Auf der Suche nach Ernst Barlach- Hamburg (1)

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Jenisch-Park in Hamburg-Klein Flotttbek

Auf dem Flughafen ist es noch dunkel. Neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind aus Amerika und in Europa sind sie der Geschäfte wegen. Ihre Firma sei nach einer Insel aus Mikronesien benannt, sagt die andere Frau, stolz klingt sie, so als sei die Firma eine Art fernes Paradies. Die andere Frau schweigt über Mikronesien. Dann hebt sie ihren Armen. Sie hat eine Apple-Uhr am Handgelenk und ihrer Kollegin führt sie vor, was die Uhr alles kann. Es gibt im Grund nichts, was diese Uhr nicht kann. „Aber das Beste ist“, sagt sie und holt tief Luft, „das Beste ist das diese Uhr einen immer findet, auch wenn der Kontakt zum Mobile phone abgerissen ist, die Uhr findet einen immer.“ Man merkt der Frau an, dass es ihr ums Gefunden Werden geht, wer weiß schon wie lange es das letzte Mal her ist, das jemand nach ihr gesucht hat, der kein Stück Metall an ihrem Handgelenk ist. Ihre Kollegin aber starrt auf die Uhr und auf ihre eigenes abgeschabtes Samsung Telefon.

In Hamburg ist es auch noch früh. Ich kaufe Fahrkarten für die S-Bahn. Eine Frau versucht verzweifelt einen zwanzig Euro Schein zu wechseln, niemand hat so viel Kleingeld. „Sie zwingen mich zum Schwarz fahren“ ruft die Frau einem S-Bahn Mitarbeiter zu. „Jo“, sagt der und da bin ich mir sofort sicher, wirklich in Hamburg zu sein. Bis nach Klein-Flottbek fährt man eine ganze Weile S-Bahn: Hamburg wacht auf, die Möwen gähnen, die Menschen gähnen, Leon soll still sitzen, aber Leon will lieber mit dem Mülleimer spielen, wenn Leon jetzt nicht lieb ist, findet Leons Mutter, dann wird die Fahrt zu Oma abgebrochen. Leon schluchzt. Am Hauptbahnhof steigen drei Hunde aus und viele Menschen zu, eine Frau setzt sich neben mich. Sie riecht so nach Zigarettenrauch wie ich mir vorstelle wie Helmut Schmidt gerochen haben muss. Sie hustet erst ausführlich und wie so oft bedauere ich, dass es keine Spucknäpfe mehr gibt, dann bellt sie in ein Telefon und weckt ihren Gefährten mit einer Abreibung über sein Trinkverhalten. Noch auf dem Bahnsteig steckt sie sich, kaum ausgestiegen eine Zigarette an. Vier Freundinnen suchen eine Straße auf der Reeperbahn. Aber wie das wissen sie nicht. Eine ältere Dame mit Perlenkette und Cashmere Kombination räuspert sich und sagt: Nehmen se mal die Schanze und dann immer schön links halten, nech. Die vier Freundinnen staunen. „Na ich bin ja nu mal von hier nech“, sagt die Dame und ihre Augen funkeln. Wer sie sieht, der ahnt etwas von den Nächten über die man lieber nur andeutungsweise spricht.

Dann gibt die Stadt nach, roter Backstein und Garten mit Schaukeln, Kirchtürme und Rosenhecken, grüne Flecken im Stadtgrau, eine Station nach Othmarschen steht auf meinem Reisezettel, ich steige aus. Klein Flottbek hat Sonnenschein, gelbes Laub raschelt unter meinen Füßen. Die Häuser haben weiße Gartenzäune und die Autos sind höher als die Gartenzäune. Drei Kinder spielen Fußball auf einem Stück Rasen. „Vati“, rufen sie. „Vati komm, spiel mit uns.“ Vati kommt, nimmt Anlauf, zielt, ach weh, den Ball verfehlt, den Schwung nicht abgefangen, Vati fällt ins Gras. „Ach Mensch Vati“, rufen die Kinder. Vati rappelt sich hoch. „Mein Rücken“ ächzt er hervor und humpelt davon. An ein Auto gelehnt streckt er seinen Rücken durch. Die Mutter der Kinder ruft vom Haus herüber: „Wo ist denn Vati?“ Die Kinder rufen: „Rücken.“ Mutti weiß genug, ich kicke den Ball zurück und schon biegt die Straße nach links. Eine alte Scheune ist jetzt eine Bar. Pferdeställe, die Boxentüren gibt es noch versprechen ein erstklassiges Wohnerlebnis, im Park ist das rot und golden, ein Teppich wie für Könige. Ein Hund rast in einen Laubhaufen, eine Laufgruppe rennt vorbei, eine Krähe verschluckt sich fast an einer Nuss, die Sonne malt uns allen Kringel auf die Nase, das Jenisch-Haus glänzt weiß, ich gehe die Treppen hinauf.

