Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.

Fast eine Woche später

Die Katze habe ich die ganze Woche kaum gesehen.

Die Katze hat ja auch ihren eigenen Sessel.

Die T. sagt: „Ist das nicht wie enorm, wie die Katze mit einer blossen Schwanzbewegung mitteilen kann, ob sie mehr Milch möchte?“

Ich entschuldige mich für die Katze und die Manieren.

Die T. streichelt die Katze und sagt: „So eine gute Katze!“

Die Katze grinst.

Den treuen, alten Hund immerhin sehe ich öfter.

Aber auch nur weil der J. Abends Sport macht.

Der Hund hat es eher nicht so mit Sport.

Aber am Abend nach der Fabrik gehen der Hund und ich spazieren.

Die Häuser hier sind alle groß und haben einen Garten. Selbst im Januar sieht man, dass hier die Rasenflächen mit der Nagelschere nachgeschnitten werden.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig umher.

Andere Hunde habe ich noch nicht gesehen.

Vielleicht gehen die vornehmen Hunde die neben ihren Besitzern vor einem Kamin sitzen, aber auch nur tagsüber spazieren und lesen am Abend in: 101 Gründe warum Katzen immer alles besser wissen und was kluge Hunde dagegen tun können.“

Aber tagsüber bin ich nie bei T. und J.

Tagsüber bin ich in der Mondsteinscheibenfabrik.

2,3 Kilometer sind es von der Haustür zur Bahnstation.

Ich laufe, aber sonst läuft morgens nur eine Frau mit einer Stirnlampe ihre Runden. Sie läuft aus anderen Gründen als ich.

Nur einmal bin ich diese Woche so richtig nach irischer Fasson eingeregnet.

Das ist keine schlechte Bilanz.

Die Nachbarn zur Linken haben ein großes, helles Wohnzimmer.

Das ganze Zimmer ist voller Bücher.

Abends bevor ich den Schlüssel aus der Tasche krame sehe ich in ihr Zimmer herein.

„Wie das voll ist, frage ich mich dann immer, so ein vollständiges Leben zu haben?“

Ich habe nur einen Flickenteppich, zwei Koffer, eine Katze, den treuen alten Hund und die wieder säuberlich gestapelten Kisten mit Traurigkeit. Weiter besitze ich einen blauen Rucksack und zwei Taschen. Im ledernen Luggage holdall sind Tierarzt Dinge. Manchmal lege ich meine Hand auf seinen Lieblingspullover. Ich will ihm sagen. „Ohne dich sind wir drei haltloser noch als zuvor.“ Aber der Tierarzt hört ja nicht mehr zu. Dann schiebe ich das luggage holdall wieder ganz tief in den Schrank hinein.

Ich wohne noch immer weit weg vom Meer.

Ein neues Schwimmbad habe ich noch nicht gefunden.

Vor meinem Fenster steht ein großer Baum.

Es ist gut einen Baum in der Nähe zu wissen, sage ich mir.

Der Baum und ich sehen uns selten, aber manchmal ist mir als winkte mit der Baum im Dunkeln zu.

Ich winke immer zurück.

Es regnet vor meinem Fenster. Ich bin froh um den Regen. Der Regen sage ich mir, ist eine bewegliche Wand auf die Verlass ist. Ich möchte mich gern auf den Regen verlassen.

Die ersten Nächte habe ich lieber auf dem Fussboden geschlafen.

Der Boden und der Baum sind sichere Orte habe ich gelernt.

Geschämt habe ich mich trotzdem.

So viel Angst liegt vor dem Davonkommen.

Die T. bringt mir immer mehr Decken.

Vor meinem Fenster steht ein kleines, rotes Segelboot aus Holz.

Ich nehme es oft ganz vorsichtig in die Hand.

Ich sagte mir gern: „Leinen, los.“

Aber dann ist es schon wieder spät und ich muss zusehen, dass ich den Zug in die Fabrik bekomme.

Ich ziehe mir Gummistiefel an.

Der Hund zieht ein Gesicht.

Die Katze grinst und rollt sich auf T.s Schoß zusammen.

Der Hund und ich tappen ins Dunkle.

