Wechselnde Winde

In der ersten Nacht des neuen Jahres stehe ich auf dem Balkon. Es geht ein starker Wind, aber kein Januarwind ist das, sondern ein warmer und weicher Wind tobt vor den Fenster, fährt den Kiefern durch das Haar, ein Wind wie für einen grossen Ball ist das und wer weiss vielleicht tanzen der Mond und die Sonne, dieses sich ewig suchende Liebespaar ja wirklich eine Polka in dieser ersten Nacht des neuen Jahres und der Wind, der nach dem Süden riecht und gelben Lampions und klirrenden Gläsern bläst die Backen auf wie ein gewaltiger Barition im La Fenice. Der Wind ändert alles, denke ich mir und sehe zum Himmel heraus. Immer ändert der Wind alles und dann gehe ich schlafen, denn am zweiten Morgen des neuen Jahres fliege ich nach Irland zurück. Der Wind lacht und die Kiefern tanzen Polka. Ich träume von einer Frau in einem blassrosa Kleid und auch sie tanzt lange auf einer Tenne und wiegt sich sacht im pfeifenden Wind.

Auf dem Flughafen ist es voll. Am zweiten Tag des neuen Jahres fährt alle Welt hin und her, Kinder schluchzen, eine Butterbrezel fällt auf den Boden und ein Geschäftsreisender hat weisse butterschlieren an den Schuhen. Das fängt ja gut an, knurrt er in alle Richtungen und einen Moment lang, ähnelt er ganz und gar nicht einem Geschäftsreisenden sondern einer missmutigen  französischen Bulldogge. Wuff aber macht nicht der Herr mit den Butterschlieren, sondern ein kleiner Chihuaha, der einer Frau entkommt. Der Chihuaha wittert die grosse Freiheit aber schon verhakt sich seine Leine in einem Rollkoffer. Aus, vorbei. „Böser Charlie“ schimpft Frauchen. Charlie seufzt. Der Wind vor dem Fenster aber lacht. Eine Handvoll Schneeregen wirft er gegen die Scheibe. Der Tanzboden ist leer und verlassen.
Alles ändert der Wind.

Ich lege Jacke, Schal und Notebook in die Plastikwannen, die Uhr noch dazu und dann werde ich durchgewunken. Nichts pfeift, denn die Uhr liegt auch in der grauen Wanne. Am anderen Ende des Laufbandes steht ein Mann. Grossgewachsen, so dass ich den Kopf schief legen muss, um in seine Augen zu sehen. Nicht unähnlich der Kiefer vor meinem Fenster. Seine Augenfarbe kann ich nicht entziffern. Was gehen mich auch fremde Augen an?

Pardon sage ich, mehr aus Verlegenheit denn aus einem richtigen Grund, denn der Mann beugt sich zu mir herunter, um etwas zu sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will. Aber es ist schon zu spät. Hämisch poltert der Wind vor dem Fenster.

„Meine Schuhe sind weg“, sagt der Mann.

Ich schaue auf den Boden. Der Mann trägt ein Paar Tennisschuh mit blauen Streifen.

„Aber Sie haben doch Schuh an den Füßen“, antworte ich.

„Ja, sagt der Mann, aber meine Schuhe sind das nicht.“

„Wie meinen Sie das?“

Der Mann verdreht die Augen. Silbergrau vielleicht denke ich.

„Meine Schuhe sind verschwunden, also habe ich die genommen und angezogen. Sie sind ein bisschen zu klein.“

„Sie sind zu gross“, sage ich und lege den Kopf noch ein bisschen weiter in den Nacken und sie tragen Schuhe, die nicht ihre sind.“ Wie sind sie denn auf die Idee gekommen?“

Der Mann mit den fremden Schuhen starrt mich an, als hätte ich etwas besondrs Dummes gesagt.

„Ich kann doch nicht ohne Schuhe gehen“, sagt er.

„Sie können nicht in den Schuhe anderer Leute gehen“ sage ich.

„Warum nicht?“ kontert er, „wenn meine Schuhe doch verschwunden sind.

Nein denke ich mir, wir sind hier auf einem Flughafen und nicht in einem Philosophieseminar und sage ich nichts über die aristotelische Wende, sondern schnaube: „Fusspilz.“

Der Mann sieht auf seine Füsse in den zerlatschten Tennisschuhen und sagt: „Sie machen Witze!“

„Nie“, sage ich. Das ist einer der Gründe weswegen meine Schwester findet meine Heiratschancen seien minimal, mir ist es immer ernst. „Fusspilz“, sage ich also noch einmal und der Mann kratzt sich am Kopf.
„Sturmgrau“ befinde ich, sind seine Augen und dann gehe ich hinüber zu einem der Sicherheitsleute und sage:“Es hat eine Verwechslung gegeben. Der Herr dort vermisst seine Schuhe.“

Der Sicherheitsmann sagt: „Mann, Mann, Mann“. Vermutlich Schuhgrösse 45“, sage ich und nicke dem Mann noch einmal zu.

Der hat sich unterdessen die Tennisschuhe von den Füssen gekickt und untersucht seine Fusssohlen auf Champignons vermute ich. Draussen am Fenster keckert der Wind.

Im Flugzeug sitzt eine Frau mit pinken Jogginghosen und einem pinken Hoodie neben mir. Sie hat Adiletten mit Glitzerpuscheln an den Füssen, aber das bewegt mich nicht weiter, aber links auf de randeren Seite da sitzt ein Mann mit einer grossen ausgebeulten Reisetasche auf dem Schoss und einem Baseballcap auf dme Kopf.
Die Reisetasche umklammert der Mann auch dann noch als die Stewardess ihn auffordert das Monstrum entweder unter seinen Sitz zu schieben oder in das Fach über dem Sitz zu wuchten. Die Ausbeulung könnte eine Luftpumpe sein, denke ich oder ein Paar Schuh in Grösse 45.

Aber den grossen Mann mit den unklaren Augen sehe ich nicht mehr. Der Mann mit der Reisetasche sieht sich misstrauisch um, erst dann stopft er die Reisetasche unter den Sitz. Der Kapitän warnt vor heftigen Winden. Als wir landen und der Mann seien Reisetasche unter dem Sitz hervorzerrt platzt ein Reissverschluss auf. Oben auf der Reisetasche liegt ein Paar grosser, brauner Herrenschuhe, die man zum Beispiel auf einem Tanztee tragen könnte. Der Mann selbst hat ein Paar grauer Stoffschuh an. Höchstens Grösse 40 nehme ich an.

Zuhause warten die M., der Hund hechelnd, die Katze gelangweilt und als ich mich setze sagt die M.: Mild war es die letzten Tage, aber heute Nacht hat der Wind gedreht.

Ich nicke und streiche dem Hund über den Kopf. „Alles ändert der Wind“, sage ich.

Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.