Pariser Szenen: Erinnerungsorte

Am Morgen mit der Mali-Tant, dem Jean, der lieben C. und dem Tierarzt in die Rue de Tournon spaziert. Im Hotel Foyet lebte Joseph bis er an gebrochenem Herzen und der verlorenen Heimat starb. Das Hotel gibt es nicht mehr, aber das Café de Tournon gibt es noch. Es ist noch immer ein Trinker-Café, es riecht nahc Zigaretten und Schnaps und die Spiegel sind schlierig. Der Kaffee ist dünn und die Mali-Tant trinkt Sekt. Der Jean trinkt Weißwein und der Jean und die Mali-Tant rollen die Ärmel auf. Die Nummern auf ihren Armen sind blass, aber noch immer sind sie da und wir setzen zwischen den Trinkern und die Mali-Tant und der Jean zählen auf: wen sie haben verschossen im 38er Jahr, wenn sie haben geholt im 42er Jahr und wie sie wiedergekommen sind im 53er Jahr, da hat es nimmer mehr Juden gehabt in Europa und wir trinken auf Joseph Roth und all die, die man hat verschossen. Ich gehe noch 300 Meter weiter, da steht das Hotel „Trianon Rive Gauche.“ In dieses Hotel ist der Schriftsteller Ernst Weiß geflohen, den hat man lang schon vergessen in Wien und Berlin und als die Deutschen im Juni 1940 in Paris marschierten, da sah Ernst Weiß aus dem Fenster, nahm Morphium, legte sich in die Badewanne und schnitt sich die Pulsadern auf.
„Gehen Sie nur“, sagt der Mann an der Rezeption und ich geh die engen Treppen hianuf, neben mit quietscht der alte Fahrstuhl und ich lehne an der Wand und denke an Ernst Weiß und die kalte, weiße Badewanne. Zurück im Café de Tournon zählt die Mali-Tant noch immer auf “ wen sie haben verschossen.“

Am Nachmittag treffe ich die E. Wir essen Suppe in einem Laden, Regen-Sonne-Schauer, französischer Hip-Hop, Obama auf dem T-Shirt des Kellners, die Frauen sehen alle aus, wie aus der Vogue, ich möchte unter den Tisch kriechen, aber die E. lässt mich nicht. Die E. sieht auch aus wie aus einem Modemagazin, aber es hilft ja nichts. Die E. erzählt von Istanbul, bevor sie zurück nach Paris kam, war sie mit ihrer Schwester bei IKEA: Lampen, Servietten, einen Hocker für das Bad. Die E. und ihre Schwester beluden das Auto und wie sie das Auto beluden, da drehten sie sich noch einmal um. Vor dem IKEA fielen ihnen Kinder auf. Keine Kinder aber, die mit ihren Eltern einen Schreibtisch ausprobierten, sondern syrische Jungs, zehn oder elf vielleicht, die den Einkäufern beim Schleppen der Regale und dem Wuchten derselben in die Autos zur Hand gehen. Dafür bezahlt man sie, wenn sie Glück haben und wenn sie kein Glück haben, eben nicht. So sieht das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei vor dem Ikea in Istanbul aus. Die E. sieht mich an und fragt nach den Postkarten. Ich nicke. „You never struck me
as optimistic“, sagt sie und ich sage lieber nichts. Ich will ihr nicht sagen, wie sehr ich mich fürchte, dass die Karten immer nur Symbole bleiben und niemals Karten werden. Wir küssen uns auf Wiedersehen.

Auf der Straße fällt mir ein, wie nah wir am Bataclan sind. Ich sage zum Tierarzt: „Wir sind ganz nah am Bataclan.“ Wir kaufen fünfzehn weiße Rosen. Dann gehen wir zweimal ums Eck. Arcade Fire spielt im Dezember und fast jeden Abend spielen Bands, die ich nicht kenne. Zwei Frauen rauchen, ein Mann telefoniert, ein bisschen komisch komme ich mir vor mit meinen Rosen, aber ich lege sie trotzdem hin, obwohl ich mich doch vor Symbolen fürchte. Das Leben geht weiter, ist ja auch so ein Symbolsatz, dabei verschweigt er doch nur, dass nur das Leben derjenigen weitergeht, die nicht warten auf den Schlüssel im Schloss und die Leere am Tisch. Wir stehen da einfach und wir stehen dort fast ein bisschen im Weg herum. Am 12. November ist der Anschlag zwei Jahre her. Ich denke an die Mali-Tant: „Wie man sie hat verschossen.“ Am Abend sitze ich mit der Mali-Tant auf einem alten Fauteuil, meine Hände umklammern ihren Arm, den Arm mit der Ziffernfolge und ich atme in ihr Haar. Lavendel, Chanel und ein Hauch Marzipan. „Weißt Mädi, wenn’s doch mich nur verschossen hätten und net die Mama.“ Meine Hand liegt auf ihrem Arm.

