Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sehr früh ein Bananenbrot gebacken.

Die Katze, die sonst findet, es sei unter ihrer Würde so früh auch nur mit den Schnurrharren zu zucken, widerlegt mit einem Sprung vom Sessel auf die Arbeitsfläche die Schwerkraft.

Ich bin beeindruckt.

Die Katze ist wenig beeindruckt von meiner Verweigerung, Handgemenge, Verbannung vor die Küchentür, die Katze nimmt sich den Hund vor, der alte Hund seufzt.

Die T. und der J. sind auf eine Hochzeit geladen.

Die Meinungen über den Bräutigam sind geteilt.

„Aber nun ist es zu spät“, sagt die T.

Die T. streichelt die eingeschnappte Katze.

Die T. räuspert sich zweimal.

„Read On können wir dich um einen Gefallen bitten?“

Ich nicke.

Der Nachbar drei Häuser zur Linken fährt auch auf die Hochzeit.

Ich nicke noch immer.

„Kannst Du seine Hühner füttern.“

Ich nicke noch immer. Hühner schienen mir immer sehr annehmliche Tiere.

Vielleicht hätte ich misstrauisch werden müssen, als die T. sagte, dass die Hühner Preishühner seien.

Aber ich dachte nur, ob die Hühner wohl Eier aus Perlmutt oder mit grünen Sprenkeln legen.

Der Nachbar strahlt.

Die Hühner starren mich mit adliger Überlegenheit an.

Das Haus des Nachbarn ist voller Hühnerbilder und voller Hühnertrophäen.

Spätestens jetzt hätte ich fliehen mögen.

Der Nachbar nämlich spricht mit den gleichen glänzenden Augen über die Hühner, wie der Tierarzt von Kälbchen schwärmte.

Auch der Tierarzt fand Kälbchen sei nicht schlichtweg ungezogen, sondern hochbegabt und so erschaure ich als der Nachbar von den Führungsqualitäten eines Huhnes namens Johanna schwärmt. Johanna gurrt spöttisch nähere ich mich.

Der Nachbar aber strahlt wie der Honigkuchenpferde zwei.

Er sieht eine Verbindung.

Ich sehe neue Schrecken.

Er zeigt mir Futter und den Drahtpalast in dem die Hühner residieren.

Die Hühner müssen am Abend in den Stall, denn der Fuchs geht um.

Es gälte Johanna zu überzeugen, dann folgten die Anderen sowieso.

„Überzeugen?“, krächze ich.

Der Nachbar umarmt mich.

Der treue, alte Hund und ich gehen zum Fluss.

Die T., der J. und der Nachbar fahren zur Hochzeit.

Ich wasche Wäsche, falte Wäsche, bügle Wäsche, lese ein Buch, lasse es wieder, blättere in der Zeitung, sehe misstrauisch hinüber zur tickenden Uhr, friere ein bisschen, esse ein Honigbrot, schliesse die Augen, wasche all meine Tücher, verschneide die Stirnhaare des Hundes, höre eine Arie, richte eine Suppe und dann ist sie da die Dämmerung.

Ich stapfe hinüber zum Nachbarn.

Ich zähle die Hühner.

Vier Hühner scharren im Sand und picken vor sich hin.

Johanna scharrt nicht im Sand.

Johanna und drei Getreue sitzen auf dem siebten Ast eines Apfelbaumes des Drahtpalastes Glanz und Zierde.

Put. Put. Put. rufe ich.

Johanna grinst.

Kein Flügel rührt sich.

Ich rufe die liebe C. an.

Die liebe C. hat Hühnererfahrung.

„Wir haben mit kleinen vertrockneten Äpfeln auf die Hühnerkrallen gezielt“, sagt die liebe C.

„Was?“

„Hühner sind stur“, sagt die liebe C.

Das mit den Äpfel aber habe gut funktioniert. Bis Cousin G. ohne Hühnererfahrung nicht auf die Krallen sondern auf die Hühnerköpfe gezielt habe. Ihr Vater habe lange geweint.

Ich sehe das grässliche Bild: Nachbar mit toter Johanna im Arm.

Ich lege lieber auf.

Dann steige ich auf den Apfelbaum.

Johanna grinst.

Kein Flügel bewegt sich.

Nur ich habe ein Loch im T-Shirt.

Ich flehe.

Ich bitte.

Ich warne vor dem Fuchs.

Ich erinnere die Hühner an schlimmere Schicksale als die des Fuchses:

Mancher gibt sich viele Müh
Mit dem lieben Federvieh:
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen,
Zweitens, weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle.

