Schnell genug

Noch einmal oder schon wieder umziehen.

Das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Ich weiss, sage ich zur Katze. Ich weiss doch, schön ist das nicht.

Aber selbst die Katze, die es doch zu einem Grundsatz gemacht hat, mit mir niemals einer Meinung zu sein, schweigt und nickt mir zu, so als wolle sie mir sagen. „Schon Recht, ich seh es ein, aber gib mir ein oder zwei Tage, ich will den schönen Kater noch einmal wiedersehen.

Soll sein Katze, soll sein, sage ich.

Ich weiss, sage ich zum treuen alten Hund, ich weiss, leicht ist das nicht.

Aber der treue, alte Hund, der doch Veränderung nicht leiden mag, schleppt seinen Schuh heran und legt ihn auf den Koffer. Dann bleibt der Hund einfach sitzen.

Ich denke an die Frau des Krämers. Die Frau des Krämers wusste natürlich gleich, dass mein Weggang aus dem Dorf in der Katastrophe, meiner wohlgemerkt nicht der des Dorfes enden würde. Das kleine Dorf wird es immer geben und

Meinen Einwand, dass das Dorf diametral entgegengesetzt zur Mondsteinscheibenfabrik liegt und das Haus zu einem Preis verakuft wurde, den ich auch in zwei Arbeitsleben nicht werde aufbringen könne, liess die die Frau des Krämers nicht gelten. „Sie werden schon sehen“,  sagte sie finster und ich packe meine Schuhe ein und werfe so viele Dinge weg, damit ich wenn ich wieder umziehen muss, noch schneller sein kann. Immer noch schneller, sage ich mir und halte mich mit den Händen an meinen Armen und mit meinen Armen an der Wand fest. Sonst ist ja auch niemand da.

Auf Schnelligkeit kommt es an, wenn man Schlägen ausweichen will, das weiss ich schon so lange. Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Lieber weitergehen, denke ich und hoffe eines Tages wird auch die Frau des Krämers aufhören Recht zu haben. Aber manchmal befürchte ich die Frau des Krämers wird immer Recht behalten und noch mehr fürchte ich, dass ich eines Tages nicht mehr schnell genug sein werde und dann hat das Schicksal oder wer auch immer sich gerade als Schicksal verkleidet mich bei den Haaren packt und nicht mehr gehen lässt.

Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Das weiss ich ganz genau.

Also dann, sage ich und packe das was ich habe in zwei Koffer und einen Rucksack, die vielen Kartons mit Traurigkeit hab eich gar nicht erst aufgemacht, sondern sie stapeln sich links und rechts und in der Mitte. Alle Kartons sind sorgfältig nummeriert. Man soll sich vorsehen, dass die Traurigkeit nicht durcheinander gerät. Wenn die Traurigkeit erst einmal ausbricht aus den Schachteln und Kartons, dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für die Traurigekit und auch nicht für mich.

Die Bücher trage ich ins Büro.

Es sind immer die Bücher, die mich dann doch noch aufhalten. Immer schon. Man muss nur wissen, was einen aufhalten wird.

Das ist alles, was man wissne muss.

Die Katze kommt in den Korb.

Der Hund kommt an die Leine.

Der Taxifahrer sagt:

„Hund und Katze geht das denn?“

„Sie haben mein Kälbchen noch nicht gesehen“, sage ich.

Der Taxifahrer starrt mich an.

„Ist das alles?“

Ich nicke.

Mehr ist es ja nicht.

Die Katze schwenkt missmutig ihren Schwanz.

Die Katze findet ein Korb, auch ein besonders feiner Weidenkorb sei kein angemessenes Transportmittel für eine Majestät.

„Verkehrssicherheit“ zische ich der Katze zu.

Der Hund rollt sich auf dem Boden zusammen.

Der Taxifahrer erzählt mir lang und breit, was er so alles mit Politikern zu tun gedächte.

Der Taxifahrer ist dabei nicht unbegabt.

Der Taxifahrer hupt.

Er sagt ich solle mir seine Nummer notieren.

„Er sei schnell da.“

„Das ist gut zu wissen“, sage ich.

Dann sind wir da.

„Aufgepasst“, sage ich zu Hund und Katze.

„Der erste Eindruck ist entscheidend.“

Der Hund verzieht sich hinter meine Beine.

Die Katze knurrt misslaunig.

Wäre ich nur in der Lage Kätzisch zu verstehen, so sagte sie gewiss: „Hast Du schon einmal jemanden bella figura in einem vergitterten Weidenkorb machen sehen?“

Bevor ich: „Contenance“ zischen kann, geht die Tür auf.

In der Tür steht die T.

„Ihr Lieben!“ sagt sie. Ich freue mich so.

„Es tut mir so leid, sage ich.“ Die Katze hat gar keine Manieren und der Hund hat auch keine Manieren, aber der Hund bemüht sich.

Die T. Sagt: Wie hat denn die Katze ihre Milch am Liebsten? Im Flur hat die T. Bilder ihrer drei leider verschiedenen Perser-Katzen hängen.

Die Katze verlässt erhobenen Hauptes den Korb und himmelt die T. an. Zwei Minuten später schnurrt sie auf dem Arm der T. Fünf Minuten später schleckt die Katze Milch. Zehn Minuten später hat die Katze einen Sessel zugewiesen bekommen. Der Sessel hat Kissen. Die Katze sieht mich an: „Das ist eben dein Problem Read On, nur weil dich niemand liebt, nimmst du an, das müsste allen so gehen. Sieh wie Du dich irrst!“ So viel Kätzisch kann ich dann doch.

Der Mann der T. krault den Hund hinter den Ohren und sagt: „So ein treuer, alter Hund.“ Die T. wollte ja immer Katzen, aber ich wollte immer einen Hund.“ Der Hund schnorchelt leise und sehr zufrieden. Der Hund hat nichts gegen Freundschaftsbekundungen, der Hund will nur mit Menschen nichts zu tun haben, die einen Ball in die Luft werfen und finden ein Hund sollte den Ball fangen und das auch noch gut finden. Aber der J. will den Hund nicht zu Albernheiten zwingen. Der J. will Fernsehen schauen und den Hund streicheln. Der Hund sieht gern fern und J. hat warme Hände.

Die T. zeigt mir mein Zimmer.

Das Zimmer geht in den Garten hinaus.

Ich müsste mir die Schuhe ausziehen.

Ich müsste die Koffer auspacken,

Ich müsste die Kisten mit Traurigkeit ordentlich stapeln.

Ich müsste Schwesterchen und die liebe C. anrufen.

Ich müsste herausfinden, wie ich zur Bahnstation komme, die zur Mondsteinscheibenfabrik führt.

Ich müsste der T. und dem J. noch einmal danken.

Aber ich kann nur auf dem Stuhl sitzen und in den Garten sehen und wieder und wieder denken: Du warst noch einmal schnell genug.

So lange sitze ich auf dem Stuhl und sehe in den Garten bis die Stimme in meinem Kopf leiser wird und ich kaum mehr hören kann, wie sie sagt: Was ist wenn du zu langsam gewesen wärst?

Noch einmal schnell genug davongekommen.