, könne?“ Sicher“, sage ich und sehe sie an. Sie wird rot und ich überlege, wann ich zum letzten Mal jemanden habe erröten sehen. „Ihr Freund“, sagt sie lebe in Jičín, ob ich sie wohl ein Stück mitnehmen könne?“. Na klar, sage ich und wir verstauen die letzte Melone im Kofferraum. Eine halbe Stunde später fahren wir weiter. Die junge Frau bekreuzigt sich an jeder Marienstatue und ich muss leise lächeln. „Das ist albern, ich weiß sagt sie, aber ich kann es mir einfach nicht abgewöhnen.“Nein, sage ich, es ist nicht albern, ich habe nur schon lange nicht mehr diese Frömmigkeit gesehen.“ Pieté denke ich und frage mich wann ich das Wort zum letzten Mal im Mund hatte. Es ist lange her.Wann immer wir, an einer Polizeistation vorbeifahren oder ein Polizeiauto unseren Weg kreuzt, drückt sie sich so beiläufig wie sie das Kreuz schlägt ,tiefer in den Sitz. Ich wünschte, ich hätte ihr etwas zu sagen, aber alles klingt doch schal, angesichts meiner Sicherheit und ihrer Realität. Aber immer noch lächelt sie mich an und ich lächle zurück. „Warum fährst du nach Jičín?“fragt sie mich.

Ich erzähle ihr nicht von jenem Wohnzimmer in Jerusalem, in dem ich vor vielen Jahren jenes Gedicht entdeckte, dass in einen Bilderrahmen gesteckt war und mit dem meine Liebe zu Karl Kraus begann. Das Wohnzimmer gehörte einem Mann, den alle den „Ausgestoßenen“ nannten. Ausgestoßen war er wirklich, ausgestossen von allen, verachtet von jedem, eine Schande für jeden fühlenden Juden, sagten die Leute im Wohnhaus, die ihn nie grüßten, denn bevor er und seine Familie ins Lager kamen, hatte er im 1933iger Jahr, die NSDAP gewählt. Nur meine Großmutter unterhielt eine lebenslange Brieffreundschaft zu ihm, denn wenn auch ihr Vater nie die NSDAP gewählt hatte, so teilte sie mit ihm, die unerschütterliche Liebe, die die deutschen Juden für Deutschland hegten. Niemals hatte ihre Familie ganz ähnlich der Seinen, das was kam für möglich gehalten. Einmal, da lebte der Ausgestossene und von allen verachtete noch, und ich 18 Jahre alt und wütend, fragte ich ihn: „Warum?“ Ich wünschte ich hätte es nicht getan.

Aber bei ihm fand ich jenes Gedicht, das mich seitdem nie wieder losließ und weiter und weiter hineinzog in den Kosmos Karl Kraus.  Vor zwei Jahren bin ich auf Schloss Janowitz gewesen, dem Schloss seiner großen Liebe Sidonie. Aber angefangen hat es eben Jičín. Im Auto also, übersetze ich das Gedicht für die junge Frau neben mir:

Nun weiß ich doch, ’s ist Frühling wieder.

Ich sah es nicht vor so viel Nacht

und lange hatt‘ ich’s nicht gedacht.

Nun merk‘ ich erst, schon blüht der Flieder.

Wie fand ich das Geheimnis wieder?

Man hatte mich darum gebracht.

Was hat die Welt aus uns gemacht!

Ich dreh‘ mich um, da blüht der Flieder.

Und danke Gott, er schuf mich wieder,

indem er wiederschuf die Pracht.

Sie anzuschauen aufgewacht,

so bleib‘ ich stehn. Noch blüht der Flieder.

( aus Karl Kraus, Worte in Versen, IV, Leipzig/ Wien 1919 )

Sie sieht mich an wie jemand der etwas vom Flieder weiß. Langsam wiederholt sie die Worte, die in ihrem Französisch viel schöner klingen als in meinem ewig breitem Dialekt. In ein Buch mit Hello Kitty-Katzenkopf schreibt sich den Namen auf Karl Kraus auf. „Ich will wissen“, sage ich zu ihr „wie viel Jičín in Karl Kraus steckt, der hier 1874 geboren wurde.“ Dann sind wir da und ihr Freund macht große Augen. „Passt auf euch auf“, sage ich als wir uns verabschieden und ganz schnell beugt die junge Frau sich vor und küsst mich auf die Stirn. Pieté , denke ich wieder und lächle ihr noch einmal zu.