Johanna legt den Kopf zur Seite und trippelt auf der Stelle.

Vielleicht ein erster wunder Punkt?

Ich bitte.

Ich flehe.

Dann singe ich die Moritat von Meckie Messer.

Ein Huhn flattert vom Baum herunter.

Oh der Blick Johannas!

Ich singe und singe und singe.

Ich nähere mich erneut dem Baum.

„Hör zu“ sage ich. „Johanna ich kann dich nicht ausstehen. Du mich auch nicht. Wir beide können jetzt in Würde in unser jeweiliges Haus gehen oder das alles wird hier unanständig und schmutzig.“

Dann flüstere ich etwas so Grässliches in Richtung Johanna, was ich hier aus Gründen der öffentlichen Ordnung nicht wiederholen kann, aber seien Sie gewiss, die Wendung Braten am Spiess fiel nicht nur einmal.

Johanna starrt mich hässlich an.

Natürlich kann sie nicht kampflos aufgeben.

Mit einem schrillen Pfiff segelt sie vom Baum herab und hackt nach meinem Arm, trifft aber meine Stirn.

Ohne sich noch einmal umzusehen, marschiert sie in Richtung Hühnerleiter.

Die Damen folgen auf ihr auf die Kralle.

Ich atme tief durch.

Meine Knie zittern.

Ich habe Stöckchen im Haar und eine Schramme an der Stirn. Aber das kenne ich schon von der Kälberweide.

Der treue, alte Hund sieht mich mitleidig an.

„Hühner im Stall“, schreibe ich T.

T. schickt Herzen.

Dann treffe ich die B.

Dublin hat kein Opernhaus, aber manchmal übertragen sie Opern aus der großen, weiten Welt hier im Kinosaal.

Heute gibt es Gounods Faust, diesen großen Schlager des 19. Jahrhunderts,

Der Kinosaal ist voll.

Der Kinosaal ist voll mit Damen um die 80.

Ich suche die B.

Vor mir unterhalten sich zwei ältere Damen mit Krokoprinthandtasche und Perlen über eine Seite die Baritonhunks oder so ähnlich heißt und die ganz genau das hält, was sie verspricht.

Die Damen lächeln verwegen.

Pardon, sage ich, denn ich erspähe endlich die B.

„In ihrem Alter hätte ich ja an der Garderobe auf Erwin Schrott gewartet“, sagt die ältere der beiden Damen.

Ich bin mir sicher, die Damen würde noch heute mit Veilchen in der Hand warten.

Aber ich falle neben der B. auf den letzten freien Platz.

Die B. starrt mich und das Pflaster auf meiner Stirn an.

Sie schüttelt den Kopf: „Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Woanders ist es auch schön

Shiva ist zurück und lacht, nehme ich an mit gespitztem Mund über den S. und sein irdisches Leben und Lieben.

Einer der beeindruckendsten Texte, die ich dieses Jahr gelesen habe. Eine Familie hat zwei Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen und erzählt über das Zusammenleben, Schwierigkeiten, Alltagskomik und warum Frau Mullah eben , Frau Mullah heißt. Eine ganz große Leseempfehlung und wie so oft Dank an Kiki, die, den Text geteilt hat.

Wie man sich selbst näher kommt, ob nun in Shorts oder nicht.

Herr Buddenbohm schreibt so einhellig großartige Texte, dass man alle dauerempfohlen möchte, aber dieser Text über Pfirsiche, ja Pfirsiche ist schon so besonders wie großartig.

Herr Rau kocht und ich bewundere nicht nur das beeindruckende Endergebnis , sondern auch die so appetitlich ausschauenden Zubereitungsschritte, ich bin ja auch in der Küche ein wirres Shetlandpony, dass anfängt mit sieben Schüsseln zu hantieren, feststellt was alles fehlt und mindestens zwei Zinnkrisen bekommt, ob das alles auch wirklich kosher ist.

Frau Nessy schenkt sich selbst einen Monat und nimmt uns mit nach Italien und das macht sehr viel Spaß, auch wenn ich beim Wort Reifendruck nun schon immer zusammenzucke. Was das Internet so alles mit einem macht.

Der Tierarzt, Freund von Groß und Kleinvieh anempfiehlt diese Porträtserie in der die schönsten Hühner ihre Aufwartung machen.

Die Bauern aus Maharashtra sind nicht länger still.

Tierarzt, das Wochenlied? Der Tierarzt nickt sofort verständig und schmettert Niall Horan’s „On the Loose“. Das Lied und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, erfreut sich bei den Schafen größter Beliebtheit.

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“