Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

Wir verabschieden uns von Prag. Heiß ist die Stadt. Der Tierarzt findet Mitteluropa sei ein Backofen. Manchmal befühlt er einen Arm und mumrelt etwas von Steak durch oder so ähnlich. Aber noch einmal stehen wir vor dem Haus in dem Kafkas große Liebe Milena Jesenská bis zum Bruch mit ihrem Vater Jan, dem Zahnarzt lebte. Heute ist in dem Haus eine Schrottausstellung. Männer sitzen in Recylingautos und strahlen und Frauen lehnen auf den Schrottautos in einer gemeinhin als verführerisch bezeichneten Pose. Dann fotgrafieren die Männer ihre Frauen auf den Autos. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen. Lange Gesichter.

Aber wir gehen an den Autos und Metallgiganten vorbei wandern durch die großzügigen Räume. Sie riechen frisch gestrichen und nagelneu, wären nicht die Figuren und Autos aus Altmetall, so könnte man sich gut vorstellen wie hier ein Zahnarzt eine Ordination eröffnete und hier stritten und liebten und stritten sich Milena und ihr Vater über das Frau-Sein und Werden, über Karrieren, über Ehemänner, über die Zukunft und die Vergangenheit. Ihr Vater ließ sie über die Beziehung zu Ernst Pollak in die Psychiatrie einweisen, Ernst Pollak den sie dann schließlich heiratete, war nicht weniger beklemmend als ihr Vater, Franz Kafka legte ihr sein Herz in die Hände und sie hielt die Hände auf. Die Deustchen schließlich ermordeten Milena Jesenská in Ravensbrück. Milena, Milena, Milena denke ich und die Farbe ist frisch und ein Radiosender spielt Musik, die mir nichts sagt. Milena sagt der Tierarzt neben mir, die Liebe bewahrt einen vor nichts. Dann wird eine Kaffeemaschine geliefert und eine Leiter fällt um. Wir gehen. Ich drehe mich nicht um. Noch immer, auch nicht so viele Jahre später, kann ich diese Lücke begreifen. Milena.

Wir stehen am Bahnhof. Der Tierarzt fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu. Der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Der Tierarzt ist kurz vor dem Hitzschlag und ähnelt auf erstaunliche Art und Weise Karl Kraus, so sarkastisch wie er zetert. „Prag steckt an“, sagt er und ich mache den Tierarzt zum inoffiziellen Mitglied der Arkonauten, jenen Kaffeehausgästen, die im Café Arco saßen und alle der Literatur verfallen waren.

Dann kommt der Zug. Ich wuchte Koffer, luggage holdall, Rucksack und Tasche in ein Gepäckfach und ziehe den Tierarzt hinterher.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, der Zug ist sehr alt.“

„Der Zug ist verlässlich Tierarzt“, sage ich.

Der Tierarzt sieht zweiflend zu mir herüber.

Neben mir sitzt eine Frau, die sich sofort in katholische Erbauungsliteratur vertieft.

Neben dem Tierarzt sitzt ein Mann, der auf seinem Notebook einen Film sieht in dem Männer sich sehr kreativ den Hals durchschneiden. Dann und wann kichert der Mann so als sei ein Mord doch eine recht unterhaltliche Angelegenheit. Der Tierarzt erschauert.

„Du erbst alles“, sagt der Tierarzt zu mir.

„Tierarzt sage ich, das ist bestimmt ein reizender Mensch.“

Der Tierarzt sucht nach einem Taschentuch. „ Hitze und Horrorfilme“ murmelt er finster, „man hätte ja selbst auch genug Fantasie.“

Der Zug fährt los.

Der Zug knirscht und knarrt.

Der Tierarzt sagt: „Der Zug ist kaputt.“

Ich sage: Der Zug hat nur ein wenig Schnupfen.

Die Klimaanlage funktioniert nicht.

Die Frau mit den Marienbüchern auf dem Schoß kann erstaunlich gut fluchen.

Der Tierarzt bekräftigt nickend ihre Tiraden.

Der Mann mit den Horrorfilmen stellt den Ton lauter.

Wenn der Zug nicht knirscht, tönt es also: STIRB, SPLASH,BANG; RATTTTTARATTATATA aus dem Notebook.

Der Tierarzt sagt: „Mach was!“

Ich krame in meiner Tasche herum und biete dem Horrorfilmmann Kekse an.

Der Horrorfilmmann nimmt die Kekse gern.

Die Katholikin öffnet das Fenster.

Der Zug knarzt.

Der Film macht: PENG, BOOM;BOOM,BLAST; SPLOSH und RATTTATATATTTA.

All das wird nun auch von dem mahlenden Kiefer des Mannes lautmalerisch unterlegt.

RATATATATTA-KNIRSCH-KNACK-OM-NOM-SPLASH-BANG

Leider hatte ich die Mandel-Biscottis zuerst in der Tasche gefunden.

Der Tierarzt googelt: Ladezeiten Notebook-Akku.

So fahren wir also einmal durch Tschechien. Dann kurz hinter der slowakischen Grenze fährt der Zug an, wird langsamer, ruckt erneut an, nur um abrupt zu bremsen.

Die Katholikin zuckt zusammen.

