Wie der Dezember riecht

Der Dezember riecht nach Zimt und schwarzem Tee. Immer im Dezember bringt die D. Tee aus Odessa mit. Die Tüte reicht immer ganz genau für ein Jahr. Ich bin geizig mit dem Tee und verstecke ihn in einer unscheinbaren Dose. Der Tee dampft im Glas. Das Teeglas riecht wie ein Tolstoi Roman und ich bin mir sicher schon Anna Karenina wärmte sich an diesem Tee die kalten Hände. Der Dezember riecht nach Brustkamellen und dem leidigen Erkältungsbad. Piniennandeln steht auf dem Pickerl, aber das Erkältungsbad riecht nicht nach Antibes, sondern nach einer chemischen Formel ganz ohne das Rauschen der Wellen, die Pinien doch brauchen. Der Dezember riecht nach Gewürzbirnen und den Orangenschalen, die die M.in das knisternde Kaminfeuer wirft. Der Dezember riecht nach Granatapfelkernen, die ich langsam in den dicken, griechischen Joghurt rühre. Der Dezember riecht nach Heiserkeit und kalten Betten.

Der Dezember riecht nach Erschöpfung und viel zu hohem Fieber. Der Dezember riecht nach Kehrwoche und den Tannen, die Verkäufer am Straßenrand feilbieten. Der Dezember riecht nach heissen Maroni, dabei gibt es in Dublin keinen Maronimann, der die Früchte auf einem kleinen Ofen röstet, bis die Schalen der Kastanien knackend platzen. Aber wenn ich die Augen schließe dann sehe ich ihn doch noch einmal den Maronimann, mit seinen abgeschnittenen Handschuhen und dem dampfenden Atem, der mir vor Jahren in Böhmen eine Handvoll Maroni in einer aus Zeitungspapier gedrehten Tüte, verkaufte und seitdem riecht jeder Dezember wenigstens in meinen Träumen nach Esskastanien.

Der Dezember riecht nach Chlor und dem Friseur vor der Bushaltestelle. Die Frauen lassen sich Locken wickeln und die Friseurin raucht und schnippt die Asche in eine Kaffeetasse mit abgeplatztem Rand. Der Dezember riecht nach Einkaufslisten und Zugfahrplänen, der Dezember riecht nach Tränen vor Glück am Flughafen und den bangen Minuten vor dem Eintreffen der Verwandtschaft. Der Dezember riecht nach zu viel Pints und Torf in den Kaminen. Der Dezember riecht nach gebrannten Mandeln und zum x-ten Mal verbrannten Fingern am heißen Backblech. Verflixt. Der Dezember riecht nach nassen Haaren und nassem Hund. Am 23. Dezember riecht er nach Chanel No. 5 und Tau, denn so riecht die Mali-Tant und ich überlege, ob man einen Menschen wirklich wieder loslassen muss. Der Dezember riecht nach Kohlenkellern und Rosenwasser. Der Dezember riecht fettig, salzig und zuckersüß. Der Dezember riecht nach Rumrosinen und Kakao mit Haut. Der Dezember riecht nach letzten Anstrengungen und Vanillekipferln.

Der Dezember riecht nach Willkommen und Abschied.

Wie der August riecht.

