Keine Kompassnadel

Zum ersten Mal seitdem ich denken kann, habe ich in diesem Jahr keinen Pessachputzplan gemacht. Ich habe keine Kisten mit weizenhaltigen Lebensmitteln in Kisten gepackt und mit einem Geschenkkorb zusammen bei den Nachbarn eingelagert wie in jedem anderen Jahr. Auch wenn die Frau des Krämers natürlich missbillgend den Kopf schüttelte: „Immer diese Ausländer.“ Aber aufbewahrt hat sie die Kisten doch.
Aber in diesem Jahr lebe ich ja nicht mehr in einem kleinen irischen Dorf und neben mir und dem alten, treuen Hund und der eigensinnigen Katze leben ja auch T. und J. und A. und S. im Haus fernab des ewig rollenden Meeres. T. und J. und A. und S. aber wollen natürlich Marmeladenbrote und ein wachsweiches Ei mit Butterfingern aus Toast am Morgen und warum soll ein gewöhnlicher Jude es ihnen verweigern. So ist das also in diesem Jahr und so bleiben Brot und Croissants, Spaghetti und Griess in der Speisekammer und das Pessachgeschirr ist eingelagert irgendwo vor Dublin. Aber mir zucken die Fingerspitzen gehe ich in die Küche, das ist der Preis der Assimilation, wer heute Jude sein will in Europa der hat angespannte Fingerspitzen.
„Wir sind doch hier nicht im Orient“, sagte damals schon Frau G. zu Frau R., denn auch meine Grossmutter die preussischste unter den deutschen Juden, die doch mit hochgezogenen Mundwinkeln über mein religiöses Eifertum lachte, räumte die Küchenschränke aus vor Pessach. Ihre Ausgabe der ihrer Haggada enthielt natürlich kein Wort Hebräisch, sondern eine ganz und gar deutsche Erzählung der alten Geschichte vom Pharao und dem Auszug in die Freiheit. Meine Grossmutter glaubte so fest wie an kaum etwas Anderes, dass der Pharao den Juden den Weg in ein gelobtes Deutschland gewiesen habe und nicht in ein Land in dem die Wüste und nicht der Liederzyklus Beethovens vorherrrschend waren.
Aber andersherum wusste wohl niemand so genau wie sie warum auf den Tischen zu Pesach auch etwas Bitteres steht. Denn ihr Jerusalem aus Goethe Gedichten und Schumann Quartetten, diese grosse und einsame Erfindung der deutschen Juden, war niemals ohne das bittere Ende zu denken und daran dachte sie wohl, wenn sie vorlas aus der Erzählung, in der doch die Freiheit eine so überragende Rolle spielt. Aber in diesem Jahr bleibt ihre Haggada in der Schublade, denn ich bin ja in der Mondsteinscheibenfabrik und der Pessachteller ist in Zeitungspapier eingeschlagen.
In Irland fällt das nicht auf, in Irland diesem typisch europäischen Land fällt das  nicht auf. Es ist nur eine komische Ausnahme, dass es auch in Irland Menschen gibt, die kein Ostern feiern, aber es spielt keine Rolle, die Erzählung über die Freiheit der Anderen zählen nicht. Dass Irland ein Land ganz fast ohne Juden ist eine Selbstverständlichkeit, es ist ja auch die europäische Norm und so ist auch eine Selbstverständlichkeit. Zum ersten Mal in diesem Jahr also stehe ich nicht in der Küche und mache Matzokneidlsuppe und in diesem Jahr habe ich auch nicht panisch nach Rezepten mit Meerettich gesucht.