Der Tierarzt schlägt noch vor ihr ein Kreuz.

Der Horrorfilmmann sieht ungerührt neuen Schlachtungen zu.

Ich lese in Nicole Krauss neuem Buch.

Der Tierarzt sagt: „Mädchen das ist ein bewaffneter Überfall. Man wird uns im Maisfeld vergraben.“

Ich lache.

Dann gehe ich durch den Zug und frage jeden Reisenden in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Jiddisch nach dem Problem.

Das Problem ist ein Mechanisches.

Der Tierarzt atmet aus.

Die Katholikin schimpft zum Niederknien schön.

Starke Männer beschwören die Schaffnerin, dass sie alle Zugmechaniker seien.

Aus unserem Abteil tönt es: KRAWUM. BOOM.BOOM. BOOM. PENG.

Der Tierarzt sagt: „Ein Glück, dass das Kälbchen erspart bleibt.“

Ich gebe dem Hotel Bescheid, dass wir verspätet sind.

„Sind Sie im Zug oder im Krieg?“, fragt der Mann von der Hotelrezeption.

„Das ist manchmal ein und dasselbe“, sage ich.

Der Tierarzt googelt youtube Videos zu Angelegenheiten der Zugmechanik.

Aus unserem Abteil gröhlt es: WILLKOMMEN. BOOM. RATTATATATARATTA DER MODELLEISENBAHNCLUB HERZOGENAURACH BEGRÜßT SIE PENG. BOOM. BLAST.

Ich esse ein Stück Marmorkuchen.

Dann kommt ein Mechaniker und mit dem Mechniker kommt Bewegung in den Zug.

Kurz vor unserem Ziel stirbt der Laptopakku.

Wir werden abgeholt. Der Fahrer entschuldigt sich tränenreich, wegen der Verspätung des Zuges habe er leider seine Bulldogge dabei.

Der Tierarzt strahlt: „Endlich zurück in der Zivilisation.“

Die Bulldogge sabbert selig in den Tierarztarmen.

Der Fahrer sagt: „Willkommen in der Hohen Tatra.

Ich sage: Franz Kafka war hier. Aber ich sage es nur zu mir und ganz, ganz leise.

Das Elternhaus von Milena Jesenská finden Sie in der  28. října 13, in Nové Město, Prag

Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

Ein Morgen in Venedig

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Früh am Morgen, kurz vor sechs Uhr, da schläft Venedig noch, aber auch dies ist eigentlich nicht wahr. Natürlich schlafen nur die Touristen. Das Wasser schwappt gegen die Pfähle, gegen die Stufen, gegen das Ufer. Wir gehen eine dunkle Gasse hinunter. In einem Hauseingang raucht ein Mann eine erste Zigarette. Er lehnt mit dem Rücken an die Tür, und nickt uns freundlich zu. Wir nicken zurück und so leise, wie er raucht, gehen auch wir über eine Brücke mit Eisengeländer, halten uns links, um dann doch nach rechts zu gehen und schon liegt er vor uns der Marcusplatz. Leer, nämlich und still. Das Café Florian hat die Markisen noch eingerollt, die Stühle sind noch aufeinander gestapelt, nur eine Kehrmaschine kreist über den Platz und wir gehen durch die Torbögen hindurch und da ist das Wasser, dunkel, fast als träumte die Adria in der Nacht vom Atlantik und ich träume doch das ganze Jahr von südlichen Gefilden. Riva del Schiavoni und in den Hotels sind die Gardinen alle zugezogen, wir wandern weiter, weiter und weiter und mit uns geht das erste Licht. Ein Mann läuft mit seinem Hund und pfeift, ich glaube ein paar Takte Verdi, wir stehen am Ufer und am Ufer liegen die Gondeln, schwarz und mit gebogener Nase, gut verhüllt und die Sonne sie ist uns gewogen und legt uns einen goldenen Schal über die Arme, denn wir frösteln.

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Dann stehen wir vor dem Hotel Gabrielli-Neuwirth. Ein Portier gähnt. Dann legt ein Boot an, es sammelt die Hotelwäsche ein und dann tuckert ein Gemüsekahn vorbei und das Müllschiff kommt und der Portier macht ein wichtiges Gesicht. Aber wir bleiben hier nicht stehen, um endlich zu begreifen, wie eine Stadt wohl funktioniert, die auf Wasser gebaut ist und ob der Gemüsebootmann wohl frischen Mangold oder Spinat oder Jerusalemartischocken in den Kisten hat, sondern wir bleiben stehen, wegen Franz Kafka. Der blickte nämlich von einem der Fenster hinüber nach San Giorgio Maggiore. Franz Kafka nämlich löste hier seine Verlobung mit Felice Bauer. Auf Hotelbriefpapier. Damals hatte Hotelbriefpapier noch Illustrationen, aber ob Felice dafür Augen hatte, bezweifle ich sehr. „Ich laufe Traurigkeit fast über“ schrieb er ihr am 15. September 1913, der Blick ging weit über die Lagune hinaus und hier in dieser unwirklichen Stadt, kann man sich doch nicht verloben, nicht wenn einem der Boden doch beständig unter den Füßen schwankt, nicht wenn man doch kleiner und kleiner noch wird angesichts der Ewigkeit dieser Stadt. Und doch hat die P. meine Freundin, nach langen Minuten, denn die P. ist eine überlegte Frau, „JA“ gesagt in der Kirche, klein und stickig und dem Priester verrutschte der Schal und doch bleibt das Nein, von Franz Kafka mir eindrucksvoller in der Erinnerung, dabei ist es doch nur ein Blatt Papier. Die Sache mit Felice Bauer wollte ja auch bis 1917 hinein keine Ende nehmen. Da stehen wir also und ich schüttle den Kopf über mich, eine merkwürdige Sache ist es ja schon, diesem Franz Kafka so hinterherzulaufen, dann legt das Gemüseboot wieder ab und das Milchboot kommt an und wir gehen weiter und weiter am Ufer entlang.

