In den Bergen, über dem See

Etwas Unwirkliches hat die Landschaft in Wicklow. Zu schroff sind die Felsen links und rechts der Strasse, hier findet sich kaum das satte Grün, das doch alle in Irland suchen, hier sind Geröllhänge und glatter, schwarzer Schiefer und der J. neben mir im Auto mit halbgeschlossenen Augen sagt: „Du wolltest mir Irland zeigen, dabei ist das die Landschaft meiner Mutter irgendwo in Uttar Pradesh. Ich bin nie dagewesen. Aber jetzt eben doch.“ Ich nicke,zu schmal sind die Strassen für lange Antworten. Überhaupt sind es eigentlich keine Strassen, sondern breitere Kanten auf denen man sich vorsichtig weiter und weiter hinein in die Berge bewegt. Das ist keine Landschaft für Autos, denke ich links und rechts und immer schmaler, dies ist eine Landschaft für einen Reiter und ein Shetlandpony, für einen Esel und zwei Körbe links und rechts an seiner Seite, eine Landschaft für einen Schäfer und seine Herde, dies ist die Landschaft in der sich der Erlkönig auf den Rücken legt und für lange Stunden in den Himmel starrt, sein Pferd ist an einer kahlen Kiefer angebunden, dies ist eine Landschaft, die dem Wind gehört und der Wind liebt uns nicht, der Wind schiebt das Auto von links nach rechts und wieder zurück. So ist das.

Der J. schweigt und vielleicht schwiegt mit uns auch seine Mutter und auch ich schweige und beisse mir auf die Lippe, so eine Landschaft ist das. Dann aber sind wir doch hindurch, man kann auch ein Auto durch ein Nadelör fädeln, weiteratmen. In Glendalough sind wir fast noch allein, man muss vor den Touristenbussen ankommen, das ist die Hauptsach gegen alles andere gibt es feste Kleidung oder Pflaster, aber gegen die Toristenbusse hilft nichts, man muss früh aufstehen, das ist das Einzige was hilft. Wir sind früh genug.

Der J. lacht. „Weisst du noch damals als du mit dem A. in die Berge gingst und alle starrten dich an, dass du mit dem Dalit boy in die Berge gingst, mit dicken Seilen um den Hals und den absurden Gummischuhen? Ich habe auch gelacht über euch, zu fremd war mir die Vorstellung, wer fährt schon mit einem dalit boy nach Himachal Pradesh.“ Ja, sage ich, so gingen wir damals der A. und ich. Der J. schweigt. Denn der A. und ich gehen ja nicht mehr in die Berge. „Weisst du Read On, ist das nicht merkwürdig, dass ich heute hier an diesem Tag, der brown boy bin mit dem du in die Berge gehst und wenn die Touristen kommen, vor denen wir jetzt davonlaufen, werden sie so auf uns schauen, wie wir damals auf A. und dich?“ Ja, sage ich, es ändert sich nichts.

Dann sagen wir für viele Stunden nichts mehr, denn schon damals als der A. und ich in die Berge gingen, taten wir es nicht um zu reden und auch hier und heute schweigen wir, als wir den Wasserfall erreichen, denn in den Bergen war mir die Sprache immer etwas Fremdes, die Worte hallen zu sehr, sind Stolperfallen wie ein durch das Gebüsch gespannter Draht, man muss aufpassen in den Bergen, so oder so. Wir also balancieren über die Dielenbretter, unter uns gibt die Erde nach, bogland, versinkende Berge oder auch nur ein kluges Täuschungsmanöver, ein Stein wie ein Fischbauch glänzend noch vor dem vorgestrigen Regen, der Winter hängt noch schwer an den Ästen der Bäume, ein schwarzer Vogel plötzlich über uns, hüte dich vor dem fremden Vogel, so fangen andere Märchen an, dieser unser schwarze Vogel, er lässt uns lange nicht ziehen, der Ginster aber klammert sich hartnäckig an die steilen Wände und auch an unsere Beine, der erste Klee und der letzte Schnee oben auf dem Kamm. Wir starren lange auf den blanken See unter uns, dabei heisst er der obere See, sein Wasser soll kalt sein, wir glauben es sofort. Einmal kamen die Wikinger nach Glendalough, dann kamen die Mönche, dann später die Minenarbeiter, die Blei abbauten und heute kommen Touristen, dass sie wieder Gehen, dass auch wir wieder gehen ist wohl die Hauptsache. Der Berg und mit ihm die Winde sorgen schon dafür, sie zieren sich nicht.

Wir steigen in langen Zirkeln wieder herunter, der erste Klee neben den Säumen der immer noch kahlen Bäume, Zigarettenkippen in der feuchten Erde, ich hebe sie auf, sie kommen in den Plastikbeutel zu den Bananenschalen.
Das ist mir geblieben vom A. damals in anderen Bergen, der dalit boy, der aufwuchs ohne fliessend Wasser, trank aus offenem Wasser, die Zigarettenkippen achtlos hingeworfen verdarben es, so einfach war das, der A. hob sie auf, ich sehe ihn noch immer we er trank, das Wasser aus den offenen Händen schöpfend, ich habe nichts vergessen, ich denke nur nicht mehr daran. Der J. schweigt über die aufgehobenen Kippen.

Im Tal treffen wir Touristen, sie reden atemlos schon, doch die Worte fallen in den Bergen auf taube Ohren, das ist einfach so. Wir aber haben die Berge schon wieder im Rücken, auf breiteren Weg diesmal zurück in die Stadt.

Eigentlich Nichts

Es ist nicht so, dass nichts passiert, auch wenn nur wenig passiert. Aber über das Wenige, das dann doch passiert, kann ich hier nicht schreiben.

Das klingt nach grossem Geheimnis, dabei gibt es gar keines, nur einen Beruf, den gibt es schon.

Leider ist aus mir ja weder eine Salondame, noch eine Dichterin geworden. Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, auch hier.

Ich hätte zum Beispiel einen Mittwochsverehrer, über den ich stets am Donnerstag schriebe. Aber ich habe an keinem Wochentag einen Verehrer und kann daher auch am Donnerstag nichts über gewagte Mittwochabende berichten.

