Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

In der Mondsteinscheiben-Fabrik

Sie liegt gut versteckt hinter einer Tannenschonung, zwei Schafsweiden und einem Fluss die Fabrik zur Herstellung von Mondsteinscheiben. Überrascht ist der Reisende taucht die Fabrik dann auf. Sofort geht ein jeder ein kleines bisschen verloren, denn die Fabrik ist groß. Nicht nur groß riesig ist die Fabrik. Lange leben wir schon in einer Welt in der es kaum noch rauchende Schornsteine gibt, keine Männer mit rußigen Gesichtern beugen sich mehr in ein glühendes Feuer und vor der Fabrik warten auch keine Frauen mehr das ein Ehemann oder ein Bruder mit einer Lohntüte vor das Fabriktor kommt. Das sind nur mehr Geschichten für kalte Tage. Aber jetzt wo auch ich am Morgen durch das Fabriktor gehe, dem Pförtner winke und eine Mondsteinscheibenmitarbeiterkarte an ein Lesegerät halte, da erinnere ich mich wieder an die Bilder aus anderen Zeiten.

Die Fabrik schläft nie. An sieben Tagen in der Woche, in Tag und in Nachtschichten werden die kostbaren Mondsteinscheiben gefertigt. In den Spinden hängen Fotos von jungen Hunden oder jungen Frauen. Die Mondsteinscheibenfabrikarbeiter genieren sich etwas, auch wenn ich sage, dass es nichts zum sich schämen gebe und ich über eine ausgezeichnete Sammlung von Kälberbildern verfüge. Dann lachen sie und greifen nach ihren Helmen. Etwas vom feuerspeienden Ofen ist auch in dieser Fabrik mit ihren Schutzanzügen, Sicherheitsbrillen, festen Schuhen, ihren Sicherheitsvorschriften und Notfallplänen erhalten geblieben. Tief im Bauch der Fabrik gurgelt ein ewiges Feuer auch wenn es ein anderes ist als jenes der Eisengießer und Stahlkocher anderer Tage.

Auch ich habe schon eine Mondsteinscheibe in der Hand gehalten. Dünn und grazil, eine zarte Haut, zerbrechlich erschien sie mir und schwer fällt es sich vorzustellen, wie viele Tage und Nächte es braucht bis eine Mondsteinscheibe so glänzt wie diejenige in meiner Hand. Zum Glück ist sie mir nicht aus der Hand gefallen. So leichten entgleiten einem ja die Dinge und in den Dingen liegt immer auch die ganze Welt.

Der Fabrikdirektor sagt: „Fräulein Read On Sie haben ein Fragzeichen auf der Stirn.“

Der Fabrikdirektor ist ein anderer Mann als Emil Rathenau, der einmal beschloss, das ganz Deutschland am Abend elektrisch beleuchtet sein möge. Nein, den Direktor der Mondsteinscheibenfabrik trägt keinen Rock und keinen Zylinder und morgens kommt er nicht im offenen Landauer gezogen von zwei frischen Rappen in die Fabrik. So viele Jahre, so viele Geschichten liegen zwischen Ihnen. „Ich frage mich, sage ich also, ob ich nicht doch eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Emil Rathenau entdecken kann.“ Der Fabrikdirektor lacht. Sie lassen es mich wissen, sonst liege ich noch wach und grüble über jenen Emil Rathenau nach.“

„Gewiss Herr Direktor“, sage ich und der Herr Direktor lacht und winkt.

„Fräulein Read On in Los Angeles erwartet man mich am Telefon. Wir sprechen uns später.“ Aber bevor Los Angeles, wo es auch Mondsteinscheiben gibt noch lauter ruft, erkundigt sich der Herr Direktor erst nach der Frau des Reinigungsmannes, die ausgerechnet im Urlaub fiel. So ein Direktor ist das nämlich.

Ob Emil Rathenau sich wohl für Mondsteinscheiben begeistert hätte?

Manchmal stehe ich auf von meinem Stuhl und dem Tisch an dem ich ganz andere Dinge tue, als sonst und sehe aus dem Fenster. Da steht ein Ingeniuer und sieht in eine Mappe, ein Frau schüttelt die Haare auf unter dem Helm, ein Mann rollt einen Wagen geschälter Kartoffeln vorbei. Eine Gruppe Reisender mit silbernen Koffer betritt die Fabrik. Ein Mondsteinscheibenschrauber raucht eine Zigarette. Eine andere Frau trinkt hastig einen Schluck Wasser. Jede Fabrik ist ein Roman, denke ich und dann kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und wundere mich, dass ich ausgerechnet ich das Fräulein aus einem ganz anderen Jahrhundert hier tief im Bauch der Fabrik sitzt, in der die so kostbaren wie zarten Mondsteinscheinscheiben gefertigt werden, von denen ich doch eigentlich so wenig weiß wie vom ewigen Feuer anderer Tage.

Aber dann klopft der Herr Direktor und ich öffne die Tür.