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Am Ufer stehen jetzt Angler. Alte Männer, eine Thermosflasche, abgeschnittene Handschuhe, Sonnenbrillen und Angeln natürlich. Eine Frau macht Yoga und wir setzen uns auf eine Bank. Immer weiter steigt die Sonne. Dann plötzlich ein Schatten. Aber keine Wolken, kein plötzlicher Regenschauer, sondern vom Meer her, kommt der Schatten. Der Schatten ist ein riesiges Kreuzfahrtschiff. AIDA irgendwas. Auf jeden Fall aber riesenhaft groß. Ein dumpfes Brummen begleitet das riesige Schiff, das sich weiter und weiter in die Lagune hineindrängt, eine unheimliche Erscheinung, ein trojanisches Pferd, die Kirchenglocken beginnen zu läuten, vielleicht wie damals als die Serinissima sich vor Angriffen Zeit verschaffte, heute aber kommen Touristen und wir sitzen am Ufer und das Schiff schiebt sich an uns vorbei. Es ist gerade erst sieben Uhr. Die Touristen aber stehen in weißen Bademänteln oder bunten Schlafröcken auf den Balkonen oder an der Reling. Ein riesiger Bildschirm plärrt auf einem Deck und die Leute auf dem Schiff halten Selfiestangen in Richtung San Marco, eine andere Armee als die früherer Jahre, aber hochgereckt auch ihre Arme, hier gilt es Bilder zu erlegen, und viele Male blitzt es aus den vielen aufgeklemmten Fotoapparaten. Für einen langen Moment sitzen wir im Schatten des Schiffes und das Schiff verdeckt alles, verschluckt die ganze Stadt, saugt die Kulisse in sich hinein, ein langer Schatten, dumpfes Brummen und es schweigen die Angler, es pausiert die Frau mit ihren Yogaübungen und auch wir sitzen schweigend vor dem langen Schiff, und sind so erschrocken wie atemlos.

Dann aber kommen Sie, die Touristen. Sie kommen mit Fotoapparaturen. Ich glaube die teuren Kaffeemaschinen und Grillapparate werden jetzt von Kameras abgelöst, die jedem professionellen Fotografen die Schau stehlen könnte. Mit verbissener Begeisterung wird nun justiert, Freundinnen werden justiert, die Sonne beschimpft, für ihren dummen Winkel, und schwer sind die Apparate ja noch dazu. Tauben erdreisten sich das Motiv zu stören und werden hektisch verscheucht und auch unsere Rücken, wir sitzen ja noch immer auf der Bank am Ufer verursacht Unbehagen. Dann kommt ein chinesisches Pärchen, sie in Federboa und feinem Kleid, er in einem glänzenden Anzug, sie wollen Tauben um jeden Preis, die Verbotsschilder sind ihnen nichts, sie streuen Brot und schon umflattern, graue Straßentauben die Frau mit Federboa und es folgen viele Fotos. Die Amateurfotografen schließlich schleppen ihre Ausrüstung weiter und auch wir gehen zurück am Ufer entlang, in Richtung San Marco und schon sind auch wir verschwunden, in einer Traube aus Reiseführern, Reisegruppen, Souvenirverkäufern und einem Kölner Junggesellenabschied: „Downtown Ehrenfeld“ steht auf ihren T-Shirts.