Aber auch in diesem Jahr hat mein Vater panisch nach seinem Pass gesucht und die liebe C. wie in jedem Jahr gefürchtet, den Flug doch zu verpassen. Aber in diesem Jahr bin ich auch nicht in Berlin in der ersten und auch nicht in der zweiten Nacht in der doch alles andrs ist, als in den anderen Nächten. Die Mali-Tant wird nicht am Tisch sitzen und sich über die staubtrockenen Matzot beschweren und der Jean wird nicht lächeln als der verliebte Mann, der er ist, denn ich bekomme keinen Flug mehr heraus aus Irland am abend nach dem Büro und ich habe keinen Platz mehr in Irland um die Mali und den Jean zu mir zu holen, manchmal braucht es gar kein Bitterkraut und zum ersten Mal wird diese Nacht genauso gewöhnlich sein wie alle anderen Nächte. Natürlich wird die liebe C. mich spät am abend anrufen, heimlich aus dem Badezimmer der A., die doch Prinzipien hat, sie wird mir sagen, wer der Nichten und Neffen das Stück Matzot gefunden hat, wie grässlich die Hühnersuppe war und was es Neues gibt aus der langjährigen Fehde zwischen der A. und Selina Bodenstein, die doch Reis zu Pesach ißt.
Ich werde lachen und nicken und die liebe C. wird wie jedes Jahr sagen, aber nächstes Jahr, da bist du mit dabei, auch wenn wir wissen, das nächstes Jahr nie kommt. Neben der lieben C. wird es rascheln und ich werde schlucken zweimal, vielleicht auch dreimal, denn das Rascheln kommt von meinem Vater, der ganz vorsichtig Niederegger Marzipaneier auspacken wird, um sie erst mit der lieben C. und dann mit Schwesterchen und der Kinderschar zu teilen.
Viele Jahre lang glaubte ich, der Grund dafür, dass er so hartnäckig auf Eiern und Goldhasen bestünde, hätte etwas mit seiner Abneigung gegen die A. zu tun, aber ich irrte mich. Die heimlich verzehrten Ostereier in der Badewanne in Jerusalem sind sein Versuch sich daran festzuhalten, dass der Exodus aus Ägypten nicht geradewegs nach Jerusalem führte, sondern für viele, viele Generationen nach Europa. Es ist vielleicht das letzte Festhalten am Glauben seiner Mutter, meiner Grossmuter für die die Freiheit zwischen Heinrich Heine und Friedrich Schiller lag. Seine und meine Vorfahren träumten ja nicht von Sderot oder Netanya, sondern von einem freien Leben in Budapest oder Wien oder München. Aber heute in einem Europa in dem Judentum die Ausnahme ist und auch in Irland wo die Abwesenheit jüdischer Erfahrungen eine ganz gewöhnliche Tatsache ist, da suchen wir noch immer nach einer Kompassnadel, die uns in die Richtung weist, wie man heute in Europa als Jude eigentlich leben kann.

Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.

Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

Was man vielleicht mit bloßem Auge sehen kann.

Meine Schwester hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und schon seit vielen Jahren einen britischen Pass. Den Pass sieht man nicht gleich, aber ihre Augen sieht man sofort. Meine Schwester hat fünf Kinder, alle Kinder haben eine andere Augenfarbe, aber alle Kinder haben ein britischen Pass. Mein Schwager hat die Augen seiner jüngsten Tochter und seine Mutter sagt, die Familie sei in England schon seit dem großen Feuer von London. Meine Schwester spricht nicht nur Englisch mit ihren Kindern. Aber Deutsch spricht sie nicht mit ihnen. Für Himmelblau, Zuckerwatte und Wiesengrund bin ich zuständig. Die Kinder meiner Schwester haben eine englische Kindheit mit kratzigen Kniestrümpfen, Tea Biscuits und Hockey am Nachmittag.

Am Abend am Telefon sagt meine Schwester, die doch bei Nachrichten den Raum verlässt und unangenehme Dinge überhaupt nur im Vorübergehen bespricht: Alle sagen der Brexit kommt noch, aber ich frage mich, ob er nicht schon lange da ist und wir nur alle so tun als bemerkten wir ihn nicht.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. Meine Schwester sagt solche Sätze nicht. Aber ich sage: „Meinst Du?“ Meine Schwester und ich sprechen weder Deutsch noch Englisch am Telefon. Meine Schwester spricht ganz leise, so als wäre das Leise vielleicht doch nicht wahr.

Viele Jahre lang hat meine Schwester ein Frühstück an einer Schule vorbereitet für Kinder für die es selten Frühstück gab, aber das sollte dann nicht mehr sein. Eine andere Schule wollte gern, dass sie dort ein ähnliches Frühstück anbieten. Die Schulleiterin sagte: Bei ihr würde es meiner Schwester besser ergehen, denn an ihrer Schule sei man gegen den Brexit. Aber meine Schwester wollte kein Frühstück für oder wider den Brexit anbieten, sondern ein Frühstück für Kinder, die sonst eben eher selten eines bekommen. Aber die Zeiten waren nicht mehr so und meine Schwester, die Kinder liebt, macht kein Frühstück mehr. Aber seit zwei Jahren vermisst meine Schwester die vielen Kinder, die sich so auf sie freuten, wie sie sich auch auf sie.