Der Regen fällt mir schwer ins Gesicht.

Der treue, alte Hund seufzt.

Auf den Rasenflächen stecken die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe heraus.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig, damit die Schneeglöckchen keinen Schaden nehmen.

In Berlin gehe ich ganz vorsichtig, um nicht auf einen Stolperstein zu treten.

In Irland gehen der Hund und ich ganz vorsichtig, damit keine Blumen Schaden nehmen.

So unterscheiden sich die Böden und die Füße der Länder.

 

Schnell genug

Noch einmal oder schon wieder umziehen.

Das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Ich weiss, sage ich zur Katze. Ich weiss doch, schön ist das nicht.

Aber selbst die Katze, die es doch zu einem Grundsatz gemacht hat, mit mir niemals einer Meinung zu sein, schweigt und nickt mir zu, so als wolle sie mir sagen. „Schon Recht, ich seh es ein, aber gib mir ein oder zwei Tage, ich will den schönen Kater noch einmal wiedersehen.

Soll sein Katze, soll sein, sage ich.

Ich weiss, sage ich zum treuen alten Hund, ich weiss, leicht ist das nicht.

Aber der treue, alte Hund, der doch Veränderung nicht leiden mag, schleppt seinen Schuh heran und legt ihn auf den Koffer. Dann bleibt der Hund einfach sitzen.

Ich denke an die Frau des Krämers. Die Frau des Krämers wusste natürlich gleich, dass mein Weggang aus dem Dorf in der Katastrophe, meiner wohlgemerkt nicht der des Dorfes enden würde. Das kleine Dorf wird es immer geben und

Meinen Einwand, dass das Dorf diametral entgegengesetzt zur Mondsteinscheibenfabrik liegt und das Haus zu einem Preis verakuft wurde, den ich auch in zwei Arbeitsleben nicht werde aufbringen könne, liess die die Frau des Krämers nicht gelten. „Sie werden schon sehen“,  sagte sie finster und ich packe meine Schuhe ein und werfe so viele Dinge weg, damit ich wenn ich wieder umziehen muss, noch schneller sein kann. Immer noch schneller, sage ich mir und halte mich mit den Händen an meinen Armen und mit meinen Armen an der Wand fest. Sonst ist ja auch niemand da.

Auf Schnelligkeit kommt es an, wenn man Schlägen ausweichen will, das weiss ich schon so lange. Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Lieber weitergehen, denke ich und hoffe eines Tages wird auch die Frau des Krämers aufhören Recht zu haben. Aber manchmal befürchte ich die Frau des Krämers wird immer Recht behalten und noch mehr fürchte ich, dass ich eines Tages nicht mehr schnell genug sein werde und dann hat das Schicksal oder wer auch immer sich gerade als Schicksal verkleidet mich bei den Haaren packt und nicht mehr gehen lässt.

Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Das weiss ich ganz genau.

Also dann, sage ich und packe das was ich habe in zwei Koffer und einen Rucksack, die vielen Kartons mit Traurigkeit hab eich gar nicht erst aufgemacht, sondern sie stapeln sich links und rechts und in der Mitte. Alle Kartons sind sorgfältig nummeriert. Man soll sich vorsehen, dass die Traurigkeit nicht durcheinander gerät. Wenn die Traurigkeit erst einmal ausbricht aus den Schachteln und Kartons, dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für die Traurigekit und auch nicht für mich.

Die Bücher trage ich ins Büro.

Es sind immer die Bücher, die mich dann doch noch aufhalten. Immer schon. Man muss nur wissen, was einen aufhalten wird.

Das ist alles, was man wissne muss.

Die Katze kommt in den Korb.

Der Hund kommt an die Leine.

Der Taxifahrer sagt:

„Hund und Katze geht das denn?“

„Sie haben mein Kälbchen noch nicht gesehen“, sage ich.

Der Taxifahrer starrt mich an.

„Ist das alles?“

Ich nicke.

Mehr ist es ja nicht.

Die Katze schwenkt missmutig ihren Schwanz.

Die Katze findet ein Korb, auch ein besonders feiner Weidenkorb sei kein angemessenes Transportmittel für eine Majestät.