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

Die meisten Besucher Prags laufen am Café Arco einfach vorbei. Das ist nicht schwer. Liegt es doch an einer vielbefahrenen Straße, die direkt zur Moldau führt. Hier an der Straßenkreuzung, wo sich die Havlicikova, die Hybernská und die Dlázdéna sich kreuzen,haben es alle eilig. Die Prager hetzen zur Arbeit, die Trambahn rattert vorbei und die Touristen werden von ihren schreienden Guides fachmännisch verkabelt. Eine Stadtführung verfügt heute über das technische Niveau der Mondlandung. Aber seit dem ich vor einigen Jahren angefangen habe, nicht nur in Prag nach Franz Kafka zu suchen, gehe ich am Schluss meiner Prager Tage immer noch einmal nachsehen, was das Arco, das einst legendäre Café Arco wohl gerade macht. Als ich 2014 zum letzten Mal in Prag war, da war das Café Arco vernagelt und leer.
Aber schon als ich noch auf der anderen Seite der Kreuzung stehe, sehe ich eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht? Wird vielleicht doch das weise Wort von Karl Kraus noch einmal wahr und es “ brodelt und kafkat und werfelt und kischt“ wieder im Café Arco? Es gibt viele Orte in Prag an denen man Kafka suchen kann,aber vielleicht war das Arco und seine Gesellschaft doch der Ort an dem Kafka all das sein konnte, was er sonst nicht war. Es ist ja nicht umsonst ein Eckcafé, ein wenig verborgen, aber in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof der heute nach Masaryk benannt ist. Für all diejenigen, die den harten Kern des Arco bildeten, war dies von nicht zu geringzuschätzender Bedeutung. Franz Kafka konnte vom nächsten Zug nach Berlin oder Wien oder oder oder träumen, Egon Erwin Kisch konnte tatsächlich nach Berlin fahren, wo vielleicht am Abend noch ein Boxkampf stattfand und Max Brod, der ja bekanntlich am Bahnhof als erstes fragte, wo es denn die schönen Mädchen gäbe, musste immer schnell zum Bahnhof können, um entweder zur Geliebten zu fahren oder zurück zur Ehefrau zu eilen. Nie jedoch ohne noch einmal im Arco vorbeigesehen zu haben. Es passierte auch einfach zu viel: Franz Werfel brüllte und schrie Gedichte, Else Lasker-Schüler kam aus dem Morgenland zu Besuch und Kurt Tucholsky erzählte nun aber wirklich den letzten Witz. Otto Groß zergliederte Seelen und wem das noch nicht reichte der konnte sich immer noch von Alfred Kubin porträtieren lassen.

Die Bahnstation schräg gegenüber des Café Arco gelegen.

Heute kann aber auch ich endlich einmal einen Blick in das Innere des Arco werfen, denn die Tür steht als ich die Straße quere noch immer offen. An der Tür klebt ein Schild, welches ich nur mühsam entziffern kann, ich finde jedoch heraus, dass das Arco heute eine Kantine ist. Keine öffentliche Kantine jedoch, sondern die Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise für die Prager Stadtverwaltung tätig sind, können zwischen 8-10 Uhr morgens einen Bon ziehen und sich für das Mittagessen anmelden. Als ich durch die Tür trete, bemerkt mich eine Frau in Kittelschürze sofort. Ihr ist klar, ich habe keinen Bon, ich bin ganz offensichtlich keine Mitarbeiterin einer ihr irgendwie bekannten Verwaltung und trotzdem bin ich hier. Die Irritation der Frau kennt keine Grenzen. Einen Tisch kann sie mir nicht zuweisen, aber mich abweisen kann sie auch nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich kann Ihr dabei zusehen, wie sie sich bemüht irgendeinen ihr bekannten Verhaltensmaßregelkatalog zu finden, mit dem sie meiner Person begegnen kann zu finden, sie bemüht sich sehr, ihr stehen, es ist auch wirklich sehr heiß, die Schweißperlen auf der Stirn und hätte sie Kafka gelesen, sie fühlte sich sofort an den „Prozess“ erinnert und hätte keine Sympathie mit Josef K. der ihr ähnliche Schwierigekiten bereitete, wie ich ihr. Während sie also überlegt, wie mir zu verfahren ist, sehe ich mich um. Keiner der Gäste sieht auch nur vom Essen auf, die Polizisten schlürfen fette Hühnerbrühe, die Stadtverwaltunsgdamen picken Salat und etwas feiste Herren essen Lende mit Bergen von Kartoffeln. Das einzige Geräusch im Raum ist das Kratzen von Gabeln und Messern auf den Tellern. Ich kann gar nicht anders, als mich an den Landvermesser zu erinnern, der auch nicht glauben mochte, dass das geht: da zu sein, ohne stattzufinden. Schließlich nun energisch und mit Wischmop und Eimer bewaffnet vertreibt die Kantinendame mich aus dem Gastraum. Noch einmal aber sehe ich mich um, denn es war doch das Café Arco in dem Milena, die schöne, die kluge, die so begabte und energetische Milena Jesenská und Franz Kafka sich zum allerersten Mal sahen. Alle großen Liebesgeschichten glaube ich, haben ein „davor“ und diese, die vielleicht doch die schönste Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts war, begann genau hier. Dann stehe ich wieder vor der Tür und ich muss lachen. Ich schütte mich aus vor Lachen. Kafka, sage ich halblaut zu mir selbst, das mir nun ausgerechnet in Gestalt einer Megäre begegnest, meint das nicht, es ein wenig zu toll zu treiben mit mir?

In eine offene Tür muss man eintreten.

Café Arco. Detail

„Und sagt, die E., die mich abholt, und hast du Kafka gefunden?“ Aber ich kann noch immer nicht sprechen vor lauter Lachen und wie immer, wenn ich zum Café Arco gehe, an dem die allermeisten Menschen einfach vorbeigehen, muss ich mich auch als ich schon mit der E. auf der anderen Seite der Straße stehe und in Richtung Moldau laufe,immer wieder umdrehen. Es ist diese Starßenkreuzung, die mich wie keine andere, so sentimental werden lässt. Hier war Kafka. Kafka was here.

