Es lebe die Besinnlichkeit!

Die Mali- Tant erzählt den Nichten vom Simmeringer Blutsonntag.

Die Nichten kauen Königsberger Marzipan und erschauern wohlig.

Es soll Familien geben in denen das Morbide von Kindern ferngehalten wird, bei uns im Wohnzimmer sitzt mein Vater und erörtert mit meinem Neffen die Selbsttötung Senecas.

Mein Schwager erzählt mir vom Tod seiner ersten Schildkröte. Sie hieß Jenny und starb während einer Weihnachtsansprache der Queen in einem Wohnzimmer in North London. Mein Schwager kann seit jenem Tag die Queen nur mehr mit feuchten Augen reden hören.

Ich verspreche die Vorhaltung genügender Taschentücher.

Die liebe C. diskutiert mit ihrer Freundin der D. perforierte Blinddärme. Die beiden kichern auf das Allerlieblichste und verzehren fröhlich knuspernd den Mohnstollen der Mali-Tant.

Kater Mau da bin ich mir sicher spräche, wenn wir nur Kätzisch könnten von lange Nächten mit fetten Mäusen.

Der Jean liest in der Zeitung die Todesfälle nach.

Ich huste.

Mein Vater und mein Schwager blind verkosten Marzipan.

Die liebe C. erzählt von einem Patienten, der einmal ein Marzipanschwein quer in der Luftröhre stecken hatte.

Die Marzipantester lässt das kalt.

Das Königsberger Marzipan von Sawade führt.

Die Mali-Tant findet, es sollte doch jetzt auch einmal ein bisschen Musik geben, der Besinnlichkeit wegen.

Ich huste und setze mich ans Klavier.

Ich stimme: „Oh Du Fröhliche“ an.

Das stößt auf großes Missfallen.

Das Lied sei doch sehr fad.

Die Königin-Nichte schreit: „Spiel Meckie Messer.“

Ich huste und spiele Meckie Messer.

Bébé No. 5 gluckst selig ob dieser fröhlichen Reigen.

Der Jean tritt neben das Klavier und flüstert mir etwas ins Ohr.

Ich huste und spiele: „Tauben vergiften.“

Der Jean und die Mali-Tant singen schöner noch als Kreisler.

Donnernder Applaus.

Kater Mau fragt sich, ob Mäuse wohl nach dem Giftmord wohl noch verzehrlich seien. Vielleicht bei 180 Grad und Preiselbeermus?

Die Mali-Tant braucht ein Glaserl Champagner.

Mein Vater, mein Schwager und mein Neffe stellen die Catlinarische Verschwörung nach.

Die liebe C. schleift die Messer nach.

Die Nichten beschließen im Garten eine Räuberbande zu gründen.

Ich huste.

Die Kinder schreien Zeter und Mordio, die römischen Verschwörer essen Walnusseis, die Mali-Tant liest Bébé No. 5 eine Gespenstergeschichte vor. Bébé No. 5 gluckst vergnügt.

Schwesterchen erzählt Brexit-Geschichten. Wir alle erschauern.

Die Mali-Tant findet auf so viel Besinnlichkeit gehöre jetzt doch ein Stück Lachs, mit scharfem Meerettich und einer Scheibe Pumpernickel.

Ich huste.

Mein Vater sucht die Knallbonbons.

Ich wünsche Ihnen von Herzen wunderbare, besinnlich-wilde, heitere Weihnachtstage. Geben sie auf sich acht und lassen Sie sich bekümmern, ich hoffe wir alle sehen ein bisschen mehr Licht als sonst.

Schön, dass Sie hier sind.

A very, merry Christmas to you all!

3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.

