Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.

Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Von Fern ist das Meer niemals nah (3)

Hier finden Sie den ersten ersten und zweiten Teil der Geschichte.

Er steht mit dem Rücken zur Tür. Noch immer schlägt der Regen gegen die Fenster, die Straße. Regenschatten liegen über Southall. Kalt ist die Tür gegen seinen Rücken, aber er dreht sich nicht um. Der Laden ist seit Jahren schon der gleiche, selbst in der Dämmerung, kennt er den Laden, wie nicht einmal sich selbst. Eine halbhohe Anrichte mit der Kasse, Kaugummis in zehn Geschmacksrichtungen und das Bild eines Gurus. Er weiß schon seit Jahren nicht mehr, ob dieser Gesundheit oder Geldsegen versprach. Zwei Kühltheken zu seiner Rechten. Cola, Limonaden, Wasser, Milch, Orangensaft in Zwei-Liter Packungen und immer hat eine Packung ein Leck. Jeden Abend, bevor er den Laden zusperrt, wischt er eine Pfütze mit Orangensaft auf. Regale in der Mitte des Ladens. Instant-Nudeln in weißen Bechern, Kekse, klebrige Jalebis in bunten Kartons, Schokolade, Putzmittel, Einwegrasierer, Konservendosen, Lipton-Tea, Backpulver und Sirup. Beutel mit roten Linsen, Kichererbsen, Reis und Öl. Im Lager mehr Säcke, mehr Reis, immer noch mehr Linsen und Kichererbsen, Tüten mit Chilipulver und Pefferkörnern, Lutscher, die den Kindern eine blaue Zunge machen. Das Wasser tropft auf seine Füße, eine Wasserlache auf dem Boden, wie der Orangensaft läuft er leck. „„Du bist Kurta, Kurta der Hund““ hört er sie sagen. Eine weiche Stimme, das harte r von Kurta, das steht ihrer Zunge, „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagte sie und er verschluckt sich an ihren Worten. „Ist es nicht merkwürdig, denkt er, dass jeder in Southall mich Kurta, den Hund nennt und ich zucke nicht einmal mit den Schultern?“ Und dann steht sie da, sie die Frau an die ich mich kaum noch erinnere und sagt „Du Hund zu mir.“ Und alles ist wieder, wie damals als zum ersten Mal die Kinder mit dem Finger auf mich zeigten und lachten: „Da kommt Kurta, Kurta, der Hund.“
Dann hält er sich die Hand vor den Mund als fürchte er sein Gesicht ein zweites Mal zu verlieren, auch wenn niemand außer ihm im stillen Laden ist, der Frau auf der Straße sieht nur seinen Rücken. Er presst sich die Hände gegen den Mund und die Tür ist kalt gegen seinen Rücken.

„Good morning“, sagt der Radiosprecher, it is 5.20 AM, this is the BBC and now the Shipping Forecast issued by the Met office.“ Viking North 5 to 7, das ist was er behält und Showers at first. Jeden Morgen hört er die Shipping Forecast, dabei hat er noch niemals das Meer gesehen, ein Boot bestiegen, die Füße ins Wasser gehalten und noch niemals auch nur ein einziges Wort der Shipping Forecast verstanden. Nach der Shipping Forecast kommt das Milchauto, das ist sein einziger Grund für Radio BBC 4, das kleine Transistorradio steht hinter der Kasse auf einem schmalen Bord. Er dreht das Radio aus, die Tür ist beschlagen und er sieht nicht, dass die Frau noch immer auf der Straße steht mitten im Regen. Er löscht das Licht und nimmt den Schlüssel vom Haken. Das Closed Schild hängt noch immer an der Tür und heute zum ersten Mal in viel zu vielen Jahren, dreht er es nicht um.

„Bitte“, sagt sie, bitte warte doch, bitte, es tut mir Leid.“ Ihr fällt ein, dass sie seinen eigentlichen Namen nicht mehr weiß. „Kann jemand seinen Namen verlieren?“, fragt sie sich, wie einen Schlüssel? „Aber wir haben ihn ja verloren“, sagt sie sich, der Regen ist ein nasses Tuch über ihren Schultern. „Warte doch“, ruft sie wieder und wieder. Ihm fällt ein wie schnell er laufen kann, er läuft an ihr vorbei, schneller noch, immer noch schneller, er läuft vor ihr davon, er rennt die Straße hinunter, noch immer hält er sich die Hand vor dem Mund, aber seine Beine sind schneller und schneller, schon ist er im Bahnhof. Southall steht auf dem Schild und Transport for London. Sie sieht ihm nach, dann kommt das Milchauto, biegt um die Ecke, fährt durch eine Pfütze, das schlammbraune Wasser spritzt hoch, eine Welle Pfützenwasser läuft über sie hinweg. Um 5.25 Uhr steht sie unter der Dusche und das Wasser das in den Abfluss läuft, ist schwarz. Sie sieht den Milchliferanten, er klopft gegen die Tür des Geschäftes, doch keiner wird öffnen, dass er im Bahnhof verschwindet, sieht sie nicht, als er die erste Stufe des Bahnhofs erreicht, da schließt sie den letzten Knopf ihrer Bluse.