Prag-Ein Abstecher zum „Prager Tagblatt“

„Es wird Dir nicht gefallen“sagt, die E. „Das macht nichts E.“, sage ich. „Warst Du immer schon so stur?“,fragt die E. „Ich glaube schon“,sage ich und die E. knickt seufzend ein. „Also gut, um halb elf vor dem Café Louvré“ sagt sie und ich laufe los. Seit 1902 gibt es schließlich das „Louvré“, das zentral gelegen am Ende des Wenzelplatzes liegt. Und Max Brod und Franz Kafka gingen eine ganze Zeitlang bis zu einem recht großen Krach kam, gern zu den abendlichen Zirkeln. Aber es eilt ja nicht. Es ist noch einmal neun Uhr.

Aber noch ist ja Zeit. Zeit genug jedenfalls sich vom Wenzelsplatz aus nach rechts zu wenden und eine Parallelstraße zu wählen, die nämlich führt direkt in die Panská. Niemand, wirklich niemand der Wörter liebt und gute Geschichten, kann in der Panská Nummer 8 einfach so vorbeigehen. Denn dieses Haus, das heute so unscheinbar, reichlich verkommen eine Schusterwerkstatt und eine Art recht obskure Touristinformation beherbergt, war einst der Redaktionssitz der wohl berühmtesten und besten Tageszeitung der Welt: des Prager Tagblatts nämlich. Es gibt Menschen, die sagen, das Prager Tagblatt sei eine jüdische Zeitung gewesen. Andere hingegen meinen, dass es vielmehr eine Zeitung gewesen sei, die für die Sache der tschechisch-deutschen Versöhnung eingetreten sei, wieder andere finden es sei die erste liberale Tageszeitung, die 1876 ihre Arbeit aufnahm. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass das Prager Tagblatt, die erste und wichtigste europäische Zeitung war, die es je gab. Die Redakteure der Zeitung waren doch alle mindestens zweisprachig, die meisten aber sprachen mehr als vier oder fünf Sprachen, ihre Heimat das Wort nämlich führte sie durch ganz Europa und so versammelte das Prager Tagblatt bis 1939, die besten Geschichten, die Europa zu bieten hatte. Egon Erwin Kisch verfasste seine legendären Reportagen. Kennen Sie die, in der er nach dem Golem sucht? Wie selbstverständlich erschien Thomas Mann’s Zauberberg als Vorabdruck. Selbst Franz Kafka, der doch nie einen Text beenden konnte, schaffte den Abgabetermin für eine Zeitung, man stelle sich das vor, die mehrmals täglich erschien. Hermynia zur Mühlen versorgte die Leser mit Übersetzungen englischer Texte, natürlich gab es französische Musikritiken. Joseph Roth brachte Neuigkeiten aus Brody, ach eigentlich doch von überall, Kurt Tucholsky schrieb wie immer die größte Satire, Dinah Nelken brachte die große Mode, Alfred Plgar ging für das Prager Tagblatt in Berlin ins Theater und die besten Comic Zeichnungen kamen von Thomas Theodor Heine, der auch für den Simplicissimus und vor allem nach 1933 viele der besten politischen Karikaturen zeichnete, die es je gab. Das Prager Tagblatt war international ohne den Sinn für die Provinz zu verlieren, es war so trivial wie es ernst sein konnte, es nahm seine Leser ernster als sich selbst, das Prager Tagblatt, das waren große Reportagen, politische Skandale, es waren   Miniaturen aus Bukarest und Ostschweden, das Prager Tagblatt, das waren Redakteure, die nicht weltscheu waren, die neue Texte wagten,aber die vor allem, selbst im heißen Sommer 1914, nur kurz die Besinnung verloren, und dann weitermachten, was sie am besten konnten, eine europäische Zeitung nämlich. Das Prager Tagblatt erzählt nämlich auch eine Geschichte davon, dass Europa nicht nur zwischen Berlin, Paris und London stattfindet, sondern zwischen 1876 und 1939 wurde Europa von Prag aus in die Welt getragen, zuverlässig von Montag bis Sonntag. Max Brod, der ja alles konnte und noch viel mehr hat dem Prager Tagblatt, den schönsten Liebesroman geschrieben, den eine Zeitungsredaktion wohl je erhielt. 1924 jedoch bot das Prager Tagblatt, Anlass für eine traurige Nachricht: Herrmann und Julie Kafka gaben Nachricht vom Tod ihres Sohnes Franz.

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Das Redaktionsgebäude des „Prager Tagblatts“ , der progressivsten und europäischsten Zeitung, die es vielleicht jemals gab.

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Die berühmte Nummer 8 hat kein Klingelschild mehr.

Heute bietet die Redaktion des Prager Tagblatts einen traurigen Anblick. Der Hinterhof ist eine Ruine. Ein post-sozialistischer Zerberus schreit mich an, ich solle verschwinden und bleckt die vom vielen Rauchen gelben Zähne.

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Im Hinterhof regiert die Abrissbirne und bald schon wird die Redaktion des „Prager Tagblatts“ wohl endgültig nur noch Erinnerung sein.