So bleibt nur wenig Verstreutes, Zusammengewürfeltes übrig.

Zwei Kuchen habe ich für die Mondsteinscheibenfabrik gebacken.

Einen mit Blaubeeren und einen mit Ananas.

Schäbig nehmen sie sich aus meine Kuchen neben den Kreationen der Anderen.

Woran man merkt, dass sich Wettbewerb in alle Gedankengänge geschoben hat, dafür muss man nur auf das Kuchenbuffet starren auf dem sich Meisterwerke türmen die die Bäckereifachinnung alt aussehen lässt. Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben. Die Zitronentortenbäckerin hat sogar eine goldene Etagere mitgebracht, um ihr Prunkstück auch angemessen zu präsentieren. Der schlimmste Vorwurf,aber ist erst im Lift zu vernehmen: „Die hat die Torte doch gekauft.“ Es ist ein schwerer Vorwurf, schwerer noch wiegt er als die 3000 Kalorien der Erdbeerbiskuitrolle, um die es geht.

Immerhin kommt bei meinen Kuchen niemand auf die Idee sie seien in einer Patisserie heimlich über den Tresen gewandert. Es sind die kleinen Dinge.

Für den Kuchen bekomme ich einen Schneebesen geschenkt.

Ich fühle mich wie Hans im Glück.

Ein Kälbchen habe ich ja ohnehin schon.

Die Auszubildende macht eine Steinzeitdiät, aber vom Kuchen will sie trotzdem probieren.

„Habe ich von ihnen gelernt Fräulein Read On?”

„Kuchen essen?”

„Nein, Sie sagen doch immer man solle solidarisch sein.“

Die Auszubildende führt nach Punkten.

Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.

Vielleicht noch die Sonne, früh am Morgen auf dem Weg zum Weg.

Woanders trifft man mich eigentlich nie.

Es gibt mich nur in zwei Variationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof.

Oder auf dem Weg vom Bahnhof.

Genug davon.

Jedenfalls die Sonne. Die Sonne zu betrachten, lohnt mehr als meinen immergleichen Schritten zu folgen.

Die Sonne ist ein rotglühender Ball früh am Morgen. Das ist ein ganz und gar falscher Satz. Die Sonne ist niemals nur ein rotglühender Ball, auch nicht am Morgen. Die Sonne ist immer so viel mehr. Die Sonne ist immer einen Überwältigung.

Die Sonne ist doch in Wirklichkeit eine Opernsängerin aus dem Fenice.

Die Sonne hat doch schon mit Verdi Grappa getrunken, damals in anderen Tagen in einem anderen Venedig, doch vielleicht auch damals schon der gleiche verhangene, milchfarbene Himmel, den sich Venedig und das ländliche Irland teilen.

Die Sonne als Opernsängerin braucht diesen Himmel für die letzten Takte einer grossen Arie. Dann verbeugt sie sich auf dem Balkon, eine rote Robe, flammendes Haar, das Publikum wirft ihr Handküsse zu, sie wirft rote Rosen zurück. So einen Auftritt hat die Sonne an diesem Morgen. So kann man auch in die Oper kommen, auch wenn man gar nicht bezahlt hat für Logenplätze im ersten Rang.

Irgendwo im Hintergrund aber spielt der Mond noch leise Klavier, denn sie ist doch seine, eine grosse Liebe, die Sonne da auf dem Balkon mit der roten Robe und dem flammenden Haar. Wer will es ihm denn auch verdenken?

Hat sich noch etwas zugetragen?

Kaum.

Was soll man schon sagen über einen Mann, der während der Zugfahrt hustet als sei die Kameliendame in Wirklichkeit seine Schwester. Aber Brustkamellen und auch ein Wasser schlägt er aus.

Es wird am Ende doch nicht wirklich stimmen, dass manchen Menschen wirklich nicht mehr zu helfen ist?

Dann steige ich aus unter anhaltendem Husten.

Die Katze hat sich anderntags auf dem Terrassensims mit einer anderen ungleich grösseren Katze mit weissen Pfoten misstrauisch beäugt.

Aber ich kenne die Katze lange genug, um zu wissen, dass Fragen auch die subtilsten  über solche Dinge nur zu schmerzhafter Verlegenheit führen und so lasse ich es bleiben.

Es lohnt sich, sie sehen ja wohin ich will, auch immer einmal wieder zu schweigen.

Mein Vater sucht wieder einmal seinen Pass. Aber das ist in jedem Jahr kurz vor Pessach und der Abreise nach Jerusalem der Fall.

Die liebe C. hat ein Veilchen entdeckt an der Hauswand.

Es wäre schön so ein Veilchen zu sein, denke ich mit der Hauswand im Rücken.

Manchmal gab meine Grossmutter mir kandierte Veilchen zu essen.

Aber das ist schon lange her.

Heute gibt es ja auch Kuchen in der Mondsteinscheibenfabrik.

Das ist alles und ich sagte es ja schon ganz am Anfang, es gibt kaum etwas zu berichten jenseits der Wege vom und zum Bahnhof.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.

Sonntag

Am Morgen mit dem treuen, alten Hund zum Fluss hinunter gelaufen. Der Fluss ist ein kleines Meer, sage ich. Aber der Hund schweigt, er weiss ja längst schon, dass ich kein Handtuch mehr über dem Arm trage, um im Meer zu schwimmen. Das Meer ist so fern. Der Hund muss sich ausruhen. Der Hund legt den Kopf auf die Pfoten und ich meine Hand auf den Hundekopf.

So sehen wir auf den Fluss.

Der Hund schliesst die Augen.

Dann sehe ich die Federn.

Schöne weiße Federn.

Federn wie Flaum.

Zart noch und ich stehe auf, um vielleicht eine Feder aufzuheben in der Tasche der dicken grünen Strickjacke kann man gute eine Feder haben. Eine leichte Feder vielleicht für schwere Tage.