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Das Geburtshaus von Karl Kraus Fortna nam. 43, Jicin

Der Marktplatz von Jičín liegt heiß in der späten Sonne. Schon fünf Minuten später, stehe ich an der Ecke Fortna namesti 43, die sich direkt an den Wallensteinplatz anschließt und in deren Eckhaus Karl Kraus im April, als neuntes Kind der Familie geboren wurde. Ein Geburtsort, so nimmt man an, ist oft etwas Zufälliges, selten jedoch etwas geplantes, aber für eine jüdische Familie im 19. Jahrhundert gab es keine Zufälle, sondern nur sorgfältig, geplante Entscheidungen. Denn das es Juden möglich war, den Wohnort selbst zu wählen, das kam erst in Folge der gescheiterten Revolution von 1849 und der Thronbesteigung des damals noch so jungen Franz Joseph. Mobilität also, das war soziale, politische und ökonomische Mobilität. Aber die Judenemanzipation von der deutsche Historiker gern wohlfeil schwärmen, kam zu einem Preis. Haustüren wurden mit Blut beschmiert, Fensterscheiben zertrümmert, diejenigen Nachbarn, die willens waren an Juden Grundstücke oder Geschäfte zu verkaufen bedroht und mit Boykottaufrufen belegt. Zahlreiche Städte in Böhmen lancierten Prozesse gegen den jüdischen Zuzug und wollten ihr Prinzip des non tolerando Judeos verteidigt wissen. Ob widerwillig akzeptiert oder offen verachtet, willkommen waren sie nicht in Böhmens Städten und Dörfern. Und es war im Zuge jener kaum zehn Jahre alten Mobilität als Jakob Kraus 1859 aus Dolní Kralovice nach Jičín kam. Und wie das so geht verliebte er sich Ernestina, die Tochter, die Tochter eines Jičíner Arztes. Ignatz Kantor, der Schwiegervater der zukünftige Schwiegervater also, warb für den Bau einer Stadtsparkasse und hatte das was man wohl gemeinhin sozial-reformatorische Gedanken nennt. Während sein zukünftiger Schwiegersohn den beispiellosen ökonomischen Aufstiegswillen symbolisierte, war Kantor Repräsentant einer Generation, die in vielfachen Pamphleten, Broschüren und Jahreskalendern, Kaisertreue, gutes Benehmen und Leistungsbereitschaft predigte. Es war der so hilflos wie hoffnungslose Versuch gegen die blühenden antisemitischen Verdammungsschriften. Es blieb nicht bei heißen Worten. 1860 Jakob eben gerade so in Jičín arriviert, versuchte ein christlicher Mob in Prag eine jüdische Geschäftsfrau zu steinigen. ( Das christliche Abendland, das jetzt so nachdrücklich verteidigt werden soll, erinnert sich eher ungern an diese Bräuche, denn es ist immer schon leichter gewesen, den anderen den Barbaren zu heißen.) 1861 muss das Militär antisemitische Ausschreitungen in Prag beenden und die Wirtschaftskrise, die in der Mitte der 1860er Jahre zu Hungerunruhen und ökonomisch motivierten Selbstmoden führte, tat ihr übriges. Daraus wurde 1866 überhaupt ein schlechtes Jahr, ein Flächenbrand, der durch ganz Böhmen zog. In Böhmen musste das Standrecht verhängt wurden, dann wurde es ruhiger bis 1870 erneut Plakate auftauchten die forderten, die Juden zu erwürgen, zu hängen, zu ersäufen und zu erschießen. Jakob Kraus aber ließ im so gefährlichen 1866er Jahr, Bismarck ins Haus. Ist das nicht ein so surreales wie fantastisches Bild? Bismarck mit einem der vielen Kraus-Kinder auf dem Schoß und Lebensversicherung gegen den Mob?