Die Frauen in der Touristinformation schütteln den Kopf: „Prager Tagblatt“- nie gehört. Trotzdem und dennoch und gerade jetzt gilt es sich doch zu erinnern, dass eine europäische Zeitung, die doch von Selbstironie und Großzügigkeit, von Humor und Neugier, von ätzender Kritik ( ja auch das ) und scharfer Analyse getragen war, keineswegs eine Utopie, sondern eine so fantastische wie bewundernswerte europäische Realität gewesen ist, die keineswegs Vergangenheit bleiben muss.

Das Café Louvré übrigens hat mir wirklich nicht gefallen. Roter Linoleumboden, man stelle sich das vor. ( Oder besser nicht ). Gehen Sie einfach weiter, setzen Sie sich bloß nicht hin, sonst lacht die E. Sie aus, wie heute mich.

 

 

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (III)

Der Neue Jüdische Friedhof in Prag liegt eingefasst zwischen mehreren Schnellstraßen. Zu seiner Rechten liegt das Hotel „Don Giovanni“ vor dem Touristenbus um Touristenbus hält, das aber mit seinen Business Facilities wirbt. Vielleicht soll das Schnellstraßenambiente die großen Idee beflügeln. Unscheinbar wirkt der Friedhof, den man durch ein Portal betritt. Am Eingang versucht eine junge Frau, die Männer zum Tragen einer Kippa zu bewegen, aber es gelingt ihr nur schwer. Die meisten Besucher lehnen es ab. Rundheraus und wie ich finde reichlich unverfroren. Den Diskussionen indes, die sich ergeben kann ich kaum folgen. Ich spreche keine Tschechisch und eigentlich bin ich als ich auf dem Friedhof stehe, sehr froh darüber. Ein Pfeil weist den Besuchern den Weg: „Dr Franz Kafka“, 200 Meter. Wie das klingt! Auf keinen Fall klingt es nach dem, was ich zu finden hoffe. Aber ich laufe brav, den ausgewiesenen Weg hinunter. Noch 100 Meter. Kafka-Countdown. Schließlich der Grabstein. Sachlich-nüchtern ist der Stein und verwitterungsbedingt verwaschen. Wieder ist Kafka, Prag nicht entkommen, sondern im Zinksarg schließlich aus dem österreichischen Sanatorium zurück nach Prag. Dieses Mütterchen hat Krallen, schrieb er nicht nur, sondern er lebte es wohl. Entkommen ist er, der so beständig Fliehende auch den Eltern nicht, deren Namen unter dem seinen auf dem Grabstein stehen. Eine merkwürdige Vorstellung: Familie Kafka. Noch bescheidener als das Grab Kafka’s aber ist die Gedenktafel für seine drei Schwestern, die reichlich lieblos auf dem Boden vor dem Grabstein liegt. Anrührend in ihrer Bescheidenheit und Hässlichkeit, die Plastikblumen, die handgemalten Bilder und Devotionalien, anders kann man die merkwürdigen Gegenstände, die sich auf dem Kies türmen wohl kaum nennen. Seltsam anmutend jedoch die Münzen, die auch dort liegen. Dreht man sich um zur den Friedhof begrenzenden Mauer, sieht man eine schmale Gedenkplatte für Max Brod. Es ist ein sehr merkwürdiger Gegensatz, das laute Getümmel an Kafka-Tassen und Kafka- Schirme der Stadt und die ganz vergessene Welt Kafka’s, die dem Gedächtnis Prags eigentlich entschwunden ist. Da Kafka’s Gesicht auf allem prangt, kann man ihn leicht vergessen, er ist ja überall, er ist nur nicht mehr da. 

Eine Handvoll Steine habe ich aus Irland mitgebracht und ich wiege sie in meiner Hand, kühl und glatt liegen sie da und dann wende ich mich hin zu den Gräberreihen, die sich anschließen. Wenige Meter reichen und schon bin ich herauskatapultiert aus Prag und mir ist als ginge ich über einen deutschen Friedhof, der überall sein könnte- in Trier ebensogut wie in Berlin. Ein evangelischer nochzumal, denn die Grabsteine des Neuen Jüdischen Friedhofs in Prag lesen sich wie das Bilderbuch protestantischer Tugenden. Fleißig und gütig waren Väter wie Brüder und die Mütter und Schwestern tugendhaft und einfühlsam, milde und von gutem Geist. Hier reimen sich Fabrikantensohn und Gotteslob, unvergessen und natürlich pflichtbesessen. Die Grabsteine sind immer auch eine Liebeserklärung an die deutsche und in diesem Falle eben Prager Heimat. Hier liegen Patrioten, Wagner-Verehrer, Goethe-Leser, hier trauerten Eltern stolz um die Söhne die den süßen Tod für ihr Vaterland starben und immer wieder noch mit dem letzten Atemzug betont man die Liebe für Patria. Die Lücken beginnen Mitte der 1930er Jahre und schließlich fehlen die Jahrgänge ganz. Die Kinder, der Eltern werden kein Grab mehr bekommen, keine Grabsteine aus festem schwarzen Stein, niemand wird mehr Stabreime für sie machen und keiner weiß, dass hier Malwine und Meta, Eduard und Isaac lebten und liebten, um schließlich in ganz und gar heimischer Erde die Augen zu schließen. Mir liegen die Steine schwer in der Tasche. Schon meine Großmutter nämlich, die einmal im Jahr nach Karlsbad zur Bäderkur reiste, besuchte den Neuen Jüdischen Friedhof, besuchte die Eltern des „Auschwitzer Kreises“, Sie der doch alle religiöse Symbolik fremd war, legte Steine auf die sonst so vollständig vergessenen Gräber. Jetzt also komme ich und vorsichtig lege ich Steine auf die Gräber der Orenstein, der Lachmanns und all der anderen, die einmal die Prager Juden waren. Es ist ganz still in den vielen Gräberreihen, die alle von Efeu überwachsen sind, viele Grabsteine sind umgestürzt und ich sitze auf einer kleinen Bank, als ich keinen Stein mehr in der Tasche fühle und sehen in die meterhohen Pappeln. Ich kann nicht aufhören, die Namen zulegen, so als könnte ich sie alle behalten und obwohl es so glühend heiß ist, wird mir je weiter ich gehe immer nur kälter, bis ich schließlich den Friedhof verlasse. Vor dem Tor rauscht der Verkehr, neue Busse fahren in die Auffahrt des „Don Giovanni“ und ich gehe durch die Unterführung zur U-Bahn zurück.