Meine Schwester zuckt mit den Schultern befragte man sie nach ihrem Verhältnis zuEuropa oder zu England oder dem UK oder einer Stadt in der die liebe C. ihre Mutter wohnt. Meiner Schwester sind diese Fragen fremd, sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Sie sagt: „Hauptsache, wir beiden finden uns immer.“Dann muss auch ich lachen. Sie hat Recht. Meine Schwester und ich würden uns überall finden.

Aber auch das ist anders geworden. Eine ihrer Töchter kam nach Hause gelaufen, vor den Weihnachtsferien. „Warum weinst du?“, fragte meine Schwester ihre Tochter. „ Wenn wir zur lieben C. fahren wollen, müssen wir bald eine Strafe zahlen, und weil wir so viele sind, ist die Strafe ganz hoch, weil die Leute auf dem Kontinent alle Engländer hassen. Darum.“ Meine Nichte hörte nicht auf zu schluchzen und meine Schwester sagte, dass die anderen Kinder etwas missverstanden haben müssten. Aber sagt meine Schwester am Telefon so ganz sicher sei sich eben auch nicht.

Meine Schwester hat ein offenes Haus. Wie bei ihre Mutter, der lieben C., ist immer noch ein Platz Tisch frei, auch zwei oder drei. Manche Gäste bleiben zum Essen und andere bleiben ein halbes Jahr. So wachsen ihre fünf Kinder mit Märchen aus Nigeria, mit Geschichten aus Indien, mit Gewürzen aus Peru und Flüchen auf Farsi auf. Aber in den letzten zwei Jahren sagt meine Schwester, die keine Strichliste führt, sind die Gäste weniger geworden und die Gäste, die kommen sind leiser geworden und stehen lieber auf, wenn nicht nur meine Schwester am Tisch sitzt, sondern auch andere, die sie nicht kennen und ihr Telefon klingelt und eine Mutter aus Pakistan oder ein Bruder aus El Salvador ruft an. „Ihr müsst nicht“, sagt meine Schwester, aber die Gäste, die oft mehr Familie sind, stehen schon auf und nehmen erst auf dem Flur den Hörer ab.

Nur durch Zufall, sagt meine Schwester hat sie herausgefunden, dass ihre Kinder sind sie in der U-Bahn oder im Bus nur mehr Englisch sprechen, aber nicht mehr in der Sprache in den meine Schwester ihnen Mut macht für einen Test oder ein Lied singt einfach so. Weder meine Schwester noch mein Schwager hat den Kindern abgeraten auch eine andere Sprache für selbstverständlich zu Halten, aber ganz stillschweigend, tun sie es eben seit einigen Monaten und meine Schwester winkt lieber auf Englisch hinterher.

„Die Anni-Tant“ sagt meine Schwester „ist nicht mehr da.“Was meinst du mit die Anni-Tant ist nicht mehr da?“

Die Anni-Tant ist eines der mit dem Kindertransport aus Deutschland entkommenen jüdischen Mädchen und wie die Mali-Tant war auch die Anni eine Freundin meiner Großmutter. Ein ganzes Leben lang hat die Anni in Croydon gelebt in einem kleinen Reihenhaus. Sie war Lehrerin, die Anni-Tant und wann immer wir sie besuchten, zeigte sie ein kleines, braunes Lederalbum mit den Bildern ihrer Eltern. Die Eltern haben die Shoah nicht überlebt, sie lebten nur noch im kleinen braunen Lederalbum. Die Anni hat wie meine Schwester einen britischen Pass. „Damit es nie wieder Krieg gibt“, dafür hab ich abgestimmt hat die Anni gesagt in ihrem Wohnzimmer in dem es wie meine Nichten und meine Neffe sagten immer ein bisschen nach Deutschland riecht. Nach Alpenveilchen, Bohnerwachs und Werther’s Echten nämlich. Aber die Anni-Tant wohnt nicht mehr lange in Croydon, sondern zieht zu ihrem Sohn nach Israel. „Ich bin doch zu alt für noch einen Krieg und eine Flucht“ hat die Anni zu meiner Schwester gesagt. Meine Schwester sagte, dass es bestimmt keinen Krieg gebe und die Anni bestimmt nicht flüchten müsste. Aber die Anni hat den Kopf geschüttelt und zu meiner Schwester gesagt. „Du klingst wie mein Vater.“