Aber als ich näher auf die Federn zutrete, da sehe ich den abgerissenen Kopf im Gras. Ein verdrehte Grimasse, ein halbes Nein noch in diesem letzten Moment in dem schon alles vorbei war, liegt da in dem toten Vogelkopf. Obszön komme ich mir vor, in diesen letzten Augenblick hineingetreten zu sein. Ich hole Laub um den Kopf zu bedecken, die Erde ist zu hart für ein Grab aus Fingern.

Der Hund schläft noch immer.

Am Freitag Abend ganz spät, der Tag war fast schon zu Ende, da schickte mir Freund H. ein verwackeltes Video Auf dem Video eine johlende Menge. Zwei oder drei Männer ziehen zwei Gummipuppen die als Theresa May und Sadiq Khan aufgemacht sind am Strick hinter sich her, in London im März 2019, mitten in Europa. Ich starrte auf die verdrehten Köpfe der Gummipuppen mit ihren schlechten Perücken und übermalten Mündern und dem Dreck der Straße, der schon an ihnen klebt. Wie ich den Vogelkopf mit Laub bedecke, da sehe ich sie wieder vor mir und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht und dieselben sind der Vogelkopf und die grotesken Grimassen der Puppen.

Dass da nicht einer dabei war, der sagt: Mate, will ye stop it please. Aber da kommt keiner.

2019 kommt keiner mehr.

Dann gehen der Hund und ich zurück.

Am Nachmittag gehen der tierärztliche Neffe und ich in die Stadt. Der Neffe will den Frühling mit einem Eis eröffnen und Basketball üben. Aber da wo er Körbe werfen will spielen nur große Kinder und der Neffe sieht zu mir herüber: „Aber du bist doch auch groß.“ Ich nicke: „Heute bin ich groß“, sage ich. Der Neffe strahlt. Dann hören wir die Feuerwehren. Es brennt in einem Café, Rauchwolken, der Koch spuckt auf die Straße, eine Menschentraube steht schon um das Café herum. Ganz vorn am Bordstein steht eine Nonne. Ältlich schon, wie fast alle Nonnen, die man in Dublin noch treffen kann. Ein weißer Schleier, ein graues Kleid aus Kattun vielleicht, derbe Schuhe, eine Handtasche derb wie die Schuhe, ein Bund dünne Osterglocken auf der Tasche, ganz vorn steht die Nonne. Eine runde Brille, ein dünnes Gestell, zierlich ist sie nicht, wohl aber die Brille. Ihre Augenfarbe kann ich nicht sehen, denn wir stehen ja auf der anderen Straßenseite. Aber dass sie direkt in das Feuer sieht, dass sehe ich sofort. Eindringlich ist ihr Blick nämlich, so als wollte sie schon einmal vorausschauen. Wie oft kommt man als Nonne schon in direkten Kontakt mit dem was einen am Ende wohl erwartet oder erwartet die Hölle immer nur die Anderen? Ihr Augen sind weit offen, so als wolle sie sich alles ganz genau merken. Sie wippt ganz leicht mit den Zehen.

Vielleicht ist sie ja die Einzige unter den Gaffern, die wenn man so will aus beruflichem Interesse in die Flammen starrt.

Ich möchte den Priester anrufen, dem das Fegefeuer so fremd war, fremder noch als mir und dabei war er doch im Priesterseminar und ich nur einfacher Jude.

Aber das Verhältnis vom Priester und mir taugt nicht zu derartigen Vertraulichkeiten und dann zieht ja auch der tierärztliche Neffe an meiner Hand. Er will auch in das Feuer sehen.

Aber ich schüttle den Kopf und sage das Gleiche, nur milder, denn ich habe hier nur einen Begleit- und keinen Erziehungsauftrag.

Ich sage also etwas Ähnliches was meine Großmutter damals als sie mich fragte an einer Bordsteinkante- was macht man bei Feuer? „Wasser“, sagte ich und meine Großmutter sah mich an: „Und hast du Wasser, oder Sand oder einen Schlauch? Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du die Sirenen der Feuerwehren hören?“ Ich nickte und dann sagte meine Großmutter: „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“

Ich merkte es mir und sage etwas sehr Ähnliches zum tierärztlichen Neffen.

Der nickt dann doch und wir gehen an der Menschentraube vorbei.

Auf dem Basketballplatz spielen schon Jugendliche. Der Neffe versteckt sich hinter meinem Rücken. „Du fragst, okay?“, flüstert er. Ich nicke und nehme seine Hand, „wir beide fragen, okay?“ Der Neffe nickt in meinem Rücken. Es ist gar nicht so einfach schon groß zu sein, denke ich und dann frage ich die Jugendlichen, ob der kleine Monsieur und ich wohl auch mitmachen dürften. Die Jugendlichen finden es fehlten ohnehin noch Mitspieler und ein kleiner Neffe wächst auf einmal vor meinen Augen und jagt den Ball. Die Jugendlichen hören Rap aus einer Box und fluchen wie verrückt. Sie sind laut und sie sind ganz zart mit einem kleinen Jungen, den sie vor Remplern beschützen und den sie anfeuern steht er vor dem Korb. Zwei heben ihn hoch und zeigen ihm wie man mit einer Hand am Korb hängt und zwei stehen unter dem Korb,falls er fallen sollte.

„Ihr seid so großartig“, sage ich eine Stunde später, die Jungs klatschen ab und werden fast ein bisschen rot. Ich kaufe Eis für alle und der kleine Neffe hat plötzlich große Freunde und neue Schimpfwörter auch.

Dann bringe ich den Neffen nach Haus.

Auf meinem Heimweg sehe ich noch einmal zwei Nonnen, aber sie tragen dunkle Kleider und helle Schuhe und keine trägt eine Brille, schnell laufen sie hastig, aber ihre Wege verlaufen ganz grundsätzlich anders als meine sind sie doch Flammen des Glaubens und ich noch immer nur ein einfacher Jude, den seine Großmutter vor dem Feuer warnte.