Es ist noch immer früh, Milchkaffee trinke ich und ein Franzbrötchen dazu, der Teller hat einen grünen Rand, ich sehe aus dem Fenster, gegenüber steht ein fast unauffälliges weißes Gebäude. Ernst-Barlach-Haus steht an der Wand. Meine Hände sind warm an der Tasse. Deswegen bin ich hier.
So schlecht kann ich atmen im Moment, immer ist das zu wenig Luft, zu schwer knackt mein Brustkorb, so bleiern ist die Luft.

Vielleicht, denke ich, ist die Luft leichter in der Nähe von Ernst Barlach, der mir immer nah war, seine Figuren tragen so viel, vielleicht können sie auch mich ein Stück mittragen.
Ein Mann kommt an den Tisch und will etwas wissen.
Es tut mir leid, sage ich, aber ich bin nicht zum Sprechen hier, nur zum Atmen.
Er dreht sich um. Ich bezahle und dann ganz langsam gehe ich zu Ernst Barlach herüber.

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Ernst-Barlach Haus im Jenischpark, Hamburg 

Schwelende Stille

Gestern Morgen noch bevor der Tag begann, fuhr ich wie so oft mit dem Rad, zweimal links, einmal rechts, dann geradeaus, wieder links hinunter zum See. Alle Nachbarn und selbst noch die ganz alten Nachbarn, die nicht mehr schlafen können und die ganz, kleinen Kinder, die nicht mehr schlafen wollen, schliefen noch. Verhangen war der Tag, so als deckte die Sonne sich gerade noch einmal mit einer leichten Decke zu und so fuhr ich weder besonders schnell, noch besonders langsam durch den stillen Morgen. Aber während ich im Sommerkleid, bunten Flip-Flops und dem Handtuch im Korb zum See fuhr, da waren die Männer und Frauen der Hamburger Stadtreinigung schon seit mehr als zwei Stunden auf den Beinen. Denn während die Randalierer selig schlafen, im Stolz ihrer heißen Gewalt, da kommen diejenigen, deren Renault Twingo nur noch ein ausgebranntes Wrack ist und kehren die Scherben zusammen. Das ist ja alles, was vom Auto noch übrig ist, die ausgebrannte Karosserie und vielleicht stand das Auto dort, weil die Frau desjenigen Müllmannes der jetzt aufräumt im Schichtdienst arbeitet. Altenpflege vielleicht und wenn ihre Schicht endet, dann fährt noch kein Bus, keine Straßenbahn und auch die U-Bahn Tore sind noch verriegelt. Mag sein, dass die Frau noch ein paar Minuten in ihrem kleinen Auto sitzt, die Augen schließt, denn die alte Frau, die in der Nacht stundenlang schreit, die vergisst man nicht so schnell und sicher hofft die Frau im Auto, das es jetzt nicht mehr gibt, dass es noch zwei Jahre hält. In zwei Jahren nämlich macht ihr Sohn nämlich den Führerschein, dafür hat sie viele Extraschichten geschoben und ihr Sohn hat: Rasen gemäht, im Getränkelager ausgepackt und Autos gewaschen. Aber das kleine, alte Auto in dem der Sohn doch neben seinem Vater, der jetzt ein zertretenes, verbogenes und halb verkohltes Fahrrad in den Müllwagen wirft, sicher fahren lernen, sollte dieses Auto gibt es nicht mehr. Vielleicht gehört das Fahrrad seiner Tochter und vielleicht steht es genau dort, wo die Gewalt eben zugriff, denn es sind immer ja nur die Leben der Anderen, die zerbrechen. Mag sein, dass der Tochter nämlich am Bahnhof schon zweimal das Rad geklaut worden ist und auch die Billig-Billig-Räder sind auf Dauer gerechnet zu teuer, um sie zu ersetzten und die Tochter stellt ihr Rad immer in einer belebten Straße ab, denn da wird doch nichts passieren. Die Tochter des Müllmannes ist vielleicht ein kluges Mädchen, schnell und witzig und fährt mit dem Zug von der Vorstadt, wo die Mieten billig sind ins altsprachliche Gymnasium und ist kurz vor dem Abitur. Ihr Vater, der jetzt Müll schaufelt schreibt den Verwandten in der Türkei oder in Griechenland in jedem Brief: „Das Kind, das wird studieren.“ Jetzt liegt ihr Fahrrad mit verbogener Gabel auf der Straße. Vielleicht hat die Freundin aber auch ihren ersten Freund im Schanzenviertel. Ihr Freund heißt Leonhard und seine Eltern haben geputzte Messingsschilder im Hausflur und eine Privatpraxis, aber Leonhard sagen ihre Eltern ist „ein guter Junge“, aber wenn es Abends mal später wird, ist es besser ein Fahrrad zur Hand zu haben, denn Eltern im Schichtdienst, können ihre Kinder nicht immer einfach so abholen kommen.

