„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

Oft und öfter kann man-oft in Kolumnen- die Frage lesen, die den deutschen Kolumnenschreiber sehr umzutreiben scheint und die da lautet: „Ist nach 73 Jahren nicht auch mal genug mit der Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Juden?“ „Wann darf man endlich wieder Judenwitze machen?“
Auch außerhalb von Zeitungskolumnen werde ich das öfter gefragt als ich gefragt werden möchte. Noch vor der Frage aber staune ich über die stets zweifelsfrei konstruierte Vorstellung man nähme als Deutscher besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten, der in Deutschland oder auch nicht verbliebenen Juden.

Das suggeriert ja stets ein Leben auf Zehenspitzen, einen hastigen Blick über die Schulter-hört der Jude mit- eine fortwährende Selbstgeisselung um ja nicht rücksichtslos zu erscheinen und diese Selbstwahrnehmung führtseit Jahrzehnten nun schon von morgens bis abends vor dem Juden einen Bückling zu machen, das erstaunt mich schon sehr.

Mein Vater nämlich ein Kind der 1950er Jahre und Jude dazu, das Kind des Judendoktors (anders nannte man meine Großmutter nie- geschah das aus Rücksichtnahme?)- hörte wie selbstverständlich im Kindergarten den lustigen Reim: „In einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, holen ihn die Mäuse. Meine Großmutter, die fand dass dies zu weit ginge, bekam von den Kindergärtnerinnen erklärt, dass dies doch nur ein Scherz sei, vorgetragen von harmlosen Kindern und mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, sondern ein kleiner Junge sich halt daran gewöhnen müsse.

Natürlich gewöhnte er sich und seine Mutter mahnte ihn zur Vorsicht und auch mir viele Jahre später, erklärte sie man schweige zu antisemitischen Bemerkungen wie auch zu Judenwitzen, denn man könne nie wissen, ob eines Tages eine Kränkung, eine Beschwerde, ein Nachsatz nicht auch noch zu ganz anderen Dingen führen könnte. Die anderen Dinge, das lernte ich noch bevor ich lesen und schreiben lernte, waren so schrecklich, dass meine Großmutter sich für Stunden im Schlafzimmer einschloss und mit dem Kleiderbügel auf sich einschlug.

Meine Großmutter mahnte zur Vorsicht. Es gelte und hier würden die Zeitungskolumnisten wohl aufhorchen, läsen sie dieses kleine Blog, es gälte Vorsicht walten zu lassen, Rücksicht zu nehmen, Massnahmen zu ergreifen und lieber zu lachen als nach einer Antwort zu suchen. Von meiner Großmutter also lernte ich:

Sei niemals Klassenbester, höchstens Klassendritte.

Akzentfreies Deutsch ist deine beste Lebensversicherung.

Trag niemals eine Brille, die deine Nase noch größer erscheinen lässt.

Lache über Judenwitze.

Verhalte dich unauffällig. Wenn Du einen neuen Mantel kaufst, trag dazu niemals auch die neuen Schuhe.

Tiefstapeln. Immer.

Frag niemals einen Deutschen nach der Vergangenheit. Nicke anerkennend, versichert man dir, natürlich habe man Juden versteckt.

Sei höflich, zuvorkommend und schmerzresistent. Das Leben in Deutschland hat seinen Preis.

Lerne alle Klischees, alle Vorurteile, alle Zerrbilder über Juden kennen, die es gibt. Umso sicherer bist du.

Meide Gedenktage an die Deutschen sich der Juden erinnern. Sie wollen unter sich sein. Wir stören nur.

Ich stritt mit ihr heftig und erbittert. Sie ließ nicht los, sie sah nach rechts und nach links ging sie über die Strasse. Sie sah noch einmal nach links und noch einmal nach rechts. Die Wirklichkeit hatte sie schon einmal getrogen.

Die jüdischen Freunde in New York und Tel Aviv und Paris lachten, wann immer die Sprache auf die Vorsichtsmaßnahmen meiner Großmutter kam.

Ich verteidigte sie.

Sie ist nicht verrückt, sagte ich.

Sie ist ein deutscher Jude.

Sie schwiegen dann die Freunde.

Eines Tages, damals lebte ich schon nicht mehr in Deutschland, sondern in Los Angeles, da traf mich mit meiner Freundin Miri, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. (Vorsicht, sagt die Stimme meiner Großmutter ). Miri und ich saßen in Santa Monica und sahen aufs Meer. „Wusstest du, dass ich in Düsseldorf geboren und aufgewachsen bin, sagte sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Miri“, sagte ich, du bist auch ein Jecke. Sie lächelte, denn sie war längst a Californian Princess als Kolumnenschreiber fürchte ich bemerken sie den Witz gar nicht. Aber damals als Miris Vater in Düsseldorf arbeitete, ging sie auf eine Grundschule. Sie war der Jude und die anderen Kinder waren es nicht. So ist das heute in Deutschland auch wenn in den Kolumnen immer etwas vom lebendigen Judentum steht, die Lehrerin jedenfalls, sagte, dass Miri neu und Jude sei und nach ein paar Wochen sagte Miri achselzuckend, sagten die Kinder, dass ihre Eltern sagten, dass die Juden alle ganz reiche Leute seien, die den Deutschen die Wohnungen nach dem Krieg weggenommen hatten und die Deutschen hätten auf der Straße gelebt und gehungert wegen der Juden. Die Juden würde man an ihren Nasen erkennen und die ganze Welt würde die Juden nicht mögen, weil sie sich schon immer für was Besseres gehalten hätten. Meine Freundin Miri war 1998 acht Jahre alt und am Nachmittag zu Hause nahm meine Freundin eine Küchenschere zur Hand und versuchte sich die Nasenspitze abzuschneiden. Meine Freundin Miri wollte kein Jude mehr sein. Zum Glück fand ihre Mutter sie rechtzeitig und ihr Vater beschloss das Experiment Deutschland zu beenden. Ihr Vater hatte zuvor mit der Lehrerin über die Sache mit den Juden und den langen Nasen gesprochen, aber die Lehrerin fand, dass sei doch nur ein Scherz, so seien Kinder eben.

