Heiß, heißer, Suppe!

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In Ehren gehalten wie Onkel A. wird auch die einhenklige Suppenschüssel

Nach der Aufklärungssprechstunde aber laufe ich schnell über den Marktplatz, zweimal links, dreimal rechts, dann ums Eck und schon an der Straßenecke rieche ich es: meine liebe C. hat ihre berühmte Suppe gemacht. Einen Rindermarkknochen nämlich kocht die liebe C. über Stunden auf kleiner Flamme, wirft Möhren und Erbsen, dazu und macht die besten Grießklösschen mit frischem Thymian und Ei, aber die kommen erst ganz zum Schluss in die Suppe. Dann zieht die C. ein braunes Gewürzfässchen nach dem anderen vom Regal und salzt hier ein bisschen,pfeffert dort, greift in so viele Tiegel und Töpfe bis sie irgendwann ganz und gar zufrieden ist mit der Suppe und dann muss die Suppe ziehen. ( Die Suppe allerdings kann nur so lange ziehen, wie ich noch nicht zurück bin.)

Schon also renne ich die Treppe hinauf, werfe Schal und Mantel über einen Stuhl, küsse die C. zweimal rechts und zweimal links, greife nach dem Löffel und beuge mich über den Topf. Dann ist es für eine ganze Weile still. Die C. lacht. Wir werden dich bald in das Fräulein Suppentopf umbenennen sagt sie und ich werde rot. Die C. holt warmes Brot aus dem Ofen und ich schöpfe uns die heiße Suppe in die Teller, Shabbat Shalom und dann schlürfen wir die glühende, wunderbare Suppe. Denn das ist Teil des Ganzen: Heiß muss die Suppe sein, einem die Zungenspitze ansengen und einen durchwärmen von Kopf bis Fuß in nicht mehr als 30 Sekunden. Die Haare müssen einem zu Berge stehen vor wohliger Wärme und die Wangen glühen rot wie hundertjährige Äpfel. Nie habe ich verstanden, wie Leute Suppe essen können, die mit gespitzten Mund die Suppe kühlen und fürchten sie mögen vergehen an der Glut, die jedem richtigen, echten und wahren Suppentopf innewohnt.
Ich nämlich komme aus einer Familie der Heißesser, schon bei meiner Großmutter dampften die Kartoffeln, so dass die Fenster beschlugen, Wiener Schnitzel, die sie einer gewaltigen gusseisernen Pfanne in brutzelnder Butter briet, zischten und fauchten, landeten sie mit Schwung auf dem Teller, der Grießkoch blubberte unter dem schweren Federbett und meine Großmutter legte noch eine heiße Wärmflasche obendrauf, niemals hätte meine Großmutter einen Braten anders als resch aus dem Ofen auf den Tisch gebracht und das Chili, das meine Großmutter konnte brachte Bauarbeiter zum Weinen und Stahl zum Schmelzen. Der Tee ( mit Kandis natürlich ) ließ das Glas knacken und die Hühnersuppe meiner Großmutter war ein Vulkan, der selbst einem weitgereisten Rabbi Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meine Großmutter blieb unbeeindruckt. Nur einmal bat ein Gast um Kühlung der Speise, meine Großmutter aber warf ihm einen Blick zu, der von nichts Gutem kündete und sonst für Gäste, die mit dem Fischmesser ein Steak teilen wollten, reserviert blieb . „Ich kann nicht kalt kochen, sagte sie und der Gast sah verzweifelt auf seinen brodelnden Teller hinab. Wir aber die Heißesser schlürften genüsslich und schüttelten verständnislos den Kopf. Später erst sind mir Kaltesser begegnet. Der F. zum Beispiel rennt regelmäßig mit dem Teller zum Fenster um- man stelle sich das einmal vor- die Suppe zu kühlen und als ich vor Jahren in Madrid zum ersten Mal überhaupt kalte Suppe kredenzt bekam, unwissend aber und voller Vorfreude den Löffel tief hineintauchte, nur um auf einmal kalte Gurken und Tomaten in meinem Mund zu finden, hielt mich nur die Erziehung meiner Großmutter-Contenance mein Kind- davon ab, die Suppe auf den Tisch zu speien. Kalte Suppen aber kann ich nichts anderes als Misstrauen entgegenbringen. Kalte Suppen sind nur dem Namen, nicht aber dem Wesen nach Suppen. Sie trösten nicht, sie riechen nicht nach der Speisekammer, in ihnen liegt keine Seele, keine Familiengeschichten, wie die von Onkel A., der uns Kindern den Suppenkasper verdeutlichen wollte, dabei zu arg am Tischtuch riß und geistesgegenwärtig, nicht Leib noch Leben rettete, sondern die Suppenschüssel packte und so will es die Legende noch im Flug, mit gewaltigem Schlürfen und Schmatzen die natürlich wie bei Heißessern üblich, kochende Suppe verschlang. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Wohl wahr ist aber, dass Onkel A. immer rote Ohren hatte und die auf den Verzehr der guten Suppen schob und auch die Suppenschüssel, die heute in meinem Geschirrschrank steht, hat nur mehr einen Henkel. Ach, was waren das für Zeiten als auch ich unter überzeugten Heißessern lebte. Der Tierarzt aber der nicht isst, sondern pickt wie ein Vögelchen, hat den ersten Löffel Suppe erst dann verzehrt, wenn die Suppe längst Kaltschale geworden ist. Der Priester, mein sonntäglicher Mittagsgast pustet wie der irische Nordwind über das Roastbeef und rührt die Katrtoffeln erst an, wenn sie kalte Steine auf dem Teller geworden sind. Manchmal sieht er zweifelnd zu mir herüber: „Fräulein Read On sagt er dann, Sie verbrennen sich doch die Zunge.“ Ich meinerseits sehe voll Unglauben auf seinen Teller, auf dem nichts mehr brutzelt, keine Butter schäumt und keine Kartoffeln mehr dampfen. Zwar nicke ich freundlich zum Priester hinüber, aber im Grunde meines Herzens bin ich erleichtert, ein wahrer und echter Heißesser zu sein, Teil einer langen Kette von Menschen, die Speisen nie anders als brennend heiß verzehren. Onkel A. schließlich war derjenige, der am lautesten mit dem Suppenlöffel auf den Tisch schlug und anhob zu singen : vos habn mir tsu mitog haynt, fragt Yossele der mamen./mir vilt zikh ezen mamenyu, kartofzup mit shvomen. Wir sangen mit ihm und zuckten nicht mit der Wimper als uns der erste Löffel die Augenbrauen versengte, denn so muss es sein, nur so findet man in das Herz einer jedenSuppe.
Schließlich sind es wir die Heißessser, die auf die Frage nach heiß, heißer…. nie mit am heißesten, sondern immer mit „ Suppe!“ geantwortet haben, das Gesicht immer schon tief über den dampfenden Teller gebeugt, während auf dem Herd schon die Kartoffeln bollern und die Butter laut brutzelnd und prasselnd in der Pfanne zu schmelzen beginnt.