Ich unterdessen schwimme im kühlen See, der See liegt genau so stumm im frühen Licht wie die Straße und selbst die Enten schlafen tief und fest. Blätter rauschen und im Schilf, da gähnen die Nymphen und machen noch einmal die Augen zu. Ich tauche tief. Vielleicht räumt der Müllmann gerade einen zerstörten Laden auf und mag sein, dass seine Schuhsohlen knirschen unter den vielen Glasscherben der letzten Nacht. Ich schwimme im spiegelglatten See unter dem dunstigen Himmel, irgendetwas um 3 Kilometer und während ich Meter um Meter weiter in die Mitte des Sees schwimme, betritt der Müllmann vielleicht den zerstörten und geplünderten REWE-Supermarkt  .Sieht die umgestoßenen Kühlschränke, die zerschlagenen und zertretenen Regale, geht über den klebrigen, verschmierten Boden auf dem Eier, geköpfte Flaschen und zerplatzte Joghurtbecher eine glitschige wie klebrige Firnis bilden. Mag sein, er steigt über das in den Supermarkt geschmissene Gemüse und Obst. Mag sein, dass der Müllmann daran denkt, dass er und seine Frau nur vor Weihnachten zu Rewe gehen, weil man sich etwas gönnt. Einmal im Jahr und an der Käsetheke einmal nicht auf den Preis sieht und Gulasch an der Fleischtheke kaufen, wie die reichen Leit.’ Denn allen anderen Tagen im Jahr kaufen der Mann, der jetzt aufliest, und Mülltüte um Mülltüte füllt, bei ALDI und LIDL ein. Der Müllmann und seine Frau haben kein „BITTE KEINE WERBUNG“ Schild am Briefkasten kleben, so wie ich, weil sie die Preise vergleichen und dann lieber zum Aldi gehen, wenn es dort Brie im Angebot gibt. Aber der Müllmann und seine Frau, die wissen warum, denn die Tochter soll mit auf Klassenfahrt und dort in Italien eine genauso gute Zeit haben wie die Eltern von Leonhard es ihrem Sohn wünschen. Und der Sohn soll auch ein Paar Fußballschuhe haben, die etwas taugen, denn er spielt gern und gut. Am Essen kann man immer sparen und jetzt liegen die Mangos aus Brasilien und teuren Bio-Äpfel auf dem Boden und auf dem Kalbsfleisch sitzen die grünen Fliegen.

Vielleicht denkt der Müllmann aber auch an seine Mutter, die im Rewe an der Kasse sitzt und ihre schmale Rente aufbessert. „So komme ich wenigstens unter die Leute“, sagt die Mutter, aber ihr Sohn, der kehrt und räumt und kehrt und räumt, stundenlang, der weiß, dass seine Mutter Rückenschmerzen hat und er weiß, dass seine Mutter nicht so sehr ihre Rente aufbessert, sondern immer wieder hier und da etwas „dazu schießt“ für den Sommerurlaub vielleicht oder für das schicke Abiballkleid der Tochter, die so ein kluges Mädchen ist. Mathe-Leistungskurs. Vielleicht hat seine Mutter aber auch schon seit Jahr und Tag etwas beiseite gelegt für Studium und Ausbildung der Kinder. „Das Kind soll studieren“, sagt seine Mutter jeden Tag, wenn sie an der Kasse sitzt und die Lebensmittel über das Band zieht, die sie selbst niemals kaufen würde. Jetzt aber gibt es keinen Supermarkt mehr.

Vielleicht sieht der Müllmann aber auch auf die Uhr und macht sich Sorgen wie seine Frau jetzt nach Hause kommt, denn noch immer ist so viel Müll übrig. Vielleicht sitzt seine Frau bei einer Tasse Früchtetee im Schwesternzimmer und wartet bis die erste Bahn nach Hause fährt, vielleicht überlegt sie, ob irgendjemand der Tochter ein Rad borgen kann, damit das klappt mit der Schule am Montag Morgen und vielleicht überlegt ihre Schwiegermutter, wann der Markt wohl wieder eröffnet wird, oder ob sie in einen anderen Markt versetzt wird, viel weiter entfernt von jenem, nah bei ihrer Wohnung. Der Müllmann aber muss weiter, zwei Kollegen brauchen Hilfe, die Bauzäune wieder von den Straßen zu sammeln, die Stein aufzuklauben und noch immer schmort der Müll auf den Straßen.

Ich wate aus dem See, trockne mich ab und fahre zurück nach Haus. Noch immer liegt die Stille über Allem.