Ein kleines, riesengroßes Bündel Glück

Da liegst Du ein kleines Bündel Glück und über London geht die Sonne auf. Da liegst Du in den Armen Deiner Mutter, meiner Schwester, dein Vater küsst Dich auf die Stirn. Dein großer Bruder hat feuchte Augen, obwohl er doch eigentlich schon zu cool ist für feuchte Augen. Eine kleine Königin mitsamt Kanzler Bär küsst Dir die Füße, was für eine royale Ehre, deine Schwester Nummer 2, zeigt Dir ein für Dich gemaltes Bild. Da bist Du schon Teil von unserem, großen, lärmenden Haufen und schaukelst mit ihr. Schwester Nummer Drei spielt für dich ein Lied auf der Gitarre, damit Du von Anfang an nicht vergisst: von nun an lebst du in der Krachmacherstraße.
Dann sagt Deine Mutter, meine große Schwester: „Bébé, das ist meine kleine Schwester“ und dann liegst du in meinem Arm, in der blauen Decke in der all deine Geschwister lagen als sie ein kleines Bündel Glück waren, genau wie du. Die blaue Decke habe ich vor vielen Jahren auf einem Markt in Assam erstanden, von einer Frau, die ihr Kind in genau der gleichen Decke eingewickelt neben sich in einem rostigen, alten Fahrradkorb schaukelte und da wusste ich, diese Decke ist für das Glück gemacht.
Da liegst und gähnst, ein schwarzes Büschel Haare auf dem Kopf, Schwesterchens Lockenpracht, die Stupsnase der lieben C. deiner Großmama und das Grübchen im Kinn, das ist von deinem Vater. Da liegst Du und wir beide staunen uns an und unten wacht die Straße auf. Auf dem Sims gurren zwei Tauben. Kleines Täubchen sage ich zu dir, sei willkommen hier bei uns, sei willkommen und kaum bist Du bei uns sage ich Dir können wir uns schon nicht mehr vorstellen, dass du gestern Abend noch nicht bei uns warst. Du gehörst dazu, fest und unverbrüchlich, so als hinge deine Jacke schon seit Jahren neben denen deiner Geschwister. Schön bist Du mein Täubchen, sage ich, so schön wie deine Mutter, diese Frau mit dem Herzen aus Sonnenstrahlen, die so sehnlich auf dich gewartet hat, so schön bist du wie dein Vater, der für dich jeden Abend an den Bauch deiner Mutter gelehnt ein Lied sang. Sein Summen, Täubchen, das liegt über dir. Schön bist Du, herzensschön, wunderschön und die Sonne lächelt dir zu. Die Sonne als Patentante, das wünsche ich dir. Dass auch an den ganz dunklen Tagen, die Sonne doch eine Handbreit Licht auf dich legt und das hoffe ich, dass Du am Licht festhältst, wann immer Du kannst. Das Licht kann die Sonne, eine Kerze, ein Glühbirne, eine Schiffssirene oder die Erinnerung an die Stimme deines Vaters sein. Halt sie fest, kleines Täubchen, halt sie fest.
Sei stark, kleines Täubchen, auch wenn man Dir sagt, deine Stärke sei eine Schwäche. Sie irren sich immer. Sei so stark wie du kannst, sei nicht stärker als Du sein musst. Nur wenn du Profiboxer sein möchtest, dann sei bitte doppelt so stark. Sei Profiboxer oder Punkrocker oder werde Kapitän, aber ruf an zu Chanukkah und komm zu Pessah nach Hause zu uns. Sei laut und wild und lebe so frei du kannst. Liebe die Freiheit, aber nicht auf die Kosten der Anderen. Das klingt ernst, so am Anfang deines Lebens, aber gesagt haben will ich es doch. Vertraue auf die Liebe. Sie ist die wackligste Bank mit dem stärksten Fundament. Mein Täubchen, das weiß ich genau, da liegst du und gähnst und bist ganz unbeeindruckt von unserer Aufregung um dich. Das scheint mir eine gute Haltung zu Welt, sie anzunehmen wie sie ist, sie zu besehen, bevor man zu einem Schluss kommt, Gelassenheit zu bewahren und erst dann zu urteilen.
Nicht alle Probleme, kleines Täubchen lassen sich im Schlaf lösen, aber viele Probleme lösen sich besser hat man eine Nacht oder zwei über sie geschlafen. Lach nur Täubchen, lach nur du mit dem Grübchen im Kinn, ich habe doch vor Aufregung über dich auch nicht geschlafen und darf so reden. Zeig uns die Welt kleines Täubchen, zeig uns was wir nicht sehen, was wir vergessen haben und was nur du siehst.
Ich bin so neugierig auf deine Welt. Nimm mich mit, auch dann wenn ich Dir peinlich bin. Besonders dann. Nimm uns mit, deine Eltern, deine Großeltern, deine Geschwister, den Tierarzt, die Freunde, die Mali-Tant und den Jean, uns alle, nimm uns mit auf deiner Reise hinaus in die Welt. Lache, kleines Täubchen, lach so viel und oft es geht, und weine genau so laut und so leise, wie du lachst. Lass dich trösten, auch dann wenn Untröstlich bist. Suche nach Antworten, nicht nach Fehlern, die Antworten kommen und mit den Fehlern muss man ohnehin leben. Manche Antworten erhält man nie, das heißt nicht, dass man aufhört zu suchen.
Da liegst Du Täubchen und in deiner Braue, da ist ein Fragezeichen, das hast Du von mir und allen deinen Geschwistern habe ich es mitgegeben oder eingeredet, dafür mache ich aber auch die Lateinhausaufgaben deines großen Bruders. Sei versichert, auch wenn Du glaubst Du bist ganz allein, wir sind noch immer da. Wir, das sind nicht du der wilde Haufen dort auf dem Bett und anderswo, sondern das ist die Gemeinschaft der Juden, die dich seit heute in ihren Armen hält. Du mein Täubchen, Du bist so zart und so klein, in meinen Armen und doch bist du so groß, ein so großes Wunder, heute bist du ein jüdisches Kind in Europa geboren.
Kleines Täubchen, selbst wir die immer reden, wir stehen stumm vor diesem Wunder, das so lange eine Unmöglichkeit schien.
Wir alle haben sie, diese Wunde in uns, die niemals verheilt, sie lebt in uns diese Wunde und wir geben sie weiter, eines Tages, werden deine Mutter und ich dir von deiner Urgroßmutter erzählen, die festhielt an der Welt, als die Welt aufhörte zu sein, heute bist du da, heute bist du hier bei uns, in unserer Mitte. Heute, mit dir in den Armen schmerzt die Wunde, schmerzt diese entsetzliche Lücke weniger als sonst, heute atmen wir freier, heute bist du geboren.
Was für ein Segen, dass bei uns bist, Du kleines Täubchen, Du großes Bündel Glück in unseren. Armen. Sei willkommen, kleines, riesengroßes, wunderbares Mädchen, wir sind atemlos vor Glück und Staunen über Dich.