Der Kolumnist unserer Tage aber zitierte einen Psychologen. Die ständige Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten erzeuge einen Juckreiz, der sich dann eben in hochgerissenen rechten Armen, Höcke-Reden oder Witze über den jüdischen Geschäftssinn ergießen würde.

Ich kenne im Gegensatz dazu aber keine Juden, die zum Beispiel beim Rewe am Morgen sie haben Milch vergessen, vom plötzlichen Verlangen überfallen werden einen Deutschen zu ohrfeigen, aber meinem Freund Aaron ist das in Deutschland mit seiner Kippa auf dem Kopf schon mehr als einmal passiert. Ist das der Juckreiz der empfundenen Rücksichtnahme, ein etwas grober Scherz mit dem sich endlich Luft verschafft?

Vor einem Jahr habe ich am 9. November aufgeschrieben, warum ich das Putzen von Stolpersteinen, die oft so offensiv vorgetragene Gedenkkultur und überhaupt die Vereinnahmung jener Toten, die eben auch meine Familie sind für so schmerzhaft, so problematisch, so erschöpfend halte.

Mich haben dazu viele böse Emails erreicht. Sie alle forderten mehr Rücksichtnahme von mir dem Juden, den Deutschen gegenüber, sie bräuchten diesen Raum, diese Steine, dieses Gedenken für sich. Das müsse ich endlich akzeptieren.

Es ginge nicht nur um die Befindlichkeiten den Juden.

Das Gleiche meinen die Kolumnisten wohl auch, schreiben sie über die Frage, ob es denn nun genug sei mit jener vielzitierten Rücksichtnahme, die es außer in der deutschen Imagination niemals gegeben hat.

Die Realität nämlich ist für Juden eine ziemlich ernste Angelegenheit, auch noch 73 Jahren.

Die besagte Kolumne finden sie so einfach, dass ich sie nicht verlinken muss.

Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Heiß, heißer, Suppe!

fullsizerender-17

In Ehren gehalten wie Onkel A. wird auch die einhenklige Suppenschüssel

Nach der Aufklärungssprechstunde aber laufe ich schnell über den Marktplatz, zweimal links, dreimal rechts, dann ums Eck und schon an der Straßenecke rieche ich es: meine liebe C. hat ihre berühmte Suppe gemacht. Einen Rindermarkknochen nämlich kocht die liebe C. über Stunden auf kleiner Flamme, wirft Möhren und Erbsen, dazu und macht die besten Grießklösschen mit frischem Thymian und Ei, aber die kommen erst ganz zum Schluss in die Suppe. Dann zieht die C. ein braunes Gewürzfässchen nach dem anderen vom Regal und salzt hier ein bisschen,pfeffert dort, greift in so viele Tiegel und Töpfe bis sie irgendwann ganz und gar zufrieden ist mit der Suppe und dann muss die Suppe ziehen. ( Die Suppe allerdings kann nur so lange ziehen, wie ich noch nicht zurück bin.)