„Verkehrssicherheit“ zische ich der Katze zu.

Der Hund rollt sich auf dem Boden zusammen.

Der Taxifahrer erzählt mir lang und breit, was er so alles mit Politikern zu tun gedächte.

Der Taxifahrer ist dabei nicht unbegabt.

Der Taxifahrer hupt.

Er sagt ich solle mir seine Nummer notieren.

„Er sei schnell da.“

„Das ist gut zu wissen“, sage ich.

Dann sind wir da.

„Aufgepasst“, sage ich zu Hund und Katze.

„Der erste Eindruck ist entscheidend.“

Der Hund verzieht sich hinter meine Beine.

Die Katze knurrt misslaunig.

Wäre ich nur in der Lage Kätzisch zu verstehen, so sagte sie gewiss: „Hast Du schon einmal jemanden bella figura in einem vergitterten Weidenkorb machen sehen?“

Bevor ich: „Contenance“ zischen kann, geht die Tür auf.

In der Tür steht die T.

„Ihr Lieben!“ sagt sie. Ich freue mich so.

„Es tut mir so leid, sage ich.“ Die Katze hat gar keine Manieren und der Hund hat auch keine Manieren, aber der Hund bemüht sich.

Die T. Sagt: Wie hat denn die Katze ihre Milch am Liebsten? Im Flur hat die T. Bilder ihrer drei leider verschiedenen Perser-Katzen hängen.

Die Katze verlässt erhobenen Hauptes den Korb und himmelt die T. an. Zwei Minuten später schnurrt sie auf dem Arm der T. Fünf Minuten später schleckt die Katze Milch. Zehn Minuten später hat die Katze einen Sessel zugewiesen bekommen. Der Sessel hat Kissen. Die Katze sieht mich an: „Das ist eben dein Problem Read On, nur weil dich niemand liebt, nimmst du an, das müsste allen so gehen. Sieh wie Du dich irrst!“ So viel Kätzisch kann ich dann doch.

Der Mann der T. krault den Hund hinter den Ohren und sagt: „So ein treuer, alter Hund.“ Die T. wollte ja immer Katzen, aber ich wollte immer einen Hund.“ Der Hund schnorchelt leise und sehr zufrieden. Der Hund hat nichts gegen Freundschaftsbekundungen, der Hund will nur mit Menschen nichts zu tun haben, die einen Ball in die Luft werfen und finden ein Hund sollte den Ball fangen und das auch noch gut finden. Aber der J. will den Hund nicht zu Albernheiten zwingen. Der J. will Fernsehen schauen und den Hund streicheln. Der Hund sieht gern fern und J. hat warme Hände.

Die T. zeigt mir mein Zimmer.

Das Zimmer geht in den Garten hinaus.

Ich müsste mir die Schuhe ausziehen.

Ich müsste die Koffer auspacken,

Ich müsste die Kisten mit Traurigkeit ordentlich stapeln.

Ich müsste Schwesterchen und die liebe C. anrufen.

Ich müsste herausfinden, wie ich zur Bahnstation komme, die zur Mondsteinscheibenfabrik führt.

Ich müsste der T. und dem J. noch einmal danken.

Aber ich kann nur auf dem Stuhl sitzen und in den Garten sehen und wieder und wieder denken: Du warst noch einmal schnell genug.

So lange sitze ich auf dem Stuhl und sehe in den Garten bis die Stimme in meinem Kopf leiser wird und ich kaum mehr hören kann, wie sie sagt: Was ist wenn du zu langsam gewesen wärst?

Noch einmal schnell genug davongekommen.

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissenAn jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Der Tag ist noch müder als der alte, treue Hund und ich.

Der Hund sieht mich zweifelnd an.

„Doch“, sage ich, heute wird ein schöner Tag.

Der Hund gähnt.

„Du wirst schon sehen“, sage ich.

Der Hund seufzt so wie Kinder seufzen bevor sie zu ihren Eltern sagen: „Immer muss ich machen, was ihr wollt. Nie darf ich.“

Der Fußweg ist dreckig.