Sonntag

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

Etwas wehmütig stehe ich auf der Straße und winke meiner lieben C. hinterher, denn die liebe C. sehe ich immer lieber kommen und gehen, aber schon holpert das Oldsmobile um die Ecke und ich ziehe seufzend die Schultern hoch: es ist mürrisch grau und kalt auch im südlichen Vorort der großen Stadt Berlin. Als ich mich aber umdrehe kommt der Nachbar zur Linken an den Gartenzaun: FRÄULEIN READ ON, ruft er ES TUT MIR JA SO LEID!“ Ich sehe etwas verwundert zu ihm herüber und sage: Oh! Aber der Nachbar zur Linken humpelt an zwei Krücken herbei und sagt: Fräulein Read On, es ist unverzeihlich. „Nachbar zur Linken“ sage ich, „haben Sie meine alte Freundin die Wildtaube gefangen und an Papageno verkauft?“ Der Nachbar zur Linken sagt: „Fräulein Read On, gleich werden Sie nicht mehr scherzen.“ „Mag sein, Nachbar zur Linken erwidere ich, aber warum kommen Sie nicht mir rauf auf einen Tee, Kuchen gibt es auch und ich mache eine kleine Kunstpause: „und auch Pralinen.“ Der Nachbar zur Linken nickt und murmelt finster: „ Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, das wir so beieinander sitzen, Fräulein Read On.“ Das Teewasser kocht und ich lege dem Nachbarn zur Linken ein gewaltiges Stück Apfelkuchen auf den Teller und der Nachbar zur Linken erzählt:

„Der Herr Sohn bemüht sich ohnehin nur Weihnachten nach Berlin, denn schon lange sind die alten Eltern ihm lästig und kommt er so hat Herr Sohn Ratschläge im Gepäck. Sie wissen schon: Weniger Cholesterin, mehr Hühnerfleisch, Solarpaneele, die alten Biberschwänze des Hausdaches abklopfen, die Sauna aus dem 72er Jahr herausbrechen, den Garten asphaltieren, den alten Mercedes gegen ein Hybridwunder eintauschen und neben den guten Ratschlägen verstauben die Wanderstöcke, die Neoprenanzüge zum Tauchen, die Wanderstiefel für das Hochgebirge und allerlei anderen Tand den der Herr Sohn so ins Haus schleppt, dabei hoffen die Eltern noch immer Jahr für Jahr, dass der Herr Sohn einmal länger bliebe als die 48 Stunden. In diesem Jahr aber fährt der Nachbar zur Linken fort, sei der Herr Sohn nur einen Tag geblieben, denn am 25. Dezember schon fuhr gegen die Mittagsstunde ein weißer Mercedes vor. Im weißen Mercedes saß eine blonde Frau, dass hat die Nachbarin zur Linken,die gerade den Weihnachtsbraten ins Rohr schob schon genau gesehen und die blonde Frau war nicht die Frau, die im vorigen Jahr den Herrn Sohn abholte. Die Frau aber die heuer im Auto saß, die stieg nicht aus, die hupte nur und der Herr Sohn schlüpfte in Mantel und Schuh, rief seinen Eltern: Bussi und Bye zu und schon war er aus der Tür. Die Nachbarn zur Linken jedenfalls sahen dem Sohn hinterher, wie ich meiner lieben C, im Oldsmobile, dann gingen sie zurück ins Haus und vom Braten aßen nur mehr der Nachbar zur Linken, seine Frau und die alte Katze. Aber am 24. sagt der Nachbar zur Linken und löffelt Zucker in den Tee da habe er sie in die Garage geführt und dort standen zwei Elektrofahrräder mit roter Schleife. Der Herr Sohn habe den Eltern die Vorzüge der Räder erklärt, nun könnten auch sie Tagestouren von 80 Kilometern machen, und überhaupt Fahrrad fahren wäre so gesund, so praktisch, so umweltfreundlich und und auch die Eltern dürften sich dieser neuen und ganz und gar elektrischen Zukunft auf keinen Fall länger verweigern. Dann schwang sich Herr Sohn selbst auf eines der nagelneuen Räder, preschte zischend davon und erst nach einer halben Stunde kehrte er mit roten Wangen zurück, die rote Schleife aber war wohl abgefallen. Der Herr Sohn also war zufrieden, den Eltern den Weg in die Zukunft geebnet zu haben und die Eltern lächelten, denn Eltern wollen ihre Kinder zufrieden sehen. Dann aber vergaßen die Eltern die Räder in der Garage, das neue Jahr kam und auch die Nachbarn zur Linken machten wie so viele Menschen eine Liste mit guten Vorsätzen. Auf der Liste stand: die Elektrofahrräder ausprobieren. Aber erst einmal kam die Schwester des Nachbarn zur Linken zu Besuch und die wollte die Attraktionen der großen Stadt Berlin im bequemen Mercedes erleben und nicht hoch zu Ross. Dann aber reiste die Schwester zurück an die schöne Mosel und am Freitag war es dann soweit, die Nachbarn zur Linken bestiegen die Elektroräder, die Räder brummten, die Straße des südlichen Vorortes ist leicht abschüssig, die Räder rasten schneller, der Nachbar zur Linken rief noch „Hilde, warte!“, aber Hilde raste schon schneller und schneller dahin, und auch der Nachbar zur Linken sah die Kurve der Straße auf sich zukommen und sein letzter Strohhalm Hoffnung war mein Gartenzaun und lenkte er das rasende und buckelnde Rad in den Zaun und der Zaun knirschte und ächzte, aber er hielt, den Nachbarn zur Linken aber katapultierte das Rad in den Zaun, unglücklich schlug er auf und verstauchte sich den Knöchel und auch seiner Frau erging es nicht besser, ein Strauch hielt sie zwar auf, doch auch sie kugelte auf den Gehweg und ist voller blauer Flecke. Die Elektroräder aber knurrten böse und unwillig, mühsam schleiften die Nachbarn zur Linken die Räder zurück in die Garage. Nie wieder schworen die Nachbarn zur Linken würden sie noch einmal auf diese Höllenrösser klettern und so stehen verbogen und verschrammt nun die Räder neben den Alpenstiefeln, den Wanderstöcken, den Tauchanzügen und all den anderen Dingen, die Herr Sohn einmal im Jahr nach Berlin mitbringt in der Garage.“

Der Nachbar zur Linken sagt: „Ihren Gartenzaun Fräulein Read On haben wir auf dem Gewissen.“

Papperlapapp sage ich, aber der Nachbar zur Linken sagt: „Sobald der Fuß besser ist, ja Fräulein Read On kümmere ich mich.