Schon also renne ich die Treppe hinauf, werfe Schal und Mantel über einen Stuhl, küsse die C. zweimal rechts und zweimal links, greife nach dem Löffel und beuge mich über den Topf. Dann ist es für eine ganze Weile still. Die C. lacht. Wir werden dich bald in das Fräulein Suppentopf umbenennen sagt sie und ich werde rot. Die C. holt warmes Brot aus dem Ofen und ich schöpfe uns die heiße Suppe in die Teller, Shabbat Shalom und dann schlürfen wir die glühende, wunderbare Suppe. Denn das ist Teil des Ganzen: Heiß muss die Suppe sein, einem die Zungenspitze ansengen und einen durchwärmen von Kopf bis Fuß in nicht mehr als 30 Sekunden. Die Haare müssen einem zu Berge stehen vor wohliger Wärme und die Wangen glühen rot wie hundertjährige Äpfel. Nie habe ich verstanden, wie Leute Suppe essen können, die mit gespitzten Mund die Suppe kühlen und fürchten sie mögen vergehen an der Glut, die jedem richtigen, echten und wahren Suppentopf innewohnt.
Ich nämlich komme aus einer Familie der Heißesser, schon bei meiner Großmutter dampften die Kartoffeln, so dass die Fenster beschlugen, Wiener Schnitzel, die sie einer gewaltigen gusseisernen Pfanne in brutzelnder Butter briet, zischten und fauchten, landeten sie mit Schwung auf dem Teller, der Grießkoch blubberte unter dem schweren Federbett und meine Großmutter legte noch eine heiße Wärmflasche obendrauf, niemals hätte meine Großmutter einen Braten anders als resch aus dem Ofen auf den Tisch gebracht und das Chili, das meine Großmutter konnte brachte Bauarbeiter zum Weinen und Stahl zum Schmelzen. Der Tee ( mit Kandis natürlich ) ließ das Glas knacken und die Hühnersuppe meiner Großmutter war ein Vulkan, der selbst einem weitgereisten Rabbi Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meine Großmutter blieb unbeeindruckt. Nur einmal bat ein Gast um Kühlung der Speise, meine Großmutter aber warf ihm einen Blick zu, der von nichts Gutem kündete und sonst für Gäste, die mit dem Fischmesser ein Steak teilen wollten, reserviert blieb . „Ich kann nicht kalt kochen, sagte sie und der Gast sah verzweifelt auf seinen brodelnden Teller hinab. Wir aber die Heißesser schlürften genüsslich und schüttelten verständnislos den Kopf. Später erst sind mir Kaltesser begegnet. Der F. zum Beispiel rennt regelmäßig mit dem Teller zum Fenster um- man stelle sich das einmal vor- die Suppe zu kühlen und als ich vor Jahren in Madrid zum ersten Mal überhaupt kalte Suppe kredenzt bekam, unwissend aber und voller Vorfreude den Löffel tief hineintauchte, nur um auf einmal kalte Gurken und Tomaten in meinem Mund zu finden, hielt mich nur die Erziehung meiner Großmutter-Contenance mein Kind- davon ab, die Suppe auf den Tisch zu speien. Kalte Suppen aber kann ich nichts anderes als Misstrauen entgegenbringen. Kalte Suppen sind nur dem Namen, nicht aber dem Wesen nach Suppen. Sie trösten nicht, sie riechen nicht nach der Speisekammer, in ihnen liegt keine Seele, keine Familiengeschichten, wie die von Onkel A., der uns Kindern den Suppenkasper verdeutlichen wollte, dabei zu arg am Tischtuch riß und geistesgegenwärtig, nicht Leib noch Leben rettete, sondern die Suppenschüssel packte und so will es die Legende noch im Flug, mit gewaltigem Schlürfen und Schmatzen die natürlich wie bei Heißessern üblich, kochende Suppe verschlang. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Wohl wahr ist aber, dass Onkel A. immer rote Ohren hatte und die auf den Verzehr der guten Suppen schob und auch die Suppenschüssel, die heute in meinem Geschirrschrank steht, hat nur mehr einen Henkel. Ach, was waren das für Zeiten als auch ich unter überzeugten Heißessern lebte. Der Tierarzt aber der nicht isst, sondern pickt wie ein Vögelchen, hat den ersten Löffel Suppe erst dann verzehrt, wenn die Suppe längst Kaltschale geworden ist. Der Priester, mein sonntäglicher Mittagsgast pustet wie der irische Nordwind über das Roastbeef und rührt die Katrtoffeln erst an, wenn sie kalte Steine auf dem Teller geworden sind. Manchmal sieht er zweifelnd zu mir herüber: „Fräulein Read On sagt er dann, Sie verbrennen sich doch die Zunge.“ Ich meinerseits sehe voll Unglauben auf seinen Teller, auf dem nichts mehr brutzelt, keine Butter schäumt und keine Kartoffeln mehr dampfen. Zwar nicke ich freundlich zum Priester hinüber, aber im Grunde meines Herzens bin ich erleichtert, ein wahrer und echter Heißesser zu sein, Teil einer langen Kette von Menschen, die Speisen nie anders als brennend heiß verzehren. Onkel A. schließlich war derjenige, der am lautesten mit dem Suppenlöffel auf den Tisch schlug und anhob zu singen : vos habn mir tsu mitog haynt, fragt Yossele der mamen./mir vilt zikh ezen mamenyu, kartofzup mit shvomen. Wir sangen mit ihm und zuckten nicht mit der Wimper als uns der erste Löffel die Augenbrauen versengte, denn so muss es sein, nur so findet man in das Herz einer jedenSuppe.
Schließlich sind es wir die Heißessser, die auf die Frage nach heiß, heißer…. nie mit am heißesten, sondern immer mit „ Suppe!“ geantwortet haben, das Gesicht immer schon tief über den dampfenden Teller gebeugt, während auf dem Herd schon die Kartoffeln bollern und die Butter laut brutzelnd und prasselnd in der Pfanne zu schmelzen beginnt.