Dann gehe ich nach Haus und lese die Zeitungen nach, schreibe eine Email an L. in Sri Lanka, esse ein Brot, falte die Wäsche, mahle Kaffee, trinke ein grosses Glas Wasser und warte auf den Regen, der kommt früher oder später, die Frau die den Wetterbericht verliest, klingt zuversichtlich, der Regen lässt einen hier nicht lange warten.

Gern sähe ich länger aus dem Fenster.

Gern hätte ich wieder ein eigenes Fenster.

Die Sonne am Abend über den Giebeln glimmt rötlich wie das Feuer am Morgen nur ohne Rauch.

Gezählt

Gezählt

Die Knospen am Baum vor meinem Fenster. Schon 48 gestern waren es weniger und vorgestern waren die Knospen nur eine Ahnung. 48 Knospen schon, hinter dem Meer da kann man den Frühling schon fast erahnen und während er noch durch schattige Täler wandert, zähle ich noch einmal. 48 Knospen wirklich. Jedes Jahr zweifele ich daran, dass der Frühling wirklich wieder kommt. 48 mal kann ich mir nun doch Hoffnungen machen.

Drei Esslöffel Porridge in die schwarze Stilkasserole, misstrauisch beäugt von der Katze natürlich.

Einen Esslöffel und anderthalb Teelöffel Kaffee in die French Press, Wasser dazu und dann bis zehn zählen.

Bei acht balgen sich Hund und Katze schon wieder.

Es ist eine Schande, zische ich.

Der Hund wenigstens hat den Anstand betreten zu gucken, die Katze schert das nicht.

Ich zähle langsam bis zehn um nicht schon vor sechs Uhr zu fluchen.

Die Wildtaubenfamilie auf dem Dach gegenüber gezählt. Es scheint Besuch gekommen zu sein, denn statt der üblichen vier Wildtauben gurrren nun sieben vom First herunter.

Ich ermahne die Katze streng, denn mir liegt aus bekannten Berliner Gründen an guten Beziehungen zur Wildtaubengemeinschaft.

Bis drei gezählt: Schlüssel, Portemonnaie und Mondsteinscheibenausweis.

Dreimal ja.

Auf drei gehts los.

Auf dem Weg zur Bahnstation gezählt wie oft nur ein einiziger Mensch in einem der Autos sitzt, die sich jeden Morgen an der Ampel stauen. In 25 Autos sitzt nur ein einziger Mann oder Frau. In zwei Autos sitzt noch ein Kind auf dem Rücksitz und in einem Auto schläft ein Hund.

Ein Auto hupt. Immer ist einer nicht schnell genug.

Einen weissen Schal mit blauen Lokomotiven finde ich auf dem Weg.

Den Schal hänge ich an einen Yaun mit 33 Zinken.

Hoffentlich findet eine kleinen Lokomotivführerin oder ein kleiner Schaffner seinen Schal wieder.

Oy vey.

In zwei Minuten kommt doch schon der Zug.

Ich renne achtzehn Stufen ziemlich schnell herunter.

Uff. Glück gehabt. Der Zug fährt gerade ein.

Sechs Wagen hat der Frühzug und ich sitze immer in Wagen 6.

Platz 22.

22 ist eine milde Zahl finde ich.

Ein Mann dreht während der Fahrt sieben Zigaretten. Seine Fingerkuppen sind gelb.

Eine Frau sieht auf ihrem Telefon ein Video in dme ein Kind herzzereissend schreit.

Elf Passagiere suchen nach einem untröstlichen Kind, aber findne nur eine Frau mit einem Telefon in der Hand.

Ich zähle im Weiteren eine Gruppe Schafe, bin aber nicht schnell genug, dann aber auch eine Ziege und vier Kühe.

Dann muss ich aussteigen.

Wieder schreit das Telefonkind.

Ich zähle die Aufgaben des Tages.

Uff.

Ich zähle die noch in der Schreibtischschublade vorhandenen Snickers-Riegel: 4.

Hier muss dringend gehandelt werden.

Im Laufe des Vormittags zähle ich dreimal bis dreissig.

Einmal der geschnappigen Sekretärin wegen, die findet ich solle der Frechheit eines Lieferanten wegen Massnahmen ergreifen. Die Sekretärin klingt dabei nach Mordlust und Rache.

Mir liegen Massnahmen fern.

Einmal da ging ich mit einem Mann aus, der erzählte wie er einen Hund zur Sauberkeit erzöge in dem er dessen Nase in den Urin drückte. Er sprach lange von Grundsätzen und Massnahmen, aber ich legte Geld auf den Tisch und ging so schnell ich nur konnte.

Ich habe nie einen Glauben an Massnahmen bessessen. Sie dienen ja doch nur ummäntelt der Demütigung.

Besserungsmassnahmen, vor der Tür.

Ich nicke der Sekretärin zu und lasse sie stehen.

Dann zähle ich noch einmal bis 30, denn die Auszubildende lässt doch nie , nicht auch nur ein einziges Mal eine Katastrophe aus.

Ich zähle lieber noch ein weiteres Mals bis dreißig, denn bei näherem Hinsehen hat sich die Katastrophe dann doch noch einmal als grösser erwiesen als ich bis dahin dachte.

In der Kantine gibt es Spinatsuppe.

Ich mag Spinat. Eigentlich.

Misstrauisch schnuppere ich am Suppentopf.

Aber man soll im Leben doch offen sein für Neues und Ungewohntes.

Ich schöpfe zwei Kellen in eine Schüssel.

Dann setze ich mich zur R.

Die R. ißt Chicken Shawarma.

“Ihhh, sagt sie, was ist das denn?”

“Spinatsuppe” sage ich.

Sie erwidert nichts Positives.

Ich löffle die Suppe.

Die Suppe schmeckt nach nicht viel. Der Spinat ist schleimig.

Dann treffen meine Zähne auf etwas Wachsig-Weiches.

Ich würge.

Natürlich ist es mein Erzfeind Sellerie.

Acht Brocken schöpfe ich aus der Suppe.

Mit der Spinatsuppe und mir wird das nichts mehr.

