„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

Oft und öfter kann man-oft in Kolumnen- die Frage lesen, die den deutschen Kolumnenschreiber sehr umzutreiben scheint und die da lautet: „Ist nach 73 Jahren nicht auch mal genug mit der Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Juden?“ „Wann darf man endlich wieder Judenwitze machen?“
Auch außerhalb von Zeitungskolumnen werde ich das öfter gefragt als ich gefragt werden möchte. Noch vor der Frage aber staune ich über die stets zweifelsfrei konstruierte Vorstellung man nähme als Deutscher besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten, der in Deutschland oder auch nicht verbliebenen Juden.

Das suggeriert ja stets ein Leben auf Zehenspitzen, einen hastigen Blick über die Schulter-hört der Jude mit- eine fortwährende Selbstgeisselung um ja nicht rücksichtslos zu erscheinen und diese Selbstwahrnehmung führtseit Jahrzehnten nun schon von morgens bis abends vor dem Juden einen Bückling zu machen, das erstaunt mich schon sehr.

Mein Vater nämlich ein Kind der 1950er Jahre und Jude dazu, das Kind des Judendoktors (anders nannte man meine Großmutter nie- geschah das aus Rücksichtnahme?)- hörte wie selbstverständlich im Kindergarten den lustigen Reim: „In einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, holen ihn die Mäuse. Meine Großmutter, die fand dass dies zu weit ginge, bekam von den Kindergärtnerinnen erklärt, dass dies doch nur ein Scherz sei, vorgetragen von harmlosen Kindern und mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, sondern ein kleiner Junge sich halt daran gewöhnen müsse.

Natürlich gewöhnte er sich und seine Mutter mahnte ihn zur Vorsicht und auch mir viele Jahre später, erklärte sie man schweige zu antisemitischen Bemerkungen wie auch zu Judenwitzen, denn man könne nie wissen, ob eines Tages eine Kränkung, eine Beschwerde, ein Nachsatz nicht auch noch zu ganz anderen Dingen führen könnte. Die anderen Dinge, das lernte ich noch bevor ich lesen und schreiben lernte, waren so schrecklich, dass meine Großmutter sich für Stunden im Schlafzimmer einschloss und mit dem Kleiderbügel auf sich einschlug.

Meine Großmutter mahnte zur Vorsicht. Es gelte und hier würden die Zeitungskolumnisten wohl aufhorchen, läsen sie dieses kleine Blog, es gälte Vorsicht walten zu lassen, Rücksicht zu nehmen, Massnahmen zu ergreifen und lieber zu lachen als nach einer Antwort zu suchen. Von meiner Großmutter also lernte ich:

Sei niemals Klassenbester, höchstens Klassendritte.

Akzentfreies Deutsch ist deine beste Lebensversicherung.

Trag niemals eine Brille, die deine Nase noch größer erscheinen lässt.

Lache über Judenwitze.

Verhalte dich unauffällig. Wenn Du einen neuen Mantel kaufst, trag dazu niemals auch die neuen Schuhe.

Tiefstapeln. Immer.

Frag niemals einen Deutschen nach der Vergangenheit. Nicke anerkennend, versichert man dir, natürlich habe man Juden versteckt.

Sei höflich, zuvorkommend und schmerzresistent. Das Leben in Deutschland hat seinen Preis.

Lerne alle Klischees, alle Vorurteile, alle Zerrbilder über Juden kennen, die es gibt. Umso sicherer bist du.

Meide Gedenktage an die Deutschen sich der Juden erinnern. Sie wollen unter sich sein. Wir stören nur.

Ich stritt mit ihr heftig und erbittert. Sie ließ nicht los, sie sah nach rechts und nach links ging sie über die Strasse. Sie sah noch einmal nach links und noch einmal nach rechts. Die Wirklichkeit hatte sie schon einmal getrogen.

Die jüdischen Freunde in New York und Tel Aviv und Paris lachten, wann immer die Sprache auf die Vorsichtsmaßnahmen meiner Großmutter kam.

Ich verteidigte sie.