Chana

Ein halbes Jahr bist du jetzt tot Chana und heute war ich das letzte Mal in Deiner Wohnung. Am Ende des Monats ziehen dort Leute ein, die dich nicht mehr kennen. Sie und auch kaum jemand sonst kennen Iași, den gar nicht mal kleinen Ort in Rumänien, in dem du geboren wurdest. Aber als Du geboren wurdest, da war Iași ein Zentrum sephardischen Judentums. Dein Vater schrieb für die allererste jiddische Zeitung Korot Haitim und das jiddische Theater, das Franz KIMG_4278afka so gefiel, war wie Du in Iași beheimatet. Aber Dein Iași gibt es nicht mehr. Tojt sind die Juden aus Iași. Tojt war das erste Jiddische Wort was ich lernte, aber ich hatte es nicht von Dir, sondern von meinem Großvater, der hatte Jiddisch im Lager gelernt, meine Großmutter natürlich hielt vom Jiddischen nicht viel. Ghettoluft sagte sie und schüttelte den Kopf.Von Dir aber Chana, hielt meine Großmutter sehr viel und ich sehe euch beiden noch vor mir, wir ihr zusammen saßt und  nur weil sie so viel von Dir hielt Chana, sagte sie nichts, wenn Du mit mir in der Küche verschwandest und immer und ausschließlich  Jiddisch mit mir sprachst. Mathematiklehrerin wolltest du werden, aber als man alle zum Tojt zu farhézn begann, da war kein Platz mehr für Träume und Pläne. Chójeschech: Finsternis kam. Du kamst davon. Meine Großmutter  und du ihr wart beide gescheitert an Jerusalem und so kamt ihr zurück ins héjmland oder das was davon übrig war. Viel war es nicht. Einen Mann, zwei Söhne, später dann eine Änderungsschneiderei. Dein Mann war aus der Terkáj und eines Tage nicht mehr da. Die Söhne, sehr gut in Mathematik gingen zurück nach Israel. Du bliebst in Berlin. Ich war dein méje oder auch dein méjdele  So viele Jahre habe ich bei dir in der Küche verbracht. Woß hert sich naiß?, Was gibt es Neues, wolltest Du wissen und schon saß ich auf dem Stuhl und durfte dir nicht helfn. Eine Biskuitrolle braucht nur zwanzig Minuten,sagtest du, die will ich dir bákn frisch. Stundenlang haben wir geredet und alle meine Jiddischen Wörter habe ich von Dir. Viele davon habe ich übernommen, immer habe ich deinen Tonfall im Ohr. Méjdele, ich weiß gar nicht, der Kójmenkerer, der Schornsteinfeger hat doch kommen wollen hajtn. Und kamst du zurück von den Söhnen aus Israel und wir gingen im Grunewald spazieren, da schütteltest du den Kopf an die Tejtelbojm– an die Dattelpalmen hast du dich nicht gewöhnen können. Der Menjsch muss haben richtige Welder. Die Wälder von Iași gab es ja auch nicht mehr. Und später als sich die Rollen vertauschten und du an meinem Esstisch saßt mit den anderen Davongekommenen, da  wolltest du von mir wieder und wieder das Lied von den Zen Bridern hören. Zen Brider senen mir gewesn. Von Deinen Brüdern und Schwestern, den Eltern hast Du nur ausnahmsweise und andeutungsweise erzählt. Bewaschn in trern.  Die Stimmen aus Iași waren farschtúmt. Vor vier Wochen dachte ich, es ginge schon eine Biskuitrolle nach deinem Rezept zu machen, aber die trojer- die Trauer  ist mir dazwischengekommen. Mejedele hättest du gesagt und wie immer wenn ich traurig war hättest du meinen Kopf in deinen Schoß gezogen und ganz leise, so das nicht einmal ich es verstand ein Lied angestimmt aus Iași einem Ort in Rumänien, den es ohne dich noch weniger gibt. Si is asá  schejne, hast du über mich gesagt und dabei bin ich alles andere, nur nicht schön. Chana du warst die Schöne von uns beiden und Chana-le du und deine Worte, die mich doch hielten, ihr fehlt mir so.