„Aber Nachbar zur Linken, sage ich, ich kann wirklich jemanden kommen lassen, der das repariert.“

Der Nachbar zur Linken aber schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

Dann sehen wir beide aus dem Fenster in den grauen Himmel hinaus.

„Abgemacht“, sage ich zum Nachbarn zur Linken und der Nachbar zur Linken schlägt ein.

 

 

 

Bitterkeit

Am Morgen schwappt die Bitterkeit über mich hinweg. Eine große, schwarze Welle ist die Bitterkeit, kalt und dunkel. Als ich aus dem Haus gehe, liegt etwas vor dem schiefen Tor, ich bücke mich und eine Glasscherbe fährt mir mitten durch die Hand. Die Sommergäste des Dorfes haben Abschied gefeiert und dazu gehört, dass sie betrunken durch das Dorf ziehen und Bierflaschen gegen die Kirchhofmauer, die eben auch meinen Garten begrenzt, schleudern. Aber es tickt auch die Uhr und ich gehe natürlich nicht zurück ins Haus, sondern renne mit der blutenden Hand in ein Tuch gewickelt zum Zug, denn nichts wäre ja schlimmer als den 6. 00 Uhr Zug zu versäumen und ich lehne den Kopf gegen das kühle Fenster und die Bitterkeit schwappt über mich herüber, eisig legt sie sich mir auf die Stirn. Ich starre auf die blutende Hand und bitter klebt mir die Zunge am Gaumen. Immer schon ging es nur ums Weitermachen in mir. Als ich ein Kind war vor vielen Jahren, da wetteten eine Freundin und ich, wer länger auf dem Kopf stehen konnte und auch als sie schon lange wieder aufrecht stand, da konnte ich nicht nachgeben, sondern blieb mit durchgedrücktem Rücken kopfüber stehen, bis mir schwarz vor Augen wurde und ich einfach umfiel. An das Gefühl von Bitterkeit erinnere ich mich noch immer, darüber, dass ich nicht aufhören konnte, einfach nicht aufhören konnte, an das bittere Entsetzen über die Härte unter meiner Haut, die mich nie, nicht einen einzigen Tag lang losgelasssen hat.

Im Büro kippe ich Desinfektionsmittel über den klaffenden Riss und beiße mir auf die Unterlippe und es bleibt ein bitterer Geschmack im Mund zurück und die brennende Hand, die nehme ich mit durch den Tag. Den ganzen Tag lang also höre ich Menschen zu, die niemals, das weiß ich genau mit blutender Hand darüber nachdenken, ob sie wohl den ersten Zug erwischen. Die Frauen und Männer erzählen, wie sie wurden, was sie sind. Sie erzählen von Zufällen, von glücklichen Wendungen, von sich wundersam öffnenden Türen, von Netzwerken von der großartigen Erfahrung Fehler machen zu dürfen ohne etwas befürchten zu müssen, von Superhelden und von Mentoren die ihnen Vorbilder sind und einem Sommer in den Hamptons, der sich als wegweisend erwies. Meine Zunge ist ein dicker Klumpen und die Bitterkeit ist eine ätzende Säure in meinem Hals. Was soll ich hier eigentlich und was soll ich hier denn sagen: Hi, ich bin Read on, ich habe für jeden einzelnen Fehler bitter bezahlt und meine einzige Inspiration ist die heillose Angst es nicht zu schaffen, ich hebe immer noch fünf Cent Stücke auf der Straße auf, weil ich genau weiß wie es ist, wenn einem am Monatsende fünfundsiebzig Cent fehlen und ich hatte drei Jobs um mich durch das Studium zu bringen. Mein Netzwerk ist die Gruppe der rumänisch-polnisch-senegalesischen Frauen mit denen ich putzte damals im Akkord, Hotelzimmer nämlich in der Hipsterhauptstadt Berlin, wo alle doch so viel Spaß hatten, ich hatte Rückenschmerzen vom Teppich shampoonieren und eine Nachtschicht in Aussicht. Die Bitterkeit läuft mit über den Rücken: „Hi sage ich, ich bin Read On“ und der Riss in meiner Hand fängt wieder an zu bluten. Ich lege das Programmheft über meine Hand.