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Wieviel Jicin ist in Karl Kraus?

Jakob Kraus das kann man wohl, ließ sich nicht bange machen,er hatte eigene Pläne und eröffnete einen Kolonialwarenladen in eben jenem Eckhaus. Aber da bei blieb es nicht. Wer zehn Kinder hat, hat wohl nicht nur eine schöne Frau, sondern die Zukunft im Sinn. Wer weiß vielleicht pflanzte er für jedes einen Fliederstrauch. 1874 jedenfalls war Jakob Kraus schon weit über die Grenzen des Kolonialwarenhändlers hinausgegangen, er lieferte Waren nach Brünn und Prag und eröffnete bald ein weiteres Geschäft ,kaufte 1869 eine Metzgerei dazu und pachtete 1870 eine Gaststätte mit Weinbrandausschank. Aber überregionale Bekanntheit als Unternehmer erlangte Jakob Kraus mit einem Produkt, das uns heute so hoffnungslos altmodisch erscheinen mag. Er begann in der Mitte der 1870er Jahre mit der großangelegten Herstellung von Papiertüten, die bis dato von Lehrlingen in den Krämerläden selbst geklebt wurden und in denen von Kaffee, über Zucker und Mehr alles abgewogen und portioniert war. Jakob Kraus aber der Mann mit der Zukunft im Herzen machte daraus eine Großproduktion für die er auch Insassen des Gefängnisses von Valdice beschäftigte. Gleichzeitig verlegte er sich auf die Herstellung von Farben insbesondere von Ultramarinblau. Und schließlich eröffnete Jakob Kraus Filialen in Prag und Wien und nahm seine Familie mit. Karl Kraus war drei Jahre alt. Aber das hieß nicht, dass die Familie Kraus Jičín ganz verließ, das Haus vor dem ich stehe, blieb im Besitz der Familie. Es mag gut sein, dass Karl Kraus dann und wann in den Ferien zurück in das Eckhaus kam. Mag gut sein, dass er im Garten unter dem Fliederstrauch las, sich mit den Brüdern stritt und aus dem Fenster des Oberstocks auf den Marktplatz sah, der noch immer, noch heute, hell in der Sonne liegt. Vielleicht hat er hier auf der Fensterbank und im Umgang mit den jene Schärfe gelernt, die ihm die Biedermeier so verächtlich machen und sicher wohl hat er von seinem Vater Jakob Kraus gelernt, im Vorbeigehen sozusagen, dass man als Jude nicht nur in der böhmischen Provinz darauf gefasst sein muss, sich verteidigen zu müssen. Und Karl Kraus ist angegriffen wurden. Ein Leben lang.

Geht man aber ein paar Straßen weiter trifft man auf die Synagoge des Ortes. Sie lässt sich auf 18. Jahrhundert zurückdatieren und sieht so aus, wie Synagogen eben aussehen, die sich einer christlichen Umgebung behaupten wollten. Jakob Kraus war zwischen 1870 bis fast zur Geburt seines Sohnes Karls im April 1874 Gemeindevorsteher. Da ist sie wieder die Frömmigkeit. Kraus war kein Shabbesjude, sondern gründete die TalmudThora Gesellschaft, die die Jiciner Juden wohl mit eher mäßigem Erfolg zurück zur Schrift führen sollte. Auch als die Familie schon in Wien wohnte, unterstützte Jakob Kraus, die Synagoge wie die angrenzende jüdische Schule weiter. Pieté. Als ich zur Synagoge komme, ist niemand zu sehen. Schließlich treffe ich eine Frau, die im Garten, der links hinter der Synagoge liegt, Wäsche aufhängt und mir aufschließt. Im Inneren wie im Äußeren ist die shul renoviert wurden, aber als ich mich umsehe, beschleicht mich das Gefühl, das etwas fehlt und dann realisiere ich, dass es nirgendwo, nicht in der Thoranische, nicht in den Schränken an der Wand, auch nicht in den Fächern auf der Frauenempore, nein nirgendwo gibt es auch nur ein einziges Buch. Kein noch so kümmerlicher Talmud-Kommentar, keine  abgegriffenen Gebetbücher,nicht, die Synagoge ist leer. „Schön?“, fragt mich die Frau, die nicht mit hineinkommt. Aber ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll.