Er kauft eine Fahrkarte. Brighton, sagt der Automat, als er auf B… tippt. Brighton bestätigt er zweimal, steckt Geld in den Schlitz. Gelb und rot ist die Fahrkarte. Ein dünner Streifen Papier ist genug um ans Meer zu kommen, wundert er sich. Platform 5 steht auf der Fahrkarte, und die U-Bahn von Southall nach Paddington ist leer. Ein Liebespaar ist müde von der Nacht und ein alter Mann liest eine alte Zeitung. Eine Werbetafel verspricht, dass das Glück an den Stränden der Karibik wartet, er dreht den Fahrschein in seinen Händen. „Viking North to Five“ flüstert er, in Paddington wechselt er in eine Linie nach London Victoria und auf dem Bahnhof kauft er eine Flasche Orangensaft, ein Sandwich mit Käse und einen grünen Apfel. „The 6.37 train to Brighton via Clapaham Junction, East Croydon, London Gatwick, Hassocks“, leaves from platform 5, sagt die Lautsprecherstimme und er fasst vorsichtig in seine Hosentasche. Aber der Fahrschein ist noch immer da. „Nach Brighton?“, sagt er zum Schaffner, der raucht vor dem Zug und nickt. Er zieht sein Telefon aus der Hosentasche. Sein Vater hat ihm eine Nachricht hinterlassen: „Kurta, wo zur Hölle bist du?“, schreit die Stimme seines Vater blechern vom Anrufbeantworter. Er wirft das Telefon in einen Mülleimer. Er braucht es nicht mehr.

Das Abteil ist noch leer, der Schaffner trinkt Kaffee und nickt ihm zu. „Brighton, ja?“ „Last stop of the train“, sagt er. Er sieht aus dem Fenster, der Orangensaft hinterlässt einen Fleck und er reibt mit einem Daumen über die nasse Stelle. In Croydon setzt sich eine Frau zu ihm ins Abteil. Blasse rötliche Haare, ein rosa Schal, locker um den Hals gelegt, Sommersprossen auf der Nasenspitze. Lange wühlt sie in ihrer Handtasche, dann seufzt sie. „Wenn ich mir ein Brot liege, lasse ich es liegen“, sagt sie, wenn ich mir kein Brot mache, vergesse ich auf dem Bahnhof eine Croissant zu kaufen“ sagt sie zu niemand Bestimmten. Er hört es trotzdem. Er reibt mit dem Ärmel über den Apfel und hält ihn ihr hin. Sie wird rot und für zwei Stunden hört sie nicht mehr auf zu reden. Kurz bevor der Zug in Brighton hält, unterbricht sie sich selbst: „Wie heißen Sie?“, sagt sie und er muss sich räuspern, und zweimal verschluckt er sich fast: Pargat Singh, sagt er mein Name ist Pargat Singh. „Es hat mich sehr gefreut Pargat Singh“, sagt sie und dann hält der Zug. Sie winkt und er winkt zurück.

„Wie komme ich zum Meer?“, fragt er an einem Schalter. Ein rotes Schild: Information. Die Frau gibt ihm einen Stadtplan. Zum Meer führt eine Kugelschreiberblaue Linie. Dann geht er los, seine Beine sind schneller als er, dort liegt das Meer, grauer Nieselregen, die Straße schon riecht nach Salz und Tang und endlich, endlich ist da, das Meer. Das Meer ist blau, trotz des grauen verhangenen Himmels, blau ist das Meer, so wie der Himmel des Punjab, kurz vor Anbruch der Nacht. Vor einem Papierkorb randalieren die Möwen, er geht nach links, der Sand bohrt sich durch die Sohlen in seine Füße hinein. Das Meer ist so weit wie blau und wenn er jemand anders wäre, das weiß er einfach so, könnte er hier lange sitzen und dem Meer zuhören, aber er zieht sich schon den Pullover über den Kopf, legt das weiße T-Shirt sorgfältig zusammen, kickt die Schuhe und Socken von den Füßen, zieht die Hosen aus, legt sie in eine Mulde Sand und dann kommt er dem Meer entgegen. Das Meer hat weiche, weite Arme und gierig ist das Meer, keine schüchterne englische Rose, das Meer zieht ihn die Arme ,weiter und tiefer hinein lässt er sich tragen vom Meer. „Man kann nicht als Hund leben“, denkt er und das Meer reckt sich, komm unter meine Arme flüstert das Meer und das Meer ist so blau, so blau wie der Punjab am Abend, es verschluckt den grauen Himmel und hinter dem Himmel ertrinkt die Sonne, hinter dem Meer ist es hell, will er noch rufen, doch das Meer liegt ihm in den Armen, eisig und tief und dann denkt er nichts mehr und schließt die Augen mitten im Sinken, mitten im Meer.