Heute habe ich nicht weiter nach Franz Kafka gesucht. 

Neuer Jüdischer Friedhof  Prag, Izraelská 712 /1, Prag, U-Bahn Station : Želivského , Geschlossen während des Shabbat

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (II)

Eingerüstetes Vorderhaus , Borivojova 27, Prag, Im Hinterhof befand sich die von Franz Kafka verhasste Asbestfabrik

Wendet man sich nun von der Polská ab und quert die Straße gelangt man bald in das ehemalige Arbeiterviertel Zizkov. Auf den ersten Blick hat sich zu den vorherigen Straßenzügen noch nicht viel oder gar Grundlegendes gewandelt: noch immer sind die Häuser so prächtig wie hoch. Mächtige Stuckfiguren beschirmen die Hauseingänge, die Balkone sind mit schmiedeeisernen Gittern versehen, die man wenn nicht künstlerisch gelungen so indes in ihrer Standhaftigkeit nur bewundern kann und doch ändert sich zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher das Bild der Straßen. Die Fensterrahmen sind abgeblättert, der Putz der Häuser oft löchrig, den Stuckfiguren fehlt hier eine Nase, dort ein halber Arm und die langen Jahre voll Regen und Ofenheizung haben auch an den Bluemnkränzen der Figuren merkliche Spuren hinterlassen. Das häufigste Accessoire der Fensterbänke sind dann auch dicke Federkissen auf denen unverblümt starrend die alten Mütterchen kauern, diesen Grundfesten der Straßen zwischen Prag und Bukarest liegen und die alles wissen. Hochzeiten und Scheidungen bemerken bevor noch der Ehemann die Tür ins Schluss donnert oder selbst die misstrauischste Mutter auch nur den kleinsten Verdacht schöpfen konnte. Säumten eben noch Vinotheken und indische Restaurants den Weg, riecht es hier nach Sauerkraut und billigem Schnaps. Die Männer tragen alle Jogginghosen, viele haben einen energisch kläffenden Hund an der Leine und die Mädchen in pinken Frotteehosen haben die Namen ihrer Kinder zumeist auf die Innenseite des Halses tätowiert. Sie riechen nach gefälschtem Parfum und stählernem Zigarettenrauch. Den arabischen Händler an der Ecke indes, frage ich nach dem Weg, denn ganz sicher bin ich mir nicht ob hier wirklich die Asbestfabrik, die Franz Kafka bis zu ihrer Liquidierung stetig quälte, liegt. Der Händler indes beruhigt mich: dies sei genau die richtige Straße , für den Weg gibt er mir ein Stück Baklava mit und schreibt sich den Namen Franz Kafka auf. Ich laufe weiter und weiter die Straße hinunter, nebenan wird Billiard gespielt und auf den Stufen vor der Kneipe sitzen die Trinker und blinzeln müde in die Sonne. Dass es die noch gibt, scheinen sie sich zu wundern, von oben lauern mit scharfem Blick auf den Kissen,die ewigen Wächterinnen, die sich wundern, was jemand wie ich, wohl hier bei Ihnen will. Ich suche nach Franz Kafka, müsste ich ja richtigerweise sagen und ich bin mir nicht sicher, ob die Federkissen mit ihren Geheimnissen wohl von Generation zu Generation weitergegeben werden und die alten Mütterchen von ihren Großmüttern lernten, dass der schnellfüßige und doch so hagere Mann, mit Abscheu zur Prager Asbestfabrik eilte, oder ob auch Franz Kafka in Zizkov immer zu fremd blieb und deswegen auch unauffällig. Asbest aber war um 1900 ein Wunderstoff, ähnlich wie Tesla versprach er die große technische Revolution: Autoreifen und Dächer sollten nur der Anfang sein, es sollte dann anders kommen, aber Karl Hermann glaubte an das große Glück, was für seinen Schwager Franz das große Unglück blieb: sollte er doch der Fabrik zu wahrem Schwung verhelfen. Dann aber erreiche ich die Borivojova 27, das Haus in dessen Hinterhof die Fabrik lag, ist eingerüstet, hier beginnt jetzt unwiderruflich eine neue Zeit. Eigentumswohnungen werden geplant, der Blick indes fällt auf triste Sozialbauten der 1970er Jahre und auch wenn die schon 1917 liquidierte Fabrik hier kein Begriff mehr ist. Die Stimmung ist ähnlich den Jahren, als zu viele Männer auf der Staße waren, als die Liebe für die vielen Kinder nie so Recht reichte, hier riecht es nach der Armut die sich über Generationen vererbte, hier war das Unglück, das musste auch der Schwager einsehen, immer häufiger zu Gast als das Glück und noch immer noch heute liegt eine schwere Decke der Trostlosigkeit über der Straße- sie wird wohl nicht doch aus Asbest gemacht sein?