As an exception in German-Berliner Geschichten I

Früh ist es und kalt. Wirklich sehr kalt. Zur Katze sage ich, sie möge sich bitte benehmen. Die Katze liegt auf dem roten Kissen. Die Katze schläft unter einer weichen Decke. Die Katze rührt sich nicht. Katze sage ich, hör zu, morgen früh kommt die Nachbarin und morgen Abend noch einmal, dann bin ich zurück. Die Katze bewegt nicht einmal ihre langen Schnurrharre. Es ist fünf Uhr. Um sieben Uhr sitze ich im Flugzeug und um 11 Uhr bin ich in Berlin. Es ist kalt und der Regen ist grau und schwer. Der Bahnsteig in Adlershof ist leer. Überall hängen Plakate die eine Zukunft preisen, auf die wohl alle warten und die nicht kommen will. Jedenfalls nicht heute, nicht an diesem grauen Morgen. In der einzigen Bäckerei die ich finde und die gleichzeitig auch eine Spielhalle und Trinkstube ist, kaufe ich zwei Croissants. Alle anderen im Geschäft kaufen Bier und öffnen die Flaschen mit einem Öffner, der an einer langen Schnur neben dem Tresen baumelt. Plopp, machen die Flaschen und die Deckel fallen auf den Boden. Da liegen sie dann. eine ganze Weile laufe ich die Straße herunter, halte Ausschau nach einem Schild, das nicht kommt, frage zwei Männer, nach dem Weg, auch sie Bierflaschen in der einen und Zigaretten in der anderen Hand. Sie wissen den Weg nicht, ich ihn auch nicht und so laufe ich weiter. Ockerfarben sind die Häuser hier, gebaut in 1920er Jahren für Industriearbeiterfamilien, die es schon lange nicht mehr gibt. Dann finde ich den Weg doch. Wenig später sitze ich in der Küche von Anna Seghers. Wir trinken Kaffee, ich kaue auf dem Croissant und schwer ist es wirklich nicht, sich vorzustellen, gleich käme Anna Seghers zur Tür herein, und hieße uns aufstehen, scharf fragte sie sicherlich, was wir denn eigentlich in ihrer Wohnung wollten. Auf dem Tisch steht die Reiseschreibmaschine, Modell Remington, daneben die Brille, ja sogar ein Stapel voll Papier, liegt dort. Eine schmucklose Wohnung, herb soagr, herb wie vielleicht die Seghers selbst. Nur Transit eigentlich, nicht zuletzt wegen jener Szene in der sie als eine der wenigen Abschied nimmt von Ernst Weiß, der noch vergessener ist als die vielen Vergessenen. Nein, ich habe ihre Romane bis auf diesen nie gemocht, bin nie den Figuren verfallen, fand oft die Handlung zäh und doch, jetzt in ihrer Küche, im Wohnzimmer die Muscheln aus Mexico und das ewig spießige, kleinbürgerliche, das die DDR als intellektuell verstand, im Flur, Reproduktionen von Diego Rivera, was fehlt der Heine-Briefe, das letzte Geschenk ihres Vaters, der wohl ahnte das die Tochter ihn brauchen könnte, sie die ihn verschenkte, ich weiß längst nicht mehr wem. Eine andere Zeit ist es in die man gerät, kopfschüttelnd steht man vor den Trümmern der sozialistischen Utopie, die längst keine mehr ist, nie wieder eine sein kann, denn das 20. Jahrhundert hat sie verschlungen, wie sie auch das Feenhafte, den Charme und die Leichtigkeit der Menschen verschluckte, die für ihn nach Sätzen suchten und sich verbiegen, bis auch sie eibrachen, auf dem glatten und trügerisch- tiefem Eis. Zurück durch den Regen, vorbei an den Trinkern, vorbei an den Plakaten, die für eine Zukunft werben, die wohl nicht kommen wird, nicht huete. nicht morgen und die auch nicht kam für Anna Seghers die aus Mexiko zurückkehrte, 1947, vor so vielen Jahren, vor so kurzer Zeit.

Anna-Seghers Gedenkstätte, Anna Seghers Strasse 81, 12489, Berlin-Adlershof,

Anna Seghers Gedenkstätte