Die R. sieht mich sehr mitleidig an.

Ich schreibe eine sehr unangenehme Email. Der Adressat ißt bestimmt Sellerie pur.

Ich kehre an den Schreibtisch zurück.

Irgendwann mache ich mir einen Tee.

Ganz fest nehme ich mir vor diesmal bis 42 zu zählen, um mir nicht wie an jedem vermaleideten Nachmittag die Zunge zu verbrühen.

Bei 36 habe ich den guten Vorsatz vergessen, der verehrte Herr Direktor ruft ja auch an, ich nehme einen Schluck Tee, meine Zunge jammert.

Ach, Read On.

Dann gehe ich wieder zur Bahnstation.

Drei Minuten dann kommt der Zug.

So voll ist der Zug, dass ich nicht durchzählen mag.

Sardinen soll man nicht weiter plagen.

Sechsmal stoße ich mir in den neuen Schuhen den Fuss.

Sechsmal fluche ich unziemlich vor mich hin.

Sieben Mal ruft die T. einen Telekommunikationsmann an, der ein Problem beheben soll. Siebenmal bekommt sie eine andere Antwort. Das Problem bleibt bestehen.

Dreimal rufe ich nach dem treuen, alten Hund.

Achtmal ignoriert die Katze meine Bitte nach Verlassen des Sofas, auf das auch ich einmal in die Tageszeitung sehen kann.

Einmal zum Fluss hinunter wandern der treue, alte Hund.

“Ihr zwei”, sagt der J. “ihr seid ja pünktlicher als die Uhr.

Ich verrate ihm nicht, dass der treue alte Hund zwar nicht bis zehn wohl aber bis zum Abendbrot zählen kann.

 

Sieben Wochen Ohne

“Es ist Fastenzeit, Fräulein Read On“, ruft die Auszubildende schon vor acht Uhr.
„Oh“, sage ich Auszubildende, darf ich annehmen, dass Sie vielleicht das zu spät kommen fasten in diesem Jahr?
Am Mittwoch nämlich beginnt die Arbeitszeit der Auzubildenden um 7. 30 Uhr. Aber um 7. 30 Uhr bin zwar ich im Büro, aber nicht die Auszubildende.
Aber die Auszubildende wäre ja nicht die Auszubildende liesse sie sich von meiner Nachfrage auch nur ein kleines bisschen erschüttern.
„Nein, Fräulein Read On, zirpt sie, pünktlich kommen wäre ja zu einfach, da müsste ich ja einfach nur früher aufstehen.“
„Sie wissen wirklich nichts Fräulein Read On! Fasten muss doch weh tun. Ich faste dieses Jahr Nägel.
Nun hatte ich bis dato nicht angenommen, dass die Auszubildende nach getaner Arbeit, eine Tätigkeit als Heimwerkerin zu beginnen dächte, aber bekanntlich weiss man nichts über andere Menschen und so krächze ich mit mühsam verborgenem Erstaunen.
„Sie fasten Nägel?“
Die Auszubildende seufzt und findet selbst, dass sie sich eine nicht unerhebliche Herausforderung auferlegt habe.
„Ich werde aussehen wie ein Biest“, sagt sie und für einen Moment glaube ich wirklich, dass die Auzubildende rotige Nägel aus alten Dielenbrettern extrahiert.
Aber dann bleibt die Auzubildende doch die Auszubildende die ich kenne und zeigt mir ihre Fingernägel.
„Ich faste das Nagelstudio, Fräulein Read On.“
Die Auszubildende, das muss man nämlich wissen, betreibt wenige Dinge mit solch religiöser Hingabe wie den Besuch eines Nagelstudios, wo sie Woche für Woche ihre Fingernägel feilen, lackieren und mit Glitzerintarsien verzieren lässt.
Der Auszubildenden sind ihre Nägel heilig.So sehe ich dann doch erstaunt auf und sage: „Alldieweil Auszubildende, da haben sie sich ja wirklich etwas vorgenommen.“
Die Auzubildende ächzt und seufzt zustimmend.
„Es ist wirklich eine Katastrophe und es ist ja auch nur weil die Manuela bei ihrer Schwester in Australien zu Besuch ist und die Manuela macht mir doch den Sonderpreis und wenn ich dann jetzt zu jemand anderem gehe, dann kriegt die das doch mit und dann muss ich voll zahlen und das will ich nicht, denn ich hab ja die Abmachung mit der Manuela und den super Sonderpreis und na ja ich bin ja auch nicht blöd.“
„Jedenfalls, fährt die Auzubildende fort, werde ich jetzt aussehen wie ein Biest.“
Ich nicke besänftigend und sage, dass es so schlimm ja gar nicht kommen wird und man ja ohnehin wisse, dass unter so manchem Biest eine Prinzessin verborgen sei. Prinzen sind natürlich mitgemeint.
Die Auzubildende fotografiert noch einmal ihre unbiestigen Glitzernägel und ich erinnere die Auzubildende noch einmal an den Beginn der Arbeitszeit, die Auzubildende findet mich spiessig und so geht der erste der Fastenmorgen dahin.

Um halb elf Uhr treffe ich den verehrten Herrn Direktor. Der verehrte Herr Direktor sieht hungrig drein.
Ich sage lieber nichts. Auf das Offensichtliche soll man ja überhaupt nur im Notfall hinweisen.
Ich faste sagt der Herr Direktor dann auch gleich.
Oh, sage ich.
„Das Leben, Herr Direktor, verlangt einem gläubigen Katholiken einiges ab“, merke ich an.
Der Herr Direktor schüttelt den Kopf.
„Ach, Fräulein Read On mit dem Papst lebe ich ja nicht zusammen, wohl aber mit Frau und Kindern, die einen strengen Fastenplan zusammengestellt haben.“
„Was ist denn noch erlaubt Herr Direktor?
„Tofu, Fräulein Read On.
„Oh, Herr Direktor.“
Dann schweigen wir beide und der Herr Direktor greift zu einer Flasche Wasser. Wasser scheint auch noch erlaubt zu sein.
Dann gehen wir unserer Wege.