Vielleicht wäre das Frühstück an der Schule ohnehin einmal eingestellt worden, vielleicht wäre die Anni der schmerzenden Knie wegen zu ihrem Sohn gezogen, vielleicht wachsen Kinder aus der Zweisprachigkeit einfach heraus und vielleicht kommen auch die Gäste wieder und spielen Tabla. Vielleicht ruft meine Schwester auch bald wieder an, um den bedauernswerten Zustand meines Unverheiratseins zu besprechen und fragt mich nach dem Stand der Welt. Vielleicht wird alles nicht so schlimm und vielleicht erinnern die Kinder sich in ein paar Jahren an nichts Anderes als eine englische Kindheit und die ungeliebten Kniestrümpfe. Vielleicht und vielleicht nie wieder.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

Die Straßenecke von Egon Erwin Kisch

 

Am Abend aber laufen wir von Vinohrady herunter in die Altstadt. Es ist wirklich ein Weg hinunter, denn Vinohrady liegt über der Stadt. Warm ist es auch noch so spät am Abend, ein Bettengeschäft neben dem anderen. Exklusive Träume werden einem versprochen und wer weiß vielleicht machen die Matratzen die Träume wahr. Aber wir, wir brauchen keine Betten und unsere Träume sind ohnehin bescheidener Natur. Die Straße über den Wenzelsplatz hinunter ist voller Menschen. Da sind bayerische Junggesellen. Sie tragen Lederhosen und T-Shirts auf denen steht: „Letzte Nacht in Freiheit“. Sie trinken Bier und einer der Männer knöpft vorn die Hose auf und pinkelt in einen Papierkorb. Die Frauengruppe ist aus Großbritannien. Sie haben auch T-Shirts. Pink und Bride to be lesen wir. Sie wollen ins Hard Rock Café, aber sie haben auch müde Füße, also erst einmal Schirmchendrinks. Die bayerischen Junggesellen stehen auf der Straße und rufen: Nutten. Nutten. Nutten. Niemand dreht sich um. Es gibt viele Junggesellen in Prag.

Ein Mann liegt auf der Straße, die Stirn auf die Erde gedrückt. Ein Hut liegt vor ihm. Der Tierarzt hat Münzen in der Hosentasche, als ich mich noch einmal umdrehe, liegt einer der Junggesellen auf dem Boden neben dem Mann und ahmt seine Haltung nach. Vor ihm liegt ein Basecap. Die Anderen filmen ihn. Der Mann neben ihm auf dem Boden rührt sich nicht.