Seitlicher Blick aiuf die dem Haus gegenüber befindliche Straßenseite. Trotz mildem Licht, liegt eine schwere Trostlosigkeit über der Straße

Eine leider verschlossene Durchfahrt durch die um die Ecke gelegene Ondrichkova 29 ermöglichte ebenfalls Zugang zur Asbestfabrik

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka 


Im Vinohrady, dem Prager Viertel, das seinen Namen den Weinbergen verdankt, die in Leo Perutz Geschichten ja keine unwesentliche Rolle spielen, liegt heiß in der Nachmittagssonne, nur von Ferne sieht man den Hradschin liegen und auch der nur wenige Meter entfernte Wenzelsplatz scheint meilenweit entfernt. Hier haben die Nachbarn, Liegestühle auf die Straße gestellt, zwei Männer spielen Gitarre, ein kleines Mädchen hüpft auf einem Bein und ich schenke ihm eine Handvoll Kirschen. Bald sitzen auch J. und ich in einem der kleinen Straßencafes, wir trinken eiskalte Limonade und der J. bläst Rauchringe in die Luft. Dann fährt er los nach Berlin und mit seinem Schlüsselbund in der Hand sehe ich von seiner Wohnung im obersten Stockwerk auf die glühende Stadt zu meinen Füßen. Aber dann gehe ich doch noch einmal hinunter, bewundere eine Frau im gestreiften Kleid und weiß nicht, ob ich sie mehr um ihr Kleid oder um ihre grünen Sandalen beneiden soll. Weit muss ich nicht laufen, nur zweimal ums Eck und dann in die lange Straße einbiegen, die um 1900 Nerudagasse und heute Polská heißt. Die Häuser ihrem Datum nach alle um die Jahrhundertwende gebaut, erzählen noch einmal die Geschichte des Bürgertums, das in diesen Jahren zwar etwas Parvenühaftes hatte und doch so selbstbewusst zu leben wusste, wie wir es wohl niemals tun. Hier also lebte auch Elli geborene Kafka mit ihrem Mann Herrmann, der die ein paar Kilometer entfernt gelegene Asbestabrik in Zizkov zu einem Erfolg machen sollte und doch nur der misstrauisch beäugte katholische Schwiegersohn blieb. Die Fabrik wurde bald zum Alptraum vor allem für Franz Kafak, der doch den elterlichen Zwängen so erfolglos wie hartnäckig zu entkommen versuchte und im Sommer 1914 in die Nerudagasse, die heute die Polská 48 ist, zog. Schwester Elli bangte um Mann und dessen Brüder, die alle für den alten Kaiser in die weiche böhmische Erde fielen. Das Haus, in dessen erstem Stock Kafka nun drei Zimmer bezog, liegt still an der Straßenecke. Im Erdgeschoss wird Billiard gespielt und die Haustür ist nur angelehnt. Als ich zaghaft an ihr ziehe, treffe ich ein Frau im Hausflur, die auf meine wortreichen Wendungen mit den Schultern zuckt und sagt: gehen Sie nur nach oben. Für eine ganze Weile sitze ich auf den Stufen und höre dem Haus zu. Kindergeschrei und Radiomusik, der Geruch nach Desinfektionsmitteln im Flur, Erdäpfelgulasch für das es doch an einem Tag wie heute viel zu heiß ist, vertrocknete Sukkulenten auf der Stiege und eine deutlich gedämpfte Außenwelt, selbst die Kneipe ist nur noch ein fernes Rauschen, hier im stillen, kühlen, etwas versunkenem Flur, in dem ein Kinderfahrrad vor der Eingangstür doch von Leben kündet. Und doch das schmiedeeiserne Geläner, die hohen Türen, die grausigen, gelben noch aus CSSR Zeiten stammenden Ölsockel und das nie ganz vergangene k.u.k von dem niemand so genau wusste, ob es nun königlich und kaiserlich oder doch etwas ganz anderes bedeuten hat, das alles tritt hier noch einmal hervor und an die kühlen Studen gelehnt, schlägt hier noch einmal das Herz Europas, das eine Geschichte davon erzählt, wie es eigentlich hätte sein müssen,wäre es nicht so unwiederbringlich anders gekommen.
Dann stehe ich auf und gehe zurück in die heiße Welt und warte bis die Sonne tiefer und tiefer über das Haus in der Polská 48 sinkt, um schließlich ganz zu verschwinden.