Bierdosen, Zigarettenkippen, eine Schüssel mit Biomüll, ein zerrissenes Handtuch, ein alter Schuh, ausgespeibter Kaugummi. Tüten in denen einmal fettiges Hähnchen gewesen sein mag. Alles ist voller Müll. So viel geben die Menschen auf sich, aber auf das wo sie leben geben sie nichts.

Der treue, alte Hund und ich gehen auf der Straße. Scherben sind nicht gut für Hundepfoten.

Langsam gehen die Straßenlaternen aus. Eine nach der Anderen.

Wie schade das doch ist, denke ich, dass es keine Nachtwächter mehr gibt, die singend durch die Straßen ziehen.

Der treue, alte Hund und ich nehmen den ersten Zug nach Howth.

Wir sind ganz allein. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Müde ist der Hund, nicht morgenmüde, sondern müde an sich.

Der Hund ist alt.

Der Zug rattert durch die Vorstädte und kurz bevor der Zug zum letzten Mal anhält, wecke ich den treuen, alten Hund.

Dann wandern wir durch das noch schlafende Städtchen. Noch schlafen auch die Touristen.

Der treue, alte Hund kennt den Weg. So oft sind wir ihn schon gegangen, den Cliff Path über Howth. So gehen wir langsam die Klippen hinauf, mild ist der Morgen, manchmal im Januar tut Irland so als läge unsere Insel am Golf von Neapel und nicht an der irischen See und dem Atlantik. Im August käme Irland niemals auf die Idee uns den Süden vorzugaukeln, aber manchmal im Januar krempelt der Wind sich die Hemdsärmel auf und erzählt uns von einer Liebe im Süden.

So oft sind der Hund, der Tierarzt und ich hier gegangen. Wieder und wieder. Der Tierarzt mochte am Liebsten im Gehen reden, und so liefen wir weiter und weiter auch dann noch als der Tierarzt eigentlich gar nicht mehr gehen konnte. Hier zwischen dem Ginster und den schroffen Felsen zur Linken liegen so viele Gespräche von uns. Angefangene und Abgebrochene. Aber jetzt fassen meine Hände ins Leere und der Ginster, die Felsen und auch das Meer schweigen.

Der Hund seufzt.

Ich seufze.

Schweigend gehen wir die alten Wege entlang.

Ganz oben, noch vor dem Leuchtturm kämmt sich die Sonne das goldene Haar. Die Sonne ist großzügig heute, mir legt sie eine goldene Hand auf den Arm und auch dem Hund schenkt sie goldenen Glanz.

Heute wird ein schöner Tag, sage ich noch einmal und diesmal gähnt der Hund nicht.

Wir steigen zum Leuchtturm hinunter und ruhen uns in der Mitte der Sonne und im Ginster aus.

Ganz blau ist das Meer, ganz mild wie der Morgen ist das Meer.

Dann gehen wir zurück auf den Pfad und zurück in den Ort. Inzwischen kommen uns Sportler und Wanderer mit guten Vorsätzen. Die Sportler haben wenig Geduld mit den guten Vorsätzen und die guten Vorsätze sitzen bald am Wegesrand.

Auf dem letzten Kilometer wird der Hund so müde, dass er nicht mehr gehen mag.

Ich schleppe den Hund zur Bahn zurück.

Die Leute sehen mich seltsam an.

Vielleicht denke ich, lieben sie niemanden der müde Füße hat.

Der Hund kriecht in mich hinein.

„Für müde Pfoten muss man sich nicht schäme“, flüstere ich dem treuen, alten Hund ins Ohr.

Der Hund schläft auf der Rückfahrt. Ich sehe aus dem Fenster.

Zurück zu Hause schläft der Hund vor dem Kamin.

Die Katze poltergeistert herum.
Ich bringe die Decken in den Waschsalon. Dort drehen sich die Deckbetten für ein paar Stunden in einer riesigen Maschine.

Herr X. Besitzer des Waschsalons hat auch gute Vorsätze gefasst.

Dieses Jahr wird er seinen Schwager nicht wieder für vier Wochen beherbergen.

Noch wichtiger aber Herr X. macht ernst mit dem Verkauf nicht abgeholter Wäsche nach der festgesetzten Frist.

