Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“

Die Strasse nach Westen.

Das Auto ist silber und schwer. „Wirklich?“, frage ich. Der verehrte Herr Direktor nickt.„Es ist nur ein Auto“, sagt er achselzuckend. Ich zucke zusammen und fahre dann doch. Leise ist das Auto, anders als der alte Volvo holpert er nicht, knirscht nicht, das Direktorenauto gleitet still durch den Morgen.

Ich denke an die Barke, die schwarze Gondel in der Gustav von Aschenbach durch die Kanäle von Venedig gleitet. „Habe ich sie nicht gut gefahren?“, fragt der Gondelier, der vielleicht jemand ganz anders ist den Fremden mit seinen Koffern. Aber ich frage nicht, der Direktor telefoniert und ich fahre auf der langen Strasse nach Westen, schon liegt Dublin hinter uns, eine Autobahn wie sie es viele gibt. Thomas Mann geht mir im Rueckspiegel verloren. Sie machen ihr Literaturgesicht, sagt der Direktor. Ich nicke. „Der Tod in Venedig sage ich, eine Wasserstrasse 19xx, vor dem ersten grossen Krieg.“ Er nickt und schweigt. Seine Zitate sind aus Veep einer Serie, die ich googlen musste und meine Sätze sind aus dem vorherigen Jahrhundert. Das ist die Entfernung aus der wir sprechen, vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen, auch hier auf der Strasse nach Westen.

Obama Plaza heisst die Raststätte an der wir halten. Obama hat natürlich einen irischen Verwandten und jetzt auch eine Raststätte. Fotos kann man dort sehen, die Statue aber von ihm und Michelle ist nicht zu sehen. Vielleicht wird sie grundgereinigt oder winterfest lasiert, wer das weiss schon genau. Wir trinken Kaffee und bewundern die Raststättendamen, die fuer die LKW-Fahrer, Familienersatz sind und natuerlich finden sie auch fuer ein schluchzendes Kind ein roten Luftballon. Es riecht nach Kaffee, Fluessigseife, nach Bratfett und langen Touren. Ein Trikot an der Wand. Rot-weiss und Obama. Ein riesiges Bild an einer Stele: Obama steigt aus dem Helikopter, irisches Wetter. Der Präsident strahlt, der nächste LKW-Fahrer kommt und die Raststättendamen rufen: John, nearly there, nearly there. Was fuer ein Satz. Wir fahren weiter, die Berge zu unserer linken sind eine Regenwolke, graue Schatten vor uns und neben uns. Wir streiten uns ueber die Frage, aus welcher Entfernung man wohl das Meer riechen kann. Dann der erste Ort unserer Reise. Ein Strassendorf mehr, ein Postamt ( geschlossen), ein Pub ( offen), die Polizei (offen). „Ein Polizist“, sage ich, quietschende Reifen. Vielleicht lacht der Herr Direktor. Der Polizist hat Zeit. Seine Wegbeschreibung ist die Chronik des Ortes, wir finden die Veranstaltung dennoch. Ein Direktorenvortrag und viele Gespräche später wieder die Strasse, weiter nach Westen.