Shanah Tovah

Am Nachmittag kommt die Sonne dann doch noch einmal heraus. Ich trage Apfelkuchen und Apfelstrudel hinunter in den Garten. Wir spielen Apfel schnappen mit den Kindern der Straße. Sie wissen doch wie das geht nicht wahr? Eine Schüssel voll Wasser ein Apfel darin und dann geht los mit Mund und Zähnen. Apfel schnappen II hat sich erst in den letzten Jahren, dafür aber sehr erfolgreich etabliert. Eine niedrige Wäscheleine wird dafür mit Apfelscheiben bespannt und dann hat man einen Garten voll hüpfender und springender Kinder, die erst erstaunlich hochspringen können, bevor sie lachend im Gras umher kugeln. Es gibt Kürbissuppe mit Apfelscheiben, Reis Pilau mit Granatapfelkernen, einen gigantischen Topf voll Hühnersuppe, Honigkuchen und natürlich auch Bratäpfel, die nach Zimt und Zucker duften. F. der ehemalige, geschätzte Gefährte befragt das Apfelkernorakel, Z. und ich tanzen durch den Garten bevor wir in die Hängematte fallen und uns Geschichten aus Jerusalem, Berlin und dem ländlichen Irland erzählen. B. und G. streiten über eine komplexe Auslegungsfrage der heilgen Geschrift wie meine Großmutter spöttisch sagte, die beiden streiten schon seit 30 Jahren, aber ich glaube in den nächsten dreißig Jahren gibt es noch keine Aussicht auf Einigung. Die alten Damen streiten sich, ob sie wohl lieber in Berlin oder in Tel Aviv begraben wollen. Im Moment steht es noch unentschieden. Die K. singt und wir alle schließen die Augen, denn die K. singt so schön. Dann gehe ich hinauf nach dem Fisch sehen, der im Ofen schmort. Für eine Weile lehne ich am Fenster und sehe in den Garten hinunter:Schon sinkt die Sonne tiefer, aber noch taucht sie alles in ein goldenes Licht. Die Kinder tollen im Gras umher. Ich höre Deutsch, Französisch, Ivrit, Yiddisch, das schon fast vergessene Prager Deutsch und das so selten gewordene Deutsch, was man einmal in Budapest sprach. All die dort unten im Garten versammelt sind sprechen wild durcheinander, unterbrechen sich, hören sich natürlich nicht zu und verstehen sich doch auf das Allerbeste. Zu viel ist geschehen und zu groß sind die Narben, zu licht auch die Reihen als das dieser Tag und diese Feiertage schön und heiter, unbeschwert und ohne Nachwehen zu beschreiben wären, zu groß sind die Fehlstellen und einholbar sind auch die Schatten die mit dem Gang der Sonne nicht das Mindeste zu tun haben. Aber diesen einen Moment im späten Sonnenlicht mit Kindergeschrei, dem Duft von frischen Äpfeln und Stimmengewirr, Gesang und fröhlichem Lachen, der genauso auch in einem Garten in Haifa, Marseille oder New York seinen Platz hätte, behalte ich bei mir für all die Stunden in denen die Schatten größer sind als das warme Licht in einem Garten am Rand von Berlin. Noch immer sind wir hier, noch immer feiern wir Rosh Hashana in Berlin.

Dann trage ich den Fisch hinunter und als alle am Tisch sitzen, ist es wohl so weit: שנה טובה Shanah Tovah. Ein glückliches, heiteres, ein mildes und sonniges, ein lieber süßes als saures, neues Jahr 5777. Ein Jahr mit warmen Händen und offenen Herzen, dass wünsche ich Ihnen, so Sie denn mögen und wünsche es uns hier im Garten und anderswo. A gut gebentsht yohr.

Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.

Rettungsringe

Die Amseln sitzen in den Baumkronen. Sie lachen mich aus. Wenn sie gerade nicht über mich lachen, picken sie Kirschen und haben sie noch nicht genug gelacht, dann spucken sie Kirschkerne zu mir nach unten. Die Stare und Amseln, die Spatzen und auch die Tauben haben schon lange verstanden, dass ich trotz der Holzleiter die schwankend in den Zweigen lehnt ihnen hoffnungslos unterlegen bin. Die Vögel lachen und ich harke angepickte und auf den Boden gespuckte Kirschen und Kirschkerne zusammen. Dann aber gilt es die Erdbeeren vor dem nächsten Regen zu retten. Sonst lachen auch noch die Schnecken über mich und das wäre vielleicht dann doch zu viel des Guten. Patschnass bin ich dann, aber immerhin sind die Erdbeeren gerettet. Gerettet ist vielleicht doch ein zu großes Wort.