Dann sind die Bitterkeit und ich allein und irgendwann klopft es und die Schwester des Tierarztes kommt herein. Die Schwester des Tierarztes verachtet mich bekanntlich herzlich und ich muss zweimal einen Schwall Bitterkeit herunterschlucken bevor ich sagen kann: „Was kann ich für Dich tun?“ So als wüsste ich das nicht. Sie sagt: „Ich brauche Geld.“ Sie sagt es mit dem Ton, in dem alle Goldkinder sprechen. Anklagend und selbstgerecht, so als sei die Welt und natürlich auch ich ihr etwas schuldig geblieben. Der Tierarzt ginge ja nicht ans Telefon und auch das sei natürlich meine Schuld. „Wie viel?“, sage ich, denn das Telefon klingelt und sie zuckt mit den Schultern, so als sei es eine Zumutung sie mit einer solchen Frage zu belästigen. Das Telefon klingelt, ich gebe ihr Geld und als ich das Telefonhörer auflege, sind die Bitterkeit und ich wieder allein im Zimmer. Die Bitterkeit pocht gegen meine Schläfen. Im stillen Zimmer übe ich:

„Tierarzt, deine Schwester kam schon wieder wegen Geld zu mir.“ ( Fragezeichen am Ende)

„Tierarzt, wir zahlen doch schon: Sportverein, Sportausrüstung, Turnschuhe, Klassenfahrten und und und für den Neffen. Ich möchte nicht auch Bargeld an deine Schwester geben.“ ( Punkt am Ende )

„Tierarzt wäre es nicht auch schön, wenn deine Schwester versuchte einen Job zu finden.“ ( Ausrufezeichen am Ende )

Aber so sehr und so lange ich auch übe, die Bitterkeit schleicht sich in jeden meiner Sätze und hallt noch lange durch das stille Zimmer, da habe ich schon lange aufgehört die Sätze wieder und wieder zu üben. Irgendwann mache ich das Licht aus, schalte den Computer und die Bitterkeit und ich, wir sitzen im dunklen Zimmer und sehen uns an. Irgendwann stehe ich auf und fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt telefoniert mit seiner Mutter. Seine Mutter schreit durchs Telefon, dass seine Schwester eben Unterstützung braucht und er und ich wir hätten doch studiert, und überhaupt was würde ich mir eigentlich dabei denken seine Schwester mit 200 Euro abzuspeisen. Die Tasche rutscht mir von den Schultern, und ich drehe mich um, ziehe die Haustür hinter mir zu und laufe hinunter ans Meer. Der Wind und der Regen wehen in mein Gesicht, aber die Welle die mich trifft, ist keine aus Salzwasser, ist nicht die Irische See, sondern ist schwarz und kalt die Bitterkeit, die unerbittlich gegen meine Rippen drückt. Als ich nach einem Taschentuch suche, fängt meine Hand wieder an zu bluten.

Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Am Strand

Ich trockne ein Nichtenbein und die Nichte, die zum Nichtenbein gehört, jammert: „Oh wie das kitzelt.“ Dann fällt ein Nichtenkind in den Sand und das nächste Kind tropft vor sich hin. Schließlich liegen vier Nichten und ein Tierarzt im Sand und bis auf den Tierarzt essen alle dicke Scheiben Zitronenkuchen. Dann fällt ein Schatten auf mein Gesicht. Der Schatten ist etwas acht Jahre alt und sagt: „Ick bin der Jonny.“
Jonny ist strohblond und mit seiner Oma am Strand. Seine Oma aber will Kreuzworträtsel lösen und ein Mann, den Jonny Opa nennen soll, soll ihr den Rücken eincremen. Jonny nennt den Mann trotzdem Heinz. Jetzt steht Jonny vor uns und bohrt die Zehen in den Sand. Jonny’s Oma ruft: „Jonny was machst du da drüben bei die Ausländers?“ Denn wir sind die Einzigen am Strand, die nicht Deutsch sprechen. „Der Jonny hört wieder nicht“, ruft Jonny’s Oma, Heinz zu. Heinz grunzt und die kleine Königinnennichte, die für diplomatische Sonderfälle ein Händchen hat, lacht Jonny an und sagt: „Ich bin eine Prinzessin und Du?“ Jonny sagt noch einmal: „Ich bin Jonny“. Dann bekommt Jonny auch ein dickes Stück Zitronenkuchen und fünf Sekunden später, sitzen fünf Kinder im Sand und buddeln den Tierarzt ein. Jonny sagt: Du bist echt voll dünn Tierarzt. Den Tierarzt freut so etwas ja immer sehr und er würde wohl nicken, schippten nicht fünf Kinder Sand auf ihn drauf. Dann kommt Jonny’s Oma zu uns herüber. Ich schlafe gerade unter einem großen Strohhut und so sagt der Tierarzt zu Jonny’s Oma: „Mädchen weiß Deutsch.“ Jonny’s Oma schreit: Die Ausländers können nich mal Deutsch sprechen, Heinz.“ Heinz schreit: „Sind des Polacken?“ Dann tauche ich unter dem Strohhut auf: „ Wie kann ich ihnen helfen.“ Die Ausländers können doch Deutsch, schreit Jonny’s Oma. „Ick wollt nur sagen, dit wenn der Jonny sie stört, denn schicken se den rüber.“ Ich versichere ihr, dass Jonny uns keineswegs stört. Sie sagt: „Schon seit die DDR-Zeit sind wa hier an der Ostsee, aber dit is och nicht so einfach mit nem Kind wie dem Jonny. Die Mandy, Jonny’s Mutter hat sich nämlich von so nem Ausländer een Kind machen lassen. Das Kind ist Jonny. Der Tierarzt sagt: Jonny is a good guy. Jonny’s Oma sagt: „Lassen sie sich nicht frech kommen von dem Rotzlöffel. Der Tierarzt sucht „Rotzlöffel“ im Wörterbuch. Dann geht Jonny’s Oma wieder zu Opa Heinz. „Und sind des Polacken?, fragt Heinz sie?“ Jonny’s Oma schüttelt den Kopf: „Dit hab ick janz verjessen zu fragen.“ Dann ölt Heinz ihr den Rücken ein. „Bei den Ausländers weiß man dit nie“, sagt er. Die Nichten, mein Neffe und der Tierarzt wollen schwimmen. Jonny will auch schwimmen, aber als vier Nichten ins Wasser rennen, sagt Jonny: „Du ich kann nicht schwimmen.“ Ich nicke und der Tierarzt hält Jonny fest und ich zeige Jonny wie man Schwimmzüge macht und die Nichten und mein Neffe zeigen Jonny wie man paddelt und rudert und sich über Wasser hält. Eine kleine Königin und Jonny tauchen um die Wette.
Am Ende haben wir alle blaue Lippen und Jonny hat drei Schwimmzüge geschafft. Jonny lacht stolz und glücklich und prustet. Jonny’s Oma bringt ein Badehandtuch. Darauf ist ein 50 Euro Schein abgedruckt. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus. Der Tierarzt sagt: Jonny is a great swimmer. Jonny’s Oma sieht ihn zweifelnd an. Great Swimmer, wiederholt der Tierarzt. Die Kinder suchen Muscheln und der Tierarzt und ich reiben fünf Kinder mit Sonnenmilch ein und dann verteilen wir grüne Gummifrösche, Cola-Schnüre und saure Würmer an die Kinder. Es herrscht internationale Seligkeit. Jonny kennt Harry Potter nicht. Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass mein Neffe Jonny anhand einer komplizierten Sandskizze in die Welt von Hogwarts einführt. Jonny ist sichtlich beeindruckt. Jonny’s Oma schläft und Opa Heinz liest die B.Z. Die Kinder, der Tierarzt und ich bauen eine Sandburg am Wasser mit spitzen Zinnen und eine Brücke, die zwei Wassereimern standhält. Jonny strahlt und die kleine Prinzessin erklärt Jonny warum sie später mal Königin werden will. Jonny sagt: „Super.“ Die kleine Prinzessin strahlt. Ihr Badeanzug ist natürlich auch knallpink und auf ihrem Bademantel sind lauter Einhörner und viele Kinder glauben sie sei eine Fee. Jonny aber hat gleich verstanden, dass hier eine echte Königin mit zwei sauren Würmern in der Hand Audienz hält. Ich blase den vielgeliebten Gummidelfin auf und Jonny darf auf dem Delfin zuerst reiten und der Tierarzt zieht in durch das flache Wasser. Geschwister, die sich um einen grünen Haribo Frosch balgen können, sind erstaunlich großzügig, wenn es um Strandfreundschaften geht. Irgendwann wanken der Tierarzt und ich geschlagen aus dem Wasser, denn fünf Kinder auf einem Delfin zu ziehen, ist nichts anderes als Galeerenarbeit. Fünf Kinder liegen geschafft im Sand. Jonny’s Oma kommt von ihrer Sandmuschel herüber. „Dit ihnen dit nichts ausmacht mit dem Jonny.“ „Jonny ist prima“ sage ich und der Tierarzt und die Kinder nicken. „Dit die Mandy uns dit antut, mit dem Ausländer so’n Kind.“ Sie schüttelt den Kopf. Jonny übt derweil mit den Mädchen Handstand. „Jonny ist prima“ ,wiederhole ich und Jonny’s Oma sagt zu Opa Heinz, dass die Ausländers echt seltsam seien. Irgendwann packen wir unsere Handtücher, Bücher zusammen und ich klemme mir den Plastikdelfin unter den Arm. „Jonny, sage ich wir müssen jetzt los.“ Jonny nickt. „Kommt ihr morgen wieder?“ „Klar“ sage ich und Jonny strahlt. „Schwimmt ihr morgen wieder?, fragt Jonny. „Klar sage ich.“ Jonny nickt und umarmt drei Nichten, einen Neffen, mich und den Tierarzt. Jonny’s Oma ruft: „Jonny mach dich rüber, jetze.“ Opa Heinz ruft: „Voll dünne der eine von die Ausländers.“ Der Tierarzt winkt: „Mädchen weiß Deutsch.“

Die Mali Tant hat keine Zeit.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze auf dem Balkonstuhl und meine Füße liegen auf der Balkonbrüstung. Die Tanne links von mir rauscht, es wispern die Kastanien. Ich habe eine Schüssel mit Erdbeeren auf dem Schoß und auch wenn ein warmer Wind weht, bin ich in einen breiten, blauen Schal mit großen Pfauenfedern darauf gewickelt.
Neben mir auf der Balkonbrüstung sitzt meine alte Freundin die Wildtaube und gurrt leise, aber wirklich ganz leise, denn wie alle Freunde und wie wohl auch meine Feinde, weiß sie, dass ich am Samstag Abend wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte, als meine Großmutter die Mali-Tant anrief mit Wien telefoniere.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.
( Zwar ist der Shabbat noch nicht ganz um, aber die Mali Tant will von solchen Spitzfindigkeiten nichts wissen.)

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja Mädi, wie eina oiden Frau eben so geht.

Ich: Ah, Mali-Tant, du bist doch keine alte Frau.

Mali-Tant: I was genau, wie oid i bin Mädi.