Am frühen Nachmittag treffe ich die Sekretärin auf dem Flur.
„Also, Fräulein Read On, ich faste ja Schokolade und Zucker und Sie? In der Hand hält sie eine Banane.
„Oh, sage ich, sie fasten also gleich doppelt?
Die Sekretärin schaut mich ein bisschen mitleidig an. Die Sekretärin schaut mich sehr oft mitleidig an, denn die Sekretärin hat herausgefunden, dass ich viele Jahre meines Lebens über einem Haufen alten Papiers verbracht habe.
„Nein“, sagt sie nur Schokolade und Zucker.“
Man soll niemanden den Glauben nehmen und so fange ich gar nicht erst an eine Bemerkung zu Fruchtzucker hintendrei zu schieben.
Fasten ist doch ohnehin schon hart genug.
Aber die Sekretärin lässt nicht locker. „Nun sagen sie schon, Fräulein Read On, was fasten sie denn?“
„Nichts“, sage ich, ich faste überhaupt nicht.“
Die Sekretärin hustet böse.
„So etwas habe sie sich schon gedacht.“
Ich lächle freundlich und die Sekretärin schüttet noch mehr Süssstoff in ihren Kaffee.
7 Wochen ohne, sagt sie triumphierend.

Wirklich, wer fastet der muss Opfer bringen noch mit der Kaffeetasse in der Hand.
So gehe ich dann meiner Wege.

Die Auzubildende ist am Telefon und winkt mir zu.
„Fräulein Read On, vielleicht muss ich doch nicht als Biest gehen. Die Lisa, die kennt eine Maria und die Maria kennt eine Nadine und die macht Nägel zu Hause und die sind viel günstiger als bei der Manuela und sieben Wochen ohne Nägel das ist doch nicht menschlich.“

„Bei G“tt denke ich, es ist nicht immer leicht kosher durch den Tag zu kommen, auf so viel Fastenleid muss ich natürlich gleich einmal einen Riegel Nusschokolade verzehren aus Mitleid natürlich, das versteht sich ja ganz von selbst.

Das Hotel Central

Das Hotel Central ist, obwohl an einer vielbefahrenen Straße gelegen mitten in Dublin gelegen , leicht zu übersehen.

Das Hotel Central fällt einem nicht auf. Ich frage mich oft, ob das nicht Absicht ist.

Das Hotel Central ist aus rotem Backstein und über dem Eingang des Hotel Centrals ist ein großes Vordach angebracht.

„Hotel Central“ steht auf den bunten Glaskacheln des Vordachs. Erstaunlicherweise ist es gerade jenes Zierdach, das einzige Schmuckstück des Hotel Centrals, welches maßgeblich dazu beiträgt, dass das Hotel so leicht zu übersehen ist.

Das Hotel Central gibt es schon seit dem vorletzten Jahrhundert.

Man sieht es ihm an.

Früher einmal mag es ein Hotel glitzernder Geschichten von Fernreisenden, Kolonialbeamten, britischen Offizieren und reich gewordenem amerikanischen Besuch gewesen sein.

Dass die Zeiten auch einmal ganz andere gewesen sein, daran erinnert fast nichts mehr- nur noch eine alte Lampe und ein verwittertes Plakat hinter der Rezeption, das für eine Schifflinie wirbt, die es nicht mehr gibt.

Gewiss auch das Hotel Central ist immer mal wieder renoviert worden, aber der Irrtum der Innendekorateure bestand eben in genau der Annahme, dass sich der Charakter des Hotels formen ließe, nach ihrem Geschmack und den Anforderungen moderner Hotellerie.

Dieser irrtümlichen Annahme kann man im Hotel Central nirgendwo entgehen. Zwar sind einmal gold-braun gestreifte Tapeten geklebt worden, aber die Wände des Hotels sind so verwinkelt, sie taugen nicht zur Repräsentation, dass sie nur einmal mehr das schäbig- altmodische betonen, denn Weite oder Eleganz zu schaffen.

Auch im Hotel Central hat man es Kunstdrucken versucht und gewagten Teppichmustern. Aber die Kunstdrucke in ihrer ganzen Einfältigkeit haben längst Staub angesetzt und in den engen Aufgängen des Hotels sieht ohnehin niemand nach, ob jene vier blaue Quadrate einmal irgendwo auf einer Ausstellung für eine Sensation gesorgt haben mögen, hier sieht sie niemand.

Über die Teppichböden aber schweigt sogar der Direktor kummervoll.

Das Hotel Central hat keine Kofferträger, keine Türöffner, keinen Liftboy und auch keine dreisprachigen, an einer niederländischen Hotelfachschule ausgebildeten Rezeptionistinnen. Das Hotel Central hat einen Portier. Der Portier erwartet die Gäste nicht, er erträgt die Gäste. Zwar hängt im Foyer des Hotels eine große, leise tickende Uhr, aber die Zeitrechnung des Hotel Centrals folgt der seines Portiers.

So ist das schon immer gewesen, nehme ich und so wird es wohl auch immer sein.

Der Portier ist manchmal für lange Zeit nicht zu sehen. Was er dann macht, geht keinen etwas an.

Ankommende Gäste , die noch nichts von den Gepflogenheiten des Hotels Centrals wissen, werden naturgemäß unwirsch und bedienen immerzu die kleine Glocke auf der braunen Anrichte der Rezeption. Den Portier kümmert dies wenig, er kommt immer genau dann, wenn die Gäste zwischen cholerischem Brüllanfall und schweigender Resignation schwanken.

„Sie hatten reserviert?“, sagt er dann langsam und mit schleppendem Tonfall.

Die geplagten Gäste haben natürlich ihre Reservierung längst vergessen. Sie wollen sich beschweren.

Also sagen sie: WAS FÜR EINE SAUEREI, DIESE WARTEREI, EINE UNVERSCHÄMTHEIT, ICH MÖCHTE MICH BESCHWEREN.

Der Portier nickt dann und schiebt einen Block mit einem vorgedruckten Beschwerdeformular über den Tresen.