Kleiner ist der Freitagstisch geworden mit den Jahren. Aber meine Hände, die so oft es sich einrichten lässt am Freitag Gemüse hobeln, Fleisch marinieren und einen Kuchen in den Ofen schieben, haben es noch nicht verstanden, dass der Zirkel der alten Damen, die zu mir zum Shabbat kommen kleiner und kleiner wird und so bleibt der Topf mit Briehe wie es heißen muss sehr, sehr groß. An diesem Freitag sind wir zu viert. Aber sind wir es wirklich? Kommen nicht all die Toten auch zu Tisch. Sitzen sie nicht schweigend mit uns am Tisch und legen uns unsichtbar und doch kaum zu übersehen die Hände auf die Schultern? Schließlich sind die Freitagabende doch seit jeher Achterbahnfahrten in die Vergangenheit, die nicht Vergangenheit wird. Schließlich weiß keiner der alten Damen, ob dieser Freitag nicht der letzte gewesen sein wird und wer wird sich dann noch erinnern? Mitten in den Sätzen brechen sie ab oder es bricht lauernd aus ihnen hervor: Lilja war ein schönes Mädchen, sagt B. und sieht mich und alle anderen am Tisch an, sieht uns sehr streng an und für einen Moment, einen sehr langen Moment, herrscht eine angespannte Stille. So als müsse Lilja, die schönste ihrer Schwestern, die wohl wie sie, das zarte Budapester Deutsch sprach und die, so schön gewesen sein muss, wie sonst nur die Mädchen im Märchen, gleich oder doch bald, die Treppen hinauflaufen, klopfen, lachend und ein bisschen atemlos, vielleicht mit roten Wangen zur Tür hineinsehen müsste, weil sie ihre Schlüssel hat liegenlassen oder sich doch für ein anderes Paar Schuh zu begeistern mag und wir alle noch mit einem Hauch ihres Parfums in der Nase, hätten sobald die Tür sich hinter ihr schlösse, alle wie wir da sitzen gesagt: Lilja ist ein schönes Mädchen. Aber niemand kommt die Treppe hinaufgerannt, keiner lässt den Schlüssel liegen und erst recht bleibt der Schuhschrank verschlossen und wir, die wir warten, wenn uns auch Lilja versetzt, ob nicht B. noch etwas hinzufügt, warten auch hier vergeblich, und eine andere Dame erzählt an einer ganz anderen Stelle weiter, von einer Reise nach Odessa vielleicht oder einer Cousine dritten Grades, die auch Lilja geheißen habe und sogar mit einem Rebbe verheiratet gewesen sei. Aber inmitten all des Redens, das ein angestrengtes Gegenanlaufen gegen die große und nicht zu schließende Lücke- die nicht nur Lilja, die wohl ein schönes Mädchen war- hinterlassen hatte, liegt über jedem Freitag Abend eine undurchdringliche Stille, die sich durch keine Sprache, nicht durch das Prager, das Budapester, das Berliner Deutsch durch Hebräisch oder Jiddisch aufheben lässt. Haben wir uns wirklich gerettet, frage ich mich, noch spät in der Nacht als ich den letzten Teller in den Schrank zurückstelle. Rettung ist das nicht ein zu großes Wort?

„Rette mich“, sagt der ehemalige geschätzte Gefährte am Telefon. Air France nämlich schickt ihm Emails, die im warnenden Ton Streiks androhen. Denn vor Monaten schon, immer noch bin ich erstaunt, dass ausgerechnet mir der Einfall kam, saß ich mit der Kreditkarte zwischen den Zähnen vor dem Notebook und erstand Fußballkarten für den F., der schon gestern am Freitagstisch im Trikot zwischen den alten Damen saß. Nun gilt es also den F. nach Paris zu lotsen und schließlich finden sich Zugticket, Reservierung und Schichtende des Krankenhauses glücklich zusammen und wir rasen zum Bahnhof. Ich winke dem F. der mit Trikot, Rosen und Lavendel für die A. gen Frankreich reist, das Stethoskop hängt ihm halb aus der Hosentasche. Der F. der schon als Kind heimlich, denn in der Familie gab es doch gewisses Unbehagen, der deutschen Nationalmannschaft in Israel die Daumen hielt, für ihn so merkwürdig und so fern mir das sein mag, für ihn ist das Spiel dieser Mannschaft, ein Rettungsanker und stetig Vergewisserung hier am rechten Platz zu sein. „Wieder einmal gerettet“, sagt er, bevor die Türen sich schließen. Ich muss lächeln. Aber eigentlich weiß ich es doch, Rettung ist ein zu großes Wort.

 

As an exception in German: Wir, danach.