Neben uns verfällt das Grand Hotel Europa. Vielleicht verfällt Europa auch immer weiter, immer mehr, Europa ist ein ungastlicher Ort in diesen Tagen. In einer Pizzeria sitzen Russen mit falschen, goldenen Uhren neben Studenten aus Spanien, die sich gegenseitig ihre zerlaufenen Füße zeigen, drei Obdachlose werden von der Polizei angehalten, chinesische Touristen füttern Tauben mit french fries, ein Kellner raucht mit müden Augen, eine Bratwurstverkäuferin zählt Geld und wischt sich die Schweiß vor der Stirn. Enger werden die Straßen, eine Flasche Cola rollt den Rinnstein hinunter, ein Kind heult, ein Hund hechelt, zwei Jugendliche wollen sich küssen, aber verfehlen sich knapp. Ein Stadtführer versucht verzweifelt seine Gruppe um sich zu scharren, aber seine Bemühungen macht ein Eisverkäufer zunichte. Dann stehen auch wir vor dem Haus zu den zwei goldenen Bären, dem Haus von Egon Erwin Kisch. Immer wieder kehre ich zurück zu jenem Haus, das so zentral liegt und doch von allen Touristen übersehen wird, trotz seines Portals mit den beiden Bären über der Tür. Merkwürdig denken die Touristen, die sich ans vorbeischieben sicher: „Warum stehen da zwei und starren auf ein Haus?“ Kisch, stelle ich mir vor, war ein wahrer Eckhausbewohner, er hatte für alles einen Blick, aber war selbst nie zu sehen, immer schon war er weiter, kaum hatte man ihn selbst im Blick, war er schon wieder verschwunden, stach in See, begann eine neue Liebe, oder schoss ein Tor für einen Prager Fußballclub. So ein Haus ist das, so eine Ecke. Eine Kisch-Ecke möchte man sagen. Eine Plakette hängt neben dem Portal. Aber gerecht wird sie ihm nicht. Ganz richtig hat sich, so weit ich weiß auch die Germanistik nie mit Kisch angefreundet. Zu wild war er, zu wankelmütig, seine Theorie hat niemals Derrida inspiriert, sondern seine Theorie, das war die Straße und das Prager Tagblatt, diese europäische Zeitung, war seine Heimat. Nein, in die Unversitätsseminare passt er noch immer nicht. Er mit den Tattoos über dem Herzen, der Trinkfestigkeit, dem wilden Spott, den vielen kleinen und großen Lieben, der Neugier auf die Erzählungen der Anderen. Nein, auch in den Zeitungen ist er nicht mehr zu finden und niemals bedauere ich es als in diesen Tagen, wo die Zeitungen voll sind mit Debatten über die Debatten der Debatten,aber Geschichten, die den Leser denken lassen, die fehlen. Stattdessen gibt es diesen merkwürdigen Wallraff-Journalismus. Ein Nachmittag in einer Brotfabrik. Aber immer inkognito. So eine Art Journalismus als Kaufhausdetektiv, aber die Geschichten der Straßen und Gassen, die Geschichten vom Wenzelsplatz, von den Verlierern, den Abgehängten, den Türstehern, den Obdachlosen, den Trinkern, den Suchenden, den Geschichten der Eckkneipen und Straßenecken und den Geschichten auf dem Boden dazu, die sucht keiner mehr, die sind manchmal kurz vor der Weihnachtszeit einmal Anlass, aber die Reportagen des rasenden Reporters, der einmal das Dach der Syngaoge abdecken ließ, der mit den Obdachlosen trank und redete, der hinter jeder Ecke Geschichten sah, den gibt es nicht mehr.

Das Ungezügelte hinsehen, den sich auferlegten Zwang jede Geschichte für erzählenswert zu halten, diese seine erste, zweite und dritte Natur, die ist abhanden gekommen und so gibt es viele ironische Texte über dieses und jenes, aber seine Ernsthaftigkeit und seine ernsten Scherze, die gibt es nicht mehr. Jedesmal wieder kehre ich zu seiner Tür zurück. Ich würde gern läuten, ich sagte ihm: „Komm zurück, wir brauchen die Geschichten, die keine Geschichten mehr über, sondern Geschichten mit sind. Aber es ist keine Klingel mehr an der Tür. Das wäre ihm wohl auch zu banal gewesen. Geschichtenfinder haben keine Visitenkarte. Geschichtenfinder sind unterwegs, stehen an einer Ecke, sitzen in einer Kneipe, fahren aufs Meer oder in ein böhmisches Dorf. „Er kommt nicht mehr zurück“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lächelt. Dann gehen wir in eine Kneipe schräg gegenüber vom Haus zu den zwei goldenen Bären. Hier sitzen kaum Touristen, sondern Ehepaare und Trinker, wie es sich gehört für eine Eckkneipe.

Ich trinke eine Apfelschorle, der Tierarzt einen Wacholderschnaps, davon wird er später singen, aber das weiß er noch nicht. Dann lege ich eine Hand voll Kronen auf die Theke. Eine Runde aufs Haus sage ich. „Gern“, sagt der Kellner. „Von wem?“ Von Egon Erwin Kisch, sage ich ihrem Nachbarn und drehe meinen Kopf zu Haus zu den zwei goldenen Bären herüber.“ „Also dann“, sagt er „Auf Egon Erwin Kisch.“

Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

Das rote Kännchen

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Vor vielen Jahren besuchte ich die Mali-Tant im Waldviertel. Dort hat die Mali ein Haus, aber vor allem hat die Mali einen Garten. Aus Budapest mit dem Oldsmobile fuhr ich also in Richtung Österreich- damals bin ich mit dem Oldsmobile noch viel weitere Strecken gefahren. Damals wie heute aber war mein Ortssinn bedenklich schlecht. Zwar hatte ich einen Straßenatlas Europa mit mir und auch die Richtung war mir ungefähr klar, aber wie so oft im Leben scheitert man am Detail und damals hatte ich kein Navigationsgerät und auch kein iphone.