Herr X. sagt: „Sie sind meine Zeugin.“

Ich nicke ernst.

Herr X. ist beruhigt.

„Haben Sie auch Vorsätze gefasst, Fräulein Rad On?“

„Nein, sage ich, mir sind die Nachsätze lieber.“

Das leuchtet Herrn X. ein.

„Ihre Betten sind sicher“, sagt er.

Ich bin darum sehr froh.

Dann gehe ich einkaufen.

Im ersten Laden kaufe ich Käse.

Ich vergesse die Eier.

Im zweiten Laden kaufe ich Trauben, zwei Kaki, Rosmarin, Thymian, Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Milch, Reis, Joghurt, Nussschokolade, ein Netz Orangen und Entenbrust.

Ich vergesse die Eier.

Im dritten Laden stehe ich lange im Gang.

Ich überlege was fehlt?

Cottage Cheese? Clementinen? Griechischer Joghurt?

Kurz bevor ich den Laden verlasse, fällt es mir ein.

Ach, ja klar: Waschmittel.

Im vierten Laden dann: sechs braune Eier. Die organisch-glücklichen Hühner auf der Pappe grinsen hämisch.

Zuhause klingelt das Telefon.

Dann geht die Tür.

Der Nachbar hat sich ausgeschlossen.

Den Ersatzschlüssel findet die M. nicht.

Dafür habe ich ja das 15er Skalpell.

Der Nachbar ist erleichtert.

Er hat Reis auf dem Herd.

Ich blättere durch die Zeitung.

Im Radio spielt Yehudi Menuhin Geige.

Ich mache Ente mit Orangensauce für die M., den Hund und die Katze.

Die M. heizt den Kamin an.

Die Schokoladencreme brennt nicht an.

Die M., der Hund, die Katze und ich haben warme Füße und die M. dazu noch ein Glas Wein.

Die M. lächelt und erzählt von einem völlig missratenem Cassoulet, die Katze schnurrt und träumt vom Mäusefasching, der Hund liegt vor dem Feuer und seine Pfote deutet einen langsamen Walzer an.

Heute wird ein schöner Tag, das habe ich doch schließlich versprochen, ganz früh am Morgen, noch halb im Bett, neben mir die müde Nacht und ein Viertel Tag.

12 Bilder, ein Tag. Irland Ausgabe

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

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Zugausblick. #1v12 #12von12 #morningcommute

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Meine Tage beginnen alle mit einer Zugfahrt. Seitdem ich in Irland lebe, pendle ich und ich tue es nicht gern. Die Züge sind unpünktlich, alt und abgeranzt. In all den Jahren habe ich noch nicht einen neuen Zug gesehen. Verspätungen sind die Norm, Fahrplanwechsel passieren einfach und die Idee, dass man bei Verspätungen eine Entschädigung bekäme ist der irischen Bahn vollständig fremd. Wer so dumm ist zu pendeln, der ist selber schuld, so ihr Motto und nein, ich pendle wirklich nicht gern.

Die Mondsteinscheibenfabrik am Morgen. Wie wohl jede Fabrik ist auch diese Fabrik eigentlich ein Roman. Ich wäre nicht verwundert, käme eines Morgens auch Thomas Buddenbrook mit mir zur Tür herein.

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Eisiger Blick. #3v12 #12von12 #polarbears #theymadeitsofar

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In der Kantine sind die Eisbären los. Sie machen ziemlich ernste Gesichter, das mag an der weiten Reise liegen, aber man erzählt sich, dass sie Nachts, heimlich Wasserball spielen und an gefrorenen Lachswürfeln lutschen. Die Eisbären also sind voller Ernst und Würde und auch wir gehen alle ein bisschen aufrechter. Niemand will der Erste sein, den ein mächtiger Prankenschlag trifft.

Den lieben langen Tag also tue ich lauter Dinge, von denen hier nicht berichtet werden kann. Aber berichtet werden kann von meiner grossen Liebe zu Snickers Riegeln, die mich regelmässig davor bewahren den Geduldsfaden mit der Auszubildenden zu verlieren. Snickers und der Weltfrieden it’s a thing!