Die Gäste füllen ihn sorgfältig aus und der Portier faltet die Beschwerdevorlagen sehr sorgsam zu einem Quadrat. Er reicht den Gästen die Schlüssel herüber. Er sagt: Treppe links, Fahrstuhl rechts, Achtung immer nur zwei Personen, Frühstück ab 7 Uhr, Bar ab 12 Uhr, kein Schwimmbad. Zu den Schlüsseln schiebt er einen zweiten Zettel über die Theke: Polizei, Feuerwehr, W-Lan, noch Fragen?

Die Gäste bleiben meistens stumm.

Gehen die Gäste dann nach rechts oder links, nimmt der Portier das gefaltete Beschwerdeformular studiert es eingehend, um es dann umgehend in einen unter dem Tresen befindlichen, gelben Papierkorb zu werfen.

Dann setzt sich der Portier und nimmt Eintragungen an einem dicken schwarzen Buch vor. Manchmal liest der Portier auch den Sportteil der Irish Times nach.

Die meisten Gäste des Hotel Centrals aber sind vertraut mit der eigenen dort vorherrschenden Zeitrechnung. Gelegenheitsgäste oder gar Touristen kommen selten ins Hotel Central.

Im Hotel Central nächtigen Geschäftsreisende, aber nicht solche, die mit glänzenden RIMOWA Koffern Großes bewegen, sondern die Nachfahren der Reisenden mit Koffern voller Schnürsenkel, Miederwaren und Bohnenkaffee. Sie sind die Letzten ihrer Art, der Großteil von ihnen ist längst Vergangenheit, anders aber als in der Industrie verlief ihr Verschwinden unbemerkt. Nur hier im Hotel Central sieht man sie noch einmal in den dünn gewordenen, niemals gut sitzenden Anzügen, den unbequemen Lederschuhen und den schweren, abgestossenen schwarzen Lederkoffern.

Sie wissen es ja selbst, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt und wenn der Portier nicht da ist, so bestellen sie ein Glas Bier und warten. Das haben sie ja ein ganzes Leben lang geübt. Viele nehmen ja Handelsreisende verkauften, dabei warten sie, vor allem warten sie und so ist ihnen das Hotel Central die Fortsetzung ihrer Gewohnheit.

Der Portier stellt ihnen keine Fragen, belästigt sie nicht mit Feuerwehr, Polizei, Frühstück, sondern händigt ihnen den Schlüssel aus und das ist alles.

Manchmal kommen Paare ins Hotel Central. Sie alle haben etwas zu verbergen. Einen Ehering vielleicht, eine hässliche Scheidung, eine bettlägerige Mutter oder Schulden. Sie kommen schwitzend im Hotel Central auch wenn es draußen kalt ist, sie wollen vergessen, wenigstens für eine Nacht. Nicht immer ist die Frau mit der sie am Abend ins Hotel zurückkommen, auch in der Reservierung inbegriffen, aber der Portier des Central hat schon alles und noch mehr gesehen und schweigt über diese und andere Fragen.

In einer Schublade seines Rezeptionstresens verwahrt der Portier zurückgelassene Eheringe, Scheidungsurkunden, Kondome, Heftklammern, zerrissene Bilder und Bücher auf.

Ich selbst habe schon gesehen, wie der Portier die Schublade öffnete und einen Ring herausfischte, den ein Mann mit roten, fleckigen Wangen entgegennahm. Er wollte dem Portier mit einem Schein danken, aber der Portier, der doch alles weiß und nichts sieht, schüttelte den Kopf.

Der Portier wie auch das Hotel Central sind keine Orte für leichte Gefälligkeiten.

Das Hotel Central ist ein Ort der Einsamen und Kargen, der einmal zu oft Verlassenen und der nie wieder Gefundenen, das Hotel Central ist Hafenkneipe und Bahnhofshotel, das Hotel Central ist ein Fundbüro.

Gerade deswegen sitze auch ich am Samstag im Hotel Central und lese die Zeitung, dabei lese ich die Zeitung immer zu Haus und sehe den Menschen zu, die dort kommen und gehen, für eine Weile, für die Weile in die der Tierarzt lebte, ging ich seltener ins Central. Aber jetzt bin ich wieder zurück mühelos aufgenommen in den Kreis der Einsamen, die dort beisammen sitzen.

Der Tee ist heiß und zu stark, die Scones sind immer von gestern, es ist immer Zugluft zu spüren im Hotel Central, nur manchmal sieht der Portier auf von der Rezeption und mir ist als zähle er nach, ob es uns alle auch wirklich noch gibt.

 

 

 

Rot am Horizont

Der Himmel am Morgen ist erst dunkelblau und wird dann langsam rot. Ich habe niemals heraus finden können, ob es nun die Sonne selbst ist, die einen roten Morgenmantel trägt oder doch mein alter Freund der Mond, der sich gähnend nun die roten Pyjamahosen von den Beinen streift und sich in eine dicke weiße Wolke fallen lässt. Vielleicht sagt der Mond dann auch zu seiner Geliebten der Sonne-„Komm Sonne gib noch zehn Minuten dazu.“ Vielleicht gibt die Sonne doch einmal nach, denn als ich aus dem Zug aussteige ist vom roten Schimmer fast nichts mehr zu sehen und der Himmel bedeckt uns alle noch einmal tief und dunkelblau.