Sie ist nicht verrückt, sagte ich.

Sie ist ein deutscher Jude.

Sie schwiegen dann die Freunde.

Eines Tages, damals lebte ich schon nicht mehr in Deutschland, sondern in Los Angeles, da traf mich mit meiner Freundin Miri, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. (Vorsicht, sagt die Stimme meiner Großmutter ). Miri und ich saßen in Santa Monica und sahen aufs Meer. „Wusstest du, dass ich in Düsseldorf geboren und aufgewachsen bin, sagte sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Miri“, sagte ich, du bist auch ein Jecke. Sie lächelte, denn sie war längst a Californian Princess als Kolumnenschreiber fürchte ich bemerken sie den Witz gar nicht. Aber damals als Miris Vater in Düsseldorf arbeitete, ging sie auf eine Grundschule. Sie war der Jude und die anderen Kinder waren es nicht. So ist das heute in Deutschland auch wenn in den Kolumnen immer etwas vom lebendigen Judentum steht, die Lehrerin jedenfalls, sagte, dass Miri neu und Jude sei und nach ein paar Wochen sagte Miri achselzuckend, sagten die Kinder, dass ihre Eltern sagten, dass die Juden alle ganz reiche Leute seien, die den Deutschen die Wohnungen nach dem Krieg weggenommen hatten und die Deutschen hätten auf der Straße gelebt und gehungert wegen der Juden. Die Juden würde man an ihren Nasen erkennen und die ganze Welt würde die Juden nicht mögen, weil sie sich schon immer für was Besseres gehalten hätten. Meine Freundin Miri war 1998 acht Jahre alt und am Nachmittag zu Hause nahm meine Freundin eine Küchenschere zur Hand und versuchte sich die Nasenspitze abzuschneiden. Meine Freundin Miri wollte kein Jude mehr sein. Zum Glück fand ihre Mutter sie rechtzeitig und ihr Vater beschloss das Experiment Deutschland zu beenden. Ihr Vater hatte zuvor mit der Lehrerin über die Sache mit den Juden und den langen Nasen gesprochen, aber die Lehrerin fand, dass sei doch nur ein Scherz, so seien Kinder eben.

Der Kolumnist unserer Tage aber zitierte einen Psychologen. Die ständige Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten erzeuge einen Juckreiz, der sich dann eben in hochgerissenen rechten Armen, Höcke-Reden oder Witze über den jüdischen Geschäftssinn ergießen würde.

Ich kenne im Gegensatz dazu aber keine Juden, die zum Beispiel beim Rewe am Morgen sie haben Milch vergessen, vom plötzlichen Verlangen überfallen werden einen Deutschen zu ohrfeigen, aber meinem Freund Aaron ist das in Deutschland mit seiner Kippa auf dem Kopf schon mehr als einmal passiert. Ist das der Juckreiz der empfundenen Rücksichtnahme, ein etwas grober Scherz mit dem sich endlich Luft verschafft?

Vor einem Jahr habe ich am 9. November aufgeschrieben, warum ich das Putzen von Stolpersteinen, die oft so offensiv vorgetragene Gedenkkultur und überhaupt die Vereinnahmung jener Toten, die eben auch meine Familie sind für so schmerzhaft, so problematisch, so erschöpfend halte.

Mich haben dazu viele böse Emails erreicht. Sie alle forderten mehr Rücksichtnahme von mir dem Juden, den Deutschen gegenüber, sie bräuchten diesen Raum, diese Steine, dieses Gedenken für sich. Das müsse ich endlich akzeptieren.

Es ginge nicht nur um die Befindlichkeiten den Juden.

Das Gleiche meinen die Kolumnisten wohl auch, schreiben sie über die Frage, ob es denn nun genug sei mit jener vielzitierten Rücksichtnahme, die es außer in der deutschen Imagination niemals gegeben hat.

Die Realität nämlich ist für Juden eine ziemlich ernste Angelegenheit, auch noch 73 Jahren.

Die besagte Kolumne finden sie so einfach, dass ich sie nicht verlinken muss.