Am Abend liege ich lange wach, die Kirchturmuhr schlägt ihre Stunden und ich liege wach. Noch einmal stehe ich in der leeren Synagoge und noch einmal trete ich ans Fenster uns sehe hinüber zum Eckhaus von Karl Kraus. Ich denke noch einmal an die junge Frau neben mir im Auto, die ganz vorsichtig den Namen Karl Kraus in ihr Notizbuch übertrug und ich denke noch einmal zurück an das Mädchen,das ich einmal war, die vor vielen Jahren in der Wohnung des Ausgestossenen das Gedicht vom Flieder las, eines jener Gedichte von denen man sich nie wieder ganz erholt. Hier in Jičín begann die Reise des Mannes, der nach Heinrich Heine wohl der größte Liebhaber der deutschen Sprache war.

Am nächsten Morgen fahre ich nach Berlin zurück.

Sidonie

It is a silent afternoon. Here everything is far away, Prague, Berlin and Vienna are names but no places and at exact twelve a o‘ clock all the shops are closed for two hours, the butcher lowers the blinds, the baker closes the curtains and no more shops than these two are left in the middle of a small village, which goes to sleep for two long hours in the middle of a sunny and dusty day in early summer. For half an hour I sit on a bench, sleepy myself from the long drive and when I get up, the curtains are moving so slowly that I can only guess if it is the wind or the people behind the curtains. Half an hour later I reach Vrchotovy Janovice, the same Janovice, which for Karl Kraus became an arcadian dream. The castle inhabited by his great love, Sidonie Nádherny who drove down to the station to pick her lover up, who arrived three times a week with the night train Vienna-Trieste and wrote the most magnificent love-letters I ever read. And still today, the castle is there, even if the train station does not work even more. And still today, you can walk through the park, look at the tame ducks who follow you, you still can sit at the „Kraus-Table“ where he spent many long summer days looking up, into the tree tops that are all much older than any of us and forgot about Prague, Vienna and Berlin. You can buy ice cream, soda and in the former stables, you can sit and look at the craftsmen of the village, who eat meat, with potatoes and boiling hot red cabbage, while the radio plays czech pop music. At around one a clock, a bus full of very old women and a few old men arrives at the gate, you get a leaflet and follow the guide inside the castle, where maybe Sidonie and Karl slowly waltzed around the floor. But today the castle is a wild mixture full of heroes of the nationalist czech movement, garments and dusty foliage plants. The old women are amazed of the garments, the old men are bored, the leaflet explains the heroism of the czech nationalist movement and I look out of the window, where the garden overlooks the pond, where Sidonie swam early in the morning. Only two small rooms remind of this splendid, autonomous, sexy and very intelligent women, who drove with her car through North Africa, who loved her brother and even more her dogs, who wrote letters to Rilke and fell in love with Karl Kraus. But even in this silent and dusty regions, where the mountains look friendly and the meadows are wide and full of poppy, the war came and with the war came the German invasion, the SS troops threw Sidonie out of the castle, and when the SS was finished with the destruction and the devastation of a whole region, the communist party and the former neighbors of Sidonie came, taking away her belongings,and forbid her even to approach her castle and the park, she once created as her home. Sidonie von Nádherny left and died alone nearby London. But the tour through the castle is already finished, one of the old woman explains to the group that coffee and cake will be prepared nearby and this promise keeps the spirits up and as surprisingly as they arrived, they leave, leaving behind the dusty foliage plants, the faded garments, the nationalist heroes and the nearly forgotten Sidonie von Nádherny, who loved and was loved by Karl Kraus, in a very small village, in a castle surrounded by old trees, a deep pond, with tame ducks and a dog sleeping in the long and sunny hours of a long and sunny early summer day, where the world seemed so far away, where life felt so safe and love meant a promise for an endless, long summer, with a sun never leaving but the sun still today, even if the castle, the pond and the bench made of stone are still there, never came back to Vrchotovy Janovice and never will be as warming as in these days.