Wie der Januar riecht

Ein ganzes Jahr lang habe ich Monat  für Monat hier olfaktorische Notizen mit ihnen gemeinsam gesammelt und aufgeschrieben. Ich danke Ihnen allen sehr und von Herzen für Ihr Mitriechen und all ihre wirklich geruchsintensiven Schnuppermonate! 

Ein letztes Mal an dieser Stelle also:

Der Januar riecht nach kaltem Kaffee und dickem Nebel. Der Januar riecht nach Restbeständen und gar nicht nach Neubeginn. Der Januar riecht nach Chlor in den Haaren und nach dem Piniendeodorant eines Mannes, der immer am Mittwoch und ausschliesslich am Mittwoch neben mir im Zug sitzt. Der Mann riecht nach Pinien und er trägt einen schwefelgelben Schal aus Wolle. Der Januar riecht nach Müdigkeit und Müdigkeit und dann noch mal nach Müdigkeit. Der Müdigkeit ist es ganz gleich wie wie spät es ist, die und Müdigkeit ist immer pünktlich. So ein Monat ist der Januar. Der Januar riecht nach Apfelmus und altem Brot. Nach Trockenobst und einer Mango mit schlechtem Gewissen riecht der Januar.

Der Januar gehört den Nebelkrähen und den schlechten Omen. Der Janaur riecht nach Kakao mit Haut und Briefen, die besser nie geöffnet werden. Der Januar riecht nach der letzten Marzipankartoffel und dem Matsch der Weide, die sich Kälbchen und ein beduaernswerter Esel teilen. Der Januar riecht nach wenig Trost (leider) und der Weidematsch klebt nicht nur an den den derben Gummisteifeln, sondern wirklich überall. Der Janaur riecht dann doch auch nach Aufbruch. Aber er riecht mehr nach Bruch und nur sehr wenig nach auf. Der Janaur riecht so kalt, dabei fällt das Thermometer kaum einmal unter Null. Der Januar riecht nach Erinnerungen, die ich doch so dringend vergessen will, aber Januar vergisst nichts. Der Januar riecht nach Bewilligungen und kalter Angst. Der Januar lacht dann und bläst seine hohlen Wangen auf. Der Januar riecht nach Fragen auf die es keine Antwort gibt, nach Telefonaten, die kein Ende nehmen und immer wieder nach nassen Strümpfen. Der Janaur riecht nach Keksen und Vollmilch im Glas. Der Januar riecht nach durchgeweichten Cornflakes und dem Kantinenporridge. Der Janaur riecht nach Schlaflosigleit und der Traurigkeit des Vollmonds am Himmel. Der Mond sucht nach der Sonne. Das eint den Mond und mich.

Der Januar riecht nach Termindruck, nach einem Vorwort und Korrekturfahnen, der Janaur riecht nach Blicken über die Schulter und sehr vielen Sorgenfalten. Der Januar riecht nach einem nassen Scheuerlappen und Torf mit dem so viele in Irland heizen. Der Janaur riecht nach Bikensaft, den der G. an jedem Morgen um Punkt zehn Uhr unter grossem Wohlgefallen zu trinken pflegt. Der Janaur riecht nach klammen Seiten und Akten mit Modergeruch. Der Januar riecht nach Ungeduld und klebriger Zähigkeit. Der Janaur lässt einfach nicht los und jede Woche zeigt der Kalender an, dass dieser Monat noch immer nicht zu Ende ist. Der Janaur lacht schon wieder.

Der Januar riecht nach Stampfkartoffeln und Aufregung in einem Konzertsaal, in dem Opernsänger in den Wettstreit treten und ich weiss sofort, warum ich niemals einer Jury angehören mag, ich verliebe mich sofort in Stimmen, vor allem in jene die vor Aufregung bis an die Decke flattern. Der Januar riecht auf einmal auch nach La Fenice und nach dem hohen C.. Der Janaur riecht nach Erleichterung als die T. sagt: „Doch komm jetzt sofort. Wir sind da.“ Der Janaur riecht nach einer kalten Hundenase und nach warmem Katzenfell. Der Janaur riecht nach Schotter und Irish Stew.

Der Janaur riecht nach Vergeblichkeit und Alpenveilchen.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Ein intensiver Januarduft aus Berlin.

Safran und Chai eines indischen Januars.

Ein Januar, der nach Anfang riecht.