Medford. 6 Uhr morgens. Die Stadt schläft noch. Sie schläft tief und fest. Erst die Füße sortieren und dann den Kopf. Leise die Treppe hinuntergehen, noch immer knarrt die achte Stufe. Auf leisen Sohlen durch die Tür und die Straße hinunter zur U-Bahn. Zwanzig Minuten vorbei an roten, blauen oder weißen Holzhäusern, massiven SUV’s und Schildern die überwiegend „Vote Bernie“ oder „Vote Hillary“ fordern ( ein Glück ),  kein Hund bellt und nirgendwo geht das Licht an. die U-Bahn ist leer, niemand steigt ein und niemand steigt in Harvard oder Porter aus, als der Zug zum dritten Mal hält, stehst du am Bahnsteig und ich laufe dir in die Arme. Zu dir laufen wir, weit ist es nicht und schon bald sitzen wir ans Fenster gelehnt, eine warme Tasse in den Händen und sehen der Stadt von oben beim Aufwachen zu. Seit wir uns kennen, sehen wir uns, wieder und wieder. Ziellos und nie geplant, immer nur stundenweise und niemals nächtelang. So war das und so ist es geblieben, bis heute auf dem Dielenboden. Unter dem Fenster scheppert jemand mit Mülltonnen und du erzählst mir von: einem Traum über den perfekten Roman, einem komplizierten Fall in der Kanzlei und deine Hand wandert über meinen Rücken.Schon immer bleibt sie liegen,immer einen Moment zu lang. Schon immer schiebe ich sie weg. Ich erzähle dir von: einem Plastikbeutel, der mich bis in die Träume verfolgt, dem neuen Roman von Howard Jacobsen, der mich sprachlos macht und dem Wahlkampf in Irland. Golden geht die Sonne auf und taucht dich in einem Topf aus Gold, dabei sind wir Schattenkinder. Du legst den Kopf auf deine Knie. Die dritte Generation, sagen sie und wir schütteln den Kopf. Es sind ja die Schatten. Die Schatten, die nicht weichen wollen, auch nach so vielen Jahren. Vielleicht reden wir soviel, weil wir im Schweigen so geübt waren. Die Pausen in den großelterlichen Sätzen, die nie Atempausen waren, die Satzenden, die uns um die Ohren flogen, der zugehaltene Mund, die blutigen Lippen, all die Stille, die über uns lag wie ein schwerer undurchdringlicher Teppich. Die laute Wut unserer Eltern, die bodenlose Verzweiflung zwischen uns allen, du und ich, noch immer auf dem Boden, merkwürdig manöverieren unsere Sätze zwischen dem Eigentlichen umher. Deine Hand wandert meinen Rücken entlang, langsam und suchend und immer zu lang. Auf der Straße eilen die Menschen zur Bahn, rennen über die Straße, ein Kind sucht nach einem Stein. Wir in der Stille, zählen die Narben, langsam sagst du: Komm und du ziehst mich mit dir in den Strudel der Erinnerungen, diese dunkle Straße in der wir keiner lebenden Seele mehr begegnen, aber wir sind nie mit den Lebenden aufgewachsen, sondern immer nur mit den Toten und den Noch-Nicht-Toten durch die Flure gegangen, auch wir nur ungern geduldete Eindringlinge, kaputt waren die Briefkästen, die Eingänge zu jener Welt verschüttet und auch wir finden unter den vielen Schlüsseln, die wir besitzen selten denjenigen, der passt. Die Traurigkeit hat sich an uns saftgetrunken und auch auf dem Dielenboden, deiner Stimme in meinem Ohr als wir gemeinsam den dunklen Flur betreten, und über uns die Sonne, und selbst jetzt, da ich es aufschreibe, ist die Trauer nicht vorüber. An der Tür, denn ich muss zurückfahren in die kleine Universitätsstadt, wundern wir uns, wer wir wohl sind, wir die Schattenkinder, die Erben der Traurigkeit, die Dritte Generation der Juden des „Danach.“ Wir wissen es nicht, wieder wandert deine Hand an meinem Rücken entlang, „Komm zurück zu mir, heute Abend“ sagst Du und ich nicke. Diesmal schiebe ich deine Hand nicht weg.