Die Frau des Krämers aber fürchtete das Morgenrot und schwor, dass mit dem errötenden Himmel das Unglück nicht weit sei. Die Frau des Krämers hatte viele Beispiele bei der Hand, die belegten wie sehr das Unheil sich schon am frühen Morgen Gedanken macht. Die Frau des Krämers nämlich hat nicht nur Milchflaschen sauer werden sehen beim aufgang der Morgenröte, sondenr ihre geliebte Tochter fiel genau dann von der Schaukel und schlug sich zwei Zähne aus, als auch die Sonne erwachte. Ihr Mann verlor am Abend eine Schafskopf Partie als der Morgen die Sonne genau über dem Haus grinsend und mit rot gebleckten Zähnen besonders lange ins Fenster sah und nach jener Schafskopfrunde in der die Sonne ihre Hände mit im Spiel hatte, leerte die Frau des Krämers vor jeder Kneipenrunde die Taschen ihres Gemahls und gab in die Spielbörse Knöpfe statt Münzen, denn schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hatten die Frau des Krämers eindringlich gewarnt, dass wenn die Männer das Geld erst einmal in die Wirtschaft trügen bald auch Haus und Hof verspielten und so scherte sich die Frau des Krämers nicht darum, dass ihr Mann zwar das Gespött des Dorfes wurde mit seinen Knöpfen im Portemonnaie, aber Haus und Krämersladen blieben in ihrer festen Hand und darauf kam es eben von Anfang an, an

„Wenn man eine Familie hat Fräulein Read On, dann hat man auch Mittel und Wege.“ Aber daran hatte ich nun Morgenrot hin oder her ohnehin keinen Zweifel, denn wer die Frau des Krämers kannte, der war vertraut mit ihren Mitteln und Wegen.

Die Frau des Krämers aber schläft noch laufe ich zur Fabrik herunter und eigentlich beneide ich den Mond um seine roten Pyjamahosen und die Sonne um ihre feine rote Seidenrobe, aber sie ist eben doch in meinem Hinterkopf, die warnende Stimme der Frau des Krämers, vielleicht leicht nur der Morgenröte wegen, sondern vor allem deshalb weil die Frau des Krämers mit mir ausschließlich mit mahnender oder klagender Stimme zu sprechen pflegte.

Obacht, sage ich mir also und laufe dem verehrten Herrn Direktor in die Arme.

„Morgen Herr Direktor“, sage ich. „Alles gut bei Ihnen und den Damen des Hauses.“

„Von wegen gut“, sagt der verehrte Herr Direktor, die Frau Gemahlin ist mit dem Auto liegengeblieben und soll doch die Handwerker ins Sommerhaus lassen und nun muss ich hinüber sausen, wo ich doch niemals mehr aus dem Berufsverkehr herausfinden werde. Fangen Sie mit dem B. doch an und ich komme dann nach. Da weiss der Herr Direktor noch nicht, dass der B. schon mit Blaulicht ins Spital gefahren wird, eine lose Treppenstufe wurd eihm Verhängnis, sagt seine Frau am Telefon zu mir. Aber noch winkt mir der verehrte Herr Direktor zu und sagt: „Na wenigstens passt das Wetter.“

Ich nicke und hoffe der verehrte Herr Direktor und die Frau des Krämers werden sich niemals treffen.

Ein paar Stunden geschieht nichts. Die Sonne ist inzwischen auch golden-gelb.

Aber dann suche ich die Auszubildende. Die Auszubildende ist für eine Terminsache zuständig. Der Termin ist verstrichen.

„Auszubildende, wie erklärt sich das?“, frage ich.

„Die Sonne blendet mich“, sagt die Auszubildende.

„Der Termin war gestern?“

„Warum fragen Sie mich dann heute?“

„Damit sie mir sagen, wann sie mir sagen wollten, dass das nichts wird mit der Sache und dem Termin.

Sehen Sie Fräulein Read On, wenn Sie so studiert reden, dann weiß ich nicht was ich sagen soll.

„Sagen Sie nichts Auszubildende.“

„Aber Sie hatten doch gefragt.“

Eine halbe Stunde später meldet sich die Auszubildende krank.

Die Sonne lacht recht schadenfroh.

Der Sekretärin fällt eine Schüssel mit Reissuppe herunter.

Die Sekretärin flucht. Beim Fluchen

Ich habe aufgegeben mit der Sekretärin darüber nachzudenken, warum es möglichweise sinnvoller sein könnte Suppen in der Kantine zu verspeisen, denn Suppenstunde am Schreibtisch zu halten.

So rufe ich nach dem Hausmeister.

Der Hausmeister knurrt am Telefon.

Sie sind die Sechste heute mit so einer Lappalie.

Ich sage lieber nicht, dass ich die Sonne verdächtige.

Und immer geht es munter weiter.

Der Lieblingsingenieur hat sich mit dem Brotmesser beim Schnitten schmieren für die Kinder verletzt.

Die Sekretärin gerät mit einer anderen Sekretärin in einen Zwist über die olfaktorische Zumutung der verschütteten Reissuppe.

Der verehrte Herr Direktor seufzt am Telefon. Nicht nur das Auto, sondern noch viel mehr liegt im Argen- UND DAS IM SCHÖNSTEN SONNENSCHEIN FRÄULEIN READ ON.

„Das ist es ja gerade, Herr Direktor!“

Aber der Herr Direktor gibt mir eine Telefonliste durch und ich telefoniere.

Irgendwann sinkt die Sonne wieder.

Noch einmal färbt sich der Himmel feuerrot.

Ganz vorsichtig gehe ich die Treppe herunter und warte auf die Bahn.

Der Sonne zwinkere ich zu, sonst bin ja auch ich abergläubisch und geneigt der Frau des Krämers in solchen Fragen Recht zu geben, diesmal aber bin ich unbesorgt, auch wenn mich besonders das Schicksal des werten B. und der vermaledeite Tag des Herrn Direktors misslich stimmen, denn der Krämer selbst hat mich einmal in stiller Stunde wissen lassen, dass er bei Freund G. ein zweites Portemonnaie mit Münzgeld deponierte, um wirklich echtem Kartenspiel zu frönen. Gezwinkert hat der Krämer, der doch immer ein ernster Mann gewesen ist.

Wenn die Frau des Krämers also in vielen Jahrzehnten nichts gemerkt hat, dann glaube ich muss das Unheil mancher Morgen doch andere Ursachen haben als die Sonne, die eine roten Seidenrobe von den Schultern fallen lässt, oder den Mond, der nach getaner Nacht, die roten Pyjamahosen sorgfältig faltet und in einer Wolkenbank verwahrt. Denn der nächste rote Morgen kommt bestimmt.

 

 

Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.