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Letztes Licht. #5v12 #12von12 #blauestunde

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Die Fabrik liegt in einer Landschaft, die eigentlich ein Märchenwald sein müsste. Vielelicht schleicht ja doch ein Zauberer in einem himmelblauen Mantel durch die Wiesen und Felder, lehnt sich an einen Baum und liest Benn-Gedichte, die doch viel zu viele Rosen haben.

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Die Welt mit Kinderblick. #6v12 #12von12 #augenblick

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Auf dem Heimweg er erhöhe ich auf Bus und Bahn. Im Bus sitzt ein kleines Mädchen vor mir. sie dreht sich um und sagt: „Willst du meine Freundin sein?“ Ich will natürlich unbedingt ihre Freundin sein. Sie malt mit der Fingerspitze lauter Figuren an die beschlagene Fensterscheibe und ich male mit. Immer wieder sehe ich unendlich gern dabei zu wie Kinder unsere Welt besehen. Wir winken uns zum Abschied lange zu. So macht man das unter Freunden.

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Blick ins Glück. #7v12 #12von12 #swimming

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Mittwochabende sind Schwimmbadabende. Ein Schwimmbad ist ja auch ein kleines Meer, wenn auch eher eins aus Menschen, denn aus Schaum und Salz und kaltem Wind. Das Menschenmeer riecht nach den Parfümgeschenken vieler Schwiegermütter aus dem vergangenen Jahr, die jetzt doch wenigstens einmal probiert werden müssen, denn bald gibt es eine Flasche in teurem Papier. Ich schwimme jeden Tag. An den ungeraden Tagen drei Kilometer und an den geraden Tagen fünf. Manchmal tue ich so als ein gerader, eigentlich ein ungerader Tag und manchmal so als ein ungerader ein gerader Tag. So ist das mit mir.

Es gibt Menschen, die sehen nach dem Sport aus als seien sie geradewegs eine Schwester der schaumgeborenen Aphrodite. Ich leider nicht. Ich sehe aus als sei ich gerade noch einmal dem Nöck entkommen, wenn ich mich aus dem Wasser hieve. Mein Haar ist struppig und ich schniefe wie ein Walross. Ich wünschte das wäre anders, aber es ist eben genau so.

Draussen braust der Sturm. Die beste Aussicht haben die Heiligen. Aber ihnen weht auch Wind ins Gesicht und ich bin mir sicher alle Heiligen haben einen fiesen Schnupfen. Hatschi!

Irgendwann muss der Mensch ja auch etwas anderes essen als Snickers-Riegel.

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Blick ins Buch. #11v12 #12von12 #nowreading

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Was schon so spät? Ian McEwan hat eine Oper geschrieben und ich summe ein bisschen vor mich hin.
Nicht im Bild, der schnarchende Hund, die schnurchelnde Katze und der hustende Wind vor dem Fenster.

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Gute Nacht. Das Licht ist aus. #12von12 #12v12

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Jetzt aber Licht aus. Die Glühbirne mag auch schon nicht mehr.
Augen zu und Miau!

 

Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“

Die Strasse nach Westen.

Das Auto ist silber und schwer. „Wirklich?“, frage ich. Der verehrte Herr Direktor nickt.„Es ist nur ein Auto“, sagt er achselzuckend. Ich zucke zusammen und fahre dann doch. Leise ist das Auto, anders als der alte Volvo holpert er nicht, knirscht nicht, das Direktorenauto gleitet still durch den Morgen.

Ich denke an die Barke, die schwarze Gondel in der Gustav von Aschenbach durch die Kanäle von Venedig gleitet. „Habe ich sie nicht gut gefahren?“, fragt der Gondelier, der vielleicht jemand ganz anders ist den Fremden mit seinen Koffern. Aber ich frage nicht, der Direktor telefoniert und ich fahre auf der langen Strasse nach Westen, schon liegt Dublin hinter uns, eine Autobahn wie sie es viele gibt. Thomas Mann geht mir im Rueckspiegel verloren. Sie machen ihr Literaturgesicht, sagt der Direktor. Ich nicke. „Der Tod in Venedig sage ich, eine Wasserstrasse 19xx, vor dem ersten grossen Krieg.“ Er nickt und schweigt. Seine Zitate sind aus Veep einer Serie, die ich googlen musste und meine Sätze sind aus dem vorherigen Jahrhundert. Das ist die Entfernung aus der wir sprechen, vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen, auch hier auf der Strasse nach Westen.