As an exception in German: Die Brosche

Ich selbst habe die Brosche nie gesehen. Die B., der die Brosche einmal vor vielen Jahrzehnten gehört hat, kenne ich nur aus den Erzählungen ihrer jüngeren Schwester. Die C. die in der Geschichte der Brosche eine nicht unwichtige Rolle spielt, habe ich gleichfalls nie mit eigenen Augen gesehen. Mir Recht können Sie also zweifelnd fragen, ob ich überhaupt die Richtige sei, die Geschichte der Brosche zu erzählen. Dann lesen Sie am besten nicht weiter. Berufen bin ich keineswegs, nur eben gut bekannt mit der jüngsten der drei Schwestern, der L., die mir mindestens einmal im Monat die Geschichte der Brosche erzählt und stets mit der gleichen Empörung, als erzähle sie mir die Geschichte zum ersten Mal. Am Anfang der Geschichte, die ihren Ausgang vor vielen, vielen Jahrzehnten, fast einem ganzen Jahrhundert nahm, stehen drei Schwestern. Geboren wurden sie in einem der vielen Dörfer, die heute vielleicht in der Ukraine, oder in Polen oder gar in Litauen liegen mögen, aber eigentlich gibt es die Dörfer und die Welt in der Gartenzäune die Häuser säumten und Männer wie Frauen am Freitagabend in die Shul liefen, schon lange nicht mehr. Damals aber lebten in genau so einem Dorf, drei Schwestern, alle drei waren die Töchter des Rabbis, unweit der Synagoge lebend, die niemand Synagoge, sondern die Shul nannten. Den Vater der Mädchen dürfen Sie sich nicht als einen zu heiligen Mann vorstellen. Sicher las er die Bücher, aber mehr noch lernte er wohl von den Streitigkeiten der Nachbarn und von den reisenden Händlern, die ihm Nachrichten brachten, nicht aus Jerusalem und auch nicht aus Berlin, wohl aber aus Breslau und dann und wann wohl auch aus Riga oder Brest. So hatte man immer gelebt und so gedachte man viele, weitere Jahre zu leben. Die drei Töchter würden irgendwann nicht mehr die Töchter des einen, sondern die Frauen, drei anderer Rabbiner in anderen Dörfern werden. Niemand konnte ja ahnen, dass die älteste Tochter, die B. nämlich Hals über Kopf einem Rittmeister verfiel und ihn wohl nicht nur hinter einem Schober küsste, sondern ihm Briefe schrieb, die auch beantwortet wurden. Irgendwann fuhr der Rittmeister fort, nicht aber ohne der B. ewige Liebe zu schwören und ihr als Pfand eine Brosche zu überlassen. Die L. die jüngste der die Schwestern, die die Brosche noch gesehen hat, sagt, die Brosche sei je nachdem wie man sie hielt, schwarz glänzend, als seien die Steine eigentlich überreife Brombeeren gewesen oder aber gliche einem betörendem Rubinrot. Manchmal geht es gut, öfter aber nicht. Der Vater jedenfalls fand die Briefe des Rittmeisters und spie vor Zorn. Schnell, um nicht zu sagen auf das allereiligste wurde eine Hochzeit arrangiert, natürlich nicht mit dem Rittmeister. Es ist geradezu ironisch zu nennen, das die erzwungene Hochzeit mit einem Rabbiner in Jerusalem im damaligen Mandatsgebiet Palästina, der B. das Leben retten würde. Als sie aber das Dorf verließ, so die L. hörte man ihr Schluchzen, Ihr Weinen und Klagen noch viele, viele Kilometer entfernt. Die Brosche und die Briefe des Rittmeisters aber gab die B. ihrer Freundin der C. zur Aufbewahrung, denn für die B. stand fest, das sie sich eher die Zunge abbisse denn den fremden Mann im noch viel fremderen Jerusalem zu heiraten. An dieser Stelle der Geschichte aber seufzt die L. auf. Erkrankt sei die B. auf der widrigen Schiffspassage und bevor sie das Ufer erreichte, war sie schon tot. Nicht lange war es von dieser Nachricht bis zur deutschen Okkupation des Dorfes, deportiert wurden die L. ihre Schwester und die Eltern, nur die L. kehrte irgendwann zurück, nicht jedoch zurück in das Dorf ihrer Elter, Haus wie Shul waren ja ohnehin verloren. Man mag es erneut ironisch nennen, dass die L. den Rabbiner in Jerusalem heiratete, der doch den Rittmeister von der B. fern halten sollte, aber ironisch war es gewiss nicht, es war nur die einzige Adresse, die die L. behalten hatte und der einzige Weg heraus aus Europa. Viele Jahre vergingen, die Ehe der L. war weder glücklich noch unglücklich, Kinder haben die beiden nie bekommen, ein ruhiges könnte man sagen, bis auf die Brosche und die Briefe des Bittmeister’s die der L. keine Ruhe ließen. Als der Rabbiner schließlich verstarb fuhr die L. zurück in das Dorf ihrer Kindheit, die C. lebte schon lang nicht mehr dort, aber es lebten noch Menschen dort, die wussten wo die C. jetzt lebte. Schließlich erreichte die L. die C. und sie hätte sie nicht erkannt, hätte sie nicht die brombeer- oder rubinfarbene Brosche getragen, die der Rittmeister einst der B. schenkte. Die C. war nicht erfreut, sie bestritt schlichtweg die Brosche nur verwahrt zu haben und behauptete die B. habe sie ihr geschenkt, die Briefe jedoch hätte sie längst schon weggeworfen. Dann fiel die Tür ins Schloss. Es war das letzte Mal, das die L. die Brosche sah. Noch immer sagt die L. aber frage sie sich manchmal ob irgendwo der Rittmeister noch immer auf Antwort warte und sich frage, ob die B. seine Brosche wohl noch trage. Aber darauf wird die L. sowenig eine Antwort erhalten, wie ich die Brosche, die jettschwarz oder rubinrot glänzte, je zu Gesicht bekommen werde.