In Southall verpackt eine Frau eine Urne, es ist ihr Vater, die Asche ihres Vater, ihre Hände sind kalt, die Handtasche lässt sich nicht mehr schließen.“ Nach Brighton“, sagt sie am Fahrkartenschalter. „8. 37 Uhr geht der nächste Zug“, sagt die Frau am Fahrkartenschalter.

Der dritte Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeer und der vierte und letzte Teil der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Schiefergrau

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Grau ist das Meer, eine harte Wand aus kühlem Beton. Schiefergrau. Grau bin auch ich, in den Regen gewickelt wie ein schweres Tuch. 7 Stunden lang. Als ich ging, leckte das Meer mir an die Füße, jetzt als ich zurückkehre, ist es weit entfernt, nicht mehr als ein grauer Schatten. „Read On“, sagt die Frau des Krämers, Sie sind ja ganz durchweicht. Ich nicke und bin mir nicht sicher, ob nicht das Meer selbst mit langen, feuchten Händen schon mich zu sich gezogen hat. Mein Liebchen und wie ich da stehe, am Meeressaum, da fährt es mir tief unter die Knochen und legt mir eine schwere, graue Hand auf die Schulter. Der Priester erzählte mir einmal, dass noch sein Großvater selbst ihm berichtet habe, dass immer dann wenn ein Schiff an den Felsen schlug oder von der tückischen Strömung zerschmettert wurde, der Priester ein Kreuz schlug: Gott segne diesen Strand und dann liefen Priester wie Gemeinde, mit Körben und Taschen zum Wasser hinunter, wo ich jetzt stehe und es war ein guter Tag. Schiffbruch erleiden. Das kenne ich gut, denn wie oft hat mich das Grau schon verschluckt? Irgendwann gab ich das Zählen auf, denn das Meer gab nicht nach. Der Erlkönig so heißt es, reitet durch Nacht und Wind, aber hier kommt er nicht auf einem Rappen daher, sondern als Wanderer in schwarzem Wetterfleck, mit knotigem Stock in der Hand und einem breitkrempigen Hut. Tiefer und tiefer zieht er den Hut und geht festen Schrittes hinein die graue Wand, die immer nur einen spalt breit nachgibt, doch niemals ganz. Noch sieht man den Wanderer, noch hört man die Stimme des Pastors, der die predigt unterbrach, noch meint man das Johlen der Strandläufer erahnen zu können, noch immer aber gibt das schiefergraue Meer nicht alles preis. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind hört man es flüstern, aber lauter noch die Stimme der Frau des Krämers, die nun zum zweiten Mal nach mir ruft. „Read On“ , kommen Sie doch, Sie sind doch ganz nass.“ Dann drehe ich mich endlich um. Noch zuhause aber, als warmes Wasser über meinen Rücken läuft und die Dunkelheit das Meer verschluckt und ich endlich, endlich unter einem Berg warmer Decken verschwinde, höre ich den Mann im Wetterfleck rufen leise und doch so durchdringend, metallisch und schiefergrau hart. Als der Teekessel pfeifft schlägt der Regen gegen mein Fenster und als ich zurück im Bett aus dem Fenster sehe, meine ich von Ferne splitternde Schiffsmäste zu sehen, die an den Wellen brechen und schlagen nicht auch von Ferne schon die Kirchenglocken? Mein Sohn es ist ein Nebelstreif sage ich mir und schließe die Augen erst, als ich das ewig vertraute Blinken des Leuchtturms in der Ecke meines Schlafzimmers sehen kann. Heute Nacht denke ich dann, wird der Wanderer noch einmal weitergehen und nur von Ferne grüßen mit seinem das Gesicht verbergenden Hut, dem grauen Kragen und dem wehenden Mantel von dem niemand weiß, wer ihn wohl webte, denn wie das Meer selbst so ist er verschwiegen, unnahbar und schiefergrau.