Nach Dörfern mit immer unbekannteren Namen musste ich einsehen, dass ich mich hoffnungslos verfahren hatte. Aber im Leben soll man die Abenteuer nehmen wie sie kommen, ich setzte mich in einem Dorf in einen Heurigen trank eine große Apfelschorle und aß Marillenknödel.
Es gibt weiß G*tt schlechtere Dinge als sich an einem Sommertag auf dem Land zu verfahren. Die Dorfbevölkerung bewunderte das Oldsmobile und das Oldsmobile ließ sich bewundern. Als die Dorfbewohner aber Preise nannten und sehr lautstark ihre Kaufabsicht äußerten, am lautesten bot der Sohn des Bürgermeisters, zahlte ich lieber rasch, denn was kann ein Fräulein schon ausrichten gegen den Sohn vom Herrn Bürgermeister und dessen Wunsch nach einem alten Auto?

Ich fragte also nicht nach dem Weg, sondern verließ das Dorf schunkelte eine Landstraße hinunter bis ins nächste Dorf. Dort hatte es keine Wirtschaft und überhaupt machte das Dorf einen verlassenen Eindruck. Vielleicht hatte der Sohn des Bürgermeisters des anderen Dorfes hier den Gasthof gekauft, nur um ihn zu schließen. Totenstill lag das Dorf in der gleißenden Sohne, überwachsen der Weiher, ein Storchennest auf dem Kirchturm und sonst: Stille.

Zwei Straßen weiter aber entdeckte ich einen Eisenwarenladen. Ich liebe Eisenwarenläden. Dieser Laden war das Paradies. Emailletöpfe, Zuckerperlen in Plastikflaschen, geflochtene Weidenkörbe wie aus dem Habsburgerreich, Schrauben in allerlei Formen, Sensenblätter, eine kaputte Uhr, auf einem Sessel schlief eine Katze. Aber auch der Laden, obwohl doch ein Glöckchen meine Ankunft anzeigte, war still und ich sah niemanden hinter der alten Kasse. „Hallo, Hallo“, rief ich also, aber nicht einmal die Katze zuckte mit den Ohren und ich sah mich vorsichtig um. Auf einem Regalbrett stand eine Reihe von altmodischen Krügerln aus Emaille mit denen man vortrefflich die morgendliche Milch wärmen kann. „Wie schön, es doch wäre so ein Kännchen zu haben, dachte ich mir, stellte mich auf die Zehenspitzen und hangelte nach dem Kännchen. Das Kännchen war rot. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine winzige, alte Dame. Sie mag nicht größer als 1,40 Meter gewesen sein, ihre Augen waren von einem verschwommenen Blau und mir war, als sei sie mindestens zweihundert Jahre alt. Vielleicht hatte sie einmal mit dem alten Kaiser getanzt oder den alten Rabbi Löw gekannt, in Österreich ist immer alles auch ganz anders möglich.

„Pardon“, sagte ich also, ich würde gern dieses rote Krügerl hier erwerben und zudem tät ich gern wissen, wie ich von hier aus in Richtung Zwettl fahre? Die alte Frau sah mich suchend an. „Den Weg will ich ihnen schon sagen“, sagte sie langsam und mit einer Stimme, die nach Birken, die im Wind singen klang. „Aber vor dem Krügerl würd ich mich in acht nehmen, das ist noch immer zurückgekommen.“
Ich drehte das rote Kännchen in der Hand hin und her. Es schien mir harmlos. Ein Kännchen zum Milch wärmen in der Früh. Die alte Dame wisperte etwas von komplizierten Verhältnissen von einer vornehmen Dame, die erst das Kännchen an die Wand und dann den Ehemann aus dem Haus geworfen habe und von einer Haushälterin, die das Milchkännchen auf dem Herd ließ und dann war es um das Haus geschehen. „Ach“ sagte ich, sehen Sie mich heiratet niemand und vielleicht war ja nicht die Haushälterin schuld, sondern eine durchgebrannte Sicherung.“