Delhi Diary- As an exception in German: Über den Horizont hinaus

Als ich ein kleines Mädchen war, verbrachte ich die langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland. Einmal aber hatte meine Großmutter andere Pläne und so kam ich für eine Woche zu Yehuda Schechter. Wie alle Bekannten meiner Großmutter zählte auch er zu jenem Kreis der „Auschwitzer“ und zu dem noch viel kleineren Teil der im Osten Deutschlands lebenden Juden. Yehuda Schechter hatte keine Kinder und eigentlich auch nie Kinderbesuch. Als ich siebenjährig vor seiner Tür stand, sah er mich misstrauisch an. Nichts anfassen, war sein erster Satz. Sehr misstrauisch saßen wir uns gegenüber auf tiefen, dunklen, moosgrün bezogen Sesseln. Er sah mich an. Ich sah auf den Fußboden und bohrte meine Fußspitzen in den Teppichboden. Yehuda Schechter räusperte sich. Dies ist zu unterlassen sagte er und ich musste lange überlegen, was das wohl heißen solle. Drei Tage lang saßen wir uns mehr oder weniger stumm gegenüber. Yehuda Schechter war auf der Suche nach einem Thema, das ihm kindgerecht erschien und ich war auf der Suche nach möglichst wenig Dingen, die den furchterregenden Satz: „Dies ist zu unterlassen nach sich zog.“ Am vierten Tag kippte ich ein Glas Milch um und Yehuda Schechter war so entsetzt, dass er mich unvermittelt fragte, ob ich denn Fahrrad fahren könnte? Ich konnte es nicht. Yehuda Schechter schüttelte traurig den Kopf: „Was können die Kinder überhaupt noch?“ Dann verließ er die Wohnung. Am nachmittag kam er zurück. Mit ihm kam ein Fahrrad, kein Kinderfahrrad, sondern ein kleines Damenrad und Yehuda Schechter und ich gingen auf den Hof. Bevor ich auf das Rad steigen durfte, zeigte mir Yehuda Schechter wie man eine Kette wechselt, unterwies mich in der Benutzung des kleinen Ölfläschchens und so lange bis ich es konnte, übte er mit mir den richtigen Gebrauch des Dynamos. Dann endlich setzte er mich aufs Rad und schob mich langsam über den Hof. Er sagte: Jetzt treten, nein, bremsen, lenken, lenken, lenken und immer hielten mich seine Hände bei den Schultern, dann ließ er los, er rief zwar immer noch, lenken, lenken, bremsen, bremsen und langsam, Kind, langsam, aber ich fuhr mit dem Fahrrad über den Hof, ganz allein, eine kleine Königin glaube ich hätte sich nicht größer und glücklicher fühlen können als ich. Zum ersten Mal habe ich an jenem Sommerabend im Innenhof Yehuda Schechter lächeln sehen. Jeden Tag stiegen Yehuda Schechter und ich von nun an auf unsere Räder und fuhren erst durch den Park, dann durch die Straßen und irgendwann hinaus aus der Stadt ins Freie hinein. Oft pausierten wir auf einer Wiese unter einem großen Baum, dann gab es Limonade und Yehuda Schechter trank bedächtig Malzkaffee aus einer alten, metallenen Kanne. Warte hier Kind, sagte er dann, nur für einen kleinen Moment. Dann stieg er noch einmal auf sein Fahrrad, beugte sich leicht über den Lenker und warf sich mit aller Kraft in die Pedalen und wurde schnell und schneller, bis er schließlich mit dem Horizont zu einem kleinen, schwarzen Punkt verschwamm. Kind sagte er, wenn er zurückkam, außer Atem, sieh, ich fahre mit dem Wind um die Wette. Ich nickte, auch wenn ich nicht wusste warum. Zwei Sommer später aber nahm sich Yehuda Schechter das Leben, ein Fahrradunfall sei es gewesen, schrieb mir meine Großmutter. Schon damals klang das schal in meinen Ohren, jemand der Rennen mit dem wind fährt, fällt nicht unvermittelt vom Rad.

Viele Jahre später, vor einigen Wochen also, sage ich zu Herrn Rajasthani: “ Herr Rajasthani, ich brauche ein Kinderfahrrad für eins meiner Kinder, im Slum. Herr Rajasthani grummelte, Herr Rajasthani murmelte etwas von: unmöglichen Straßen und überhaupt. Gestern aber, stand auf dem Balkon, kein Kinderrad sondern ein kleines Damenfahrrad, silber und dunkelblau. Neben dem Fahrrad,ein sichtbar stolzer Herr Rajasthani. Und weil Herr Rajasthani nicht Herr Rajasthani wäre, brachte er das Rad und mich heute in den Slum. K. ist sieben, vielleicht aber auch acht oder neun Jahre alt, so genau weiß man es nicht, sie nicht, ich nicht und ihre Eltern auch nicht. K. ist sportlich, ungewöhnlich sportlich, K. möchte Rad fahren lernen. Jeden Morgen in den vergangenen sechs Wochen fragt sie mich, ob sie heute Rad fahren lernen könne. Heute sieht sie das Rad und mich. Für eine Stunde versteckt sie sich, dann klopft es zaghaft und wir gehen hinunter auf die Straße. Ich zeige K. wie man die Kette wechselt, gebe ihr ein kleines Fläschchen Öl und übe mit ihr das Schloss richtig und sicher zu befestigen. Dann sitzt K. auf dem Rad und ich schiebe sie an. Jetzt treten sage ich, lenken, lenken, langsam, bremsen, bremsen, bremsen rufe ich und dann traut K. sich doch in die Pedalen zu treten und ich renne ihr die Hand noch immer an den Schultern hinterher. Aus dem Weg, Straßenhunde, würde ich rufen hätte ich genug Atem, seht ihr nicht, hier kommt eine Radfahrerin, aus dem Weg Rikschafahrer, Gemüsehändler, aus dem Weg ihr Kartenspieler und auch ihr, ihr Frauen mit den Wäschebergen, wir haben jetzt keine Zeit, wir müssen an euch vorbei. K, fährt, sie fährt, und ich renne und laufe und dann lasse ich ihre Schultern los und sie fährt, fährt stolz wie eine kleine Königin, fährt mit dem Wind, furchtlos und schnell, und ahnt wohlmöglich etwas von jenem vollkommenen Glück, das nur der kennt, der dem Horizont entgegen fährt, weiter und weiter, ein ganzes Leben lang.

Ganz sicher bin ich, ich schwöre, als ich lachend und mit Seitenstechen schließlich  stehen bleibe, an eine Hauswand gelehnt und nach Atem schöpfend, das für einen Moment, auch Yehuda Schechter an der Kreuzung steht, lächelnd, wie einstmals, sagend: Das Kind kann fahren, das Kind ist auf dem richtigen Weg.