Ich: ( lache leise. Die Mali Tant ist 94 )

Mali-Tant: ( schnauft )

Ich: Mali-Tant, ist alles in Ordnung bei Dir und Mau ( Mau ist der Siamkater der Mali-Tant )

Mali-Tant: Ja geh Mädi, weißt es ist halt arg viel los. Im Garten draußen sind die Fisolen reif, und die Rosen blühn. Weißt halt net, aber die Anni, die Frau vom Johann hat Geburtstag und vor Wochen scho hab I ihr den Rosenstrauß zugesagt und a Biskuitrolle, des is ja resch gemacht, hab i Ihr versprochen. Des hat dein Gromutter scho imma gesogt: A Versprechen muss man holt einhalten. Dann hab I mia a paar neue Kleider bestellt. In Wien kannst ja nirgendwoa ein Sommerkleid mehr kaufen, wenn net mehr bist 25 Jahr’. Aba I hab zu dea Verkäuferin gesogt: so a Biesn zieh I nimma an. Hot die doch a beiges Gewand angebracht und do hab I gesogt: Nimma geh I wie a Wasserleich auf die Straßen. Gerade jetzt wo all die Konzerte sind in Schönbrunn, und die Oper im Park. A Paar pinke Sandalen hob i a gekauft. Die Verkäuferin hat gesogt: na die sin aba sehr hoch füa a Frau in ihrem Alter. Aba Mädi man darf sich nix bieten lassen: I hob Iha gesogt: I bin do kea Krüppel. Fria im Spital, do hob I wenn i tanzen woa in viel höhere Schuh die Visite gemacht und der Professor hat damals schleimig gegrinst: Na Frau Mali, wieda die Nacht zum Tog gemacht? Aba I hab den nie ausstehen können, den Lackl. „Fia Sie Herr Professor, hab I gesagt imma noch Frau Doktor Mali.“ Do hat dea nix mehr gesogt. Jedenfalls Mädi, die Biskuitrollen und do hob I mia gedacht, wenn Du eh scho a Biskuit im Rohr hast, da kennst a gleich a Blech Crèmeschnitten mitmachen. Die Cremeschnitten, die sind noch nie übrig geblieben. Dann Mädi hat der Jean eben angeläutet ( der Jean ist der Liebhaber der Mali-Tant ), auf a Beisel Wein im Heurigen will er gehen, jetzt wo die Nächte lang sind und die Luft a einmal a bissl mild. Do hob I net nein sagen können. Weißt Mädi, mit dem Jean is es holt nie fad. Wenn I die Anni ihren Mann seh, Mädi, a Schlaftabletten is nix dagegen. Geh, hat der Jean gesogt: Mali wia gehen auf a Beisel Wein und wea weiß scho, vielleicht ist a bissl Musi im Schanigarten und wo I do jetzt die feinen Sandalen hob, kann I auch einmal wieda mit dem Jean tanzen. Weißt Mädi, dea Winter is eh lang genug.

Ich: Mali-Tant, wenn ich dir zu langweilig bin, dann sag es ruhig.

Mali-Tant: A geh Mädi, sei kein Schaf. Dann wollen mir in der nächsten Woch ins Waldviertel fahrn. Des Dach braucht neue Ziagln und auch der Garten im Waldviertel muss gerichtet werden. Die Ribiseln sind ja schon rot und a Stapel neue Bücher hab ich auch gekauft. Kannst ja net wollen, dass ich völlig verblöd in diesem Österreich. Dann fahren wir füa zwei Wochen nunter zur Gerti in die Bretagne. Bis dahin muss halt scho das Haus im Waldviertel fia da Mari und ihr Familie gerichtet sein. Weißt Mädi, wenn man net alles selba macht. Die Mari bekommt noch a Kind und do hob i mia gesogt geh Mali, du host fia die vier Kinda von der Mari a Deckn gemacht und da musst auch fia das Fünfte a Deckn machen und do hob I mia gedocht, geh Mali des hast fertig bevor dea Jean und du in die Bretagne fahrt und da hob I die ganze Wochn bis Nachts ein Uhr an der Deckn genäht. I schick dir schon noch a Bild. Man kommt ja zu nix.
Mädi, sei mir net bös, aba I muss noch den Rock bügeln bevor der Jean klingelt. Ich bin ja keine geschlamperte Person und die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant ), der muss I a wenigstens a guten Abend sogen. Geh Mädi, wia hören uns ja ohne hin in der nächsten Woch’. Baba und Bussi. I muss jetzt wirklich los.

Ich höre aus Wien nur noch ein dumpfes Tuten. Die Mali-Tant hat aufgehängt und meine liebe C. sieht mich erstaunt an, als ich das Telefon zurückbringe. „Alles in Ordnung in Wien,?“ fragt sie, denn mormalerweise stecken die Mali-Tant und ich für Stunden die Köpfe zusammen. Ich nicke. „Die Mali-Tant ist beschäftigt“, sage ich und „es ist Sommer in Wien.“ Dann schweige ich ziemlich beleidigt, noch unentschieden ob ich beleidigter darüber bin, dass die Mali-Tant nicht einmal eine Viertelstunde übrig hatte, oder darüber, dass Sie fast nur Hochdeutsch mit mir gesprochen hat, denn der Shabbesschwatz mit Wien ist immer schon nur auf Wienerisch gehalten worden. Die liebe C. schneidet mir ein großes Stück Erdbeerkuchen ab. „Ist das Biskuitteig?“, frage ich sie, aber die liebe C. schüttelt den Kopf und ich ziehe den Kuchenteller zu mir heran.

Die Mali-Tant wundert sich über die Frauen.