Obama Plaza heisst die Raststätte an der wir halten. Obama hat natürlich einen irischen Verwandten und jetzt auch eine Raststätte. Fotos kann man dort sehen, die Statue aber von ihm und Michelle ist nicht zu sehen. Vielleicht wird sie grundgereinigt oder winterfest lasiert, wer das weiss schon genau. Wir trinken Kaffee und bewundern die Raststättendamen, die fuer die LKW-Fahrer, Familienersatz sind und natuerlich finden sie auch fuer ein schluchzendes Kind ein roten Luftballon. Es riecht nach Kaffee, Fluessigseife, nach Bratfett und langen Touren. Ein Trikot an der Wand. Rot-weiss und Obama. Ein riesiges Bild an einer Stele: Obama steigt aus dem Helikopter, irisches Wetter. Der Präsident strahlt, der nächste LKW-Fahrer kommt und die Raststättendamen rufen: John, nearly there, nearly there. Was fuer ein Satz. Wir fahren weiter, die Berge zu unserer linken sind eine Regenwolke, graue Schatten vor uns und neben uns. Wir streiten uns ueber die Frage, aus welcher Entfernung man wohl das Meer riechen kann. Dann der erste Ort unserer Reise. Ein Strassendorf mehr, ein Postamt ( geschlossen), ein Pub ( offen), die Polizei (offen). „Ein Polizist“, sage ich, quietschende Reifen. Vielleicht lacht der Herr Direktor. Der Polizist hat Zeit. Seine Wegbeschreibung ist die Chronik des Ortes, wir finden die Veranstaltung dennoch. Ein Direktorenvortrag und viele Gespräche später wieder die Strasse, weiter nach Westen.

„Fräulein Read On“ sagt der Direktor, denken sie es wäre moeglich an einem Pub zu halten. Ich nicke. Zwei Countryhotels, einen Gastropub und drei Doerfer weiter halte ich an. Jim O’Hara, ein rotes, verwittertes Schild, verschmierte Fensterscheiben, der Wirt steht in der Tuer und schreit zum Fleischer herueber. „Ich wusste, dass Sie hier anhalten, ich wusste es.“ „Bier oder kein Bier, Herr Direktor, das ist hier die Frage.“ Der Wirt starrt uns an. Zwei lachende Fremde. Ein Pint für den Herrn, ein Wasser mit Sprudel für mich. Der Wirt starrt noch strenger auf usn herab. Er schüttelt den Kopf. Fremde, was soll man da anders erwarten. Das Mobiliar ist alt und verwittert. Stühle aus altem, verwitterten Holz, Tische mit Wachsflecken und eingeritzten Strichen lang schon vergangener Kartenpartien. Im Pub neben uns der Doktor nach den Hausbesuchen, die Trinker des Ortes und in ihrer Mitte eine Frau mit wasserstoffblonden, herausgewachsenen Haaren und langen Fingernägeln. Sie erzählt von ihrem Sohn, der anderswo Geld macht und sich nicht mehr um seine Mutter schert und die Trinker trinken. Sie heben ihre Gläser und so beginnt ein Abend, dem viele andere Folgen. Der Direktor wird seine Krawatte los und die Frau mit den Haaren, die so verdächtig einem Waschbären ähnelt, wirft mir verächtliche Blicke zu. Aber hier bei Jim O’Hara sind alle Fremde. Der Wirt trinkt einen klaren Schnaps. Wir sehen aus dem Fenster. Noch 50 Kilometer. Die Dorfjugend kommentiert das silberne, schwere Auto auf der Strasse. „ So wollte ich nie werden“, sagt er. „So sind Sie nicht“, sage ich. Die Dame fährt, sagt er zu den Jugendlichen auf der Strasse. Das Auto schweigt, silbern und schwer.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“