„Fräulein Read On“ sagt der Direktor, denken sie es wäre moeglich an einem Pub zu halten. Ich nicke. Zwei Countryhotels, einen Gastropub und drei Doerfer weiter halte ich an. Jim O’Hara, ein rotes, verwittertes Schild, verschmierte Fensterscheiben, der Wirt steht in der Tuer und schreit zum Fleischer herueber. „Ich wusste, dass Sie hier anhalten, ich wusste es.“ „Bier oder kein Bier, Herr Direktor, das ist hier die Frage.“ Der Wirt starrt uns an. Zwei lachende Fremde. Ein Pint für den Herrn, ein Wasser mit Sprudel für mich. Der Wirt starrt noch strenger auf usn herab. Er schüttelt den Kopf. Fremde, was soll man da anders erwarten. Das Mobiliar ist alt und verwittert. Stühle aus altem, verwitterten Holz, Tische mit Wachsflecken und eingeritzten Strichen lang schon vergangener Kartenpartien. Im Pub neben uns der Doktor nach den Hausbesuchen, die Trinker des Ortes und in ihrer Mitte eine Frau mit wasserstoffblonden, herausgewachsenen Haaren und langen Fingernägeln. Sie erzählt von ihrem Sohn, der anderswo Geld macht und sich nicht mehr um seine Mutter schert und die Trinker trinken. Sie heben ihre Gläser und so beginnt ein Abend, dem viele andere Folgen. Der Direktor wird seine Krawatte los und die Frau mit den Haaren, die so verdächtig einem Waschbären ähnelt, wirft mir verächtliche Blicke zu. Aber hier bei Jim O’Hara sind alle Fremde. Der Wirt trinkt einen klaren Schnaps. Wir sehen aus dem Fenster. Noch 50 Kilometer. Die Dorfjugend kommentiert das silberne, schwere Auto auf der Strasse. „ So wollte ich nie werden“, sagt er. „So sind Sie nicht“, sage ich. Die Dame fährt, sagt er zu den Jugendlichen auf der Strasse. Das Auto schweigt, silbern und schwer.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“

 

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.

Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Abschied vom Institut

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Es gibt Gespräche, die vergisst man nie.
Dieses Gespräch vergesse ich nie.
„Ich möchte mit Ihnen arbeiten, könnten Sie sich vorstellen, das auch zu wollen?
So nah war ich noch nie an einem Heiratsantrag und nie wieder habe ich so schnell ja gesagt.Dabei war ich doch so fest entschlossen die Frau nicht zu mögen.
Ja. Ja. Ja.
Aus der Frau hinter dem Schreibtisch wurde die beste Chefin der Welt.
Aus der besten Chefin der Welt wurde eine Freundin.
Eine von den Freundinnen, die eine Hand über einem halten, auch über Kontinentalplatten hinweg.
Ich bin nicht gut darin im Freundin-Haben.
Ich bin auch keine gute Freundin.
Ich möchte dieses Freundin sein und haben.
An jenem Tag dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren: Vielleicht wird, wenn schon nichts wieder gut wird, doch wieder etwas besser.
Drei Jahre sind aus diesem Gespräch geworden.
Drei Jahre in denen ich immer mindestens einmal am Tag gelächelt habe.
Drei Jahre in dem ich jeden Tag auf ihr Lachen gewartet habe. Ohne ihr Lachen ist das Institut nicht vollständig.
Heute räume ich mein Büro aus.
Alle Kapitelversionen des Doktormonsters sind geschreddert.
Ordner aussortiert.
Zettelsammlungen aufgelöst.
Ich schreibe lauter Emails in denen steht: Danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ab…übernimmmt…Mit besten Wünschen. Yours truly.
Die Zimmerpalme hat sich vor Wochen schon beleidigt abgewandt.
Meine Ankündigung, dass sie nicht mit umzieht, nimmt sie mir persönlich übel.
„Es sollte eine Überraschung sein“, sage ich zu ihr, während ich mein Notizbuch, das steinschwere Oxford Dictionary, Post-Its, die Zigarrenkiste mit Büroklammern, Stifte, Tee und die Thermoskanne in die Keep-it Kiste lege.
„So?“, zischt die Zimmerpalme missmutig,
„Sie werte Frau Palme ziehen“ und die Blätter der Palme stellen sich argwöhnisch auf natürlich nicht zur Auszubildenden, jene hatte einmal in den Palmentopf geascht- sondern zum werten Fellow G., der ein ausgewiesener Palmenkenner, ein Connaisseur und Besitzer einer eigenen Büropalme ist.“ Ich sehe ungefähr so aus wie Mütter, die ihren Kinder am ersten Schultag versichern, dass sie bestimmt ganz viele neue Freunde finden, obwohl sie doch wissen, dass das alles so viel schwieriger wird, weil es immer einen gibt, der übrig bleibt.
Die Zimmerpalme starrt trotzig in die Ecke.
Es ist eine sehr gutaussehende Palme versichere ich ihr.
Sie knurrt etwas von inneren Werten.
Freitag sage ich, ziehen sie um.
Muss man nicht auch einmal Fakten schaffen?
Das Telefon klingelt.
Das ändert sich wohl nie, aber auch hier sind es letzte Gespräche.
Ja, bitte füllen Sie den Visumantrag vollständig aus.
Ein letztes Mal noch das große Sommerräumen.
Ein letztes Mal einem Fellow den Wunsch nach einem Bürobügelbrett abschlägig beschieden.
Eine Notiz: Linke Schublade klemmt. Der Hausmeister will sich kümmern.
Fräulein Read On, was ich hier schon alles repariert habe.
„Weiß Gtt Hausmeister, weiß Gtt.
Die Auszubildende schluchzt.
„Fräulein Read On, Sie dürfen uns nicht verlassen.“
„Auszubildende ich verlasse sie nicht, ich trete eine neue Stelle an.
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe ein Geschenk für Sie, stehe hier und habe das Institut nicht bei Nacht und Nebel verlassen und meine Email Adresse verbrannt.
Die Auszubildende schluchzt lauter.
Ein Fellow kommt vorbei.
„Hat die Auszubildende Schmerzen?“
„Phantomschmerzen!“
„Fräulein Read On, habe ich Ihnen eigentlich schon einmal erzählt wie ich in einem Institut in St Petersburg einmal ein Bein im Institutskühlschrank gefunden habe?“
„Wenn Sie wüssten, was ich schon alles im Instituskühlschrank gefunden habe!“
„Kaffee um halb drei?“
„Kaffee um halb drei.“
Außerdem haben sie keine Zeit zum Weinen. Sie müssen für die Prüfung lernen.
„Fräulein Read On Sie sind der grausamste Mensch, den ich je gekannt habe.
„Es ist mir eine Ehre.“
Dann sortiere ich weiter aus, der Papierschlucker hickst.Ich finde einen alten Osterhasen.
Es klopft an der Tür.
Meine Nachfolgerin sieht nervös ins Zimmer herein.
Haben Sie noch Fragen?
„Um Fräulein Read On, hier arbeiten ja nur Frauen.“
„Die Männer sind alle schwanger“, sage ich.
„Soll ich jetzt lachen?“
„Nachfolgerin, niemand lacht über meine Witze.“
„Sind Sie hier Männerfeinde?“
„Männerfeinde?“ Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich mich unglücklich verliebt habe.“
„Ist es ein Prinzip, dass hier nur Frauen arbeiten?“
„Es hat sich so ergeben.
Wir hatten aber schon Praktikanten, wir haben viele hervorragende Fellows, der Hausmeister ist ein wahrer Herr, aber das Institut selbst ist eben in Frauenhand. Aber machen Sie sich keine Sorgen, hier sind noch keine Männer weinend herausgelaufen.“
Sie nickt.
„Gut zu wissen.“
„Herzlich Willkommen“, sage ich.
„Herzlich willkommen an diesem wunderbaren, offenen, großartigen, wundersamen, verrückten, inspirierendem Ort. Es wird Ihnen gefallen. Hier wachsen Männer und Frauen, wenn auch nicht auf den Bäumen. Hier wächst man mit. Sie werden sich die Haare raufen, weglaufen wollen, wiederkommen, durchatmen, lachen, schreien und jeden Tag ein bisschen anders aus dem Institut gehen als Sie angekommen sind. Obwohl ich es weiß, wünsche ich es Ihnen. Herzlich willkommen im Institut. Schön, dass Sie da sind.
Ab Montag ist dies Ihr Büro.

Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.