Die alte Dame aber keckerte leise und sagte, dass sie schon viele Flüche gesehen habe und dieses Kännchen sei besonders schwer von einem Fluch getroffen.“ Mir aber gefiel das rote Kännchen noch immer und ich kaufte es ihr ab. Ungewöhnlich genau und präzise, schrieb die alte Dame mir auf, wie das Oldsmobile und ich wohl nach Zwettl kämen und wirklich war ich viel näher am Haus und Garten der Mali-Tant als ich gedacht hatte. Dann vergaß ich das Dorf, den Laden und die alte Frau und lag mit der Mali im Gras und aß so viele Brombeeren bis ich eine blaue Zunge hatte.

Das rote Kännchen fiel mir erst später wieder ein und es dauerte noch einen oder zwei Umzüge bis ich das erste Mal Milch wärmte. Das Kännchen wärmt formidabel. Aber zugeben muss ich doch, ganz unrecht hat die alte Dame nicht gehabt. Manchmal und ich schwöre, sind nicht länger als dreißig Sekunden vergangen, da schäumt die Milch wütend über und verzischt in der blauen Flamme. Dann wieder wird die Milch auch nach fünf Minuten nicht wärmer und wieder ein anderes Mal, da zieht die Milch hässliche Blasen und schmeckt bitter oder versalzen. Einfach so. Dann denke ich wieder an die verblichenen Augen der Frau und ihre Geschichte von der Frau und dem heftigen Wurf erst des Krügerls und dann des Mannes und nie ganz vergessen habe ich die Haushälterin und so warte ich immer, dass der Herd wirklich abgestellt ist, wenn ich das Kännchen zu mir herüberziehe. Manchmal steht das Kännchen an einer ganz anderen Stelle im Schrank oder auf einmal fehlt einer Tasse ein Henkel und dann wieder ist über monatelang Ruh, bevor das Kännchen zu schäumen und spucken beginnt.

Noch immer aber habe ich das Kännchen sehr gern. Noch öfter, wenn auch nicht mehr mit dem Oldsmobile bin ich aus Budapest oder Prag kommend ins Waldviertel zur Mali-Tant gefahren, denn ihr Haus und den Garten gibt es ja noch immer. Ich habe es oft versucht, aber das stille Dorf und den Eisenwarenladen habe ich nie wieder gefunden. Vielleicht hat der Sohn des Bürgermeisters eines Tages den Laden oder das ganze Dorf gekauft und die alte Frau liegt auf dem Dorffriedhof vergraben und nur die Störche oben auf dem Schornstein wissen wohl, ob es oder doch ganz anders gekommen ist.

Woanders ist es auch schön

Powerpoint ist auch ein Synonym für Müdigkeit.

17 Jahre . Ich erinnere mich nicht gern an diese Jahre, aber Frau Casino schafft Erinnerungen für viele Jahre. Wie immer große Liebe dafür.

Den Preis für die Erdbeeren aus Huelva in den Supermarktregalen zahlen die Frauen auf den Feldern . Es sind erschreckende, erschütternde Bilder mitten in Europa.

Nix darf man mehr.

Ich schreibe ja noch immer Postkarten und immer, wenn ich keine Postkarten mehr schreiben will, dann fällt mir wieder ein warum es doch wichtig ist nicht nachzulassen.

Ein vergessenes Konzentrationslager mitten in Sachsen. via Kiki.

Frauengesundheit ist in Irland weiterhin in keinem guten Zustand. .

Ein bewegender Beitrag über obdachlose Frauen in Frankreich.

Was für eine Geschichte. Eine Nachrichtensprecherin in Korea trägt eine Brille.

In Deutschland gibt es Rapper, die es als große Kunst empfinden, wenn sie vor wummernden Bässen, ihren kleinen Horizont in Wut gegen Frauen, Schwule und Juden verwandeln, weil sie kein Thema haben, keine Einsichten und ein Weltbild gegen das jeder verräucherte Stammtisch wie ein Meer der Offenheit wirkt. In Irland rappt Tony Mahoney über die Priester, das Versagen der Kirche und das Wegsehen Aller. Erstaunlich, was Musik auch kann.