Auf der Suche nach Ernst Barlach-Hamburg(2)

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Leer ist das Museum. Aber auch das stimmt nicht ganz. Die Sonne ist ja da, lehnt sich gegen die Fenster als wolle sie an diesem Morgen auch endlich einmal in Ruhe ins Museum gehen. Aber nicht nur die Sonne ist da, an der Kasse sitzen zwei Damen, sie freuen sich über Besuch sagen sie und das hört man in einem Museum ja gar nicht so oft, wie man denken mag. Hier hört man es. „Sie sind zwischen den Zeiten da“, sagen sie. Eine Ausstellung ist gerade abgebaut, die Andere wird gerade aufgebaut. „Zwischen den Zeiten“, sage ich, ja da haben sie Recht.“ Den halben Preis teile ich mir mit der Sonne. „Lassen Sie sich Zeit“, sagen die Damen, sie sagen es wie man es sagt, kommt Besuch, den man schätzt. Ich nicke, Jacke, Tasche, Rucksack bleiben im Schrank. Große Fenster zeigen in den Park hinaus. An der Außenwand lehnen zwei Barlach-Skulpturen. Es hat den Anschein als nickten sie mir zu, als brächen auch sie auf zu einem Spaziergang, hinaus in den Sonnenschein, als nickten sie mir beiläufig zu, ich nicke zurück, sie wenden sich dem Garten zu und ich bleibe im Haus.

Die Sonne legt mir die Hand auf den Rücken. „Komm“, sagt die Sonne, komm.“ Wer würde da stehen bleiben? Die Figuren von Ernst Barlach sind anders als andere Skulpturen, in ihnen liegt nichts von der stolzen Kälte römischer Bürger und nichts wissen sie von der monumentalen Strenge, die Richard Serra seinen Plastiken gibt. Hier bei Barlach findet man kein rostigen Stahl, keinen blanken, weiß polierten Marmor, wie das 19. Jahrhundert es sich erfand. Seine Skulpturen atmen, leise zwar, aber atmen tun sie doch. Sie wenden sich manchmal nach rechts oder links, zeigen einem ein ernstes oder ein heiteres Gesicht, werfen einem manchmal einen Blick zu fragend, zögernd, halten die Hand hin, unmerklich fast, tippen einen mit der Schulter an, sagen: bleib doch noch oder auch das ist mir schon passiert, wenden sich ab, finden man möge ein anderes Mal wiederkommen, seine Figuren lassen sich etwas anmerken, ziehen einen zurück oder halten einen fest. Alles kann man ihnen suchen, alle Haltungen sind ihnen möglich, nur die kühle Distanz liegt ihnen nicht.

Ernst Barlachs Figuren sie alle wissen etwas.

Einmal vor vielen Jahren bin ich in Güstrow gewesen, dort hängt ein Abguss des Engels. Jener Engel, der schwer ist, schwerer wiegt als andere Engel, der nichts hat von der flirrenden Leichtigkeit die man Engeln gemeinhin zuschreibt. Jener Engel mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz trägt schwer an sich selbst. Das Original jenes Engels gibt es nicht mehr. Eingeschmolzen haben die Nationalsozialisten den Engel von Güstrow.

Später in den Jahren danach hat man Abgüsse anfertigen können einen zweiten und dritten Engel. Zum letzten Mal habe ich ihn nicht in Güstrow gesehen, sondern in der Tate in London, der Engel an der Wand und ein größerer Schatten hinter ihm. Ein älteres Ehepaar kam zur Tür herein, sie sah den Engel dort an der Wand, hielt sich am Türrahmen fest, sah auf den Engel, sie sagte: „Oh Kate, oh Kate what can we do to take your pain way?“ Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter im ersten großen Kriege verlor und nicht mehr zurückkam.

Barlach gab seinem Engel ihr Gesicht. Nicht absichtlich, das Gesicht kam und blieb.

Damals im Dom von Güstrow fragte ich wieder und wieder, warum die Bürger von Güstrow sich nicht vor den Engel gestellt haben, warum der Pfarrer den Kirchenschlüssel aus der Hand gab, warum in Deutschland immer alles preisgegeben werden kann, aber darauf bekommt man nie eine Antwort. So viele Fragen bleiben immer im Dunkeln.

Lange hat die Frau vor dem Engel in der Tate Gallery gestanden, auf Zehenspitzen stand sie, so als wollte sie Käthes Gesicht in ihre Hände nehmen und endlich, endlich würde der Schmerz weniger werden.