Der August riecht nach der schweren Süße der Pflaumen und der Schärfe, die in jedem ersten Klarapfel liegt. Der August riecht nach Brombeeren und dicker Milch. Satt riecht der August und dieser August gehörte den Wespen. Einen Apfel oder auch zwei holen sich die Wespen unter den Apfelbäumen und so riecht der August nach der Vergänglichkeit, die das Barock so liebte. Der August riecht nach dem Ende der Sommerferien, nach langen Zugfahrten und einer Wanderung mit Blasen an den Füßen. Der August riecht noch einmal nach feuchten Handtüchern und der See riecht schon nach dem schweren Atmen des Nöck. Lange wird der See den Menschen nicht mehr gehören.
Der August riecht nach Zitronensorbet und einem Sommerfest auf dem man trinkt und lacht, um schließlich doch zu tanzen. Der August riecht nach Regenwolken, die doch weiterziehen und nach vertrocknetem Gras. Nach schwelendem Rauch riecht der August und der Müdigkeit eines kleinen Mädchens, das selig in einem roten Buggy schläft. Nach Bergamotte riecht der August und keimenden Kartoffeln in einem kühlen Kellergelass. Der August riecht nach schwarzem Tee mit Pfefferminz und kalten Zitronenscheiben. Der August riecht nach kühlen Morgen und feuchten Füßen im nassen Gras. Noch einmal blüht die gelbe Rose an der Mauer ganz weit hinten am Garten und noch einmal kann man sich eine Hand voller Himbeeren aus der Hecke pflücken. Der August riecht nach frisch gedruckten Büchern und Filzstiften mit denen am offenen Fenster Mütter viele Male auf Schulbücher schreiben: Mathematik, Elisa, Klasse 3 b.
Der August riecht nach Milchreis mit brauner Butter und der Zimtstange, die im Topf ganz langsam um ihre Achse kreiselt, denn es sind schon wieder so viele Pflaumen reif. Der August riecht also nach Pflaumenkuchen und einem dicken Löffel Pflaumenmus auf schwarzem Brot. Das riechen die Wespen und nachdrücklich weisen sie auf den Esslöffel hin, der so vortrefflich für das Verteilen von Pflaumenmus zu gebrauchen ist. Der August riecht nach Brotdosen, die zum ersten Mal seit sechs langen Wochen geöffnet werden und nach der Aufregung der Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie sind jetzt groß, flüstern sie sich zu und greifen nur ganz verstohlen in ihre Tasche, um sich zu versichern, dass ein treuer Teddybär und ein Nilpferd aus Plüsch noch immer bei ihnen sind. Der August riecht nach Benzin in einer Pfütze, nach kaltem Kaffee in einer Tasse. Jemand muss die Tasse vergessen haben, denn im kalten Kaffeesee schwimmen Zigarettenstummel.

Der August riecht nach billigem Rosé aus dem Aldi. Es ist Sommer auch noch für die Trinker auf der Parkbank, vielleicht hilft der Rosé gegen die Erinnerung an den Winter, der sich irgendwo schon die Stiefel putzt. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen. Der August riecht nach Seife von Molton and Brown und nach der Erleichterung, dass der Opel Corsa, der ein junges Studentenpaar doch nach Heidelberg bringen soll wirklich anspringt, auch wenn es lange so aussah als sei jede Mühe umsonst. Der August riecht nach der Müdigkeit des Sommers, lang war der Sommer und die Hände des Sommers haben lange schon Schwielen. Seinen Kopf in die Regentonne sinken zu lassen davon träumt der Sommer und er seufzt, sieht er auf seine trockenen, rissigen Hände. Der Sommer riecht nach Rilkes Frack und nach der Furcht der Kinder, die bei mir im Garten Äpfel, Birnen und Pflaumen stehlen und nicht damit rechnen, dass ich sie aus der Hängematte ganz genau sehen kann. Sie flüstern: „Glaubt ihr sie holt die Polizei?“ Einem Buben aber purzeln die Äpfel aus der Tasche und er beißt sich auf die Lippe. Was nun? Es gibt auch Apfelkuchen sage ich und er wird ganz rot, verlegen, beißt sich auf die Lippe, starrt auf den Boden und weiß nicht, dass er mir doch der Liebste ist aus der Kindergruppe. Die Anderen sind schon über den Zaun verschwunden. Auf ihn warten sie nicht. „Klauen ist blöd“, sagt er und ich sage: „Warum?“

Er sieht mich zweifelnd an. Weil die geklauten Sachen eigentlich nur nach schlechtem Gewissen schmecken, sagt er und schluchzt und weil man nur in die Clique darf, wenn man auch klaut.“

Der August riecht nach getrockneten Tränen und Apfelkuchen mit einem großen Klecks Sahne. Der August riecht Ölfarbe und süßen Trauben.

Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.