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Die Mali-Tant als junge Frau.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich liege auf dem roten Kanapée und meine Füße liegen auf der Fensterbank in der Hoffnung die Sonne käme noch einmal ums Ecke gebogen und wärmte sie mir, denn die ewig kalten Füße setzen mir zu. Eingewickelt bin ich das warme, gelbe Plaid aus der Toskana, das ich nicht einmal an Schwesterchen verleihe. In einer Hand Tee aus der Lieblingstasse, Melonenstücken auf dem Teller vor mir und den Telefonhörer in der Hand, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja geh, Mädi, nichts ist so fad wie die Leit ,die nichts tun als jammern und greinen. Es geht sich scho aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann schnauft die Mali-Tant laut und vernehmlich und sagt Mädi man muss sich scho einmal wundern üba die Frauen.

Mali-Tant: Wie ich jung war, Mädi da han die Leit gesagt: A Frau muas imma woas duan, sonst schdesed sche deppert do.

Ich: Ach, Mali-Tant den Leuten kann man es eh nie Recht machen.

Mali-Tant: Geh Mädi, a Frau de ins Romanbiachl schaud, han die Leit gesagt is a oame Haud (= arme Haut ). So a Frau han die Leit gesagt is ka Ea ( =Ehre ) fia unsa Gschlechd.

Ich: Aber Mali-Tant, deine Mama hat doch alle Tage einen neuen Roman verschlungen, und du liest noch immer mehr Bücher in der Woche als ich.

Mali-Tant ( lacht): Ja, die Mama! Scho recht Mädi, aber frieha da han die Leit gesagt: A Frau muass scho a Oabeid han, weil auf an Mann is eh kein Verlass.

Ich: Aber Mali-Tant, dein ganzes Leben hat du eh in der Klinik gearbeitet. Lass die Leut doch reden, das machen die Leut eh.

Mali-Tant: Scho klar Mädi, I komm schoa zu ein Punkt, wiast scho sehen. Fria Mädi han die Leit gesagt, a Frau, die sich um si söba scheat, is a Seidene Person (= Prostituierte ). Die Leit han gesagt, dass die Frau aufn Mann hean muass a wenn er a bissl bled is und ana Frau muass eben a einmal a Opfa bringen fia de Mann. Ihre Däg ghean de Kinder und ihre Nächt de ghean de Mann. A Frau han die Leit gesagt muass den Haushoid füahn und mid kana Wimpa zuckt was a Frau is.
All die Jahr, Mädi han die Fraun gesagd: Ah Frau Mali-Tant bled is da Mann, unds Geld trägt er nimma nach Haus, sondern in die Wirtschaft, nimma weiß man wann der Mann hamkummd und is a doa, red er nigs und schaut ewig fern, und nimma gean haod der Mann die Frau, sondern imma nur einen Hemdknopf hat der Mann hingehalten und nimma vum Heiradn geredet, sondern a anderer Frau in die Augn geschaut. All die Jahr Mädi, bis zu dem heitigen Tag Mädi greinen die Fraune üba die Männer. Am Donnerstag bei da Erika, han die Fraun wieder angefangen von die Männer und von wos a Frau is zu greinen
Da hab I gesogt: Jetzt aba is es einmal genug. I hob gesogt: All die Jahr hab I a Liebhaber gehabt. A guada dazu. Des is schoa a wichtig. Der Geri ( = Gereon, der Mann der Mali-Tant ) hat a Gspusi gehabt und a blitzgescheite Person is das geweasn. Der Geri hat imma a Blick gehobt fia de Fraun. Und ned hamlich hab I gelebt all die Jahr mit dem Jean und net alla daham gesessen all die Jahr. Der Geri und der Jean sind mir a schenes Glik gewesen, hab I gesogt zu die Fraun. Die han geschaut Mädi als hätt i wos von fliegenden Elefanten gesogt. Aba hab I gesagt zu die Fraun do an Tisch: A Zugehfrau könnt ihr euch a nehmen, wenn ihr schoa zu feig seid füa a Liebhaber, a guadn. Mädi, die Leit sind schlimma wie wenn die Mama üba den oidn Kaiser gelacht han. Frau Mali-Tant han die Fraun gesogt: Des macht a anständige Frau net. Frau Mali-Tant des schickt sich net fia a anständige Frau, Frau Mali-Tant des is a Schand was sie dan han gemacht all die Jahr’, a Frau han die Frauen gesogt muass sich scho einmal aufopfern fia den geliebtn Ehemann. A Frau han die Fraun gesogt muass imma a Ea sein fia ihr Gschlechd. Da Mädi hab I lachen müssen, dann hab I denn Jean angerufen fia a Runde Tarock und heit Abend gehen mia in die Oper, Mädi. Die Leit Mädi, sind mia zu fad.

Ich: Sieh Mali-Tant, die meisten Männer und Frauen haben eben Angst vor dem Leben da kann man nichts machen.

Mali-Tant: Schoa Recht Mädi, aba eins kannst glauben deina alten Mali-Tant: gauns genau musst schaun bei a Mann: de Schuitan net zu breit, de Hagsn net zu schmal und der Gaung Mädi, der muss schwingen und nimma geh mit a Mann aus, do schlurft oda wo galoppiert wie a Esel.

Ich: Das Mali-Tant will ich berücksichtigen und dann lachen die Mali-Tant und ich, so lange bis die Uhr im Wiener Wohnzimmer gongt. Mädi sagt die Mali-Tant: I muss mir die Haare richten, geh, du bist mir nicht bös?

Ich: Ach geh, Mali-Tant, Liebende soll man nicht warten lassen.

Der Jean nämlich nennt die Mali-Tant eine fesche Katz und wo er Recht hat, hat er Recht der Jean.