So ist das mit Ernst Barlachs Figuren. Sie zeigen, was man fühlen kann.

What can we do to take your pain away?

DqhQjaMX0AMZNT3Aber hier in Hamburg fliegt der Engel nicht. Hier sind noch immer die Sonne und ich allein im Museum. Die Lauschenden heißt die Figurengruppe an der äußeren Wand. 1934 hat Barlach sie begonnen, 1935 stellt er sie für Hermann Reemtsma fertig, der sich entschließt Barlach und seine Figuren nicht für sich selbst zu behalten, sondern dieses Museum in Hamburg initiiert und realisiert, so dass ich so viele Jahre nach 1935 vor den Figuren stehe, die an der Wand lehnen zufällig fast, als hätten wenig bekannte Umstände sie an diesen Ort geführt, als sie nicht weniger Fremde hier als ich es bin. Die Lauschenden nennt Barlach die Figurengruppe und ich stelle mich lange zu ihnen dazu. Lauschen dieses Wort hat im Deutschen einen doppelten Boden. Lauschen kann man einem Bach-Choral, ein Kind lauscht auf dem Schoß seiner Mutter, im Garten kann man den Vögeln lauschen und lauschen kann man in der Nacht und man hört vielleicht eine Eule oder auch nur den eigenen Herzschlag. Aber so eindeutig ist das nicht bei diesen Lauschenden hier. Ob die Frau mit dem Hut wohl dem Regen lauscht oder doch den Nachbarn hinter der Tür? Allen Figuren ist eine Haltung inne, die ganz anders sein mag als es den Anschein hat

Keine der Figuren hört etwas Eindeutiges, denn im Lauschen liegt immer auch schon die Möglichkeit des Belauschens, des Belauscht-Werdens, das Lauschen ist der Beginn jeder Preisgabe. Das ist auch eine Erkenntnis des Jahres 1935.

Lange lausche ich vor dem Fries.

Die Sonne und ich wandern langsam durch das Haus.

Vor einer Frau, auch sie eine Skulptur, bleibe ich stehen. Ich stehe hinter ihr, vor mir ihr Rücken, lange sehe ich ihr zu, wie sie ein Bild an der Wand ansieht. Nach einer ganzen Weile wird mir schwindelig, belausche ich nicht sie und ihre Zwiesprache mit einem Bild. Lieber gehe ich weiter.

Wer ist Ernst Barlach? fragte ich meine Großmutter und saß auf ihrem Schoß. In meiner Hand lag ein Katalog seiner Werke. So viele Jahre ist das schon her. Ernst Barlach hat einmal geschrieben: „Ich habe keinen Gtt, aber Gtt hat mich, sagte sie. Ernst Barlach war auf der Suche nach dem Unvorstellbaren sagte sie. Ich merkte es mir und suche noch immer danach worauf es ankommt.

Vielleicht ist auch Sehen, Suchen und Lauschen zugleich.

Auf der Suche nach Ernst Barlach- Hamburg (1)

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Jenisch-Park in Hamburg-Klein Flotttbek

Auf dem Flughafen ist es noch dunkel. Neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind aus Amerika und in Europa sind sie der Geschäfte wegen. Ihre Firma sei nach einer Insel aus Mikronesien benannt, sagt die andere Frau, stolz klingt sie, so als sei die Firma eine Art fernes Paradies. Die andere Frau schweigt über Mikronesien. Dann hebt sie ihren Armen. Sie hat eine Apple-Uhr am Handgelenk und ihrer Kollegin führt sie vor, was die Uhr alles kann. Es gibt im Grund nichts, was diese Uhr nicht kann. „Aber das Beste ist“, sagt sie und holt tief Luft, „das Beste ist das diese Uhr einen immer findet, auch wenn der Kontakt zum Mobile phone abgerissen ist, die Uhr findet einen immer.“ Man merkt der Frau an, dass es ihr ums Gefunden Werden geht, wer weiß schon wie lange es das letzte Mal her ist, das jemand nach ihr gesucht hat, der kein Stück Metall an ihrem Handgelenk ist. Ihre Kollegin aber starrt auf die Uhr und auf ihre eigenes abgeschabtes Samsung Telefon.

In Hamburg ist es auch noch früh. Ich kaufe Fahrkarten für die S-Bahn. Eine Frau versucht verzweifelt einen zwanzig Euro Schein zu wechseln, niemand hat so viel Kleingeld. „Sie zwingen mich zum Schwarz fahren“ ruft die Frau einem S-Bahn Mitarbeiter zu. „Jo“, sagt der und da bin ich mir sofort sicher, wirklich in Hamburg zu sein. Bis nach Klein-Flottbek fährt man eine ganze Weile S-Bahn: Hamburg wacht auf, die Möwen gähnen, die Menschen gähnen, Leon soll still sitzen, aber Leon will lieber mit dem Mülleimer spielen, wenn Leon jetzt nicht lieb ist, findet Leons Mutter, dann wird die Fahrt zu Oma abgebrochen. Leon schluchzt. Am Hauptbahnhof steigen drei Hunde aus und viele Menschen zu, eine Frau setzt sich neben mich. Sie riecht so nach Zigarettenrauch wie ich mir vorstelle wie Helmut Schmidt gerochen haben muss. Sie hustet erst ausführlich und wie so oft bedauere ich, dass es keine Spucknäpfe mehr gibt, dann bellt sie in ein Telefon und weckt ihren Gefährten mit einer Abreibung über sein Trinkverhalten. Noch auf dem Bahnsteig steckt sie sich, kaum ausgestiegen eine Zigarette an. Vier Freundinnen suchen eine Straße auf der Reeperbahn. Aber wie das wissen sie nicht. Eine ältere Dame mit Perlenkette und Cashmere Kombination räuspert sich und sagt: Nehmen se mal die Schanze und dann immer schön links halten, nech. Die vier Freundinnen staunen. „Na ich bin ja nu mal von hier nech“, sagt die Dame und ihre Augen funkeln. Wer sie sieht, der ahnt etwas von den Nächten über die man lieber nur andeutungsweise spricht.

Dann gibt die Stadt nach, roter Backstein und Garten mit Schaukeln, Kirchtürme und Rosenhecken, grüne Flecken im Stadtgrau, eine Station nach Othmarschen steht auf meinem Reisezettel, ich steige aus. Klein Flottbek hat Sonnenschein, gelbes Laub raschelt unter meinen Füßen. Die Häuser haben weiße Gartenzäune und die Autos sind höher als die Gartenzäune. Drei Kinder spielen Fußball auf einem Stück Rasen. „Vati“, rufen sie. „Vati komm, spiel mit uns.“ Vati kommt, nimmt Anlauf, zielt, ach weh, den Ball verfehlt, den Schwung nicht abgefangen, Vati fällt ins Gras. „Ach Mensch Vati“, rufen die Kinder. Vati rappelt sich hoch. „Mein Rücken“ ächzt er hervor und humpelt davon. An ein Auto gelehnt streckt er seinen Rücken durch. Die Mutter der Kinder ruft vom Haus herüber: „Wo ist denn Vati?“ Die Kinder rufen: „Rücken.“ Mutti weiß genug, ich kicke den Ball zurück und schon biegt die Straße nach links. Eine alte Scheune ist jetzt eine Bar. Pferdeställe, die Boxentüren gibt es noch versprechen ein erstklassiges Wohnerlebnis, im Park ist das rot und golden, ein Teppich wie für Könige. Ein Hund rast in einen Laubhaufen, eine Laufgruppe rennt vorbei, eine Krähe verschluckt sich fast an einer Nuss, die Sonne malt uns allen Kringel auf die Nase, das Jenisch-Haus glänzt weiß, ich gehe die Treppen hinauf.

Es ist noch immer früh, Milchkaffee trinke ich und ein Franzbrötchen dazu, der Teller hat einen grünen Rand, ich sehe aus dem Fenster, gegenüber steht ein fast unauffälliges weißes Gebäude. Ernst-Barlach-Haus steht an der Wand. Meine Hände sind warm an der Tasse. Deswegen bin ich hier.
So schlecht kann ich atmen im Moment, immer ist das zu wenig Luft, zu schwer knackt mein Brustkorb, so bleiern ist die Luft.

Vielleicht, denke ich, ist die Luft leichter in der Nähe von Ernst Barlach, der mir immer nah war, seine Figuren tragen so viel, vielleicht können sie auch mich ein Stück mittragen.
Ein Mann kommt an den Tisch und will etwas wissen.
Es tut mir leid, sage ich, aber ich bin nicht zum Sprechen hier, nur zum Atmen.
Er dreht sich um. Ich bezahle und dann ganz langsam gehe ich zu Ernst Barlach herüber.

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Ernst-Barlach Haus im Jenischpark, Hamburg